Der Seelenretter

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Figurenkonstellation

Hedwig Dohm

Der Seelenretter (1875)

Lustspiel in einem Act

Uraufführung1875

SchauplatzOrt der Handlung: Ein Landgut; elegant möblirter Salon.

Zurück
Weiter

Scene I.

Franz (an seinem Schreibtisch, eifrig schreibend). Lotte (steckt den Kopf durch die Thür).
Lotte.
Mein Gott, er steckt noch immer mit der Nase in den Büchern – ein gräulicher Mensch!
(Geht wieder zurück. Gleich darauf hört man draußen singen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin«.)
Franz
(steht ärgerlich auf).
Das ist zu arg, nicht eine halbe Stunde hat man vor diesem Quälgeist Ruhe!
5
(Macht die Thür auf.)
Lotte, willst du gefälligst deine Gesangsübungen wo anders vornehmen?
(Kommt zurück.)
Lotte
(die Thür aufreißend).
Was? Ich soll auch nicht mehr singen? Was in aller Welt willst du Brummbär von Bruder denn, daß ich beginnen soll? Ich komme ja um vor Langerweile! Bist du denn noch nicht mit deiner Schreiberei fertig? Werden wir endlich ausreiten?
10
Franz.
Nur noch 5 Minuten, liebe Lotte. Dieser Pachtcontract muß heut noch abgeschickt werden. Ich stehe gleich zu deiner Verfügung.
Lotte.
Nun, dann schreibe nur ruhig weiter, ich werde unterdessen einmal Ordnung in deinen Kasten machen.mit einer Briefsammlung drin – natürlich Liebesbriefe – soll ich?
(Zieht Schubläden auf und wirft verschiedene Sachen heraus.)
Was so ein Mann unordentlich ist, – da liegt Alles durcheinander,
(Nimmt einen Brief, unschlüssig, ob sie ihn lesen soll.)
15
Nein, ich werde lieber nicht – und hier ein Paar Handschuh, und an den Handschuhen fehlen natürlich die Knöpfe.
(Tritt zu Franz heran.)
Franz, wo sind die Knöpfe von deinen Handschuhen? Ich will sie dir annähen.
Franz
(springt ärgerlich auf.)
Nein, es ist nicht möglich zu arbeiten, wenn du in der Nähe bist! Kannst du dich denn gar nicht nützlich beschäftigen? Was treibt dich denn zu all' dem Unfug?
20
Lotte.
Ach, Franz – die Langeweile.
Franz.
So? Das ist ja recht höflich – in meinem Hause!
Lotte
(sich über seinen Stuhl beugend).
Ist es ein Wunder, wenn ich mich langweile? Bester Bruder, versetze dich doch in meine Lage. Ich bin jung, hübsch – nicht wahr?
Franz.
Das Letztere ist Geschmackssache.
25
Lotte.
Und Witwe. Ich amüsire mich ausgezeichnet in Berlin; ich stehe am Vorabend der Ankunft von zwei neuen Roben aus Paris und dito Hüten; das eine Kleid ist seegrün, das andere rosa – da kommt dein entsetzlicher Brief an: der alte Onkel ist todt – – –
Franz.
Einmal mußte er doch sterben! Denke, 80 Jahre!
Lotte.
Uns Beiden hat er sein Vermögen vermacht – – –
Franz.
Jedenfalls ein hübscher Zug aus seinem Leben. Was du für Glück mit Erbschaften hast! Als armes Mädchen kamst du zur Welt, heirathest einen Mann – – –
Lotte.
Reich an Geld und Jahren, war das nicht unrecht von mir? Glaube nur, ich habe mir oft genug im Stillen Vorwürfe darüber gemacht. Doch laß ruhen die alten – – –
30
Franz.
Herren?
Lotte.
Geschichten – wollte ich sagen. Also ich soll sofort kommen, mit dir die Erbschaftsangelegenheiten reguliren und dabei mit Anstand meine 4 Wochen über den alten Onkel, den ich kaum kannte, an deiner Seite abtrauern. Da bin ich nun und traure schon an die 14 Tage!
Franz.
Armes Kind – und das Rosa und Seegrüne, die unterdessen aus der Mode kommen und als Opfer der Convenienz fallen!
Lotte.
Du hast gut spotten! Bezahlst du etwa die Rechnung?
Franz.
Gott behüte mich – für diesen Lebensgenuß sorgt meine Frau.
35
Lotte.
Apropos deine Frau! – Nun denke ich doch wenigstens diese liebenswürdige Schwägerin, die ich noch gar nicht kenne, hier zu finden, um den Schmerz der Langenweile mit ihr theilen zu können. Gott bewahre! Deine Frau hat natürlich Nerven und muß nach Franzensbad, um Kräfte für die Strapazen einer Schweizerreise zu sammeln; und ich muß mich behelfen mit einem langweiligen Bruder Gutsbesitzer, der über Viehzucht und Maschinen brütet!
Franz.
Und was für Maschinen! Hast du schon meine Kartoffellegemaschine gesehen? Sie arbeitet mit einer Zuverlässigkeit, sage ich dir – – –
Lotte
(unterbricht ihn).
Ein Bruder, der nicht einmal gewahr wird, daß er eine der liebenswürdigsten Berlinerinnen seine Schwester nennt! Hör' einmal,hast du denn gar keine Freunde, vielleicht so einen jungen Oberförster?
Franz.
Willst du ihn heirathen?
40
Lotte.
Nein, nur so zum Plaudern.
Franz.
Was heißt Plaudern? Du solltest heirathen. Geld hast du – – –
Lotte.
Und hübsch bist du – vergiß das ja nicht. Aber heirathen? Weiter fehlte mir nichts! Gott soll mich bewahren, mein junges Leben an so einen Mann fortzuwerfen!
Franz.
Du drückst dich ja recht stark aus!
Lotte.
Das thue ich nur so unter uns Brüdern.
45
Franz.
Im Allgemeinen scheinen die Frauen durchaus nicht deiner Meinung; wenigstens so viel ich mich aus meiner Junggesellenzeit erinnere – – –
Lotte.
Weißt du, Franz, das ist so unsere Art. Wir loben euch ins Gesicht, wir haben nämlich unsere guten Gründe dazu; im Herzen aber denken wir von euch, wie ihr es verdient: schlecht.
Franz.
Ich begreife gar nicht, was du an uns Männern auszusetzen hast.
Lotte.
Was ich an euch auszusetzen habe, das kann ich dir in zwei Worten sagen. Ihr seid Alle, aber Alle, entweder Gecken oder Pedanten.
Franz.
Zu welcher Kategorie du mich rechnest, brauchst du mir nicht erst zu sagen.
50
Lotte.
Bruder Franz – soll ich dir Enthüllungen machen? Ich weiß nicht, ob ich nicht Unrecht thue, in Dein argloses Gemüth einen Stachel zu senken.
Franz.
Stich nur zu, kleine Wespe.
Lotte.
So höre denn: Franz, ich schwöre dir, wenig junge Leute sind während meiner kurzen Ehe in mein Haus gekommen, die sich nicht in mich verliebt hätten; und diese Männer – zum Theil waren sie verheirathet, und diese Männer – zum Theil waren sie die besten Freunde meines Mannes!
Franz.
Und sie verliebten sich in dich? – Abscheulich!
Lotte.
Gar nicht abscheulich. Das Verlieben hätte ich ja ganz natürlich gefunden; aber Franz, daß sie Alles aufboten, mich von meiner Pflicht abwendig zu machen, – nicht Ehre, nicht Pflicht und Gewissen hielt sie ab, mich mit ihren Liebesanträgen zu verfolgen.
55
Franz.
Das klingt unglaublich.
Lotte.
Denke – eines Abends bringt mich ein junger Mensch, den ich kaum kenne, und der einige Zeit in Paris gelebt hatte, aus einer Gesellschaft nach Hause, und unterwegs, unter dem reinen Sternenhimmel, beim bleichen Schimmer der Laternen, im kalten Schnee der Siegesallee im Thiergarten macht er mir eine heiße Liebeserklärung. Du kannst dir meine Entrüstung denken! Ich fahre auf ihn los – und was glaubst du, was dieser Mensch zu seiner Entschuldigung vorbringt?
Franz.
Ein bischen angesäuselt – Champagnerlaune –
Lotte.
Nicht im mindesten. In Paris, meinte er, gälte es für gradezu unhöflich, wenn man mit einer jungen Dame, die manAbends nach Hause begleite, nicht von Liebe spräche. Und so seid ihr Alle.
Franz
(lacht).
60
Ich gewiß nicht, liebe Lotte.
Lotte.
Du hast vielleicht noch nicht oft Gelegenheit gehabt, hübsche junge Damen bei Nachtzeit nach Hause zu bringen. Genug, ich kann euch nicht achten, also auch nicht heirathen. Ich habe gesprochen.
Franz.
Nimm es mir nicht übel, liebe Lotte, aber ich glaube, du befindest dich in einem großen Irrthum. Ich bin seit 3 Jahren verheirathet, und Niemand hat bis jetzt gewagt, sich meiner Frau mit einer Liebeserklärung zu nahen, und Niemand wird es auch in Zukunft wagen.
Lotte.
Nun, wart' es nur ab!
Franz.
Daß man dich belästigt hat, Lotte, das hat an deinem Manne gelegen – verzeih' mir das unfreundliche Wort – er war ein guter, aber schwacher und beschränkter Herr, dem gegenüber man sich nicht genirte. Ich will mich nicht rühmen; aber wehe dem Manne, der es wagen sollte – ich würde ihn niederschießen wie einen Hund!
65
Lotte.
Ach, du Einfalt vom Lande! Ich merke nun wohl, du bist nicht nur ein Pedant, sondern ein Geck dazu.
(Diener bringt einen Brief.)
Franz
(nimmt den Brief).
Du erlaubst, Lotte.
(Liest.)
70
Lotte
(sieht ihm über die Schulter).
Vielleicht steht etwas Interessantes darin.
(Liest.)
»Lieber Freund.« Er hat Freunde. Das ist die erste gute Eigenschaft, die ich an ihm bemerke.
Franz
(springt auf).
75
Das ist etwas für dich, Lotte: ein junger Mann in Sicht, ein Prügelknabe für deine Langeweile. Dieser Freund, meinIntimus von der Universität, schreibt mir, daß er auf einer Reise nach Ober-Italien begriffen sei und seiner unbegränzten Sehnsucht, bei mir alte Jugenderinnerungen aufzufrischen, nicht widerstehen könne. Er ist unten im Dorf abgestiegen und kann jeden Augenblick hier sein.
Lotte.
Wie heißt er denn?
Franz.
Paul Morbach.
Lotte.
Kein sehr aufregender Name! Und was ist er?
Franz.
Ein gelehrtes Haus, Docent der Kirchengeschichte in Halle. Charakter: Bücherwurm, äußerste Ehrbarkeit, Geist immens.
80
Lotte.
Ist er verheirathet? Hat er Kinder?
Franz.
Kinder hat er zwar nicht, aber ab und zu beschenkt er die Welt mit einem dicken gelehrten Buch.
Lotte.
Wie heißt denn sein neuestes Werk?
Franz.
Ich glaube: »Die Geschichte der Eucharistie und ihre heilige Symbolik.« Aber wozu willst du das wissen?
Lotte.
Das geht dich gar nichts an.
85
(Für sich.)
Es ist mitunter zweckmäßig, das
(Nimmt ein Notizbuch heraus; laut.)
Wie war der Titel? Noch einmal.
Franz.
Die »Geschichte der Eucharistie und ihre heilige Symbolik.«
90
(Sie notirt ihn.)
Siehst du, dieser Morbach, das ist einer von den Menschen – den ließe ich jahrelang in intimster Vertraulichkeit neben meiner Frau leben, ohne daß ein Schatten von Eifersucht in meine Seele käme. Das ist ein reiner Mensch, für den stehe ich ein.
Lotte.
Weißt du was, Brüderchen? Ich möchte dir einmal eine Lection geben und zugleich deiner Menschenkenntniß ein wenig aufhelfen. Du bist ja das reine Kind und weißt von der Welt so gut wie Nichts. Ich habe einen köstlichen Einfall, der dich von deiner Geckenhaftigkeit und mich von meiner Langenweile heilen soll. Kennt dein Freund deine Frau?
Franz.
Bewahre; ich sage dir ja, daß ich ihn seit drei Jahren nicht gesehen habe.
Lotte.
Und kein Austausch von Photographien und dergleichen hat stattgefunden?
95
Franz.
Nichts dergleichen; aber warum fragst du das?
Lotte.
Ahnst du nichts, du ahnungsloser Engel du? Eine teuflische Intrigue will ich anspinnen. Ich werde auf 24 Stunden deine Frau sein.
Franz.
Gott bewahre mich!
Lotte.
Was? Du verdienst mich gar nicht! Ich sage dir, ich werde deine Frau spielen und werde dir zeigen, wie dein Freund und Bücherwurm mir im Handumdrehen die Cour macht.
Franz.
Auf einen solchen frivolen Scherz sollte ich mich einlassen? Niemals!
100
Lotte.
Aha, man fürchtet sich zu blamiren!
Franz.
Ich, Furcht?
Lotte.
Du langweiliger Tugendspiegel du!
Franz.
Du Eulenspiegel!
Lotte.
Du bist ein unausstehlicher Mensch!
105
Franz.
Und du bist grob!
Lotte
(schmeichelnd).
Franz, laß uns doch den harmlosen kleinen Scherz ausführen. Kein Mensch riskirt etwas dabei. Wir amüsiren uns, dein Freund amüsirt sich, Lucie lacht, wenn sie's erfährt und – ach, siehst du, liebster bester Franz, thu' es doch!
Franz.
Schmeichelkatze! Das will nun eine verständige Witwe sein!
Lotte.
Lieber, guter Franz, du mußt Ja sagen, sonst – ich gieße dir hier die schwarze Tinte über deinen reinlichen Pacht-Contract.
110
Franz.
Nun meinetwegen; du bist ein tolles Frauenzimmer – aber betrage dich mit Anstand.
Lotte.
Ich bin vor Entzücken außer mir; laß dich umarmen Herzensbruder, wir werden uns herrlich amüsiren – ach, wäre er nur schon hier! Wie lieb ich dich habe, guter Franz! Ich will nur schnell hinaus und den August instruiren, damit er uns nicht verräth. Und du Franz, um Gottes Willen, verschnappe dich nicht.
(Schnell ab.)
Franz.
Es scheint wirklich, als hätten diese Frauen nichts zu thun, als die vernünftigen Männer unvernünftig zu machen. Mich eifersüchtig zu machen, soll ihr aber nicht gelingen – eifersüchtig auf meine kleine, liebliche, harmlose Lucie! Warum nicht gar!

(Hedwig Dohm: Der Seelenretter. Lustspiel in einem Act. Berlin: Krause1875. (S. 1–46.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.