Die Diamanten

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Figurenkonstellation

Heinrich Wilhelm Lawätz

Die Diamanten (1793)

Ein Schauspiel in einem Aufzuge. (Wahre Geschichte.)

SchauplatzDie Scene ist in Baumanns Wohnzimmer.

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Erster Auftritt.

Baumann, der gedankenvoll auf und abgehet und Taback raucht – und Amalia, die Thee trinkt und sich mit weiblicher Arbeit beschäftiget.
Baumann.
Unschuldig – Amalia – unschuldig? – Ob er unschuldig ist? –
(stark und mit voller Ueberzeugung)
Wie ich und du! – deine Ungewißheit – dein Zweifeln – dein ewiges Aber – dein geheimnißvolles Achselzucken – dein bedeutendes Stillschweigen – Dein unzeitiges Nachgeben –
Amalia.
Aber –
5
Baumann.
Schon wieder ein Aber – da ich eben sagen wollte, daß es bis in das Innere meiner Seele dringt – wenn ich dich glauben sehe, daß Ernst fähig gewesen sey – eine That zu begehen – eine That –
(mit herabsinkender
Hör, Amalia, ich wollt' ihn heute in der Frühstunde fragen, wie in der abgewichenen Nacht seine Ruhe gewesen. Die Sonne schien durch ein Fenster des Daches auf des guten Jünglings frommes Gesicht. Er lag und schleif, – so sanft, so ruhig, so fest! – Weißt du was, Amalia? – so schläft dir der Bösewicht nicht! – Ein betrübtes Herz, sagt ein altes Sprüchwort, thut nichts lieber, als schlafen und trinken. Halb wahr – halb auch nicht. Seit des Jungen Unfall – hab ich keine Stunde ruhig geschlafen – also, unwahr: aber durstig bin ich immer gewesen – also, wahr –
(er schiebt ihr die Theetasse hin)
Unsre Alten wußten wohl, was sie sagten! Etwas ganz Unwahres sagten sie nie. Das ist erst in neueren Zeiten Sitte geworden.
10
(Amalia, die ihn verstanden und ihm eine Tasse Thee eingeschenkt, giebt sie ihm. Er trinkt)
Zwanzig Thaler, Herr Rübe, – zwanzig Thaler, für einen einzigen Bogen! Viel – sehr viel! – Aber, für Ernsten nicht zu viel! Erhalten wir nur, was wir gebethen – noch nicht genug! –
Amalia.
(aufgebracht, aber doch furchtsam)
Nicht zu viel – nicht genug! – Ich dächte! immer genug für einen Menschen, der uns weiter nichts angehet, als ein jeder anderer guter Mensch – für einen Menschen, der freylich bey uns gearbeitet und uns treu gedienet,dafür aber auch seinen Lohn und seine gute Kost erhalten hat – für einen Menschen, der unsere Arbeit verließ, um in der Liverey sein Glück zu machen, der also den Haarkamm höher achtete, als die Kunst – und überdem, für einen Menschen –
Baumann.
(bedeutend)
15
Malchen –
Amalia.
(Mit zufahrender Uebereilung)
Der die Diamanten so gut entwendet, als nicht entwendet haben kann – der vielleicht unschuldig leidet – vielleicht aber auch nicht. – Der –
Baumann.
(sehr aufgebracht)
Weib – glaube, was du willst – denke, was dir gefällt; aber sag mir so etwas nicht! –
20
Amalia.
(mit erzwungner Niedergeschlagenheit)
Und für den werden zwanzig Thaler mit Freuden hingegeben: – da doch wohl einmal einem Andern, der sich sauer werden läßt, und das Seinige zu rathe zu halten suchet, zwanzig Groschen vorenthalten werden –
Baumann.
(betroffen)
Noch eine Tasse, Amalia. – Die Pille könnte stecken bleiben – und einen bitteren Nachgeschmack hat man nicht gern.
Amalia.
(vor sich nieder)
25
Hör, lieber Mann, ich laße dich haushalten – einnehmen – ausgeben – wie's dir gefällt – laß dir machen, was und wie's dir beliebt – du bist Herr im Hause – und sollsts auch bleiben: – aber –
Baumann.
Aber, freylich, verdrießen mußt es dich wohl, daß ich dir zwanzig Groschen versagte, von denen ich glaubte, daß sie erspart werden konnten, – und nun zwanzig Thaler hingebe, um einen guten, ehrlichen, frommen Jungen – wenns noch möchlich seyn mögte – zu retten – einen armen, wehrlosen Buben, der das Unglück erleben müßen, wegen einer That, zu der er gewiß nicht fähig gewesen, in Verdacht zu gerathen – der dieserwegen, ohne allen Erweis, beym hellen, lichten Sonnenschein ins Gefängniß gebracht wird – mit dem man vom Galgen und Rade spricht – der so glücklich ist, sich durch die Flucht in Sicherheit zu bringen – nicht um der Gerechtigkeit zu entrinnen – sondern nur, um ein sicheres Geleite zu erhalten und seine Unschuld zu erweisen – der hier fremd – unbekannt – ohne Geld, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Vater und Mutter – ganz verlaßen, ganz hülflos ist – keine andere Stütze hat – als seine Rechtschaffenheit – mich – und den, der über uns wohnt –
(zutraulich)
Malchen, Malchen – und das könnte dir würklich unangenehm seyn, Freylich, Herr Rübe, ist ein unbilliger Mann – zwanzig Thaler für einen Bogen! – Indeßen, was ists denn mehr! – Aber, Malchen, noch eins.
(geheimnißvoll und gerührt)
30
Dem armen Burschen, dort oben im Dachzimmer – mangelt doch nichts?
Amalia.
(gutmüthig)
Nein! das nicht. Lieber mir selbst als ihm.
Baumann.
(gerührt)
Würklich, Malchen, würklich!
35
Amalia.
Freylich – du hast dich einmal seiner angenommen – und du bist Mann – du verdienst das, was wir haben. – Ich war ein armes Mädchen, als ich mit dir zum Traualtare trat. Hatte nichts – hab itzt nichts – als was ich von deinen Händen erhalte – kann nichts, als sparen und zusammenhalten – und sollte nicht thun, was du verlangst? –
Baumann.
(legt die Pfeife hin, schlägt die Arme über einander und sieht mit einem starren Blicke auf seine Frau)
Und dir konnte ich zwanzig Groschen versagen! –
Amalia.
(etwas hämisch)
Ey nun, die erspart werden konnten –
40
Baumann.
Ja – Malchen – konnten – aber nicht sollten.
(er geht an seinen Schreibtisch, schließt auf, holt Geld und legt eine Handvoll auf den Theetisch)
Da gutes Weib – da nimm hin!
(mit Nachdruck)
konnten: aber nicht sollten –
45
Amalia.
(giebt ihm das Geld zurück)
Konnten – und auch noch können.
Baumann.
(verdrüßlich)
Immer gegen den Strom! Bald hämisch, bald eigensinnig –
Amalia.
Freylich wohl: – aber doch itzt das eine so wenig als das andere. Du bezahlestvor allen Dingen Herrn Rübe – berichtigst unsere Rechnungen – und wenn du dann einmal sagen kannst – nun bin ich keinem Menschen einen Heller schuldig – und dieses, Malchen, dieses ist mein – dann, dann nehm ich, was du mir giebst. – Das war der Fall, als ich dich um zwanzig Groschen bath. – Itzt nicht! – Darum nahm ich auch nichts – da, nimm hin –
50
Baumann.
Gut, Malchen, gut ich nehms' – um es bis zu einer gelegeneren Zeit für dich zurück zu legen.
(er legt das Geld wieder in den Schreibtisch)
Das wird denn nun freylich auch eins und das Nemliche seyn!
(Er setzt sich an den Theetisch, mit gedämpfter Stimme)
Aber, hör! Wenns doch nun jemand erfuhr, daß der einer Dieberey beschuldigte – dieser Beschuldigung halben peinlich angeklagte – dieser Anklage wegen entwichene – und weil er entwich, mit Steckbriefen verfolgte Bube – von mir in Schutz genommen worden und in meinem Dachzimmer Sicherheit gefunden – was meynst du, Malchen, was würde man sagen?
55
Amalia.
(etwas hämisch)
Dafür hat ja wohl Herr Baumann in Zeiten gesorgt.
Baumann.
(auffahrend)
Nicht gesorgt – aber wohl daran gedacht – und doch gethan, was meine Pflicht mir geboth. Mags denn gehen, wie's geht! – Wirds verrathen – wirdsentdeckt – gut!
(bekümmert, aber doch freymüthig)
60
Was meynst du, wenn ich dann so mit meinem geraden, offnen, deutschen Gesichte sagen werde, was ich, um mich zu entschuldigen, um mir Nachsicht zu bewürken, sagen müßte – sag, Malchen, müßt es nicht würken! –
Amalia.
Es könnte – aber ob es denn müßte –
Baumann.
Ob es müßte! Wär's denn möglich, daß irgend jemand sein Herz.
(Amalia lacht)
Du lachst?
65
Amalia.
Nun ja! – Haben denn die Richter auch Ohren und Herzen? –
Baumann.
(niedergeschlagen und nachdenkend)
Wie du sprichst! – Aber, freylich –
Amalia.
Freylich – aber so ists – gerade so – und nicht anders! –
Baumann.
Hart – sehr hart! –
70
Amalia.
Aber wahr – sehr wahr! –
Baumann.
(bekümmert)
Und in solcher Menschen Händen ruht so Mancher Wohl und Wehe – von ihnen hängt die Glückseligkeit der wenigen Tage ab, die die Dauer des menschlichen Lebens ausmachen – sie sollen darüber enscheiden, wer sterben und wer leben soll! – Malchen, Malchen – das ist traurig! –

(Heinrich Wilhelm Lawätz: Die Diamanten. Ein Schauspiel in einem Aufzuge. (Wahre Geschichte.) In: Deutsche Schaubühne. Sechsten Jahrgangs Vierter Band. Nach der Ordnung 64ster Band. Augsburg1794. (S. 1–78.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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