Vom Stamm der Asra

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Figurenkonstellation

Hedwig Dohm

Vom Stamm der Asra (1875)

Lustspiel in einem Act

Uraufführung1874

SchauplatzOrt der Handlung: Baden-Baden.

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Scene I.

Werner. Helene (am Frühstückstische sitzend).
Werner
(am Tisch, rauchend, eine Zeitung in der Hand).
Nun, Helenchen, bist du zufrieden? Hatte ich nicht Recht, als ich dir von Baden-Baden vorschwärmte? Sieh dich einmal um: dies Zimmer – dieser Caffee
(schlürft den Caffee)
– diese Cigarren, und vor allen Dingen
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(steht auf und sieht durchs Fenster)
diese Landschaft! Selbst einen Goldmenschen, wie ich bin, stürzt sie in die Unkosten einiger Hochgefühle. Komm einmal her, Helene, und sieh durch dies Perspectiv.
(Helene thut es.)
Nun, was sagst du? Was meinst du dazu?
Helene
(gleichgültig).
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Recht nett! Ganz hübsch!
Werner.
Recht nett! Ganz hübsch! So? Und weiter nichts? – Aber, Helene, das ist ja eine Beleuchtung, ein Lichtzauber deutsch, ja wohl, deutsch! Seitdem ich diese patriotisirten Kellner entdeckt habe, glaube ich fest, daß die Menschheit aufdem Wege zur Vollkommenheit begriffen ist.
(Setzt sich.)
Und die Kellner! Ein Gemüth haben diese Leute hier! Denke dir: gestern rede ich so einen brunetten Garçon französisch an, und er antwortete mir –
(Er bemerkt, daß Helene zerstreut ist.)
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Aber du frühstückst ja gar nicht, liebes Kind. Woran denkst Du?
Helene
(sich zusammennehmend).
Ich? An nichts. Woran sollte ich auch denken? – Reisen wir bald wieder ab, Georg?
Werner.
Du äußerst dich ja recht freundlich über Baden-Baden! Indessen, wenn du willst, können wir schon morgen unsere Zelte hier abbrechen.
Helene.
Ach ja, lieber Mann; bitte, bitte!
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Werner.
Helene, sieh mich einmal an!
(Da sie sich abwendet, nimmt er ihre Hand.)
Du bist traurig, Helene!
Helene.
Ich, traurig? Gott bewahre. Gewiß nicht, lieber Georg. – Willst du nicht noch ein Stückchen Zucker?
Werner.
Kind, gib dir keine Mühe, dich zu verstellen. Du bist traurig, und zwar seit unserer Abreise von München. Was kannst du nur haben? Sonst pflegtest du auf der Reise vergnügt und heiter zu sein – weißt du noch, damals in der Schweiz, wie wir ganz versessen darauf waren, mit Muth, Gottvertrauen, Führern und Stricken bewaffnet, unser Leben auf den Spitzen verschiedener Eisberge zu balanciren?
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Helene.
Um Gottes willen, Georg, schweig! Erinnere mich nicht an jene unglückselige Schweizer-Reise.
Werner.
Du hast Recht. Ich bin auch wirklich zu zerstreut! Dir kann diese Erinnerung nicht fataler sein, als sie es mir ist. – Der arme Junge!
Helene.
Sterben zu müssen, so jung, so gut, so schön!
Werner.
Ich hatte den treuen frischen Menschen wirklich liebgewonnen. Auf unseren Bergwanderungen war er stets an meiner Seite. Du warst auch immer dabei. Ja, welcher vernünftige Mensch kommt aber auch darauf, sich das Leben zu nehmen! Hätte es nicht in den Zeitungen gestanden, ich hätte es nimmermehr geglaubt. Und kein Mensch weiß eigentlich so recht, warum er sich auf diesem ungewöhnlichen Wege der Badegesellschaft empfohlen hat.
Helene.
O doch, Georg, doch! Niemand zweifelte damals daran, daß eine unglückliche Leidenschaft – o Gott! – ihn in den Tod getrieben.
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Werner.
Unglückliche Leidenschaft – warum nicht gar? Ich sage dir ja, er war ein ganz vernünftiger Mensch.
Helene.
Nun, und was beweist das? Meinst du, daß Vernunft und Selbstmord sich ausschließen?
Werner.
Gewiß. Ein Selbstmörder ist ein Narr, der einen Dummkopf tödtet.
Helene.
Du freilich, du glaubst nicht an eine große Leidenschaft – du würdest dich niemals aus Liebe tödten – Pedant!
Werner.
Gott bewahre mich davor!
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Helene.
Nicht einmal für deine eigene Frau!
Werner.
Wenigstens würde ich es äußerst ungern thun. Ich würde mir sagen: Georg, entweder betrübst du die Frau, die du liebst, auf das schmerzlichste durch deinen Tod, und das wäre eine Gewissenlosigkeit, eine Grausamkeit – oder die Schlange frohlockt über das Ende deines Lebens und den Anfang ihrer jungenWitwenschaft; und in diesem Falle, gestehe ich, würde ich nicht die geringste Lust verspüren, das Entrée zu ihren Amusements mit meinem Leben zu bezahlen.
Helene.
Du argumentirst nicht übel; du vergissest nur das Eine: Wer wahrhaft liebt, der reflectirt, der philosophirt überhaupt nicht.
Werner.
Der – stirbt! Nicht wahr? – Ich bin nun thöricht genug, mir einzubilden, daß ich dir lebendig mehr nützen kann als todt, hinter meinem Comtoirtisch mehr als da unten im Grabe. Habe ich nicht Recht, Helene? Thue ich nicht, obgleich ich lebendig bin, alles Mögliche, um dich zur glücklichsten kleinen Bankiersfrau Berlins zu machen?
(Herzlich.)
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Lenchen, liebes Lenchen, sollte mir das wirklich so wenig gelungen sein?
Helene.
Aber, lieber Georg, wer sagt denn das?
Werner.
Wirklich, mein Kind, ich begreife gar nicht, wie du ohne mich leben wolltest, ohne meine Liebe, ohne mein Geld. Ich versichre dir, wenn du – was der Himmel verhüten möge – einst Witwe werden solltest, es würde mich mehr um deinet- als um meinetwillen schmerzen.
Helene.
Ich weiß es ja längst, daß du der beste Gatte, der beste Mensch, der beste Bankier bist – ja, ganz gewiß.
Werner.
Dein Beifall ist mein Stolz. Doch du bist heut etwas gereizt – lassen wir dieses todesahnungsschaurige Gespräch fallen! Wirf lieber einen Blick in dies reizende Thal und athme die reine frische Bergluft, das wird dir wohlthun.

(Hedwig Dohm: Vom Stamm der Asra. Lustspiel in einem Act. Berlin: Krause [ca. 1875]. (S. 1–54.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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