Gute Freunde

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Figurenkonstellation

Adele Bredow-Görne

Gute Freunde (1871)

Dramatischer Scherz in 1 Akt

SchauplatzOrt der Handlung: Eine große Stadt.

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Gute Freunde.

(Ein Ball bei Herrn von Koberwitz. – Großes, elegantes Zimmer, von dem man in den Ballsaal sieht.)
Herr v. Koberwitz, seine Gattin, Bella, Rosa, Geheimerath v. Pech, Herr v. Hardeck, Frau v. Brendel, Frau v. Stern, Valerie, Baron Stolzenberg, Commerzienrath v. Hirsch, Herr v. Steinau, Rudolph Holmer und andere Gäste.
Hardeck
(zu Pech).
Nun wollen wir eine Partie l'Hombre spielen, was haben wir sonst noch in Gesellschaften? Das Charmiren, Coquettiren, Hofiren, Musiciren, kurz alles Zieren, müssen wir der Jugend überlassen, Und da wir nicht mehr mit dem Leben spielen, so lassen Sie uns mit den Karten spielen.
Pech
(empfindlich).
Weshalb sollen wir uns nicht amüsiren wie die Andern, weshalb?! bin ich nicht in den besten Jahren?....
5
Hardeck
(für sich).
Wie lange dauern die? –
Pech.
Unverheirathet.....
Hardeck
(für sich).
Wittwer? –
10
Pech.
Vermögend! also was fehlt mir? wenn ich Lust hätte mich zu verheirathen –
Hardeck.
Könnte Sie Niemand hindern.
Pech.
Und würde ich nicht noch viele Partien finden?
Hardeck.
O ja, denn es giebt Frauen genug, wenn man nicht viel Ansprüche macht
(für sich)
15
und machen kann.
(Laut.)
Was würde aber zum Beispiel Fräulein von Stern sagen, wenn Sie statt des schönen jungen, eleganten Barons, an ihre Seite träten und sagten, daß Sie sie heirathen wollten?
Pech.
Meinen Sie, daß Baron Stolzenberg Fräulein von Stern heirathen will?
Hardeck.
Das weiß ich nicht, ich weiß auch nicht ob sie, ihn nimmt, denn er ist ein Narr, aber ich meine nur, wenn Sie Beide vor ihr ständen –
20
Pech.
Sie meinen also nicht, daß sie ihn nimmt?
Hardeck.
Ich weiß weder das Eine noch das Andere. Ich verstehe weder in den Herzen der jungen Mädchen, noch in denen solcher Narren zu lesen. Es ist ja aber auch nicht unsere Sache.
Pech
(fortwährend nach Valerie blickend).
Ich sagte Ihnen ja, daß ich daran denke mich zu verheirathen und – und wenn ich nun Fräulein von Stern erwählt hätte?
Hardeck.
Fräulein von Stern! das schönste Mädchen der Stadt? – Sie scherzen! Lassen Sie uns zum l'Hombre gehen, Koberwitz erwartet uns.
25
Pech.
L'Hombre! ich danke, ich spiele nicht l'Hombre, ich kann es kaum mehr.
Hardeck.
Wir haben ja erst vorige Woche zusammen gespielt.
Pech.
Vorige Woche? ach ja! jetzt erinnere ich mich. Das that ich nur, weil der Dritte fehlte, aber ich spiele sehr schlecht.
Hardeck.
Nein, Sie spielen sehr gut. Sie nahmen sich also nur der Sache an, weil es doch gar zu traurig war? Nun kommen Sie aber, wir können Koberwitz nicht warten lassen.
Pech.
Ich muß wirklich danken.
30
(Zu Fräulein v. Stern tretend.)
Hardeck.
Er ist zu jung dazu.
(Holmer kommt mit Steinau.)
Holmer.
Ach wie unerquicklich sind diese Feste.
(Sich auf ein Sopha werfend.)
Steinau.
Du mußt Bekanntschaften machen; seit drei Monaten lebst du hier und kennst noch Niemand. Wäre nicht Koberwitz, als alter Freund Deines Vaters zu Dir gekommen und hätte Dich fast gezwungen, Du wärest gewiß nicht hier.
35
Holmer.
Das glaube ich auch.
Steinau.
Ja, Du hättest mich, Deinen Universitäts-Freund, nicht einmal aufgesucht, hätte ich es nicht gethan.
Holmer.
Du hast andere Interessen, andere Beziehungen.
Steinau.
Rede nicht so, Rudolph! Du bist reich, schön, klug, jung – und eine gute Partie; man nennt Dich auch allgemein Herr v. Holmer. Hast Du nicht Lust Dich zu verheirathen?
Holmer.
Nein!
40
Steinau.
Und weshalb dieses kurze Nein?
Holmer
(nachdenkend halb für sich).
Einmal – einmal hatte ich fast diese thörichte Idee.
Steinau.
Nun – und weshalb hast Du diese gute Idee aufgegeben?
Holmer.
Ach es war ja eben nur eine Idee – ein Traum, eine Phantasie – mehr nicht – aber es ist vorüber. – Sage ihnen doch, ich hieße Holmer und wäre somit keine gute Partie.
45
Steinau.
Das bist Du dennoch, denn Du bist reicher, wie die meisten jungen Leute der Stadt.
Holmer.
Reich, immer reich, nach ihrem Gelde schätzt man die Menschen jetzt. Dennoch bin und bleibe ich Holmer; außerdem werde ich die Stadt bald wieder verlassen, es gefällt mir nicht bei Euch.
Steinau.
Recht schmeichelhaft.
Holmer.
Ich gehe auf mein Gut, in einigen Tagen, vielleicht schon morgen, bin ich nicht mehr hier.
(Sich gleichzeitig im Zimmer umsehend. Plötzlich rasch und lebhaft.)
50
Wer ist das junge Mädchen dort? dort! die, die mit dem Lieutenant und dem alten Herrn spricht?
Steinau.
Valerie von Stern und der Herr, mit dem sie redet, ist ihr Verlobter.
Holmer.
Sie – lebt sie hier im Ort? – Hier? – und der Herr mit der geschnürten Taille und der krähenden Stimme ist ihr Verlobter?
Steinau.
Sie sind noch nicht öffentlich verlobt, aber man sagt es allgemein.
Holmer.
Valerie von Stern lebt hier – und ist Braut –
55
Steinau.
Ja, sie ist die Braut Stolzenberg's und macht eine gute Partie, Stolzenberg hat bedeutendes Vermögen.
Holmer.
Sie lebt hier und ist Braut –
Steinau.
Weshalb wundert Dich das, kennst Du Fräulein von Stern?
Holmer.
Ja, ich war im vergangenen Sommer in Wiesbaden mit ihr zusammen, wir haben uns dort vier Wochen täglich gesehen, gesprochen wenig, – vorgestellt bin ich ihr eigentlich nicht.
Steinau.
So laß Dich ihr jetzt vorstellen.
60
Holmer.
Ach ich kenne sie ja – aber dennoch – ja stelle mich ihr vor.
Steinau.
Etwas sonderbar – Er kennt sie nicht und kennt sie doch.
Holmer.
Es sind fast dreiviertel Jahr, daß ich mit ihr zusammen war, wer weiß, ob sie sich noch meiner erinnert.
Steinau.
Es scheint eine diplomatische Geschichte, das heißt eine doppelsinnige Geschichte zu sein.
(Zu Valerie tretend.)
65
Herr von Holmer.
Holmer.
Erlauben Sie mir daß ich mich Ihnen selbst vorstelle, Herr von Steinau scheint meinen Namen nicht mehr zu kennen, ich heiße Holmer.
Valerie
(im rosa Kleid).
Herr Holmer – Sie sind hier – hier – und ich wußte es nicht –
Stolzenberg
(ihn mit der Lorgnette betrachtend).
70
Herr Holmer besucht wahrscheinlich einen anderen Cirkel.
Pech.
Wahrscheinlich.
Valerie.
Sind Sie schon längere Zeit hier?
Holmer.
Ja, Fräulein von Stern, seit drei Monaten bin ich hier, aber ich besuchte keine Gesellschaften, und da ich nicht tanze, war ich nicht im Ballsaale, ich ahnte nicht, dort Jemand zu kennen.
Stolzenberg
(zu Valerie, ohne auf Holmer zu achten).
75
Also denken Sie sich meine Gnädigste, wie amüsant die Geschichte von der Hofdame Wreda endet. Herr Holmer hat uns ja bei derfactisch auf einige Momente anzog, als sie das Köpfchen schelmisch neckend zurückwarf, fiel das blonde Gelock zur Erde, der Amateur bückt sich, hebt es auf!
Pech.
Es ist eine interessante Geschichte!
Stolzenberg.
Die Pause ist factisch beendet, und die Musik beginnt; erlauben Sie, Fräulein von Stern, daß ich Sie zum Tanze führe?
Valerie.
Ich danke, Baron Stolzenberg, ich tanze jetzt nicht.
Stolzenberg (verwundert) und Pech (freudig. Beide zugleich).
Sie tanzen nicht?
80
Valerie
(zu Holmer).
Und wo waren Sie, seit dem ich Sie nicht gesehen?
Holmer.
Ich ging von Wiesbaden in die Einsamkeit auf das Gut meiner Eltern – und dann hierher – wo ich seit fast drei Monaten lebe –
Stolzenberg
(zu Valerie).
Ist es factisch Ihr Ernst, mir nicht in den Ballsaal zu folgen?
85
Valerie.
Gewiß.
Stolzenberg
(für sich).
Auf Ehre incroiable! Sie bleibt zurück und unterhält sich mit diesem Aventurier.
(Stolzenberg hochmüthig, geziert ab.)
Pech
(halb flüsternd).
90
Ach wie glücklich machen Sie mich, es kann Niemand dankbarer sein als ich, Ihr treuster ergebenster Verehrer. Darf ich Ihren Arm nehmen und Sie an jenen Platz führen Fräulein – Valerie – auf jenen Platz, wo wir unter Myrthen und Rosen der von fern tönenden Musik lauschen und reden dürfen von – von der Liebe – ach – ach –
Valerie.
Ich verstehe Sie nicht, Herr von Pech, danke aber auch unverstanden für alles.
Pech
(für sich).
Sie will nicht mit mir gehen und doch glaubte ich, daß sie um meinetwillen nicht tanzen wollte; wie unbegreiflich!
Valerie
(zu Holmer).
95
Seit drei Monaten sind Sie schon hier, Herr Holmer, und ich wußte es nicht –
(Ein Diener präsentirt während dem Thee.)
Pech
(empfindlich abgehend).
Wie unbegreiflich? –
Hardeck
(zurückehrend, zu Holmer).
Rudolph, es fehlt der Dritte beim Kartenspiel, willst Du nicht die Partie übernehmen!
100
Holmer.
Ich danke Onkel, ich spiele nicht.
Hardeck.
Er spielt auch nicht, ob er wohl auch zu jung ist?
Holmer.
Ich habe eine Bekannte wieder gefunden, deren Nähe ich nicht ahnte, Fräulein von Stern, die ich in Wiesbaden kennen lernte.
Hardeck.
Was – Du Rudolph bist der Herr, von dem Valerie öfter sprach. Nun erlaß' ich Dir auch das l'Hombrespiel.
(Für sich im Abgehen.)
105
Die niedliche Kleine liebt ihn und wenn er nicht zu scheu wäre, würde er glücklich werden, aber er hat nicht den Muth dazu.
(Ab.)
Holmer.
Sie kennen meinen Onkel näher?
Valerie.
Herr von Hardeck ist Ihr Onkel? ach, und das wußte ich nicht – er war der Freund meines Vaters und ist viel in unserm Hause.
Holmer.
Ach – wirklich –
110
Valerie.
Erinnern Sie sich noch des vergangenen Sommers, Herr Holmer?
Holmer.
Ob ich mich erinnere – wo ich Sie täglich sah – bis Sie abreisten. Ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, zog es mich eines Morgens statt auf die Promenade nach Ihrem Hause und ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um Sie in den Wagen steigen zu sehen, der Sie entführte. Eine Rose, die Ihnen entfiel beim Einsteigen, war das Einzige, was mir von Ihnen blieb.
Valerie.
Sie war mein Abschied –
Bella und Rosa
(eilig kommend).
Aber Valerie, Du kommst ja nicht, die Francaise hat schon begonnen!
115
Valerie.
Ich tanze jetzt nicht –
Bella, Rosa.
Du tanzt nicht? Weshalb nicht? Bist Du krank?
Valerie.
Nein, aber ich unterhalte mich mit Herrn Holmer und er tanzt nicht.
Bella, Rosa.
Mit Herrn Holmer? –
Valerie.
Wir kannten uns schon früher und trafen uns hier unerwartet wieder.
120
Bella, Rosa.
Ihr kanntet Euch schon? –
Bella.
Wir müssen fort, wir können unsere Herren nicht warten lassen.
Rosa.
Sie kannten sich schon –
Bella.
Wie unpassend! nein wie unpassend und auffallend, wie wird darüber gesprochen werden.
Rosa
(gedankenvoll).
125
Sie kannten sich schon –
Holmer.
Sie hatten wohl vergessen, mir ein Lebewohl zu sagen –
Valerie.
Ich hätte gern von Ihnen Abschied genommen, aber wir sprachen uns so selten –
Holmer.
Ich reiste an demselben Tage ab. Auch jetzt will ich diese Stadt wieder verlassen.
Valerie.
Ach, Sie gehen schon wieder?
130
Holmer.
Ich nehme meinen Abschied und gehe auf das Land; morgen, ja ich gehe morgen schon.
Valerie.
So – und – so bald –
Holmer.
Ja sehr bald! Nein, ich habe mich anders entschlossen, ich reise nicht morgen – ich reise diese Nacht.
Valerie.
So bald – gefällt es Ihnen hier nicht?
Holmer.
Nein, die Einsamkeit des Landlebens gefällt mir besser.
135
Valerie
(wendet sich etwas gereizt von ihm).
(Während dem kommt Frau von Brendel im eifrigen Gespräch mit Pech.)
Frau von Brendel
(zu Pech).
Ach, wie einsam fühlt man sich oft in diesem Leben! – Wie gut geht es doch den Männern, sie brauchen die Hand nur nach dem auszustrecken, was sie begehren; wir armen Frauen müssen warten, bis uns das Glück gebracht wird, ach und da müssen wir oft lange warten.
Pech.
Auch uns wird es nicht immer geboten.
Frau von Brendel.
Sie scherzen! Wie könnte es Ihnen schwer werden das Glück zu erringen? Ihnen, dem überall die Thür geöffnet wird, wo er anklopft.
140
Pech
(geschmeichelt).
Das hat man mir schon oft gesagt.
Frau von Brendel.
Ich, Ihre Freundin, habe es Ihnen auch schon öfter gesagt.
Pech.
Ach ja.
Frau von Brendel.
Und warum klopfen Sie nicht an die Thür des Glücks?
145
Pech.
Ach –
Frau von Brendel.
Weshalb seufzen Sie mein lieber Pech?
Pech.
Kennen Sie diesen Holmer?
Frau von Brendel.
Mein lieber Pech, lassen Sie uns glücklich sein, da wir noch jung sind.
Pech
(für sich).
150
Nun will sie auch noch jung sein, ich lasse mich nicht fangen, ich wäre sonst nicht Pech, aber ein Pechvogel.
(Laut.)
Kennen Sie diesen Holmer?
(Holmer hat sich währenddem mit Valerie unterhalten.)
Pech
(zu Frau Brendel).
Kennen Sie diesen Holmer?
155
Frau von Brendel.
Die unausstehlichen Menschen, kaum hat man eine interessante Unterhaltung begonnen, so wird man gestört.
Pech
(für sich).
Eine interessante Unterhaltung?
(Laut:)
Kennen Sie diesen Holmer?
160
Frau von Brendel.
Nein, scheint sehr intim mit Fräulein von Stern.
(Leise.)
Warum interessirt er sich nur so für diesen Holmer, warum sieht er nur immer nach Valerien, sollte sie es wagen, sollte sie?! – O ich muß die Gefahr kennen lernen, um sie zu beseitigen.
Pech.
Das finde ich auch.
Frau von Brendel.
Sehr intim! Ein Courmacher, vielleicht ein Verlobter?
165
Pech.
O nein, nein! das weiß ich genau!
Frau von Brendel.
So – das wissen Sie genau? Interessiren Sie sich dafür?
Pech.
Ach – ich weiß es nur so zufällig.
Valerie
(zu Holmer).
Woher kamen Sie, als ich Sie kennen lernte?
170
Holmer.
Von weiten Reisen.
Valerie.
Ach, erzählen Sie etwas von Ihren Reisen; ja Herr Holmer, erzählen Sie mir, wo Sie waren.
(Diener präsentirt Thee, Valerie dankt, Holmer nimmt eine Tasse.)
Holmer.
Ich kam zurück aus der Ferne, in der ich viel gesehen habe, doch gefiel es mir nirgends so wie in Wiesbaden – ich weilte vier Wochen und wollte nicht vier Tage bleiben, und bin doch fast überall gewesen. In Nyssos wo einst die Römer die Flotte des Antiochus schlugen, in Iskmid, einst die Hauptstadt Bithyniens, am Indus habe ich gesessen, auf dem blauen Meer bin ich gefahren, das Thal Josaphat habe ich gesehen, jenes Thal von dem die Juden glaubten, daß hier zuerst die Todten auferstehen würden, dort wo....
(Während er lebhaft spricht, wirft er die Tasse Thee um und auf Valerien's Kleid.)
Holmer.
O Fräulein von Stern, was habe ich gethan!
Frau von Brendel
(zu Pech).
175
Sehn Sie, sehn Sie, mein lieber Pech!
Pech.
Hat man schon so etwas erlebt?!
Frau von Brendel.
Es ist unglaublich!
Holmer
(zu Valerie).
Sind Sie mir böse, daß ich so ungeschickt war? Das schöne rosa Kleid.
180
Valerie.
Es schadet nichts, ich wasche es mit kaltem Wasser aus, dann ist alles wieder in Ordnung.
(Sie eilt aus einer Seitenthür hinaus, Holmer bleibt noch einen Augenblick unschlüssig stehen, dann folgt er ihr.)
Frau von Brendel.
Fort! alle Beide! Dahinter muß etwas besonderes sein. Das ist ja reizend, wirklich ganz reizend!
Pech.
Fort – wohin können sie gegangen sein.
Frau von Brendel.
Ja, wo können sie sein, das frage ich Sie? Wie können sie nur zusammen gehen und weshalb aus jener Seitenthür? Sollten sie, sollten sie – sehn Sie doch einmal nach, mein lieber Pech, wo sie sind? es ist unglaublich und doch, doch – sollte die Tasse Thee nur einen Vorwand gegeben haben, um allein sein zu können.
Pech.
Aber wie können Sie nur so etwas denken?
185
Frau von Brendel.
Warum nicht? dergleichen Dinge sind doch schon oft geschehen.
Pech.
Ich will doch nachsehen, wo sie sind
(geht hinaus).
Frau von Brendel.
Mögen sie sein, wo sie wollen, jedenfalls giebt es eine interessante Geschichte, einen Scandal! das trifft sich ja reizend, ganz ausgezeichnet reizend, er scheint sich wahrhaftig für sie zu interessiren.
Pech
(zurückkehrend).
190
Sie sind nicht da!
Frau von Brendel.
Fort? fort? Es ist unbegreiflich, es ist fabelhaft, es ist reizend, wirklich ganz reizend!
Frau von Stern
(eilig kommend).
Ich höre meiner Tochter Namen nennen, was ist denn geschehen?
Frau von Brendel.
O nur eine Kleinigkeit, das passirt alle Tage.
195
Frau von Stern.
Was denn?
Frau von Brendel.
Daß sich ein junges Fräulein......
(Es sind mehrere Gäste hinzugetreten.)
Frau von Stern.
Aber was denn?
Frau von Brendel.
So mit Thee begießen läßt.
Frau von Stern.
Mit Thee?
200
Frau von Brendel.
Ja mit Thee! dort aus der Nebenthür hat sie sich entfernt, mit....
Frau von Stern.
Mit wem denn?
Frau von Brendel.
Mit einen Herrn von Holmer.
Pech.
Herr Holmer.
Frau von Brendel.
Auch das noch! Die Geschichte wird immer schlimmer.
205
Frau von Stern.
Herr Holmer. Ich kenne keinen Herrn Holmer.
Frau von Brendel.
Nun, dann scheint ihn Ihre Fräulein Tochter desto genauer zu kennen.
(Frau von Stern sich umblickend, ohne auf Frau von Brendel zu achten.)
Ja freilich! dort aus der Thür ging sie, in Begleitung eines – eines Tolmer. Nur um einen Fleck aus dem Kleide zu waschen.
Pech.
Holmer.
210
Frau von Brendel.
Ich habe gar kein Gedächtniß für bürgerliche Namen
(zu Frau von Stern)
in Begleitung eines Bolmer. Nein dieser Bolmer.
Pech.
Holmer.
(Frau von Stern sich aus derselben Seitenthür entfernend.)
Frau von Brendel
(zu Pech).
215
Sie eilt ihnen nach, sie hat denselben Gedanken wie wir. Alle fort, ohne Abschied! Es ist wirklich eine auffallende Geschichte, das müssen Sie zugeben, mein lieber Pech, eine höchst auffallende Geschichte, eine reizende Geschichte, wirklich eine ganz reizende Geschichte!
Bella, Rosa
(kommen eilend).
Wir hören, es wäre etwas passirt, etwas furchtbares, etwas entsetzliches, was ist es nur? was ist es?
Frau von Koberwitz.
Das ist ja eine fürchterliche Geschichte, das ist ja eine gräuliche Geschichte, die hier auf unserm Balle passirt ist.
(Zu Frau von Brendel:)
220
Weißt Du etwas Näheres, Flora?
Frau von Brendel.
O, etwas schreckliches und trauriges – mein weiches Herz ist ganz ergriffen.
Bella, Rosa.
Etwas schreckliches, etwas trauriges? erzähle doch Tante Flora! Wir hören so gern etwas schreckliches und trauriges!
Frau von Brendel.
Ihr unschuldigen Kinderchen versteht dergleichen nicht.
Koberwitz
(kommt mit Karten in der Hand).
225
Was ist denn passirt, weßhalb unser Spiel gestört wird?
Bella, Rosa.
Denke Papa, eine schreckliche und traurige Geschichte, erzähle doch Tante Flora!
Frau von Koberwitz.
Ja denke nur Hannibal, denke nur! erzähle doch Flora, ich bitte Dich!
Bella, Rosa.
Erzähle doch nur, erzähle doch nur Tante Flora, wir hören so gern etwas schreckliches und trauriges.
Frau von Brendel.
Wir standen dort
230
(zu Pech)
nicht wahr wir standen dort? nicht ahnend, was um uns vorging, wir achteten nicht darauf, was dieser Stolmer mit Fräulein von Stern sprach, was geht Fräulein von Stern und Stolmer uns an! nein wir achteten gar nicht auf sie; da eilt sie plötzlich hinaus, er folgt ihr und fort waren sie alle beide! Wir standen sprachlos, vor Staunen,
(zu Pech)
nicht wahr, wir standen sprachlos vor Staunen; aber der Zauber unserer Unterhaltung war gebrochen.
Pech
(für sich).
235
Nein, diese Brendel, wie sie nur von Zauber sprechen kann, wenn man mit ihr redet.
Frau von Brendel
(fortfahrend).
Endlich erholt sich unser guter Pech, geht hinaus, um nachzusehen wo sie geblieben, wo sie sind. Und sie waren wirklich fort, alle Beide fort!
Alle.
Fort?
Frau von Brendel.
Ja fort!
240
Bella, Rosa.
Ach nun begreifen wir, weßhalb sie allein sein wollten.
Bella.
Ich sagte es Dir ja Rosa, daß es sehr auffallend wäre.
Rosa.
Ach, sie kannten sich schon –
Steinau
(der herzugetreten ist für sich).
Ich dachte es ja gleich, daß etwas doppelsinniges dabei wäre –
245
Bella.
Holmer?!
Rosa.
Holmer –
Koberwitz.
Wo sollen sie denn sein? Darum hättet Ihr unser Spiel nicht zu unterbrechen brauchen.
Frau von Koberwitz.
Man sagt sie wären entflohen, denke doch Hannibal!
Koberwitz.
Entflohen. – Wie werden sie denn entfliehen?
250
Frau von Brendel.
Wo sollten sie sein?
(Zu Frau von Koberwitz:)
Pech fürchtete gleich so etwas, ohne es auszusprechen.
Frau von Koberwitz.
Seht doch einmal nach Kinder, wo sie geblieben sind?
Bella, Rosa
(forteilend).
255
Ja, ja das wollen wir!
Stolzenberg.
Um so einen Avanturier dieser Scandal!
Frau von Koberwitz.
Ich bin doch neugierig, was die Kinder für Nachricht bringen.
Frau von Brendel
(für sich).
Wenn sie doch noch da wären.
260
Koberwitz.
Nein, deßhalb unser Spiel zu unterbrechen, wie viele sind eigentlich um gar nichts in solcher Aufregung.
(Zählend).
Eins, zwei, drei, vier,
fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, Bube, Dame, König, Aß! ach so, wir spielen ja nicht.
Bella, Rosa
(zurückkehrend).
265
Sie sind fort, wirklich fort!
Steinau.
Wie kann man sich öffentlich so betragen, es ist unglaublich.
Alle.
Sie sind fort!
Frau von Brendel
(leise).
Sie sind fort, Gottlob, es ist ja klar, daß die Vorsehung unsere Verbindung will.
270
Bella, Rosa.
Die Diener haben sie zusammen fortgehen sehen.
Alle.
Entflohen!
Frau von Brendel.
Entflohen!! Bellchen, Röschen, Kinder wirklich?
Alle.
Entflohen!
Stolzenberg.
Da sieht man factisch gleich die ordinäre Natur.
275
Commerzienrath
(kommt).
Is doch 'n Lärm, als wäre man auf der Leipziger Messe?
Stolzenberg.
Ja es ist wahr, um einen Holmer solch ein Lärm.
Steinau
(für sich).
Und ich nannte mich seinen Freund.
280
Bella und Rosa
(für sich).
Und ich liebte ihn. –
Commerzienrath.
Was is denn geschehn? was ist denn nur geschehn, erßälense doch.
Steinau.
Ich werde mich heimlich entfernen, das ist diplomatisch
(ab.)
285
Bella.
Und ich dachte, er würde mich heirathen.
Rosa.
Und ich dachte, er liebte mich.
Stolzenberg.
Wo ist denn Steinau, der nannte sich factisch seinen Freund!
Frau von Brendel.
Ja unser lieber Steinau kann uns Näheres über diesen Bolmer berichten. Wo ist denn unser lieber Steinau?
Pech.
Er verließ so eben den Saal.
290
Frau von Koberwitz.
Der ist auch fort?
Frau von Brendel.
Der auch! Einem Steinau hätte ich das nicht zugetraut!
Frau von Koberwitz.
Herr von Hardeck bleibt uns ja noch.
Frau von Brendel.
Ja, fragen wir Hardeck.
Commerzienrath.
De Leipziger Messe is 'n Kinderspiel gegen den Lärm.
295
Bella.
Ja, fragen wir Herr von Hardeck.
(Hardeck kommt.)
Frau von Brendel
(zu Hardeck).
Was sagen Sie zu der Entführung?
Commerzienrath.
Wie, was? 'Ne Entführung, das ist ja intresant.
300
Alle.
Ja, was sagen Sie dazu?
Commerzienrath.
Schrein se doch alle durcheinander, daß Keiner versteht sein eigen Wort.
Hardeck.
Welt, wie schändlich und lächerlich zugleich kannst du sein.
(Laut:)
Man kann erzählen was man will, es findet sich immer Jemand, der es glaubt.
305
Frau von Brendel.
Mir ganz aus der Seele gesprochen, mein lieber Hardeck, ich zweifelte auch, aber es ist leider zu wahr.
Hardeck.
Holmer, mein besonnener Holmer soll ein junges Mädchen entführen! ist es wohl möglich, dergleichen zu glauben.
(Für sich:)
Ob nicht aus der schändlichen Geschichte eine gute zu machen ist, ob die böse Saat nicht gute Frucht tragen kann. –
Frau von Brendel.
Ich traue einem Fräulein von Stern auch nicht zu, sich von einem Bolmer entführen zu lassen. Durch einen ganz gewöhnlichen Bolmer; wäre es wenigstens ein Adliger! Ob er wohl reich ist?
310
Koberwitz.
Ein Millionär.
Commerzienrath.
Ein Millionär!
Frau von Brendel.
Dann heißt er doch wohl Herr von Holmer?
Koberwitz.
Nein, er heißt nur Holmer.
Frau von Brendel.
Wie schade, nun kann ich den Namen wieder nicht behalten.
315
Bella
(für sich).
Und so reich ist er. –
Rosa
(für sich).
Und so schön ist er. –
Pech
(für sich).
320
Ich suche mir eine andere. – Nur nicht Fräulein Bella oder Rosa, oder gar die Brendel, hu!
Frau von Koberwitz
(zu Pech).
Sie hatten Fräulein von Stern auch gern, Herr von Pech?
Frau von Brendel.
Pech hätte sie gern gehabt? Nein daran dachte er nicht! das weiß ich genau!
Pech.
Ach nein, daran dachte ich nicht!
325
Hardeck
(der hinter ihn getreten ist).
Ich dächte doch.
Bella.
Sie war so coquett.
Hardeck.
Ich weiß nur, daß sie sehr gut, rein, klug, schön und jung ist.
Bella.
Sehr gut, rein, klug, schön, jung? Da haben Sie doch wohl noch einige gute Eigenschaften vergessen?
330
Hardeck.
Das kann wohl sein! wo so viel Schönes und Gutes vereinigt ist, übersieht man leicht etwas
(Für sich:)
Ich werde das Gift, womit die arme kleine Rose verdorben werden sollte, in Sonnenstrahlen verwandeln.
(Hardeck ab.)
Frau von Brendel.
Der hat sie wohl auch geliebt?
335
Pech.
Ja wohl, wissen Sie das noch nicht?
Frau von Brendel.
Nein, das ist ja reizend, wirklich ganz reizend das muß ich gleich meiner Freundin Honoria erzählen.
Bella.
Aber Valerie kann sich ja nie wieder in guter Gesellschaft sehen lassen.
Rosa.
Ach, er liebt sie aber doch – wie glücklich sie ist –
Koberwitz.
Es ist wirklich eine sonderbare, unbegreifliche Geschichte; es bleibt ganz unbegreiflich und ich habe drei Aß!
340
Frau von Koberwitz.
Aber lieber Hannibal. Wir spielen doch nicht.
Koberwitz
(zu seiner Gattin).
O ja, denn das ganze Leben ist ein Spiel. Dieser Holmer, er hatte so etwas angenehmes, dazu so reich; ich hatte es mir anders gedacht, er sollte geadelt werden und eine der beiden Mädchen bekommen. Nun haben wir verspielt und ich hatte doch so gute Handkarten.
Frau von Koberwitz
(leise zu Koberwitz).
Ich weiß es wohl, aber schweige doch nur, daß es Niemand erfährt, es war ja auch meine Idee. Aber ich habe einen neuen Plan.
345
Koberwitz.
Honoria ich bewundere Deinen Geist, hoffentlich hast Du Glück im Spiel.
Frau von Koberwitz.
Pech soll Bella heirathen.
Koberwitz.
Ach die arme Bella! Und Coeur ist doch Atout!
Frau von Koberwitz.
Weißt Du einen Besseren?
Koberwitz.
Nein. Wenn Du nicht Renonce willst, wie ich dachte.
350
Frau von Koberwitz.
Renonce, Du wirst doch nicht denken, daß ich für Bella renoncire. Aber immer an Dein Spiel zu denken, während doch das Glück Deiner Tochter auf dem Spiel steht. Pech ist wohlhabend, wirklicher Geheimer-Ober-Finanzrath, warum also nicht?
Koberwitz.
Wenn ich es mir recht überlege, so hast Du recht Honoria, – ich hätte den Stich gleich nehmen sollen, hätte früher auch wohl einen anderen bekommen können, wenn ich aufgepaßt hätte. Ach, wie gleicht doch das Leben dem Kartenspiel.
Frau von Koberwitz.
Jedenfalls sagt er nicht nein.
Koberwitz.
Dieses Mal haben wir die
Bella
(für sich).
355
Alle meine Wünsche.
Rosa
(für sich).
Alle meine Hoffnungen.
Stolzenberg.
Ich fand factisch immer, daß Fräulein von Stern nichts Distinguirtes hatte.
Bella.
Das finde ich auch.
360
Rosa.
Ach, sie ist doch glücklich.
Pech
(leise).
Ich finde eine Andere; es giebt hübsche, junge Mädchen genug.
Bella, Rosa.
Und ich dachte, er liebte mich. –
Frau von Brendel.
Mein lieber Pech, Sie sind so still durch die schlimme Geschichte geworden; so etwas können Sie nicht begreifen.
365
Pech.
Nein, das habe ich nicht gedacht.
Frau von Brendel
(zu Pech).
Lassen wir fliehen, wer fliehen will, bleiben wir uns ja doch.
Pech
(für sich).
Sie soll mir gewiß nicht bleiben.
370
Commerzienrath.
Und habe ich doch immer noch nicht begriffen die ganße Geschichte. Denn von was soll ich wissen de ganße Geschichte, wenn se mer doch noch Niemand erßählt.
Frau von Koberwitz.
So erzähle sie ihm doch, liebe Flora, so erzähle doch.
(Frau von Stern und Valerie kehren zurück, Valerie in einem weißen Kleid.)
Bella, Rosa.
Valerie!
Pech.
Fräulein von Stern.
Frau von Brendel
(auf Beide zueilend).
375
Valerchen, liebes Valerchen, da sind Sie ja wieder! nein, wie wir uns um Sie beunruhigt und geängstigt haben.
Stolzenberg
(leise zu Valerie).
O ich wußte es, daß alles nicht wahr war, daß Sie zurück kehren würden, zurück kehren mußten. Ich weiß ja, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin. Darum Valerie, sein Sie die Meine!
(Hardeck mit Holmer durch eine andere Thür, Hardeck lebhaft redend. Valerie, ohne auf Stolzenberg zu hören, sieht sich zerstreut um, bis sie Holmer erblickt.)
Alle.
Auch Herr Holmer.
Frau von Brendel.
Auch Herr von Holmer.
380
Koberwitz.
Siehst Du Honoria, wir werden die Partie doch noch gewinnen.
Frau von Koberwitz.
Nun soll er auch Rosa bekommen und Pech Bella.
Hardeck
(zu Holmer).
Jetzt sage ihr, daß Du sie liebst.
Holmer.
Aber Onkel, weißt Du denn nicht, daß Fräulein von Stern verlobt ist?
385
Hardeck.
Verlobt?
(Lacht:)
Sie ist so wenig verlobt wie Du.
Holmer.
Wirklich – sie ist nicht Braut?
Hardeck.
Nein, nein, nein! Und deßhalb sollst Du Dich mit ihr verloben.
390
Holmer.
Onkel –
Hardeck.
Neffe!
Holmer.
Wenn sie mich zurückweist?
Hardeck
(leise zu Holmer).
Dann wird sie allerdings nicht die Deine. Sei übrigens ruhig, sie schlägt Deine Hand nicht aus, denn sie liebt Dich.
395
Holmer.
Sie liebt mich?
Hardeck.
Nun geh, und mache der Geschichte ein Ende und zeige der Gesellschaft, daß sie Recht hat, wenn sie sagt: Valerie von Stern sei die Braut Rudolf Holmer's.
Stolzenberg
(für sich).
Dieser Aventurier wagt es, sich noch einmal in einen aristokratischen Salon einzudrängen?
Hardeck
(zu Valerie indem er Holmer ihr zuführt).
400
Hier steht er an der Stelle, wohin er sich sehnte, da er aber nicht den Muth hatte, allein diesen Weg zu gehen, übernahm ich sein Führer zu sein, an der Stelle, wohin die guten Freunde ihn gestellt haben, und wo er jetzt nicht ohne diese stände und deshalb Kinder, müßt Ihr ihnen dankbar sein!
Holmer.
Ja, Fräulein Valerie, ich wäre nicht zurückgekehrt, wenn der Onkel mich nicht zurückgeführt hätte. –
Hardeck.
Ich kenne Euch besser als Ihr selbst und weiß, daß Ihr Euch liebt und da die guten Freunde es auch meinen, so zeigt ihnen, daß sie Recht haben.
(Während dem hat sich Frau von Brendel auf ein Sopha gesetzt und Pech neben sich gezogen. Sie spricht eifrig auf ihn ein.)
Holmer.
Ach Onkel –
Valerie.
Ach Herr von Hardeck –
405
Hardeck.
Ach Kinder –
(Valerie's Hand nehmend:)
Nicht wahr, Valerie, Sie sind nicht böse, wenn der alte Freund Eure Wünsche, die Ihr in der Tiefe des Herzens hegt, laut ausspricht, und diese schwache Hand in die feste starke Hand meines guten Rudolph's legt, als Schutz gegen die zu guten Freunde.
(Frau von Brendel sich erhebend, dann Pech langsam.)
Frau von Brendel.
Liebe gute Freunde, hört was ich Euch für ein Glück zu verkünden habe.....
Frau von Koberwitz
(zu Bella).
410
Es ist Pech's Liebe zu Dir, sie weiß, daß ich diese Verbindung wünsche.
Bella.
Jetzt schon, ich dachte nicht, daß die Entscheidung so bald kommen würde.
Frau von Koberwitz.
Sei muthig, sei stark Kind! so rasch hätte ich seine Erklärung auch nicht erwartet.
Bella.
Aber Tante Flora.
Koberwitz
(zu seiner Gattin).
415
Was will sie denn, meint sie Bella's Verlobung?
Frau von Brendel
(fortfahrend)
an dem Alle gewiß großen Theil nehmen und deshalb, meine guten Freunde stelle ich Euch den wirklichen Geheimen-Ober-Finanzrath von Pech als.....
Frau von Koberwitz.
Endlich ist doch Eine verlobt.
Bella.
O Gott.
420
Rosa.
Bella ist nun auch glückliche Braut – nur ich nicht. –
Frau von Brendel.
– meinen Verlobten vor. Ja, meine guten Freunde, er ist mein Verlobter! endlich habe ich seine Bitten erhört und folge der Ungeduld seines Wunsches, es Euch zu verkünden. Ja wir sind ein glückliches Brautpaar, – sehr glücklich? –
Frau von Koberwitz.
Sie, seine Braut und Bella?
Rosa.
Auch der nicht. –
Bella.
Er, ihr Verlobter?
425
Frau von Koberwitz
(zu ihrem Gatten).
Er ist uns auch verloren; wo finden wir zwei Andere?
(Während dem hat sich Holmer mit Valerie unterhalten.)
Koberwitz.
Unglaublich, wir haben die Partie doch verloren.
Bella.
O wie unglücklich bin ich, ich werde nicht Wirkliche Geheime Ober-Finanz-Räthin.
Rosa.
O wie unglücklich bin ich, er kümmert sich gar nicht um mich.
430
Hardeck
(Valerie und Holmer in den Vordergrund ziehend).
Da viele gute Freunde hier versammelt sind, die so innig Theil an einander nehmen, so werden sie sich gewiß Alle freuen, wenn ich Ihnen noch zwei glückliche Menschen vorstelle, glücklich in ihrer Liebe und ihrer Vereinigung.
Alle.
Verlobt! Die auch!
Stolzenberg
(für sich).
Und ich warb noch um sie
435
Rosa
(für sich).
O wie unglücklich bin ich!
Bella
(für sich).
O wie himmlisch Braut zu sein.
Frau von Brendel.
Sie sind auch glücklich! ganz wie wir, Pech! Nein das ist ja eine reizende Geschichte, ganz reizend! eine Geschichte wie Romeo und Julia! Nicht wahr Pech, ganz wie Romeo und Julia? es ist reizend, daß wir es hier aufführen!
440
Stolzenberg
(für sich).
Ich habe mich nicht blamirt, sie begriffen meine Absicht factisch nicht, sie sind zu bornirt.
Hardeck
(zu Valerie und Holmer).
Und nun, Kinder laßt uns vergessen, was Neid und Mißgunst sprach, es kümmert Euch nicht mehr, da Ihr glücklich seid.
Valerie.
Und da wir glücklich sind, so wollen wir verzeihen.
445
Holmer.
Ist ja der Stich der Schlange nicht gefährlich, wenn man zur rechten Zeit das Gift der Wunde nimmt.
Hardeck
(zu Valerie und Holmer).
Holmer ist ein scheuer Vogel und Ihr wäret jetzt nicht glücklich – vielleicht es nie geworden, wäre die Tasse Thee ausgetrunken.
Holmer.
Und die guten Freunde nicht dabei gewesen.

(Adele Gräfin von Bredow-Goerne: Gute Freunde. Dramatischer Scherz in 1 Akt. In: Die Deutsche Schaubühne. Organ für Theater, Musik, Kunst, Literatur und sociales Leben. Herausgegeben von Martin Perels in Berlin, alte Schönhauser Straße 7 und 8. Zwölfter Jahrgang. 1871. 1. Heft, S. 1–16.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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