Der Flüchtling

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Figurenkonstellation

Theodor Herzl

Der Flüchtling (1887)

Lustspiel in einem Aufzug

Uraufführung1889

SchauplatzOrt: Eine Hauptstadt. Zeit: Die Gegenwart.

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Erster Auftritt.

Margarethe. Adele.
Adele
(links vorn sitzend, die Stirne mit einem weißen Tuch umbunden, für sich).
Sie macht noch immer nicht Miene fortzugehen.
(Laut, kläglich.)
Gnädige Frau!
5
Margarethe
(im Erker sitzend, das Gesicht elegisch in die Hand gestützt und zum Fenster hinausstarrend).
Was wollen Sie, Adele?
Adele.
Sieben Uhr ist längst vorüber. Wenn Sie die Oper nicht ganz versäumen wollen, Gnädige –
Margarethe
(erhebt sich und kommt langsam nach rechts vor).
Die Oper! Als ob mir nicht alles gleichgültig wäre! – Ich hätte gute Lust, zu Hause zu bleiben.
10
Adele
(unruhig).
Ah, Sie werden doch nicht?
Margarethe.
Und warum nicht, Adele? Haben Sie dagegen etwas einzuwenden?
Adele.
Ich wollte nur sagen: die gnädige Frau werde sich doch nicht durch meine Migräne vom Besuch des Theaters abhalten lassen!
Margarethe.
Wie fühlen Sie sich jetzt?
15
Adele.
Etwas besser – Ach! schon wieder ein Stich!
(Wimmert leise.)
Margarethe
(ergreift vom Tisch rechts das Flacon).
Soll ich Ihnen die Stirne mit diesem Äther einreiben?
Adele.
Nein, nein, danke! Ich kann den Geruch nicht vertragen! – Es wird schon besser werden. Ich will kalte Umschläge nehmen, wenn Sie fort sind, gnädige Frau!
20
Margarethe.
Es steht ja beinahe so aus, als wollten Sie mich fort haben?
Adele.
O, welcher Gedanke!
(Für sich.)
Sollte sie etwas ahnen?
(Laut.)
25
Ich meine nur: Sie amüsieren sich selten genug.
Margarethe.
Nie, Adele. Ich amüsiere mich nie.
(Setzt sich auf die Chaiselongue.)
Adele.
Sie gehen nirgends hin, verkehren mit niemandem!
Margarethe.
Kann ich das in meiner Position? Er – er ist freilich besser daran. Und doch war nur er der Schuldige.
30
Adele.
Ihr Gatte, gnädige Frau?
Margarethe.
Ich habe keinen Gatten. Er existiert für mich nicht mehr.
Adele.
Dann existiert doch auch kein Grund für Sie, sich von aller Welt zurückzuziehen.
Margarethe.
Ah, keiner? Sie vergessen, daß ich weder Mädchen, noch Witwe, noch auch geschiedene Frau bin. Wohl aber bin ich zu stolz, um mich von irgend einem zerstreuungsbedürftigen Herrn trösten zu lassen.
Adele.
Zu schön, um unbemerkt zu bleiben.
35
Margarethe.
Ich kann Schmeicheleien nicht ausstehen. Merken Sie sich das ein für allemal.
Adele
(sich erhebend, zurückstehend).
Ich werde es nicht vergessen, gnädige Frau.
Margarethe.
O, er war auch ein Schmeichler.
Adele.
Ihr Ga– Herr von Gerditz?
40
Margarethe.
Ja. Er hatte eine so gute, liebe Stimme, und so warme Augen und ein so treuloses Herz, der Heuchler!
Adele.
Er muß ein verführerischer Mensch sein.
Margarethe.
Seien Sie froh, daß Sie ihn nicht kennen. Er würde Ihnen auch den Hof gemacht haben – wie einer jeden anderen. Und Sie wären ihm auch auf den Leim gegangen – wie jede andere.
Adele.
O, das ist doch nicht gewiß.
Margarethe.
Ganz gewiß, verlassen Sie sich darauf. Er ist ein solcher Verführer. Ach, meine liebe Adele, ich hin sehr unglücklich!
45
Adele.
Wo ist er denn jetzt?
Margarethe.
Ich glaube, in Paris. Ah, er amüsiert sich nach wie vor. Die einzige Genugthuung, die ich habe, ist, daß er nicht wieder heiraten, nicht noch ein unschuldiges, argloses Mädchen unglücklich machen kann. Darum habe ich mich nicht scheiden lassen.
Adele.
Aber, wenn ihn das doch nicht abhält, sich zu amüsieren?
Margarethe.
Daran hatte ich damals nicht gedacht, als sich aus seinem Hause ging. Und später wollte ich nichts mehr mit ihm gemein haben – nicht einmal die Scheidung!
Adele.
Und hat auch er keinen Versuch gemacht?
50
Margarethe.
Sich mir wieder zu nähern?
Adele.
Nein, sich scheiden zu lassen.
Margarethe.
Ich schicke ihm seine Briefe immer uneröffnet zurück.
Adele.
Er schreibt also?
Margarethe.
Sehr oft.
55
Adele.
Vielleicht strebt er eine Versöhnung an?
Margarethe.
Glauben Sie? Nein, das ist ausgeschlossen. Zu mir giebt es für ihn keinen Weg mehr. Ich bin unerbittlich, und er weiß es nur zu gut. Ich gehöre zu jenen, die nie fündigen und nie verzeihen.
Adele.
Und lieber ihr Leben vertrauern?
Margarethe.
Und lieber ihr Leben vertrauern.
(Drückt das Taschentuch vor die Augen.)
(Man hört wie von oben die gedämpften Töne eines Klaviers.)
60
Adele
(unruhig, für sich).
Er giebt mir das Zeichen.
(Greift sich wie leidend an den Kopf.)
Ach, ach!
Margarethe
(erhebt sich langsam).
65
Hören Sie? Da oben, über uns, wird musiziert. Vielleicht ein junges Ehepaar? Er träumt in die blauen Wolken seiner Cigarre hinein, und sie spielt. – Wo ist die Zeit? – Sie spielt.
Adele.
Wer, sie?
Margarethe.
Seine Frau vermutlich.
Adele
(lächelt).
Ah?
70
Margarethe
(geht nach links an das Pianino).
Adele
(stellt sich ihr in den Weg).
Ach, bitte, nicht spielen, gnädige Frau!
Margarethe.
Warum nicht?
Adele.
Ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn ich unbescheiden bin, gnädige Frau! Aber mein nervöser Kopfschmerz –
75
Margarethe.
Sie können Musik jetzt nicht vertragen? Gut, gut. Ich werde lesen.
Adele
(hastig).
Sie wollten ja ins Theater, gnädige Frau! Die Zerstreuung wird Ihnen wohl thun.
Margarethe.
Es scheint Ihnen besonders viel daran gelegen zu sein.
Adele.
Nur weil ich Sie traurig sehe. Sie müssen sich ein wenig erheitern, gnädige Frau!
80
Margarethe
(für sich).
Dahinter steckt etwas.
(Laut.)
Gut, ich folge Ihnen. Geben Sie mir Hut und Mantel.
Adele.
Ich eile.
85
(Ab links.)
Margarethe
(allein).
Sie will mich offenbar fort haben. Hm, vielleicht erwartet sie Besuch? Ich hielt sie für eine anständige Person. Wenn ich mich in ihr getäuscht habe, muß sie mir aus dem Haus.
(Geht nach dem Erker rechts hinten.)
Ich werde zurückkommen.
90
Adele
(mit Hut, Mantel, Opernglas von links zurückkehrend).
Der Portier holt einen Wagen.
Margarethe
(zum Fenster hinaussehend).
Heute ist er nicht da.
Adele
(ist Margarethe behilflich).
95
Wer, gnädige Frau?
Margarethe
(wendet sich plötzlich um und fixiert Adele).
Der Herr, den ich seit einigen Tagen da drüben bemerke. Er kommt, in einen großen Mantel gehüllt, wenn es dunkel wird, und schaut längere Zeit zu uns herauf.
(Setzt den Hut auf und kommt vor.)
Adele.
Ein Schwärmer? Ich habe ihn nicht bemerkt.
100
Margarethe.
Wirklich nicht?
Adele
(unbefangen).
Nein.
Margarethe.
Das Stubenmädchen ist ausgegangen. Sie bleiben allein in der Wohnung, Adele.
(Läßt sich den Mantel umhängen.)
105
Adele.
Die Köchin ist ja da.
(Wimmert ein wenig.)
Margarethe.
Die ist stocktaub. Lassen Sie niemanden herein!
(Sie fährt in einen Handschuh.)
Adele.
Wer sollte denn kommen?
110
Margarethe.
Ich sage es nur vorsichtsweise.
(Geht.)
Gute Besserung!
Adele
(begleitet sie).
Danke! Gute Unterhaltung, gnädige Frau!
115
(Beide links hinten durch den Haupteingang ab.)
(Kleine Pause.)

(Theodor Herzl: Der Flüchtling. Lustspiel in einem Aufzug. Leipzig: Reclam [1887]. (S. 1–30.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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