Masse Mensch

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Ernst Toller

Masse Mensch (1921)

Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts

Uraufführung1920

Schauplatz(Das dritte, fünfte und siebente Bild in visionärer Traumferne)

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Erstes Bild

Hinterzimmer einer Arbeiterschenke.
An getünchten Wänden Kriegervereinsbilder und Porträts von Heroen der Masse. In der Mitte ein klotziger Tisch, um den eine Frau und die Arbeiter sitzen.
Erster Arbeiter
Flugblätter sind verteilt,
Im großen Saal Zusammenkunft. –
Frühzeitig schließen morgen die Fabriken.
Die Massen gären.
5
Morgen wird Entscheidung.
Bist du bereit, Genossin?
Die Frau
Ich bins.
Mit jedem Atem wächst mir Kraft –
Wie sehnt ich diese Stunde,
10
Da Herzblut Wort und Wort zur Tat wird.
Lähmung befiel mich oft – zusammen krallt ich
Meine Hände vor Zorn und Scham und Qual.
Gröhlen die verruchten Blätter Sieg –
Packen Millionen Fäuste mich ...
15
Und gellen: Du bist schuldig, daß wir sterben!
Ja, jedes Pferd, deß Flanken zitternd schäumen,
Klagt stumm mich an – klagt an. –
Daß morgen ich Fanfare jüngsten Tages gellte,
Da mein Gewissen brandet in den Saal –
20
Bin ich es noch, die Streik verkünden wird?
Mensch ruft Streik, Natur ruft Streik!
Mir ists, als bellts der Hund, der an mir aufspringt,
Betrete ich mein Haus ...
Als gischtet Streik der Strom!
25
Mein Wissen ist so stark. Die Massen
Auferstanden frei vom Paragraphenband
Der feisten Herrn am grünen Tisch,
Armeen der Menschheit werden sie mit wuchtender Gebärde
Das Friedenswerk zum unsichtbaren Dome türmen.
30
Die rote Fahne, ... Fahne des Anbruchs,
Wer trägt sie voran?
Zweiter Arbeiter
Du! Dir folgen sie.
(Stille flackert.)
Die Frau
Daß nur die Mittler schweigen!
Du glaubst, die Polizei ist ohne Kunde?
35
Wenn Militär den Saal mit Ketten fesselt?
Erster Arbeiter
Die Polizei ist ohne Kunde. Und wenn sies weiß,
So weiß sie nicht den wahren Zweck. –
Umfängt die Massen erst der Saal,
Sind sie gewaltige Flut, die keine Polizei
40
Zu Parkfontänen ruhig plätschernd formt.
Und dann: die Polizei wagt nicht mehr vollen Einsatz,
Zersetzung fraß den Rausch des Machtgefühls
Die Regimenter aber stehn zu uns –
Soldatenräte überall!
45
Morgen wird Entscheidung, Genossin.
(Es klopft.)
Erster Arbeiter
Verraten!
Zweiter Arbeiter
Sie dürfen dich nicht fangen.
Erster Arbeiter
Nur eine Tür.
Zweiter Arbeiter
Durchs Fenster!
50
Erster Arbeiter
Das Fenster stürzt in einen Lichtschacht.
Die Frau
So nah dem Kampf ...
(Es klopft stärker. Die Tür öffnet sich. Der Mann, Mantelkragen hoch aufgeschlagen, kommt hinein, blickt sich schnell um, hebt den Hut aus steifem Filz.)
Die Frau
Ein ... Freund und nichts zu fürchten ...
Du kommst zu mir,
Du findest mich.
55
Der Mann
Ich wünsche guten Abend.
(Leise.)
Ich bitte mich nicht vorzustellen.
Kann ich dich sprechen?
Die Frau
Genossen ...
60
Die Arbeiter
Gute Nacht.
Auf Morgen.
Die Frau
Gute Nacht, auf Morgen.
Der Mann
Klar wird dir sein,
Ich komm nicht her als Helfer.
65
Die Frau
Verzeih den Traum der blühenden Sekunden.
Der Mann
Bedrohte Ehre zwang den Schritt hierher.
Die Frau
Bin ich der Anlaß? Seltsam.
Ists Ehre bürgerlichen Standes?
Ward abgestimmt? Droht Mehrheit
70
Dich aus ihren Reihen auszuschließen?
Der Mann
Ich bitte, laß das Scherzen.
Die Rücksichtnahme, die dir fremd, ist mir Gebot.
Für mich besteht die sachlich strenge Ehrensatzung ...
Die Frau
Die euch zu Formeln prägt.
75
Der Mann
Die Unterordnung, Selbstzucht heischt ...
Du nimmst nicht teil an meinen Worten ...
Die Frau
Ich sehe deine Augen.
Der Mann
Verwirr mich nicht.
Die Frau
Du ... du ...
80
Der Mann
Um kurz zu sein,
Ich setze Riegel vor dein Wirken.
Die Frau
Du ...
Der Mann
Drang nach sozialer Tätigkeit
Kann auch Befriedigung in unserm Kreise finden.
85
Ich nenne: Heim unehelich geborner Kinder.
Gedanke liegt dem Arbeitsfeld zugrunde,
Der Zeuge ist für die Kultur, von dir verspottet.
Selbst deine sogenannten Arbeitergenossen
Verachten Mütter ohne Ehe.
90
Die Frau
Nur weiter ... weiter ...
Der Mann
Du bist nicht frei in deinem Handeln.
Die Frau
Ich bin frei ...
Der Mann
Annehmen darf ich ein gewisses Maß von Rücksicht,
Wenn nicht von deiner Einsicht, so von deinem Takt.
95
Die Frau
Ich kenne Rücksicht nur aufs Werk,
Dem diene ich, dem, hörst du, muß ich dienen.
Der Mann
Zergliedern will ich:
Wunsch nach äußerer Tätigkeit bestimmt dein Tun –
Wunsch, geboren aus verschiedenen Motiven.
100
Es liegt mir der Gedanke fern,
Daß diese Wünsche unedler Natur.
Die Frau
Wie du mir wehe tust mit jedem Wort ...
Kennst du die Bilder der Madonnen
In bäuerlichen Häusern?
105
Durchbohrt von Schwertern blutet Herz in dunklen Tränen.
Ihr häßlichen, ihr rührend frommen Drucke ...
So einfältig und groß ...
Du ... Du ...
Sprachst du von Wünschen?
110
Ich weiß ... Schlucht gräbt sich zwischen uns ...
Nicht Wunsch hat mein Geschick gewendet,
Not wars ... Not aus Menschsein,
Not aus meiner tiefsten Fülle.
Not wendet, höre, Not wendet!
115
Nicht Laune, Spiel der Langeweile,
Not aus Menschsein wendet.
Der Mann
Not? Hast du ein Recht
Von Not zu sprechen?
Die Frau
Mann ... du ... laß mich ...
120
Nun halt ich deinen Kopf ...
Nun küß ich deine Augen ...
Du ...
Sprich nicht weiter ...
Der Mann
Fern liegt mir dich zu quälen ...
125
Der Ort ... Man kann uns nicht belauschen?
Die Frau
Und hört uns ein Genosse,
Sie haben Taktgefühl auch ohne Ehrensatzung.
Oh, wenn du sie verstündest, Hauch nur spürtest ihrer Not.
Not ... die unsre ist ... sein muß!
130
Erniedrigt habt ihr sie ...
Erniedrigend euch selbst geschändet,
Zu eignen Henkern wurdet ihr ...
Sperr das Mitleid deiner Augen!
Ich bin nicht nervenkrank,
135
Bin nicht sentimental.
Weil ichs nicht bin, gehöre ich zu ihnen.
O eure jämmerlichen Stunden für soziales Tun bestimmt,
Beschwichtigung aus Eitelkeit und Schwäche.
Kameraden sind, die schämen sich für euch,
140
Wenn sie nicht ... hell auflachen ...
Siehst du, wie ich jetzt lache.
Der Mann
So magst du alle Wahrheit wissen.
Man weiß ... Behörde weiß von dir.
Ich leistete den Staatseid ... Frau.
145
Der Referent für Personalia ist unterrichtet,
Fortkommen im Beruf wär ausgeschlossen.
Die Frau
Und ...?
Der Mann
Ich sag dir rücksichtslos,
Ich zieh die Konsequenzen,
150
Die ... sei versichert,
Auch mein Gefühl berühren würden ...
Zumal du neben dem Beruf des Gatten
Das Staatswohl schädigst ...
Du unterstützt den innren Feind.
155
Damit ist Scheidungs-Tatbestand gegeben.
Die Frau
Dann freilich ... wenn ich dich schädige,
Dir im Wege hemmend stehe ...
Der Mann
Noch wäre Zeit.
Die Frau
Dann freilich ...
160
Dann ... bin ich bereit ...
Ich trag die Schuld ...
Hab keine Angst, Prozeß wird dich nicht schädigen
Du ...
Du ... meine Arme weiten sich dir
165
In großer Not.
Du, mein Blut blüht dir ...
Sieh, ich werde welkes Blatt ohne dich.
Du bist der Tau, der mich entfaltet.
Du bist der Sturm, deß märzne Kraft
170
Brandfackeln wirft in dürstendes Geäder ...
Nächte waren, Rufe schwellender Knaben,
Die sich bäumen in ihres Blutes Reife ...
Trag mich fort, in Wiesen, Park, Alleen,
Demütig will ich deine Augen küssen ...
175
Ich glaube, ich werde schwach sein
Ohne dich ... grenzenlos ...
Verzeih, ich wars nur eben.
Ich sehe klar die Lage, gerechtfertigt dein Tun.
Denn siehe, morgen steh ich vor den Massen –
180
Morgen spreche ich zu ihnen.
Morgen werde ich dem Staat, dem Eid du schwurst
Die Maske von der Mörderfratze reißen ...
Der Mann
Dein Tun ist Staatsverrat!
Die Frau
Dein Staat führt Krieg,
185
Dein Staat verrät das Volk!
Dein Staat ausbeutet, drückt, bedrückt,
Entrechtet Volk.
Der Mann
Staat ist heilig ... Krieg sichert Leben ihm.
Friede ist Phantom von Nervenschwachen.
190
Krieg ist nichts als unterbrochner Waffenstillstand,
In dem der Staat, bedroht vom äußren Feind,
Bedroht vom innren Feind, beständig lebt.
Die Frau
Wie kann ein Leib von Pest und Brand zerfressen leben?
Sahst du den nackten Leib des Staates?
195
Sahst du die Würmer daran fressen?
Sahst du die Börsen, die sich mästen
Mit Menschenleibern?
Du sahst ihn nicht ... ich weiß du schwurst dem Staate Eid,
Tust deine Pflicht und dein Gewissen ist beruhigt.
200
Der Mann
Bedeutet der Entscheid dein letztes Wort?
Die Frau
Bedeutet letztes Wort.
Der Mann
Gute Nacht!
Die Frau
Gute Nacht.
(Da der Mann gehen will.)
Die Frau
Ich darf mit dir gehen?
205
Zum letzten Male heut ...
Oder bin ich schamlos?
Oder bin ich schamlos ...
Schamlos in meinem Blut ...
(Frau folgt dem Mann.)
(Die Bühne verdunkelt sich.)

(Ernst Toller: Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Reclam1979. (S. 1–52.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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Ernst Toller
(18931939)

* 01.12.1893 in Szamocin, † 22.05.1939 in New York City

männlich, geb. Toller

Suizid | Hängen

deutscher Schriftsteller und Politiker (1893-1939)

(Aus: Wikidata.org)

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