Es wandelt Niemand ungestraft unter Palmen

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Marie Ebner-Eschenbach

Es wandelt Niemand ungestraft unter Palmen (1881)

Dramatisches Sprichwort

Uraufführung1881

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Unbenannter Akt

Ein halbrunder Gartensalon, reich geschmückt mit Gruppen von Blumen und exotischen Gewächsen. Rechts und links Etablissements aus Rohrgeflecht. Mittelwand aus Glas. Aussicht auf einen großen, wohlgepflegten Park. Alle Fenster und Thüren geschlossen, helle Mittagsbeleuchtung. Fleury in einem Lehnsessel, Cigarette im Munde, ein Buch in der Hand. Er ist im Sommeranzug, ein Soldatenmützchen auf dem Kopfe, einen Paletot um die Schultern.
Fleury.
Elendes Gewäsch!
Wirft das Buch auf den Tisch, streckt sich aus und bläst langsam eine Rauchwolke in die Luft.
Erzählt mir, wovon Ihr wollt, Ihr Poeten von heute, Ihr seid gescheidter als ich, und ich kann – das heisst: ich könnte Vieles von Euch lernen. Aber von Liebe schweigt, von der versteht Ihr so wenig, wie Eure Leser. Was Ihr dafür haltet und gebt ist Alles – Alles! Nur nicht Liebe, nur nicht die Liebe, die wir kannten und die unsere Dichter besangen. Die versicherte sich nicht im Voraus ihres Lohnes, überlegte nicht erst lange, ob es vernünftig sei, die Vernunft zu verlieren. Auf gut Glück, kraft ihrer eigenen Stärke wuchs sie in die Wolken, nachdem sie freilich zuvor ihren Gegenstand unter die Sterne versetzt. Sie hoffte, so lange sie konnte, und konnte sie das endlich nicht mehr, nun denn! so glühte und blühte sie weiter – hoffnungslos. Hoffnungslos, aber nicht trostlos ... Sie trug ihren Lohn in sich, in ihrer eigenen Grösse ... Unglücklich ist kein Sterblicher, dem der Glaube blieb an eine unsterbliche Empfindung in seiner Brust.
Er versinkt in Träumen.
Julie kommt durch die Mittelthür, die offen stehen bleibt, hastig und aufgeregt, einen Brief in der Hand.
5
Julie
leise.
Fleury!
Lauter.
lieber Fleury!
Laut.
10
Colonel Fleury!
Fleury
springt auf, nimmt die Mütze ab.
Was befehlen Sie?
Julie.
O Bester! fassen Sie sich, machen Sie sich gefasst ...
Fleury.
Worauf denn?
15
Julie.
Auf die schönste Ueberraschung.
Fleury
lacht.
Auf schöne Ueberraschungen, meine gnädigste Gräfin, bin ich immer gefasst.
Julie.
Auf diejenige nicht, die ich bringe! die ist zu schön, zu wunderbar ... Ich weiss wirklich nicht, wie ich sie Ihnen verkündigen soll ...
Fleury.
Ist Gefahr dabei?
20
Julie.
Für ein Wesen von Ihrer Gemüthsart – vielleicht.
Fleury.
Um so besser! da stehe ich und biete ihr die Brust.
Er öffnet die Arme; der Paletot gleitet von seinen Schultern herab.
Aber erlauben Sie, dass ich vorher die Thür schliesse.
Er thut es.
25
So, und nun heraus mit der Sprache!
Julie.
Ohne Vorbereitung?
Fleury.
Ohne die geringste.
Julie.
Wohlan denn! – Leonore kommt.
Fleury
erbleicht, tritt einen Schritt zurück.
30
Julie.
Und bald, vermuthlich schon ...
Blickt ihn an, zögernd.
schon morgen ... Aber mein Gott, Sie erschrecken mich – wie sehen Sie aus?
Fleury
hat krampfhaft die Lehne eines Sessels erfasst, dieser knickt ein, er schiebt ihn zur Seite.
Morgen? schon morgen?
35
Greift nach einem anderen Sessel.
Julie
nimmt ihm denselben aus der Hand.
Beruhigen Sie sich! ... Vielleicht auch erst übermorgen.
Fleury
noch immer ganz verwirrt.
Nein ... sagen Sie ... Leonore ... sie weiss, dass ich hier bin und ...
40
Julie.
Und kommt! ... Weiss, dass Sie hier sind, sie noch lieben und kommt!
Fleury.
Weiss, dass ich – mein Gott ... und durch wen hat sie erfahren ...
Julie.
Ich war so frei, es ihr zu schreiben, verzeihen Sie meine Indiscretion.
Fleury
küsst stürmisch Juliens Hand.
Julie.
Ich schrieb: Am Tage Deiner Verheiratung hat er Europa verlassen. Er hasste und floh den Welttheil, in welchem Du als die Frau eines Anderen lebtest; er suchte in Afrika Vergessen oder den Tod.
45
Fleury.
Und fand keines von beiden.
Julie.
Dafür aber ein drittes, das ihm half die Sehnsucht nach den beiden überwinden – den Ruhm.
Fleury
ablehnend.
O – o –
Julie.
Den Ruhm eines Helden in hundert mörderischen Gefechten, eines Vorbilds seiner Officiere, eines Vaters seiner Soldaten.
50
Fleury.
Aus welchen Zeitungen haben Sie diese Phrasen zusammengelesen?
Julie.
Aus allen möglichen. Wenn Sie durchaus Nachricht darüber wünschen, wenden Sie sich an Leonore. Sie war's, die alle diese Journale und Revuen aus Frankreich kommen liess.
Fleury
jubelnd.
Und las? – und las? –
Julie.
Jedes Wort – nämlich in den Berichten über Afrika.
55
Fleury.
Sie beseligen mich.
Julie.
Gelassen, lieber Freund! Hören Sie weiter. Er fand den Ruhm, schrieb ich also, und mit diesem eine Art von Glück, einen Wirkungskreis, und mit diesem eine Art von Heimat. Da plötzlich, zum Erstaunen Aller, die ihn für ewig zerfallen mit dem alten Europa hielten, wandelt den eisernen Soldaten, den kühnen Löwenjäger, eine weichmüthige Regung des Heimweh's an. Eh' man sich dessen versieht, hat er Urlaub gefordert, erhalten und Alles verlassen, woran ihm das Herz gehangen zwanzig Jahre lang, seine Kameraden, seine Rosse, seine Waffen. Das Geheimniss dieses seltsamen Entschlusses kennt nur die Freundin, die ihm die Botschaft sandte: Worauf warten Sie noch? Leonore ist Witwe seit zwei Jahren ...
Fleury.
O Beste! das schrieben Sie ihr, und ihre Antwort darauf –
Julie
hält den Brief in die Höhe.
Steht da –
60
Fleury
streckt die Hand nach dem Blatte aus. Die Thür rechts wird geöffnet. Leonore tritt ein.
Julie
auf sie deutend.
Und dort –
Fleury
wendet sich rasch um.
Leonore!
65
Er steht wie angewurzelt. Auch Leonore ist bewegt, fasst sich aber zuerst, geht auf ihn zu und reicht ihm die Hand.
Julie
hat sich indessen dem Ausgange genähert. Für sich.
Ein rührender Anblick! – Mein Werk. Mög's gedeihen ... wenn überhaupt etwas gedeihen kann bei dieser Temperatur. Uff! – man vergeht!
Ab, ohne die Thür zu schliessen.
Leonore.
Nach zwanzig Jahren, lieber Freund!
70
Fleury.
Leonore, Sie stehen vor mir so schön, so liebenswerth, wie ich Sie immer sah – immer! im Träumen und Wachen ... Sie haben sich nicht verändert.
Leonore.
Sie aber – wenn Sie sich verändert haben, so ist es nur zu Ihrem Vortheil.
Fleury.
Dank für dieses gute Wort! Es beweist mir Ihre Blindheit und worauf dürfte ich überhaupt hoffen, wenn nicht auf Ihre Blindheit?
Leonore
für sich.
O wie heiss ist es hier!
75
Laut.
Orientalische Ausdrucksweise, lieber Freund. Wir sind nicht daran gewöhnt – was soll ich antworten? ...
Fleury
in ihrem Anblick verloren.
Zwanzig Jahre? – Nicht zwanzig Wochen, denk' ich, wenn ich Sie ansehe ... Ein Leben – wenn ich die Veränderung ermesse zwischen dem Tag, an dem ich Sie zum letzten Male sah und heute. Damals rang ich mit der Verzweiflung, heute bitte ich das Glück – tödte mich nicht.
Unterbricht sich plötzlich.
80
Entschuldigen Sie einen Augenblick! Unsere Freundin ist die vortrefflichste Frau von der Welt, aber sie hat eine üble Gewohnheit: Sie vergisst regelmässig die Thüren zu schliessen.
Geht nach dem Hintergrunde und schliesst die Gartenthüre.
Leonore
für sich.
Um Gotteswillen, was thut er denn? Hält er mich für eine Orchidee? ... Diese offene Thür war das Einzige, das mich bisher hinderte, zu ersticken.
Legt den Hut ab und setzt sich an den Tisch links in die Nähe des Fensters.
85
Fleury
nimmt Platz auf einem Sessel. Nachdem er sie lange angesehen.
Erinnern Sie sich noch unseres stummen Abschieds?
Leonore.
Am vierundzwanzigsten Jänner ...
Fleury.
Um sieben Uhr Abends, in Gegenwart von ein paar hundert Zeugen.
Leonore.
Es war eine bittere Stunde.
90
Fleury.
Sie standen an der Seite Ihrer Mutter, umringt von Leuten, die Ihnen Glück wünschten. In Ihrer Nähe Ihr Vater mit einem jungen Manne, der mir ganz fremd war ...
Leonore.
Und mir – beinahe. Acht Tage vorher war ich in den Salon gerufen worden, hatte ihn dort gefunden und im Stillen über die Auszeichnunggestaunt, mit der meine Eltern diesen Herrn behandelten, der mir so förmlich, so steif und – so unbedeutend erschien. Ich lachte, als man mir sagte: Sie haben Ihren Verlobten kennen gelernt.
Fleury
hat die Arme gekreuzt, starrt vor sich nieder.
Und ich Unseliger, der sich damals in den schönsten Hoffnungen wiegte – sich zagend und schüchtern fragte: Wirst du geliebt? aber nur dieser Gewissheit bedurft hätte, Leonore, um Sie einer Welt abzuringen!
Leonore.
Als Sie diese Gewissheit zu erlangen suchten, war's zu spät. Ich durfte sie Ihnen nicht mehr geben. – Es klang mir immer unbegreiflich, wenn ich von jungen Mädchen hörte, die sich dem Willen ihrer Eltern widersetzten. Die sechzehnjährigen Kinder, die das vermögen, haben – darauf schwör' ich – anders geartete Eltern, als die meinen waren, weniger gefürchtete –
95
Sie verbessert sich.
weniger verehrte.
Fleury.
Das wusste ich, und so sehr ich litt, – gegrollt habe ich Ihnen keinen Augenblick.
Leonore.
Und ich lieber Freund, dankte Ihnen im Herzen diesen Edelmuth ...
Sie hat die Handschuhe ausgezogen, den Fächer ergriffen und fächelt sich.
100
Fleury.
Angebetete ...
Rückt von ihr weg, knöpft den Rock zu.
Leonore.
Ich dankte Ihnen auch – unter heissen Thränen – als ich erfuhr, dass Sie dem Drängen Ihrer Verwandten nachgegeben und sich entschlossen hatten ...
Fleury
fällt ihr ins Wort.
Theure! Verehrte! Wollen Sie mir eine Gnade erweisen?
105
Leonore.
Welche denn?
Fleury.
Schenken Sie mir Ihren Fächer.
Leonore
sieht ihn befremdet an.
Da haben Sie ihn.
Fleury.
Dank! den heissesten Dank!
110
Steckt den Fächer in seine Brusttasche.
– Sich entschlossen hatten, sagten Sie?
Leonore
fährt fort.
In der afrikanischen Armee Dienste zu nehmen. Nicht nur sich selbst, auch mir erleichterten Sie durch diese scheinbar so grausame Trennung das Ertragen eines herben Schicksals, die Ergebung in ...
Bricht ab, fährt mit dem Taschentuche über das Gesicht.
115
Fleury.
Was ist Ihnen?
Leonore.
Heiss ist mir. Ich bin sehr empfindlich gegen Hitze ... Das ist eine meiner schwachen Seiten ... Oeffnen Sie ein paar Fenster.
Fleury
erschrocken.
Ein paar? ... Wie Sie befehlen.
Wirft den Paletot um, setzt die Mütze auf und öffnet einen Fensterflügel rechts.
120
Ja! das wollte ich. Wollte Ihnen den Gedanken an die Möglichkeit einer Begegnung ersparen, die Ihnen hätte peinlich sein müssen. Sie waren mir nichts schuldig, o gewiss nichts – aber Sie wussten doch, Sie wussten, nicht wahr? wie unsäglich, wie über alle Massen Sie geliebt wurden.
Leonore.
Und Sie, trotz allen Schweigens, trotz aller Mühe, die ich mir gab, zu verhehlen, was in mir vorging –
Fleury.
An jenem unvergesslichen Abend, an dem ich zugleich glückselig und elend war ... in Einer Secunde erfuhr: Sie liebt dich, und – sie ist für dich verloren ... Den Blick, den Sie damals auf mir ruhen liessen, während ich meinen Segenswunsch und mein Lebewohl stammelte – den nahm ich mit mir – der erhellte mir die Seele und stählte mir das Herz. Aus der Erinnerung an ihn habe ich Lebensmuth geschöpft oder Todesverachtung – je nachdem, wie's eben nöthig war. Im Sandsturm der Wüste, im Lagerzelt, auf kurzer, der Erschöpfung gegönnter Rast, im Handgemenge, immer, immer sah ich ihn –
Ausbrechend.
wie jetzt, so klar, so trostreich, so himmlisch ...
125
Will knieen.
Leonore
erhebt sich, fächelt sich mit dem Taschentuch.
Geduld, mein lieber, lieber Freund ... wir sind ein paar alte Leute.
Fleury.
Eben deshalb haben wir zur Geduld keine Zeit mehr ... Die meine ist zu Ende.
Leonore
öffnet ein Fenster links.
130
Fleury
eifrig.
Und man darf ihr das nicht übel nehmen – nach zwanzig Jahren. Wovon nährte sie sich überhaupt so lange? Von dem Glauben, dass mein Opfer nicht umsonst gebracht worden, dass Ihr Dasein, Leonore, ein zufriedenes sei, und der Mann, den Ihre Eltern für Sie gewählt, des Loses ...
Er verwirrt sich, wirft unruhige Blicke nach den offenen Fenstern. Für sich.
Saperlott – das zieht!
Laut.
135
Des beneidenswerthen Loses würdig, das ihm zu Theil geworden ...
Leonore.
Er war –
Fleury.
Ein Ehrenmann, hört' ich.
Leonore.
Mehr als das – ein Mann von Ehre und vollkommen wohlerzogen. Das ist viel.
Fleury
nimmt hastig die Mütze ab.
140
Sehr viel, allerdings.
Leonore.
In hochwichtigen Fragen wären vielleicht, vielleicht sag' ich, wir hatten nicht Gelegenheit, es zu erproben, unsere Ansichten, unsere Ueberzeugungen nicht ganz dieselben gewesen ... Aber ich bitte Sie, wie oft kommt es denn überhaupt zur Entscheidung hochwichtiger Fragen?
Fleury
ist an das Fenster rechts getreten und hat es geschlossen.
Freilich, wie oft? wenn überhaupt. Sie haben ganz recht.
Für sich.
145
Es zieht noch immer.
Leonore
für sich.
Fürchterlich, fürchterlich, diese Hitze!
Laut.
Das Leben kann grosse Dinge bringen, aus kleinen jedoch besteht es, und in allen kleinen Dingen stimmte der Geschmack meines Mannes mit dem meinen überein.
150
Fleury.
Und so waren Sie denn an seiner Seite –
Leonore.
Nicht unglücklich, wenn auch nicht so glücklich, wie ich wohl hätte werden können, wenn ich nicht zuvor ...
Sie stockt.
Fleury
athemlos lauschend.
Nicht zuvor? ... Vollenden Sie!
155
Leonore.
Jetzt darf ich es ja sagen, es ist kein Unrecht mehr.
Lächelnd.
Es ist auch keine Gefahr mehr dabei – wenn ich nicht zuvor Sie kennen gelernt hätte, lieber Freund.
Fleury.
Leonore! Sollte versäumtes Glück sich nicht einbringen lassen? ... Mein Herz ist jung geblieben, ich schwöre Ihnen –
Will den Arm erheben, zuckt zusammen, leise.
160
Die verwünschte Schulter – da haben wir's!
Eilt zum Fenster links und schliesst es. Etwas ungeduldig.
Sie werden schon entschuldigen, ich fürchte nichts auf Erden – die Zugluft ausgenommen.
Leonore.
Uff! Uff! ... Haben Sie denn hier welche verspürt?
Fleury.
Ich nicht, aber diese meine Schulter.
165
Leonore
theilnehmend.
Dieselbe, die von der Kugel des Si-Lala durchbohrt wurde?
Fleury.
Ja wohl! ja wohl!
Leonore
mit Begeisterung.
Im Gefechte gegen die Oulad-sidi-Scheich, unter den Palmen von Laghouat?
170
Fleury.
Sie wissen davon?
Leonore.
Und von Ihrer Grossmuth gegen die gefangenen Feinde, und von Allem, was Ihnen zur Ehre gereicht ... Sie sind ein Held, ein edler Mensch, ich achte, ich bewundere, ich ...
Hält inne.
Fleury.
Weiter! Weiter! noch ein Wort – sprechen Sie es aus –
Leonore.
Nun denn – ich bin Ihnen von ganzem Herzen gut, aber ...
175
Fleury.
Erbarmen Sie sich – kein aber –
Leonore.
Aber ich fürchte, dass wir ...
Fleury.
Was? um Himmelswillen ...
Leonore
sieht ihn an. Nach kurzem Besinnen.
Beantworten Sie mir zuvor eine Frage. Könnten Sie es lange aushalten in einer Atmosphaere wie diese?
180
Fleury.
Warum nicht? Wenn Fenster und Thüren geschlossen bleiben und die Sonne ordentlich auf die Glaswand scheint.
Leonore.
Sie sind einzig! ... Ich finde diese Atmosphaere grässlich!
Fleury.
Grässlich?
Leonore.
Strausseneier würden hier ausgebrütet.
Fleury
gutmüthig.
185
O nein, dazu fehlt noch viel.
Leonore.
Wirklich?
Gereizt.
Sie waren in Afrika an eine ganz andere gewöhnt.
Fleury.
Ja wohl. Die dortige wurde sogar mir manchmal etwas unbequem.
190
Leonore.
Das klingt unglaublich, und wenn Sie es nicht sagten ...
Fleury.
Allerdings gehörte etwas dazu, bis es so weit kam.
Leonore
immer gereizter.
Und was, zum Beispiele?
Fleury.
Was? Nun jedenfalls mehr als ein Marsch von sechs Stunden im Sonnenbrand der Wüste durch den glühenden Sand. Soldaten, in der Sahara alt geworden, fielen schweigend hin, hatten keinen Laut mehr in der vertrockneten Kehle ...
195
Leonore.
Und Sie?
Fleury.
Und ich befand mich wohl! liess mich durchdringen von der edlen Himmelsgluth, lebte auf in diesem Lichte, diesem grenzenlosen, das kein Schatten unterbricht, den der langsam schreitenden Dromedare und Rosse ausgenommen. Herrlich! ... Die afrikanische Hitze, man fühlt sie nicht nur, man hört sie, sie hat eine Stimme, ein tönendes, leises Klingen ...
Leonore.
Genug – ich bitte Sie ... genug. Erzählen Sie mir das im Winter.
Fleury
seufzend.
Ach Gott ja! – hier gibt's einen Winter.
200
Leonore.
Und dieses Jahr einen strengen, behaupten die Wetterpropheten. Sie sind hiermit feierlich geladen, nach meinem Schneefeld.
Fleury.
Schneefeld? – so heisst Ihr Besitz?
Leonore.
Mit gutem Recht, dafür bürg' ich Ihnen.
Fleury
steckt die Hände in die Taschen. Schauernd.
Brr!
205
Leonore.
Dort, lieber Freund, im grossen, gegen Norden gelegenen Saal ...
Fleury.
Sie haben in Schneefeld einen grossen, gegen Norden gelegenen Saal?
Leonore.
In dem ich meine Nachmittage zubringe, und in dem »sogar mir« die heitere Frische der Temperatur manchmal etwas »unbequem« wird.
Fleury.
Wie viel Grade, wenn ich bitten darf?
Leonore.
Zehn Réaumur, vorausgesetzt, dass im Kamine ein halber Stoss Eichenholz in Flammen steht.
210
Fleury.
Und dort bringen Sie Ihre Nachmittage zu? ...
Rasch.
Empfangen dort vielleicht Ihre Gäste?
Leonore.
So thu' ich. Der Ausblick aus den fünf Fenstern ...
Fleury.
Gegen Norden?
215
Leonore.
Gegen Norden ist ein herrlicher. Ein Kranz von Gletschern rings umher, und das weite Thal ein Meer von Schnee ... Dort, lieber Freund – dort sprechen wir weiter von Afrika. Jetzt ... entschuldigen Sie mich.
Will fort.
Fleury
in Verzweiflung.
Dort – dort – und dort können Sie leben?
Leonore.
Dort ja, während ich hier zu Grunde gehe, unfehlbar und – bald. Adieu!
220
Fleury.
Bleiben Sie!
Vertritt ihr den Weg.
Suchen Sie sich zu gewöhnen – allmälig ...
Leonore.
Ebenso gut könnt' ich mich allmälig daran gewöhnen, vom Schlag gerührt zu werden.
Fleury.
Das verhüte Gott!
225
Leonore.
Verhüten vor allem Sie's, und lassen Sie mich fort.
Fleury
öffnet die Thür.
Zu Befehl.
Leonore
tritt auf die Schwelle, fächelt sich mit dem Tuche, während Fleury sich immer weiter von ihr entfernt.
Wenn schon die Rede davon ist, in alten Tagen eine neue Gewohnheit anzunehmen, so käme ein solches Heldenstück doch eher dem Manne zu, dem Soldaten, Ihnen eher als mir,
230
Scharf.
um so mehr als Ihr Geschmack ein besonderer, der meine der aller Welt ist – in
Ihnen eher als mir,Europa nämlich. Gewöhnen Sie sich, gewöhnen Sie sich, lieber Freund, an eine Atmosphaere, die in Europa allgemein üblich ist.
Fleury.
Nicht allgemein. Es gibt auch in Europa heisse Länder, und man sagt, dass sie bewohnt sind.
Leonore
sehr aufgeregt.
235
Von Leuten, die ich nur anstaunen kann, mit denen ich aber nie etwas zu thun haben will. Auf Wiedersehen, lieber Fleury. – Suchen Sie mich auf, wenn Ihnen an meiner Gesellschaft gelegen ist. Adieu! ... Adieu heisst auf Wiedersehen.
Athmet tief auf und eilt hinweg.
Ach, Luft! Luft!
Fleury
blickt ihr eine Weile nach und schliesst dann die Thür. Er streckt sich wieder in seinem Lehnsessel aus, zieht die Decke vom Tisch, und breitet sie über seine Füsse, entzündet eine Cigarette und bläst langsam grosse Rauchwolken von sich.
– – Charmante Frau! ... Und wie jung sie geblieben ist, wie schön! Ganz so schön, wie ich sie in meinen Träumen sah. Charmante Frau, liebenswürdiges Geschöpf – ein Engel! ... Macht sich aus der Zugluft so wenig wie diese ätherischen Wesen. – Steht zwischen Thür und Angel im Wirbelwind und seufzt: Luft! Luft! ... Ihr wäre am wohlsten, wenn sie die Flügel ausbreiten, sich in kühle Höhen schwingen könnte ... Sie schwinge sich! sie spiele mit dem Zephir, gaukle mit dem säuselnden West, kämpfe mit dem brausenden Nord – ich hindere sie nicht! ich will sie bewundern – aber aus der Ferne. Beim Turban des Propheten – aus der Ferne!
240
Julie
kommt.
Heil Ihnen, lieber Fleury! abermals eine gute Nachricht.
Fleury.
Hochwillkommen, meine verehrteste Gräfin. Verzeihen Sie gnädigst, dass ich nicht aufstehe, ich bin durch und durch erkältet.
Julie
sieht ihn mit Erstaunen an.
Sonderbar – Sie sind erkältet, und Leonore ... Gleichviel ... Meinen Glückwunsch denn! der alte Zauber hat seine Macht nicht verloren, sie ist Ihnen noch gewogen.
245
Fleury.
Ja ja, sie hat es mir selbst gesagt.
Julie.
Und Sie wiederholen es mit solcher – Fassung?
Fleury.
– Zehn Grade Réaumur, meine gnädigste Gräfin!
Springt auf.
Zehn Grade Réaumur!
250
Julie.
Ich verstehe gar nichts – was heisst das?
Fleury.
Es heisst, dass ich sie liebe, sie anbete, so innig, so glühend, so treu wie je, nur – noch uneigennütziger.
Julie.
Das ist so edel, dass es beinahe lächerlich ist. Uneigennützig! Sie bilden sich ein, zu lieben, verliebt zu sein, und sprechen von Uneigennützigkeit?
Fleury.
Unverbesserlicher Idealist. Ja, ja.
Julie
zuckt die Achseln.
255
Versäumen Sie nicht muthwillig den günstigen Augenblick. Gehen Sie zu ihr und – auf meine Verantwortung – bringen Sie Ihre Werbung an.
Fleury.
Sie meinen wirklich? –
Julie.
Ich meine wirklich. Gehen Sie zu ihr. Leonore erwartet Sie, ich will Ihnen das verrathen – in der Grotte.
Fleury
mit Entrüstung.
Wo?
260
Julie.
In der Grotte.
Fleury.
Mich wundert, wenn sie mich nicht unter dem Wasserfall in der Grotte erwartet. Nein, nein! dahin gehe ich nicht!
Julie.
Und sie will nicht hierher kommen.
Fleury.
O man lasse sie gewähren!
Julie.
Was seid Ihr für kindische Leute? ... Was habt Ihr? was hat es zwischen Euch gegeben? – Einen Streit? eine Wette? Sprechen Sie, Fleury, erklären Sie mir ...
265
Fleury
eifrig.
Erklären Sie sich selbst, warum ein Vogel nicht im Wasser, ein Fisch nicht in der Luft, ein afrikanischer Soldat nicht in Schneefeld leben kann!
Julie
lacht.
Temperatur-Frage!
Fleury.
Lebensfrage! Alpha und Omega einer behaglichen Existenz. Ich liebe einen Engel, ich werde von einem Engel geliebt – was nützt mir das? – ich kann es in seiner Nähe nicht aushalten!
270
Julie.
Und er nicht in der Ihren?
Sie lacht.
Zum Glück scheint es doch nicht so schlimm zu sein, denn sehen Sie nur, da kommt der Engel, kommt, obwohl er es hier nicht aushalten kann. O wir Frauen, wir sind doch die besseren!
Leonore
eintretend, reisefertig.
Schon wieder da, lieber Fleury, habe mich erfrischt, habe mich besonnen.
275
Fleury
etwas betroffen.
So – so besonnen?
Julie.
Bravo! Bravo!
Leonore.
Sollte ich vorhin eine Aeusserung gethan haben, die Sie verletzte, hier bin ich, um Abbitte zu thun.
Fleury.
Abbitte? Sie mir? Wie kämen Sie dazu? Sie haben nie aufgehört, anbetungswürdig zu sein, aber ich ...
280
Leonore.
Kein Wort der Selbstanklage – ich protestire!
Lässt ihn nicht zu Worte kommen.
Nein, nein, ich nehm' es persönlich, Sie beleidigen mich! ...
Geht auf ihn zu und reicht ihm beide Hände, die er abwechselnd küsst.
Es war mir ein Glück, lieber Freund, Sie wiederzufinden, so unverändert, so ganz und gar dem edlen Bilde gleichend, das ich im Herzen getragen habe und ewig tragen werde!
285
Fleury.
Sie sagen, was ich fühle. – Ewig! Ewig!
Julie.
O meine Theuren! ich gebe Euch meinen Segen!
Fleury.
Segen – wozu?
Leonore.
Wir scheiden zwar nicht, aber leider – wir müssen uns meiden.
Fleury.
So ist es.
290
Ein Diener
meldend.
Der Wagen der Frau Gräfin.
Ab.
Julie.
Dein Wagen? Was soll das heissen?
Leonore.
Dass ich fortfahren werde ...
295
Fleury.
Ich! ich werde fortfahren, Sie anzubeten wie bisher ...
Julie.
Aus der Ferne? ... Ihr trennt Euch?
Leonore.
Nur scheinbar.
Für sich.
Mein Gott, ich fange schon wieder an zu ersticken.
300
Fleury.
Nur für die kurze Dauer dieses Erdenlebens.
Leonore.
Eine Spanne Zeit. Drüben, lieber Freund –
Fleury.
In einer anderen Welt –
Leonore
für sich.
Einer kühleren hoff' ich –
305
Laut.
dort sehen wir uns wieder.
Julie.
Hier aber, hier? Ihr vergesst die Erde.
Leonore
nimmt den Arm, den Fleury ihr bietet.
Wir haben den Himmel.
310
Fleury.
Den Himmel unserer Träume, unserer Erinnerungen.
Julie.
Ihr vergesst die Gegenwart.
Fleury.
Ewige Liebe, Freundin, ist ewige Gegenwart.
Leonore
wendet sich auf der Schwelle.
Und ihr Dort ist immer hier!
315
Ab mit Fleury.
Julie
allein.
Leonore – Fleury – es ist unmöglich ... kann nicht glauben, was ich glauben muss.
Eilt zur Thür und blickt ihnen nach.
Er hebt sie in den Wagen – ein Händedruck – ein letzter Gruss – ein allerletzter! ... Sie fährt davon ... Ich
320
Zu dem eintretenden Fleury.
Sie ist fort, Fleury!
Fleury.
Lässt sich Ihnen noch vielmals empfehlen.
Julie
starrt ihn an.
Und Sie – so ruhig – so heiter ... Sie folgen ihr wohl?
325
Fleury
schliesst die Thür.
Mit allen meinen Gedanken.
Julie.
Gedanken?! Grosser Gott, dieser Mann ist in Afrika erfroren!
Fleury.
Mir scheint, Sie haben Recht.
Reibt sich die Hände.
330
Was wollen Sie, liebe Freundin? Es wandelt Niemand ungestraft unter Palmen.

(Marie von Ebner-Eschenbach: Es wandelt Niemand ungestraft unter Palmen. Dramatisches Sprichwort. In: Marie von Ebner-Eschenbach: Kritische Texte und Deutungen. Siebter Band: Gesellschaftsdramen, Künstlerdramen, Lustspiele und Einakter. Kritisch herausgegeben und kommentiert von Marianne Henn. Berlin und New York: De Gruyter2010. (S. 885–896.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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