Die selige Insel

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Juliane Déry

Die selige Insel (1897)

Dramatisches Idyll

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Unbenannter Akt

Über Dünenhügel hunderte und hunderte hin- und herschwebender Möven. Der Himmel ist umzogen, das Meer vom Wind bewegt. Ein Boot nähert sich dem Strand mit gerafftem Segel.
Airy.
Wo sind wir?
Jost.
Die Himmlischen frage.
Du treibst mich ja in Wind und Wetter
und folgest mir?
5
Bei dem Gezeter und Geschmetter
was willst du hier?
Ins Elend stößt du mich hinaus
und giebst mir das Geleite
und weichst im drohendsten Gebraus
10
mir nimmer von der Seite?
Wie deine Hand in meiner bebt!
Zu hohen Dünen sich der Strand erhebt,
es wirbelt der Sand und wallt
im Windeshauch –
15
Hu, wie kalt!
Schauerts dich auch?
Airy.
Der Regen sprüht mir ins Gesicht
in Strömen!
Jost.
Horch, das Gepolter droben!
20
Wie hin- und hergeschoben
erscheinen die dichten
beweglichen Schichten.
Ist das ein Treiben
Aneinanderreiben,
25
mit sausenden Winden
im Kommen und Schwinden,
ein Huschen, Erbeben,
ein heimlich Leben,
in allen Himmelsteilen
30
ein Rüsten und Eilen –
Ich höre die Wolken!
Airy.
Ist kein Strauch,
kein einziger Baum
ach, weit und breit
35
nicht eines Menschen Spur?
Jost.
Teufel auch,
man sieht ja kaum
drei Schritte weit
auf dunkler Nebelflur.
40
Wie hinter einer Schleierwand
umkreisen
die Sturmesboten mit leisen
Fittigen den Strand.
O unheimliche Vögel Ihr,
45
was bringt Ihr mir
für neue Qual?
Ei, gilt's ein Galgenhochzeitsmahl,
sind wir geladen als Gäste
zum Feste?
50
Ihr kommt gejagt, mit dem Gewitter,
herbeigeeilt als Leichenbitter?
Ein Räuber hat mein Glück erschlagen
und heute wird's zu Grab getragen?
Airy.
Was kamst du nicht ach, gar so lang?
55
Ich flehte bang:
O komm heran,
du teurer Mann!
und bat so sehr:
Ach eile und weile
60
mir nimmermehr
so fern!
Jost.
Ich liebte dich wie einen Stern
und habe dich als Leuchte nur,
als Demant
65
gekannt
auf himmlischer Flur.
Mein Glücksstern, mein Lebensstern!
Wie strahltest du mir aus der Fern'!
Auf weitem Ocean
70
ich blickte himmelan
und wollte dich nur prangen sehn
auf lichten Höh'n –
Ich liebte dich wie einen Stern.
Am Meere draußen weilt' ich zu lang,
75
da ward dir so bang
alleine.
Sturmvögel! Sturmvögel!
Im Mondenscheine
sie gingen zu zweit –
80
Sturmvögel, Sturmvögel,
ei wißt Ihr wohl,
was da
geschah?
Airy.
Du warst so weit,
85
viel hundert, hundert Meilen!
Ich konnt' dich kaum
ereilen
im Traum.
Jost.
Kehre ich im treuen Glauben
90
nicht zurück zu dir?
Poch' ich zwischen wilden Trauben
nicht an deiner Thür:
Liebste laß mich ein!
dort am alten Ort?
95
Doch wo ist das Bräutelein?
Fort ist sie, fort!
Ein Blitz, dann ferner Donner.
Airy.
Ein Feuerstrahl
wie Messerstich!
O welche Qual
100
verzehret mich!
Jost.
Laß es blitzen,
laß es rollen,
aus den Ritzen
tanzen und tollen
105
sollen die Funken,
daß die arme, wehe
Seele trunken
jauchze und vergehe
mit Donnern und Gedröhn!
110
Willst ja nichts mehr von mir wissen,
hast dich von mir losgerissen –
wie ist der Sturm so schön!
Wie kleine Hexen schnellen
empor die spitz'gen Wellen
115
auf bergeshoher See.
Mit Singen und mit Klingen
sie hüpfen und sie springen
und langen nach der Höh.
Hinan! hinan!
120
und zerren dran
und reißen gar munter
die Fetzen herunter.
Airy.
Was haucht mich an wie ein Gespenst,
als wollt' es mich verschlingen?
125
Jost.
Der Wind! der Wind!
Der keine Ruh' nicht findt!
Gleich wilden Hengsten sprengt er hin.
Fort! Dort!
Heijjahujjo!
130
Er fliegt nur so!
Hujjujjuhei!
Mit Wutgeschrei
saust er vorbei,
ei, sieh nur wie schnell!
135
Juchuhujju!
Nur zu, nur zu,
vernarrter Gesell!
Klagst du in Sehnsucht?
Jagst du in Haß?
140
Weinest und greinest ach,
deiner Geliebten nach?
Jagst ohn' Ermüden,
suchst sie im Süden,
suchst sie im Norden?
145
Ist sie dir denn treulos geworden?
Ei, wie that sie das?
Airy.
Wen sucht der Wind?
Jost.
Der arme Wicht!
Er sucht seine Braut
150
und findet sie nicht!
Airy.
Komm her!
Jost.
Beim ew'gen Gott, du fliegst mir noch davon!
Airy.
O eile dich! die hohle Wand
verleiht uns Schutz mit ihrem Dach.
155
Jost.
Ich kau're mich auf diesen Stein
zu Füßen hier der sand'gen Mauer,
indes die Herrscher treiben Spuk.
Die Stimmen sich mehren,
o höre, höre
160
die Donnerchöre,
die Wolkensphären –
Sturm, sing uns ein Lied!
Airy.
O wie sie wettern!
Sie wollen mich zerschmettern!
165
Jost.
Was solls, mein Kind?
Airy.
Der Wind, der Wind!
Er heult und pfeift,
nach mir er greift!
Jost.
Wo scharfe Stürme gehn,
170
da will ich stille stehn.
Wenn laut die Winde stöhnen,
verstummt und schweigt mein Sehnen.
Wenns in den Lüften rauscht,
erbebt mein Herz und lauscht.
175
Im Wettergejohl
ist mir erst wohl!
Wenn ich die Blitze seh',
vergeß' ich mein Weh.
Airy.
Er ruft mir immerzu!
180
Jost.
Bleib nur in deinem Verstecke du!
singt.
Ich sah eine Sternschnuppe
in heißer Sommernacht,
war das ein gefall'ner Stern?
185
Airy.
Himmel, hilf!
Jost.
Packt er dich?
Jagt er dich?
Welch ein Jammerlaut!
Mir graut!
190
Airy.
Ein Klageton
wie Teufelshohn,
ein tiefster Schmerzensschrei,
es reißt mein Herz entzwei!
Jost
den Wind nachahmend.
195
Jucheijja!
Bist du da?
Bist du hier?
Gott helfe dir!
Hujjujjuhei!
200
Gott steh dir bei!
Mein Täubelein,
ich hol' dich ein!
Airy.
Jost!
Jost
umfängt sie, scheinbar mit dem Winde kämpfend.
205
Fort, fort, Gesell!
Ei wirst du schnell!
Was fällt dir ein?
Dies Kind ist mein!
Du Luftgebilde!
210
Du wilde,
verzweifelte Kraft,
die nichts als nur Zerstörung schafft!
Du Wüstenvogel mit Fittichen aus Sand!
Du Riesenatem!
215
Du Staubungetüm,
das – o Schrecken! –
sich untersteht,
die Hand frech auszustrecken
nach meinem Schätzelein!
220
Siehst du denn nicht,
wie sie vergeht
vor meinem Angesicht?
Sie ist mein! o sie ist mein!
Airy.
O Ihr Unerbittlichen!
225
Jost.
Erblich
dein Leib zu Marmelstein
und wich
dahin dein strahlendes Sein?
Du bist ja starr!
230
Weißt nimmer, was war?
Wo sind denn deine Wänglein rot?
Ist dein Gefühl verdorben,
gestorben,
bist du denn tot?
235
Airy.
Wie glühendes Eisen michs brennt!
O niemand kennt
die Qual, die schier
versengt mir die Brust!
Jost.
Doch nicht nach mir,
240
mir nimmer zur Lust –
gesteh! gesteh!
Airy.
O mehr als je!
Mit neuerstandener Treue,
mit nieersterbender Reue,
245
mit tausendfachem Weh'!
Jost.
Werd' meine Frau
durch Priesterhand!
Airy.
Mich bringt die Schand'
und Schmach noch um!
250
Jost.
Warum? warum?
Airy.
Weil ich nicht kann!
Was frommt dir, schau,
so trauernd blaß
mein tiefgebeugter Leib?
255
Ihn durft' ein anderer halten
als Beute ihm zu eigen –
Du ärmster Mann!
Jost.
Wer that mir das!
Airy.
Ich bin ein sündhaft Weib!
260
Jost.
Euch, stürmende Gewalten,
ich rufe an als Zeugen!
Sie stehen unter zuckenden Blitzen.
Airy.
Er war gar schlecht,
ich hatt' ihn so lieb,
es war ja nicht recht,
265
mein Herz mich trieb –
So ward ich sein.
Wars der Wind,
der um mich strich,
mich küßte lind
270
und inniglich?
War's die Sonne,
die mich brannte?
so heiße Wonne
ich niemals kannte –
275
So ward ich sein.
An seine Brust ich sank,
als ob ein Gott mich stieß,
an seiner Brust ertrank
ich wie im Meere süß.
280
So tiefstes Gluten
machte mein Leben
kund, seine Fluten
alle erbeben,
daß nie und nimmer
285
sie kommen zur Ruh'
und tosen, brausen
ach, immerzu!
Im Sturmgesang
erscholl mein Sehnen
290
wie Wetterklang
und Glockendröhnen.
O Wolkengetümmel!
o Wagengerölle!
o höllischer Himmel,
295
o himmlische Hölle! –
So ward ich sein!
Ein Blitz schlägt ins Meer.
Der Blitzstrahl hat ins Meer geschlagen!
Jost.
Und mir ins innerste Mark hinein!
300
Airy.
O Allerbarmer!
Jost.
Ja, zitt're nur, ja, bebe nur!
Denn stürmisch wie das Meer,
das jammernd wallt,
und wild wie der Sturm,
305
der wiederhallt,
ist auch mein Herz!
Airy.
Du willst mich morden!
Jost.
Ei, Schönste der Gestirne,
bist du denn eine Dirne?
310
Fort mit dir, fort!
Such' dir einen andern Ort!
Die Welt ist viel zu schön für dich!
Airy.
Der Herr im Himmel erbarme sich!
O Jesus, mein Heiland,
315
und bei den Heil'gen allen,
auf fernem Eiland
soll ich nun fallen
von liebender Hand!
Jost.
Ungehört
320
hallt dein Hilfeschrei'n!
Niemand weit und breit.
Ungestört
kannst nun gehen ein
in die Ewigkeit.
325
Möven werden traurige
Klagetöne
singen. O welch schaurige,
o welch schöne,
Leichenfeier!
330
Hörst du, wie sie kreischen!
Airy.
Blut'ge Geier
werden mich zerfleischen!
Jost.
Beug' dein Haupt und halte stille,
wahrlich es ist Gottes Wille!
335
Airy.
Das kann Gott nicht wollen,
er verzeiht die Sünde
seinem unglücklichen,
reuevollen Kinde.
O Guter, Bester, Teurer du!
340
Mein Einzigster, o hör' mir zu!
Du mußt meiner schonen
und Gott wird dir's lohnen!
Ach lieber, süßer, geliebtester Mann!
O nirgends Hilfe, kein Erbarmen
345
für die arme Frevlerin!
Neues Gedonner.
Jost.
Nimm das als meine Antwort hin!
Hinaufrufend.
Brüllst du wie ein wundes Tier?
Sag', geschah dir auch wie mir?
350
Treibst dein Heer an zum Gefecht,
das erhitzte Wolkengeschlecht,
daß zu Ehren Gottes halten
ein Tournier sie, die Gewalten
dort des Feuers
355
und der Finsternis?
Schwarze Teufel den Herren loben,
die leibhaft'ge Höll' da droben!
Hätte ich doch solche
Messer, solche Dolche,
360
besser zielte ich,
lenkte sicherlich
ihren Feuerflug
hin, wo Lug und Trug
hausen, die Schuld!
365
Ja, in deine Brust,
Traum meiner Lust,
um zu laben
mein heißes Sehnen!
Airy.
Du mußt Geduld
370
mit Stürmen haben
wie mit denen,
die wohl dich lieben, aber fehlen,
die armen heißen Sturmesseelen.
In ihnen wohnt
375
die Zauberin Minne,
in ihnen thront
der Herr der Sinne,
der Herr des Schmerzes, der gewaltigste Geist!
Jost,
voll Wut und Hohn.
380
Dein Flennen mir das Ohr zerreißt!
Ei bist du so?
Doch hast du recht!
Sei froh, sei froh!
Du bist nicht schlecht,
385
nein herzensgut
und thust du denn nicht Allen,
was man nur thut,
um Allen zu gefallen?
Du bist gar schlicht!
390
Was ist dir Treue,
was ist dir Pflicht?
Ei laß die Reue!
Du bist ja nur weich,
doch nicht gemein,
395
nein, hilfereich
und engelrein.
Wie bist du nicht?
Was bist du denn?
Wenn ich nur wüßt',
400
wie ich dich nenn'!
O rührend Kind,
das liebt und lebt,
in Freud' und Sünd'
gen Himmel strebt!
405
Das ist ein Nehmen, Geben,
ohn' Rast und Ruh!
Das unbewußte Leben,
ja das bist du!
Ich fange gar zu glauben an,
410
du weißt gar nicht, was du gethan,
wie du vergangen dich so schwer:
Was nimmermehr
ach, wiederkehrt,
du hast's verzehrt
415
mit diebischer Lust
an fremder Brust
getheilt – o Pein! –
was mein und dein,
das heil'ge Gut
420
der Liebesglut,
die Seligkeit
der Höll' geweiht!
Airy.
Ich schwörs zu deinen Füßen
ich will mein Fehlen büßen,
425
mein ganzes Erdensein
nur einzig der Buße weihn,
in schlechte Lumpen mich hüllen
und meinen Hunger nie stillen,
ertragen Kerkernot
430
bei Wasser und bei Brot
und Frost und Kälte
und Schläge und Schelte,
ja, ohne zu klagen,
mein Lebtag mich plagen
435
und alles, alles thun,
nur nicht im Grabe ruhn!
Jost.
Wie meine Geduld du auf die Folter spannst!
Airy.
Würgende Pein!
Muß es denn sein?
440
Soll ich schon scheiden
und den häßlichen, gräßlichen Tod erleiden,
dann, mein Freund, verachte nit
meine letzte, kleine Bitt'.
Jost.
Machs kurz!
445
Airy.
Es wär' so schön,
ein Freudensturz
aus Himmelshöhn.
Nur noch ein einzigmal
vor langer, langer Grabesqual
450
und vor der tiefen ewigen Stille
das Glück in seiner ganzen Fülle
zu atmen und im hellen Sonnenschein
des Daseins froh zu sein!
Jost.
Daß ich nicht lache!
455
Verlangst du nichts weiter?
Geh, Donnergott, so mache
geschwind ihr ein heiter
Plaisirchen, holla, schlage ein
und steck' den Strand in Brand!
460
Sie will ein bischen fröhlich sein!
Ja, zünde an das ganze Land,
das Meer
an allen seinen Ecken,
verheer'
465
die Welt mit deinen Schrecken!
Zerschellen soll
das Schiff, das dort in einem weißen Kranz
von Wellen toll
sich dreht im Totentanz!
470
Airy
entflieht auf die Spitze einer Düne und ruft
Hoch vom Dünengipfel wie von einem Turme
seh' ich zu dem Himmelstoben
und unter mir dem Menschensturme
und lache!
475
Narr!
Du jagst mich aus der Welt,
die mir so wohlgefällt?
Ich gehe nicht, beileibe,
ich weiche nicht, ich bleibe
480
und will nicht sterben!
Jost.
Hört, Donnerkeile,
ihr Blitzespfeile,
sie will nicht!
Airy.
Nein!
485
das Leben lieber tausendmal
erleiden als ein einzigmal den Tod.
Ach, wenn mans könnte!
Jost.
Hexe! Dämon! Höhnst mir ins Gesicht!
Airy.
Die Kräfte können nicht!
490
Verdammt sie sind zu jagen über diese Erde
gleich trotzig wilden Flammen hin,
verzehrend mit der gleichen Gier
so Freud' als Leid.
Das rennt und brennt
495
bis an sein End',
du hältst den Feuerlauf
nicht auf!
Jost.
Unheilig Mädchen, komm herab,
ich weise dir den Weg zum Grab,
500
komm, daß ich dich im Meer ertränke
und dir den ew'gen Frieden schenke
dort in den schreienden Fluten!
Airy.
Die Fluten werden bald verstummen,
warum nicht deine Flüche auch,
505
die tausend Stimmen deiner Wut?
Hast mich so grausam lieb?
Vergieb! vergieb! vergieb
und du wirst sehn, wie wohl das thut!
Horch, der Orkan geht auch zur Ruh,
510
ei sieh nur zu,
es giebt schönes Wetter noch heute!
Und nach und nach
wird auch die Freude wach,
die arme Freude!
515
Jost.
Es giebt kein Entrinnen!
Nun mußt du von hinnen!
O wärst du schon fort!
Airy.
Es fliehn die Nebelfetzen dort
zerschliff'nen Linnenbändern gleich,
520
nur zu, ihr Winde, streut geschwind
den Rauch in alle Weiten hin,
entwirrt das Wirrnisnetz
um uns, den sturmdurchtränkten Dunst
zerreißt, das kalte Trauertuch!
525
Fort, nasse Nacht am lichten Tag
du Lügennacht mit deinen Schauern!
Jost.
Es ist mein Richteramt
und ich vollzieh es gut!
Airy.
Ach, sollen diese Augen aus Samt
530
für immer sich schließen?
Und diese Lippen wie Blut
sich nie mehr ergießen
in deine Lippen
und nie mehr nippen,
535
die träumenden Zecher
am schäumenden Becher
berückendsten Lebens?
Jost.
Du wirst ja sehn,
es stirbt sich schön
540
an weltverlorner Stelle.
Wie leuchten hell die Dünenwälle
aus blauer Luft hervor!
Voll lichter Grabeshügel liegt
der Strand,
545
der zarte Sand
im Winde fliegt
wie Flor.
Airy.
Nixlein in den Wellen,
Geist der frischen Quellen,
550
Nymphen im Schilfe,
kommt mir zu Hilfe,
daß ich ihn bethöre
daß er doch erhöre
mein herzinnigstes Flehn!
555
Jost.
Was willst du?
Airy.
Die Sonne sehn!
Ein letztesmal!
Nur einen einz'gen Sonnenstrahl!
Bitte, bitte inniglich!
560
Herzlich, schmerzlich flehe ich
noch um ein bischen Sonnenschein,
um einen Strahl ganz winzig klein.
Ich flehe dich an!
Den nehme ich dann
565
hinab
ins Grab.
Jost.
Dann Sonne, scheine!
Ihr ist so kalt!
Wo bleibt dein Licht,
570
das nur alleine
hat Allgewalt
und wärmt?
Du glühst ja nicht,
o Not!
575
Ach, komm geschwind,
das arme Kind
sich härmt
und möcht' dich schnell noch sehn vor ihrem Tod!
Airy.
Im Wolkenland
580
sie brennt,
die schwarze Wand
uns trennt
vom Angesicht der Strahlerin.
Jost.
So wahr ich elend bin,
585
ich zerrte sie herbei zur Stell'
bei ihren roten Haaren!
Airy.
Der Ungeduld! Er kann
es nicht erwarten
und leidet Höllenqual,
590
der arme Mann!
Giebts denn in diesem Meeresgarten
auch keinen einz'gen Sonnenstrahl?
Doch fein geschliffen muß er sein,
ein tötlich Ding,
595
gar spitz und flink,
daß er mirs bohr' ins Herz hinein!
Jost.
Schnell und schneller naht die Helle,
hell und heller wird die Welle,
die Höhe heiter,
600
die Weite weiter –
Geduld, bald wirst du selig sein!
Airy.
Was war denn das?
Jost.
Ein Hai, was sonst?
Airy.
Dich kann ein Menschenkind,
605
Du, garstiger Wasserherr,
wohl ungestraft erblicken!
Jost.
Du lachst
mit keckem Mut?
Doch lache nur, lache!
610
Mein Kind, du machst
deine Sache
nicht gut.
Beim ersten Sonnenstrahl –
Airy.
Du sollst nicht schwören bei deiner Seel',
615
das soll man nie!
Gar manchen Fehl
das Herz verzieh –
Doch laß den Thränen ihren Lauf,
in Schmerzen wird das Glück geboren – –
620
Silberweiß schimmert
her der Meeresspiegel,
rosenrot flimmert
über Dünenhügel,
über der Wasserwüste
625
wie Silbersaum,
wie leuchtende Saite
jählings aufblitzend Küste,
füllend, glühendem Duft
gleich, den Kuppelraum.
630
bis ins endlose Weite,
die entzündete Luft.
Gieb acht, da liegen Eier!
Und Junge! Lieber Gott,
die kleine nackte Mövenbrut!
635
Jost.
Große Angst erfaßt die Alten,
alle Wetter, welch Geschrei!
Airy.
Wir thun nichts den Zagen,
sie sind gefeit,
ihr braucht nicht zu klagen,
640
o freut euch, freut
in Gottesnäh'
ihr kleinen Vogelengelein
so weiß wie Schnee
mit strahlend hellen Flügelein
645
im Blauen weiß,
und weiß wie Gold,
ein Weiß so heiß
wie Rosen hold,
ja rosenweiß
650
und weißlich grün
wie Schneegegleiß
und Alpenglühn.
Hörst du sie all? Siehst du sie all
sich tummeln überm Wogenschwall?
655
Wie wenn ein Baldachin sich regt,
sich leise hin und herbewegt
so geisterhaft, dem Himmel gleich,
der über dieses irdsche Reich
herniederschwebt
660
und still erbebt,
sick senkt und hebt –
es lebt! es lebt!
Jost.
Was ist das für ein Zauberland?
Airy.
Und dieser Flug! Das ist ein Tanz!
665
Ein Flattern, Huschen und ein Drehn,
ein leises Mitdenflügelnwehn
auf und nieder,
hin und her
wie zarter Glieder
670
Lustbegehr,
ein Wiegen
im Fliegen,
ein Gleiten
zur Seiten,
675
ein Sinken
wie ein Ertrinken
in Wonnen,
ein Steigen
in Reigen
680
auf zu der Sonnen.
Jost.
Nach Rottum bracht' uns das Geschick.
Airy.
Die kleine Insel, die wir drüben
vom Leuchtturm aus gesehn
am Horizont als Schattenriß?
685
Jost.
Fürwahr! warst je in Holland du?
Es nennt das stolze Nachbarland
Dies abgeschiedne Fleckchen sein.
Airy.
Nach Holland mich zu bringen, nein!
Jost.
O Vorsehung! dort steht ein Haus,
690
es wohnen Menschen hier, man hört
ja Hunde bellen.
verschwindet in der Richtung, wo das Haus steht.
Köter, schweig!
Wirst kuschen dich! Verfluchter Hund!
695
Airy
folgt ihm.
Du thust mir nichts, gelt nein, Cito?
Ich wette, daß er Cito heißt
Nur still, Cito! Ei, so ists brav!
Wo ist dein Herr? Ist er daheim?
700
Jost.
Vergebens späh' ich, alles leer.
Airy.
Wo sind denn nur die Leute hin?
Jost.
Zur Küste wohl gefahren.
Airy.
Wie ist es drin?
guckt hinein.
705
Verlassen, warm und traut,
ein Nest, das sich ein Menschenpaar gebaut.
Tisch und Stühle nicht mehr neu,
auch ist Fliegenschmutz dabei.
In die Speisekammer guckt' ich auch,
710
aus dem Schornstein steigt ja Rauch!
Brennt das Feuer schon am Heerde?
O beneidenswerte
Leute, die Ihr wohnt in solchem Raum!
Ists nicht wie ein Liebestraum?
715
Ach so lauschig, ach so eng
wie ein Gotteshochzeitsgeschenk!
Jost.
Bist du denn unverwüstlich?
Hast du denn tausend Leben?
Und will man dir eins nehmen,
720
dann fließen dir aus Erd' und Luft
gleich dem berauschenden Duft
der götterkräft'gen Reben
in Strömen
noch heißre zu –
725
Wer bist denn du?
Airy.
Ein Seehund! dort!
Ein Seehund, nein, wahrhaftig!
Jost.
Ei, die Freude, schau!
Doch siehst du das Stückchen Himmel dort,
730
so gleißend wie der Mond, der glitzert?
Airy.
Vergiß, vergiß!
Was Liebe verbrach,
die Liebe wills verhüllen,
ja meine Schmach
735
vergiß um deiner Freude willen!
Was rauschen die Wellen?
Jost.
Nie! nie!
Airy.
Ja, thus doch! Sagen sie
und: Er thut es auch! die Winde
740
das himmlische Gesinde.
O hör' ihr Flehn
nach Lust und Wehn,
ihr heimlich Brausen still gedämpft,
wie wenn die Lieb' mit Liebe kämpft,
745
als spräche zum Glück
ein flehender Blick:
Zu mir dich neige,
doch schweig', ach schweige,
verhall' im Raum! ...
750
Ihr Hauch wie Labsal nährt,
die Erde lacht dich an verklärt,
ach, siehst du denn nicht
ihr strahlendes Gesicht?
Jost.
Bald ist sie von dir befreit!
755
Airy.
Thust du ihr an das Herzeleid?
O Mutter, man will dein Kind dir rauben!
Jost.
Wie kannst du nur glauben,
daß sie dich liebt, dich Teufelin?
Airy.
Das Meer kann nicht weiterfließen,
760
der Himmel, der trübe, hemmt seine Bahn,
das Wasser stößt an die Wolken an.
Der Ew'ge weiß,
was du mir bist,
wie lebensheiß
765
mein Fühlen ist!
Jost.
Nichts als Lüge, Gaukelei!
Airy.
Dann lügt der Mond in stiller Nacht,
die Sonne, die bei Tage lacht,
die Sterne lügen am Himmel blau,
770
die Lenzeslüfte lind und lau,
dann lügt der wunderschöne Mai,
die Nachtigallenmelodei,
die Morgenröte, die so schnell verglüht,
der rote Herbst, der wie ein Traum entflieht,
775
der Sommer und der blaue duft'ge Flieder.
Sie alle gehn und alle kehren wieder!
Jost.
Komm mir nicht nah!
Durchnäßt ist mein Gewand!
Airy.
Du gute frische Brise,
780
o trock'ne ihm sein Kleid,
mit weichen Flügelwehen
o wehe hin sein Leid,
verwehe, was geschehen
und mach sein Hoffen stark,
785
o salz'ge Brise komm
und hauche ihm ins Mark
den neuen Freudenstrom!
Dein Atem ist gelinde,
mit deinem Göttermund
790
o küsse mir geschwinde
den kranken Freund gesund!
Ja, hilf dem teuren Mann,
du junger Frühlingsgeist,
daß er mich lieben kann,
795
mich seine Liebste heißt.
Mit deinem Zauberhauch
o atme ihm aufs neue
Vertrauen, Ruh' und auch
den Glauben an die Treue,
800
Erquickung ihm in Fülle
ins heiße Herz hinein,
umfange ihn und hülle
in helle Liebe ein!
Jost.
Geh, teuflische Braut!
805
Aus deinen Augen schaut
der Dämon alles Glücks
und packt mich hinterrücks.
Ich heische Ruh'!
Bald weinest du,
810
bald lachst du mir,
ach für und für
in sinnberückender Ekstase.
Laß mich! Über dem Dünengrase
siehst du den zitternden Schimmer
815
dort, das goldene Geflimmer?
O tausendfache Qual!
Airy.
Ach, nun erlischt mein Lebenslicht!
O Erde, vergiß mich nicht!
O Mutter, gedenke mein!
820
Nun krieg' ich Flügelein
und muß entfliehn –
Wohin? wohin?
Jost
verzweiflungsvoll.
Ich kann dich nicht töten,
825
ich muß mit dir leben,
ich muß mit dir weinen,
die Brust nur zerschlagen
und jammern und klagen:
der Schuldige bin ich!
830
Ich Säumiger ohn' Arg,
Gedankenloser, Arger,
der Schuldige allein!
Airy.
Er hängt
an mir, in stolzem Minnen
835
ist er an mich gekettet,
ihn drängt
sein Herz voll Sehnsuchtsgier
mit allen Sinnen
nach mir, nach mir –
840
er ist gerettet!
Jost.
Zu Kreuze kriechen will ich, Armer,
zum Leidenskreuz und auf mich laden
das Kreuz der Liebe, das so schwer
ach, drückt, daß ich zusammenbreche –
845
Airy.
Das ist das Leben:
In Qual ergeben,
wir müssen es dulden
und tausendfach leben,
trotz Wunden und Weh –
850
wir müssen, wir müssen!
Jost.
Sag', Liebste mein,
entschwinden
die Sünden,
wird man je rein?
855
Airy.
Nur die Reinen können weinen,
fühlen Freude selbst im Leide,
Wehmutswonne, lind und weich,
des Vergessens Himmelreich.
Jost.
Leg' deine Hand auf die Stirne mir.
860
Sie brennt. Mich brennts auch hier.
Doch hab ich erkannt
das holdeste Weib –
Weißt du wer du bist?
Die liebe Hand!
865
Das labt und kühlt!
O bleibe nur, bleib!
Der Himmel ist,
wo man ihn fühlt.
Du bist die Freude,
870
dich darf keiner fragen,
von wannen du kommst,
von welchem Geist getragen
und wer dich schon gesehn?
Man muß nur flehn:
875
O Traum, verweile!
Airy.
Ich hab' keine Eile,
o sei nur nicht bang!
Ich bleib' bei dir
mein Lebelang!
880
Geh mit mir,
komm, der Erde reife Früchte
lachend genießen, Kindern gleich,
schwelgen in den tiefsten Tiefen,
schwärmen auf den höchsten Höhn
885
mit des Falters Gaukellust,
mit der Menschheit Wehmutsthräne
und mit Gottheitssehnsucht fließen
in den heil'gen Glutenstrom
der entzückten Kreatur!
890
Hör', wie sie schwirren,
das Herz verwirren,
sie rufen gar laut,
so fremd und vertraut,
erzählen und berichten
895
sich allerhand Geschichten
und wiehern wie Pferde,
verlachen die Erde,
in Lüften hoch
ists schöner noch,
900
und höhnen
in Tönen
in tiefen und hellen,
miauen und bellen
und schäkern
905
und meckern
aus froher Brust
und schreien
als seien
sie toll vor Lust!
910
Sag', betet so das sel'ge Tier?
Jost.
Und jubelt laut: Sie ist wie wir!
und jauchzet stolz:
Wie Götter sind
aus jenem Holz
915
ist auch gemacht
das Elfenkind
voll Lust und Pracht!
Drum nimm sie hin
mit süßen Minnen
920
die Königin
der Königinnen!
Airy.
O Gott, wie kann man nur so lieben!
Jost.
Du siehst, ich kanns. Welch jauchzend Glühn!
Der Strand erglänzt, die Welle blitzt
925
so goldig glitzernd wie der Fische
vielfarbig schönes Schuppenkleid.
Nun fängt das Meer an sich zu regen,
ist das ein Glanz und ein Bewegen!
Mein Liebchen, bei Gott, nun ist gar das Meer
930
ein lebendiges, leuchtendes Wellenheer!
Airy
triumphirend.
So töte mich! Was tötest du mich nicht?
Jost.
Wie Morgenrotserröten
beseeligt ach und liebesjung
935
erstrahlt dein Nixenangesicht.
Airy.
Vor brennender Bewunderung!
In Strömen fließt und fließt das Licht!
Hat denn die Sonne ausgegossen
den glutgefüllten Strahlenborn
940
und ist ihr Feuerball zerflossen?
Die Funken fliegen grell herum!
Durch Wolken rieseln sie herab!
Es tanzen vor dem trunknen Aug
entbrannte Ätherflämmchen hell!
945
Welch ein Gegleiße von Milliarden
Krystallen demantklar!
Welch ein Geglitzer, ein Brillieren
ein flammenartig Zittern leis
von Glühwürmchen und Sternelein
950
entzückend schöner Farbenfünkchen;
so blitzartig behende,
ein Flimmern ohn' Ende
hinab, hinauf
in dichtem Hauf,
955
bald hin und bald her
vom Himmel zum Meer,
vom Meer zum Himmel,
welch ein Gewimmel,
ein Rauschen und Rollen,
960
ein Ringen und Wollen,
ein glühend Streben
von tausend Leben,
ein Tumult von Licht!
Wo scheint die Sonne?
965
Ich seh' sie nicht!
Die Sonnengeister spielen nur
berückend heilige Phantasei'n.
Welch ein Strahlen, Jauchzen, Singen!
Horch, Funken tönen, Flammen klingen!
970
O Liebesallmacht,
Strahlengottheit,
vernichte die Nacht
der Traurigkeit!
Erlösung, ach, ersehnt die Brust,
975
gieb helle Lust,
ja, gieb uns – fort mit allem Schmerz! –
ein neues Herz!
Jost.
Du sollst es haben,
Sonnenmaid,
980
und dich dran laben
auf grüner Haid'
gleich Blume und Lybelle!
Die Rosen müssen glühn,
der Himmel prangt so helle,
985
da mußtest du erblühn.
Verhallt ist deine Beichte,
mein wildes Röselein,
o atme, dufte, leuchte,
du sollst mein Leben sein
990
und herzen mich und kosen
so strahlend und so süß
und selig wie die Rosen
im Rosenparadies.
Airy,
der die rote Mütze vom Kopfe fliegt.
995
O weh der Wind! Ach meine Haare!
Jost
läuft der Mütze nach und hebt sie auf.
Laß flattern die Mähne!
Entzückend Spiel der sel'gen Winde!
Airy.
Die Mütze gieb!
1000
Jost.
Nein, sie ist mein,
o Liebchen süß,
wir sind allein
im Paradies.
Allein, allein
1005
am fernen Strand,
die Einzigen
im ganzen Land.
Mein Sonnenschein
am Himmelszelt,
1010
wir sind allein
auf dieser Welt.
Eine Möve flattert nieder.
Airy
will sich ihr auf den Zehen nahen.
Still, o still!
Denn weißt, ich will
1015
sie fangen und küssen –
Jost.
Sie soll auch wissen,
wie gut es ist,
wenn man sich küßt.
Airy.
Ich schenke ihr die Freiheit dann,
1020
daß sie sich wieder schwingen kann
zum Himmelsbogen.
Die Möve flattert auf.
Husch, weggeflogen!
Ei, Gott mit dir!
1025
Jost.
Du dummes Tier!
Zu fliehn davon
vor solchem Lohn!
Ja, flatt're durch die würz'ge Luft,
so glühend frisch, so feurig rein,
1030
wie wenn sich tausend Liebchen kosten.
Ein Götterwein! Laß trinken uns!
Sie umarmen sich.
Airy.
Wie hoher Klee im Morgenwind
die Wasser plötzlich wallen grün
und Well' auf Welle strömt und rinnt,
1035
o welch ein Spritzen, Schäumen, Sprühn!
Es züngeln brennend immer mehr
mit lautem Gischen und Getos
die Wasserflammen lichterloh –
O kalte Glut,
1040
wer mag dein nasses Feuer dämmen?
Jost.
Die Flut! die Flut!
Von allen Seiten strömt sie her
in Eil', in Eile atemlos!
Was wollt von uns so hoffnungsfroh,
1045
ihr Wogen mit den weißen Kämmen?
Airy.
Wie Schwäne – ah!
Jost.
Wohin? Ins Meer?
Airy.
Fast hätt' ich mich hineingestürzt vor Wonne!
Jost.
Meine Arme sind der Ort,
1050
wo deine Wonnen harren!
In mir ist ein Erwachen,
ich hör' dein goldnes Lachen,
in deiner Kehle
lacht eine Seele.
1055
Wie deine Augen
aus Leib' und Seel mir saugen
unerschöpfte Begeisterung,
daß frisch und jung,
froh wie ein Kind
1060
den Weg ich find'
zum Glück.
Laß deinen Blick
mich wieder trinken! Er stärkt und reift,
daß jauchzend voll das Herz begreift
1065
wie teuer du ihm bist!
Wir beide sind ja noch so jung,
ich küß' die Schatten der Erinnerung
dir aus dem sehnsuchtsvollen Leibe
mit Wonneglut
1070
für allemal,
ich küß' dich gut,
daß all die Qual
zu Ende sei.
Denn sternenhehr
1075
ist meine Treu
und mein Begehr
so weltenewig,
so sehnsuchtseilig,
ich küß' dich selig,
1080
ich küß' dich heilig,
ich küsse dich zu meinem Weibe!
Umarmung.
Airy.
Stürmischer als der Sturm
bist du im Leide,
himmlischer als der Himmel
1085
nun in der Freude.
Wie den Sturm die Windsbraut
und die Seele den Himmel,
so lieb' ich dich nun allezeit
in Freud' und Leid.
1090
Sie löst sich langsam aus seinen Armen.
O Entzücken:
des Strandvolks süßes Maienglöckchen,
die zarte Pirola blüht auch hier!
Sie pflücken.
Jost.
Der Himmel im Himmel
1095
kann schöner nicht sein!
Was wird daraus? Ein Kranz?
O flicht
auch Seemannstreu hinein,
Sie gleicht der Distelblume.
1100
Er pflückt und reicht ihr ein Seemannstreu.
Laß dich krönen
mit dem duftigsten der Diademe!
setzt ihr den Kranz auf.
Stammst du von schneeigen Vögeln hoch in der
1105
Luft?
Fließt in deinen Adern Sonnenduft?
Ist das braune schnelle Reh' dir Muhme
tief im Walde?
War nicht deine Mutter eine Blume
1110
auf der Halde,
wohl die schönste Anemone?
Trug dein Vater eine Krone?
Bist du ein Wolkensproß?
Ist Aurora dir Genoß?
1115
Liegt deine Heimat beim ew'gen Schnee,
wo sich Firnen und Gletscher ballen?
Oder unten in der See
bei Fischen und Korallen?
Kommst du vom Feuer? Kommst du vom
1120
Wind?
Überreiches Menschenkind!
Airy
Der Mantel ist ihr zu Boden geglitten, sie steht in weißem Gewande da.
Woher ich komme, ich kanns dir nicht sagen,
wohin ich möchte, das will ich dir klagen:
1125
dahin, dahin,
wohin die Wolken jauchzend zieh'n.
Laß uns ihren Siegeszug
verfolgen trunk'nen Augs!
Sie betrachten die Wolkenbilder.
Jost.
Bei Gott, ein Krokodil!
1130
Airy.
Ein silberner Aar,
er saust durch die Luft!
Jost.
Ein Türke. Wie sein Turban glänzt!
Airy.
Was ist denn das?
Jost.
Vielleicht ein Tier.
1135
Airy.
Ein solches giebts auf Erden nicht.
Jost.
Doch anderswo, gewiß sogar.
Ich sah's im Traum wohl auf dem Mars.
Airy.
Und hier, ich bitte dich!
Jost.
Mutter und Kind.
1140
Ein Heiligenschein
sie hüllet ein.
O süße Augenweide!
Mit inniglicher Freude
sich Beide herzen,
1145
dahin sind Schmerzen
und alle Nöten –
man möchte beten.
Die Sonne bricht hervor, sie steht tief über dem Meere.
Die Sonne!
1150
Airy.
Die Siegerin, hei, bricht hervor
mit ihrem Gottheitsstrahlenchor!
Sie singt,
es klingt:
Ich wache!
1155
Mein Wolkenkleid zerreiße ich,
zerreiß' dein Leid
und bring' dir Ruh,
o heiße mich
willkommen du
1160
und lache!
Jost.
Du kommst zu verkünden
o strahlender Geist:
es giebt keine Sünden
im Herzensgetriebe,
1165
es giebt nur Gefühle
und alles ist Liebe.
Mich reißt das Leben neu an sich
und hebt mit lachendem Umarmen
und trägt auf goldnen Flügeln mich –
1170
Airy.
Hörst du nicht Stimmen?
Jost.
Und ob ich sie höre!
Die Geister des Meeres,
die Geister der Lüfte,
sie drängen voller Ungestüm:
1175
Hochzeitsfackeln,
schlagt gen Himmel!
Beide.
Aus allen Ecken
uns lachend necken
die Luftgestalten,
1180
da ist kein Halten!
Nach uns verlangt,
nach uns, ach, langt
das Geistergelichter.
Und gar die Gesichter,
1185
die wunschverzehrten –
wir Vielbegehrten!
Doch wär' es blos Trug,
ein flimmernder Spuk
des Gauklers Licht?
1190
Nein, nein, es ist wahr,
es mehrt sich die Schaar.
Sieh, Augen glimmen,
und Nixenstimmen
im wirren Chor
1195
uns tönen ans Ohr
an allen Enden –
wohin uns wenden?
Airy.
Ach, vorerst heim!
Der Abend sinkt hernieder
1200
mit heißem Flügelschlag.
Jost.
Doch weh, das Schiff!
Airy.
Was ists mit dem Schiff?
Jost.
Geborsten vom Sturme,
es stürzt in die Tiefe!
1205
Airy.
O Weltallsmächte!
Nun gilts im Land der Schönheit zu verharren!
Das Schiff versinkt!
Jost.
Nein, es verbrennt.
Es stirbt den glühendsten der Tode.
1210
O Wunder über Wunder!
In Flammen geht es auf, in Flammen prasselnd
unter!
Schiff und Sonne versinken, ein purpurner Himmel breitet sich über die dunkelnde Erde.
Airy.
Geliebter!
Jost
stürzt vor sie hin.
1215
Die Sonne wills!

(Juliane Déry: Die selige Insel. Dramatisches Idyll. Berlin: Schuster & Loeffler1897. (S. 5–93.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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Juliane Déry
(18611899)

* 10.07.1861 in Baja, † 31.03.1899 in Berlin

weiblich

deutschsprachige Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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