Ihre Schwester

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Figurenkonstellation

Ihre Schwester (1903)

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Unbenannter Akt

Salon im Erdgeschoß auf derselben Höhe mit einer Terrasse, zu der ringsum einige Stufen führen. Türen rechts und links. Fast die ganze Breite des Hintergrundes einnehmend eine Glaswand mit feiner Eisenkonstruktion und Eingangstür in der Mitte. Rechts ein Etablissement. Tisch, Fauteuils, Stühle, ein kleines Kanapee. Die Einrichtung im Stil der Zeit Maria Theresias gehalten, die Vorhänge und Möbelüberzüge aus glattem, meergrünem Seidenstoff. Neben der Tür links eine große Jardiniere mit Blumen vor einem hohen, in die Wand eingelassenen Spiegel. In der Ecke eine Pendeluhr im Stehkasten aus Boule. Die Glaswand gewährt die Aussicht in den Garten. Zwischen der Terrasse und einem mit weißem Marmor eingefaßten Bassin ein Blumenparterre. Rechts und links von ihm breite Kieswege längs dichter Laubwände, die von einer Laubenanlage umschlossen werden. Hinter ihr steigt die Landschaft sanft empor und nimmt sich aus wie ein wohlgepflegter Park mit weitgedehnten Wiesengründen, einzeln stehenden alten Bäumen, üppigen Hecken und Baumgruppen. Es ist ein sonniger, warmer Frühsommernachmittag.
Hadwiga, fünfunddreißig Jahre alt. Groß, ebenmäßige, imposante Gestalt. Edle, feine Gesichtszüge. Kastanienbraune Haare, die zurückgekämmt sind und am Hinterkopf einen dichten Knoten bilden. Die leuchtenden, dunklen Augen haben einen ernsten und milden Ausdruck; um den kleinen Mund ist ein Zug von Schwermut ausgeprägt. Sanfte Überlegenheit, hervorgegangen aus freiwilliger, stolzer Resignation, spricht sich, ihr selbst unbewußt, in ihrer Art und Weise aus.
Grete, achtzehn Jahre alt. Ihre Gesichtszüge sind denen ihrer Schwester ähnlich, der Teint und die Farbe der Haare lichter, die Augen tiefblau. In ihrem Sein und Gebaren ist sie Hadwigas Widerspiel. Ihr ganzes Wesen atmet und verbreitet Heiterkeit und ist von dem unbefangenen Bewußtsein der Berechtigung zu jedem schönen und frohen Daseinsglück beseelt.
Solm, sechsunddreißig Jahre alt. Eine kraftvolle, männliche Erscheinung. Anspruchslos, ruhig und fest, vertrauenerweckend auf den ersten Blick. Er hat ein schmales, gebräuntes Gesicht, trägt seine reichen, schwarzen Haare schlicht niedergekämmt; der Schnurr- und Backenbart sind kurz gehalten. Seine Kleidung ist nicht eben nachlässig, aber sehr einfach.
Hadwiga in einem Fauteuil am Tische mit einer Handarbeit beschäftigt. Grete kommt durch die Tür links. Sie trägt eine weiße, gestickte Bluse, einen Rock aus weißem Pikee und um die Taille eine hellrosenfarbige Schleife.
Grete.
Nicht da? Nicht gekommen?
Hadwiga
ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.
Wer?
Grete.
Du fragst?
5
Hadwiga.
Wen meinst Du?
Grete.
Nun, doch ihn.
Hadwiga.
Wen – ihn?
Grete
geht auf sie zu.
Hadwiga, verstelle dich nicht, Beste.
10
Hadwiga.
Wenn du Herrn Solm meinst, nein, er ist nicht gekommen. Ich erwarte ihn auch nicht. Er war doch gestern da.
Grete
leise, ein wenig schüchtern.
Und deshalb – eben deshalb erwarte ich ihn.
Hadwiga.
Herr Solm wird nicht alle Tage ...
Grete
fällt ihr ins Wort.
15
Warum auf einmal so feierlich: Herr Solm! Was hat er denn getan? ... Bis jetzt war er, »sagt alles nur in allem« – Solm, der neueste und – der liebste Nachbar ... Wieviel Uhr ist es denn?
Sie wirft einen Blick nach der Uhr.
Drei! Wunderbar ... Ich bildete mir ein, es sei vier, es sei – ich weiß nicht, wieviel ... Ich saß am Bett der alten Martens und hielt den Suppenteller, den sie auslöffelte ... Herr mein Gott, mit einer Langsamkeit! Und ich dachte: das erlebe ich nicht, daß der Teller leer wird; der wird, mir scheint, immer voller. In ihm steigt und steigt das Süppchen wie die Flut ... Völlig unheimlich! Wenn das so weitergeht – eine Weile nur – werfe ich alles hin – ich bin's imstande – und renne, renne heim.
Hadwiga.
Ein Unsinn.
Grete.
Weil es doch erst drei Uhr ist, also gut – ein Unsinn, zu rennen, wie ich gerannt bin
20
Fächelt sich mit ihrem Taschentuche.
über die Wiese und durchs Dorf.
Hadwiga.
Wie du auch aussiehst – feuerrot.
Abbrechend.
Es geht ihr besser, der Martens?
25
Grete
ist an die Jardiniere getreten und macht sich dort mit den Blumen zu schaffen.
O, die wird uralt, überlebt uns alle, wie ein bombenfester Pergamentband hundert Goldschnittlinge überlebt!
Hadwiga.
Ich protestiere im Namen der Goldschnittlinge und im eigenen.
Grete.
Das brauchst du nicht. Ich habe gesagt: alle. Wenn ich sage: alle, bist du nie dabei, du Einzige, du über allen hoch ...
Hadwiga.
O weh! Die beliebten Übertreibungen.
30
Grete
vor der Wanduhr, sieht hinauf.
Vorwärts, alte Schnecke! Tummle dich
Halb zu Hadwiga gewendet, etwas befangen.
– der großen, der schönen, der Stunde entgegen, in der ...
Sie hält inne.
35
Hadwiga
mit unterdrückter Spannung, ohne den Kopf zu erheben.
In der?
Grete
geht langsam auf sie zu, setzt sich neben sie und legt leise die Hand auf Hadwigas Hände.
Nicht so fleißig! Ich bin auch da, ich möchte auch etwas haben von deiner Aufmerksamkeit – –
Hadwiga
wie früher.
40
Der Stunde, in der?
Grete.
In der Ludwig Solm kommen wird und meine Schwester bitten wird: Geben Sie mir Ihre Grete zur Frau.
Hadwiga
rasch und abwehrend.
Das soll er nicht! Das nicht!
Grete
beugt sich zurück, sieht sie groß an.
45
Hadwiga!
Hadwiga.
Das soll er nicht und wird es nicht! Kind! Kind! Was du dir einbildest!
Grete
wieder zärtlich, wieder die Hände Hadwigas leise berührend.
Hadwiga, ich bilde mir nichts ein. Gestern noch war ich im Zweifel, und das tat nicht wohl ... Mir war nicht sehr wohl zumute in dieser letzten Zeit ... O, ich habe mich nicht verzärtelt! ich habe es mir tüchtig gesagt: Fasse keine falsche Hoffnung. Er kommt oft – ja, er kommt gern, er führt gern ernste Gespräche mit meiner gescheiten, meiner prächtigen Schwester. – Er ist auch gegen mich aufmerksam und freundlich, unsympathisch scheine ich ihm gerade nicht zu sein,
In verändertem Tone, plötzlich rasch und entschlossen.
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aber die große, tiefe, die bewundernde Liebe, die ich für ihn habe ...
Hadwiga
hat sie, während sie sprach, unverwandt mit steigender Angst angesehen. Jetzt fällt sie ihr ins Wort.
Liebe? Liebe? ... Die hast du gut verborgen.
Grete.
Dir wollte ich nichts verbergen, das wisse! Ich bitte Dich – wisse das ... Aber darüber reden ... Sie wird schon sehen, dachte ich.
Hadwiga.
Und ich war blind.
55
Grete.
Nicht für ihn. Ich schätze ihn nicht höher, als du ihn schätzest.
Hadwiga.
Das freilich ist ein hoher Maßstab.
Grete.
Siehst du? Und nun stelle dir vor – dieser Mann, dieser Ludwig Solm, dem ich immer nur mit Ehrfurcht, ja, mit Ehrfurcht! begegnet bin, weil ich weiß, was er ist, und was er tut, und was seine Meinung gilt, und welchen Einfluß er auf die Menschen nimmt ... Dieser Solm, an den ich nie gedacht habe, ohne zugleich zu denken: Wie müßte die Frau sein, die mir seiner würdig schiene, die ich fände, schön und gut und vortrefflich genug für ihn – dieser Solm, Hadwiga, dieser Mensch ... stelle dir vor – geht neben dir einher, schweigend eine ganze Weile ... Du, aus Höflichkeit, – er ist doch dein Gast – fängst an von dem und von jenem und bekommst kaum eine Antwort und gerätst in Verlegenheit ... nun ja – was erzähle ich ihm denn auch? Was für Zeug bringe ich da vor? Und wünschest heiß: Wenn mir doch etwas einfallen wollte, das ihn interessiert ... Beten könntest du, zu Gott beten um einen vernünftigen Einfall ... Da – plötzlich bleibt er stehen, dieser Solm ... und ich bleibe auch stehen. Er ist bleich und sieht mich an, und seine Augen flehen – demütig, die Augen, die so streng schauen können und so prächtig kühn! Und mit einer ganz kleinen Stimme sagt er mir, daß ich ihm das Liebste auf der Welt bin, und fragt, ob ich ihn zu kennen glaube ... und für wert halte ... und ob ich mich entschließen könnte, sein zu werden.
Hadwiga
hat ihr sprachlos zugehört. In Bestürzung.
Und – du?
60
Grete.
Nun – ich?
Hadwiga
völlig verwirrt.
Und er – und wann – wann hätte er ...
Grete.
Gestern – gestern abends, Liebste, als wir die Tanten begleiteten zu ihrem Wagen, den sie ans untere Gartentor beordert hatten, diese Guten, diese Hellseherinnen! ... Du mit ihnen voraus ... Solm und ich hinter euch auf drei Schritte – aus denen nach und nach – mehr wurden ... Die Tanten – Gott segne sie! – waren, wie gewöhnlich, sehr laut und stritten, wie gewöhnlich, miteinander über Falbsche Theorie und kritische Tage ... und ich – Wunder aller Wunder! – ich hörte das – ich wandelte neben meinem Halbgott, nein, ich schwebte in einer himmlischen Atmosphäre, es leuchtete und klang – und alles um mich her war lichtverklärt, war Schönheit und Melodie und durch alle die Pracht hindurch – ein wenig komisch, ein wenig rührend – hörte ich die Tantenstimmen, und ich wünschte heiß: Sprecht nur weiter, noch lang, damit auch er weiter sprechen könne ...
Sieht ihrer Schwester ins Gesicht, unterbricht sich.
65
Hadwiga, die angstvolle Miene ... Warum, warum?
Hadwiga.
Mein Gott, Grete, mein Kind, liebes, liebes Kind ...
Grete.
Dein Kind, ja! – immer dein Kind, auch dann noch, wenn ich es für niemand anderen mehr sein werde. Immer dein Kind.
Umarmt sie.
Hadwiga
macht sich von ihr los.
70
Was hast du Herrn Solm geantwortet?
Grete.
Ich weiß nicht. Ich glaube – nichts – Ich glaube aber auch, daß er mich trotzdem gut verstanden hat, denn er hat sehr glücklich ausgesehen.
Hadwiga.
Du weißt nicht ... und weißt doch, daß er heute kommen wird und seinen Antrag stellen wird?
Grete.
Heute!
Wendet den Kopf nach der Uhr.
75
Bald.
Mit flehender Bitte.
Und du wirst nicht Einwendungen gegen ihn erheben, wie du sie erhoben hast, damals gegen den jungen Reiteroffizier, der sich so eifrig um mich bewarb, und später dann gegen den feinen und liebenswürdigen Staatsmann.
Hadwiga.
Du hast sie gelten lassen, meine Einwendungen.
Grete.
Ja, die gegen den Offizier ziemlich leichten Herzens. Nicht ganz so die gegen den Staatsmann. Ich behaupte nicht, daß er mir gerade Neigung eingeflößt hat, aber Zuneigung, weißt du, Zuneigung war's. –
80
Hadwiga.
So? – Ist das etwas anderes?
Grete.
Etwas ganz anderes, ja, und hätte mehr werden können ... Und – als du seinen Antrag in meinem Namen ablehntest, entstand eine kleine Revolte gegen dich in meinem Herzen. Ich habe sie besiegt, und heute, Hadwiga, du Meine! Heute danke ich dir und lobpreise dich ... Du wolltest mich nicht hingeben an ein alltägliches Glück, du wolltest mich aufheben für ihn ... Hast du denn geahnt, daß er kommen würde, du Beste, du Kluge, du Weise?
Umfaßt sie.
Du meine Vorsehung!
Hadwiga
legt den Arm um ihre Schulter und sieht ihr in die Augen.
85
Hältst du mich wirklich für deine Vorsehung?
Grete.
Ja.
Hadwiga.
Glaubst du wirklich, daß ich dich lieb habe, wie eine Mutter ihr Kind lieb hat?
Grete.
Ja.
Hadwiga.
Daß es kein Opfer gibt, das ich dir nicht brächte ... Was Opfer! Nichts könnte mir, für dich getan, als Opfer erscheinen. Weißt du's?
90
Grete.
Ich weiß.
Hadwiga
nach einer Weile – als ob sie sich besinne, um für das, was sie sagen will, den richtigen Ausdruck zu finden.
Weißt auch, wie natürlich das ist ... bist du nicht in Wirklichkeit mein Kind? – War ich nicht achtzehn Jahre alt, als du kamst und unsere beiden Eltern uns rasch nacheinander verließen? ... Denke, denke – Achtzehn Jahre! Eigentlich jung – aber von der Stunde an, in der ich dich hatte, gab es für mich nur noch eine Jugend – die deine, keine anderen Ansprüche an das Leben als – die deinen.
Grete.
Du Gute! Du Große!
Hadwiga.
Nicht gut noch groß. Mir wurde das leicht. Es gibt einsame Menschen und Menschen zu zweien. Ich bin ein einsamer Mensch. Und was ich vorhin sagte, sollte dir bloß ins Gedächtnis rufen ...
95
Grete.
Ins Gedächtnis? Wovon ich durchdrungen bin und überzeugt wie vom Dasein Gottes – vom Bewußtsein deiner Liebe!
Hadwiga.
Meiner Liebe und Fürsorge ... und was auch geschähe, was ich auch täte, dieses Bewußtsein wäre unerschütterlich?
Grete.
Gewiß, Hadwiga.
Hadwiga.
Weil ich – weil du – Kind, wenn Solm heute kommt ...
Grete.
Kommt!
100
Springt auf, eilt zur Mitteltür, die sie ein wenig öffnet, horcht hinaus.
Hörst du? Das ist das Rollen seines Wagens, das ist der Hufschlag seiner Braunen ...
Schließt die Tür, kommt zurück, kniet bei Hadwiga nieder und umfaßt sie.
Sage ihm alle meine Fehler, sage ihm meine einzige Tugend: daß ich ihn grenzenlos liebe – und sei nicht traurig – du wirst unser Kleinod sein – ich vernachlässige dich nicht, wenn ich eine noch so glückliche Braut sein werde und eine noch so stolze Frau, immer bleibst du mir, was du mir immer gewesen bist, Schwester – Mutter!
Drückt sie an sich.
105
Auf Wiedersehen! ... Ich warte in meinem Zimmer, nein – dort hielte ich es nicht aus – ich warte im Garten – sage ihm alles – ja. – Sage ihm ... ich warte, warte – auf das Glück.
Ab nach links.
Hadwiga
sieht ihr nach. Schlägt die Hände vors Gesicht.
Du armes Kind!
Solm kommt über die Terrasse, von einem Diener geleitet, der die Glastür vor ihm öffnet und hinter ihm wieder schließt. Solm tritt ein und verneigt sich tief.
Hadwiga
hat sich erhoben, bleibt einen Augenblick stehen, den Gruß Solms erwidernd, und nimmt dann ihren früheren Platz wieder ein.
110
Solm
geht auf sie zu, küßt ihre Hand.
Sie wissen, was mich hierher führt, Fräulein, welche große Bitte ich auszusprechen ...
Blickt sie an und hält inne.
Was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?
Hadwiga
unfähig zu sprechen, lädt ihn durch eine Handbewegung ein, Platz zu nehmen.
115
Solm
rückt einen Stuhl in die Nähe ihres Fauteuils.
Ihre Schwester hat mit Ihnen gesprochen, Fräulein.
Hadwiga
mühsam.
Ja, Herr Solm ... Sie hat mir gesagt ...
Plötzlich rasch und laut mit ausbrechendem Schmerze.
120
O, Herr Solm, ich hätte diesem Augenblick zuvorkommen, ich hätte verhüten sollen ...
Solm.
Was verhüten? ... Antworten Sie mir ... Liebes, verehrtes Fräulein, was verhüten?
Hadwiga.
Ich hätte Ihnen ersparen sollen,
Mit schwerer Selbstüberwindung.
– eine Fehlbitte zu tun.
125
Solm.
Eine Fehlbitte?
Hadwiga.
Grete kann Ihre Frau nicht werden.
Solm.
Fräulein Hadwiga!
Hadwiga
wiederholt leise.
Kann Ihre Frau nicht werden.
130
Solm
in schmerzlicher Bestürzung.
Sie verwerfen mich?
Hadwiga.
Welch ein Wort, lieber Solm!
Solm.
Sie kann meine Frau nicht werden, sagen Sie – und hat mir doch gestern selbst gestattet ...
Hadwiga.
Ich weiß.
135
Solm.
Und ich durfte glauben, daß meine Bewerbung ... Ihre Schwester ist mir nicht abgeneigt, und ich, ganz einfach, ich bete sie an ... Ich bin kein Jüngling mehr, ich habe viel erlebt, viel erfahren, viel gekämpft. Ich bin glücklich gepriesen worden, ohne es zu sein, denn das Glück, nach dem ich strebte, bot sich mir nicht, und ich hatte aufgehört, es zu erhoffen. Warum sollte sich gerade mir ein verwegener Traum erfüllen? Ich war ein resignierter Mensch, als ich hierher kam – und eben hier – in Ihrer Nähe, trat das Glück mir entgegen, – verkörpert – in der holdesten Gestalt ... Geblendet stand ich und voll Zweifel ... Du bist es – bist du für mich? Da neigte es sich mir zu und sprach: Ich bin erreichbar.
Hadwiga
tonlos.
Er–reichbar – –
Solm.
Nicht? ... Sie sagen: Nein, Sie halten mich für unwürdig ...
Hadwiga.
O, lieber Solm! ... Daß es ein Erdenglück gibt, dessen Sie unwürdig wären, – ich weiß nur einen, der das für denkbar hielte – der eine sind Sie.
140
Solm.
Worte, Fräulein, Worte!
Hadwiga.
Tiefste Überzeugung.
Solm.
Und dennoch weisen Sie mich ab?
Hadwiga.
Ich – bitte Sie: werben Sie nicht.
Solm.
Sie geben mir Rätsel auf, Fräulein – Sie spielen mit mir.
145
Hadwiga.
Spielen – ich? Sehen Sie nicht, wie ich leide? Spielen ... ja, mit uns, mit ihr hat das Schicksal gespielt – und furchtbar!
Solm
nimmt sich mit Gewalt zusammen.
Mit – ihr?
Hadwiga.
Werben Sie nicht – treten Sie zurück ... und aus Mitleid und Barmherzigkeit: fragen Sie nicht nach dem Grund meiner Bitte ... Fordern Sie nicht Rechenschaft. Sie wenigstens nicht ... denn ihr werde ich sie geben müssen ... endlich müssen ... Verdoppeln Sie die Qual nicht! ...
Solm.
Verzichten – zurücktreten soll ich? ... Das verlangen Sie – und verlangen, daß ich nicht frage ...
150
Hadwiga.
Ich bitte, ich bitte flehentlich.
Solm.
Gnädiges Fräulein, daß ich Ihnen diesen Wunsch erfülle, halten Sie selbst für unmöglich. Warum sprechen Sie ihn aus?
Hadwiga.
Mein Gott, wie man sich an einen Strohhalm klammert ...
Solm.
Ohne Ihre Schwester zu fragen, aus eigener Machtvollkommenheit wollen Sie verfügen ...
Hadwiga.
Lieber Solm, wenn Grete ahnen könnte ... Nicht einen Augenblick würde sie zögern, und wenn ihr das Herz darüber bräche, zu sagen wie ich: es kann nicht sein.
155
Solm
sieht sie starr und fragend an, dann plötzlich.
Fräulein Hadwiga, jetzt – jetzt müssen Sie sprechen.
Hadwiga.
Wohl – ich sehe ein – ich muß ... Mit Ihnen – mit ihr ... Sie sind ein Mann. Sie werden verschmerzen, vergessen ... Für mein armes Kind wird alles vorüber sein. Frohsinn, Seelenfrieden – tot! tot ...! Erniedrigt und entwürdigt wird sie sich fühlen, aus einem jungen, stolzen Geschöpf in ein gedemütigtes, gebrochenes verwandelt sein.
Solm.
Fräulein, Fräulein – wie soll ich das verstehen?
Hadwiga
in Gedanken, halblaut.
160
Vielleicht ... Es gibt vielleicht Frauen, die darüber hinwegkämen – ich kann es mir nicht denken – und ebenso unfaßbar wäre das auch ihr.
Solm
hat ihre Hände gefaßt und preßt sie krampfhaft.
Reden – reden Sie!
Hadwiga
die Augen weit geöffnet, den Blick regungslos vor sich hingerichtet, wie verloren; in leisem, gepreßtem Ton, der sich manchmal zu einem Ausdruck schneidender Qual und bitterer Ironie steigert.
Der Mann des Vertrauens meiner Eltern, ihr Freund, der Vormund, den sie uns bestellt – ihm waren wir anheimgegeben und zweien Tanten, zierlichen altenJungfrauen mit so viel Blick und Gedanken wie ein paar Porzellanfigürchen. Sie und wir – und wie viele mit uns! – verehrten den Beschützer, den treuen Verwalter unseres Hab' und Gutes, den unfehlbaren Berater in allen Rechtsfragen ... Grete wuchs unter seinen Augen auf. Sie war, wenn er uns mit seiner Familie besuchte, die Gespielin seiner Kinder. Wie eines von ihnen schien er sie zu lieben ... Mit einer allzu nachsichtigen Liebe nur und manchmal machte er mir einen scherzenden Vorwurf über meine Strenge, während ich seine entzückten Lobpreisungen meines Kindes mit stiller Dankbarkeit einheimste ... Einmal wurde ich gewarnt. Durch seine eigene Frau ... Er kennt nichts Heiliges, wenn die Leidenschaft in ihm erwacht ... Jedem Schuft gegenüber peinlich gewissenhaft – o ja! Aber ein Mädchen, eine Frau, die er begehrt – und wäre sie vom Himmel herabgestiegen – sie an sich zu reißen, hindern ihn nicht Pflicht und nicht Ehre ... Das ist Männermoral.
165
Solm
zwischen den Zähnen, kaum hörbar.
Weiter – – weiter ...
Hadwiga.
Frevelhaft und lästerlich erschienen mir die Worte dieser Frau. Ich stimmte in meinem Herzen den Leuten bei, die sie anklagten und sie eine aus Eifersucht verrückt Gewordene nannten ... Männermoral – was wußte ich von ihr? Wir lebten wie auf einer verzauberten Insel – das Schlechte lag fern, und fern wollte ich es halten und verschloß mein Ohr der Schwergeprüften, die es ausgesagt hatte ...
Immer rascher, mit fliegendem Atem.
Einmal – drei Jahre sind es jetzt ... Er war da – auf der Durchreise nach seinem Gute. Wir kamen zurück von einem Spaziergange. Ich hatte Besorgungen im Hause. Er blieb allein mit ihr ... Nach einiger Zeit – plötzlich – es war seltsam – nie wieder hatte ich an jene Warnung gedacht – plötzlich ergriff es mich wie mit Krallen: Grete ist in Gefahr ... Und ich weiß noch – ich schäme mich noch des abscheulichen Gedankens, der mir durch den Kopf fährt – Trotzdem ...
170
Die Stimme versagt ihr. Sie ringt nach Fassung. Von Schauern durchbebt.
Fort – wie gejagt – aus der Stube, auf den Gang – und habe ihn kaum betreten, als mir aus dem Fremdenzimmer ein Schrei entgegengellt ... Der Schrei ... Jetzt noch – manchmal, höre ich ihn – fahre auf aus dem Schlafe, weil ich meine, ihn zu hören ... Mit einem solchen Schrei auf den Lippen stirbt ein Kind vor Schrecken ... Ich stürze, fliege, ich bin bei ihr ... Sie liegt da – auf ihrer Stirn haben die Haare sich emporgesträubt – ihre Augen sind groß und starr geöffnet wie die einer Toten – – und ein Mann, ein Tier mit menschlichen Zügen richtet sich vor mir auf ...
Solm
stöhnend, in furchtbarer Erschütterung.
Dafür – dafür – gibt es nicht Strafe – nur Rache ... ich nehme sie!
Hadwiga
schüttelt den Kopf. Nach einer Pause.
175
Er ist ihr entzogen. Mein Geheimnis hat ein Toter geteilt.
Solm.
Tot – er tot?
Hadwiga.
Gefallen, in einem Ehrenhandel.
Solm.
Ehrenhandel? Hat ein Hund eine Ehre?
Hadwiga.
– Ein Gewissen vielleicht ... er hatte den Zweikampf – in den schlimmsten Tagen der Krankheit Gretes – mutwillig herbeigeführt.
180
Solm
ohne auf sie zu hören.
Aus der Welt geschafft und nicht durch mich – der die Blume dieses Lebens gebrochen hat ... sie entadelt hat an Leib und Seele ... diese Seele – diese reinste, für immer beschmutzt hat mit einer schändlichen, unauslöschlichen Erinnerung ...
Hadwiga.
Das – das also nicht.
Solm.
N–icht?
Staunt sie an.
185
Wie sagen Sie? – Nicht?
Hadwiga.
Sie lag viele Stunden lang in tiefer Ohnmacht – erwachte dann zu einem Schein des Lebens – ohne Blick in den Augen, der Sprache beraubt. Und als ich nach langer, langer Zeit ihre Stimme endlich wieder vernahm, drang sie im Flüstern des Fiebers zu mir, und mit schaudernder Erwartung las ich die Laute von ihren Lippen ... Was beschäftigte ihren armen, flackernden Geist? Was für Bilder schwebten ihm vor? – Solm, mein Freund, mir zitterte das Herz, als sie die ersten verständlichen Worte bildete und als über ihr schmales Krankengesichtchen der goldige Schimmer eines Lächelns glitt ... Mir zitterte das Herz, ich mußte ein Aufjauchzen unterdrücken und sank auf meine Kniee ... Lieber Solm, dieses Lächeln – eine heitere Kindererinnerung hatte es hervorgezaubert ... Helle Gedanken, freundliche Vorstellungen nur umspielten sie. Und nicht damals beim leisen Regen des wiederkehrenden Bewußtseins und nicht später, als es klar und klarer wurde – nie eine Erinnerung an den entsetzensvollen Augenblick. Die unerforschliche Macht, die unsere Schicksale webt, schien zu bereuen, daß sie allzu Grausames verhängt, und nahm, nachdem es sich vollzogen hatte, mit spätem Erbarmen die Erinnerung daran.
Solm
wiederholt vor sich hin, leise.
Nahm die Erinnerung daran.
Hadwiga.
Ich nährte lang einen fressenden Zweifel. Er schwand, als sie zum erstenmal von jenem Manne sprach und unbefangen fragte: Der Vormund – war er oft da während meiner langen Krankheit? Wann kommt er wieder? ... Nie, wenn sein Name vor ihr genannt wurde, auch nur der Schein einer Veränderung in ihren Zügen. Und als ich ihr nach ihrer Genesung, zagend und bangend, Kunde von seinem Tode gab, – weinte sie dem »väterlichen Freunde« warme Tränen nach.
190
Solm
hat ihr versonnen, halb abwesend zugehört.
Nahm ihr die Erinnerung daran –
Hadwiga.
Und jetzt gilt's, einen Faustschlag führen in den reinen Seelenspiegel, den selbst der Frevel nicht mit einem Hauch zu trüben vermochte – Jetzt kommt das Ärgste – die grauenhafte Offenbarung – wird mein Kind erfahren: es gibt Abscheuliches, und du bist ihm zum Opfer gefallen und wir dürfen den Mann, der dich liebt, nicht mit dir betrügen.
Solm
in Gedanken, wiederholt mechanisch.
Nicht betrügen.
195
Hadwiga.
wendet sich händeringend.
Man sieht Grete aus den Laubenanlagen heraustreten und die Richtung gegen die Terrasse einschlagen. Ihre mädchenhaft schlanke Gestalt löst sich lichtumflossen, weiß und hell von dem dunkeln Hintergrund. Sie schreitet erhobenen Hauptes, leicht und frei, mit anmutiger Hoheit, wie glückgetragen, einher.
Hadwiga
auf sie deutend.
O – sehen Sie!
Solm
hat sich gewandt. Er steht regungslos. In tiefster Rührung, unaussprechlichem Entzücken versinkt er in den Anblick der herrlichen Erscheinung. Unwillkürlich erheben sich seine Arme, unwillkürlich breitet er sie mit liebevoller, schützender Gebärde ihr entgegen.
Hadwiga.
Begreifen Sie, daß ich gezögert habe, diesen Glanz zu verlöschen, diese Lebensfreudigkeit in Verzweiflung zu verwandeln? ... Herr, mein Gott! – Und das müssen!
200
Solm.
Müssen? ... Warum müssen? Schweigen, Fräulein ... Schweigen – meine Schwester Hadwiga!
Mit feierlichem Entschluß.
Nein! Nein!
Er ergreift Hadwigas Hände und preßt sie heftig an seine Brust.

(Marie von Ebner-Eschenbach: Ihre Schwester. In: Marie von Ebner-Eschenbach: Kritische Texte und Deutungen. Siebter Band: Gesellschaftsdramen, Künstlerdramen, Lustspiele und Einakter. Kritisch herausgegeben und kommentiert von Marianne Henn. Berlin und New York: De Gruyter2010. (S. 863–874.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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