Erwachen

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Erwachen (1914)

Uraufführung1921

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Zimmer im Gasthof

Zwei Betten nebeneinander; an der Wand gegenüber Flügeltür; an der Hinterwand zwischen hohen Fenstern ein Spiegel. Reisetaschen und Kleidungstücke auf Nachttischen und Stühlen verstreut.
Sie im vorderen Bett, richtet sich auf und starrt in das Dunkel.
Er
nach einer Weile.
Was wachst du?
Sie
schaltet das Licht auf dem Nachttisch ein.
Er
faßt ihren Arm, zärtlich, unruhig.
5
Was wachst du?
Sie
wischt den Schlaf von Gesicht und Haar, deckt das Bett zurück und stellt die Füße zur Erde in die Pantoffel.
Er
halb aufgerichtet spannt den Blick in ihren Nacken.
Sie
deckt die Hände auf die geschlossenen Knie und späht in das Zimmer.
Er
schnellt hoch, hart.
10
Was starrst du?
Sie
stammelt unverständlich, weist die linke Hand ins Zimmer, schnellt zurück und hüllt mit beiden Händen das Gesicht.
Er
starrt ins Zimmer, blickt auf Sie, lehnt zu ihr rüber, weich.
Träume ...
Schmiegt die Hand auf ihren Nacken.
15
Sie
zuckt zusammen; die Hände fallen aufs Bett.
Er
vorwurfsvoll.
Kind!
Sie
haucht.
Nimm die Hand fort!
20
Er
beruhigt.
Du!
Sie
entsetzt.
Nimm die Hand fort!
Er
nimmt die Hand fort.
25
Sie
schüttelt sich.
Er
weich.
Was hast du?
Sie
kauert, die Arme über der Brust gekreuzt und, die Hände auf den Schultern, trocken, ohne Tonfall.
Ich weiß es nicht.
30
Er
im Schlafanzug, steigt in die Pantoffel, geht kopfschüttelnd zur Tür und schaltet das Deckenlicht ein.
So!
Läuft armschlenkernd kreuz und quer durch den Raum.
sieh doch nur! sieh!
Sie
hebt spähend den Kopf ins Zimmer.
35
Er
bleibt in der Mitte zwischen Tür und Fenster stehen und lächelt sie scherzhaft überlegen an.
Na was?!
Sie
regungslos.
Ja ... da ...!
Er.
Hier bin ich!
40
Sie
schaudert.
Ja
Nickt zustimmend prüfend.
ja!
Er
geht zärtlich auf Sie zu.
45
Siehst du.
Sie
springt auf, wehrt und schreit.
Steh! steh! steh dort!
Er
tritt betroffen widerwillig an den Platz zurück.
Ach!
50
Sie
prüft Ihn stumm.
Er
ärgerlich.
Es ist dumpf hier! sein wir vernünftig!
Geht zum Fenster.
Sie
will Ihn zurückhalten, erlahmt aber fahrig, tritt bis ans Bettende vor und sieht vorgebeugt auf den Fleck, wo Er stand.
55
Er
zieht den Vorhang und blickt zurück.
Nun? ist da was?
Sie
hebt den Blick durchs Fenster und legt schauernd das Nachtgewand fester um den Leib.
Er
die Hand am Fensterhebel.
Du frierst?
60
Sie.
Die Nacht ist naß.
Er
starrt betroffen.
Wir sind geborgen!
Geht zu Ihr und drängt Sie zum Bett.
Sie
weist zurück.
65
Nicht! nicht!
Er.
Du hast schlecht geträumt.
Sie
widerstrebt schwach.
Ich habe geschlafen.
Er
setzt Sie aufs Bett.
70
So wollen wir weiterschlafen.
Sie
blickt ins Zimmer, ohne Angst neugierig feststellend.
Und da ist doch was!
Er
unwillig.
Was?! was soll.
75
Sie
erhebt sich und blickt neugierig auf den Fleck, nickt bekräftigend.
Er
geht zurück und scharrt, schroff.
Wo soll hier was.
Sie
beherrscht.
Ja ... grade ... wo soll ...?
80
Sie blickt in den Spiegel und ordnet das Haar; hält erschrocken inne.
und ich sehe aus! ich sehe aus! o!
Er
ärgerlich.
Laß den Spiegel!
Sie
preßt die Handflächen gegen die Schläfen.
85
Das bin ich nicht.
Er
tritt vor Sie und verdeckt den Spiegel.
Wer sonst?!
Sie
spricht nach.
Ja ... wer ...?
90
Er
bricht aus.
Zum Donnerwetter!
Bezwingt sich und stampft auf.
nichts!!
Sie
starrt Ihn erschrocken an.
95
Nichts! nichts!
Er
beherrscht.
Du machst mich ja mit verrückt! dein Wahn ...
Sie
in mattem Widerspruch.
Wahn ... Wahn ...
100
Er
faßt derb Ihren Arm und schüttelt Sie.
Sei vernünftig jetzt.
Sie
gellt auf und weicht entsetzt vor ihm zurück.
Er
läßt Sie und blickt hilflos erschrocken um sich.
Was? was?
105
Sie
erschöpft.
Du würgst mich.
Er
überreizt, weint.
Aber ich ... ich ... doch gar nichts ... ich ...
Mit flehend zusammengekrampften Händen vor Ihr.
110
Sie
erwacht nach einer Weile, reibt sich das Handgelenk, fröstelt matt.
Ja! es ist dumpf hier! mach das Fenster auf!
Er
strampelt außer sich, wehrig durchs Zimmer.
Nein! nein! nein!
Bleibt im Zimmer stehn.
115
Sie
in matter Bestimmtheit.
Mach das Fenster auf.
Er
schlägt am Fenster die Fäuste fesselnsprengend auseinander.
Zum Teufel ja!
Reißt tobend mit beiden Händen den Fensterhebel nieder.
120
ja!!!
Das Fenster stürzt zerklirrend über ihn, die Wand zwischen
Er
starr inmitten des Einsturzes.
Sie
entsetzt.
Er
wendet scheu betrachtend den Fensterhebel in der Hand.
Morsch!
125
Sie
wimmert.
Er
blickt zag zu Ihr hin.
Das wollte ich nicht! o!
Sie
wimmert.
Der Spiegel.
130
Er
stutzt, fetzt den Hebel in die Trümmer und reckt in wildes Lachen.
Sie
in Entsetzen und Beben.
O! o! du! du! du bist furchtbar! furchtbar! du!
Stimmen, Rufen, Laufen draußen; Geräusch im Hause. Der Staub ist durch die große Mauerlücke verzogen.
Ein Stern flirrt in schwarzblaue Nacht.
Er
lacht ruhiger, versonnener, in kurzen Nachwellen; steht dann ganz still und schaut zum Stern auf.
Sie
kauert entsetzt zitternd auf dem Bett, die Hände auf die Bettlehne gekrampft und horcht zur Tür, lallt.
135
K ... k ... kommen.
Er
ruhig, verträumt.
Sieh den Stern.
Sie
lallt unverständlich.
Er.
Sieh doch! der Stern!
140
Sie
ganz in Entsetzen aufgelöst.
K ... k ... klopfen.
Energisches Klopfen an der Tür, Rufen, derbes Herunterklinken.
Er
tritt unbekümmert weiter vor in die Mauerspalte und späht zum Stern.
Sie
schreckt auf, rutscht überhastend zu Ihm, hält Ihn zurück und lallt.
Du ... du fällst! du fällst!
145
Schweres Schlagen, Rütteln an der Tür; Rufe: he! he! he!.
zieht ihn kriechend zurück.
Hör doch! hör doch!
Er
kommt nicht vom Sterne los.
Sie
springt auf und rüttelt Ihn wild.
150
Nun sei doch ...
Schwere Eisenschläge gegen die Tür.
Er
erwacht, wendet sich zur Tür und schlingt haltend den Arm um Sie.
Laufen und Rufen auf der Straße.
Die Tür wuchtet unter Fluchen und Wettern.
Sie
klammert ohnmächtig an seiner Brust.
Er
trägt Sie über die Trümmer, blickt zum Stern auf, bedauert.
155
Fort in den Wolken!
Die Nacht wird schwarz.
Die Tür kracht herein.
Der Wirt und der Hausknecht keuchen mit Brechstangen.
Er legt Sie ruhig zurecht und deckt zu.
Wirt
wild drohend.
Sie!
Hausknecht starrt mit erhobener Brechstange stumpf auf den Trümmerhaufen.
Er
blickt ruhig auf.
Wirt
vor dem Trümmerhaufen, außer sich.
160
Sie haben mein Haus eingerissen!
Er
ruhig.
Ich.
Wirt
außer sich.
Sie Sie Sie! lügen Sie! lügen Sie! lügen Sie!
165
Hausknecht
droht schwerfällig.
Vaflucht!
Er
ruhig.
Die Wand ist zusammengefallen.
Wirt
außer sich, spricht nach.
170
Die Wand! die Wand! die Wand!
Schreit immer wilder.
der Himmel! der Himmel! der Himmel! Polizei! Polizei! Polizei! ich lasse Sie festnehmen! ich lasse.
Hausknecht
stimmt ein.
Pulzei Pulzei.
175
Er
zuckt, hastig.
Wenn ich nun aber
Macht eine Bewegung.
Wirt
starrt ihn an.
Sie Sie Sie
180
Versteht und schlägt um.
wat?
Er
ruhig.
Wir können ja darüber reden
Mahnt zur Ruhe.
185
meine Frau ...
Wirt
plötzlich ganz Teilnahme, legt die Stange aus der Hand und die Hände ineinander.
O!
Hausknecht
zerrt verlegen die Mütze runter und tritt an der Eisenstange spielend langsam zurück.
Wirt.
Wir künn n Dokter halen
190
Wendet zum Hausknecht, der diensteifrig die Mütze aufstülpt und zum Gehen kehrt.
jo.
Hausknecht
eilfertig.
Jo.
Er
hastig.
195
Nein nein nein halt! danke schön! sie wird schon so ...
Geräusch und Lärm auf der Straße.
Leiser Donner in der Ferne.
Wirt
verlegen.
Nu jo! nu jo
Schaut raus.
nu süh dät Volk!
200
Zum Hausknecht.
jeh runner du! de Tür fest an! dät sich dät Plebs nich rinkümmt!
Hausknecht
rückt die Mütze.
Jo
Eilt erlöst ab.
Er nimmt eine Geldtasche unter dem Kopfkissen vor.
205
Wirt
folgt seinen Bewegungen, kriechend.
Sie künn n ooch n anner Zimmer hebben ... Herr ... Herr!
Es donnert.
dät Jewidder.
Er öffnet die Geldtasche, die voll Gold glitzert.
Wirt geblendet, gurgelt und schluckt verlegen, hält beide Hände gierig hin.
Er
zählt dem Wirt eine Anzahl Goldstücke in die Hand.
210
Ist das genug?
Wirt
von einem Bein aufs andere, stammelt aufgeregt begehrlich.
Jo jo nu.
Er
bestimmt.
Das ist genug!
215
Wirt
druckst.
Nu jo.
Er
schließt die Geldtasche.
Ja.
Wirt
bestimmt.
220
Nee nee nee
Faßt die Geldtasche.
Er.
Sie?!
Wirt.
Sie!!
Er
sucht die Geldtasche loszureißen.
225
Wirt
hält gegen.
Du! paß uff!
Er.
Unverschämter.
Wirt
zerrt höhnisch.
Jungeken! stille! ja?! biste stille!hollt Mul! Jungeken!
230
Will ihm mit aller Gewalt die Tasche entreißen.
Er.
Ha.
Wirt.
Ik weeß! ik weeß Bescheid!
Mit Bedeutung.
die Frau.
235
Er
wild.
Schuft!
Wirt
lacht grimmig.
Jo jo.
Die Geldtasche öffnet sich beim Ringen; die Goldstücke kollern hinaus in die Nacht.
Wirt
bestürzt.
240
O! o! dät Jeld!
Donner rasselt.
Wirt.
Ooo! ooo! dät blanke Jeld! Jeld!
Hebt die Faust gegen Ihn, der betroffen die leere Tasche hält.
du! du!
Lärm, Geschrei und Gebalge draußen.
Wirt
zittert an allen Gliedern.
245
Son Hund! son Hund! son ...
Haspelt zur Tür.
Jeld! son Jeld!
Verliert Goldstücke, hebt auf und verliert wieder.
oooooo!!
250
Hastet gehetzt durch den draußen ansteigenden Lärm raus.
Er klopft prüfend die leere Tasche und schüttelt den Kopf. Blitz und starker Schlag.
Sie
stönt auf.
Was ist? was ist?
Er
ruhig spöttisch.
Donner!
255
Sie
starrt um.
Wo bin ich?
Er
wie vorhin.
Hier!
Sie
wimmert und horcht.
260
Der Fluß rauscht.
Er.
Der Pöbel rauft.
Sie
aufgeregt.
Das ist Wasser! Wasser! der Fluß! wir sind über den Fluß gegangen! o! so schwarz! so schwarz in der Abendsonne.
Wildes Schreien, Gelächter, Gepolter, Hohngeheul, Hagelgeprassel draußen.
Sie
verbirgt sich im Bett wimmernd.
265
Was hat das Volk? was hat das Volk?
Er
ruhig, verächtlich.
Mein Geld.
Sie
entsetzt.
Ooo! mach das Licht aus!
270
Er
geht ruhig zur Tür und schaltet aus.
Ja.
Blitz, Donner und Hagel.
Die flackrige Nachttischlampe hellt den Bettwinkel; der übrige Raum liegt im Dunkel.
Sie
weint.
O! wären wir wir.
Er
unterbricht grob.
275
Was wir?!
Furchtbarer Schrei, dann jähe Ruhe draußen.
Er
zuckt und späht, tritt hastig zurück.
Wir können hier nicht bleiben
Streift das Beinkleid über Wildes Schreien draußen und Wehklagen: Mord! Mord!
gehetzt.
280
Du! zieh dich an! zieh dich an! wir müssen fort! fort!
Sie
hastet aus dem Bett.
Du du
Zittert an allen Gliedern.
wenn sie wenn sie wenn sie uns hier finden, wenn sie.
Lehnt erschöpft an die Wand.
285
Er
rafft ihre Sachen zusammen und wirft sie Ihr in den Winkel zu.
Schnell schnell! keine Zeit.
Sie
faßt willenlos die Kleidungsstücke, schwach.
Du du ich
Beugt schwach den Kopf zurück.
290
Er
drängt und zieht den Rock an.
Bitte bitte ja.
Sie.
Du ich trag ein Kind! ich fühls!
Er starrt sie an.
Poltern und Geschrei auf der Treppe.
Er eilt zur Tür, um zu sperren.
Volk drängt in die Tür mit Geheul.
Er springt zurück in den Bettwinkel, der durch den Trümmerhaufen in natürlicher Weise verschanzt ist und tritt schützend neben sie.
Sie am Fenster, die Hände hinter sich aufgestützt, starrt auf die Eindringlinge, ganz Entsetzen.
Arbeiter, Handwerker und junge Burschen in der Tür stutzen und verstummen beim Anblick der beiden, treten dann vorsichtig spähend lüstern nacheinander ein. Blitz und Donner.
Die Masse
streicht lüstern näher.
Oah! oah! o! o! o! nu kieke bloß! in Hemd is se! oaah! utverschamt! in Hemd! oah!
Hände gehren.
Einzelne wollen über den Schutthaufen klettern.
Er reißt die Schublade des Nachttisches auf und hebt die Pistole.
295
Durcheinander
stört zurück.
Nu kiek bloß! dä Hund! hei will scheiten! Pulzei! Pulzei! dä Hund! dä Hund! runner mit! runner mit!
Vorspringen, Höhnen und Zurückspringen.
du! du! wir kriegen di! dod mit em! dät Wiv! dät Wiv! sin Wiv! sin Wiv!
Hausierer
schleicht rum.
300
I du! nu kucke doch! i! nu! nu kucke doch ein! ik laß mr dodschlagen! ik laß mr dodschlagen! ik laß mr dodschlagen! dät is dem Lumpel sei Weib! dem Lumpel sei Weib! dem Kaufmann Lumpel sei Weib! sei Weib! aus der Bunzeljasse!
Durcheinander
schreit auf.
Aus der Bunzeljasse! aus der Bunzeljasse! Lumpel! Lumpel! Bunzel! Bunzeljasse!
Hausierer
überschreit.
Jo jo jo! dät is dem Lumpel sei Weib! ik kenn ihr janz jenau! sei Weib!
305
Schreien und Vorstürmen
durch den Revolver in Bann gehalten.
Lump! Schuft! Weiber! son Hund! den Lumpel halen, Lumpel! Lumpel! Lumpel!
eilen fort.
Wir halen em! wir halen em!
Ik mach em de Freud! ik mach em de Freud! Lumpel!
Sie droht zu fallen.
Er umfängt sie, in der andern Hand die Pistole schußbereit.
310
Aufgeregtes Schreien
traut sich nicht heran.
Willst du dät Ding runnernehmen! hei scheit! hei mürdert! Mord un Dodschlag! des Lebens nich sicher! ruft! ruft! Pulzei! Pulzei!
stürmen unter Lärm und Geschrei durch die Tür.
Se bringen em! se bringen em! se kumme mit em! so habn se em gepackt! se hebbn em!
Dazwischen lüsterne Ausrufe mit dem Blick auf Sie.
315
oa! oa! oa!
Erschrecktes Zurückweichen, sobald die Waffe wahrgenommen wird.
o! o! runner! runner!
Zwei Polizisten
führen den Hausknecht gefesselt herein. Volk und Lärm hinterher.
Hausknecht
dringt wild auf Ihn ein.
320
Dät is er! dät is er!
Polizisten
halten ihn.
Ruhe! halt!
Masse
schreit.
Halt ihn! halt ihn!
325
Wachtmeister
tritt ein.
Ruhe! Ruhe hier!
Verstummen.
Hausknecht
sucht sich wild aufgeregt loszureißen und auf Ihn zu stürzen.
Dät is er! dät is er!
Wachtmeister
packt ihn derb ins Genick und schüttelt.
330
Wer is?
Hausknecht
wild.
Dä dä dä dä.
Wachtmeister
rüttelt ihn.
Hund! Hund! du hast den Wirt ermordet.
Bewegung in der Masse.
335
Hausknecht
bäumt auf.
Hund Hund Hund! Jeld Jeld Jeld! dä hat dät Jeld dät Jeld dät Jeld.
Masse nimmt eine beistimmende Bewegung an.
Wachtmeister
ruhig zu
Nehmen Sie die Waffe runter.
Er senkt die Waffe.
Hausknecht
heult wild geschüttelt.
340
Ik bün n ehrlicher Mann! ik hab keen Kind wat jedahn! keen Kind! immer jewesen! keen Kind! wat hat er wat hat er dät Jeld! runner jeschmissen.
Masse
stimmt zu.
Wenn einer so mit dät Jeld umjeht! Jeld! de eigenen Leute schlagen dod! dod!
Wachtmeister legt dem Hausknecht derb die Hand auf den Mund und blickt drohend um.
Verstummen.
Wachtmeister
zieht sein Buch raus, schroff.
Wer sind Sie?
345
Er
ruhig, ausweichend.
Ja.
Wachtmeister
grob.
Wer sind Sie?
Er
schweigt.
350
Wachtmeister
tritt näher.
Legen Sie das fort!
Er
schiebt die Waffe hinter sich auf das Fensterbrett.
Wachtmeister.
Zum letzten Mal! ich frage Sie wer Sie sind?
Er
ruhig.
355
Ich reise.
Masse
bewegt und murmelt.
Wachtmeister
fährt auf.
Zum Teufel!
Beherrscht sich.
360
nun gut! womit reisen Sie? worin? wofür?
Er
schweigt.
Masse
wird wachsend unruhiger.
Wachtmeister
wütend.
Wollen Sie jetzt antworten? wollen Sie? ist das Ihre Frau?
365
Er
kalt scharf.
Ja.
Blitz und Donner draußen.
Masse
in grellem Aufruhr.
Dät is nich wahr! dät is nich wahr! hei lügt! hei lügt! dät is nich sin Wiv! dät is nich sin Wiv! nich sin Wiv! sin Wiv!
Drängt drohend näher.
Wachtmeister breitet die Arme zurückhaltend.
Er nimmt die Waffe wieder in die Hand. Blitz und Donner.
370
Professoren, Beamte, Kaufleute, Handwerker
schreien wild durcheinander und drängen näher.
Däs is ja mein Weib! mein Weib! mein Weib! das ist mein Weib! mein Weib! Teufel! Teufel! mein Weib!
Die erhobene Pistole stößt die drohenden Fäuste immer wieder zurück.
Hausierer
macht Platz die Arme umschlagend und überbrüllt.
Seid still! nich verrückt! nich verrückt! nu hört doch! hört doch! dät is dem Lumpel sei Weib! dem Kaufmann Lumpel sei Weib! aus der Bunzeljasse! ich weiß jenau! Bunzel! Lumpel! Lumpel! Bunzel!
375
Wachtmeister.
Dirne!
Masse
greift auf.
Dirne! Dirne!
Hausierer
hohnlachend.
Mit Weiber handelt er! mit Weiber reist er! Weiber!
380
Masse
greift auf, wild.
Weiber stiehlt er! unsre Weiber! unsre Weiber!
Schmied
springt vor.
Der hat meine Tochter verführt! der hat meine Tochter verführt!
Seine Frau
hält ihn zurück.
385
Josef! Josef!
Schmied.
So sah er aus! so sah er aus! der war et.
Sein Freund
zieht ihn zurück.
Unsinn!
Seine Frau
hängt sich an ihn.
390
Josef.
Verschiedene ziehen und schieben den Schmied in die Masse zurück.
Dirne
springt vor, schlägt die Arme in grelles Lachen.
Däs ist mein Schatz! däs is ja mei Schatzel! du! Kleiner!! du!
Wachtmeister
stößt sie brutal zurück und brüllt durch den Aufruhr.
Ruhe!
Flammender Blitz und unmittelbar täubender Donnerschlag.
Totenstille im Augenblick, dann kreischen die Weiber auf und bekreuzigen sich.
395
Einzelne.
Der macht uns alle verrückt! kein Mensch weiß wat er is! dä machts Jewidder!
Aufschwellend.
Jewidder! Jewidder! dä is schuld! alles schuld! dä Mord! dä Mord!
Hausknecht
greift auf.
Dä wart! dä wart! dä wart! dä hat jemordet! anstift! ik wull nich! ik wull nich! ik wull jo jar nich!
400
Durcheinander.
Dät is der Mörder! Mörder! Jewidder! Jewidder! unsre Häuser fallen her! unsre Häuser in! ruff! ruff! rin mit em! rin! Jefängnis! Jefängnis! Zuchthaus! Schafott! Schafott! setzt n fest! setzt n fest!
Die Pistole spielt im Kreise und hält das Toben zurück.
Wachtmeister
zieht den Säbel, wutschäumend.
Die Waffe runter! ich verhafte Sie! ich verhafte Sie! verhafte Sie! im Namen des Gesetzes Gesetzes Gesetzes! Aufruhr Aufruhr! die ganze Stadt in Aufruhr gebracht!
Geheul stimmt zu.
Rufe
dringen durch.
Wir saßen in der Kneipe! ruhig! ich habe meinen Schoppen stehnlassen müssen!
405
Hausknecht
dazwischen.
Ik kunn jo niks vör! ik kunn niks vör! ik wull dät nich!
Alle
dringen auf Ihn vor und fluten zurück.
Mörder! Mörder! Häuserstürzer! Mörder!
Wachtmeister
schlägt blind mit dem Säbel nach der Pistole.
410
Runter runter!
Hausknecht ringt los und entflieht.
Die Polizisten drängen durch die Masse aufgehalten mühsam nach.
Eine Frauenstimme gellt langgezogen von der Tür und erstarrt den Lärm.
Feuerschein flackert durch die Mauerluke.
Weib.
Lot mi dörch! lot mi dörch! lot mi dörch! dr Lumpel is higeschloge! dr Lumpel! n Schlag! n Schlag! higeschloge äs n Sack! dod! dä Lumpel is dod! jrad haddn wir et em seggt! janz leise seggt! dod is r
Stellt sich wuthaft auf sie zu.
dei Mann is dod! dei Mann is dod! dei Mann.
Der Feuerschein wird heller, Funken sprühn.
Sie ist bei dem Geschrei des Weibes entsetzt aufgefahren, lächelt dann, legt den Arm um seinen Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust.
Weib
außer sich, empört.
415
Se lacht! se lacht! se lacht! se lacht!
Bewegung.
Et brennt! et brennt!
draußen und an der Tür.
Feuer! Feuer! der Blitz!
Die Sturmglocken setzen ein.
Feuerhörner und Wagengerassel draußen.
Durcheinander
schreit.
420
Feuer! Feuer! dät Rathaus brennt! dä Markt brennt! de Straße brennt! alle Ecke brennt! brennen! Feuer! Feuer!
Fliehen und Forthasten.
Wachtmeister
eilt fort.
Das Haus wird umstellt! das Haus wird umstellt!
Weib.
Nu kuckt! nu kuckt! se rührt sich nich! ihr Mann is dod! se rührt sich nich! ihr Mann is dod! der Deuvel hat se in de Krallen! der Deuvel!
425
Weist in plötzlicher Erleuchtung auf
dät is der Deuvel!
Weiber und Männer
bekreuzigen sich.
Der Deuvel! der Deuvel!
schreien draußen.
430
Unsre Kinder! unsre Kinder!
Weitere Weiber eilen fort.
Sie
horcht aufatmend, haucht.
Kinder!
Er
faßt sie fester.
mein Kind!
435
Durcheinander.
Der hat de Stadt anjezündet! de Stadt! der Deuvel! Deuvel!
Weib.
Den Paster halen! den Paster!
Verschiedene.
Uträuchern soll r em! uträuchern! Paster! Paster!
Einzelne eilen fort und stoßen auf das Mädchen.
Mädchen tritt ein, zwei Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren an der Hand.
Mädchen
geht verschüchtert vor.
Du du dein Mann ist tot! deine Kinder.
Kinder blicken neugierig um, drängen fest an das Mädchen und weinen.
Sie ringt von Ihm und streckt die Arme.
440
Er
hält Sie mit aller Kraft.
Du bist verloren.
Kinder
sehen die Mutter und strecken aufschreiend die Arme.
Mutter! Mutter!
Sie von ihm festgehalten strebt mit ausgestreckten Armen auf die Kinder zu.
Er.
Bleib bleib!
445
Hält Sie mit äußerster Anstrengung.
Sie stößt Ihn mit wildem Aufschrei zurück und taumelt ohnmächtig umklammernd zu Füßen ihrer Kinder.
Er steht betäubt und gespannt.
Mädchen starrt Ihn erschrocken groß an.
Die Masse
mit Wutgeheul über
Do is se! hooo! hoa! wir hebben se! so! nu! packt se! he! her mit!
raus! raus!
schlagen der Ohnmächtigen ins Gesicht.
450
Pfui Teuvel! pfui Teuvel!
drängen die Weiber zurück.
Weg da! weg! dät jibt n Spaß! n Spaß! n Spaß!
Sie is ne Hure!
Schreien ihr ins Gesicht.
455
Hure! Hure!
Se soll de Weih kriegen! de Weih kriegen!
Schleppen, zerren und stoßen
Stadthure!
Treten sie roh.
460
hoppla! hoppla!
Stadthure werden! jleich!
Die Kinder hängen schreiend an
Er
hat auf sich selbst bedacht dagestanden, springt jetzt mit einem Wutschrei die Pistole von sich schleudernd über die Trümmerbarrikade, reißt mit mächtigem Schwung das Fensterkreuz hoch und schlägt dazwischen.
Los! los! Hunde! Schurken!
Die Masse
flüchtet in wildem Entsetzen.
465
Der Deuvel! der Deuvel! der Deuvel!
Die Kinder lassen entsetzt die Mutter los und flüchten schreiend.
Das Mädchen drückt sich fest an die Wand neben der Tür und schaut mit großen starren Augen auf
Er stürmt der Masse nach, kommt schwer atmend zurück, wirft den Rest des zerbrochenen Fensterkreuzes verächtlich von sich, blickt besinnend um und beugt sich zu
Er
legt die Hand auf
Du du.
Er will Sie hochheben.
Sie
springt entwindend hoch, die Handflächen in höchstem Entsetzen gegen Ihn.
Du du! du du!
470
Schreit lang auf.
ooooo!!!
Wild stürmend zischend.
du! du! der Himmel brennt! du! du! die Mauern stürzen! du!
Das Mädchen preßt die Fäuste vor den Mund.
Er
tritt beruhigend auf Sie zu.
475
Stark stark!
Sie
weicht vor Ihm zur Tür und klammert am Türpfosten zurückschreiend.
Du hier! du! du hier!
Er
springt auf Sie zu und faßt Ihr Handgelenk.
Wir fliehen wir fliehen! wir kommen durch! das Getümmel durch!
480
Sie
windet unter seinem Griff und ringt außer sich.
Durch! durch! durch! fliehen! fliehen! fliehen! Gott! Teufel! Himmel! Feuer! Menschen! du du du.
Er
hält sie.
Ruhig! ruhig! schnell!
Sie
in höchstem Entsetzen.
485
Hure Hure Hure! Weib Weib Weib! ich will! ich will! will ich! Hure Hure Hure! nicht dein Weib! nie dein Weib! dein Weib! nicht
Reißt los und läuft das Wort langgellend raus.
dein Weieieieieib!
Er steht, die leeren Hände zur Aufnahme gebreitet und starrt Ihr nach, wendet dann langsam, das Haupt zerschmettert gesenkt; ballt jäh im Ruck die Fäuste, knirscht, stampft zu dem Trümmerhaufen, stößt die Steine mit Fußtritten als Spielbälle auseinander, lacht dumpf höhnisch in die Flammennacht, am ganzen Leibe wutzitternd, heiser bellend.
Eine große Glocke schlägt an, poltert, gellt und erstirbt in gewaltigem Krachen.
Lärm, Geschrei, Wehklagen, greller und immer näher greifender Feuerregen: die Kirche! die Kirche!
Er
springt in die Luke, stemmt an die Mauer und brüllt mit Wutkraft hinaus.
Den Fluß hinein! den Fluß hinein! den Fluß in die Straßen! in die Rinnsteine! in die Gassen! den Fluß hinein! das Wehr auf! das Wehr auf! zum Teufel! das Wehr!
490
Der Ruf
läuft draußen immer weiter fort.
Das Wehr! das Wehr! das Wehr!
Er
brüllt.
Rechts herum! rechts herum! so! die Schleusen! so! so! ja! so! Schafsköpfe! so!
Weiber und Kinder
jammern.
495
Unsre Häuser! unsre Häuser!
Er
brüllt.
Wir bauen sie auf! bauen sie auf! bauen sie auf!
Wirre Rufe
draußen.
Bauen auf! bauen auf! aufbauen! aufbauen!
500
Er
tritt über die Trümmer zurück und lacht wild, die Arme verschränkt, nickt und murmelt hin.
Aufbauen! aufbauen!
Gewaltiges Rauschen, draußen, Schäumen und Zischen.
Das Mädchen
steht fest an die Mauer gepreßt in Ihn versunken.
Er schaut auf, stöhnt, seufzt und blickt hilflos um; sein Blick schrickt auf das Mädchen.
Die Augen beider starren ineinander.
Er.
Du? du? wer bist du? wer du?
Das Mädchen
stammelt verwirrt zitternd.
505
Ich ich.
Er
macht einen Schritt auf Es zu.
Es
reckt sich höher an die Wand schmiegend.
Er.
Was willst du hier?
Es
steht fest ihn anstarrend.
510
Er
vor dem Mädchen, blickt ihm ins Gesicht, erstaunt.
Bist du nicht? brachtest du nicht?
Es
ruhig, halblaut.
Ich bin die Schwester.
Er.
Schwester?
515
Es.
Ihre Schwester.
Er.
Oooooohh!!
Betrachtet Es, nach einer Weile.
was willst du hier? was hast du.
Es
trocken, ohne Tonfall.
520
Ich weiß es nicht.
Er.
Fürchtest du dich nicht?
Es
schweigt und starrt ihn an.
Er.
Fürchtest du dich nicht?
Ruhig mit leisem Spott.
525
Himmel Feuer Menschen! ich habe den Frevel angestiftet.
Es
ruhig.
Ich habe Sie erkannt.
Er
spannt hoch.
Es.
Sie Sie ... hast die Kirche gebaut.
530
Er
starrt und nickt, verschlingt die Arme.
Es.
Das Rathaus.
Er
stellt den Fuß vor.
Das weißt du?
Es
heißer, lebendiger.
535
Die Schule! das Wehr!
Er
nickt und wiegt den Körper.
Es
erschöpft, haucht.
Ich habe erkannt! Sie erkannt!
Er
tritt noch dichter vor Es hin, weich, zagend.
540
Du? du? Schwester?
Es
zittert.
Er
ganz dicht vor dem Mädchen, flüstert heiß.
Schwester?
Es zittert und klammert sich mühsam an die Wand.
Er
beugt sich über, ohne zu berühren, die Hände ineinandergefesselt auf dem Rücken.
545
Du fürchtest?
Sie
legt den Kopf zurück und schaut von unten in die Augen am ganzen Leibe zitternd. Die Glut draußen dämpft ab, fernes Rufen.
Ihre Augen hängen ineinander.
Er
aufatmend.
Sie war erwacht! deine Schwester.
Sie
schlägt die Arme breit an die Wand.
550
Er
leise, forschend.
Ja plötzlich aufgewacht.
Rauch verschlingt die Gluten, Zischen Brausen. Das Rufen kommt näher.
Er.
Du! wach du auf! du! wache du auf! hörst du! wenn ... du ... erwachst.
Sie hebt ihn stummend die Hand.
Frauen und Kinderstimmen
draußen.
Der Baumeister war dät! dät war der Baumeister! unser Baumeister Baumeister Baumeister!
555
Jubelnd.
Männerstimmen fragen, forschen dazwischen.
Er
weich suchend klagend.
Die anderen.
Weiber, Kinder, Männer
rufen auf der Treppe.
Baumeister! unser Baumeister! unser Baumeister!
Sie schrickt zusammen und stellt sich schützend vor Ihn zur Tür.
Er tritt zwischen Sie und Tür, lächelnd den Blick über die Schulter zur Tür.
560
Sie
faltet die Hände ineinander und flüstert zu ihm aufblickend.
Mann!
Weiber und Kinder
stürmen in die Tür.
Baumeist ...
Das Wort erstirbt in starrem Schauen.
Ein kleines Glöckchen schlägt an zum Morgengebet.
Die Weiber und Kinder kauern die Hände gefaltet nieder.
Männer starren über ihre Köpfe weg in die Tür, nehmen die Mütze ab und stehen stumm in ehrfürchtigem Schweigen.
565
Er
streicht Ihr übers Haar und läßt die Hand auf Ihrem Haupt liegen, weich froh.
Weib!
Die letzte Glut erlischt, es wird ganz dunkel draußen.
Leichte Nachtschwaden dampfen durch die Mauerlücke und verdämmern den Raum.
Der Stern blitzt hell auf.
Er und Sie wenden langsam um und schauen eng aneinandergeschmiegt Arm in Arm zu dem Stern empor.

(August Stramm: Erwachen. In: Das Werk. Herausgegeben von René Radrizzani. Wiesbaden: Limes1963, S. 183–203.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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