Die Schatzgräber

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Figurenkonstellation

Georg Ludwig Peter Sievers

Die Schatzgräber (1807)

Posse in einem Aufzuge. Fortsetzung der beiden Billets

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Erste Scene.

Eine kurze Bauernstube.
Märten Röse und Gürge (sitzen an einem Tische und haben so eben aufgehört zu essen. Sie stehen auf.)
Gürge
(giebt Märten die Hand)
Prosit, Vater Märten!
Märten.
Ich danke, Gürge!
Röse.
Es bekomme Ihm wohl, lieber Vater!
5
Märten.
Eben so viel, liebe Röse!
Gürge, Röse,
(sehen sich wechselseitig an.)
Gürge.
Nun, Röse?
Röse.
Nun, Gürge?
Gürge, Röse,
(umarmen sich.)
10
Märten.
Dacht ich's nicht! So geht's den ausgeschlagenen Tag! Sie können's nicht satt kriegen!
(geht vor Verdrusse in den Hindergrund, wo er sich in einen Stuhl setzt und einschläft.)
Gürge.
Liebe, beste Herzensröse!
Röse.
Lieber, bester Herzensgürge!
Gürge.
Du bist so schön!
15
Röse.
Und Du so gut!
Gürge.
Ach ja, das ist's auch alle!
Röse.
Wie so?
Gürge.
Sieh, Röse – zuweilen geht mir's ordentlich nahe, daß ich nicht auch so schön und so klug bin, wie Du!
Röse.
Närrischer Gürge! Und warum das?
20
Gürge.
Wo Du Dich nur sehen läßt, da sind sie um Dich herum, und begaffen Dich, als wärst Du ein Wunderthier, das man auf den Jahrmärkten für Geld zeigt.
Röse.
Gieb Dich zufrieden, Gürge! Nicht wahr – Du willst nur mir gefallen?
Gürge.
Ach, du mein Himmel! Keiner sterblichen Seele weiter.
Röse.
Nun gut! Und ich sage Dir also: Du bist klug und schön genug für mich, und ich verlange gar nicht, daß Du anders seyn möchtest.
Gürge.
Ist das aber auch gewiß wahr? Kann ich mich darauf verlassen?
25
Röse.
Ganz sicher! Hier ist meine Hand!
Gürge.
Ach, die liebe, schöne Hand! – Ich möchte die ganze Welt haben, um sie in diese allerliebste Hand zu legen!
Röse.
Danke schön, guter Gürge! Sie würde mir doch etwas zu schwer seyn.
Gürge.
Ja, wahrhaftig – Röse – sieh, ich stehe nicht dafür, daß ich nicht noch einmal vor Freude den Geist aufgeben muß!
Röse.
Das thu ja nicht, lieber Gürge! Ich würde ja sonst eine Wittwe!
30
Gürge.
Spotte nur, lose Röse! Du würdest nicht lange eine bleiben!
Röse.
Meinst Du?
Gürge.
Ganz gewiß! Da würde sich der vertrakte Schnaps wohl wieder einfinden.
Röse.
Ich würde mich aber nicht finden lassen!
Gürge.
Ja aber – gestehe es nur, Röse – der arme Teufel ist recht zu bedauren!
35
Röse.
Warum hat er's nicht besser darnach gemacht. Er hat bekommen, was seines Lohns war.
Gürge.
Nachbars Hans hat ihn neulich in der Stadt gesehen. Er soll so zerlumpt ausgesehn haben, wie unser Erbsenkerl im Garten!
Röse.
Weißt Du, Görge – Er soll hier wieder herumschleichen, besonders in der Nacht!
Gürge.
Da will er gewiß stehlen, der Spitzbube! Höre, Röse, liebe Herzensröse – nimm Dich ja in Acht! Er könnte Dich entführen wollen!
Röse.
Der Appetit möchte ihm wohl vergangen seyn!
40
Gürge.
Ach nein! Er hatte immer guten Appetit!
Röse.
Auch glaube ich nicht, daß ersich wieder hier in die Nähe wagt. Die Leute werden sich wohl geirrt haben.
Gürge.
Er hat mir freilich manchen häßlichen Streich gespielt! Aber – er dauert mich doch! Keine Röse zur Frau, und kein Brod auf den Tisch! Das ist hart!
Röse.
Ei, über Schnapsen hätten wir beinahe das beste vergessen! Weißt Du denn nicht, daß wir nun bald gehen müssen? Es fängt schon an, finster zu werden.
Gürge.
Ja, wahrhaftig! Es ist eine starke halbe Meile, und wir werden zu thun haben, wenn wir noch vor Nacht hin wollen.
45
Röse.
Aber, wo ist denn der Vater geblieben? – Sieh einmal – da sitzt er und ist eingeschlafen!
(Märten hat während der ganzen Scene in einem Stuhle geschlafen.)
Gürge.
Wir müssen ihn aufwecken!
Röse
(Märten rüttelnd)
He, Vater! Wache Er auf!
Märten
(träumend)
50
He, mein General, Herr General – Schnaps, ich rathe ihm Gutes!
Gürge.
Seh einmal einer! Er träumt von dem Spitzbuben, von dem vertrakten Balbiere.
Röse.
He, Vater, Vater! – Ermuntere Er sich doch.
Märten.
(erwachend und die Augen reibend)
Ei, seid Ihr's?
55
Röse.
Was hatte er denn mit Schnapsen vor, Vater?
Märten.
Ei – ich glaube gar – ich habe geschlafen. Mir träumte, Schnaps wollte mir wieder einen Streich spielen.
Röse.
Lasse Er jetzt Schnapsen, Vater, und hör' Er uns an. Wir müssen nun fort.
Märten.
Was? Wohin?
Röse.
Hat Er schon vergessen – Gürgens Bruder im andern Dorfe hat ja Morgen Hochzeit.
60
Märten.
Nun – und da soll ich wohl wieder einen ganzen Tag allein bleiben?
Röse.
Ei, lieber Vater, ist das unsere Schuld? Warum will Er nicht mit gehen!
Märten.
Seht einmal! Als wenn Ihr nicht wüßtet, daß ich nun einmal nicht ausgehe!
Röse.
Aber ich bitte Ihn, lieber Vater – bedenke Er doch!
Märten.
Ei, was! Bedenke Du doch, liebe Röse, daß Ihr Euch um Euren alten Vater, gar nicht mehr bekümmert, daß er hier ganze Tage allein sitzen und die vier Wände betrachten muß, und daß das gar nicht hübsch von Euch ist.
65
Röse.
Aber, lieber Vater – Kann Er sagen, daß wir Ihm das geringste in den Weg legen?
Märten.
Nein, nein! Ihr räumt mir aber auch nichts daraus weg! Und um es mit einem Worte zu sagen – Ich bin mir selbst zur Last! Ich weiß nicht, was ich vor Langerweile beginnen soll! Hab' ich ein Capitel in der Bibel gelesen und nachher die Fliegen todt geschlagen; so muß ich gähnen, daß mir die Kinnladen schmerzen. Darauf schlafe ich ein und das ist noch das beste. Aber – schlafen kann man auch nicht immer und dann bin ich noch übler daran!Kurz und gut! Ich kann's nicht mehr aushalten. Mit Euch wird's von Tage zu Tage närrischer! Was soll am Ende daraus werden? Ja, wenn Schnaps noch hier wäre – da wäre es ein anders.
Gürge.
He, he! Und dann könntet Ihr Euch wieder von Schnapsen anführen lassen! Wer weiß – er wettet wohl noch einmal mit dem Richter!
Märten.
Halt's Maul, Gelbschnabel! Wollte Gott, Du wärst ein bischen weniger ehrlich und ein wenig mehr klug; so hätte ich nicht so viel lange Weile!
Röse.
Aber, Vater! Ich will doch lieber dumm und ehrlich, als klug und spitzbübisch seyn.
70
Märten.
Ja, das weiß ich wohl! Du hast immer Recht! Hätte Schnaps zehntausend Thaler in der Lotterie gewonnen, und ein reiches Mädchen zur Frau bekommen; so wäre er vielleicht eben so ehrlich, als Ihr!
Gürge.
Aber, um's Himmels Willen, Vater – wie könnt Ihr SchnapsensParthey nehmen, da Ihr doch so oft von ihm über's Ohr gehauen seyd?
Märten.
Dummhut, weil sein Schnickschnack mir Vergnügen machte. Für ein Morgenbrod hatte ich einen ganzen Tag meine Freude an ihm. He, he – ich muß lachen, so oft ich daran denke! der närrische Kerl! – Läßt sich einen Stammbaum machen vom Wurmdoktor Knallerpaller, und giebt sich aus für Ihro hochfreiherrlichen Gnaden, Sebastianus Schnaps den Siebenten, aus Surinam – kommt hernach als ein Bürgergeneral und hat eine rothe Freiheitsmütze auf; kriegt erbärmliche Schläge und kann nicht einmal die saure Milch ausessen. Aperpo! Wißt Ihr noch, womit er den Topf und die Milch verglich?
Gürge.
Ach, was geht das uns an! Wollt Ihr Euch noch einmal bethören lassen; so ist's gut! Ich danke dafür!
Märten.
Seh einmal einer den Dummhut! Wer war es denn, der sich die beiden Billet's und die Geldsäcke abnehmen ließ? He, da! Sprich einmal!
75
Gürge.
Ja, freilich, Vater Märten!Ihr habt wohl recht! Ich glaube, wir dürfen uns beide nicht recht groß machen!
Märten.
Mit mir hat er's denn doch noch so etwas fein gemacht! Dir hat er's aber nur so gerade zu genommen!
Röse.
Ueber all das Schwatzen ist es beinahe ganz finster geworden! Komm, Gürge! Wir müssen nun gehen! Adjeu, Vater! Morgen um diese Zeit sind wir wieder hier! Nachbars Rieke kommt und wird Ihm machen, was er haben will! Adjeu, lebe wohl!
(küßt ihn)
Märten.
Na, so packt Euch nur! Tanzt nicht zu viel. Nehmt Euch in Acht! Die Schwindsucht geht unter den jungen Leuten jetzt recht im Schwange.
80
Gürge.
Adjeu, Vater Märten! Solltet Ihr Schnapsen derweile sehen; so grüsset ihn von mir und saget ihm, wenn er mein Gut Birkenfeld kaufen wollte, so möchte er nur kommen; ich wollt's ihm wieder abstehen! – Komm, Röse.
(sie gehen ab)

(Georg Ludwig Peter Sievers: Die Schatzgräber. Posse in einem Aufzuge. Fortsetzung der beiden Billets. Hamburg: Vollmer [1807].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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