Die Spielereien einer Kaiserin

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Figurenkonstellation

Max Dauthendey

Die Spielereien einer Kaiserin (1910)

Drama in vier Akten, einem Vorspiel und einem Epilog

Uraufführung1911

SchauplatzVorspiel: Im Zelt des Feldmarschalls Fürsten Menschikoff. Am letzten Tag der Belagerung von Marienberg 1702

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Vorspiel

Menschikoff
hält Katharina auf seinem Schoß.
Ei, du kannst küssen, Hühnchen! Heidensatan!
Katharina
lustig; macht sich los und springt auf.
Uff, Uff! Sie haben mir den Kopf verdreht, Herr Feldmarschall!
5
Ich schwör's, das war das erste Mal im Leben,
Daß mich ein Mann, ohn' mich zu fragen, so küssen durfte
Und mit mir tun im Handumdrehen, was ihm beliebt.
Und sonderbar – ich mag Euch nicht einmal dafür ermorden.
Sonst hätt' es einer wagen sollen, mich auf den Schoß zu ziehn,
10
Ich hätt' ihn nachträglich gleich abgeschlachtet.
Menschikoff
zieht Katharina wieder auf seinen Schoß.
Bleib, komm, und sitz noch hier auf meinem Schoß,
Daß nicht die Luft sogleich um uns verkühlt.
Man muß die guten Stunden nicht entwischen lassen.
15
Schenk mir und dir mal ein, mein Kätzchen!
– Wer von uns zittert denn? – Ich oder du?
Du gießt daneben, Schatz! Gieß in das Glas!
Katharina
übermütig; schenkt in kleine Gläser zitternd Wein ein.
Herrgott, Ihr habt mir ja die Knochen ganz zerdrückt,
20
Mit Euerm Ungestüm, Herr Feldmarschall! –
Doch Eure Gläser hier sind gar so klein für mich,
Ich gieße zitternd Euren Wein wie Regen übern Tisch.
Solch winzige Gläser gießt mein Herr Gemahl, der Herr Dragoner,
Sich zehn Stück gleich auf einmal in den Durst.
25
Menschikoff
hebt sein Glas und stößt mit Katharina an, und beide trinken aus.
Ich weiß noch gar nicht, wie du heißt, mein Schatz.
Der Pastor Glück hat mir's gesagt. Ich hörte aber nicht,
Weil meine Augen viel zu sehr im Anschaun bei dir waren. –
Du bist des Pastors Pflegekind gewesen?
30
Katharina
will von seinem Schoß aufstehen.
Jawohl, ich hieß erst Katharina Glück, Herr Menschikoff.
Menschikoff
Und jetzt hast du dich heut mit deinem Pastor
Fort aus der Festung, aus Marienberg, begeben,
Ins Lager zu uns Russen, und bist Überläuferin.
35
Und ranntest gradeswegs dem Feldmarschall ins Zelt,
Als wolltst du heute Nacht noch eine Russin werden,
Vielleicht sogar Frau Feldmarschallin selbst!
Katharina
ist aufgestanden.
O, Herr, wie sollte sich mein Mann drein finden!
40
Menschikoff
steht auf.
Sehnst du dich sehr nach dem Dragonermann?
Katharina
spielt kokett mit ihrer Schürze.
Wir sind erst knapp ein kurzes Jahr getraut.
Nun ist er Kriegsgefangener bei Euch.
45
Menschikoff
Du kamst, um dir ihn freizubetteln, her?
Was ich versprach, das soll ich wohl jetzt halten? –
Ich denk, du bleibst freiwillig jetzt bei mir.
Wir schicken deinen Mann zu allen Teufeln.
Er hält ihr sein Glas zum einschenken hin.
50
Katharina
beachtet es nicht.
Ihr habt versprochen, wenn ich Euch erst küsse,
Dann gebt Ihr meinen Mann auch wieder frei.
Menschikoff
stellt sein Glas hin.
Gut, deinen Mann, den geb' ich heut' noch frei.
55
Dich aber, Katharina, dich mach' ich mir leibeigen.
Ich hab' dich schon vom Pastor Glück gefordert,
Und ich versprach den Herren Überläufern meinen Schutz
Nur, wenn leibeigen du die Zeit mir hier im Zelt vertreibst.
Katharina
schlau bescheiden, sich verbeugend
60
Es ist mir eine große, große Ehre, hoher Herr Feldmarschall,
Mit Euch im Zelte hier zu kurzweilen und scherzen.
Ich darf als simples Pflegekind des Pastors Glück nicht mehr erwarten, –
Nicht mal, daß mir ein Feldmarschall sein Wort gibt und es hält.
Menschikoff
Ich habe keine Lust, dir deinen Mann zu geben,
65
Der jetzt als Kriegsgefangener unschädlich ist.
Jetzt sitzt er gut bei anderen Gefangenen
Und ahnt nicht, wie sein Weib mich freundlich küßt.
Er nähert sich ihr zärtlich.
Katharina
platzt verächtlich heraus
70
Du Schwein!
Menschikoff
verblüfft
Was? Schwein? Was unterstehst du dich?!
Katharina
heftig
Du, Regimentsschwein, du!
75
Verführst ein unschuldig und junges Eheweib
Mit dem Versprechen, daß du sie belohnst
Und ihrem Mann die Freiheit wieder schenkst.
Ich hab' dich, dankbar, breit in dein Gesicht geküßt
Und hab' doch nur an's gute Werk gedacht
80
Und dich geküßt, um meinen Mann zu retten.
Menschikoff
So – deine Zärtlichkeit war nur Barmherzigkeit für deinen Mann?
Herrgott, wie mußt du erst im Liebesfeuer schmecken!
Hättest du ohne mein Versprechen dich besser noch erwärmt vielleicht?
Katharina
stellt sich hinter den Tisch.
85
Ihr hättet mir ja nichts versprechen brauchen!
Menschikoff
Ist's wahr – du hättest mich auch so geküßt?
Katharina
lachend
Sonst küss' ich überhaupt nicht, wenn's nicht schmeckt.
Menschikoff
geht ihr um den Tisch nach.
90
Du Ratte, du – verfluchtes süßes Rattenzeug!
Ich Tölpel, hätt' ich dir doch nichts versprochen!
Er schlägt auf den Tisch.
Jetzt hätt' ich nicht den Mann erst herzuschaffen.
Oft straft sich Güte mehr als Schlechtigkeit.
95
Hätt' ich nur mit Soldatenwillkür zugegriffen!
Katharina
kommt hinter dem Tisch vor.
Ich find', Ihr wart schon willkürlich genug,
Ihr habt den Augenblick, den günstigsten, gepackt.
Menschikoff
Kaum eine halbe Stunde bist du in dem Lager,
100
Und schon erhältst du von dem Feldmarschall
Den Mann zurück, den du verlangst.
Ich glaube, du hast frischer zugegriffen.
Katharina
Wortfechten will ich nicht mit Euer Gnaden.
Laßt meinen Mann, den armen Kerl, jetzt laufen!
105
Er freut sich sehnlichst auf die Freiheit, Herr.
Gefangenschaft tut den Dragonern doppelt weh,
Weil sie gewöhnt sind auf lebendigen Pferderücken
Zu essen, trinken, schlafen, auf Pritschen faulen ihre Knochen.
Menschikoff schüttelt den Kopf.
110
Ihr wollt nicht? Seid wortbrüchig, Exzellenz?
Sie spuckt vor ihm aus.
Pfui, Teufel! Euren Mund, der falsch verspricht,
Den küß' ich nicht zum zweiten Mal, wenn ich auch möchte.
Menschikoff
Oho, du Satansweib! Verflucht!
115
Du stichst wie eine Bremse auf ein Pferd!
Katharina
Neun Bremsen, sagt man, können einen Gaul schon töten.
Vielleicht bekommt's auch eine fertig, ganz allein,
Wenn man sie wütend macht, Herr Feldmarschall.
Menschikoff
legt die Hand auf eine Tischglocke.
120
Wie heißt dein Mann? Und welches Regiment?
Katharina
Ach, laßt mich nur! Ich find' ihn schon,
Wenn Ihr nur Eure Unterschrift zum Freibrief gebt.
Menschikoff
Nein, sehen will ich ihn erst, deinen Mann.
Katharina
Und ihm ein Leids antun, dem Wehrlosen? –
125
Er ist beim friedrichstädter Regiment,
Mit sieben Kameraden kriegsgefangen.
Gebt mir ein Blatt Papier, das ihn befreit!
Menschikoff
klingelt; ein Leutnant tritt unter den Zelteingang.
Man bring' die friedrichstädter gefangenen Dragoner!
130
Sofort! Und hier ins Zelt gleich alle sieben.
Der Leutnant salutiert und geht ab.
Katharina
Ihr seht nicht aus, Herr Feldmarschall,
Als ob Ihr meinem Mann das Leben gönnt!
Menschikoff
geht auf und ab.
135
Die Freiheit hab' ich dir für ihn versprochen.
Katharina
Ums Leben ihm dann hinterher zu nehmen!
Wenn Ihr ihn freigelassen, schickt Ihr ihn zum Henker.
Menschikoff
faßt sie unters Kinn.
Ei, Weib, wie bist du für zehn Weiber schlau!
140
Ein selten kluges, selten mutiges Geschöpf.
Und selten frech, wie nur –
Katharina
fällt ihm ins Wort
– Wie nur ein russischer Feldmarschall in seinem Zelt.
Menschikoff
Dein Mann wird frei. Du bleibst mein Zeltgenosse.
145
Katharina
Mein armer Mann sitzt an der Landstraß' dann!
Soll hungern und verlausen ohne mich!
Menschikoff
Wieweit du doch vorausdenkst, Katharina!
Für deinen Mann hab' ich Soldatenarbeit.
Katharina
Schwör', daß du nicht befiehlst, daß man ihn tötet!
150
Menschikoff
Wenn nicht die Festungskugeln ihn von drüben holen,
Ich töt' dir ihn wahrhaftig nicht in meinem Lager.
Da kommen schon die Kerle. Also fix!
Such' dir den saubern Herrn Gemahl heraus!
Eine Kosakenwache mit dem Leutnant bringt die sieben Dragoner, darunter Iwan und Michail. Alle sieben sind abgelumpt, schmutzig und pulvergeschwärzt.
155
Katharina
stellt sich rasch hinter den Rücken Menschikoffs und deutet ihrem Mann Iwan mit lebhaften Gesten an, daß er sich nicht zu erkennen geben soll.
Menschikoff
Nun, Henkerskerle, struppige und schuftige!
Pfui, Teufel, seid ihr dreckig überall!
Ich gratuliere Euch, Frau Katharina, zu dieser Auswahl hier!
Er kommandiert den Soldaten.
160
Die Hände an die Hosennaht! Mal stramm gestanden!
Katharina
tut, als ekele sie sich.
Sie sind so schwarz wie Köhlerkerle, die armen Herrn Dragoner,
Und scheinen nichts zu sehn und nichts zu hören.
Ach, diese Ärmsten sind verwirrt vom Tageslicht.
165
Ich finde wirklich meinen Mann nicht drunter.
Menschikoff
lacht.
Aha, du kennst vor Pulverruß nicht sein Gesicht?
Der Krieg teilt keine weißen Hemden aus.
Katharina
Ich glaub', der ist's! Natürlich ist es der!
170
Iwan, ei, guten Tag, gib mir die Hand!
Sie reicht absichtlich dem Dragoner Michail, aber nicht ihrem Mann, Iwan, die Hand.
Menschikoff
Verdammt, ist der da Euer glücklicher Despot?
Katharina
Er will's noch gar nicht glauben, daß ich's bin.
Sie spricht zu dem Dragoner Michail.
175
Du hast geschlafen, Iwan! Kennst du die Trine nicht?
Kennst du denn wirklich gar nicht deine Frau?
Iwan, du wirst jetzt freigelassen vom Herrn Feldmarschall.
Der Pastor Glück mit Frau und mir und allem Hausgesinde
Verließ heut morgen erst Marienberg und kam ins Russenlager.
180
Weil's drüben nicht mehr ganz geheuer ist bei uns
Und heut der Waffenstillstand noch zu Ende geht,
Befahl der Festungskommandant uns, auszuwandern.
Da's doch passieren könnte, daß heut Marienberg kapituliert.
Um Plünderung und Gräueln zu entschlüpfen
185
Sind wir als Überläufer hier ins russische Lager eingerückt.
Und wir erhielten Schutz von seiner Exzellenz,
Vom Fürsten Menschikoff, dem Feldmarschall.
Iwan, nun sag, rührt es dich nicht?
Ich, deine Frau, hab' dich gleich frei gebettelt!
190
Sieh mich doch an! Erkenn' mich doch, Dragoner!
Dragoner Michail
reibt sich die Augen.
Nö, Euch erkenn' ich nicht als meine Frau.
Wir saßen tief in einem Erdloch drin,
In einem Schanzenloch, und sahen lang kein Licht.
195
Es kann schon sein, daß Ihr bekannt mir scheint,
Wenn ich erst besser mal das Licht vertrage.
Die Luft macht ganz besoffen nach dem Stank;
Nur faulende Kadaver von verreckten Pferden und nur verreckte Menschen roch man dort.
Nönö, ich kenn Euch nicht als meine Frau.
200
Menschikoff
Ist auch nicht nötig, daß du sie erkennst,
Ich hab' sie mir leibeigen angenommen.
Du trittst sie mir als Freundin ab ins Zelt,
Dafür gehört die Freiheit dir. Verstanden?
Dragoner Michail
Nö, Herr.
205
Menschikoff
Verstanden, frag ich dich?
Katharina
Er wird es schon begreifen mit der Zeit.
Ich bin gefangen, du bist frei geworden.
Iwan, versteh nur, und vergiß es wieder.
Dragoner Michail
Ich wär' nicht mehr gefangen? Aber – –
210
Menschikoff
Kein »Aber«, Kerl! Er will wohl disputieren?
Hand an die Hosennaht! Und draußen steht ein Pferd.
Ihr reitet schleunigst aus dem Lager nach Marienberg!
Er spricht zum Leutnant.
Den Freibrief durch die Wachen schreibt Ihr, Leutnant,
215
Daß dieser Kerl nicht aufgehalten wird.
Katharina
tut, als wenn sie in ihre Schürze weinte.
Iwan, jetzt bist du frei! Grüß mir Marienberg!
Sei nicht so grob, und dank dem Feldmarschall.
Dragoner Michail
Schön' Dank! Und Exzellenz – ich – aber –
220
Menschikoff
Kehrt marsch, und nicht mehr umgesehen, Kerl!
Der Leutnant marschiert mit dem Dragoner ab.
Katharina
seufzend und halblaut
Iwan, leb wohl! Nun läuft er in den Tod!
Der Arme ahnt nicht, was mit ihm geschieht. –
225
Und diese andern, Exzellenz?
Menschikoff
fährt die Wache an.
Zurück ins Schanzloch mit den andern Lumpen!
Katharina
schmeichlerisch
Ich möcht' Euch bitten, Herr, laßt mir die andern da.
230
Ihr nahmt mir meinen Mann Hals über Kopf,
Laßt mir die Kameraden seines Regiments!
Ich möchte manchmal von der Heimat sprechen.
Sie legt zärtlich ihre Hand auf Menschikoffs Arm.
Laßt mir die Leute da als Wache vor dem Zelt,
235
Daß ich nicht einsam bin, seid Ihr im Kugelfeuer.
Ich fürchte mich sonst unter so viel Fremden,
Seh ich nicht hie und da ein altbekannt Gesicht.
Menschikoff
Nicht übel, suchst dir eine Leibwach aus,
Wie eine Kaiserin. Du hast Geschmack,
240
Willst gern repräsentieren.
Als Freundin eines Feldmarschalls gehört sich's wohl.
Der Leutnant kommt zurück. Menschikoff zum Leutnant
Leutnant, verabreicht diesen Kerlen Reinlichkeit
Und jedem eine neue Uniform und Waffen.
245
Ihr sechs habt Ehrenwache dann bei Eurer Landsmännin
Und lagert vor dem Zelt des Feldmarschalls.
Der Leutnant salutiert und führt mit den Kosaken die sechs Dragoner ab.
Katharina
läßt ihre Schürze von den Augen fallen.
Ich glaub, ich weine später wieder weiter.
250
Menschikoff
Geliebte Kathja, diesem Herrn Dragoner,
Der nicht einmal sein Weib am Tag erkennt,
Dem weint doch keine Träne weiter nach.
Grundhäßlich war er, daß sich Gott erbarm.
Katharina
Ach, solche Männer seh'n sich alle gleich
255
Und sind es doch im Grunde nicht.
Menschikoff
Du meinst, die Leute aus dem Volk sind alle gleich?
Sieh mich an, ich war Zuckerbäcker einst.
Katharina
Ihr seid mir dann gleich mehr gefallend,
Wenn Ihr zum Volk gehört mit Haut und Haar
260
Und Fürst seid aus Verstand und Eigensinn.
Menschikoff
Auch du gefällst mir sehr im Eigensinn.
Du bist wie eine Fürstin eingetreten in dieses Zelt
Und in des Feldmarschalls geheimstes Schubfach heute,
Das Schubfach, das die Dichter »Herz« benennen.
265
Katharina
Ihr schmeichelt mir, wie allen Weibern,
Heut einem Weib, das Katharina heißt,
Und raspelt Süßholz, Monsieur Zuckerbäcker,
Und kennt von mir so wenig, wie zur Nacht
Man weder Freund noch Feind im Dunkel kennt.
270
Menschikoff
Ich kenne, Katharina, deine Küsse.
Im Kuß erkennt man Freund vom Feind.
Katharina
Doch Weiber nie im Kuß, wenn sie nicht wollen.
Und eh' Ihr glaubt, auswendig schon den Text zu wissen,
Wartet das End' doch von dem Lied erst ab.
275
Im Küssen lügen Frauen mehr als mit der Rede;
Ein Kuß ist ein Versteck fürs falsche Herz.
Ein Bote kommt zu Menschikoff.
Menschikoff
betrachtet die Depeschen, die der Bote ihm gibt, und gibt sie zurück.
Was gibt's? Depeschen? Gut, ich komme.
280
Sag, General Andrejess soll sie öffnen.
Der Bote geht.
Zu Katharina, ernst und aufrichtig und schwärmerisch.
Ich weiß nicht, was mich zwingt, Euch anzusehen.
Ihr tragt so stolze rote Locken, die gleichen einem goldnen Helm;
285
Als wärt Ihr Feldmarschall und ich ein Leutnant nur.
So herrisch und so sanft zugleich, fürcht ich Euch fast.
Vielleicht seid ihr mein Schicksal, das mir heut begegnet.
Verschleiert wie des Schicksals Aug' ist Euer Blick.
Ich hoffe, daß wir Kameraden bleiben.
290
Er reicht Katharina die Hand hin, Katharina legt ihre Hand langsam in die seine.
Katharina
nachdenklich
Ich such' vergeblich nachzugrübeln in meinem Hirn,
Wo bin ich Euch begegnet schon im Leben, Herr?
Hab ich Euch mal verkleidet schon gesehn
295
Auf einem Maskenball, in einem Tanzsaal von Marienberg,
Fast wie von einem, der sich mal vor mir schon demaskierte?
Und jetzt mich wieder hinter seiner Larve scharf fixiert,
So unheimlich vertraut ist mir der Blick von Euch.
Menschikoff
leiser
300
Ich glaube, wenn es heute dunkel wird im Zelt,
Dann wirst du mich und werd' ich dich erkennen.
Katharina
schlägt den Ton um.
Ei, Weiber halten gern auf ihre Maske.
Verzeiht, die Weisheit stammt nicht ganz von mir.
305
Ich red' oft nach, was Pastor Glück mich lehrte.
Menschikoff
gleichfalls den Ton verändernd
Ich schick' Euch gleich ein Dutzend Weiber her,
Kasernendamen, schöne Katharina, die Euch bedienen sollen.
Er will gehen, dreht sich aber auf dem Absatz herum.
310
Noch eins, ich sah vorhin, du warfst noch einem
Der friedrichstädtischen Dragoner verständnisvolle Blicke zu –
Und trotzdem trau ich dir und lasse dir die Burschen.
Sie sollen dir hier um das Zelt als Wache liegen.
Menschikoff droht mit dem Finger.
315
Doch rat ich, Trine, laß dich nicht erwischen,
Nur nicht vom Menschikoff erwischen lassen.
Er geht lachend.
Katharina
äfft ihm nach
Nur nicht vom Menschikoff erwischen lassen.
320
Katharina wartet eine Weile, dann sieht sie durch die Zeltvorhänge hinaus. Sie zieht ihren Mann Iwan herein. Katharina lacht. Iwan lacht; er ist oberflächlich gewaschen und in nagelneuer Uniform.
lacht.
Das hast du gut gemacht, du bist der Rechte,
Du hast mich gleich erkannt und nichts verraten.
Iwan
lacht halb betrunken.
325
Erst hab ich nichts begriffen, ha ha ha,
Dann aber dacht ich mir, das ist ein guter Witz.
Du redest Michail an für deinen Mann,
Der sah dich dösig an. er hatte Schnaps im Leib.
Wir hatten Schnaps gepascht in unsrer Schanze.
330
Nun ist der Michail frei, und ich, was ist mit mir?
Iwan sucht auf den Tischen herum und trinkt aus allen Flaschen. Während beide weiterreden, trinkt er zugleich alle Flaschen leer.
Katharina
betrachtet Iwan beim Trinken und wird immer ernster.
Michail ist frei, wenn nicht schon totgeschossen.
Ach wenn ers Lager heil verlassen hat,
335
Fliegt er noch heute drüben in die Luft.
Marienberg wird in die Luft gesprengt
Vom eignen Festungskommandanten,
Noch heute Nacht. Das wäre dir passiert,
Hätt' ich auf dich gedeutet als den Rechten.
340
Jetzt bist du Kriegsgefangner hier wie ich,
Und er erfährt es nie, der Feldmarschall,
Daß ich mir meinen Mann in seinem Zelt empfange.
Iwan
untersucht die leeren Flaschen, spricht dazu
Hat er dich schon geküßt?
345
Katharina ordnet ihr Haar.
Katharina
gleichgültig
Was will man machen, er ist Feldmarschall!
Iwan
die letzte Flasche ans Licht haltend
Jawohl, was will man machen! Wo ist Schnaps?
350
Der Wein ist gar, habt ihr nicht Schnaps im Zelt?
Katharina
ärgerlich
Du mußt dein Weib jetzt schützen hier vor jedem Mann;
Das mußt du machen und nicht saufen jetzt.
Iwan
findet auf einem Tisch eine Schnapsflasche und duckt sich feig.
355
Ich dich beschützen vor dem Feldmarschall!
Ich bin ja gar nicht mehr dein rechter Mann,
Seit du den Michail angegeben hier im Zelt.
Lacht und trinkt aus der Flasche.
Katharina
Du bist und bleibst mein Mann, wir wollen fliehn.
360
Iwan
lacht sie aus.
Ich fliehn? Wo ich jetzt Uniform und Kost und Wohnung habe!
Katharina
aufgebracht
Sind Kost und Kleider dir mehr wert als ich?
Iwan
trinkt weiter.
365
Zeitweise schätzt man eines, zeitweise anderes.
Trinkt weiter.
Katharina
Ich schätz, ich hätte dich gleich laufen lassen sollen,
Statt dich vom Tode zu erretten, Feigling du.
Kommandiert
370
Wir fliehen jetzt und gehen in die Welt.
Zwei finden schnell die Hütte, wo man satt wird,
Zwei besser noch als einer in der Welt;
Sollst nur nicht uns das Leben dumm versauern.
Iwan
lacht betrunken auf.
375
Wer glaubt denn noch, daß ich dein Mann bin, Trine?
Du kannst noch lauter schrein, soviel du willst,
Seit du den Michail fortgeschickt als deinen Mann,
Wird dir's nicht eine Laus im Lager glauben,
Auch wenn du tobst und wütend bist wie jetzt.
380
Wer glaubt's denn, daß du einen Fremden freigebettelt?
Auch Menschikoff wird es nicht merken wollen.
Ich bin für ihn erst recht nicht mehr dein Mann.
Katharina
wütend
Oho, du Schuft, du Säufer du und Lump!
385
Ich werde gleich den Pastor Glück herrufen,
Der wird dir sagen, wer mein Mann hier ist;
Der hat uns angetraut vor Gott und Welt.
Du hast mich hier vor Menschikoff zu schützen.
Warum hab' ich dich sonst bewundert
390
Und mich bei deinen Fäusten wohlgefühlt im Frieden,
Wenn du mich nicht im Krieg verteid'gen kannst?
Iwan
schlägt sich auf die Schenkel und lacht.
Ich dich verteidigen vor einem Feldmarschall?
Das wär', als sollt' ich Rußland für dich kaufen.
395
Einmal saß ich gefangen schon,
Zum zweitenmal wünsch' ich die Kost nicht mehr.
Verschimmelt Brot und Regenwasser in dem Schanzenloch
Und eingepfercht bei Ratten und Kadavern.
Mit Menschenblut, das durch die Erde sickert,
400
Hat man den Durst gelöscht, wenn's lang nicht regnen wollte.
Und wenn kein Schnaps zu schmuggeln war bei Nacht,
Hat man sich aus den Fingern Saft gesogen.
Nein, laß mich mit dem Feldmarschall zufrieden!
Dich mag er küssen, – ich besaufe mich.
405
Katharina
stampft weinerlich auf.
Weshalb denn heißt solch Esel Mann, nicht Memme!
Iwan
findet eine neue Schnapsflasche, setzt sich und trinkt und zieht Katharina auf einen Stuhl neben sich. Er spricht, betrunken, wichtig und geheimnisvoll.
Beruhige dich! Es kennt mich keiner hier.
Ich stehe mit fünf andern vor der Tür,
410
Ich will dir sagen, was wir tuen werden.
Du kannst ein Tränkchen nachts dem Feldherrn reichen.
Die Kameraden sorgen für ein Gift, das gieß' ihm in den Wein.
Ich selbst rühr keine Hand vorher; erst wenn er tot,
Dann will ich ihn berauben. Nimm dann sein Geld,
415
Die Ringe und manch Schmuckstück, das er trägt,
Das bringt uns ein Vermögen ein, erwischen wir's.
Iwan richtet sich betrunken pathetisch auf und schwingt die Flasche.
Kannst ihm sein Haupt auch mit dem Schwert abschlagen,
Wie Pastor Glück erzählt, daß mal die Judith tat,
420
Sie brachte Holofernes um, der auch ein General gewesen;
Nicht leiden mocht' sie den. Hat ihn bei Nacht geköpft,
Bei Nacht in seinem Zelt. Das solltest du probieren.
Katharina
lehnt sich erstaunt im Stuhl zurück.
Den Feldmarschall, den sollt' ich köpfen, den?
425
Iwan
schlägt auf den Tisch.
Ja den, der dich ganz unverschämt heut küßte.
Katharina
steht verächtlich auf.
So hast du nie geküßt wie dieser Herr.
Iwan
Ei, andere Weiber schätzen anderes an mir.
430
Katharina
Du warst mir untreu, du, mit andern Weibern?
Iwan
stützt sich schwer auf den Tisch.
Was schert's denn dich, wenn ich's versuche
Und was bedeuten will bei andern auch?
Katharina
weint.
435
Der lange Krieg hat dich verlumpt gemacht.
Kein Faden ist mehr an dir von dem Mann,
Dem mich der Pastor Glück vor'm Jahr getraut.
Iwan
wankt zu einem andern Tisch, wo er in leere Gläser starrt.
Da hast du Recht, im Krieg reißt manche Naht.
440
Warum willst du nicht mal Karriere machen
Und vom Dragonerweib zum Feldherrnrange steigen?
Katharina
empört, kommt nah zu ihm hin.
Iwan, so schändlich sprichst du wie ein Lump,
Aus dem statt Seele nur der Schnapsgeist faselt!
445
Nun will auch ich mir mal die Zunge lockern:
Seit mich der Feldmarschall geküßt, bin ich sein Weib,
Sie richtet sich stolz auf.
Ich fühl's, als wär mein Blut heut nur Musik;
Als könnt' ich heut der ganzen Welt befehlen,
450
Und säß auf einem Pferd und kommandierte
Und ritte in die Zukunft wie ein Feldmarschall,
So stolz und prächtig, unbezwingbar fühl' ich mich.
Und all den Ekel, den du statt der Liebe hier mir vorgesetzt,
Der kann mir 's Wohlsein nicht verleiden,
455
Das mich am ganzen Körper badet heute.
Iwan
entdeckt ein halbgeleertes Glas am Tisch, hebt es und trinkt es aus.
Prost! 's wundert mich, was ich bei dir noch soll.
Katharina
wendet ihm den Rücken.
Ich hatte Mitleid mit dem Herrn Dragoner
460
Und hatte Mitleid mit der alten Zeit,
Die aus dem Zelt geht, wenn ich hier im Zelte bleibe.
Iwan
fällt mit dem Oberkörper über den Flaschentisch. Richtet sich wieder auf und wankt zu Katharina.
Red' nicht gespreizt und nicht schon fürstlich, Trine!
Du willst von jeher immer hoch hinaus,
465
Ich gönn' es dir, denn mir ist's zu beschwerlich:
Ich lieb' den Suff und keine Streberei.
Katharina
angeekelt
Das merk' ich, du bist lebensmüd'.
Und gehen dir die Augen in dem Kopf stier um,
470
Dann bist du auf der Höhe deines Daseins,
Und wirst Verräter dann an Herz und Leben.
Gabst deinen Geist im Schnaps längst auf.
Iwan
hat sich an die Tischkante gestellt und seinen einen Stiefel ausgezogen.
Schweig still! Ich schlage mit dem Stiefel zu.
475
Katharina
Du tust, als wärst du hier im Zelt zu Haus.
Iwan
will sie vertraulich am Arm nehmen und deutet auf das Feldherrnbett.
Du bist mein Weib – und dort ist unser Bett.
Katharina
stößt ihn zurück.
Ins Bett des Feldmarschalls willst du hinein?
480
Iwan
plump
Warum denn nicht? Es wird ja dein Bett auch!
Katharina
Geh mir vom Leib!
Die Frauen kommen gleich, die er mir schicken wollte.
Iwan
taumelt auf das Bett zu.
485
Ei, Weiber kommen! Geh, hol' Kameraden!
Katharina
Iwan, ich schäm' mich, daß ich deine Frau gewesen.
Hätt' ich dich nie aus deinem Schanzenloch befreit!
Iwan
ist auf das Bett gefallen, zieht die Beine hoch und zieht den zweiten Stiefel aus.
Dann wärst du auch niemals zum Fürst gekommen,
490
Und ich hätt' nicht den feinen Wein im Leib.
Er stößt die Kissen auf die Seite.
Verdammt, zu schläfrig bin ich und fall um;
Mach Platz, und laß mich schnarchen, wo ich schnarche.
Katharina
tritt schnell an das Bett.
495
Du sollst um Gotteswillen hier nicht schnarchen!
Wenn dir dein Leben lieb ist, schlafe lautlos,
Dann kann ich dich verstecken bis zum Abend.
Sie zieht den Vorhang aus Pferdedecken und Soldatenmänteln zu, weil sie die Damen draußen plaudern und kommen hört.
Iwan
hinter dem Bettvorhang
500
Ei Weib, ei Weib der Weiber, Weib!
Katharina
wendet sich um, würdevoll wie eine junge Fürstin, und geht den eintretenden Damen entgegen. Die drei Damen verneigen sich vor ihr. Zwei tragen über den Armen ein neues Reitkleid nebst Reithut für Katharina.
Die Damen suchen mich?
Ich danke Ihnen, daß sie sich bemühten.
Eine Dame
Madame, der Feldmarschall schickt dieses Kleid.
505
Katharina
Welch prächtiges Geschenk vom Feldmarschall!
Ich dank' den Damen für die Müh', es herzubringen.
Sie deutet mit einer Geste auf einen Stuhl, wo man das Kleid hinlegen soll, und lacht.
Das Kleid, das werde ich gleich morgen tragen.
Heut, hoff ich, werd' ich noch dem Fürst gefallen,
510
So wie ich geh und steh und sauber bin.
Dame
Wir dachten nicht, daß wir das Zelt verlassen,
Ohn' Euch das Kleid hier erst noch anzuziehn;
Fürst Menschikoff befahl's, und wir gehorchen gern.
Katharina
lächelt.
515
Doch ich gehorche nicht so schnell hier, meine Damen.
Ich bleibe, wie ich bin, und danke Ihnen.
Dame
Der Fürst, Madame, erwartet Euch im Reitkostüm zu Pferd.
Er will Madame noch heute den Offizieren präsentieren.
Katharina
erstaunt und nachdenklich und schnell entschlossen
520
In einem Reitkostüm zu Pferd soll ich mich zeigen?
Das – ja – das will ich gern und augenblicklich!
Ja, zieht mich an, ihr Damen, darf ich bitten!
Zu Pferd! Ich habe keine andere Lust mehr heute,
Als auf dem Pferde durch das Heer zu reiten.
525
Sie beginnt sich mit Hilfe der Damen rasch umzukleiden.
Dame
Madame sind gut zu Pferd und reiten oft?
Wir dachten, daß der Pastor Glück Ihr Pflegevater sei?
Katharina
Ich – nie saß ich auf einem Pferderücken!
Doch ist mir heut', als hätt' ich's schon erlebt.
530
Ich weiß nur, daß die Zeltluft hier mich mutig stimmt.
Dem Kleid, euch Damen und dem Feldmarschall
Bin ich auf dieser Erde schon begegnet,
Mal irgendwo im Traum in einer fernen Nacht.
Dame
Das Kleid sitzt gut und wird Euch fürstlich schmücken,
535
Wir haben leider Waffen nur und keinen Spiegel hier im Zelt.
Katharina
Der Spiegel ist das Wohlgefühl, das ich in diesem Kleide spüre.
Ich seh' mich schon zu Pferd, zu Wagen und in Schlössern d'rin erscheinen.
Dame
Ach ja, man zieht mit neuen Kleidern oft eine neue Zukunft an.
Katharina
Heut' Morgen hab' ich nicht geahnt, wie mich der Abend kleiden wird.
540
Dame
Der Abend überholt den Morgen nicht umsonst.
Katharina
fertig gekleidet. Sie bemerkt nicht den Fürsten Menschikoff, der unter der Zelttür erscheint und sie bewundert.
Und in dem Krieg eilt sich das Schicksal mächtig.
Man hört von fern schwachen Kanonendonner.
Horcht! Hört man die Kanonen wieder singen?
545
Der Waffenstillstand ist zu Ende heute Abend.
Dame
Und morgen noch will man Marienberg erstürmen.
Die Dame deutet auf Menschikoff.
Der Fürst steht dort und sieht Euch längst schon zu.
Katharina
sich lachend vor ihm verneigend
550
Herr Feldmarschall, ich habe mich verwandelt!
Zu den Damen
Ich dank euch, meine Damen, für die Hilfe.
Die Damen verbeugen sich und gehen fort. Menschikoff kommt näher.
Menschikoff
Bei Gott, ich bin erstaunt und fast verwirrt;
555
So Schönes sah dies alte Zelt noch nie.
Ich möcht' mit Euch durchs ganze Lager reiten,
Um alle Offiziere durch Eure Schönheit anzufeuern
Zum letzten Anprall, zu dem Ansturm auf Marienberg.
Die Festungswerke von Marienberg, die über dem halb heruntergerissenen Zeltvorhang am Himmel zu sehen sind, erhellen sich plötzlich im Abenddunkel blitzschnell, feuerrot, und man sieht Türme zusammenstürzen. Ein Explosionsschlag erschüttert zugleich das Zelt; kleinere Explosionsschläge folgen donnernd nach.
560
Katharina
hält die Hand ans Herz.
Herrgott, der Himmel reißt die Erde ein!
Menschikoff
ernst
Das war das Ende von dem Kriegsgesang.
Marienberg flog in die Luft – bravo!
565
Die Festung hat sich, scheint's, die Rechnung selbst gemacht.
Leb wohl! Ich muß zu meinen Generalen.
Er will hinausstürmen und dreht sich unter der Tür noch um.
Daß Euer Mann, den wir just hingeschickt heut' nach Marienberg,
Wahrscheinlich heut' und niemals mehr jetzt wieder kommt, –
570
Ich würd's nicht wagen, gleich Euch zu erinnern,
Doch habt Ihr ihn nicht sehr beweint vorhin.
Ich glaub', Ihr atmet fast erleichtert auf?
Katharina
Ihr tötet leicht und schnell, Herr Feldmarschall.
Menschikoff
Vielleicht, wär't Ihr ein Mann, versuchtet Ihr es auch,
575
Wenn so viel Schönheit Ihr an einem Tag entdecktet.
Leb' wohl! Auf später, schöne Katharina.
Von draußen Trompetensignale, Trommelwirbel, Menschengeschrei und Menschengewimmer. Der Lärm wächst immer stärker an. Katharina horcht lange.
Katharina
allein
Töten denn Menschen gar so leicht, sobald sie lieben?
580
Mich schaudert vorm Geschrei der Sterbenden!
Man hört sie von Marienberg herüber, deutlich, als wär's im Zelt.
Hinter dem Bettvorhang beginnt Iwan erst leise, dann immer lauter zu schnarchen.
Ich bin so müde von dem Krieg und Lärm,
Und leb' erst recht im Krieg mit mir seit heute Morgen!
585
Sie geht zum Bett und öffnet den Vorhang weit.
Ach Iwan – Iwan –, armer Säufer, du!
Ich fühl', als müßte ich ihn heut' einmal noch beschützen.
Sie setzt sich auf den Bettrand.
Er schnarcht, antwortet schnarchend aus dem Schlaf.
590
Iwan! Herrgott, ich muß ihm noch den Mund zuhalten.
Er sperrt den Mund auf und verschnarcht sein Leben.
Sie gähnt ermüdet.
Er steckt mich an mit seiner Müdigkeit, der Schnarcher.
Sie gähnt wieder.
595
Schnarch' nicht, man hört dich ja bis vor das Zelt, Iwan!
Wie kann ich ihn nur aus dem Bett vertreiben?
Sie versucht ihn an den Schultern zu heben und gähnt dabei.
Er ist zu schwer, ist wie vom Schlaf noch schwerer.
Ich muß hier sitzen und den Mund ihm halten,
600
Und bin doch selbst so müd' von diesem wilden Tag.
Sie schließt die Augen und spricht mit geschlossenen Augen.
Schnarch nicht, Iwan! Nicht schnarchen! Nicht!
Sie schläft fest ein. Es wird dunkel. Man sieht nur im Hintergrund den roten Brandhimmel über Marienberg. Eine Weile bleibt das Zelt leer. Dann hört man russische Kriegsmusik. Zwei Fackelträger öffnen den Zeltvorhang, stellen sich links und rechts auf. Menschikoff, von allen Generalen begleitet, erscheint unter der Zelttür. Ehe er eintritt, wendet er sich an die draußen stehenden Generale, die, von den Fackeln beleuchtet, seine Ansprache freudig anhören.
Menschikoff
Ihr wollt mir zu dem Siege gratulieren, Generale!
605
Kommt in mein Zelt mit eurem Glückwunsch!
Mehr als der Sieg heut' von Marienberg
Freut mich die Schönheit, seht, der schönsten Frau.
Ich will euch Katharina zeigen, Frau Katharina Glück,
Die heut' die Freundin wurde eures Feldmarschalls.
610
Er wendet sich um und tritt in das Zelt. Die Generale drängen nach. Allgemeines Schweigen. Nur die Musik spielt draußen weiter. Menschikoff bleibt mitten im Zelt breitspurig stehen und bricht heftig in die Worte aus:
In allen Höllentagen! Wer ist der Kerl in meinem Bett?
Atemlose Pause.
Den Kerl und Katharina soll man henken!
Pastor Glück
drängt sich durch die Generale. Verbeugt sich lebhaft und stellt sich zwischen Menschikoff und das Bett.
615
Herr Feldmarschall, ich bin der Pastor Glück, der diese zwei getraut.
Es ist kein Unrecht, wenn die zwei ein Bette teilen.
Sie sind ja Mann und Frau und feiern Wiedersehen.
Menschikoff
Was? Wiedersehen in dem Bett des Feldmarschalls?
Und dieses Weib hat fälschlich einen andern heut'
620
Als ihren Mann genannt! Nochmals: man soll sie henken!
Pastor Glück
begütigend
Die schöne Frau kann Euer Bett nur zieren.
Menschikoff
Und jener Kerl soll auch mein Kissen schmücken?
Pastor Glück
Drückt halt ein Auge zu; dann seht Ihr nur die Frau.
625
Am besten wär's, Ihr säht gleich gar nicht hin.
Dann morgen ist ein neuer Tag auf Erden.
Der Pastor zieht rasch behutsam die Bettvorhänge über den beiden Schlafenden zu. Er wendet sich wieder höflich lächelnd an Menschikoff.
So – jetzt ist gar kein Grund zu Ärgernis gegeben.
Das Zelt, das hattet Ihr Frau Katharina angewiesen,
630
Hier sollt' sie schlafen dürfen wie ein Christenkind.
Versprecht, daß Euch der Schlaf der Eheleute heilig.
Menschikoff
wendet ihm resigniert den Rücken.
Bei allen Heiligen im russischen Reich –
Wenn beide hier nur schlafen, so sollen sie mir heilig bleiben.
635
Achselzuckend zu den Generalen
Verdammt, ihr Herrn, verdammt, ich glaubt', ich wäre Sieger hier im Zelt.
Doch gibt's noch höhere Mächte über Feldherrn.
Die schönsten Damen sind wie Götter mächtig.
Stellt die Musik jetzt ein! Der Ehemann will schnarchen, schnarchen.
Vorhang

(Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin. Drama in vier Akten, einem Vorspiel und einem Epilog. München: Langen1910.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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