Mäntelchen nach dem Winde

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Figurenkonstellation

Emma Laddey

Mäntelchen nach dem Winde (1871)

Lustspiel in einem Akt

SchauplatzScene: In Meinold's Hause.

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1. Scene.

Behaglich möblirtes Zimmer in etwas veraltetem Geschmack; rechts eine Seitenthür, links zwei Seitenthüren, eine Mittelthür; links ein Tisch, auf welchem Kaffeeservice steht.
Dr. Meinold, Euphrosine, Auguste, Alfred (sitzen am Kaffeetisch).
Auguste.
Noch eine Tasse, Bruder?
Meinold
(die Zeitung lesend).
Nein, danke, Schwester!
(weiter lesend).
5
Auguste.
Ueber dem Zeitungslesen versäumst Du wieder zu frühstücken, Du nimmst Dir zu gar nichts mehr Zeit.
Meinold.
Laß es gut sein, Schwester! Es ist nicht meine Schuld, daß dieser Artikel über die neuesten Ausgrabungen in Pompeji so außerordentlich lehrreich und interessant ist, daß man darüber alles Andere vergessen muß. Aber Du kannst mir eine Tasse Kaffee auf mein Zimmer stellen, ich trinke ihn dann später, wenn ich arbeite.
Auguste
(zu Euphrosine).
Euphrosine! Hast Du schon Dein Frühstück beendet?
Euphrosine
(welche in einem Buche liest).
10
Ja, ja, störe mich nur nicht immer mit so prosaischen Dingen! – Ich lese gerade eine ästhetische Abhandlung über italienische Poesie und bin g'rade bei Tasso. Du würdest mir einen Gefallen erweisen, wenn Du meinen, in den idillischen Gärten der Dichtkunst weilenden Geist nicht auf den rauhen Pfad der Wirklichkeit zurückrufen würdest!
(liest weiter).
Alfred.
Aber ich, Tante Gustchen, bitte noch um Kaffee, um Brödchen, Butter und Honig; ich mache Deiner Kochkunst stets die meiste Ehre.
Auguste.
Gottlob, daß es so ist; Du bist noch das einzige vernünftige Wesen neben mir in diesem närrischen Hause. Euphrosine würde, trotz ihrer himmlischen Wanderungen im Gebiete der Poesie, doch ein saures Gesicht schneiden, wenn der Kaffee räucherich und die Butter versalzen wäre – und der Herr Bruder trotz seinen Maulwurfsgruben, aus denen er sich mühsam hervorklaubt, was die Alten gethan und wie sie gelebt, doch sehr sein Frühstück vermissen, wenn nicht die prosaische Schwester da wäre, die für Alles zur rechten Zeit sorgte. – Aber Undank ist der Welt Lohn!
Meinold.
Ich bin nicht undankbar, Auguste, ich erkenne ja Deine Vorzüge an, aber Du mußt auch meiner Neigung Gerechtigkeit wiederfahren lassen und mich nicht immer stören.
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Euphrosine.
Das lernt Auguste niemals, sie vermag mit ihrem alltäglichen Verstande den höheren Aufschwung unseres Geistes nicht zu fassen! –
Auguste.
Mit Dir habe ich lange ausgeredet, Du ärgerst mich nicht mehr! – Da, Alfred, hast Du Deinen Kaffee, Deine Brödchen.
Alfred.
Danke, Tantchen, Beides soll mir vortrefflich schmecken! – Aber ich muß mich eilen, die Stunde schlägt, die mich in's Comptoir ruft.
Auguste.
So gehst Du wieder fort und ich habe das Vergnügen, wie alle Tage, wenn die Last der Wirthschaft mir Musestunden giebt, mich schweigend in diesen zu langweilen; denn der gelehrte Herr Bruder und die ästhetische Schwester werden sich wohl wieder in ihre Zimmer zurückziehen, um ihren Neigungen zu leben. – Ach, was ist das hier für ein amüsantes Haus! – Hätte ich nur erst ein junges weibliches Wesen gefunden, das mein Leben durch seine Gegenwart erheitert.
Alfred.
Sollte das so schwer sein, Tantchen? – Vielleicht kann ich Dir zu einem solchen verhelfen!
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Auguste.
Du, wie meinst Du das?
Alfred.
Nun, wenn ich zum Beispiel heirathe! Da kommt eine junge Frau in's Haus, und das Leben wird mit einem Male ein anderes.
Auguste.
Du willst heirathen?! – Das ist wohl Dein Spaß?
Alfred.
Ich scherze nicht mit so ernsten Dingen.
Auguste.
Nun, mein Junge, laß Dir's in aller Ruhe gesagt sein, davon kann nicht die Rede sein! Das fehlte mir nur noch zu meinen Leiden, eine junge, moderne, alles besserwissenwollende, vergnügungssüchtige Frau in's Haus zu bekommen, die unsere alten Räume um und um kehrt, die alle Abend spät mit dem Herrn Gemahl aus Concerten, Theater und Gesellschaften heimkehrt! Nein, daraus wird nichts, so lange ich meine Augen aufhabe! Hörst Du's, Du junger Bursche?!
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Alfred.
Aber Tante, ich bin nun 28 Jahre, da will ich doch auch einmal eine Frau haben, verlangst Du denn, ich solle mein Leben lang unverheirathet bleiben?
Auguste.
Natürlich! – Hat Dein Onkel oder Deine Tante an solche Thorheiten je gedacht?
Alfred.
Ja, das weiß ich nicht, ob Ihr unverheirathet aus eigener Wahl oder aus Mißgeschick geblieben seid!
Auguste.
Du wirst grob, Herr Neffe. – Wenn Du wüßtest, wie viel Parthien ich ausgeschlagen habe. –
Alfred
(einfallend).
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Ich weiß, ich weiß, Tantchen, da war zuerst der Assessor, dann der Gerichtsrath, dann der Doktor und zuletzt der Sekretair.
Auguste.
Geheimer-Staatsraths-Untersekretair.
Alfred.
Nun, meinetwegen! – Es war ja auch nicht so böse gemeint. Aber Du kannst doch nicht verlangen, daß ich das Cölibat erwählen soll, weil der Onkel keine Römerin zu seiner Frau von den Todten erwecken konnte, weil Du Deinen Bruder nicht verlassen wolltest und weil sich für Tante Euphrosine kein Marquis Posa zum Manne gefunden. – Ach, Tantchen, lerne meine Erwählte nur kennen und Du wirst sie lieben, Du wirst sie anbeten.
Auguste.
Was, Du hast schon eine Erwählte?
Alfred.
Ich bin so frei, Tantchen!
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Auguste.
Ohne uns bei der Wahl zu Rathe zu ziehen?
Alfred.
Ach, Tantchen, dabei pflegt man doch gewöhnlich seinem eigenen Geschmacke zu folgen!
Auguste.
O Welt, o moderne Sitte, wie artest du aus! – Du wagst es, selbstständig zu wählen? Du, o Du bist ein Undankbarer! Als kleines, hülfloses Kind habe ich Dich von dem Todtenbette meiner armen Schwester in unser Haus genommen, nach drei Monaten starb auch Dein Vater und Du warst eineWaise, nie hast Du es zu fühlen gehabt; wir haben Dir die Eltern zu ersetzen versucht, kein Wunsch ward Dir je versagt. Und nun trittst Du so ohne Weiteres mir gegenüber und sagst, daß Du Dich verheirathen willst. Oh, das ist abscheulich!
Meinold.
Was hast Du denn, Schwester?
Euphrosine.
Was bringt Dich so auf?
40
Auguste.
Aber mein Himmel, habt ihr denn die ganze Zeit geschlafen, daß ihr nicht gehört, was hier vorgegangen? – Der junge Springinsfeld da will heirathen!
Euphrosine.
Heirathen? Ach, das thue nicht, Alfred, keine Ehe der Welt vermag die Ideale zu erfüllen, die sich die Menschenbrust von ihr erträumt!
Alfred.
Meine Ideale sind bescheiden, die lassen sich leicht erfüllen, und das Mädchen, das ich liebe, ist ein Engel!
Meinold.
Aber der Engel muß doch einen Namen haben; nun, wie heißt sie denn, die Dich bezaubert hat?
Alfred.
Ihr kennt sie nicht, ich lernte sie im Hause ihrer Tante, der Majorin Stern, kennen, es ist Adelheid von Burgen, die Tochter des im letzten Kriege gefallenen Obersten.
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Meinold.
Also eine Adelige? Mein lieber Junge, das geht nicht, das schlage Dir nur aus dem Kopfe! Wie hast Du je denken können, daß ich, der begeisterte Anhänger von Freiheit und Republik, dulden werde, daß mein Neffe Eine aus der Mitte unserer Erbfeinde heimführt?
Alfred.
Aber Onkel, was kann Adelheid denn dafür, daß die Geburt sie an diesen Platz gestellt, der ihr übrigens wenig geholfen, denn sie ist eine mittellose Waise, wie ich selber. – Aber das stört mich nicht bei meiner Wahl. Bei ihren bescheidenen Ansprüchen werde ich es wohl vermögen, ihr durch meine Kenntnisse ein sorgenfreies Loos zu verschaffen. – Alles, was ich von Ihnen erbitte, ist Ihre Erlaubniß, denn ohne den Willen meiner treuen Pfleger möchte ich einen so wichtigen Schritt nicht thun! –
Meinold.
Das ist recht von Dir, mein Junge, und vernünftig. Aber meine Einwilligung gebe ich einmal nicht; erstens kann ich diese modernen Weiber mit ihren verzärtelten Empfindungen und ihren angegriffenen Nerven nicht leiden, und dann ist es Prinzip von mir, alle Adeligen zu hassen. – Verliere daher kein Wort weiter, Deine heutige Liebe ist sehr vergänglich, Alfred, Du wirst mir in ein paar Monaten dankbar sein, daß ich Dich vor einer Uebereilung bewahrt.
Alfred.
Nein, lieber Onkel, niemals! Ich fühle es, ich kann Adelheid nie, nie vergessen! – Wie können Sie, der nur in verschwundenen Zeiten lebt, mein warmes, lebensfrohes Herz begreifen! Ach, Tanten, redet Ihr doch ein gutes Wort für mich!
Euphrosine.
Das erlaubt mein Mitgefühl für das erwählte Mädchen nicht, Du bist kein Mann, der eine Frauenseele glücklich machen kann, Du bist zu gewöhnlich – zu unpoetisch!
50
Alfred.
In Deinen Augen wohl, Adelheid aber denkt ganz anders.
Auguste.
Weil sie die Thorheit begeht, Dich zu lieben! Nein, mein Junge, davon ist gar nicht die Rede, eine Frau paßt in unser Haus nicht, sie würde unser Zusammenleben stören; darum laß es jetzt genug sein von diesem unerquicklichen Thema. – Uebrigens wird unser Leben vielleicht bald ein angenehmeres werden, ich habe im Sinn eine Gesellschafterin zu engagiren, welche unser Stillleben erheitert. Die Annonce steht heute bereits in der Tageszeitung.
Euphrosine.
Das ist mir eine angenehme Ueberraschung; ich hegte längst das Projekt, ein junges, gebildetes Mädchen zu mir zu nehmen, das Sinn für etwas Besseres, Höheres hat und dessen Bildung dergestalt ist, daß sie vermag, mir in die verschiedenen ästhetischen Gebiete zu folgen. Hauptsächlich mußt Du darauf sehen, Auguste, daß das Mädchen, das sich zur Uebernahme dieser Stelle meldet, gut Verse lesen kann, denn ich habe Niemand, der mir die neuen Erzeugnisse der schönen Literatur vorlesen kann! –
Meinold.
Ei ja! da hat Euphrosine Recht, es wäre herrlich, eine Vorleserin zu erhalten! Freilich müßte dieselbe auch etwas Latein verstehen, denn in den Werken, die ich zur Lektüre liebe, kommen häufig Citate vor, deren Weglassung ich sehr störend empfinden würde.
Auguste.
O, so hatte ich es mit dem Engagement nicht gemeint, am meisten bedarf wohl ich einer Gesellschafterin, eines Wesens, das mir bei den Angelegenheiten der Wirthschaft thätige Hand leistet, das mir bei meinen Näharbeiten hilft und mich in meinen Freistunden erheitert. Nach diesen Eigenschaften sehe ich zuerst.
55
Euphrosine.
Ich habe dieselben Rechte, die Du Dir einräumst, Du wirst Dir daher nicht erlauben, ein Mädchen zu uns zu nehmen, das sich nicht vorher meiner Prüfung unterzogen hat!
Meinold.
Auch ich werde in dieser Angelegenheit mitzuredenhaben, denn es kann mir keinesfalls gleichgültig sein, ob unser Kreis durch ein oberflächliches oder ein gediegenes Wesen erweitert wird! –
Alfred.
Das muß eine merkwürdige Person sein, die euch allen Dreien gefällt! Uebrigens beneide ich dies Mädchen, das ihr wählt, schon im voraus, sie wird eine recht angenehme Stellung bei euch haben. –
Auguste.
Gewiß! Denn die Geduld, die wir Deinem vorlauten Wesen entgegensetzen, beweist am besten unsere Seelengüte!
Meinold
(aufstehend).
60
Es geht mir heute hier zu stürmisch her, will mich daher lieber in mein Zimmer begeben, da werde ich doch endlich aus dem Artikel klug werden, welcher Art eigentlich die aufgefundenen Schätze sind.
(Er geht rechts in sein Zimmer ab.)
Euphrosine.
Und ich will in den Garten gehen, um unter des Baumes geheimnißvollem Flüstern mich in Tasso's zauberhafte, magische Gesänge zu vertiefen. Adieu, Alfred, und glaube mir, ein wahres Glück giebt nur der Liebe Schmerz, Besitz zerstöret ihren Reiz auf immer und wandelt ihn in kalte Wirklichkeit!
(sie geht mit dem Buche durch die Mitte ab.)
Auguste.
Euphrosine muß stets ihre Reden mit einer Tirade schließen. – Ach, Du lieber Gott, was sind die Menschen doch kurios. – Na, was stehst denn Du da, Alfred, als ob Dir das größte Unglück geschehen wäre? – Nimm Dich zusammen und glaube mir, wir wissen besser, was Dir gut ist, als Du selber! –
65
(sie sieht auf die Standuhr)
Ei, ei, schon 9 Uhr, es ist ja die höchste Zeit, Du mußt fort auf Dein Comptoir und ich in die Küche, dort werde ich Deinen Gram mit einem Lieblingsgerichte zu heilen suchen.
(Thür links ab.)

(Emma Laddey: Mäntelchen nach dem Winde. Lustspiel in einem Akt. Stuttgart: Mäntler1871. (S. 1–33.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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