Das Phantom

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Figurenkonstellation

Hermann Bahr

Das Phantom (1913)

Komödie in drei Akten

Uraufführung1913

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Erster Akt

Saal bei Doktor Fidelis Schmorr. Hoher, groß und ernst wirkender, dennoch aber behaglicher Raum, der, obwohl durchaus modern, an Schinkel erinnert.
Links ganz vorne ein sehr hohes, bis zur Erde reichendes Fenster mit Vorhängen aus weißer Seide. Dann die Sofaecke: mattgraue Wand mit blaß abgetöntem Medaillon, ein großes halbrundes Sofa in dunkelrotem Mahagoni mit tiefblauem Bezug, ein runder Tisch mit einem einfachen Stuhl und eine Sitzbank aus dunkelrotem Mahagoni mit tiefblauem Bezug. Über dem Sofa ein Bild von Schwind und ein Bild von Maurice Denis; Kronleuchter mit Kerzen aus Porzellan für elektrisches Licht. Weiter links ein zweites sehr hohes, bis zur Erde reichendes Fenster mit Vorhängen aus weißer Seide. Dann in der abgeschrägten Wand ein eingebauter Glasschrank mit altem Porzellan; darüber blaß abgetöntes Medaillon.
Rechts vorne, dem Fenster gegenüber, Türe zum Zimmer des Doktor Fidelis Schmorr. Dann die Kaminecke mit einem langen ovalen Tisch aus dunkelrotem Mahagoni mit Schreibzeug, Rauchzeug und Zeitschriften, zwei großen Lehnstühlen an den beiden schmalen Seiten, einem ebensolchen Lehnstuhl an der langen Seite des Tisches und, mit der Lehne an diesen dritten Lehnstuhl gerückt, nach der Mitte hin gerichtet, noch ein vierter solcher Lehnstuhl in dunkelrotem Mahagoni. Über dem Kamin an der mattgrauen Wand ein Stilleben von Cezanne: mehrere grüne Äpfel, ein rötlicher Apfel, ein Brot, ein Zinnkrug, ein Messer und ein Glas auf zerknülltem weißem Tischtuch vor gelbem Hintergrund; daneben eine Landschaft von van Gogh; Kronleuchter mit Kerzen aus Porzellan für elektrisches Licht. Weiter rechts, dem zweiten Fenster gegenüber, Türe zum Zimmer der Frau Luzie Schmorr. Dann, in der abgeschrägten Wand, eingebauter Glasschrank mit modernem Porzellan.
Hinten in der Mitte Glasschrank mit Kunstgläsern von Tiffany, Olbrich, Moser. Links davon Türe zum Flur und ins Stiegenhaus. Rechts davon Türe zu den anderen Wohnräumen.
Boden mit ockergelbem Teppich bespannt. Plafond hellgrau mit gemaltem Velum. An den Türen Vorhänge aus weißer Seide wie an den Fenstern.
Winter. Trüber Tag. Gegen Abend.
Justine
(zweiundfünfzig Jahre, ihre altmodische Tracht läßt sie älter aussehen, aber wenn sie spricht und das mißtrauische Gesicht allmählich öffnet, scheint sie zuweilen auf einmal wieder ganz jung zu sein; klein, mit hohen Schultern und einem großen Kopf, klugen, blinzelnden Augen, einer kurzen,
Ich verstehe das nicht! ... Lassen Sie bitte meine Sachen gleich ins –
(Tritt ein, nimmt ihren Hut ab und gibt ihn dem Fräulein Therese.)
Therese
(dreißig Jahre; Hausfräulein, still, bescheiden, ängstlich, leicht nervös; sehr einfach gekleidet).
5
Wollen gnädige Frau das blaue Zimmer oder den Salon?
Justine
(mit Grimasse).
Nicht den Salon! Seit der Kerl dort hängt – wie heißt er? Dieser – Hodl!
Therese.
Hodler.
Justine.
Hodl oder Hodler ... scheußlich! Nein. Ins blaue.
10
Therese
(winkt dem Diener und gibt ihm den Reisemantel und den Hut).
Diener
(kommt durch die Türe links vom Glasschrank, bringt einen verschlissenen alten Handkoffer, nimmt den Reisemantel und den Hut, geht durch die Türe rechts vom Glasschrank ab, kehrt gleich wieder zurück und geht durch die Türe links vom Glasschrank in den Flur ab).
Justine
(geht zum runden Tisch links).
Ich verstehe das gar nicht. Hat sie denn meine Depesche nicht gekriegt?
Therese.
Eine Depesche kam für die Frau Doktor, aber da war die Frau Doktor schon fort, im Auto.
15
Justine
(ärgerlich).
Wohin denn?
Therese.
Vermutlich dem Herrn Doktor entgegen. Da der Herr Doktor gestern telegraphiert hat, daß er heute kommt, denk ich mir, daß sie vielleicht, um ihn in einer Zwischenstation abzuholen ...
(achselzuckend)
aber freilich, sicher –
20
Justine
(ihr ins Wort fallend, kurz).
Nein, sicher weiß man bei ihr nie was.
(Setzt sich auf die Sitzbank links, aber mit dem Rücken zum runden Tisch.)
Wie lange war denn mein Schwiegersohn fort?
Therese.
Morgen genau drei Wochen.
25
Justine
(mit einer leise verächtlichen Betonung).
Wieder droben, in seiner Hütte?
Therese
(nickt bestätigend).
Die Frau Doktor fuhr mit hin, kam aber schon am anderen Tag zurück. Eigentlich sollte der Herr Doktor ja bis Mitte März ausbleiben. Bis die Herrschaften nach Dalmatien gehen.
Justine
(nach einer kleinen Pause).
30
Und? Warum?
Therese
(verlegen, fast etwas traurig).
Ich weiß nicht.
(Tritt näher; leise, zögernd.)
Die Frau Doktor hat dem Herrn Doktor vier Eilbriefe geschrieben. Bis er gestern telegraphierte, daß er heute kommt.
35
(Achselzuckend, traurig, ganz leise.)
Ich weiß aber wirklich nicht.
Justine
(trocken).
Ich habe Sie schon einmal gewarnt, meine Tochter nicht tragisch zu nehmen. Sie wünscht sich das, aber man soll es nicht.
Therese
(beflissen).
40
Ich bemühe mich gewiß –
Justine
(ihr ins Wort fallend).
Jedes Haus hat ja seine ... gewissermaßen seine Achillesferse, dieses aber besteht aus lauter Achillesfersen. Es muß für Sie nicht leicht sein.
Therese
(rasch, beteuernd).
Die Frau Doktor ist ja so herzensgut! Und der Herr Doktor doch auch!
45
Justine
(trocken).
Dadurch erschweren Sie sich's ja noch mehr.
Therese
(fast erschreckt).
Wodurch?
Justine.
Sie möchten' s meiner Tochter recht machen, aber meinem Herrn Schwiegersohn auch.
50
Therese
(eifrig).
Das ist doch aber dasselbe!
Justine
(mit einem scharfen Blick auf Therese; kurz).
So? Noch immer? – Mir recht!
Therese
(beteuernd).
55
Gnädige Frau, ich –
Justine
(aufstehend; kurz).
Ich habe Sie nicht gefragt.
(Geht nach rechts vorne. Nach einer kleinen Pause.)
Meine Tochter erzählt mir in einemfort, welchen herrlichen Mann sie hat, und mein Schwiegersohn erzählt mir wieder, welche herrliche Frau meine Tochter ist, und Sie erzählen mir dann, welche herrliche Menschen die beiden sind. Ich habe gewußt, daß das ein böses Ende nehmen muß. Nun scheint' s, sind wir ja so weit.
60
Therese
(entsetzt).
Um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Justine
(kurz).
Das weiß ich nicht.
(Sieht sie fragend an)
65
Therese
(verwirrt, beteuernd).
Aber nichts, gnädige Frau!
Justine
(mißt sie forschend).
Warum sind Sie dann so –?
Therese
(ihr aufgeregt ins Wort fallend).
70
Was denn? Wie bin ich denn, gnädige Frau?
Justine
(langsam, trocken).
Unheilschwanger.
Therese
(blickt beschämt zu Boden, als wenn sie ein schlechtes Gewissen hätte).
Justine
(leichthin).
75
Zum Teil mag das ja bei Ihnen Naturanlage sein. Doch nimmt es in der letzten Zeit bedenklich zu.
(Geht an Therese vorüber zum Kamin, um sich das Stilleben von Cezanne anzusehen.)
Aber ich bin nicht neugierig.
Therese
(langsam, zögernd).
Ich wäre der gnädigen Frau sogar im Gegenteil sehr dankbar, wenn ich darauf antworten dürfte.
80
Justine
(mit dem Finger auf den Cezanne zeigend; sehr mißtrauisch).
Das ist doch auch wieder neu?
Therese
(gleich gehorsam den Ton wechselnd, erklärend).
Ein Cezanne.
Justine
(mißbilligend, kopfschüttelnd).
85
Schon diese Namen!
Therese.
Der Herr Doktor hat ihn selbst das letztemal in Paris gekauft.
(Mit voller Bewunderung.)
Für fünfundsiebzigtausend Mark.
Justine
(trocken).
90
Da kommt also der Calville fast auf zwanzigtausend Mark.
(Wendet sich voll Verachtung ab; ruhig.)
Das sind doch auch Zeichen einer inneren Verstörung.
(Kommt wieder an den runden Tisch links.)
Was wollten Sie sagen?
95
Therese
(beklommen).
Ich meinte nur, daß es mir sehr das Herz erleichtern würde, wenn mir gnädige Frau gestatten wollten –
Justine
(trocken).
Ich gestatte. Erleichtern Sie!
Therese
(in einem Ton tiefer Kränkung).
100
Gnädige Frau haben da früher ein Wort gebraucht ... nämlich daß ich, wie gnädige Frau sagten, gewissermaßen
(sie muß sich überwinden, das Wort auszusprechen)
»unheilschwanger« ...
Justine
(trocken).
Sehen Sie sich in den Spiegel!
105
(Setzt sich auf das Sofa links.)
Therese
(gekränkt).
Da muß ich also doch aber bitten, das erklären zu dürfen. –
(Aufgeregt, sehr leise).
Mir ist nämlich um die Frau Doktor so bang!
110
Justine
(keineswegs erschreckt; kurz).
Warum?
Therese
(aufgeregt, leise).
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sie furchtbar leiden muß.
Justine
(trocken).
115
Luz hat immer gelitten, schon als Kind. Es ist ihr nicht wohl, wenn sie nicht leidet.
(Mit einer leisen Bitterkeit.)
Bei Mädchen, die das Unglück haben, in großem Reichtum aufzuwachsen, ist das nichts Ungewöhnliches.
Therese
(kopfschüttelnd).
Melancholisch war sie ja von je. Das mag, wie die gnädige Frau sagten, gewissermaßen dazu gehören. Es kleidet sie ja auch so gut. Jetzt aber .... nein, gnädige Frau! Sie muß jetzt wirklich irgendeinen ernsten Kummer haben.
120
Justine
(trocken).
Seit wann?
Therese.
Es fing eigentlich schon gleich nach Weihnachten an, bald nachdem gnädige Frau wieder abgereist waren.
Justine.
Was fing da an?
Therese.
Die Frau Doktor war plötzlich so ruhelos.Viermal, fünfmal ging sie täglich aus, und jeden Abend ins Theater oder in ein Konzert, da sie doch sonst immer am liebsten daheim war.
125
Justine.
Was hat denn mein Schwiegersohn dazu gesagt?
Therese
(ganz erstaunt).
Der Herr Doktor?
Justine.
Der mag das doch eigentlich nicht.
Therese
(eifrig).
130
Ach der Herr Doktor mag doch eigentlich alles, ihm macht doch alles Vergnügen.
Justine
(spöttisch).
Also der ist – unverändert? Der ist wenigstens noch nicht melancholisch?
Therese
(unwillkürlich lächelnd).
Nein. Das kann man sich auch kaum vorstellen.
135
Justine.
Nun und er hat aber nichts bemerkt, an meiner Tochter?
Therese
(rasch, ganz ernst).
Der Herr Doktor bemerkt doch überhaupt nichts! –
(Erschrocken, daß sie etwas Ungebührliches gesagt hat, das sie nun abschwächen möchte.)
Ich meine nur –
140
Justine.
Sie haben sicher recht.
Therese
(eifrig).
Der Herr Doktor ist doch ein so hervorragend gescheiter Mann, aber eben offenbar viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um ... Ich meine nur, es hat mich gewundert ... es war ja mit der gnädigen Frau jetzt zuweilen schon fast unheimlich, ihm aber scheint nichts an ihr aufgefallen zu sein.
Justine
(trocken).
Die Männer sind alle dumm. Besonders aber die Gescheiten.
145
Fidelis
(noch draußen im Flur, unsichtbar; laut).
Ja hat sie denn meine Depesche nicht gekriegt?
Therese.
Der Herr Doktor!
(Geht ihm entgegen, zur Türe links vom Glasschrank.)
Fidelis
(noch draußen, unsichtbar).
150
Ich verstehe das nicht!
(Tritt durch die Türe links vom Glasschrank ein; dreiunddreißig Jahre; mittelgroß, wirkt aber durch seine kurzen Beine fast klein; fest, gedrungen, mit breiten massiven Gebärden; hält sich gern ein wenig schief, wiegt sich beim Gehen seemännisch in den Hüften, immer wie auf Deck; ein kugelrundes, neugieriges, kindlich fragendes Gesicht mit einer kleinen dünnen spitzen Nase und ganz feinen, schmalen, ironisch zusammengepreßten Lippen; dazu stimmen eigentlich gar nicht die großen grauen Augen, die wie Schutzbrillen sind, ihn decken, aber nichts verraten; dichtes, sehr weiches, glattes, nach der Seite gestrichenes, strohgelbes Haar; das glatt rasierte Gesicht wetterhart, vom Wind gebeizt, fast wie Leder aussehend; Tenorstimme, schmetternd, lachend und im lebhaften Gespräch leicht gicksend; zuweilen mit einem leisen Anklang der bayerischen Mundart, besonders wenn er vergnügt wird, aus der er aber dann plötzlich wieder in ein sehr scharfes, fast etwas forciertes Hochdeutsch gerät, besonders wenn er ungeduldig wird; zuweilen auch eine leise Neigung zu stottern, besonders wenn er sich im Reden überstürzt, wobei dann der ganze Körper ein wenig zu schwanken scheint; er hat eine Vorliebe für zu weite, schlotternde Kleider, besonders aber für sehr große Taschen, in die er die Arme gern fast bis zu den Ellenbogen steckt; jetzt trägt er einen Lodenanzug mit Kniehosen; beim Eintritt, rasch).
Jetzt sagen Sie mir nur, Fräulein –
(Erblickt Justine, hält ein; lustig feierlich.)
Oho! welcher Glanz! Die Königin-Mutter höchst selbst!
155
Justine
(abwehrend).
Fang nur nicht gleich wieder an!
Fidelis
(lustig).
Ich muß mich bloß erst wieder in den
(mit ironischer Betonung)
160
»Hofton« finden!
(Reicht ihr die Hand und behält ihre Hand in der seinen.)
Denk nur, Mamchen: drei Wochen in meiner Hütte, jeden Tag neun Stunden in Eis und Schnee draußen, bis man dann abends gar nichts mehr spürt als eine grenzenlose Dankbarkeit, daß man jetzt wieder sitzen darf, stillsitzen und kein Bein mehr rühren, und den Kopf schon gar nicht – herrlich ist das!
(Läßt ihre Hand los.)
Aber wo steckt denn Luz? Drei Wochen ehelicher Entbehrung und dann bloß ... Schwiegermutter? – Also wo –?
165
Therese.
Die gnädige Frau ist heute früh im Auto fort.
Diener
(durch die Türe links vom Glasschrank, mit einem Rucksack, Skiern, einem Bergstock und einer Mappe, geht zur ersten Türe rechts und hier ab).
Justine.
Dir entgegen, vermuteten wir.
Fidelis
(kopfschüttelnd).
Ich sah doch in jeder Station hinaus, ob sie nicht vielleicht – ich kenne diese Leidenschaft ja.
170
(Vorwurfsvoll.)
Warum bist du nicht mit?
Justine.
Ich –
Fidelis.
Man darf sie doch nicht allein fahren lassen, sie kommt ja bekanntlich nie dort an, wohin sie will.
Justine.
Ich bin doch selbst erst seit einer halben Stunde hier. –
175
(Langsam.)
Sie hat mir nämlich einige recht merkwürdige Briefe geschrieben.
Diener
(durch die erste Türe rechts, geht durch die Türe links vom Glasschrank wieder ab.)
Fidelis
(erstaunt, nachdenklich).
Dir auch?
180
(Er scheint
Therese
(hat seinen Blick bemerkt; indem sie zur Türe links vom Glasschrank geht).
Der Herr Generaldirektor hat heute früh telephoniert, er wird –
Fidelis
(rasch einfallend).
Ich weiß. Nur gleich herein mit ihm, wenn er kommt!
185
(Sich die Hände reibend, vergnügt.)
Wir haben das Jahr mit der Brauerei wieder einen mächtigen Haufen Geld verdient, Mamchen! –
(Zu Therese, indem er zur ersten Türe rechts geht.)
Ja und – auch der Sekretär Habusch hat sich angesagt. Ich will das alles heute gleich erledigen.
(Durch die erste Türe rechts ab, die er offen läßt.)
190
Therese.
Soll ich den Tee dann hier oder –?
Justine.
Hier.
Therese
(durch die Türe links vom Glasschrank ab).
Fidelis
(kommt durch die erste Türe rechts zurück und beginnt im Zimmer auf und ab zu gehen).
Ich sag dir, Mamchen: Mir ist es zuerst immer wieder ganz unheimlich in der Stadt! Schon der bloße Geruch ... es menschelt so.
195
(Sehnsüchtig.)
Meine Hütte!
(Mit einem Blick auf Justine.)
Aber das kann sich ja so eine Kohlenbaronin gar nicht vorstellen! – Und diese wahrhaft auserlesene Gesellschaft da oben: drei Dackeln und sonst niemand als meine Freund, die Bergführer.
(Lacht vergnügt.)
200
Die Kerln haben ganz dieselben vier oder fünf Urmotive, durch die ja jedes menschliche Leben bewegt wird, und machen sich aber dazu nicht, wie wir, noch was vor! So herrlich erfrischend ist das! Wenn mir Luz
nicht so dringend geschrieben hätte – ja was ist also mit Luz? Sag mir!
Justine
(achselzuckend).
Ja was ist mit Luz? Sag
(mit dem Ton auf dem nächsten Wort)
205
du mir!
Fidelis
(achselzuckend).
Ich bekam gestern drei Depeschen und vier Eilbriefe von ihr. Alle zugleich. Der Knecht geht ja nur jeden zweiten Tag hinauf, daran hat sie nicht gedacht. In dem einen Brief beschwor sie mich zurückzukommen, gleich, gleich, gleich – du kennst ihre Vorliebe, jedes Wort dreimal zu schreiben und dann noch dreimal zu unterstreichen, das Strafporto wird mich noch ruinieren! Und ebenso heftig beschwor sie mich aber in einem anderen Brief, jetzt nicht zu kommen – ja, ja, ja nicht! Es wäre ihr jetzt »unerträglich«, mich zu sehen! Ähnlich übereinstimmend lauteten die Depeschen und ich wußte nun ja nicht, welcher Brief früher und welcher später geschrieben war, da sie ja nie datiert und der Poststempel sich immer verwischt. Eigentlich fuhr ich also nur her, um mich zu erkundigen, welches der letzte Brief ist, der der gilt. Dann kann ich wahrscheinlich gleich wieder zurückfahren.
Justine
(ernst, eindringlich fragend).
Was war denn aber?
210
Fidelis
(erstaunt).
War denn etwas?
Justine.
Ihre Aufregung muß doch irgend einen Grund haben.
Fidelis
(überrascht).
Glaubst du?
215
Justine
(ärgerlich).
Erlaube mir!
Fidelis
(leichthin).
Luzens Aufregungen entstehenmeistens bloß aus einem inneren Bedürfnis, aufgeregt zu sein. Ohne jeden äußeren Grund.
Justine
(vorwurfsvoll).
220
Das kommt aber davon!
Fidelis.
Wovon?
Justine
(heftig).
Wenn sich eine Frau völlig ihren Launen überlassen darf! – Ein Mann muß doch seine Frau zu zügeln wissen. Aber du hast eben von Anfang an nie –
Fidelis
(ihr ins Wort fallend, indem er neben sie tritt; lustig neckend).
225
Mamchen, daß dich dein Mann je gezügelt haben sollte – Gott hab ihn selig!?
Justine
(auffahrend, verweisend).
Ich verbitte mir –
Fidelis
(rasch einfallend, indem er sie wieder ins Sofa drückt; begütigend).
Kennst mich doch, Mamchen! Wen ich gern hab, muß ich immer ein bißchen zausen. Gar aber dein Anblick, wenn du so dramatisch die Nüstern blähst –!
230
(Leichthin.)
Daher hat's auch Luz, das Dramatische!
Justine
(ärgerlich).
Man kann euch alle zwei ja nicht zu den Erwachsenen rechnen.
Fidelis
(lustig).
235
Das ist eigentlich auch mein geringster Ehrgeiz. –
(Den Ton wechselnd, plötzlich ernst, besorgt, rasch.)
Du glaubst doch nicht, daß im Ernst –
Justine
(rasch einfallend, sehr ärgerlich).
Aber du hast doch eben selbst erzählt!? Die vier Eilbriefe, die drei Depeschen in einem Tag? Und mir hat sie ja seit vorgestern auch ununterbrochen geschrieben und telegraphiert!
240
Fidelis
(vergnügt lachend).
Das dacht ich mir! Mamchen kriegt sicher auch ihr Teil, dacht ich mir.
Justine
(strenge).
Und dann fragst du noch –?
Fidelis
(leichtsinnig).
245
Deswegen? – Sie hat eben wieder einen Anfall. Von Zeit zu Zeit hat sie ihren dramatischen Anfall. – Sicher Vererbung.
Justine
(gereizt).
Wieso denn?
Fidelis.
Erinner dich nur, Mamchen, wie's manchmal bei dir zugeht! Wenn du plötzlich über den Wäscheschrank gerätst, und man hört deine Stimme dann durchs ganze Haus, daß alles zittert! Dramatischer Anfall.
Justine
(empört).
250
Das ist dann noch der Dank!
Fidelis
(philosophisch).
Man hat keinen Dank.
Justine
(sehr heftig).
Ich tu's auch gar nicht, um Dank zu haben!
255
Fidelis
(sehr ruhig).
Nein, du tust es, um dir Bewegung zu machen. Ganz wie Luz. Nur hat sich's bei der mehr ins Seelische transponiert. – Darum beunruhigen mich ihre dramatischen Tage nicht sehr.
Justine
(springt ärgerlich auf, tritt vom Sofa weg, zum ersten Fenster vor; erbittert).
Dich beunruhigt ja überhaupt nichts! – Für dich ist doch alles nur wieder ein Anlaß, dich in Paradoxen zu ergehen. Denn ich will dir sagen, was du bist!
Fidelis
(gelassen, trocken).
260
Ein Egoist.
Justine
(wütend, schreiend).
Jawohl!
Fidelis
(gelassen, bestätigend).
Jawohl. Und weißt du, was noch mit mir ist? Ich habe –
265
Justine
(rasch einfallend; sehr erbittert, da sie schon weiß, was kommt).
Ja! Du
(das nächste Wort stark betonend)
hast auch kein –
Fidelis
(gelassen, einfallend).
270
Kein Gemüt. – Duwarst schon öfter so freundlich, mich darauf aufmerksam zu machen.
Justine
(tritt sprachlos an das erste Fenster, blickt hinaus und atmet hörbar auf).
Fidelis
(nach einer kleinen Pause; trocken).
Zehn Pfennige.
Justine
(noch mit dem Rücken zu Fidelis, nur über ihre rechte Schulter zurück nach ihm blickend, verwundert, mißtrauisch).
275
Was denn? Wieso?
Fidelis.
Wieder zehn Pfennige verdient.
Justine.
Wer?
Fidelis.
Du.
Justine.
Was willst du, was meinst du denn eigentlich?
280
Fidelis
(vergnügt erzählend).
Ich ging neulich quietschvergnügt so durch den Schnee hin, da fiel mir ein, um mich ein bißchen im Kopfrechnen zu üben, einmal heraus zu dividieren, wieviel eigentlich deine Rente, Mamchen, in der Sekunde macht. Genau zehn Pfennige, denk dir. Und ich sagte mir: Also wenn diese brave Frau, wie's ja ihre Art ist, so still ein bißchen vor sich hinschnauft, mit jedem solchen lieben kleinen Schnaufer hat sie wieder zehn Pfennige verdient.
Justine
(kehrt sich jetzt ganz nach ihm um; trocken).
Eine deiner würdige Beschäftigung. Während zur selben Zeit deine arme Frau –
Fidelis
(rasch einfallend, sich nun erst wieder erinnernd).
285
Ja richtig! – Also Luz –?
(Hält ein und sieht Justine fragend an.)
Justine
(tritt an den runden Tisch links; mit einem Blick der Verachtung; kurz erzählend).
Luz telegraphierte mirvorgestern, ich möchte doch gleich zu ihr kommen. Ich versprach es für den nächsten Tag, aber noch am selben Abend telegraphierte sie, sie komme lieber selbst, statt ihr aber kam ein Eilbrief und dann noch ein zweiter und ein dritter.
Fidelis.
Darin stand –?
290
Justine
(achselzuckend).
Eigentlich nichts.
Fidelis
(lächelnd).
Aber dreimal unterstrichen.
Justine.
Es war vollständig verwirrt. – Ich bin kein Hasenfuß und Luz hat mich ja ziemlich abgehärtet, aber es machte mir doch einen solchen Eindruck, daß ich ihr sofort telegraphisch –
295
Fidelis
(mit spöttischem Staunen).
Telegraphisch?
Justine
(seinen Spott verstehend, ärgerlich).
Ich telegraphiere nicht unnötig, denn –
Fidelis
(heuchlerisch zustimmend).
300
Denn es kostet Geld.
Justine
(scharf).
Ja. Und es scheint mir albern, sechzig Pfennige auszugeben, wenn man dasselbe mit zehn Pfennigen erreicht.
Fidelis
(heuchlerisch ernst).
Es ist ein Verlust von fünf Sekunden für dich. Fünf mal zehn macht –
305
Justine
(geht plötzlich vom runden Tische weg, nach der Türe rechts vom Glasschrank hin).
Fidelis
(tritt ihr in den Weg).
Wohin denn, Mamchen?
Justine
(scharf).
Ich will in meinem Zimmer warten, bis es dir belieben wird, einmal ernst zu sein.
310
Therese
(gleichzeitig mit den letzten Worten Justinens, durch die Türe links vom Glasschrank, den Tee bringend, zum runden Tisch).
Fidelis
(in einem kindlich um Verzeihung bittenden Tone).
Mamchen!
Justine
(geht mit einem strengen Blick auf Fidelis von ihm weg zu Therese und hilft ihr den Teetisch richten).
Fidelis
(geht im Zimmer auf und ab; nach einer kleinen Pause, leichthin).
315
Na, Therese, was hat denn meine Frau die ganze Zeit immer gemacht? Erzählen Sie!
Therese
(mit einem ängstlichen Blick auf Justine).
Ich fürchte, die gnädige Frau würde wieder finden, daß ich alles gleich zu tragisch nehme.
Fidelis
(erstaunt, mit einem lustigen Blick auf Justine).
Findet sie?
320
Justine
(scharf).
Zwischen tragisch nehmen und nicht über alles Witze machen, ist noch ein Unterschied.
Fidelis
(nachdenklich werdend).
Was nahmen Sie denn tragisch?
Therese
(verschüchtert).
325
Es läßt sich schwer so sagen. Aber ich bin schon sehr froh, daß Herr Doktor wieder zurück sind.
Diener
(durch die Türe links vom Glasschrank, meldend).
Herr Generaldirektor Zupp.
Fidelis.
Ich lasse bitten. –
(Zu Justine, auf einen fragenden Blick von ihr.)
330
Nein, bleib nur! Du verstehst vom Geschäft ja mehr als ich. –
(Zupp begrüßend.)
Tag, lieber Generaldirektor!
Diener
(läßt Zupp eintreten, dann ab).
Zupp
(durch die Türe links vom Glasschrank; eleganter alter Herr, altmodisch artig, ohne jedoch seine leise Mißbilligung Schmorrs immer ganz verbergen zu können; Zylinder, Gehrock, Veilchen im Knopfloch; geht zunächst auf Justine
335
Immer wohlauf, meine Gnädigste? Aber da braucht man ja gar nicht erst zu fragen. Scharmant, scharmant!
Therese
(sieht noch einmal nach dem Teetisch, dann durch die Türe links vom Glasschrank ab).
Fidelis
(durch die erste Türe rechts in sein Zimmer, aus dem er, eine Mappe in der Hand, gleich wieder zurückkehrt).
Justine.
Sie nehmen doch eine Tasse mit uns?
Zupp.
Unmöglich, meine Gnädigste! Ich habe heute noch drei Sitzungen vor mir.
340
(Lächelnd.)
Ich bin nur froh, des Herrn Doktor doch endlich einmal habhaft zu werden.
Fidelis
(hat das elektrische Licht aufgedreht; überreicht Zupp die Mappe).
Hier, Verehrtester!
Zupp.
Haben Sie alles durchgesehen?
345
Fidelis
(ladet Zupp ein, sich an den langen Tisch rechts zu setzen).
Ich habe alles – unterschrieben. Das ist ja die Hauptsache.
Zupp
(setzt sich an den langen Tisch rechts; leise mißbilligend, pedantisch).
Die Hauptsache wäre mir, daß alles von Ihnen geprüft und in Ordnung befunden würde, damit, wenn einmal ein Irrtum, ein Versehen vorkommt, nicht mich allein die Verantwortung trifft.
Fidelis
(den das alles langweilt; ungeduldig, kurz).
350
Die Verantwortung träfe natürlich nur mich. –
(Den Ton wechselnd, leichtsinnig.)
Und was wollen Sie denn? Wir haben ja wieder einen sündhaften Reingewinn! Wo soll ich denn die Zeit hernehmen, Ihre Bücher zu prüfen, wenn ich Tag und Nacht nur darüber nachdenken muß, wie ich alles das Geld wieder ausgeben kann? Arbeitsteilung!
(Lachend.)
Und nun halten Sie mir geschwind wieder meinen Großvater vor, es drückt Sie ja schon!
355
Zupp
(nickend, fast andächtig).
Das sind mir freilich unvergeßliche Stunden! Wenn der alte Herr zu fragen begann und einen dabei mit seinen stahlblauen Augen so durchdringend ansah, förmlich bis in die Magengrube hinein, da –
Fidelis
(ihm ins Wort fallend, in einem boshaften Ton).
Und mein Vater?
Zupp
(ausweichend).
360
Ihr Herr Vater war ja mehr eine Gelehrtennatur.
Fidelis.
Sehen Sie, da fing's schon an. Progressive Entartung! Und begreifen Sie nicht auch, daß es eine Forderung der sozialen Gerechtigkeit ist, diese großen Vermögen dann wieder durchzubringen?
Justine.
Er kommt aus dem Hochgebirg, Herr Generaldirektor! Es scheint eine Art Schneerausch zu geben.
Zupp.
Ihr Herr Großvater würde für diesen Humor, dessen Eigenart ich ja durchaus nicht verkennen will, wenig Sinn gehabt haben.
Fidelis
(trocken).
365
Das wäre nicht pietätvoll gegen seinen Enkel gewesen. –
(In einem geschäftsmäßigen Ton.)
Ist sonst noch was, lieber Generaldirektor?
Zupp.
Ich habe die Pflicht, nochmals einen Punkt zu berühren, auf die Gefahr hin, Ihnen wieder zu mißfallen.
Fidelis.
Sie mißfallen mir nie, davon kann gar nicht die Rede sein. Und ich tu ja dann doch immer das Gegenteil.
370
Zupp
(achselzuckend).
Sie sind dem Verein für Abstinenz beigetreten –
Fidelis
(ihn ungeduldig unterbrechend).
Davon sprachen wir ja schon neulich.
Zupp.
Aber seitdem ist der Verein groß geworden und ich kann nicht leugnen, daß er einen gewissen moralischen Erfolg hat.
375
Fidelis.
Und wir haben dreißig Prozent Dividende.
Zupp.
Heuer noch.
Fidelis.
Warten wir's ab.
Zupp.
Durch diesen Erfolg ermutigt, tritt der Verein nun lärmend, fast drohend auf, hält Versammlungen, druckt Flugschriften, verbreitet Plakate, mit Beschuldigungen höchst ehrenrühriger Art, gegen die Bierbrauer. Die werden da Giftmischer, Volksverderber, Blutverseucher genannt und dergleichen mehr.
Fidelis
(trocken).
380
Stimmt ja.
Zupp.
Ist Ihnen nun aber bekannt, Herr Doktor, daß eines dieser Plakate auch Ihren Namen trägt?
Fidelis.
Das war mir unbekannt, aber ich habe nichts dagegen.
Zupp.
Ich will gar nicht davon sprechen, daß sich einer, dem gerade sein Schoppen Schmorr-Bräu ganz besonders geschmeckt hat, doch eigentlich wundern muß, denselben Namen Schmorr nun auf einem Plakat zu finden, das vor dem volksverdummenden, volksvergiftenden und volksverseuchenden Bier warnt. Das ist schließlich Ihre Sache, Herr Doktor.
Fidelis
(trocken).
385
Das ist meine Sache. Ich hab's ganz gern, wenn man sich über mich wundert.
Zupp.
Aber weiter. Wir sind ja im Kartell der Süddeutschen Vereinigung. Es ist nun da der Antrag gestellt worden, die Unterzeichner des Plakats auf Verleumdung zu klagen. Der Prozeß soll Gelegenheit geben, durch Sachverständige nachzuweisen, daß alle diese Beschuldigungen des Biers unwahr sind.
Fidelis
(spöttisch).
Eine Reklame!
Zupp.
Sie mögen es so nennen. Wir wollen auch gar nicht darüber streiten, ob der Antrag taktisch richtig ist. Wir können aber nicht verhindern, daß er angenommen wird. Dann ... wird dieser Prozeß juristisch ein Kuriosum sein, denn unter den Klägern steht, als Eigentümer der Vereinigten Schmorr-Brauereien, Herr Doktor Fidelis Schmorr und derselbe Herr Doktor Fidelis Schmorr steht, als Mitunterzeichner des verleumderischen Plakats, auch unter den Beklagten, Herr Doktor Fidelis Schmorr wird den Herrn Doktor Fidelis Schmorr auf Verleumdung klagen.
390
Fidelis.
Das wird sehr lustig sein, lieber Generaldirektor.
Zupp
(kühl).
Ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie –
Fidelis
(rasch einfallend, lustig).
Und das ist ja dann ein Prozeß, den ich auf jeden Fall gewinnen muß, so oder so!
395
Zupp.
Sie müssen ihn auch auf jeden Fall verlieren, so oder so.
Fidelis
(lachend).
Auch. – Ich lerne also sämtliche Sensationen kennen, die einem ein Prozeß überhaupt zu bieten hat. Das ist ein herrlicher Prozeß! – Ichmüßte jetzt nur auch noch zum Geschworenen ausgelost werden. Schade!
Justine
(trocken).
Du bist so schon eine ständige Figur der Witzblätter.
400
Fidelis
(vergnügt).
Ich sammle sie. Für deinen Geburtstag, im Prachtband. – Was sich andere Leute das kosten lassen, in die Zeitung zu kommen! Und da sagst du noch, daß ich mich nicht aufs Sparen verstehe!
Zupp
(aufstehend).
Wenn Sie also nicht doch den Bericht noch im einzelnen mit mir durchnehmen wollen, so –
Fidelis
(rasch, mit einem plötzlichen Einfall, indem er auf den Knopf der elektrischen Leitung drückt).
405
Halt! Der Habusch muß ja schon da sein, der Sekretär der Abstinenz. Da könnt ihr gleich über den gloriosen Prozeß –
Diener
(tritt durch die Türe links vom Glasschrank ein).
Zupp
(pedantisch).
Ich muß bedauern, daß mir meine streng bemessene Zeit durchaus nicht erlaubt –
Fidelis
(zum Diener).
410
Herr Habusch noch nicht da?
Diener.
Der Herr Sekretär wartet bereits.
Fidelis.
Ich lasse bitten.
Diener
(ab).
Fidelis
(in einem kindisch schmollenden und bittenden Ton).
415
Verderben Sie mir doch nicht den Spaß! Es muß zu lustig sein, euch beide –
Zupp
(gemessen).
Ich danke.
Fidelis
(lachend).
Und ihm ist's doch auch nicht angenehm!
420
Zupp
(trocken).
Ich habe gar nichts gegen die Abstinenz,aber einiges gegen die Geschäftsleute der Abstinenz. Sie werden also verzeihen –
(reicht ihm die Hand).
Fidelis
(nimmt Zupp unterm Arm; geheimnisvoll).
Im Vertrauen, ich bin gar nicht abstinent, ich trinke jeden Abend meinen Schoppen, aber nur ... von der Konkurrenz, keinen Tropfen Schmorr. Sagen Sie's aber nicht weiter!
425
(Schüttelt ihm lachend die Hand.)
Justine
(zu Zupp).
Nun stellen Sie sich vor: davon die Schwiegermutter sein zu müssen!
(Nickt melancholisch.)
Zupp
(ihr die Hand küssend).
430
Der Herr Doktor ist in der Tat nicht ganz leicht zu entziffern.
(Durch die Türe links vom Glasschrank ab.)
Justine
(kopfschüttelnd).
Du bist wirklich –
Fidelis
(in einem kindisch bittenden Ton).
435
Laß mich doch mich amüsieren!
Justine.
Daß du dich über alle Menschen lustig machst, kann ich verstehen – es ist deine Art, hochmütig zu sein. Wie stimmt aber damit, daß du dich so gern vor den Menschen lächerlich machst? Eins hebt doch das andere auf.
Fidelis
(leichthin).
Ich halte von den Menschen nichts, deshalb auch von mir nicht. – Übrigens pflegte schon meine Mutter immer zu sagen: Fidl, du bist unheilbar verwurschtelt!
Justine.
Und du kokettierst noch damit!
440
Fidelis
(naiv, treuherzig).
Glaubst du? – Ich rate dir übrigens, nicht zu viel über mich nachzudenken, das tut schon Luz.
Habusch
(siebenundzwanzig Jahre; schmächtig, mager,
Fidelis
(kurz).
Nun, Herr Habusch, was bringen Sie? Scheint ja dringend. – Du kennst doch den Herrn Sekretär?
445
Justine
(nickt nur kurz).
Fidelis.
Das ist der Mann, der das deutsche Volk wieder aus dem Sumpf ziehen wird.
(Setzt sich in den Stuhl links vom ovalen Tische rechts und ladet ihn durch eine Handbewegung ein, sich auf den Stuhl hinter dem langen Tische rechts zu setzen.)
Wollen Sie ein Schnäpschen?
Habusch
(knickt zusammen, streckt seinen langen Hals vor und wehrt tiefgekränkt mit der Hand ab; er setzt sich dann auf den Rand des Stuhles).
450
Fidelis
(leicht ungeduldig).
Nun also?
Habusch
(mit einer ganz dünnen Stimme meckernd).
Ich möchte zunächst darauf hinweisen, daß wir mit gerechtem Stolz auf das abgelaufene Halbjahr blicken dürfen. Mit siegreicher Kraft dringen –
Fidelis
(ihm ins Wort fallend; trocken).
455
Das hab ich schon gelesen.
Habusch
(etwas unsicher fortfahrend).
Der Dämon des Alkohols windet sich in den letzten verzweifelten Zuckungen, er –
Fidelis
(ihm ins Wort fallend, trocken).
Er zuckt aber noch ganz gehörig. Soll ich Ihnen die Ziffer sagen? Um wieviel bei uns im letzten Jahr der Bierkonsum – gestiegen ist?
460
Habusch
(kleinlaut).
Das hängt wohl damit zusammen, daß –
Fidelis.
Und der Erfolg, auf den ich so stolz sein soll?
Habusch
(seinen langen Hals ausstreckend und gleich wieder einziehend).
Theoretisch, Herr Doktor –
465
Fidelis
(ungeduldig die Achsel zuckend).
Theoretisch!
Habusch.
Wenn wir erst die Mittel haben werden, im großen Stil –
Fidelis.
Kurz, Geld wollen Sie. Das hätte sich auch schriftlich –
Habusch.
Nicht bloß Geld, verehrter Herr Doktor. Es liegt der Antrag vor, Sie in dankbarer Anerkennung Ihrer –
470
Fidelis
(einfallend).
Und so weiter. Mich, was?
Habusch.
Zum Ehrenpräsidenten oder, wie der Titel nach unseren Satzungen lautet, zum Ehrenwart des Verbandes –
Fidelis.
Also noch mehr Geld. Gut.
Habusch.
Endlich aber handelt es sich auch um die Wahl des wirklichen Präsidenten und da möchte der Ausschuß vor allem hören, ob er auf die Zustimmung des Herrn Doktor rechnen kann, wenn dafür Herr von Oynhusen vorgeschlagen wird?
475
Fidelis.
Oynhusen?
Habusch.
Doktor Kuno von Oynhusen.
Fidelis
(achselzuckend).
Kenn ich nicht.
Justine.
Erinner dich! Als wir zu Weihnachten bei Tante Hedwig waren, saß seine Frau beim Diner neben dir.
480
Fidelis.
Ah die Kleine mit dem Tituskopf, eine Wienerin? Sie schlängelte sich und erzählte mir fortwährend, wie sie sich langweilt. –
(Zu Habusch.)
Der Mann paßt ausgezeichnet.
Habusch.
Legationssekretär a. D.
Fidelis.
Warum a. D.?
485
Justine.
Es war irgend eine Geschichte. Tante Hedwig deutete so was an. Aber sehr gute hannoveranische Familie.
Fidelis.
Die Frau wirkt nicht sehr hannoveranisch.
Justine.
Die scheint auch mehr bloß so zur Vergoldung –
(Hält mit einem vorsichtigen Blick auf Habusch ein.)
Fidelis
(zu Habusch; trocken).
490
Also den nehmt nur! Hat offenbar nichts zu tun, Drang nach Betätigung und Diplomat, was will man mehr?
Habusch.
Nur stellt Herr Doktor von Oynhusen ja gewisse Bedingungen. Nämlich, daß mit ihm nun auch seine ganze Gruppe in den Verein aufgenommen werden soll.
Fidelis.
Welche Gruppe?
Habusch.
Der hiesigen Rosenkreuzer.
Fidelis.
Wußt ich gar nicht.
495
Justine.
Was sind denn Rosenkreuzer?
Fidelis
(leichthin).
Zauberer.
Justine
(laut, mißtrauisch, scharf).
Waas?
500
Fidelis
(leichthin).
So Leute, die zaubern. Kommen mit Verstorbenen zusammen, hören es hier, wenn sich einer in Chicago schneuzt, und machen die Welt besser. Das ist jetzt sehr beliebt, fast wie Bridge.
Habusch
(seinen langen Hals ausstreckend, feierlich, leise).
Der Bewegung läßt sich doch ein gewisser sittlicher Ernst nicht absprechen, Herr Doktor.
(Zieht den Hals wieder ein.)
505
Fidelis
(trocken).
Zaubern Sie auch?
Habusch.
Doktor von Oynhusen war so gütig, mich an einigen Sitzungen teilnehmen zu lassen. Und ich muß sagen, daß ich da doch einen mächtigen, einen ganz gewaltigen Eindruck gewonnen habe. Es hat sich mir ein neues, ungeahntes Feld aufgetan.
Fidelis
(trocken).
Es ist so für Leute, die ... neue Felder brauchen. – Na und da soll das jetzt zusammengemischt werden: Abstinenz mit Zauberei?
510
Habusch.
Doktor von Oynhusen meint, und dieser Meinung ist im Ausschuß vielfach zugestimmt worden, daß die Bewegung gegen den Alkohol doch eigentlich nur ein einzelnes Glied in einem ganzen großen Komplex von Fragen ist und daß sie sich also nicht isolieren, sondern an die, wie er es nennt, Mutterbewegung anschließen sollte, eben jene mächtige, die ganze Zeit erschütternde Bewegung, die auf völlige Umkehr des äußeren und des inneren Menschen, auf völlige sittliche Erneuerung unseres gesamten Lebens dringt.
Fidelis
(kurz).
Kann den Menschen sicher nicht schaden, sich einmal wenden zu lassen.
Habusch.
Herr Doktor würden also nichts dagegen einzuwenden haben, daß –
Fidelis
(kurz).
515
Nein.
Habusch
(steht auf; wieder sehr feierlich).
Dann erübrigt mir nur, sehr verehrter Herr Doktor, Ihnen nochmals den tiefgefühlten Dank unseres Vereins für –
Fidelis
(einfallend, kurz).
Der Betrag wird Ihnen angewiesen werden. –
520
(Ihn von oben bis unten betrachtend.)
Aber, lieber Habusch, nähren Sie sich besser, gedeihen Sie mehr, Sie sehen nicht gut aus – wie soll man da Lust zur Abstinenz kriegen!
Habusch
(kläglich; sich vor Fidelis verneigend).
Ich werde mich bemühen, Herr Doktor.
(Mit einer tiefen Verneigung vor Justine durch die Türe links vom Glasschrank ab.)
525
Fidelis
(Habusch nachblickend, indem er sich zu Justine setzt, um Tee zu trinken).
Sicher ein heimlicher Säufer, der Filou!
Justine.
Welchen Sinn hat es eigentlich, sich mit derlei Leuten einzulassen?
Fidelis.
Keinen.
Justine.
Warum also?
530
Fidelis.
Mamchen, der Dinge, die Sinn haben, sind zu wenig. Muß ich mir eins leihen, wie die Kinder beim Rechnen sagen.
Justine.
Bist du denn wirklich so gegen den Alkohol?
Fidelis.
Ich bin gegen nichts. Und ich bin eigentlich auch für nichts.
Justine
(ärgerlich, streitsüchtig).
Eins muß aber doch das Richtige sein.
535
Fidelis.
Muß es?
Justine.
Entweder das eine oder das andere.
Fidelis.
Oder keins. Oder beides. Ich weiß es nicht. – Ich braue Bier, verdiene damit Geld und verwende das dann, um den Leuten das Bier zu verekeln.
(Lacht.)
Das macht mir Spaß und mag auch eine Art moralischer Rückversicherung sein. Könnte man sich's in allen Dingen so einrichten, dann käme man vielleicht der Wahrheit näher.
540
Justine
(plötzlich sehr gereizt).
Du philosophierst mir da vor und denkst nicht daran, daß indessen deine Frau –
Fidelis
(ernst).
Ich denke die ganze Zeit daran.
Justine
(vorwurfsvoll).
545
Das weißt du dann aber gut zu verbergen.
Fidelis
(achselzuckend; trocken).
Wir können auch die Hände ringen, wenn du dir davon mehr versprichst.
Justine
(nach einer kleinen Pause, leise, langsam, angstvoll).
Fidl! Ich komme nicht mehr leicht in Alarm, aber in ihrem letzten Brief, weißt du, wo sie mir abschrieb, da stand:
550
(ganz leise, sehr langsam)
es hätte jetzt ja doch alles keinen Sinn mehr, sie sei nun einmal verloren.
Fidelis
(ganz ernst, ohne Spott, rein sachlich).
Sie war in diesen drei Jahren schon ziemlich oft verloren.
Justine
(leise, in einem fast bittenden Ton).
555
Es könnte doch aber auch einmal –
(Hält ein und blickt Fidelis ängstlich an.)
Fidelis
(kurz zustimmend).
Es könnte. –
(Steht auf und geht langsam zum Kamin; nach einer kleinen Pause, achselzuckend.)
560
Es kann jedem Menschen jeden Augenblick alles mögliche geschehen.
Justine
(ärgerlich).
Komm mir nicht wieder mit deinem Fatalismus!
Fidelis.
Du möchtest bloß auf einen Knopf drücken können, um das Schicksal zu haben, genau wie du's befiehlst. Der ist aber noch nicht erfunden.
Justine
(heftig).
565
Ich bin bloß nicht so schlapp wie du!
Fidelis.
Du nennst schlapp, wenn man nicht gegen das Leben schwimmt. Stromaufwärts sieht's freilich heroischer aus. Stromabwärts aber kommt man weiter.
Justine
(heftig).
Es handelt sich doch darum, wohin man will!
Fidelis.
Darauf lege ich nicht so viel Gewicht. Es ist schließlich überall ganz schön! Und Titanide bin ich keiner.
570
Justine.
Was ist das eigentlich, ein Titanide?
Fidelis
(lustig).
Das was du bist. Mit Kohlengroßgrundbesitz und zehn Pfennigen Rente bei jedem Atemzug.
Luz
(noch draußen unsichtbar; aufgeregt rufend).
Fidl, denk dir nur –
575
(Reißt die Türe links vom Glasschrank auf und stürzt herein; einundzwanzig Jahre; groß, noch schlank, wenn man ihr auch ansieht, daß sie bald stark werden wird; Blondine, blasses, unregelmäßiges, lebhaft bewegtes Gesicht, mit großen erschrockenen blauen Augen, einer kurzen, schmalen, zitterigen Nase und einem kleinen runden Mund, der immer offen und meistens unbeweglich bleibt; mit wirklicher, aber eher einer amerikanischen Eleganz gekleidet; sie kommt jetzt aus dem Auto wie eine fliegende Wolke von wehenden Schleiern, aus denen sie sich erst allmählich herauswickelt; atemlos.)
(Sie will auf Fidelis zu und erblickt nun erst Justine; unangenehm überrascht.)
Du?
(Heftig.)
Ich schrieb dir doch noch gestern und bat dich ausdrücklich –!
580
Ich fuhr dir entgegen, ich wollte –
Justine
(aufstehend, begütigend).
Nun, nun!
Fidelis
(in einem scherzenden Ton).
Etwas mehr Kindesliebe, bitte.
585
Luz
(stürzt an seine Brust und umschlingt mit beiden Armen seinen Hals).
Ach Fidl, weil ich nur wieder bei dir bin!
(Mit geschlossenen Augen an ihn gelehnt.)
Nun wird alles ja wieder gut!
(Schreit plötzlich leise auf, drückt ihre linke Hand aufs Herz, taumelt von ihm weg zurück und scheint schon zu fallen, als Fidelis sie noch auffängt und stützt.)
590
Fidelis
(fängt Luz auf und stützt sie).
Kind! Seid ihr wieder so sinnlos gejagt?
(Lachend.)
Und aber natürlich den Weg verfehlt!
Luz
(macht sich von ihm los; rasch, aufgeregt).
595
Nein, Fidl! Wir kamen pünktlich an.
Fidelis
(erstaunt).
Ich stand doch in jeder Station am Fenster, weil mir schon ahnte –
Luz
(den Kopf senkend, nickend; leise).
Ich sah dich –
600
Fidelis
(sehr schnell).
Dann begreif ich aber nicht –
Luz
(sehr schnell).
Du konntest nicht, ich war versteckt –
Fidelis
(stutzig; langsamer).
605
Und warum stiegst du denn nicht ein?
Luz
(wie im Fieber).
Ich hatte nicht den Mut.
Fidelis
(ruhig fragend, nicht laut).
Luz?
610
(Er sucht mit seinem Blick den ihren.)
Luz
(blickt ihn nicht an und wendet sich ab; heftig, aber nicht laut).
Frag nicht, quäl mich nicht!
(Bedeckt ihre Augen mit den Händen; schwer atmend, leise.)
Ich werde dir ja alles sagen. Laß mich nur erst! Ich komme dann gleich zu dir.
615
(Geht zur zweiten Türe rechts, an der sie sich zu Justine umwendet; kurz, scharf.)
Sei mir nicht bös, Mamchen, aber ich – muß dann jetzt mit Fidl allein sein.
(Durch die zweite Türe rechts ab.)
Justine
(nach einer kleinen Pause, leise.)
Glaubst du noch, daß es bloß das ... das dramatische Bedürfnis ist?
620
Fidelis
(zuckt nur die Achsel).
Justine
(mitleidig).
Du hast es ja nicht leicht mit ihr.
Fidelis
(trocken).
In unserer Ehe geht immer etwas vor. Das hat auch seinen Reiz.
625
Justine
(schickt sich an, zur Türe rechts vom Glasschrank zu gehen).
Du rufst mich dann wohl?
Fidelis
(spöttisch).
Neugierig?
Justine
(heftig).
630
Ich glaube doch ein gewisses Anrecht –
Fidelis
(ihr ins Wort fallend).
Mütter wollen nie aufhören, ihre Kinder zu stillen.
Justine
(in einem herrschsüchtigen Ton).
Willst du mich aus dem Leben meiner Tochter ausschalten?
635
Fidelis.
In menschlichen Beziehungen, Mamchen, ist nichts verbrieft.
Justine
(fast etwas schadenfroh).
Da könnte dir ja auch –?
(Sie hält ein, mit einem Blick auf Fidelis.)
Fidelis
(Justine ruhig ansehend).
640
Ja, Mamchen. Gewiß. Aber willst du's nicht lieber abwarten?
Justine
(wendet sich achselzuckend von ihm ab; durch die Türe rechts vom Glasschrank ab).
Fidelis
(blickt ihr nach, geht dann langsam an das zweite Fenster links, bleibt hier stehen, wendet sich plötzlich um, geht rasch zur zweiten Türe rechts, will schon öffnen, öffnet aber nicht, steht an der Türe nachdenklich, geht langsam zum ovalen Tisch rechts, stopft sich hier eine kleine englische Holzpfeife, zündet sie an, und setzt sich).
Luz
(durch die zweite Türe rechts; in einem weiten, losen Hauskleid; geht, die beiden Hände flach an die Schläfen gepreßt, zum Lehnstuhl hinter dem ovalen Tisch; leise).
Ich muß es dir sagen. Ich werde sonst noch verrückt! Ich kann einfach nicht mehr.
645
(Mit einem traurigen Lächeln; zärtlich.)
Armer Fidl! Ich werde dir sehr weh tun müssen.
Fidelis
(ruhig rauchend).
Ich halte schon einen Puff aus.
Luz
(vor sich hin; leise).
650
Ich kann ja nichts dafür. Ich bin nicht schuld. Das war gar nicht ich, das ist ein mir ganz fremdes Geschöpf, ich weiß nicht, aber es ist stärker als ich, es macht mit mir, was es will, und wenn du mir nicht hilfst, Fidl –! Du mußt mir helfen! Ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst!
Fidelis
(immer ganz ruhig).
Ich will dir gern helfen, das weißt du doch.
Luz
(den Ton wechselnd; laut, erbittert, heftig).
Glaub doch das nicht! Nein! Mir kann niemand mehr helfen!
655
(Schüttelt sich, geht zur Sitzbank links und bleibt dort stehen, starr vor sich hin ins Leere blickend.)
Fidelis
(nach einer Pause).
Du wolltest mir erzählen.
Luz
(heftig, aber nicht laut).
Wozu? Du kannst mir nichts sagen, was ich mir nicht alles schon selbst gesagt hätte. Das weiß ich alles selbst! Das bringt uns nicht weiter, das hilft mir alles nichts, mir ist nicht mehr zu helfen!
660
(Geht zum ersten Fenster links; nach einer kleinen Pause, ruhig.)
Oder kannst du dir vorstellen, daß ein Mensch etwas tut, was durch sein ganzes Wesen völlig ausgeschlossen ist?
Fidelis.
Das kommt alle Tage vor.
Luz
(den Ton wechselnd; leicht gereizt, ungeduldig).
Fidl, ich bitte dich! Sei jetzt nicht, sei nicht überlegen und
665
(sie betont das nächste Wort mit großer Bitterkeit)
philosophisch! Denn wenn du mir jetzt nicht hilfst, dann, dann –
(sie nimmt ihr Taschentuch, steckt es in den Mund und beißt daran, um nicht zu weinen; als sie soweit ist, daß sie wieder sprechen kann, hat ihre Stimme einen fast trotzigen und höhnischen Ton)
dann ist's eben aus, das wird ja vielleicht das Beste sein, ich wünsche mir nur, es wär schon so weit!
(Jetzt mit ganz ruhiger klarer Stimme.)
670
Es gab Stunden in diesen letzten Tagen, da war ich bereit, ein Ende zu machen.
(Bitter.)
Vielleicht findest du wieder, daß auch das alle Tage vorkommt.
(Den Ton wechselnd; langsamer, ganz leise.)
Und wenn ich es nicht tat, das war nicht Feigheit. Es gehörte vielleicht mehr Mut dazu, es nicht zu tun. Und nur
675
(mit ganz leiser, in Tränen erstickender Stimme)
nur deinetwegen! Du hast mir so leid getan!
(Wendet sich ab und tritt ganz dicht an das erste Fenster, still weinend.)
Fidelis
(nach einer Pause, in der er sie still weinen läßt; leise vor sich hin, innig).
Arme kleine Luz!
680
Luz
(schluchzt bei seinen Worten laut auf, voll Mitleid mit sich selbst).
Ja, Fidl, ich bin sehr arm!
(Schluchzt noch einmal auf; dann, in einem kindisch klagenden Ton.)
Im Auto hab ich mir heute die ganze Zeit gewünscht: Wenn wir nur schon im Graben lägen, und alles wär vorbei! – Du bist ja so stark, Fidl! Du hättest es überwunden.
Fidelis
(ganz ruhig, trocken).
685
An den Chauffeur aber hast du nicht gedacht?
Luz
(noch in Tränen; im Ton eines gekränkten Kindes, klagend).
Du machst schon wieder Witze!
Fidelis
(trocken).
Kind, das ist gar kein Witz, wenn ich dagegen bin, seinen Chauffeur umzubringen.
690
Luz
(wendet sich plötzlich heftig um; mit harter Stimme, fast schreiend).
Was ich da durchgemacht habe, war so gräßlich, daß ich mit keinem Menschen mehr Mitleid haben kann!
(Indem sie wieder zur Sitzbank geht.)
Das ahnt ja niemand, das ahnt ja niemand!
(Plötzlich wieder sehr heftig, fast wild.)
695
Und man soll mir nur nicht mehr sagen, daß Leid veredelt! Gemein und tückisch und niederträchtig macht's! Mich ekelt ja vor mir selbst!
(Setzt sich auf die Sitzbank links.)
Fidelis
(steht behutsam auf und legt seine Pfeife auf den langen Tisch rechts; nach einer kleinen Pause, sehr ruhig).
Wie wär's, wenn du mir nun aber von Anfang an erzähltest!
Luz
(mit einem harten und trotzigen Gesicht, zu Boden blickend; höhnisch, leise).
700
Wünsch dir's nicht!
Fidelis
(geht langsam nach links; nach einer kleinen Pause, wieder stehen bleibend, in einem sehr einfachen Ton).
Erinnerst dich, wie wir einmal – hier in diesem Zimmer, und
(mit einem leisen Lächeln)
es war ganz feierlich – wie wir einander versprachen, uns immer alles zu sagen, was es auch sein würde?
705
Luz
(ohne ihn anzusehen; leise, fast feindselig).
Wünsch dir's nicht, du wirst es bereuen! –
(Sehr heftig.)
Du kennst mich ja noch gar nicht! Ich habe mich auch nicht gekannt. –
(Plötzlich aufschreiend, indem sie rasch aufspringt und rasch nach rechts geht, wie vor ihm fliehend.)
710
Quäl mich doch nicht! Ich kann nicht, ich kann nicht!
(Sinkt erschöpft in den ersten Lehnstuhl rechts, den rechten Arm aufstützend, ihr Gesicht mit der Hand bedeckend; nach einer langen Pause; leise, weich.)
Ich hab mich ja so nach dir gesehnt! Nur erst wieder bei dir sein und es dir sagen können, dann wär sicher alles wieder gut! – Deshalb fuhr ich dir auch entgegen. Ich wollte zu dir in den Zug, um's dir auf der Fahrt zu sagen. Da wäre das alles dann dort draußen in der fremden Gegend, weit hinter uns, liegen geblieben, wir aber wären heimgefahren und hier in unserem lieben Haus –
Fidelis
(ihren Satz vollendend, mit einem leisen Lächeln).
Da wär dann gar nichts mehr davon übrig gewesen. Das war sehr lieb gedacht von dir.
715
(Setzt sich auf die Sitzbank links.)
Luz
(weiter erzählend).
Ich trieb den Chauffeur nur immer noch schneller und noch schneller, ich sah nichts, ich wußte nichts, ich spürte nichts mehr als nur meinen Schleier im Wind, das war so gut! Aber dann die Stunde in der kleinen Station – ich kam zu früh, diese gräßliche Stunde, auf dem Perron hin und her,tausend Mal auf und ab, die Knie zitterten mir vor Müdigkeit, aber ich konnte nicht sitzen, ich konnte nicht! Bis endlich vom Wald hier ein Brausen, ein Pfiff, ich aber rannte davon, ich weiß nicht, aber nur fort, fort, daß du mich nur ja nicht siehst! Und im Saal versteckt, sah ich dich, du standst am Fenster, aber wenn du mich erblickt hättest, ich wäre sinnlos vor dir weggerannt! Kaum aber warst du fort, da kam die Reue. Jetzt hätt ich ihm ja schon alles gesagt und alles wär wieder gut! –
(Sehr heftig.)
Ach wär ich doch nicht feig gewesen! Im Zug hätt' ich's dir sagen können! Aber hier –
720
(Aufspringend; außer sich)
nie! Zwing mich nicht, Fidl! Du zerstörst sonst alles!
(Geht in heftiger Erregung zum zweiten Fenster links, schlägt die Vorhänge zurück und blickt in den dunklen Garten hinaus.)
Fidelis
(nach einer sehr langen Pause; mehr vor sich hin, ruhig überlegend).
Wenn du mir's nicht sagen willst oder wirklich nicht sagen kannst –
725
Luz
(wendet sich mit einem Ruck wieder nach ihm um; mit einem heftigen Ausbruch, schreiend).
Ich muß es dir aber ja sagen, es zersprengt mich sonst! –
(Kommt vom Fenster weg zu ihm; in höchster Erregung, sehr schnell.)
Warum hilfst du mir denn gar nicht, Fidl? – Du behandelst alle Menschen, als wären sie wie du! Ich bin nicht so stark, mich darfst du nicht mir überlassen, ich finde mich nicht mehr zurecht, du mußt mir sagen, was ich soll, auch wenn's mir weh tut! Tu mir weh, tu mir weh, nur hilf mir! Hilf mir doch, Fidl!
(Sie ist jetzt bis dicht vor ihn gekommen und streckt ihm die Hände flehend entgegen.)
730
Fidelis
(steht auf und nimmt sie an der Hand; ruhig).
Luz!? Ist das meine stolze Luz, die, wenn man ihr einen Vorwurf macht, den Kopf zurückwirft und das Kinn verschiebt und spöttisch erklärt: So bin ich eben und wenn's dir nicht recht ist, wie ich bin, hätt'st du dir eine andere suchen müssen!?
(Sieht sie lächelnd an.)
Luz
(entzieht ihm plötzlich heftig ihre Hände, tritt von ihm weg nach rechts, blickt zu Boden und sagt vor sich hin, tonlos).
Vielleicht suchst du dir jetzt eine andere.
735
Fidelis
(durch ihren Ton befremdet; sieht sie fragend an; dann, sehr ernst, langsam).
Was ist denn also nur!
Luz
(halb von ihm abgewendet, zu Boden blickend; trotzig drohend, leise).
Zwing mich nicht, ich warne dich!
Fidelis
(blickt sie einen Augenblick fragend an, wird unentschlossen und geht langsam zum ersten Fenster links; nach einer kleinen Pause wendet er sich wieder nach ihr um; ruhig).
740
Nein. Kennst du mich so wenig?
(Lächelnd.)
Deshalb klagt doch Mamchen immer über meinen Undank, weil ich ihr nicht, wenn sie mir einen neuen Koffer schenkt, gleich den Preis dafür in barem Gefühl zurückzahle. Ich stehe nicht in solcher Verrechnung mit meinen Mitmenschen. Wenn ich wen nicht mag, so hilft's ihm nichts, wenn er sich noch so gut gegen mich benimmt. Und wenn ich wen mag, so schad'ts ihm auch nichts, wenn er mir hundert Mark stiehlt.
Luz
(gierig zuhörend, jedes Wort förmlich einsaugend; jetzt lebhaft widersprechend).
Das ist doch nicht so!
745
Fidelis
(leichthin).
Gewiß. Soll ich wegen hundert Mark –?
Luz
(rasch einfallend).
Aber daß er einer solchen Handlungfähig ist, kann dir doch nicht gleichgültig sein! Nicht wegen der hundert Mark! Aber wenn ein Mensch, dem du das nie zugetraut hättest, stiehlt, das muß doch dein Gefühl – denn dann ist er ja nicht mehr der, der er bisher für dich war!?
(Blickt ihn angstvoll an, gierig seine Antwort erwartend.)
750
Fidelis
(durch ihren Ton verwundert, mit einem plötzlichen Argwohn, indem er auf sie zugeht und sie forschend ansieht; ernst fragend, langsam).
Sag, Luz –?!
Luz
(zusammenschreckend; leise, sehr rasch).
Ja, was?
Fidelis
(ganz ruhig, langsam, nicht laut).
755
Hast du vielleicht gestohlen?
Luz
(gar nicht erschreckt, bloß sehr verwundert).
Wie kannst du nur –?
Fidelis
(trocken).
Es kommt vor.
760
Luz
(lachend).
Ich wüßte wirklich auch nicht! Wozu denn? Ich kann doch alles haben!
Fidelis.
Meine Schwester wurde von ihrer besten Freundin bestohlen, einem sehr reichen Mädchen, das auch »alles hatte«. Frauen erliegen manchmal solchen Gelüsten. Man nennt das, wenn's in unseren Kreisen passiert, Kleptomanie.
(Indem er sie wieder forschend anblickt.)
Das ist es also nicht?
765
Luz
(leise, fast höhnisch).
Wenn's nur das wär!
(Plötzlich wieder sehr heftig.)
Frag nicht, frag mich nicht! Ich kann ja nicht, ich hab dich doch so lieb!
(Stürzt, in Tränen ausbrechend, an seinen Hals; sehr aufgeregt, fiebernd, immer schneller.)
770
Du bist so gut, unser Leben war so schön und nie hätt ich gedacht – nie, nie! Ich hab so fest geglaubt, es muß immer so bleiben –
(Immer heftiger weinend.)
Nie hätt ich gedacht, daß ich dir – Fidl, daß ich –
(sich an ihn klammernd, ihr Gesicht an seiner Brust verbergend, heftig weinend)
untreu –
775
(ihre Stimme erstickt im Weinen).
ich hab mir das ja so gewünscht!
Fidelis
(macht sich langsam von ihr los, tritt nach rechts an den ovalen Tisch und bleibt stehen, ein wenig vorgebeugt, mit dem Rücken zu Luz).
Luz
(weint noch immer still, wischt sich das Gesicht ab, blickt Fidelis mit gierig erwartenden Augen nach und faltet dann bittend die Hände; mit tonloser Stimme).
Fidl!
780
Fidelis
(blickt nun erst wieder auf; nach einer kleinen Pause, ruhig, leichthin).
Laß mich nur erst –
(Er nimmt die kleine englische Holzpfeife und zündet sie wieder an, steht dann noch rauchend eine Weile, endlich wendet er sich wieder halb nach ihr um, ganz ruhig fragend.)
Wer denn?
Luz
(zuckt zusammen, dann in einem leise klagenden Ton).
785
Hättst du mich doch damals gleich genommen und wärst mit mir fort!
Fidelis.
Wann?
Luz
(mühsam).
Erinnerst du dich, wie wir zu Weihnachten bei Tante Hedwig waren?
(Leise.)
790
Seine Frau saß neben dir.
Fidelis
(ganz ruhig).
Der Zauberer?
Luz
(in einem bittenden Ton, leise).
Nicht! nicht über ihn spotten!
795
Fidelis
(leichthin).
Ich denke, das ist sein Beruf?
Luz
(erschauernd, leise).
Er steht mit furchtbaren Mächten im Bunde. –
(Sie schüttelt sich und tritt dann an den runden Tisch links; nach einer Pause, fast in einem entschuldigenden
800
Ich hab's dir doch sagen müssen, ich hätt dir ja nie mehr in die Augen schauen können!
(Setzt sich auf die Sitzbank, die Hände auf den runden Tisch legend, mit dem Rücken zu Fidelis; kindlich klagend, leise.)
Und du bist ja auch selbst schuld! Du wolltest es ja!
Fidelis
(erstaunt aufblickend).
Ich?
805
Luz.
Haben wir uns nicht versprochen, uns immer alles zu sagen?
Fidelis.
Ach so.
Luz.
Und ich weiß noch deine Worte! Daß dich nichts jemals an mir irre machen kann! –
(Senkt den Kopf auf den Tisch.)
Fidl, ich hab dich ja so lieb!
810
Fidelis
(nach einer kleinen Pause; langsam, leise).
Irrst du dich da nicht jetzt doch in der Adresse?
Luz
(zuckt zusammen, ihr Gesicht wird hart, sie setzt sich auf; nach einer kleinen Pause, immer noch mit dem Rücken zu ihm, ohne zurückzublicken; tonlos).
Was wird geschehen?
(Wartet auf seine Antwort; da er schweigt, aufschluchzend, ganz leise).
815
Wir sind sehr unglücklich.
Fidelis
(trocken).
Für dich liegt eigentlich dazu keine rechte Veranlassung vor.
Luz
(durch seinen spöttischen Ton empört, aufspringend, sich nach ihm umwendend; sehr heftig).
Wenn du plötzlich eine andere lieber hättest als mich, wärst du nicht unglücklich?
820
Fidelis
(trocken).
Von der Seite hab ich diese Möglichkeit noch gar nicht erwogen.
Luz
(durch seine Ruhe gereizt, heftig).
Du bist ja merkwürdig gefaßt?!
Fidelis
(trocken).
825
Ich weiß es noch nicht genau.
Luz
(höhnisch).
Du scheinst fast erleichtert, daß –
Fidelis
(dazwischensprechend, trocken).
Übertreibe nicht!
830
Luz
(ohne sich unterbrechen zu lassen, gleich weitersprechend, leidenschaftlich).
Daß ich wenigstens nicht gestohlen habe!?
(Höhnisch lachend.)
Nicht?
Fidelis
(trocken).
835
Du stellst mir Alternativen –
Luz
(plötzlich völlig den Ton wechselnd, aus leidenschaftlichem Hohn in schmerzliches Flehen).
Fidl! Kannst du mir nicht verzeihen?
Fidelis
(kurz).
Ich habe dir nichts zu verzeihen.
840
(Tritt an den langen Tisch und legt die Pfeife weg.)
Das alberne Wort paßt hier gar nicht.
(Geht einige Schritte zurück; dann stehen bleibend, mehr zu sich selbst.)
Menschen, die sich lieben, müssen damit rechnen, daß es aufhören kann.
Luz
(weinend; heftig).
845
Dann hast du mich nie geliebt! Wenn du so berechnend bist, daß du denken konntest –
Fidelis
(trocken).
Du vergißt, daß ja nicht ich aufgehört habe, dich lieb zu haben, sondern du mich.
Luz
(außer sich, heftig weinend).
Sag das nicht! Ich hab dich ja so lieb!
850
Fidelis
(der ungeduldig wird).
Aber doch ... anders!
Luz
(leidenschaftlich beteuernd).
Nie hab ich dich so lieb gehabt! Ich weiß ja jetzt erst, wie lieb ich dich hab!
Fidelis
(heftig).
855
Und den anderen?
Luz
(blickt ihn nur hilflos verwirrt an).
Fidelis
(da sie nicht antwortet; wieder ruhig, trocken).
Den – Zauberer?
Luz
(beschämt den Kopf senkend; ganz leise).
860
Nie hab ich stärker gespürt, wie lieb ich dich hab, – glaub mir doch, Fidl!
Fidelis
(achselzuckend).
Ja, Kind, die Polygamie können wir aber deinetwegen nicht einführen.
Luz
(tieftraurig; leise).
Nichts als Spott hast du für mich.
865
Fidelis
(ernst, fast mitleidig).
Nein, Luz, aber –
Luz
(leise klagend).
Ich hatte gedacht, du würdest mich in deinen starken Arm nehmen und dann wäre alles wieder gut!
Fidelis
(in einem gutmütigen Ton, langsam).
870
Du vergißt dabei nur, daß wir ja jetzt – Kind, wir sind ja jetzt doch ... zu dritt.
Luz
(aufspringend, wendet sich mit einem Ruck nach ihm um; in höchster Erregung).
Du willst doch nicht –?
(Stürzt auf ihn zu.)
Fidl, versprich mir, daß du nie darüber mit ihm sprechen wirst!
875
Fidelis
(befremdet).
Was ist denn?
Luz
(am ganzen Leibe zitternd).
Nie, hörst du? Schwör mir, daß du nie –
Fidelis
(nimmt sie besorgt an der Hand).
880
Luz, was –?
Luz
(entsetzt).
Er hat schon einmal einen Menschen getötet!
Fidelis
(überrascht, aber ganz ruhig).
O.
885
Luz
(keuchend).
Er hat eine Frau verführt und den Mann dann im Duell erschossen. – Versprich mir, Fidl – –
Fidelis.
Ich verspreche dir, daß er mich nicht erschießen wird.
Luz
(mit irren Augen, in höchster Angst, schreiend).
Du verbirgst mir etwas?
890
Fidelis
(hält ihre beiden Hände fest und schüttelt sie, wie um sie aufzuwecken).
Kind, Kind!
Luz
(schreiend).
Was hast du vor?
Fidelis
(sehr ruhig, laut).
895
Gar nichts.
Luz
(fährt zusammen, reißt die Augen auf, scheint plötzlich aufzuwachen, blickt ihn an und zieht dann ihre Hände zurück).
Fidelis
(läßt ihre Hände los; nach einer langen Pause, ganz ruhig).
Ich habe gar nichts vor. – Ich wundere mich selbst über mich. Ich warte die ganze Zeit vergeblich darauf, zornig oder unglücklich oder eifersüchtig zu werden. Es gelingt mir nicht. –
(Wendet sich achselzuckend von ihr ab und geht nach links, gegen das erste Fenster hin; nach einer kleinen Pause.)
900
Daß ich mich nicht wie ein Menschenfresser benehmen würde, war ja wahrscheinlich. Mehr aber kann ich selbst bisher beim besten Willen nicht aus mir herausbringen. – Und entschuldige, aber ich glaube nicht, daß mir deine Gegenwart dabei viel nützen wird.
Luz
(senkt ergeben den Kopf, wendet sich um und geht gehorsam zur zweiten Türe rechts).
Fidelis
(am ersten Fenster links bleibend, wartet, bis sie zur Türe kommt; dann, ruhig rufend).
Luz!
Luz
(wendet sich an der zweiten Türe rechts auf seinen Ruf noch einmal nach ihm um und blickt ihn an).
905
Fidelis
(sehr einfach).
Du weißt doch, daß du Vertrauen zu deinem Mann haben kannst? –
(Ganz leise, leichthin.)
Auch wenn er gar nicht mehr dein Mann
(Wieder etwas lauter.)
910
Vor allem aber rat ich dir, dich zunächst einmal gründlich auszuschlafen.
ist. –
Luz
(hat ihn regungslos angehört; jetzt durch die zweite Türe rechts ab).
Fidelis
(geht an den langen Tisch rechts, nimmt die kleine Holzpfeife, klopft sie aus, versucht, ob sie Luft hat, legt sie wieder weg, steht einen Augenblick nachdenklich, geht dann zur Türe rechts vom Glasschrank, tritt ins Nebenzimmer ein, öffnet dort die Türe ins blaue Zimmer und ruft hinein).
Du kannst jetzt schon wieder zu mir kommen, Mamchen.
915
(Kehrt zurück, nimmt seine Holzpfeife, setzt sich in den ersten, mit dem Rücken zum Kamin stehenden Lehnstuhl und zündet die Pfeife wieder an.)
Justine
(durch die Türe rechts vom Glasschrank; kommt zu Fidelis und blickt ihn erwartungsvoll an; da er nichts sagt, nach einer Pause).
Nun?
Fidelis
(leichthin).
Deine Sorge war übertrieben.
920
Justine
(ungläubig).
Glaubst du?
(Setzt sich auf die Sitzbank.)
Fidelis.
Es ist nichts Ernstes.
Justine
(nach einer Pause).
925
Willst du mir's nicht sagen?
Fidelis.
Ich fürchte nur – denn du denkst ja darüber noch ziemlich altmodisch.
Justine.
Worüber?
Fidelis
(rasch).
Nämlich Luz hat mich –
930
(findet das richtige Wort nicht.)
Luz ist mir –
(Hält wieder ein.)
Justine.
Nun?
Fidelis
(kurz, scharf, einen Satz rasch nach dem andern).
935
Untreu; hat mich betrogen; Ehe gebrochen. Oder wie du willst. Wir haben merkwürdigerweise dafür keinen gebildeten, inoffensiven Ausdruck.
Justine
(sehr stark, aber nicht laut).
Das ist doch ausgeschlossen! – Und du würdest wohl auch nicht mit solcher Ruhe –
Fidelis
(trocken).
Auch Luz war schon gekränkt, daß ich es an der nötigen moralischen Entrüstung fehlen ließ. Ich werde darüber noch viele Vorwürfe von euch anhören müssen.
940
Justine.
Meine Tochter ist unfähig –
Fidelis.
Diese Fähigkeit scheint doch eine allgemein weibliche zu sein.
Justine
(heftig).
Ich bitte mir aus –
Fidelis
(einfallend).
945
Wir können auch vom Wetter sprechen, wenn dir dieses Thema peinlich ist.
Justine
(sehr rasch).
Ja soll ich mich noch freuen?
Fidelis.
Ich bin nur dagegen, es als ein Nationalunglück zu behandeln.
Justine
(heftig).
950
Aber ich kenne dich ja besser. Dir ist gar nicht so –
Fidelis
(einfallend).
Wie mir ist, das –
Justine
(einfallend).
Du willst mir nur einreden –!
955
Fidelis
(mit einem leisen Anklang von Traurigkeit).
Eher vielleicht mir. Das wäre möglich.
Justine
(steht, durch seinen traurigen Ton betroffen, auf, geht bis an den Stuhl hinter dem runden Tisch und wendet sich dort wieder nach Fidelis um; nach einer kleinen Pause).
Was wird denn nun aber werden?
Fidelis
(achselzuckend, langsam, vor sich hin).
960
Ich müßte doch erst wissen –
(Hält nachdenklich ein.)
Justine
(nach einer kleinen Pause; ungeduldig).
Waswillst du –
(mit einem spöttischen Ton auf dem nächsten Wort)
965
noch wissen?
Fidelis
(aufblickend; leichthin).
Die Gelegenheit zur großen Szene, Mamchen, hab ich nun einmal versäumt. »Töte sie!«
(achselzuckend)
Ja, das müßte man dann wohl aber gleich! – Mir gelingt noch immer nicht, in Wut zu geraten. Nämlich, wenn es andere trifft, kann ich mich darüber nicht aufregen. Warum also gerade, wenn nun an mich die Reihe kommt? – Ich kenne doch genug solche Frauen, ohne daß ich deshalb je –
970
Justine
(lebhaft, widersprechend).
Ich schon!
Fidelis.
Ja, Mamchen, was jetzt dein Verhältnis zu Luz betrifft, wie du das regeln willst, das ist nun zunächst nicht meine Sorge.
Justine
(höhnisch).
Und dich selbst scheint's ja –
975
Fidelis
(rasch, einfallend; gutmütig).
Hetz doch nicht immer, Mamchen!
Justine
(ausbrechend).
Du bist ja gar kein –
(Hält ein.)
980
Fidelis
(trocken).
Es scheint, denn was man in solchen Fällen einen Mann – das meintest du ja doch? einen Mann zu nennen pflegt, kommt mir unerlaubt lächerlich vor.
Justine
(höhnisch).
Du siehst ja die Folgen der modernen Anschauungen!
Fidelis
(trocken).
985
Was verlangst du? Erschießen? Sie? Ihn? Beide? Oder jedenfalls sie dir zurückschicken? Was wünschest du?
Justine
(verlegen, ärgerlich).
Du bringst mich da doch in eine ganz falsche Position! Das Natürliche wäre, daßich dich zu beschwichtigen, sie zu entschuldigen, euch vielleicht zu versöhnen –
Fidelis
(trocken).
So sei nicht unnatürlich!
990
Justine
(ärgerlich).
Wenn du so gräßliche Behauptungen aufstellst!
Fidelis
(ruhig).
Warum ist euch das so gräßlich, wenn einmal einer halbwegs vernünftig sein will, und kein Vieh? –
(Springt auf, tritt an den langen Tisch und legt die Pfeife hin; kurz, knapp, sehr schnell.)
995
Was geschehen ist, kann ich nicht ungeschehen machen, auch durch Mord und Totschlag nicht. Und ich habe nun einmal einen unbegrenzten Respekt vor Tatsachen!
(Geht vom langen Tisch weg und im Zimmer auf und ab.)
Nichts dümmer, als auf das Schicksal bös sein, sich wie ein kleines Kind, wenn's beim Spielen verloren hat, gekränkt in den Winkel stellen und trutzen: nein, ich spiel nicht mehr mit! Na dann spielen eben die anderen allein. – Umgekehrt, da spiel ich erst recht mit, nun reizt's mich erst!
(Stehen bleibend.)
Denn Unglück, Schicksalsschläge, Mißgeschick, ja versteht ihr denn nicht, daß das alles bloß Aufforderungen zum Tanz sind? Da hopp, nun zeige, was du kannst!
1000
Justine
(trocken).
Wie du das aber eigentlich auf dein eheliches Mißgeschick anwenden willst, ist mir –
Fidelis
(mißt Justine mit einem ärgerlichen Blick; rasch einfallend).
Ja, du sitzt da wie eine gekrönte Froschkönigin, statt –
Justine
(rasch einfallend, heftig).
1005
Übe nicht wieder körperliche Kritik an mir!
Fidelis
(gleichzeitig mit ihr seinen Satz vollendend).
Stattmir ein bißchen zu helfen! – Aber das ist das Niederträchtigste bei den Frauen.
Justine
(gereizt, argwöhnisch).
Was denn wieder?
1010
Fidelis
(indem er neben das Sofa tritt; ernst).
Kein Mann versteht euch ja. Aber ihr müßt euch doch unter einander –? Nun so rate mir, erkläre mir! Aber nein, Geschäftsgeheimnis!
Justine
(ihn von der Seite spöttisch anblickend).
Was ist dir denn daran so – »unerklärlich«?
Fidelis
(treuherzig naiv).
1015
Alles.
Justine
(leise; mit einem spöttischen Blick).
Daß auch ein anderer als du geliebt werden kann?
Fidelis
(in einem sehr ärgerlichen Ton rasch).
Ach das nützt mir nun gar nichts, da weiß ich erst recht nichts! Sie »liebt« diesen Mann! »Liebt«! Das sagt gar nichts! Semiramis, Kleopatra, Messalina, die heilige Klara, die Kaiserin Katharina, das Gretchen, Isolde, die haben alle »geliebt«! Es ist immer derselbe Name und doch ist es niemals dasselbe. Damit weiß ich noch gar nichts, daß es heißt, sie »liebt«! Und solang ich aber das Motiv ihrer Empfindung nicht weiß, kann ich nicht helfen, ihr und mir nicht.
1020
Justine
(die sich immer mehr über ihn wundert).
Was nennst du denn das Motiv? Was meinst du damit?
Fidelis
(eifrig, mit sichtlicher Lust an solchen Darlegungen).
Es kommt zum Beispiel vor, daß in Menschen irgend ein lasterhafter Ahn spukt, daß sozusagen noch nicht ganz verdaute Gelüste der Vorfahren –
Justine
(ihn unterbrechend; kampfbereit).
1025
Du wirst doch nicht behaupten, daß in meiner Familie –
Fidelis
(rasch einfallend).
In keiner Familie kann man sicher sein –
Justine
(rasch einfallend, heftig widersprechend).
In meiner Familie –
1030
Fidelis
(rasch einfallend).
Es wäre sogar möglich, daß du selbst –
Justine
(wütend).
Ich?! Du wagst es –
Fidelis
(sehr schnell).
1035
Hör doch erst!
Justine
(empört laut).
Gott sei Dank beweist mein ganzes in Zucht und Ehren verbrachtes Leben –
Fidelis
(rasch einfallend; nickend, mit einer gewissen Schadenfreude).
Ja! eben das –
1040
Justine
(außer sich).
Eben das? Wieso?
Fidelis.
Denn siehst du, gerade die Tugend der Eltern, die schlägt dann in Kindern oder Enkeln zuweilen um, das unterdrückte Laster rächt sich und –
Justine
(schreiend).
Ich habe kein Laster unterdrückt!
1045
Fidelis
(mit einem Blick auf die zweite Türe rechts; ärgerlich, leise).
Schrei nicht so! Luz soll schlafen.
Justine
(voll Wut, flüsternd).
Wenn du meine Familie beschimpfst!
Fidelis
(ganz dicht bei ihr, eifrig).
1050
Hast du denn noch nie von nicht oder ungenügend abreagierten Affekten gehört? Die Wissenschaft hat bewiesen. –
Justine
(empört, flüsternd).
Ich danke für solche Wissenschaft!
Fidelis.
Übrigens wollt ich dir nur erklären, was ich ein Motiv nenne.
(Setzt sich zu ihr aufs Sofa.)
1055
Das wäre ein Motiv.
(Nachdenklich.)
Aber es trifft auf Luz nicht zu,
sicher nicht. Eher, eher könnte vielleicht euere verdammte Geldgier –
Justine
(heftig, laut).
1060
Du wirfst mir vor –?
Fidelis
(winkt ihr, nicht zu schreien und rückt ganz dicht an sie).
Oder nenn's deinen Tatendrang! Eure großen Unternehmungen mein ich. Ihr müßt euch schon tüchtig eingeheizt haben, innerlich, bis die siebzig Millionen beisammen waren! Und Luz, euer armes Kind, das hat nun von euch diesen inneren Dampf, aber keine Verwendung mehr dafür. Sie ist das Opfer.
Justine
(wendet sich empört von ihm ab).
Gottlos sind solche Reden!
1065
Fidelis
(rückt ihr nach, heftig, aber nicht laut).
Und gar diese zwei Berliner Winter! Mußtest du das junge Geschöpf nach Berlin schleppen?!
Justine
(verwundert, da sie gar nicht versteht, was er damit will).
Es war doch zur Vollendung ihrer gesellschaftlichen Bildung –
Fidelis
(rasch einfallend; sehr eifrig, in einem ärgerlichen Ton).
1070
Wenn sich in Berlin zwei im Theater treffen, ist, bevor's noch anfangt, ihre erste Frage: Was machen wir denn aber nachher? Alles Berliner Vergnügen besteht doch überhaupt nur im Lokalwechsel! Das überträgt sich dann natürlich, es wird zur geistigen Gewohnheit. Die Ehe aber setzt doch einmal eine gewisse Disposition zum Verweilen voraus. Nicht: was machen wir denn nachher? – Verstehst du jetzt, was ich ein Motiv nenne?
Justine
(ärgerlich, kopfschüttelnd).
Und wenn du nun das Motiv gefunden hättest –! Was dann?
Fidelis
(vergnügt).
Dann wär's erklärt! Hast dudenn gar kein Ordnungsbedürfnis? Man muß nur für jedes Phänomen den Zusammenhang aufzufinden trachten, dann ist es erledigt.
1075
Justine
(empört).
Machst du dich über dich selbst lustig?
Fidelis
(blickt auf, sein Gesicht wird ganz ernst; nach einer Pause, kurz, einfach, mit einem ganz leisen Anklang von Traurigkeit).
Laß mich doch! Vielleicht hab ich's nötig.
(Steht auf, tritt vom Sofa weg und geht nach rechts; nach einer kleinen Pause, hinter der Sitzbank wieder stehen bleibend, den Ton wechselnd, leichthin.)
1080
Wenn ich übrigens nur erst das Motiv hab, da weiß ich dann auch, wie ich Luz wieder krieg.
Justine
(verblüfft und neugierig).
Du willst –?
Fidelis
(indem er sie fast herausfordernd anblickt; kurz).
Natürlich. Ich will Luz wieder haben. – Wenn ich was verliere, suche ich, bis ich's wiederfinde. Du nicht?
1085
Justine
(zögernd, leise).
Zu meiner Zeit –
(Hält ein und blickt ihn nur mißbilligend an.)
Fidelis
(herausfordernd).
Was war da?
1090
Justine
(leise, höhnisch).
Da hatten die Männer, da gab's ein gewisses –
(Hält ein.)
Fidelis
(trocken).
Ehrgefühl? Gibt's noch immer, Mamchen. Ich denke fortwährend daran, was ich dem Kerl antun könnte. Und darauf läuft's ja hinaus, euer berühmtes Ehrgefühl, nicht? Erst aber will ich Luz wieder haben. –
1095
(Indem er zwischen die Sitzbank und den runden Tisch tritt; plötzlich sehr heftig, aber nicht laut.)
Ihr überschätzt auch alle den Ehebruch!
(Den Ton wechselnd, wieder ganz leicht.)
Kommt bloß auf die richtige Behandlung
an. Denk nur: ein Beinbruch – früher! Jetzt heilt man ihn in vierzehn Tagen. – Und ich weiß gar nicht, ob bei richtiger Behandlung nicht gerade durch den Ehebruch manche Ehen sozusagen erst entstehen!
1100
Justine
(trocken).
Man muß wirklich oft an deinem Verstande zweifeln.
Fidelis
(trocken).
Er funktioniert bloß anders als der eure. –
(Setzt sich auf die Sitzbank; nach einer kleinen Pause.)
1105
War denn das bisher eine Ehe, zwischen Luz und mir? – Ich beklage mich nicht, wunderschön war's. Aber warum Ehe? Nein. Ein behördlich genehmigtes Liebesverhältnis. Wunderschön! Doch Ehe, dächt ich, müßte noch anders sein. Scheint aber keine mehr zu geben. Gerade wie der Atem der Menschen jetzt zur großen Liebe nicht mehr reicht – es wird höchstens eine Liebelei daraus. Und so gibt's auch keine Ehen mehr, bloß Eheleien. –
(Nachdenklich, langsam, leise.)
Und oft und oft hab ich mir irgend ein Elementarereignis gewünscht! –
(Den Ton wechselnd, mit Selbstironie, nicht ohne Bitterkeit.)
Na vielleicht jetzt!
1110
Justine
(kopfschüttelnd).
Das ist doch geradezu pervers gedacht!
(In einem pedantischen Ton.)
Aus Schlechtem kann nie Gutes hervorkommen, merke dir!
Fidelis
(trocken).
1115
Fortwährend. Es ist sogar ein Grundgesetz des ganzen Lebens. Polarität, Systole und Diastole –
Justine
(rasch einfallend, heftig).
Jetzt komm mir nur nicht noch mit Fremdwörtern! Wenn ihr gar nicht mehr weiter könnt, wird's griechisch.
Fidelis
(aufstehend, lebhaft).
Und ist denn nicht jede Krankheit nur ein Weg zur Gesundheit?
1120
Justine
(erbittert; sehr laut).
Du wirst noch behaupten, sie hat bloß die Masern gehabt!
Fidelis
(hebt rasch abwehrend die Hand, daß sie nicht so schreien soll, tritt aus der Bank nach rechts und blickt besorgt auf die zweite Türe rechts; dann wendet er sich wieder nach Justinen um; nickend, ganz ernst).
Ungefähr. –
(Leichter im Ton.)
1125
Ihr wollt immer das Glück fertig ins Haus geliefert kriegen! Das wär mir langweilig. Das Schicksal mischt die Karten, aber spielen will ich schon selber damit.
(Geht zur zweiten Türe rechts und horcht; dann, indem er sich wieder zu Justine wendet, vorwurfsvoll.)
Sie geht drin auf und ab. Du hast sie sicher aufgeweckt.
Justine
(aufstehend; mit moralischer Entrüstung).
Ich hoffe, daß meine Tochter jetzt nicht schlafen kann!
1130
Fidelis
(geht wieder einige Schritte nach links; ruhig, herzlich).
Ich hätte eine Bitte an dich, Mamchen. – Geh jetzt zu ihr!
(Da er ihr widerstrebendes Gesicht bemerkt; leichthin.)
Verfinstere dich nicht und – sei nicht päpstlicher als der Papst!
Justine
(tritt vom Sofa weg, vor den runden Tisch; mit einem finsteren Gesicht, widerstrebend, achselzuckend).
1135
Ein Kind, das Geheimnisse vor der Mutter hat –
Fidelis
(ihr ins Wort fallend).
Es ist in solchen Fällen nicht üblich, vorher die Mutter zu fragen.
Justine
(geht noch einige Schritte nach rechts; empört).
Ich weiß Gott sei Dank nicht, was in solchen Fällen üblich ist!
1140
Fidelis
(geht ihr entgegen; herzlich).
Sei lieb! Gehzu ihr! Sie hat einen großen Schmerz und ich glaube, daß er sogar vielleicht echt ist. Sie braucht dich. Ich fürchte, ich wäre jetzt vielleicht nicht der richtige Verkehr für sie. – Also geh zu ihr! Aber bitte: Sei jetzt nicht moralisch! Laß das noch einige Tage!
Justine
(kommt zu ihm und sieht ihn neugierig an).
Ich muß anerkennen, daß du dich ja –
Fidelis
(ihr ins Wort fallend; mit einiger Bitterkeit).
1145
Ich benehme mich gut? Aber du – gesteh, Mamchen, du hättest dir von einem betrogenen Ehemann eigentlich mehr versprochen, nicht?
Justine
(trocken).
Ich hätte nur nicht gedacht, daß man so leicht zurückfindet und einfach wieder so weiter lebt.
Fidelis
(wieder in seinem ironisch leichtsinnigen Ton).
Aber das ganze Leben der Menschheit kann doch deswegen nicht in einemfort sistiert werden? Denk dir nur, zum Beispiel: Lokomotivführer! Die müssen auch, die können auch nicht jedesmal, wenn ihre Frauen – nicht wahr?
1150
(In einem ernsteren Ton.)
Man stellt sich alles viel gräßlicher vor. Ich wenigstens bin von den großen Schmerzen des Lebens bisher eigentlich stets angenehm enttäuscht worden.
Justine
(trocken, fast ein bißchen verächtlich).
Da bist du sehr zu beneiden. Aber nicht alle Menschen sind so –
(Hält ein.)
1155
Fidelis.
Du willst mir andeuten, daß ich keine sehr tiefe Natur bin? Vermutlich. Aber glaube nur nicht, daß die, die schreien, deshalb tiefer sind. –
(Lächelnd.)
Schau, Mamchen, die Sonne hört nicht zu scheinen auf,
der Himmel bleibt blau, die Blumen blühen, die Vögel singen, der Mensch hat Hunger und Durst, alles ist beim alten, und nur in irgendeiner Ecke tut's ein bißchen weh.
Justine
(mißbilligend).
1160
Wenn alle Männer so dächten, das würde die Frauen furchtbar demoralisieren.
Fidelis
(mit plötzlichem Tonwechsel).
Jetzt mach aber um Gottes willen nicht ein Gesicht wie das jüngste Gericht!
(Übermütig.)
Luz braucht jetzt einen Lichtstrahl! Also bitte!
1165
Justine
(ärgerlich).
Ja freilich!
(Geht empört zur zweiten Türe rechts.)
Fidelis
(spöttisch).
Nimm's nicht immer gleich tragisch, wenn mein Intellekt sein Pfauenrad schlägt! Es ist im Augenblick so ziemlich mein einziges Vergnügen.
1170
Justine
(durch die zweite Türe rechts ab).
Fidelis
(ruft ihr noch nach).
Und sei lieb, Mamchen, sei lieb mit ihr!
(Sein eben noch lachendes Gesicht wird, sobald Justine fort ist, plötzlich sehr ernst, fast drohend; er steht eine Weile, nachdenklich vor sich hinblickend; dann tritt er an den ovalen Tisch rechts und drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel.)
Diener
(durch die Türe links vom Glasschrank).
1175
Fidelis
(mit dem Rücken zum Diener; kurz, leichthin).
Sehen Sie einmal die Adresse des Herrn Legationssekretärs von Oynhusen nach. Und ob Herr Legationssekretär eine bestimmte Sprechstunde hat.
Diener
(ab).
(Vorhang.)

(Hermann Bahr: Das Phantom. Komödie in drei Akten. Berlin: S. Fischer1913. (S. 3–153.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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