Der Verschwiegene wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam

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Figurenkonstellation

August Kotzebue

Der Verschwiegene wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam (1816)

Ein Lustspiel in Einem Act

Uraufführung1815

Schauplatz(Die Scene ist in Potsdam der Platz, auf welchem die Journaliere, welche täglich von Berlin nach Potsdam fährt, anzuhalten pflegt.)

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Erste Scene.

Man hört in der Ferne ein Posthorn; es kommt näher; ein Wagen rasselt; man hört den Postillion oh! oh! rufen, der Wagen hält; man erblickt den Conducteur als sey er eben abgestiegen, habe nun den Wagen-Schlag geöffnet und helfe den Reisenden aussteigen. Neben ihn stellt sich der Postillion um sein Trinkgeld zu empfangen. Es scheinen nach und nach mehrere Reisende ausgestiegen zu seyn, unter andern auch Julie; zuletzt der Commissionsrath Frosch.
Die Reisenden drücken dem Postillion ein Trinkgeld in die Hand und gehn vorüber.
Frosch.
(gleichfalls Trinkgeld gebend)
Da Schwager! du bist gut gefahren.
(Der Conducteur und Postillion verschwinden, man hört den Wagen fortrasseln)
Frosch
(vortretend)
Alle Wetter! ich fühle meine Ribben kaum. Man ist das Ding nicht mehr gewohnt. Seit zehn Jahren habe ich in keinem solchen Kasten gesessen. Da lob' ich mir einen Spaziergang in den Thiergarten, fein Schritt vor Schritt, einen Fuß vor den andern, das greift den Bauch nicht an, der schwabbelt so sachte vor sich hin, und überall sind Bänke, Stühle, Tische, und höfliche, barmherzige Leute, die den Durstigen erquicken, und Virtuosen, die ihm was vorgeigen.
5
Julie.
(zurückkommend und sich einigemal umsehend)
Jetzt ist er allein.
Frosch.
(ohne sie gewahr zu werden, sieht nach der Uhr)
Drei Uhr. Wenn ich meinen Advocaten nur zu Hause treffe.
Julie.
(für sich)
10
Ich muß es wagen.
Frosch.
(zieht einige Papiere aus der Tasche)
Ei, ei, ich habe auf meinen Papieren gesessen.Alles schief und krumm. I nu, wenn der Richter mir nur das Recht nicht krumm sizt.
(Er falzt seine Papiere in Ordnung.)
Julie.
Mein Herr –
Frosch.
Madam – oder Edelfrau, wenn Sie eine echte Deutsche sind.
15
Julie.
Die bin ich, aber –
(bei Seite)
Ich weiß nicht, wie ich es einleiten soll.
Frosch.
(für sich)
Eine artige Person. Ei sieh doch, es ist ja dieselbe, die in der Diligence mir gegenüber saß, und mich oft so bedeutend ansah, als ob sie mir etwas zu sagen hätte.
20
Julie.
Sie werden mich vielleicht für unbescheiden, für zudringlich halten, allein Ihr rechtliches Aussehn –
Frosch.
(zieht den Hut)
Gehorsamer Diener!
Julie.
Ihr offnes Wesen –
Frosch.
Unterthänigster Diener!
25
Julie.
Die Herzensgüte, die aus Ihren Zügen hervor leuchtet –
Frosch.
Unterthänigster!
Julie.
Haben mir Vertrauen eingeflößt –
Frosch.
Viel Ehre.
Julie.
Gewiß sind Sie der Mann, der, in meiner höchst sonderbaren Lage, mir seinen Beistand nicht versagen wird.
30
Frosch.
O allerdings! wenn ich dienen kann –
(für sich)
was zum Henker! die geht wohl gar auf Abentheuer aus. Nimm dich in Acht, alter Frosch!
Julie.
Darf ich mir schmeicheln –
Frosch.
Ja, wenn ich nur erst weiß –
35
Julie.
Ich bin hier ganz unbekannt. Es schickt sich doch nicht für eine Dame, so allein in einer fremden Stadt herum zu laufen –
Frosch.
Freilich, nochzumal wo viel Garnison liegt.
Julie.
Darum bitte ich Sie, dass Sie mich begleiten, und diesen Abend wieder mit mir nach Berlin fahren.
Frosch.
Erlauben Sie, ich habe selbst hier Geschäfte.
Julie.
O schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab! Sie würden eine seltene Gelegenheit versäumen, Gutes zu thun.
40
Frosch
(bei Seite)
Die hat es auf mich angelegt. Hübsch ist sie, verzweifelt hübsch, und sieht auch ganz honnett aus, aber – nimm dich zusammen alter Frosch!
Julie.
Sie wanken noch?
Frosch.
Erlauben Sie, ich finde es nur ein wenig sonderbar,daß Sie sich gerade an mich wenden, an einen Unbekannten, der nicht mehr jung ist –
Julie.
Ei eben deswegen. Wenn ich die Ehre hätte Sie zu kennen, und wenn Sie noch jung wären, so würde ich in einer so zarten Lage, als die meinige ist, nie gewagt haben – Ach mein Herr! wenn Sie wüßten –
45
Frosch.
Ja, wenn ich wüßte! aber ich weiß ja nicht.
Julie.
Wenn Ihnen die Gründe bekannt wären, die mir den Wunsch abnöthigen, dass Niemand von meiner Familie, von meinen Freunden den Schritt erfahre, den ich gewagt habe –
Frosch
(bei Seite)
Sie benimmt sich so anständig – ihre Stimme ist so lieblich – der Henker mag ihr widerstehn!
(laut)
50
Nun so befehlen Sie über mich, was soll ich thun?
Julie.
Sie sind vermuthlich in der Stadt bekannt?
Frosch.
O ja.
Julie.
Wissen Sie auch wo der General von Wildruff wohnt?
Frosch.
Nein das nicht, aber das läßt sich ja wohl erfragen. Sehn Sie, da geht eben ein junger Officier über den Platz, der wird uns berichten können –
55
Julie.
O laufen Sie! holen Sie ihn ein! Ich zähle die Minuten!
Frosch
(brummend).
Laufen? einholen? das wird mir sauer werden.
(für sich, indem er fortwackelt)
Warum thu ichs denn? sie hat mich behext. Pst! pst!
60
(ab.)

(August von Kotzebue: Der Verschwiegene wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Ein Lustspiel in Einem Act. In: Almanach Dramatischer Spiele zur geselligen Unterhaltung auf dem Lande. Vierzehnter Jahrgang. Leipzig: Hartmann1816, S. 65–134.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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