Komödie der Verführung

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Figurenkonstellation

Arthur Schnitzler

Komödie der Verführung (1924)

in drei Akten

Uraufführung1924

SchauplatzDer erste Akt spielt im Park des Prinzen von Perosa während eines öffentlichen Nachtfestes am 1. Mai 1914.

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ERSTER AKT

Ein nächtliches Frühlingsfest im Park des Prinzen von Perosa. Der Park steigt nach rückwärts mäßig an. Weit im Hintergrund das erleuchtete, nicht sehr große Schloß des Prinzen, im Barockstil. In der Mitte der Bühne, nicht sie ausfüllend, steinumrandeter Teich, in der Mitte des Teiches eine Figur. Rund um den Teich praktikabler Weg. Steinbänke rechts, links, vorn. Alleen nach rechts und links. Vorne rechts ein zeltartig gedecktes Büfett, davor einige kleine Tischchen mit Stühlen. Wenn der Vorhang aufgeht, hört man von weitem die Musik eines kleinen Orchesters, die bald wieder verklingt und von Zeit zu Zeit wieder hörbar wird. Herren und Damen in Sommertoilette, einige im Domino. Die Bewegung des Publikums vollzieht sich beinahe durchaus im Hintergrunde. Vor dem Büfett bei Aufgehen des Vorhanges zwei Herren und eine Dame, die sich eben entfernen. Unter dem Zeltdach die Fürstin FRANZISKA VON DEGENBACH und JUDITH ASRAEL. Dem Zelte nähern sich eben von links Rittmeister SKODNY und RUDOLF VON HEYSKAL. Die Fürstin FRANZISKA VON DEGENBACH, über vierzig, jugendlicher wirkend, zierlich und blond. JUDITH ASRAEL, um zwanzig, mittelgroß, dunkle Augen und dunkles Haar. Beide in lichten Sommerkleidern.
FÜRSTIN
mechanisch.
Champagner gefällig, meine Herren? – Oh, da sind ja liebe Bekannte! Guten Abend, Herr Rittmeister.
RUDOLF VON HEYSKAL
sich vorstellend.
Sektionsrat von Heyskal.
5
Er merkt, daß die Fürstin ihn nicht gleich erkennt.
Küsse untertänigst die Hand, Durchlaucht. Guten Abend, Fräulein Judith. Darf ich um ein Glas Champagner bitten?
SKODNY
Und ich –
FÜRSTIN
schenkt Skodny ein Glas ein.
Ein prinzlicher Lakai ist von rückwärts ins Zelt getreten und hat der Fürstin ein paar Worte zugeflüstert.
JUDITH
schenkt ein Glas für Heyskal ein, es wird nicht ganz voll.
10
FÜRSTIN
zum Lakai.
Aber fragen S' nur im Schloß nach. Im Keller gibt's gewiß noch Champagner genug.
JUDITH
Oh, das war unsere letzte Flasche!
FÜRSTIN
Kommt gleich eine frische Ladung. Ich hab' schon früher darum geschickt.
Lakai ist abgegangen.
SKODNY
Es ist ja ein herrliches Fest. Durchlaucht sind hoffentlich zufrieden?
15
FÜRSTIN
Ja, wir haben eine Rieseneinnahme für den wohltätigen Zweck.
SKODNY
Es ist wohl das erstemal seit Menschengedenken, daß der Perosapark für das Publikum geöffnet wurde?
FÜRSTIN
Wenn Sie meinen, daß es leicht war, vom Prinzen Arduin die Erlaubnis zu kriegen –
RUDOLF VON HEYSKAL
zu Judith.
Eben hatte ich das Glück, Ihre schöne Schwester, die Frau Präsidentin, zu sehen.
20
JUDITH
Sie haben sie erkannt?
RUDOLF VON HEYSKAL
Beim Tanze hatte sie natürlich die Maske abgenommen.
JUDITH
So, hat sie getanzt?
RUDOLF VON HEYSKAL
Mit Herrn von Reisenberg.
JUDITH
Ah, ist Max von Reisenberg auch da?
Ein zweiter Lakai hat ein paar Flaschen Champagner gebracht. Eine wird sofort entkorkt.
25
FÜRSTIN
Na, Gott sei Dank.
Ein Herr und eine Dame kommen an das Zelt.
FÜRSTIN
Nur einen Moment Geduld, meine Herrschaften.
JUDITH
schenkt für Rudolf von Heyskal ein.
FÜRSTIN
schenkt für die anderen ein.
RUDOLF VON HEYSKAL
Hätten Sie nicht auch Lust zu tanzen, Fräulein Judith?
30
JUDITH
Jetzt bin ich im Dienst, Herr von Heyskal, wie Sie sehen. Später vielleicht.
Präsident WESTERHAUS kommt; Fünfundvierziger, groß, breit, energisch, etwas brutales Gesicht, weißer Sommeranzug, weiße Handschuhe. Mit ihm Staatsanwalt EMMERICH BRAUNIGL, über vierzig, junges, scharfes Gesicht, Sommeranzug, darüber einen offenen Domino.
WESTERHAUS
zu Braunigl.
Meine kleine Schwägerin wird gewiß noch Champagner für uns haben.
Beim Büfett, grüßend.
Durchlaucht –
35
FÜRSTIN
Guten Abend, lieber Präsident. Ich muß Ihnen noch im Namen des Komitees für die generöse Spende danken.
WESTERHAUS
vorstellend.
Erlauben, Durchlaucht – Staatsanwalt Emmerich Braunigl.
FÜRSTIN
Ihr Name ist mir wohlbekannt, Herr Staatsanwalt.
BRAUNIGL
Durchlaucht interessieren sich auch für den Gerichtssaal?
40
FÜRSTIN
Ich les' ihn immer gleich nach den Theater- und Kunstnachrichten. Dann kommt der Lokalbericht und die kleinen Anzeigen. Nur mit der Politik will ich nichts zu tun haben.
RUDOLF VON HEYSKAL
Und gerade die wär' vielleicht jetzt nicht so uninteressant, Durchlaucht.
JUDITH
reicht dem Präsidenten ein Glas Champagner.
WESTERHAUS
Danke, Judith.
Trinkt.
45
Die Nachtbeleuchtung steht dir gut zu Gesicht. Ich habe gar nicht gewußt, daß du so schön bist.
JUDITH
leicht.
Schade.
FÜRSTIN
Wo ist die schöne Frau Gemahlin, Herr Präsident?
WESTERHAUS
Das dürfen Sie den Gemahl nicht fragen, Fürstin. Verschwunden, versunken, vielleicht entführt.
50
RUDOLF VON HEYSKAL
Ich sah die Frau Präsidentin eben tanzen.
Zu Judith.
Lockt es Sie noch immer nicht, Fräulein Judith? Es ist eine seltene Sensation – im Freien – unter dem Sternenhimmel.
WESTERHAUS
wirft einige Goldstücke hin.
FÜRSTIN
Aber, Herr Präsident, das ist ja beinahe schon zu viel.
55
WESTERHAUS
Wird es unsereinem nicht schwer gemacht, Durchlaucht? Entweder ist man ein Knicker oder ein Protz.
BRAUNIGL
mit einem Blick auf die Goldstücke.
Ein solcher Grad von Noblesse ist beinahe schon unmoralisch.
SKODNY
Ach, was ist Geld? Geld ist überhaupt eine Fiktion.
BRAUNIGL
Immerhin kann man sich mancherlei dafür kaufen.
60
WESTERHAUS
Alles.
Der Maler GYSAR kommt. Über vierzig Jahre alt, glattes, schwarzes Haar, dunkler Spitzbart. Sommeranzug mit halboffenem Domino.
FÜRSTIN
ihm entgegenwinkend.
Meister Gysar! Hierher, Meister Gysar. Es gibt Champagner.
Gysar tritt näher, küßt der Fürstin die Hand, etwas zu vertraulich, dann betrachtet er Judith, die ihm ein Glas Champagner reicht.
JUDITH
Ich bin Judith Asrael. Sie haben meine Schwester Julia gemalt, vor drei Jahren.
GYSAR
Ah, man hatte Sie mir verborgen.
65
Er trinkt ihr zu.
Wann darf ich Ihr Porträt beginnen?
WESTERHAUS
Warten Sie noch so lange, Gysar, bis Judith eine berühmte Sängerin ist.
GYSAR
Sie gehen zur Bühne, Fräulein?
WESTERHAUS
Schülerin von Kammersänger Fenz, demnächst von Jean de Reszke.
70
GYSAR
Sie müßten eine herrliche Carmen sein.
FÜRSTIN
Wie sind Sie mit unserem Fest zufrieden, Meister Gysar?
GYSAR
Die Leute unterhalten sich vortrefflich.
WESTERHAUS
Es wird kein Fest nach Gysars Geschmack sein, Durchlaucht. In seinem Garten feiert man andere.
RUDOLF VON HEYSKAL
Prächtigere?
75
GYSAR
Aufrichtigere vielleicht.
WESTERHAUS
Das ist die Frage. Oder meinen Sie, Gysar, die Nacktheit lügt nicht?
Unbeherrscht.
Und wenn Sie ihnen die Brust aufreißen könnten – noch ihre Herzen lügen.
JUDITH
starrt ihn an.
Bewegung im Hintergrunde, sich näherziehend.
80
RUFE
Es lebe der Prinz von Perosa!
FÜRSTIN
Ah, dort kommt Seine Hoheit.
RUDOLF VON HEYSKAL
Ambros Doehl an seiner Seite.
BRAUNIGL
Der Schriftsteller – nicht wahr?
SKODNY
Seine Hoheit lassen sich gern herab.
85
GYSAR
Vielleicht, Herr Rittmeister, ist es in diesem Fall Ambros Doehl, der sich herabläßt –?
Die Aufmerksamkeit der Anwesenden nach rechts gewandt.
ARDUIN und AMBROS DOEHL kommen um den Teich herum näher.
RUDOLF VON HEYSKAL
zu Skodny.
Haben Sie sich die Fürstin genau angeschaut?
SKODNY
Ja – und?
RUDOLF VON HEYSKAL
Also, dann gehen Sie nächstens einmal in die Moderne Galerie und betrachten Sie sich die schlummernde Venus mit der roten Rose an der Brust.
90
SKODNY
– von Tizian?
RUDOLF VON HEYSKAL
Nein, von Gysar – in der Modernen Galerie.
SKODNY
Sie finden eine Ähnlichkeit?
RUDOLF VON HEYSKAL
Ähnlichkeit? Wissen Sie denn nicht, daß er von jeder Frau, die ihm sitzt, zwei Bilder malt? Das eine offiziell im Kostüm und dann ein anderes –
ARDUIN und AMBROS sind nun beim Zelt. Die Fürstin ist aus dem Zelt herausgetreten.
FÜRSTIN
Nun, mein Prinz, wie behagt die Popularität?
95
ARDUIN
in österreichischer Husarengeneralsuniform, doch darüber einen schwarzen Atlasdomino, so daß man von der Uniform nur wenig sieht. Keine Kopfbedeckung.
Teuerste Fürstin, ich überlasse sie gern den Beneidenswerten, die derlei Huldigungen gewohnt sind.
AMBROS
heller Sommeranzug und Domino darüber, reicht Judith die Hand.
ARDUIN
Ich darf Ihnen Herrn Ambros Doehl vorstellen, Fürstin?
FÜRSTIN
Das ist nicht notwendig, Hoheit, der Name Ambros Doehl fängt ja an, weltberühmt zu werden.
100
AMBROS
verbeugt sich.
JUDITH
reicht ihm ein Glas Champagner.
ARDUIN
ein wenig nach vorn mit der Fürstin.
Eine Frage, Fürstin, wenn Sie gestatten. Ist Ihre schöne Nichte, die Gräfin Aurelie, nicht aus Merkenstein eingetroffen?
FÜRSTIN
Mir ist nichts davon bekannt, Hoheit. Seit dem Faschingsdienstag bei mir habe ich sie überhaupt nicht zu Gesicht bekommen – was natürlich nicht ausschließt, daß sie doch noch hier erscheint.
105
JUDITH
zu Ambros, ihm ihre Rosen gebend.
Nehmen Sie sie, Ambros, als Dank.
AMBROS
Wofür?
JUDITH
Für die Terzinen.
AMBROS
Sie lesen Verse, Judith?
110
JUDITH
Die Ihren, Ambros Doehl. – Sie sind befreundet mit dem Prinzen?
AMBROS
Befreundet –? Ich bin nur so eine Art Geheimrevolutionär bei ihm.
RUDOLF VON HEYSKAL
zu Judith, bittend.
Fräulein Judith –!
JUDITH
Ach ja, tanzen. – Da bin ich!
Nickt Ambros flüchtig zu, mit Heyskal fort.
115
FÜRSTIN
zu Arduin.
Darf sich eine alte, ergebene Freundin erlauben, Eurer Hoheit einen untertänigsten Rat zu erteilen?
ARDUIN
Bitte. –
FÜRSTIN
etwas überraschend, in einem neuen Ton.
Fahren Sie doch einfach hinaus nach Merkenstein, Hoheit, und holen sich Aurelie.
120
ARDUIN
Sie haben spaßhafte Einfälle, Fürstin, wie immer.
FÜRSTIN
Nochmals, Hoheit, Verzeihung. Aber ich für mein Teil, Hoheit, glaube Ihnen alle Ihre Liebschaften nicht.
ARDUIN
lächelnd.
– Oh!
FÜRSTIN
Alles nur par dépit. Aber ich möcht' es nicht mehr lang hinausschieben an Stelle von Eurer Hoheit. Aurelie war immer so unberechenbar. Damals, bei mir, amFaschingsdienstag, ist sie nach zwei Jahren vollkommener Zurückgezogenheit ganz unerwartet, ja uneingeladen aufgetaucht.
125
ARDUIN
Sie war in Trauer nach dem Tod ihrer Eltern.
FÜRSTIN
Schon lange nicht mehr, Hoheit. – Bei ihr halt' ich alles für möglich.
Arduin überraschter Blick.
Auch, daß sie eines schönen Tags in einem Kloster verschwindet.
ARDUIN
lächelt wie beruhigt, wendet sich nun zu Westerhaus, der mit Skodny, Gysar und Braunigl abseits stand.
130
Nun, mein lieber Präsident, was denken Sie? Werden wir Krieg haben?
Hoheit fragen mich? Das ist zu viel Ehre.
Wen sonst? Wenn es Ihnen so beliebt und Ihren Herren – Berufskollegen in Frankreich, England, Amerika, Japan, dann werden wir eben Krieg haben.
WESTERHAUS
Hoheit überschätzen uns Bankleute ein wenig.
Nach kurzem Zögern.
135
Immerhin, wenn Hoheit mit Ihrer neuen Yacht eine ungestörte Spazierfahrt zu unternehmen wünschen, ich würde nicht bis zum Hochsommer warten.
ARDUIN
Hm, schade, daß mein Schiff erst im Juli fertig werden dürfte.
WESTERHAUS
Man erzählt Wunderdinge davon, Hoheit. Es soll eine wahre Märchenyacht sein.
FÜRSTIN
Darf man fragen, Hoheit, wohin die erste Reise gehen wird?
ARDUIN
Wenn ich das wüßte, dann wäre es ja keine Märchenyacht. Ich weiß vorläufig nur, daß sie in Dänemark von Stapel laufen wird. Henings in Kopenhagen baut sie. Es fehlt noch manches, besonders, was die künstlerische Ausschmückung anbelangt. Wollen Sie mir
140
zu Gysar gewendet
ein Bild für meine Schlafkajüte malen?
GYSAR
Hoheit sind zu gnädig, aber es fehlt mir leider das Talent, auf Bestellung zu arbeiten... Doch wird es mir eine hohe Ehre sein, zu gegebener Zeit Hoheit eines von den Bildern anzubieten, die ich ohne Auftrag male.
ARDUIN
Ich liebe Ihre Bilder, Gysar. Vielleicht nehme ich Sie beim Wort.
Seit kurzem ertönte eine Singstimme, Geigentöne schweben über ihr.
ARDUIN
Hören Sie doch, Ambros. Wer singt da so schön?
145
WESTERHAUS
Das ist Judiths Stimme.
AMBROS
Und eine Geige schwebt wunderbar über sie hin.
ELIGIUS FENZ, schon früher sichtbar, tritt näher, glatt rasiertes Schauspielergesicht, dichtes, beinahe weißes Haar, lebhafter Blick.
ELIGIUS FENZ
Die Geige spielt Fräulein Seraphine Fenz, meine Tochter; die Sängerin ist Fräulein Judith Asrael, eine meiner begabtesten Schülerinnen. Für die nächste Saison nach Dresden engagiert.
FÜRSTIN
Guten Abend, Herr Kammersänger.
ELIGIUS FENZ
sieht erst jetzt, in welch vornehme Gesellschaft er geraten ist, küßt vorerst der Fürstin die Hand.
150
Darf ich um die Gnade bitten, Durchlaucht, mich in diesem edlen Kreise bekannt zu machen?
FÜRSTIN
Aber wer kennt nicht Eligius Fenz, unseren berühmten Kammersänger, Mitglied der kaiserlich-königlichen Hofoper.
ELIGIUS FENZ
abwehrend.
Gewesen. Seit längerer Zeit Ehrenmitglied.
WESTERHAUS
Nun werden Ihre Schülerinnen Ihren Ruhm verbreiten, wenn ich nach Judith urteilen darf.
155
FÜRSTIN
reicht dem Eligius Fenz ein gefülltes Glas.
Nehmen Sie, Herr Kammersänger.
ELIGIUS FENZ
verbeugt sich, trinkt dem ganzen Kreise zu.
Auf das Wohl der illustren Gesellschaft!
Er trinkt aus.
FÜRSTIN
schenkt ihm ein zweites Glas ein.
Westerhaus und Skodny stehen ihm am nächsten. Arduin und Ambros haben sich indessen zueinander gesellt. Die Bewegung im Hintergrund wird für eine Weile lebhafter, es setzt wieder vollere Musik ein.
160
FÜRSTIN
zu Gysar.
Nun aber will auch ich mich ins Gewühl stürzen. Ihren Arm, Gysar.
Fürstin und Gysar gehen ab nach rückwärts. Fenz hat sich an eines der kleinen Tischchen gesetzt und trinkt für sich. Westerhaus und Skodny, anfangs noch bei ihm, entfernen sich bald. Ambros und Arduin sind zusammen nach vorne links gekommen.
ARDUIN
Nun?
AMBROS
Hoheit?
ARDUIN
Sie ist nicht da.
165
AMBROS
Es fehlt auch noch eine Stunde auf Mitternacht.
ARDUIN
Wenn sie hier wäre, müßt' ich's wissen. Niemand sah sie kommen. Mein Park hat keine geheimen Eingänge, wenigstens heute nicht. Sie ist gar nicht in Wien. Ich weiß es. In der Salesianergasse in ihrem kleinen Palais sind die Türen verschlossen und die Fenster verhängt, wie gewöhnlich. Aurelie ist draußen in Merkenstein geblieben und lacht uns alle aus. Es war ein Faschingsspaß, nichts weiter.
AMBROS
Glauben Sie das wirklich, Hoheit?
ARDUIN
Wir waren Narren, daß wir ihn ernst nahmen. Sie und ich mein' ich, Falkenir nehm' ich natürlich aus.
AMBROS
Warum?
170
ARDUIN
Er ist so wenig da wie Aurelie.
AMBROS
Hoheit irren, der Freiherr befindet sich auf dem Fest. Wir begrüßten uns schon aus der Ferne.
ARDUIN
So, ist er da? Nun, er hätte ruhig in Rom bleiben können. Glauben Sie nicht, Ambros? Um wieviel Jahre mag er wohl älter sein als Aurelie? Um zehn oder fünfzehn gewiß.
AMBROS
Wie wenig wäre Jugend, wenn sie alles wäre. Übrigens ist er kaum älter als vierzig.
ARDUIN
Nicht mehr? Er war doch befreundet mit Aureliens Vater und nach beider Eltern Tod Aureliens Vormund oder so etwas Ähnliches. Seine erste Frau hat sich übrigens umgebracht. Seine erste, sage ich, als wäre ihm eine zweite gewiß. Kein Mensch weiß, warum. Sie war eine Prinzessin Rodenberg.
175
AMBROS
Ich habe damals noch wenig in diesen Kreisen verkehrt.
ARDUIN
Damals hat er sich von der diplomatischen Karriere, ja überhaupt aus der Welt zurückgezogen und lebt jetzt in Rom als Einsiedler.
AMBROS
Als Gelehrter, Hoheit. Im vorigen Jahr hat er eine Arbeit über die neuesten Ausgrabungen am Palatin herausgegeben.
ARDUIN
Auch das noch. Die Falkenirs waren immer Sonderlinge. Sein Vater hat buddhistische Studien getrieben. Ich möchte nur wissen, was diesen Falkenir plötzlich veranlaßt hat, nachdem er so gut wie verschollen war, auf dem Ballfest bei der Fürstin zu erscheinen. Er konnte ja nicht einmal vermuten, daß Aurelie dortsein würde. Niemand hatte es gewußt. Wissen Sie, daß die Fürstin sie nicht einmal geladen hatte? Plötzlich, unerwartet, wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt stand sie da ... unter uns Sterblichen hätt' ich bald gesagt.
AMBROS
So etwas Ähnliches werden wir wohl sein, Hoheit.
180
ARDUIN
Und Aurelie nicht?
AMBROS
Es gibt da offenbar Abstufungen.
ARDUIN
ernster.
Sie mögen recht haben, Ambros Doehl ... Es war doch eine Ballnacht wie hundert andere – und in dem Augenblick, da Aurelie eintrat – da war es nicht anders, als finge ein Märchen an.
AMBROS
Aurelie war es, wie sollt' es kein Märchen sein?
185
ARDUIN
Ja.
Lächelnd.
Die Gräfin und die drei Freier ... Sind es nur gewiß nicht mehr, die sie an diesem Abend verzaubert hat?
AMBROS
Das ist schwer zu sagen. Jedenfalls sind es nur Sie, Prinz Arduin, der Freiherr von Falkenir und ich, die für heute mitternacht hierher beschieden sind, um von Aureliens Lippen die Entscheidung zu vernehmen.
ARDUIN
Sie wird nicht kommen. Wie konnten wir eine so tolle Angelegenheit nur ernst nehmen. Ich dachte auchwährend der ganzen drei Monate an diese Verabredung nicht wie an etwas Wirkliches, das zu einer wirklichen Fortsetzung bestimmt sein könnte. Auch meine eigene Werbung erschien mir als etwas Unwirkliches – oder mindestens als etwas Unbegreifliches. Ging es Ihnen denn nicht ähnlich, Ambros?
190
AMBROS
Wenn es mir so ging, so wäre es einfacher zu erklären. Die Bewerbung eines sehr bürgerlichen jungen Schriftstellers um die Hand einer Gräfin von Merkenstein nach einer ehrfurchtsvollen Freundschaft von kaum einem halben Jahre – es ist nicht länger her, Prinz Arduin, daß Sie die Gnade hatten, mich der Gräfin vorzustellen – war zum mindestens ein etwas kühneres Unternehmen als die Bewerbung des Prinzen von Perosa und Rodegna.
ARDUIN
Glauben Sie? Handelte es sich nicht um Aurelie, so hätten Sie vielleicht recht. Aber auch ich, der ich Aurelie von frühester Jugend auf kenne – hier an diesem Teich, Ambros, haben wir als Kinder gespielt – hatte bis zu jener Ballnacht nicht im Traum gedacht, daß ich Aurelie jemals zur Frau begehren könnte. Und in diesen letzten drei Monaten, während deren wir Aurelie nicht sehen durften – entschwand sie mir geradezu. Sie und die Erinnerung jener Nacht entschwanden mir ins Unwirkliche, Unwahrscheinliche, niemals Gewesene. Und jetzt erst, seit wir wieder von ihr reden –
JULIA
Domino und Maske, von links.
Arduin, ich habe mit dir zu sprechen.
ARDUIN
Wirklich, schöne Maske? Ich fürchte nur, daß ich dazu keine Zeit haben werde.
195
JULIA
Kennst du mich nicht, Arduin?
ARDUIN
Du warst vermutlich einmal meine Geliebte; – wie sollt' ich dich kennen?
JULIA
nimmt die Maske vom Gesicht.
Ich bin es.
ARDUIN
Wir sind nicht allein. Warum nimmst du die Maske ab?
200
JULIA
Hat man Geheimnisse vor Ambros Doehl?
AMBROS
Leider wahr. Ich wünscht' es manchmal, daß man Geheimnisse vor mir hätte, aber es gelingt weder den andern noch mir.
JULIA
Ich muß dich sprechen, Arduin.
ARDUIN
Wozu? Es ist zu Ende. –
AMBROS
geht langsam zum Tisch von Eligius Fenz hin.
205
JULIA
Ich weiß es. Bin ich keinen Abschied wert? Hast du Angst vor mir? Ich schwöre dir, daß ich mich nicht in deinem Bett erdrosseln werde.
ARDUIN
Komm!
Arduin und Julia nach rechts ab.
ELIGIUS FENZ
zu Ambros, der sich an seinen Tisch gesetzt hat.
Meine Töchter fragen nach Ihnen, Herr Doehl. Warum sieht man Sie nicht mehr in unserem Hause? Die hohen Kreise ziehen Sie an. Hüten Sie sich, Ambros Doehl. Dem Künstler ist Fürstengunst gefährlich.
AMBROS
Man sagt, daß Sie davon ein Lied zu singen wissen, Herr Kammersänger.
210
ELIGIUS FENZ
Wie meinen Sie das? – Ach, Sie denken an die alte Geschichte – von der Erzherzogin? Es war übrigens keine Erzherzogin, sondern eine simple Gräfin.
AMBROS
um ihm Freude zu machen.
Sie mußten eine ganze kalte Winternacht auf dem Balkon verbringen – war es nicht so?
ELIGIUS FENZ
Hierüber gibt es zwei verschiedene Versionen. Nach der einen hätte ich tatsächlich die Nacht auf dem Balkon verbracht. Eine andere Version wieder behauptet, daß ich ein Stockwerk hinuntergesprungen sei, in den Garten.
AMBROS
Und tot liegengeblieben.
215
ELIGIUS FENZ
Das wäre die dritte Version.
SERAPHINE
kommt dazu. Blond, mittelgroß, üppig-schlank, einfache Frisur, weißes Sommerkleid, einfach.
Ist es möglich? Freund Ambros? Daß man Sie nur wieder einmal sieht.
ELIGIUS FENZ
Du hast herrlich gespielt, mein Kind.
SERAPHINE
abwehrende Bewegung.
220
AMBROS
Sie haben große Fortschritte gemacht, Seraphine.
SERAPHINE
um ihn zu unterbrechen, auf die Rosen deutend.
Was für herrliche Rosen.
AMBROS
Darf ich sie Ihnen anbieten?
SERAPHINE
Danke.
225
Sie nimmt sie.
Sie glühen durch die Nacht.
AMBROS
Ja, sie sind blutig wie Tränen verratener Liebe. Was war es denn für ein Stück, das Sie früher gespielt haben? Es war eine so leidenschaftliche Melodie.
SERAPHINE
Phantasien. Was mein Herz mir eingab.
AMBROS
Dann wundert es mich, daß Sie so aufrichtig gewesen sind, Seraphine.
230
SERAPHINE
Meinen Sie? Die Geige hat nicht alles ausgeplaudert. Sie konnte es gar nicht. Es war nicht die meine. Ich hab' sie einem der Musiker aus der Hand genommen.
ELIGIUS FENZ
Und nun ist sie geweiht für alle Zeiten.
SERAPHINE
Vater, was du heute zusammenredest.
ELIGIUS FENZ
Sie wird eine große Künstlerin werden, glauben Sie mir. Es fehlt ihr vielleicht nur noch eines: das große Erlebnis – ein großes Glück, ein großes Leid.
SERAPHINE
Genug, Vater, genug.
235
Zu Ambros.
Man weiß nicht, wohin er noch gerät, wenn er einmal anfängt.
Streichelt ihrem Vater zärtlich die Wange.
ELIGIUS FENZ
küßt ihr die Hand.
AMBROS
Man muß der Kunst allerlei Opfer bringen. Tugend ist noch das geringste. – Oh – Ihre Schwester.
SERAPHINE
Ja, sie ist es.
240
ELIGIUS FENZ
Und immer mit dem Herrn Leutnant! Du solltest es nicht zulassen, Seraphine.
SERAPHINE
Ja, mit dem Leutnant Leindorf. Mach' dich auf eine Überraschung gefaßt, Vater.
ELIGIUS FENZ
Ich ahne etwas.
AMBROS
Dies scheint ja ein Familienfest zu werden. Auf Wiedersehen! Grüßen Sie Elisabeth.
SERAPHINE
Sie würde sich freuen – sie ist ja noch immer ein bißchen verliebt in Sie.
245
AMBROS
Man sieht sich wohl wieder.
Ab nach rechts.
ELISABETH, Seraphinens Schwester, ihr ähnlich, in ihrer Art ein bißchen schärfer, auch in einfachem weißen Sommerkleid, und Leutnant LEINDORF, hübscher junger Mensch, kommen von links.
ELISABETH
zu Seraphine.
War das nicht Ambros Doehl?
Ohne eine Erwiderung abzuwarten.
Wo hast du denn deinen Überzieher, Vater? Karl wird ihn dir aus der Garderobe holen.
250
ELIGIUS FENZ
Eine Sommernacht, mein Kind. Ich habe den Überzieher daheim gelassen.
ELISABETH
kopfschüttelnd.
Und so nah' am Teich.
Über den Rand einer Bank streichend.
Die Bänke sind ganz feucht. Ach, ihr zwei, man sollte euch nie aus den Augen lassen.
255
SERAPHINE
Und doch, man muß zuweilen.
Nimmt den Kopf Elisabeths zwischen ihre Hände.
ELISABETH
macht sich leise los.
Ach ja.
Zu Leindorf.
Nun, Karl, ist's an dir, sprich doch endlich ein Wort.
260
LEINDORF
Mein hochverehrter Herr Kammersänger. Ich habe die Ehre, Sie um die Hand Ihrer Tochter Elisabeth zu bitten.
ELIGIUS FENZ
Sie machen es kurz, Herr Leutnant.
ELISABETH
Tu' desgleichen, Vater, und sag' ja.
ELIGIUS FENZ
Hast du's so eilig, mich zum Großvater zu machen, Kind?
ELISABETH
Es wäre dir ganz gesund, Vater. Da kämst du vielleicht drauf, daß du am Ende doch kein Jüngling mehr bist.
265
ELIGIUS FENZ
Er sitzt auf einer Bank.
Nehmen Sie vorerst Platz, Herr Leutnant. – Was denkst du, Seraphine?
SERAPHINE
Wir werden wohl ja sagen müssen, Vater.
ELIGIUS FENZ
Hast du alles wohl erwogen, Elisabeth? Er ist Soldat. Morgen oder übermorgen kann ein Krieg ausbrechen. Du bleibst mit drei unversorgten Kindern zurück.
LEINDORF
Die Kriegsgerüchte sind unbegründet, Herr Kammersänger.
270
ELISABETH
Börsenmanöver, das weiß jeder Mensch. Am 15. Juni spätestens wollen wir Hochzeit machen. Die Hochzeitsreisemachen wir nach Kärnten, denn erstens ist die neue Garnison von Karl Klagenfurt, und zweitens haben Karls Eltern in der Nähe ein Gut.
ELIGIUS FENZ
Ah!
LEINDORF
Ein Gütchen bestenfalls.
ELIGIUS FENZ
Nun, es hätte jedenfalls etwas für sich, wenn eine von euch in geordnete Verhältnisse käme.
ELISABETH
Wo ich bin, dort werden immer geordnete Verhältnisse sein. Aber wie wird das nur mit euch werden, wenn ich fortgehe?
Zwei weibliche Dominos gehen vorüber.
275
ERSTER WEIBLICHER DOMINO
Guten Abend, Eligius Fenz.
ZWEITER WEIBLICHER DOMINO
Schöner Sänger sei gegrüßt!
Sie lachen beide und verschwinden wieder.
ELIGIUS FENZ
Komisches Volk. Sie machen sich lustig über mich.
SERAPHINE
Was fällt dir ein, Vater. Bist du nicht jung, bist du nicht schön?
ELIGIUS FENZ
nickt, dann
280
Aber die Leute wissen es nicht. Das ist der Jammer.
LEINDORF
Meine Ernennung zum Oberleutnant steht bevor. In spätestens drei Jahren bin ich Hauptmann.
ELIGIUS FENZ
Und dann Major und Oberstleutnant und Oberst und General. Und als General oder Feldmarschall gehen Sie in Pension. Ja, ihr Soldaten habt es gut. Wir andern, wir müssen den Berg wieder hinunterspazieren. Immer tiefer, immer tiefer. Man wird wieder Hauptmann, Feldwebel, Gemeiner, endlich salutiert keiner mehr.
SERAPHINE
etwas gerührt.
Aber Vater!
Die weiblichen Dominos erscheinen wieder.
285
ERSTER DOMINO
Willst du uns nicht hören, Graf Almaviva?
ZWEITER DOMINO
Bist du gar nicht neugierig, Don Juan?
Sie entfernen sich langsamer als früher.
ELIGIUS FENZ
Was meinst du, Seraphine? Es wäre nicht unmöglich, daß diese beiden Masken mir eine wichtige Eröffnung zu machen haben. Es soll sich allerlei vorbereiten in der Oper. Direktionswechsel und dergleichen.
Entschlossen aufstehend.
Auf Wiedersehen, Kinder!
290
ELISABETH
die sich bisher um die Dominos kaum gekümmert, ebensowenig wie Leindorf.
Du gehst, Vater?
ELIGIUS FENZ
Entschuldigt mich, meine Lieben. Ich muß der Sache doch auf den Grund zu kommen suchen. Ein paar Augenblicke nur.
ELISABETH
Und kommst morgen mittag nach Hause!
ELIGIUS FENZ
Aber was fällt dir ein, Elisabeth. Ich habe ja schon um zehn Uhr morgens eine Lektion zu erteilen. Nun, mein lieber Schwiegersohn in spe, Sie machen uns morgen zu Tisch das Vergnügen. Dann wollen wir alles Weitere besprechen. Auf Wiedersehen, Kinder!
Er folgt den Dominos, man sieht sie alle drei verschwinden.
295
ELISABETH
Wie wird das nur im Haus werden, wenn ich fort bin? Jedenfalls werdet ihr ein Mädchen aufnehmen müssen.
SERAPHINE
Wir werden wenig daheim sein. Nun beginnen ja die Kunstreisen. Und der Vater kommt mit mir.
ELISABETH
Du wirst es nicht leicht mit ihm haben, Seraphine. Und der Vater auch nicht mit dir. Werdet ihr nur gegenseitig aufeinander achtgeben?
SERAPHINE
Mach' dir doch keine Sorgen, Elisabeth! Uns g'schieht schon nichts. Und traurig ist nur, daß es nun zu Ende ist – für immer – mit unseren Plauderstunden abends vor dem Einschlafen.
LEINDORF
Sie müssen einmal bei uns in Klagenfurt im Offizierskasino spielen, Seraphine.
300
SERAPHINE
Ja, wenn es sich arrangieren läßt.
ELISABETH
Ihr könntet euch doch endlich du sagen.
MAX VON REISENBERG, etwa 24 Jahre, grauer Sommeranzug, Domino darüber, offen (silbergrauseiden), links am Teich vorbei.
SERAPHINE
bemerkt ihn schon früher, wie er nun fast noch durch die halbe Bühne getrennt weiter will, wirft ihm Seraphine ganz plötzlich, wie zu ihrer eigenen Überraschung, eine Rose vor die Füße. Er merkt es nicht, will weitergehen.
wirft ihm eine zweite Rose vor die Füße.
MAX
Galt das mir?
305
SERAPHINE
Das wäre wohl möglich.
MAX
hebt die Rose auf.
SERAPHINE
Und dort liegt noch eine.
MAX
hebt nun auch die erste Rose auf.
SERAPHINE
wirft eine dritte vor ihn hin.
310
Und hier ist gleich eine dritte. So wissen Sie wenigstens, daß es gute Dinge sind.
MAX
nicht zu nah, die drei Rosen an seine Brust drückend.
Oh, Fräulein, könnt' ich danken nach Gebühr – mit gleicher Gabe und mit gleichem Duft. Doch irgendwoversteckt blüht weißer Flieder. – Verzieh' ein Weilchen nur – den bring' ich dir.
SERAPHINE
gedehnt.
„Dir“?
315
MAX
Dir, holdes Kind, wem sonst?
SERAPHINE
Ich trage keine Maske, mein Herr.
MAX
Ich glaube doch. Nur aber weißt du's nicht. Dein Aug', dein Mund, dein Lächeln – alles Maske. Was gilt's, mein Kind, bald kenn' ich dein Gesicht. Den Flieder hol' ich nun. Dann tanzen wir.
SERAPHINE
Bemühen Sie sich nicht, mein Herr. Bis Sie wieder da sind, habe ich Sie längst vergessen.
MAX
O schmerzlich Wort. Erschauernd fühl' ich schon, wie ich in Fluten des Vergessens sinke. Doch will das Glück mir wohl, tauch' ich empor.
Verbeugt sich und entfernt sich nach der gleichen Richtung, aus der er gekommen.
Kleine Pause.
320
ELISABETH
Hat man jemals einen so affektierten Menschen gesehen? Hat er nicht gar in Versen gesprochen?
LEINDORF
Es klang wie aus einem Theaterstück. „Romeo und Julie“ vielleicht.
ELISABETH
zu Seraphine.
Was ist dir nur eingefallen? Und du hat er dir auch gesagt. Weißt du denn, wer er ist?
SERAPHINE
Als ich auf der Geige spielte, ging er vorbei. Darum, glaub' ich, hat es so schön geklungen.
325
LEINDORF
Zum mindesten hätte er sich vorstellen müssen, meiner Ansicht nach.
AMBROS
stand rückwärts am Teich; von links zu Seraphine.
Ich habe alles gesehen. So verfahren Sie mit meinen Rosen, Seraphine?
SERAPHINE
Sie kennen ihn? Wie heißt er?
AMBROS
Guten Abend, Elisabeth.
330
ELISABETH
Guten Abend, Ambros. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Bräutigam vorstelle. Herr Leutnant Leindorf. Herr Ambros Doehl.
AMBROS
Meinen Glückwunsch.
Reicht Leindorf die Hand, dann Elisabeth.
ELISABETH
leicht seufzend.
Ich sag's dir lieber gleich, Karl, in den war ich einmal verliebt, als er noch nicht berühmt war und inden höchsten Kreisen verkehrte. Er hat auch Gedichte an mich gemacht.
LEINDORF
Das ist sehr schmeichelhaft für meine Braut.
335
ELISABETH
Neulich las ich in einer Zeitung, daß Sie einen neuen Ton in die Literatur gebracht haben … oder so ähnlich.
AMBROS
Die Zeitungen sind darüber nicht immer ganz zuverlässig informiert.
SERAPHINE
zu Ambros.
Nun, Ambros, wie heißt er?
AMBROS
Von wem reden Sie? Ach ja, der junge Mensch, der jetzt meine Rosen hat, heißt Max von Reisenberg.
340
SERAPHINE
Ach, er hat auch einen Zunamen. Max würde eigentlich genügen.
ELISABETH
Ein schrecklich affektierter Mensch.
AMBROS
Das wäre nicht das schlimmste! Aber gefährlich!
SERAPHINE
Gibt's das?
AMBROS
Nehmen Sie sich in acht vor ihm, Seraphine. Alle fliegen ihm entgegen. Alle gleiten an sein Herz.
345
ELISABETH
Reisenberg. Ist das nicht der Juwelier auf dem Neuen Markt?
AMBROS
Der Juwelier war sein Vater.
LEINDORF
Der Juwelier Reisenberg, das ist doch derselbe, der vor ein paar Jahren im Duell fiel.
AMBROS
Ja. Der Graf von Merkenstein hat ihn erschossen.
SERAPHINE
Der die wunderschöne Tochter hat?
350
LEINDORF
Das Duell fand in unserer Kaserne statt. Es machte damals viel Aufsehen.
AMBROS
Man hätte dem Juwelier Reisenberg beinahe dieses Ende vorhersagen können. Er hatte allzuviel Glück bei Frauen.
SERAPHINE
Und sein letztes wohl bei der Gräfin von Merkenstein.
AMBROS
Ja. Es war eine sehr gute Ehe gewesen. Da kam dieser Mensch und zerstörte sie.
SERAPHINE
Nach dem unglücklichen Duell trennten sie sich wohl voneinander?
355
AMBROS
Nein, sie versöhnten sich. Das heißt, sie blieben zusammen und quälten sich gegenseitig zu Tode.Denn bald darauf starben sie beide, in derselben Woche, glaube ich.
ELISABETH
Dieser affektierte junge Mensch ist also Juwelier?
AMBROS
Nein. Das Geschäft hat er bald nach dem Tod seines Vaters verkauft. Nur der Name der Firma blieb.
SERAPHINE
Und was treibt er denn jetzt?
AMBROS
Allerlei. Er zeichnet ein wenig, spielt gar nicht übel Klavier –
360
ELISABETH
Und Verse macht er auch.
AMBROS
Zuweilen. Aber schlechte. Es ist überhaupt unwahrscheinlich, was er alles nicht kann. Es ist aber auch gleichgültig. Auf die Welt ist er doch nur gekommen, um möglichst viel Frauen unglücklich zu machen.
SERAPHINE
Oder glücklich.
AMBROS
Ja, so fängt es wohl meistens an.
SERAPHINE
Dann hat man im Unglück was Schönes zum Erinnern.
365
ELISABETH
zu Seraphine.
Und dich laß ich allein.
AMBROS
Elisabeth, der geschieht nichts! Und wenn es mit der Zeit zehn Liebhaber werden sollten, die bleibt ewig rein.
auf Seraphine weisend,
ELISABETH
Was reden Sie da, Ambros. Meine Schwester soll keinen Liebhaber nehmen, sie soll eine tüchtige Hausfrau werden trotz ihres Geigenspielens, eine Frau, eine Mutter, dazu ist sie geboren.
370
SERAPHINE
Mutter! Ja, das muß wohl schön sein. Wie sie's nur alle anstellen, um zu ihrem Kind den richtigen Vater zu finden?
LEINDORF
Fräulein Seraphine –!
ELISABETH
Sie meint's nicht so schlimm, Karl.
Seit einiger Zeit wieder bewegtere Musik.
ELISABETH
Wollen wir nicht tanzen, Karl?
Steht auf.
375
Nun, Seraphine, du hast wohl gar die Absicht, hier auf deinen affektierten Herrn Max zu warten?
SERAPHINE
Das fehlte mir gerade! Wir wollen auch tanzen, Ambros, ja? Und Herr Max soll mich suchen, wenn ihm was dran liegt. Kommen Sie, Ambros.
Leindorf und Elisabeth sind schon abgegangen.
Julia kommt rasch auf Ambros zu, wie er eben mit Seraphine abgehen will.
JULIA
Auf ein Wort, Ambros.
AMBROS
zögert.
SERAPHINE
Oh, ich will Sie niemandem streitig machen. Auf Wiedersehen.
Rasch fort.
380
AMBROS
Julia –?
JULIA
die Maske abnehmend, rasch.
Westerhaus sucht mich. Wenn er Sie fragt, so werden Sie ihm sagen, daß ich die ganze Zeit hier am Teich mit Ihnen geplaudert habe. Dort kommt er schon, mit Judith natürlich.
BRAUNIGL
kommt von der gleichen Seite wie Julia, als wenn auch er sie gesucht hätte.
Find' ich Sie endlich wieder.
385
JULIA
Darf ich vorstellen?
BRAUNIGL
will seinen Namen nennen.
AMBROS
Ich habe bereits das Vergnügen.
Westerhaus und Judith kommen.
WESTERHAUS
Guten Abend, Julia. Es ist ein schönes Fest, nicht wahr?
JULIA
Ein wunderschönes Fest.
390
AMBROS
Wir haben es hier an uns vorüberrauschen lassen.
WESTERHAUS
So, habt ihr das –?
MAX
kommt mit drei Fliederzweigen.
Braunigl, Julia, Westerhaus und Ambros stehen zusammen.
JUDITH
tritt Max rasch entgegen.
Gib mir den Flieder.
395
MAX
Was du willst, schöne Maske, mich selbst, wenn es dir beliebt –
JUDITH
Darauf verzichte ich. Den Flieder.
MAX
Der ist – versprochen.
Nach leichtem Zögern.
Immerhin, da es drei Zweige sind, einer soll dir gehören.
Reicht ihr den einen Zweig.
400
JUDITH
nimmt ihn, bricht ihn entzwei, wirft ihn Max vor die Füße.
MAX
Judith also!
JUDITH
nimmt die Maske ab.
MAX
Sie hätten ruhig die Maske behalten können. An dieser Bewegung allein hätte ich Sie erkannt.
WESTERHAUS
begrüßt Max flüchtig.
405
Guten Abend, Herr von Reisenberg. Wir wollen heimfahren, Judith.
MAX
So früh schon, Herr Präsident?
AMBROS
Es ist kaum Mitternacht.
Jetzt stehen zusammen Westerhaus, Ambros, Max, Judith.
JULIA
getrennt von ihnen.
BRAUNIGL
die Gelegenheit benützend.
410
Julia!
JULIA
Geben Sie acht!
BRAUNIGL
Sie waren verschwunden. Wo waren Sie?
JULIA
Wo mag ich gewesen sein? Wahrscheinlich bei einem Liebhaber.
BRAUNIGL
Wann werden Sie mir gehören?
415
JULIA
Sie sind toll.
BRAUNIGL
Fordern Sie, was Sie wollen. Mein Leben, meine Ehre …
JULIA
Wir wollen sehen.
WESTERHAUS
Nun, Judith mag bleiben. Ich schicke dir den Wagen. Julia! Wir gehen! – Warum so stumm?
Unbeherrscht.
420
Sind dir die Lippen von Küssen wund?
BRAUNIGL
zuckt zusammen.
WESTERHAUS
Warum blickst du so starr, Julia? So verloren, als träumtest du noch in seinen Armen –?
JULIA
außer sich.
Gib mich frei!
425
WESTERHAUS
Heute noch nicht. Vielleicht morgen. Ich bin dich noch nicht satt. Komm!
BRAUNIGL
Sie sind nicht bei Sinnen, Herr Präsident!
WESTERHAUS
Was steht zu Diensten, Herr Staatsanwalt?
AMBROS
Herr Präsident!
WESTERHAUS
Was wollen die Herren? Sie ist mein Weib, ein Weib, eine Sache, gekauft wie irgendeine andere. Ein reinlicher Handel, meine Herren. Wollte Gott, es gäbe keine schlimmeren.
Hat Julia am Arm gepackt und geht rasch mit ihr ab.
Braunigl und Ambros stehen beieinander.
430
BRAUNIGL
Haben Sie je so etwas gehört? Welche Zustände! Ein Sumpf!
Ambros und Braunigl ab.
MAX, JUDITH.
MAX
Es ist undenkbar, Judith, daß Sie in diesem Hause länger bleiben.
JUDITH
Das ist auch nicht meine Absicht. Ich fahre bald nach London, studiere dort bei Jean de Reszke weiter, und mein Vertrag für Dresden ist schon unterzeichnet.
MAX
Sie gehen nach Dresden?
JUDITH
Im Herbst.
435
MAX
Würden Sie mir nicht gestatten, Sie dorthin zu begleiten?
JUDITH
In welcher Eigenschaft? Als Impresario? Als Korrepetitor?
MAX
Warum nicht als Ihr Gatte?
JUDITH
Ach ja, es ist ein Maskenfest! Ich vergaß.
MAX
Sie wollen mich nicht ernst nehmen, Judith.
440
JUDITH
Und Sie mich nicht lustig genug. Ich irgendeines Menschen Frau … irgend jemandem Recht übermeine Person einräumen? Nein, dazu bin ich nicht auf die Welt gekommen. Ich will es ehrlicher treiben als – die anderen. Ich will meine Jugend genießen, ohne irgendwem Rechenschaft schuldig zu sein.
MAX
Wenn man Sie so reden hört, Judith, man könnte um Sie Angst bekommen.
JUDITH
Angst? Weil ich weiß, was ich will? Weil ich ehrlich zu Ihnen spreche?
MAX
Wenn man wenigstens das mit Sicherheit wüßte.
JUDITH
Ich bin's ja nicht zu jedem. Werde es zu sehr wenigen sein. Aber zu Ihnen bin ich's, zu Ihnen, Max, das fühl' ich, darf ich's, muß ich es sein. Wir zwei, ich habe es immer gespürt, wir zwei sind von gleichem Blut.
445
MAX
Sagen Sie gleich: Geschwister.
JUDITH
Kameraden.
MAX
Das ist mir lieber. Das schließt – nichts aus.
JUDITH
Und Sie sollen gleich sehen, wie sehr ich Ihnen Kamerad und Freundin bin. Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen.
MAX
War dies nicht alles wichtig genug?
450
JUDITH
sachlich.
Sie haben in der Bank meines Schwagers ein Depot liegen.
MAX
etwas zögernd.
Ja … Noch von meinem Vater her. Mein ganzes Vermögen liegt bei Westerhaus. Ich hatte niemals irgendeinen Grund, das zu ändern.
JUDITH
Den sollen Sie sofort haben. Kündigen Sie Ihr Depot, wenn möglich, morgen früh.
455
MAX
Weshalb denn? Man ist – wie nennt man das – sehr kulant mir gegenüber. Die Zinsen, die ich beziehe –
JUDITH
Sind höher als anderswo. Ich weiß. Es wäre sogar denkbar, daß sie sich noch weiter erhöhen.
MAX
Ihr Schwager gilt als Finanzgenie.
JUDITH
Ist er auch. Aber trotzdem – oder deswegen war er schon mehr als einmal sehr nahe daran … es ist erst anderthalb Jahre her, daß ich ihm eines Morgens die Pistole aus der Hand riß.
MAX
Sie?
460
JUDITH
Wer denn? Julia vielleicht? Nur mir vertraut er sich an. Damals stand er knapp vor dem Ruin. Nun, es ging glücklicherweise gut aus. Ein paar Tage daraufwar das Bankhaus gerettet und Westerhaus um ein paar Millionen reicher.
MAX
Und Julia hatte ihre berühmte Perlenschnur.
JUDITH
Und ich ein Armband. Ich habe es noch. Sehen Sie? Schön, nicht wahr? Ich trag' es immer.
MAX
Ich wußt' es, Judith, Sie lieben den Präsidenten.
JUDITH
Ich leugne es nicht, mein lieber Kamerad. Schade, daß er nichts davon bemerkt hat, als es noch Zeit war.
465
MAX
Und was ist jetzt versäumt?
JUDITH
Für ihn – fürcht' ich alles. Für mich freilich – nur eins. Aber soviel, daß es mein Leben von Grund auf ändert.
MAX
Judith –
JUDITH
abwehrend.
Nichts mehr davon. Werden Sie tun, was ich Ihnen geraten habe?
470
MAX
Ich will's mir überlegen.
JUDITH
Es ist möglicherweise keine Zeit mehr dazu, Max.
MAX
Judith, ich bitte Sie, heute nichts mehr von Geschäften. Wir wollen lieber tanzen.
JUDITH
wirft sich in seinen Arm.
Da haben Sie mich, Kamerad.
475
MAX
leidenschaftlich.
Judith!
JUDITH
Kein Wort, Max. Ich weiß, was Sie mir sagen wollen. Aber es wäre zu wohlfeil. Jetzt wollen wir tanzen.
Beide ab.
AMBROS und FALKENIR begegnen einander. Falkenir im Sommeranzug, um vierzig, glatt rasiert, dunkles Haar, ergraute Schläfen; reicht Ambros die Hand.
FALKENIR
Ist es nicht eine merkwürdige Fügung, wie sich nun für einen Augenblick zwei Lebenslinien treffen, die unter anderen Umständen vielleicht für alle Ewigkeit aneinander vorbeigelaufen wären?
AMBROS
Ich glaube eher, Baron Falkenir, wir hätten uns in jedem Fall irgendeinmal begegnen müssen – und möglicherweise für länger als einen Augenblick.
480
FALKENIR
Nun
etwas zögernd
– wie immer die nächsten Minuten über unsere fernere Existenz entscheiden sollten, wir wollen hoffen, daß unsere heutige Begegnung nicht unsere letzte bleibe.
AMBROS
Davon bin ich überzeugt. Selten – darf ich Ihnen das sagen, Baron Falkenir – habe ich mich zu einem Menschen, mit dem ich kaum hundert Worte gewechselt, so hingezogen gefühlt, wie zu Ihnen. Entschuldigen Sie den Freimut dieses Geständnisses, aber in einer solchen schicksalshaften Stunde möchte man lieber etwas aufdringlich als allzu vorsichtig erscheinen.
FALKENIR
Seien Sie versichert, Herr Doehl, daß ich Ihre Sympathie nicht nur als schmeichelhaft, sondern als wohltuend empfinde. Das darf Sie nicht wundern. Ich bin ja wahrscheinlich um einiges besser mit Ihnen bekannt als Sie mit mir. Ich kenne Ihre Verse. Jetzt eben, in Rom, habe ich sie mit begreiflichem Interesse gelesen, und ich war von ihnen – nun werde auch ich ein wenig aufdringlich sein – im Innersten bewegt.
485
AMBROS
Bewegt, wirklich? Gerade das hör' ich selten. Ich danke Ihnen.
Prinz ARDUIN kommt, AMBROS, FALKENIR.
ARDUIN
reicht Falkenir die Hand.
Guten Abend, mein lieber Freiherr. Nun, da wären wir ja alle – mit alleiniger Ausnahme der Hauptperson. – Sie kommen geradewegs aus Rom, Baron Falkenir?
FALKENIR
Gestern morgen bin ich an der Burg von Perosa vorbeigefahren.
ARDUIN
Warum nur vorbei? Sie hätten dort Station machen sollen. Meine Mutter hätte sich gefreut, Sie wiederzusehen – auch wenn sie sich Ihrer gar nicht erinnerthätte. Sie ist sehr allein. Im Laufe dieses Sommers gedenke ich sie zu besuchen. Haben Sie den Kronprinzen in Rom gesprochen?
490
FALKENIR
Ich lebe in Rom als Privatmann, Hoheit.
ARDUIN
Ich habe gehört. – Und gedenken nun, sich ausschließlich Ihren Forschungen zu widmen?
FALKENIR
Bis auf weiteres, mein Prinz. Ich hüte mich, Programme auf weite Sicht zu entwerfen.
ARDUIN
Das ist sehr weise. Darf ich mich bei Ihnen melden, wenn ich nach Rom kommen sollte? Sie müssen mir den Cicerone machen in den versunkenen Kaiserpalästen, in Palästen, die noch versunkener sind als die Herzogsburg von Perosa. Und Sie, Ambros Doehl, Sie kommen mit mir nach Italien. So soll der Faschingsspaß, den man sich mit uns erlaubt hat, wenigstens einen Sinn gehabt haben.
Mitternachtläuten von einem Turm.
495
Mitternacht, meine Herren, die Zeit ist um. Es dürfte heute in diesem Park noch recht lustig zugehen. Wie denken Sie, meine Herren, wenn wir uns unters Publikum mischten? Ich hätte nicht übel Lust, den Harun al Raschid zu spielen. Man könnte sich unter den Töchtern des Landes eine aussuchen. Das sollten wir alle, meine Herren, und morgen gemeinsam nach Merkenstein hinausfahren und der Gräfin unsere Bräute vorstellen. Es müssen nicht gerade Bräute sein. Das wäre eine heitere Revanche. Finden Sie nicht? Spaß gegen Spaß.
Hoheit, es ist kein Faschingsspaß, sondern ein Märchen, und das Märchen hat seine Gesetze wiedie Wirklichkeit. Sie heißen Pünktlichkeit, Geduld und Glaube.
Es ist Mitternacht.
AURELIE
im dunklen Kleide steht hinter ihnen.
Und hier ist Aurelie. Seid mir gegrüßt, meine Freunde.
500
ARDUIN und AMBROS
Aurelie!
AURELIE
Die drei Monate sind um. Für diese Mitternachtsstunde versprach ich euch meine Entscheidung hier am Teich im Park von Perosa. Reiche mir jeder die Hand. Arduin, Ambros, wir wollen Freunde bleiben. Die deine halte ich fest, Falkenir. Dich habe ich gewählt.
Pause.
ARDUIN
Lebe wohl, Aurelie.
Er geht rechts ab.
AMBROS
Aurelie, leben Sie wohl.
Ab nach der anderen Seite.
AURELIE
Lebt wohl!
Aurelie, Falkenir.
505
AURELIE
Wie lange waren diese drei Monate. Wie lange, Falkenir, habe ich deine Stimme nicht gehört. Willst du mich noch länger warten lassen?
FALKENIR
bleibt stumm.
AURELIE
Ist es das Glück, das dich stumm macht? Dann will ich doppelt glücklich sein, weil du schweigst. Aber wenn dein Schweigen anderes bedeutet als Glück, so sag' es mir. Und ich will das meine tun, daß wieder nichts anderes übrigbleibt als Glück.
FALKENIR
Ich? – Ich, Aurelie, unter diesen dreien ich? Ist es denn möglich?
AURELIE
Was ist dir, Falkenir? Hast du mich nicht zur Frau begehrt wie die andern? Bist heute dagewesen wie sie? Und jetzt getraust du dich nicht, zu glauben, daß du es bist, den ich gewählt?
510
FALKENIR
Bist du denn auch sicher, Aurelie, daß du dich nicht täuschest?
AURELIE
Falkenir!
FALKENIR
Daß du für Liebe hältst, was – vielleicht im Grunde etwas ganz anderes ist – Vertrauen – Freundschaft –
AURELIE
will ihn unterbrechen.
FALKENIR
Hör' mich an, Aurelie. Als Vater und Mutter dir starben, war ich dir Berater und Freund. So jung du warst, ich ließ dich manches ahnen – wissen, was ich erlebt und erlitten. Die beiden andern sind dir um vieles fremder als ich. Fast ist mir, als befände ich mich in einem unbilligen Vorteil ihnen gegenüber, den auszunützen mir geradezu verräterisch erschiene – gegen sie und auch gegen dich.
515
AURELIE
hat mit wechselndem Ausdruck zugehört, lächelnd, erregt, ungeduldig, beruhigt.
Was du nicht sagst, Falkenir! Ich kennte die beiden nicht? Arduin kennte ich nicht, den Gespielen meiner Kindheit, meinen Sport- und Jagdgefährten in früherer Zeit? Wir waren die besten Kameraden, wenn er mich über seinen Abenteuern und dummen Streichen nicht gerade vergaß – oder wenn er allzu frech wurde, was auch zuweilen vorkam. Ob ich Arduin kenne!– Und Ambros Doehl –
FALKENIR
rasch.
Den du bis zum heutigen Tag gewiß kein halbes dutzendmal gesprochen hast!
AURELIE
Aber wie lange schon und wie gut kenne ich seine Verse; lang ehe er mir persönlich begegnete. Und manche weiß ich auswendig. Und die wenigen Gespräche, die wir miteinander hatten in unserem kleinen Park von Merkenstein – die führten uns so weit, so tief, – daß sein Wesen für mich, und ich glaube auch meines für ihn, kaum irgendein Geheimnis mehr barg. Und gar seine Briefe! Ja, Falkenir, er schrieb mir auch; – kostbare Briefe, allzu kostbar scheint mir heute – – Oh, wie ich ihn kenne! – Beide kenne ich, den Dichter Ambros Doehl und den Prinzen Arduin von Perosa. Ich könnte nie und nimmer etwas Neues über sie erfahren.
520
FALKENIR
Welch ein Irrtum, Aurelie. Niemand kennt sie. Sie selber kennen sich noch nicht. Sie sind jung, kaum fünfundzwanzig. Was weißt du, was wissen wir von ihnen? Was von den Taten, von den Werken, die in ihnen schlummern? Und gerade du, Aurelie –ja vielleicht bist gerade du geschaffen, in dem einen oder in dem andern die große Tat, das unsterbliche Werk zur Wirklichkeit zu erwecken.
AURELIE
absichtlich leicht.
Und denke dir, Falkenir, daß mich auch diese Aufgabe weder da noch dort im allergeringsten reizt. Und wenn mir der Eine eine Krone zu Füßen legte oder der Andere mich mit sich in die Unsterblichkeit emportrüge – was hätte ich, ich persönlich ihnen am Ende zu bedeuten gehabt? – Dem Prinzen Arduin unter manchem, was er sich erkämpfen und erobern mag, eine Beute oder einen Triumph mehr – dem Dichter Ambros Doehl unter tausend Spielen und Wandlungen des Daseins – auch ein Gleichnis. Dir, Falkenir, das weiß ich, werde ich kein Triumph und kein Gleichnis sein, dir bin ich Aurelie.
FALKENIR
Ja, du bist Aurelie, und alle Wunder deines Wesens klingen mir in deinem Namen auf. Aber was, Aurelie, bin ich dir? Was darf ich, was kann ich dir sein? Ich, ein Mann ohne Zukunft und Überschwang, dem die Schläfen zu ergrauen beginnen, der nichts zu geben hat als sich selbst, und dennoch fordert, verdammt ist, zu fordern, so unerbittlich und ohne Maß, als hätte er eine Welt dagegen in Kauf zu geben.
AURELIE
So fordere doch. Da ich dich wählte, gab ich dir das Recht. In deiner Stimme ist mir das Echo, in deinem Auge mir der Abglanz der Welt. Ich will nichts anderes, will nicht mehr von ihr, als was mir aus deiner Seele widerklingt und -strahlt.
525
FALKENIR
Diese Bescheidenheit, Aurelie – steht dir, gerade dir nicht an. Wenn irgendeine, so hast du ein Anrechtauf die wirkliche, auf die lebendige, die unermeßliche Welt, die dir in Einem Menschen, so teuer er dir sei, niemals beschlossen sein kann.
AURELIE
Sie lockt mich nicht, diese Welt, diese „lebendige“ Welt. Was ich von ihr gehört, geschaut, verstanden, gibt mir keine Gelüste, sie aus der Nähe kennenzulernen. Ich habe meine Mutter gesehen, wie sie wiederkehrte aus jener Welt, die du meinst, und müde und zerrüttet an der Schwelle unseres Hauses niedersank. Auch andere Frauen sah ich, die aus schweren – und sah auch Frauen, die aus heiteren Schicksalen kamen. Friede leuchtete von keiner Stirn, und mir war weh ums Herz für sie alle. Für die, die sich glücklich dünkten beinahe mehr als für die Elenden. Suchende und Gejagte, Unersättliche oder Berauschte schienen sie mir alle, die Glücklichen wie die Elenden. Die Welt, aus der sie kamen, regte in mir eher Schauer auf als Sehnsucht.
FALKENIR
Was du Schauer nennst, Aurelie, das wird wohl am Ende auch nichts anderes sein als Sehnsucht.
AURELIE
Falkenir …!
FALKENIR
Sehnsucht, die sich ihrer selber schämt.
530
AURELIE
Warum mißtraust du mir, Falkenir?
FALKENIR
Das ist nicht Mißtrauen, Aurelie – es ist Wissen. Ein schmerzlich-tieferes Wissen – auch um dich, als es dir selbst gegeben ist, gegeben sein kann.
AURELIE
nach einem schweren Kopfschütteln.
Schatten der Vergangenheit umdüstern dich, Falkenir. – Oh, ich weiß, du wagst es nicht, glücklich zu sein – als hättest du irgend etwas zu sühnen –
lebhafter
535
, was doch du nicht verschuldet.
FALKENIR
Ist Vorhersicht nicht Schuld? Hat sie nicht die geheimnisvolle Kraft, heraufzubeschwören, was sie verhüten möchte? Und wenn es ihr gelänge, zu verhüten, wäre sie dann noch Vorhersicht gewesen?
AURELIE
Du quälst dich, Falkenir. Die Frau, deren du in diesem Augenblick gedenkst, schied sie nicht freiwillig aus der Welt? Gab sie sich nicht im Wahnsinn den Tod?
FALKENIR
Und wenn es Wahnsinn war, bin nicht ich es gewesen, der sie dahin trieb?
AURELIE
Du liebtest sie doch, Falkenir?
540
FALKENIR
Das eben ist's. Da ich sie liebte, wußte ich die Gedanken, die sie selbst zu denken, wußte ich die Taten, die zu tun sie selbst niemals gewagt hätte. Alle Möglichkeiten ihres Wesens waren mir offenbar – und jede trug den Keim der Wirklichkeit in sich. Wahnsinn ihr Tod? Er sollte mir dafür zeugen, daß sie nur mein und daß sie für alle Ewigkeit nur mein war. Vergebliches Opfer! Ich hab' auch ihren Tod erkannt als das, was er war –: als ihre Flucht vor sich selbst – und vor mir.
AURELIE
So hattest du bestimmte Gründe, an ihr zu zweifeln?
FALKENIR
Nein, Aurelie, aber mir ist es gegeben, die ewigen Ströme rauschen zu hören – die dunklen, ewigen Ströme, die unaufhörlich fließen von Mann zu Weib und von Weib zu Mann, zwischen Geschlecht und Geschlecht. Und das ist's, was mich zur Einsamkeit verdammt, auch am treuesten – auch am geliebtesten Herzen. Und darum Aurelie –
MAX
von rückwärts links am Teich vorbei. Nach kurzem Zögern vor Aurelie hintretend.
Ich bitte um Verzeihung, vor wenigen Minuten fand ich dort am Teich dieses Schmuckstück.
545
Er weist eine Halskette mit Anhänger vor.
Ich habe Grund, anzunehmen, daß es der Gräfin von Merkenstein gehört und ich habe wohl die Ehre, vor ihr zu stehen.
AURELIE
befremdet, nimmt den Schmuck entgegen.
Es gehört mir. Ich bin die Gräfin Aurelie von Merkenstein. Ich danke Ihnen, mein Herr.
MAX
verbeugt sich und will gehen.
550
AURELIE
Aber wie konnten Sie wissen – ich trage diesen Schmuck heute zum erstenmal.
MAX
zögernd.
Mein Vater hat ihn angefertigt. Verzeihen Sie, daß ich nicht gleich –
sich zugleich vor Falkenir leicht verbeugend:
Ich heiße Max von Reisenberg.
555
FALKENIR
Falkenir.
AURELIE
Ich danke Ihnen, Herr von Reisenberg. Seltsam, daß die Schließe sich löste.
Sie hält den Schmuck noch in der Hand.
FALKENIR
Und seltsam, daß gerade Sie ihn fanden, Herr von Reisenberg, und ihn gleich erkannten. Kennen Sie jedes Schmuckstück, das aus dem Atelier Ihres Vaters hinausging?
MAX
Nicht jedes. Dies aber war das letzte, das mein Vater persönlich angefertigt, und ich war es, der die Zeichnung dazu geliefert hat.
AURELIE
Und Ihr Vater brachte ihn persönlich nach Merkenstein –?
560
MAX
nickt.
AURELIE
So mußte dieses Schmuckstück wohl das letzte bleiben. Dieses also –. Meine Mutter hat es nie getragen.
FALKENIR
absichtlich leicht.
Wenn du abergläubisch wärest, Aurelie, so dürftest du die Kette niemals mehr anlegen oder müßtest sie gleich hier in den Teich werfen.
AURELIE
legt erst jetzt den Schmuck um.
565
Ich glaube nicht, daß Fluch oder Segen an Dingen haftet oder an Menschen. So simpel pflegt das Schicksal mit uns Sterblichen nicht zu verfahren. Ich danke Ihnen, Herr von Reisenberg.
MAX
will gehen.
AURELIE
Oh, Sie sollen sich nicht so davonstehlen, als hätten Sie etwas Böses angestellt. Sie also sind der Sohn des Mannes, den mein Vater – –
MAX
Wie ich das Bild meines Vaters in der Erinnerung bewahre – er hat sich gewiß keinen schöneren Abschluß seines Lebens gewünscht, als –
AURELIE
ergänzt.
570
Als für eine Frau zu sterben, die er geliebt hat.
MAX
schweigt.
FALKENIR
absichtlich leicht, es klingt gezwungen.
So bist du denn auch vor Blutrache gefeit, Aurelie.
AURELIE
Mein Vater und meine Mutter sind tot. Ich hätte diesen Schmuck heute in jedem Fall angelegt, auch wenn ich geahnt hätte … Wie weit ist dies alles, wie verschollen. Ich empfinde kein Grauen vor diesem Schmuck. Und ich werde mich jederzeit freuen, Herr von Reisenberg, Ihnen zu begegnen.
Sie reicht ihm die Hand.
575
MAX
küßt ihr die Hand.
Ich danke Ihnen, Gräfin. Und darf ich so kühn sein, mir noch ein anderes, bedeutungsvolleres Zeichen zu erbitten, daß ich für Sie ein ebenso harmloses Menschenexemplar vorstelle, wie irgend ein anderer?
AURELIE
Sollte Ihnen meine Versicherung nicht genügen?
MAX
Sie wäre in der großherzigsten Weise bekräftigt, wenn Gräfin so gnädig wären, mir einen Tanz zu gewähren.
AURELIE
kühl.
580
Ich danke, Herr von Reisenberg, ich tanze nicht.
FALKENIR
rasch.
Warum nicht? Warum willst du nicht tanzen, Aurelie? Es ist ein Fest. Und wenn dich Herr von Reisenberg später mit jemand anderem tanzen sähe, könnte er wirklich annehmen, daß du von abergläubischen Vorurteilen nicht ganz frei bist.
AURELIE
ihn befremdet anblickend.
Wenn ich heute tanzen sollte, der erste Tanz gehörte doch wohl meinem Verlobten. Glaubst du nicht?
585
FALKENIR
Ich tanze kaum jemals. Herr von Reisenberg hat dich zuerst aufgefordert. Sein Vorrecht steht außer Frage.
MAX
Oh!
AURELIE
Wenn du es wünschest, Falkenir.
Sie zögert noch eine ganz kurze Weile, dann:
Ich bitte, Herr von Reisenberg. Aber nur eine kurze Tour. Bleibst du da, Falkenir?
590
FALKENIR
Ich werde zu finden sein.
Max und Aurelie rechts ab.
FALKENIR
bleibt unbeweglich stehen, blickt ihnen nach.
ELIGIUS FENZ
mit den beiden weiblichen Dominos am Teich vorbei, rechts zum Zelt.
Hier sind wir am rechten Ort. Ich bitte, meine Damen. Oh, die Fürstin nicht mehr da? Aber es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sich hier nicht noch ein paar Flaschen Champagner finden sollten.
Ins Zelt, bückt sich, um zu suchen, findet nur leere Flaschen.
Indes sind zwei junge Leute näher gekommen, alle vier verschwinden rasch rechts rückwärts.
ELIGIUS FENZ
steckt den Kopf wieder hervor.
595
Nichts. Leider nichts, meine Damen.
Merkt, daß sie fort sind. Nun aus dem Zelt hervor, macht ein paar Schritte, dann zu Falkenir, der noch immer unbeweglich dastand.
Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr. Können Sie mir vielleicht sagen – ich hatte eben zwei Damen am Arm.
FALKENIR
Ja, mir schien es auch so.
ELIGIUS FENZ
Und sie sind spurlos verschwunden. Hat sie der Boden verschlungen? Das geht nicht mit rechten Dingen zu.
600
FALKENIR
Es gibt allerhand Zauber, Herr Kammersänger.
ELIGIUS FENZ
Oh!
FALKENIR
Ulrich Falkenir. Sie müssen sich meiner nicht erinnern. Ein Herr aus dem Publikum, weiter nichts.
ELIGIUS FENZ
Oh, ich kenne Sie, Herr Baron.
Sich besinnend.
605
Einen Augenblick. Erster Stock links, Loge fünf oder sechs. In früheren Jahren wohnten Herr Baron allen Vorstellungen bei, in denen ich sang.
FALKENIR
Zuweilen auch anderen, wenn es sich fügte.
ELIGIUS FENZ
Mit der Frau Mama. Ich sehe sie noch vor mir. Sie war immer in Schwarz, im Haar ein Perlentropfen.
FALKENIR
Sie haben ein gutes Gedächtnis, Herr Kammersänger. Meine Mutter ist sechzehn Jahre lang tot.
ELIGIUS FENZ
Ist es möglich? Mir ist, als hätte ich sie noch vor drei Jahren, noch gestern – Allerdings, ich habe schon längere Zeit die Bühne nicht mehr betreten. Der übliche Ausdruck hiefür ist „Ehrenmitglied“, Herr Baron.
610
FALKENIR
Zuletzt sah ich Sie, wenn ich nicht irre, als Don Juan. Es war eine wundervolle Leistung.
ELIGIUS FENZ
Oh, sprechen Sie nicht davon, Herr Baron. Ich habe den Don Juan geträllert, aber nicht gesungen, ich habe ihn gespielt, aber ich bin es nicht gewesen. Jetzt, Herr Baron, jetzt wär' ich so weit. Aber die Leute wissen es nicht. „Ehrenmitglied“. Wir kommen gegen die verdammte Legende nicht auf, HerrBaron, die Legende vom Altwerden. Wissen Sie, Herr Baron, was das Alter ist? Nichts als eine Intrige, die die Jugend gegen uns einfädelt. Nun ja, sie hat es leicht … Der äußere Schein spricht gegen uns. Man muß diese Legende zerstören. Und was nun den Don Juan anbelangt, ich will Ihnen etwas anvertrauen, Herr Baron. Auf seiner Höhe war er älter als man gewöhnlich annimmt. Nur ein Sechzigjähriger kann den Don Juan singen. Mit sechzig fängt das Leben im gewissen Sinne erst an. So um fünfzig herum gibt es freilich bittere Tage. Darauf gründet sich die Legende. Man ist manchmal selbst in Gefahr, ihr zu unterliegen. Viele, viele unterliegen ihr. Aber die darüber wegkommen – oh, Herr Baron, ich versichere Sie – meine Stimme zum Beispiel, überzeugen Sie sich selbst.
Ein leeres Champagnerglas in der Hand, sitzt er auf dem Büfett und beginnt die Champagnerarie aus „Don Juan“ zu singen.
SERAPHINE
kommt.
Wie schön du singst, Vater. Aber bedenkst du nicht – die Nachtluft –
ELIGIUS FENZ
singt noch einige Töne, bricht plötzlich ab, vorstellend.
615
Das ist meine Tochter Seraphine. Freiherr von Falkenir. Du kennst den Namen, mein Kind, ein altes, ein uraltes Geschlecht. Der Herr Baron ist ein Kenner. Ein alter Verehrer, wenn ich so sagen darf.
FALKENIR
Ihr Vater darf es sagen, mein Fräulein.
ELIGIUS FENZ
noch immer auf dem Büfett sitzend, hat den einen Arm um Seraphinens Hals gelegt.
Auch Künstlerin, Herr von Falkenir. Violine.
FALKENIR
Berufskünstlerin, mein Fräulein?
620
ELIGIUS FENZ
antwortet für Seraphine.
Gewiß, Herr Baron. Wir haben ein sehr erfolgreiches Konzert hinter uns.
FALKENIR
Ich war leider von Wien abwesend.
ELIGIUS FENZ
entschuldigt ihn mit einer nachsichtigen Handbewegung.
Eine Tournee ist in Aussicht, unter gar nicht üblen Bedingungen. Dieser Tage wird der Vertrag unterschrieben.
625
SERAPHINE
Das dürfte den Herrn Baron nicht sonderlich interessieren, Vater.
FALKENIR
Doch, mein Fräulein. Wohin geht die Reise?
ELIGIUS FENZ
Wir konzertieren in den größeren Kur- und Badeorten Böhmens und Deutschlands, Karlsbad, Marienbad, Wiesbaden und so weiter. Dann geht es in den Norden. Dänemark: Klampenborg, Skodsborg, Marienlyst, Gilleleije. Kennen Sie den Namen, Herr Baron? Gilleleije! Welche Melodie in dem Wort.
Die FÜRSTIN kommt mit GYSAR von links, im Gespräch.
FÜRSTIN
Aber ich find' es ja einfach toll.
Sie sieht die anderen, zuerst Seraphine und Fenz.
630
Oh, das ist ja das Fräulein Fenz! Guten Abend, mein Fräulein.
Zu Eligius Fenz:
Gratuliere Ihnen zu Ihrer Tochter. Das Konzert ist
ja prachtvoll ausgefallen. Nur so weiter. Wie, seh' ich recht, Baron Falkenir? Wieder aus Rom zurück?
FALKENIR
Seit heute morgen, Fürstin.
Küßt ihr die Hand.
635
FÜRSTIN
Ich freu' mich sehr, Sie wieder zu sehen. Aber was sagen Sie dazu? Haben Sie gehört? Der Prinz schenkt den Park her und das Schloß dazu.
FALKENIR
Schenkt? Wem?
FÜRSTIN
Dem Volk. Der Menschheit, so wie der Kaiser Joseph den Augarten. Von morgen an soll es ein öffentlicher Park sein, wie der Stadtpark oder Volksgarten.
ELIGIUS FENZ
Welch wahrhaft fürstliche Großmut.
FÜRSTIN
Er muß sich über irgend etwas fürchterlich geärgert haben. Nur so erkläre ich mir diese Geste.
640
GYSAR
Warum hat er den Park nicht lieber mir zum Geschenk gemacht? Was fängt der Pöbel mit solch einem Geschenk an. Sie werden Lärm machen, Butterbrot essen und übel riechen.
Aurelie und Max von links.
MAX
küßt ihr die Hand und verschwindet.
AURELIE
So, nun wäre man heimgekehrt.
FÜRSTIN
Aurelie! Du bist da, Aurelie?
AURELIE
küßt ihr die Hand.
645
Guten Abend, liebe Tante. Ja, ich bin da. Was ist daran so wunderbar? Seien Sie mir gegrüßt, Gysar.
Seraphine und Eligius Fenz abseits, haben sich aber nicht ganz entfernt, obwohl Seraphine offenbar versucht, Fenz wegzuziehen.
GYSAR
küßt Aurelie die Hand.
Sie beteiligen sich am Tanz, Gräfin, wie ich sehe. Darf ich vielleicht bitten –
AURELIE
Nein, Meister Gysar, für heute ist's genug. Nicht wahr, Falkenir?
Zur Fürstin.
650
Darf ich dir meinen Verlobten vorstellen?
FÜRSTIN
Wie? Der Baron Falkenir? Eine Überraschung nach der andern. Meinen Glückwunsch. Gratuliere, lieber Baron. Ja, wann habt denn ihr euch verlobt?
AURELIE
Es wird nun bald eine Stunde her sein.
GYSAR
Nun muß man wohl den Bräutigam um Erlaubnis fragen, wenn man einen Tanz haben will?
FALKENIR
zu Aurelie.
655
Du tanzest schöner als je. Es ist eine Freude, dir zuzusehen.
GYSAR
Nun – Gräfin?
AURELIE
Ich bin schon etwas müde. Und wenn ich heute noch eine Runde mache, dann nur mit dir, Falkenir.
FALKENIR
Wenn ich dir sage, Aurelie, daß du mir eine wahre Freude bereitest –
AURELIE
Gut also, aber nur, weil du darauf bestehst. Da bin ich, Gysar.
Mit Gysar links ab.
660
FÜRSTIN
zu Falkenir.
Also darum sind Sie aus Rom wieder zurückgekommen?
FALKENIR
Durchaus nicht, Fürstin. Vor einer Stunde wußten wir es beide noch nicht.
FÜRSTIN
Sonderbar. Sie tanzt wirklich prachtvoll. Und wann soll denn die Hochzeit sein?
Sie sind beide indessen nach rechts abgegangen.
Eligius Fenz ist schon früher verschwunden. Seraphine und Max kommen einander entgegen.
MAX
Wohin denn, mein Fräulein, so geschwind?
665
SERAPHINE
Verzeihen Sie, mein Vater ist mir plötzlich wieder echappiert.
MAX
Lassen Sie ihn doch. Sie werden ihn schon wiederfinden. Hier ist der Flieder. Nehmen Sie ihn nur, er gehört Ihnen.
SERAPHINE
Aber das ist ja viel zuviel.
MAX
Oh, es war noch mehr. Es waren drei Zweige. Einer ist mir schon entrissen worden.
SERAPHINE
So behalten Sie wenigstens den dritten. Sie werden gewiß noch Verwendung dafür haben.
670
MAX
Warum vermuten Sie das, mein Fräulein?
SERAPHINE
Ich vermute es nicht, ich weiß es.
MAX
Sie kennen mich ja kaum.
SERAPHINE
Ach, ich kenne Sie schon ein wenig. Ich denke, es ist gar nicht sonderlich schwer, Sie zu kennen.
MAX
Wahrhaftig? So erzählen Sie mir doch etwas von mir. Ich möchte schon lange wissen, was für eine Art Mensch ich eigentlich bin.
675
SERAPHINE
Ich glaube, das könnt' ich Ihnen mit wenig Worten sagen. Ein namenlos eitler Mensch sind Sie!
MAX
Eitel? Nun ja, ich halte was auf mich. Aber von mir nicht sehr viel. Weiter –?
SERAPHINE
Ferner sind Sie treulos.
MAX
Darunter verstehen Sie sicher etwas ganz anderes als ich. Vielleicht sogar das gerade Gegenteil. Denn mir erscheint es als schlimmste Untreue, irgendwo auszuharren, während man längst schon anderswo sein möchte.
SERAPHINE
Eine etwas bequeme Auffassung, aber man könnte sie immerhin gelten lassen. Und ganz bestimmt sind Sie leichtsinnig.
680
MAX
Zugegeben. Es ist gewiß nicht meine Art, den Sorgen entgegenzulaufen. Wozu auch? Man begegnet ihnen immer schon auf halbem Wege.
SERAPHINE
lächelnd.
Mir scheint, Sie bringen es wirklich fertig, alle Ihre Fehler als Tugenden auszugeben.
MAX
Und wenn ich Ihnen nicht zu Hilfe käme, Fräulein – ja, wie heißen Sie denn eigentlich?
SERAPHINE
Ich heiße Seraphine Fenz.
685
MAX
So fänden Sie gar nichts Gutes an mir, Fräulein Seraphine –?
SERAPHINE
Doch, eines.
MAX
Und das wäre?
SERAPHINE
Daß man Ihnen nicht böse sein kann.
MAX
Das wäre dann wohl eher eine gute Eigenschaft von Ihnen.
690
SERAPHINE
O nein. Andern könnt' ich wohl – zum Beispiel, wenn mir ein Mensch sehr lieb, sehr teuer wäre – so einem könnte ich wohl unter Umständen auch böse sein. Ihnen nicht. Aber nun haben wir genug geplaudert fürs erstemal. Gute Nacht, Herr von Reisenberg.
MAX
Ich heiße Max.
SERAPHINE
Schlafen Sie wohl, Herr Max von Reisenberg.
MAX
Was ist denn das für ein plötzlicher Abschied? Wohin lockt es Sie denn mit einem Male? Man könnte beinahe auf die Vermutung kommen –
SERAPHINE
Oh, sagen Sie's nur.
695
MAX
Daß hier irgendwo in einer verschwiegenen Allee – ein Abenteuer Ihrer wartet.
SERAPHINE
Gott behüte mich davor. Abenteuer! Wie zuwider mir schon das Wort ist.
MAX
Also, wenn kein anderer da ist, warum lassen Sie mich allein?
SERAPHINE
Nun will ich Ihnen etwas verraten, Herr Max von Reisenberg.
MAX
–?
700
SERAPHINE
Man kann nämlich auch nach Hause gehen. Es gibt Leute, die nach Mitternacht einfach nach Hause gehen.
Ich wünschte so sehr, Sie bald wieder zu sehen, Fräulein Seraphine.
Wozu? So hübsch, wie es heut war, könnt' es doch nicht wieder werden.
MAX
Ich glaube, noch viel hübscher.
SERAPHINE
Bedenken Sie –
705
MAX
Was?
SERAPHINE
Daß Sie noch einen Fliederzweig übrig haben.
MAX
streckt ihr den Zweig entgegen.
SERAPHINE
Oh, behalten Sie ihn nur. Ich habe Dankbarkeit nur für einen vorrätig. Er duftet herrlich. Er wird wohl noch eine Weile weiter duften.
MAX
Wann darf ich Sie wiedersehen, Seraphine?
710
SERAPHINE
Wozu? Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß ich mich in Sie verlieben könnte. Man ist gewarnt.
MAX
Gewarnt? Ah – mein Freund Ambros Doehl.
SERAPHINE
Sie sollen nämlich so ein gefährlicher Mensch sein. Das wissen Sie wohl gar nicht, Herr Max von Reisenberg? Und ich habe keine Zeit für gefährliche Dinge.
MAX
So müssen Sie sich eben Zeit nehmen. Sie sind eine Künstlerin. Das gehört nun einmal dazu, wenn man Künstlerin ist.
SERAPHINE
Woher wissen Sie denn, daß ich eine Künstlerin bin? Ich bin es gerade genug, um zu wissen, daß ich nie das werden kann, was ich selbst darunter verstehe, und bin es geradeso wenig, daß ich mich nicht übermäßig darüber kränke. Und es hat nicht viel gefehlt – Sie sagen es nicht weiter, nicht wahr – und ich wäre Telephonfräulein geworden.
715
MAX
Ich habe Sie ja spielen gehört. Wundervoll.
SERAPHINE
Davon verstehen Sie wahrscheinlich nicht sehr viel.
MAX
Doch ein wenig. Ich bin ziemlich musikalisch. Ich spiele selbst Klavier.
SERAPHINE
Ach ja. Selbstverständlich. Ich kann mir sogar ganz genau vorstellen, wie Sie Klavier spielen. Siehaben einen weichen Anschlag, manchmal ein bißchen zu süß, nicht sehr viel Rhythmus, gelegentlich phantasieren Sie auch und rauchen eine Zigarette dazu.
MAX
Nein, wie Sie das alles wissen. –
720
SERAPHINE
Sie sind so gar nicht geheimnisvoll.
MAX
Möcht' ich auch gar nicht sein – für Sie, Seraphine.
SERAPHINE
Und wo kein Geheimnis ist, da ist keine Gefahr.
MAX
Um so besser. Da werden Sie nichts Übles daran finden, wenn ich Sie frage, ob ich nicht gelegentlich einmal mit Ihnen musizieren dürfte.
SERAPHINE
etwas streng.
725
Ich musiziere mit meiner Schwester. Sie spielt gewiß besser als Sie, Herr von Reisenberg. Zum Dilettieren habe ich jetzt keine Zeit. Ich studiere für meine Tournee.
MAX
Sie gehen auf eine Tournee? Im Sommer?
SERAPHINE
Mitte Juni beginnt sie.
MAX
Das ist doch keine Saison.
SERAPHINE
Es ist so eine Art Versuchstournee in die Bade- und Kurorte. Nach Böhmen, Deutschland und in denNorden. Und ich habe sogar schon einen Eventualkontrakt für Amerika.
730
MAX
Sie haben wohl schon für Ihr ganzes Leben Programm gemacht?
SERAPHINE
Nur ein Eventualprogramm.
MAX
Möchten Sie nicht auch mit mir so einen Eventualkontrakt abschließen?
SERAPHINE
Frivole Bemerkungen liebe ich durchaus nicht, Herr von Reisenberg.
MAX
Sie haben mich mißverstanden, mein Fräulein. Dürft' ich nicht vielleicht einmal zuhören, wenn Sie mit Ihrer Schwester musizieren?
735
SERAPHINE
Das dürfte wenig Interesse für Sie haben. Überdies wohnen wir weit draußen in der Vorstadt.
MAX
Oh, wie köstlich. Ich liebe die Vorstadt. Sie haben gewiß auch einen kleinen Garten.
SERAPHINE
Den haben wir allerdings.
MAX
Da könnte man abends, nachdem Sie fleißig geübt haben, im Grünen auf und ab spazieren und plaudern.
SERAPHINE
Was hätten wir denn miteinander zu plaudern? Ich denke, wir haben einander schon so ziemlich alles gesagt, was es zwischen uns zu sagen gibt.
740
MAX
Oh, da kennen Sie mich schlecht. Ich weiß immer noch was. Und wie viel fällt einem ein, wenn man in zwei so liebe, kluge, gute Augen schauen darf.
SERAPHINE
Auf meine Güte verlassen Sie sich nicht gar zu sehr.
MAX
Ja, Sie sind gut. Sie sind so – schwesterlich. Wie schön müßte es sein, Ihnen alles sagen zu dürfen, alles, was einem das Herz bewegt, – wie wunderschön, sich Ihnen anzuvertrauen, sich auszuweinen in Ihrem Schoß, wenn man von irgendwem betrogen oder verlassen wurde.
SERAPHINE
Ausweinen? Sie, Herr Max von Reisenberg, und weinen? Das kann ich mir ebensowenig vorstellen, als daß Sie über etwas hell auflachten. Dazu sind Sie ja viel zu elegant.
MAX
Ich glaube, Seraphine, Sie machen sich lustig über mich.
745
SERAPHINE
Das wäre immerhin möglich, Herr Max von Reisenberg.
ELISABETH
mit Leutnant Leindorf.
Da ist sie ja. Wir wollen heimgehen, Seraphine. Hast du den Vater nicht gesehen?
SERAPHINE
mit Handbewegung.
Dort irgendwo muß er sein. Das ist meine Schwester Elisabeth.
750
ELISABETH
Und Sie sind Herr von Reisenberg. Man hat uns Ihren Namen schon genannt.
MAX
Mit Kommentar, wie ich höre.
LEINDORF
sich vorstellend.
Leutnant Leindorf.
ELISABETH
Mein Bräutigam.
755
MAX
Sehr erfreut. Die Damen wollen das Fest schon verlassen?
ELISABETH
Morgen ist auch ein Tag. Wir wohnen ziemlich weit draußen. Und dieser junge Krieger hat morgen Dienst, wie gewöhnlich.
LEINDORF
Oh, darauf kommt es nicht an. Wenn es den Damen Vergnügen macht, noch zu bleiben – –
SERAPHINE
Nein, es ist wirklich Zeit, nach Hause zu gehen. Der Vater wird schon allein heimfinden.
ELISABETH
Aber wann?
760
MAX
Darf ich den Herrschaften vielleicht meinen Wagen anbieten?
ELISABETH
Sie haben einen Wagen?
MAX
Ich nehme mir von Fall zu Fall einen.
SERAPHINE
Der Fall liegt nicht vor.
ELISABETH
Wir möchten Sie keineswegs bemühen oder gar von hier fortziehen.
765
MAX
Ich habe hier nichts mehr zu suchen.
SERAPHINE
Aber zu finden vielleicht. Adieu, Herr von Reisenberg.
MAX
Und wann werde ich das Glück haben, Sie wiederzusehen, Fräulein?
SERAPHINE
zögernd.
Wenn Ihnen der Weg nicht zu weit ist, so besuchen Sie uns doch einmal.
770
ELISABETH
sieht sie befremdet an.
SERAPHINE
Herr von Reisenberg hat mir das liebenswürdige Anerbieten gestellt, mich gelegentlich auf dem Piano zu begleiten.
Sicherer.
Es trifft sich vielleicht ganz gut; – du wirst ja jetzt –
mit Blick auf Leindorf
775
doch nicht so viel Zeit haben, mit mir zu üben – –
MAX
Also, ich darf wirklich kommen?
ELISABETH
Aber natürlich, Herr von Reisenberg. In einer Künstlerfamilie nimmt man das nicht so genau. Ganz hübsch ist so was. Liebe auf den ersten Blick heißt man das wohl?
SERAPHINE
O nein, so heißt man das nicht. Nicht wahr, Herr von Reisenberg? Er will sich nur an meinem Busenausweinen, wenn ihn eine zum Narren gehalten hat, nicht wahr?
MAX
Ungefähr. Eigentlich sagte ich, daß ich mich in Ihrem Schoße ausweinen möchte.
780
ELISABETH
Nun, ich weiß nicht, ob das gerade viel anständiger ist. Adieu.
MAX
Also, ich darf Sie nicht nach Hause bringen?
ELISABETH
Wir gehen zu Fuß.
LEINDORF
Die Nacht ist wunderschön.
MAX
Den weiten Weg zu Fuß?
785
ELISABETH
Das wissen Sie auch schon, daß wir einen weiten Weg haben?
SERAPHINE
Bis zum Parktor dürfen Sie uns begleiten, weiter nicht.
Alle ab.
Ambros und Arduin begegnen sich.
ARDUIN
Haben Sie gesehen, Ambros?
AMBROS
–?
ARDUIN
Aurelie tanzt.
790
AMBROS
als verstände sich das von selbst.
Es ist ein Karnevalsfest, Prinz Arduin.
ARDUIN
Wenn der Baron Falkenir eine Viertelstunde nach der Verlobung seine Braut anderen Männern zum Tanze überläßt, so steckt etwas dahinter, eine Narrheit oder eine Tücke.
AMBROS
als wollte er etwas erwidern.
ARDUIN
wie abwehrend.
795
Ich habe Angst um Aurelie. Menschen, die einen andern umbringen, die kann ich am Ende begreifen. Fühle mich ihnen irgendwie sogar verwandt. Aber ein Mensch, um dessentwillen sich ein anderes Wesen tötet – solch ein Mensch ist mir unheimlich. Sie verstehen das gewiß gerade so gut als ich, Ambros. Wir sollten Aurelie wissen lassen – ehe es vielleicht zu spät ist, Ambros – daß sie in jedem Falle auf uns rechnen kann, auf unsere – Freundschaft, Ambros.
AMBROS
Wenn Aurelie einmal eines Freundes bedürfen sollte, so wird sie ihn untrüglich zu finden wissen.
ARDUIN
Davon bin ich keineswegs überzeugt. Wie in der Wahl eines Gatten, könnte sie auch in der Wahl eines Freundes fehlgehen.
AMBROS
Sie mag hundertmal irren – jeder Irrtum wird nur die Wahrheit ihrer Seele widerspiegeln.
ARDUIN
Sie dichten sich eine Aurelie nach Ihrem Sinn, Ambros.
800
AMBROS
Das könnte wohl die Richtige sein.
ARDUIN
Allen Respekt vor Ihrer Haltung. Aber denken Sie, man merkt Ihnen die Enttäuschung nicht an?
AMBROS
Enttäuscht zu sein, auch wo wir uns nichts erhofften, ist eine Höflichkeit, die wir dem Schicksal schuldig sind.
ARDUIN
Und Resignation, mit so viel Witz sie sich auch verkleide, bleibt immer nur eine wohlfeile Geste.
AMBROS
Gewiß ist es eine großartigere, mein Prinz, einen Park und ein Schloß zu verschenken – selbst wenn einem noch einige andere übrigbleiben, und dazu eine Zauberyacht.
805
ARDUIN
Nun ist es ja keine mehr, Ambros Doehl, und wird auch keine mehr werden.
AMBROS
Wer weiß.
ARDUIN
Nun heißt es, die Fahrt ins Ungewisse ohne Aurelie zu wagen.
AMBROS
Ins Ungewisse?
ARDUIN
leicht.
810
Wie es doch am Ende jede mehr oder weniger sein dürfte. … Darf ich Sie übrigens einladen, dem Stapellauf beizuwohnen?
AMBROS
Hoheit sind sehr gnädig –.
ARDUIN
rasch.
Er wird Ende Juli stattfinden. Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie unter meinen Gästen zu sehen. Wo trifft Sie eine Nachricht um diese Zeit?
AMBROS
Ich bin ganz in der Nähe von Eurer Hoheit, an einem kleinen Ort an der dänischen Küste, wo ich seit Jahren meinen Urlaub zu verbringen pflege.
815
ARDUIN
Sie sprachen mir einmal davon. Ein Fischerdorf.
AMBROS
Das war einmal, Hoheit. Aber es gibt dort einen ehrgeizigen Hoteldirektor, der es sich in den Kopf gesetzt hat, aus dem Fischerdorf ein Weltbad zu machen. So weit ist es freilich noch nicht, aber mit der Einsamkeit ist es längst vorbei. Vor ein paar Jahren war es wirklich noch ein Märchenstrand – eine wahrhaft mittelländische Landschaft unter einem blassen nordischen Himmel –.
ARDUIN
Oh, ich erinnere mich – aus einem Ihrer schönsten Gedichte – wie hieß es nur –.
AMBROS
Es war ein kleiner Zyklus.
Die Musik ist im Laufe der letzten Minuten lebhafter geworden. Bewegung im Hintergrunde, vorüberziehende Masken, Lachen, Aufjubeln.
AMBROS
Die Stimmung wird ja überlustig.
820
ARDUIN
Ja, nun sind die Leute bei sich zu Hause. Sonderbar, hier plötzlich als Gast herumzugehen. Und zum letztenmal.
AMBROS
Wie?
ARDUIN
rasch.
Kommen Sie, Ambros, wir wollen die Masken vornehmen und wollen Publikum sein wie die anderen! Ich wittere Abenteuerluft.
AMBROS
Verzeihen Sie, Hoheit, wenn ich es vorziehe, mich zu entfernen, obwohl ich auch früher nur Publikum war. Aber für mich war dieses Fest eben inhaltsreich genug.
825
ARDUIN
Nun, so leben Sie wohl, Ambros. Wir werden uns voraussichtlich längere Zeit nicht wiedersehen. Heute nacht schlafe ich wohl das letztemal in dem – einstigen Palais Perosa.
AMBROS
Und morgen?
ARDUIN
Ich weiß nicht. Jedenfalls in einer anderen Gegend. Adieu, Ambros Doehl. Wie hieß das kleine Fischerdorf?
AMBROS
Gilleleije, mein Prinz.
ARDUIN
Das klingt hübsch – nach Märchen, Abenteuern und Versen. Ich will's mir merken.
Er nimmt die Maske vor, geht links ab, Ambros rechts.
Bewegung im Hintergrund dauert fort.
AURELIE, GYSAR.
830
AURELIE
sich im Tanz seinen Armen entwindend.
Es ist genug, Gysar, ich kann nicht mehr.
GYSAR
Welch ein Tanz war das, Gräfin! Ich werde ihn nie vergessen.
AURELIE
Nun möchte ich allein sein, Gysar.
GYSAR
nach Verneigung.
835
Darf ich Sie erinnern, Gräfin, daß Sie mir noch Antwort auf eine Frage schuldig sind?
AURELIE
Was frugen Sie nicht alles! Ich weiß nicht mehr.
GYSAR
Es war immer die gleiche Frage. Soll ich sie wiederholen?
AURELIE
Kaum nötig, da ich doch offenbar zur Antwort nicht gelaunt bin.
GYSAR
So will ich nicht mehr fragen. So sprech' ich's einfach aus. Ich will Ihr Bildnis malen, Gräfin. Es ist keine Frage und keine Bitte mehr. Sie sollen es nur wissen, Aurelie, ich werde Ihr Bild malen.
840
AURELIE
Sie sind verwegen, Gysar.
GYSAR
Man muß es wohl sein – wenn der Sinn eines Lebens auf dem Spiel steht.
AURELIE
Man darf behaupten, daß Ihr Leben schon öfters seinen Sinn gewechselt hat.
GYSAR
Die Bilder, die ich bisher gemalt habe, bedeuten nichts, weniger als nichts. Heute weiß ich's. Ich schäme mich meines Ruhms. Alles, was ich geschaffen, sollte ausgelöscht werden, die Welt wäre darum nicht ärmer – und ich vielleicht glücklicher.
AURELIE
Wenn Sie sich immer so heftig gebärdeten um ein neues Porträt, so dürfte sich die Mühe selten gelohnt haben.
845
GYSAR
Habe ich jemals bitten müssen? Ich hatte die Wahl unter Hunderten, unter Tausenden. Warum entschied ich mich für die oder jene? Es hätte immer auch eine andere sein können. Die Frauen waren danach und die Bilder nicht minder. An dem Ihren erst, Aurelie, vermöchte ich der zu werden, der ich bin.
AURELIE
schweigt.
GYSAR
Wann darf ich Ihr Bild beginnen?
AURELIE
Es ist jetzt nicht die Stunde, davon zu reden.
GYSAR
Eben jetzt. Es ist vielleicht die letzte. Sie sind verlobt. In der nächsten Stunde schon könnte man es Ihnen verbieten.
850
AURELIE
Was für ein Geck Sie sind.
GYSAR
Es ist nicht meine Schuld, Aurelie, daß Ihnen die Bitte des Künstlers nicht anders klingt, als das Werben des Mannes.
AURELIE
Gehen Sie, Gysar.
Man sieht Falkenir kommen.
GYSAR
Ich schwöre Ihnen, Aurelie, daß ich kein Bild beginnen werde, ehe ich das Ihre vollendet habe.
Er geht.
AURELIE, FALKENIR.
AURELIE
ihm entgegen.
855
Nun endlich, Falkenir, unser Tanz.
FALKENIR
Die Musik ist verstummt.
AURELIE
Wahrhaftig, sie klang mir im Ohr noch weiter. Nun, um so besser, daß sie verstummt ist, so können wir plaudern, Falkenir. Von der Zukunft lass' uns reden. Wo werden wir leben –? Dich zieht's wohl nach Rom? Gern, Falkenir, gern. Im Herbst wollen wir hin. Aber im Sommer werden wir reisen. Nicht wahr? Und wann soll die Hochzeit sein?
FALKENIR
mild.
Genug, Aurelie, ich will dich nicht länger Worte sprechen hören, die nun sinnlos geworden sind.
860
AURELIE
Was – sagst du, Falkenir?
FALKENIR
Nichts anderes, als was du selbst fühlst, Aurelie. Wir werden nicht Hochzeit halten.
AURELIE
Ich träume wohl?! Oder du scherzest? Seltsamer Scherz, wahrhaftig. Ich sollte dir böse sein. Weil ich mit den anderen tanzte? Und du warst es, Falkenir, der es mir geradezu befahl. War es mir nicht gleich, ob mich der oder jener im Kreise schwang? Tanzte ich anders, als du mich sonst tanzen gesehen? Häßlicher, frecher als andere Frauen?
FALKENIR
Du hast so schön getanzt wie nur je. Schöner als je. In deinem Tanz erst verstand ich dich völlig. Mir war's, als sähe ich heut in deinem Tanz dich selbst zum erstenmal.
AURELIE
So sollte es eine Prüfung sein? Ist dies deiner würdig – oder meiner, Falkenir?
865
FALKENIR
Keine Prüfung, Aurelie. Vielleicht – ein Zeichen.
AURELIE
Wenn es noch eines Zeichens für dich bedurfte, wie fiel es dir ein, um mich zu werben?
Vergib. In jener Stunde wußt' ich kaum noch, wie viel, was du mir bedeutest. In der Entfernung erst, von Tag zu Tag immer tiefer, ward ich mir meiner Liebe, meiner Kühnheit, meines Unrechts bewußt. Ich beruhigte mich an der schmerzlich tröstlichen Überzeugung, daß deine Wahl unmöglich auf mich fallen könnte. Als es doch geschah, ging die Verheißungeines unfaßbaren Glücks – ich verbarg es dir nicht – in ahnungsvollem Bangen unter. Ich war entschlossen, dir eine neue Bedenkzeit vorzuschlagen. Nun braucht es keine mehr. Es ist über allem Zweifel: wenn es zwei Menschen auf Erden gibt, die ihr Schicksal nicht aneinanderknüpfen dürfen, so sind es du und ich, Aurelie.
immer heftigere Bewegung.
Und hast um mich geworben und standest heute da – und ich erwählte dich!
870
FALKENIR
Daß du glaubtest, wählen zu müssen – heute oder irgend einmal – daß es dir als dein vorbestimmtes Los, als deine Lebenspflicht erschien, Einen zu erwählen unter Dreien, unter Hunderten, der dein Gatte, dein Herr sein sollte, das war dein Irrtum; das war der Zwang, unter den du dich gestellt glaubtest. Unter den hüllenden Vorurteilen deiner Geburt, deiner Erziehung verbarg sich dein wahres Wesen – auch vor dir. Du kanntest dich selbst noch nicht, Aurelie, du hattest noch nicht den Mut zu dir. Nun sollst du dich nicht länger über dich täuschen. Glaube mir, Aurelie: Wärst du, von allem äußeren und inneren Zwang befreit, deinem tiefsten Drange gefolgt, schon von diesen ersten Tänzen, die dich mir entführten, wärst du nicht mehr zurückgekehrt –.
AURELIE
Falkenir –!
FALKENIR
Nicht hieher, nicht zu mir! Wärst davongewirbelt, davongeflogen – weiß Gott, wohin.
AURELIE
Was fällt dir ein, Falkenir, daß du mich so beschimpfest?!
FALKENIR
Das ist kein Schimpf, Aurelie. Huldigung ist's – vor der, die du bist, ohne es geahnt zu haben. Vor der Vielfältigen, Unerschöpflichen, Herrlichen, die geschaffen ist, sich zu verschwenden und in aller Verschwendung sich im Innersten stets zu bewahren. So ahnt' ich dich längst, so sah ich dich heute, Aurelie, so bist du. Wie schwebtest du dahin, unbekannten Fernen zu, nach denen ein flügelnder Drang in deinen gleitenden Schritten, von denen ein geheimnisvoller Abglanz in deinen verdämmernden Blicken, ein sehnsüchtiges Ahnen in deiner aufgeschlossenen Seele ward. Begreif' es nur, Aurelie, und freue dich: alle diese Fernen sind dein, und weit offen stehen dir die Tore in die Welt.
875
AURELIE
Und so stößt du mich hinaus – –?
FALKENIR
Nein, Aurelie, ich löse meine Hand aus der deinen – und zeige dir den Weg.
AURELIE
– Läßt mich allein?
FALKENIR
Ich gebe dir die Freiheit wieder – zu werden, was du bist, Aurelie.
AURELIE
nach einer Pause.
880
So lass' uns denn scheiden. Leb' wohl, Falkenir.
Als wendete sie sich zum Gehen.
FALKENIR
Nicht also, Aurelie.
AURELIE
Wie anders, Falkenir?
FALKENIR
Du hättest mich furchtbar mißverstanden, wenn du in Bitterkeit von mir gehen wolltest.
AURELIE
Wie wir voneinander gegangen sind, das werden wir vielleicht später einmal wissen.
Wie oben.
885
FALKENIR
Es gäbe doch noch so manches – vieles noch, Aurelie, gibt es zu besprechen zwischen dir und mir. Dies ist freilich nicht die Stunde und nicht der Ort dazu. Aber du gewährst mir wohl noch eine Unterredung, ehe wir – Abschied voneinander nehmen.
AURELIE
Wozu? Ein Gespräch wie dieses in gespielter Harmlosigkeit, als – gute Freunde wieder aufzunehmen – hieße das nicht diesen Abschied entweihen, Falkenir?
FALKENIR
nach einem Schweigen.
Wir werden uns wiedersehen.
AURELIE
Das ist gewiß möglich. Aber wir sollten es nicht wünschen – beide.
890
FALKENIR
Aurelie!
AURELIE
Lebe glücklich, Falkenir.
Sie reicht ihm die Hand.
FALKENIR
ergreift ihre Hand, küßt sie und geht.
AURELIE
eine Weile regungslos, plötzlich entschließt sie sich, zu gehen.
MAX
kommt ihr entgegen, am Teich, will sie begrüßen.
895
AURELIE
ihn erblickend, greift unwillkürlich nach ihrem Hals, löst ihren Schmuck, wirft ihn in den Teich.
MAX
Also doch abergläubisch, Gräfin?
AURELIE
antwortet nichts.
MAX
Was ist Ihnen? – Sie sind allein –? Was ist geschehen, Gräfin?
Sieht rings um sich.
900
Sollte ich am Ende – in irgendeiner Weise schuld sein?
AURELIE
schüttelt den Kopf.
Sie haben weder einen Anlaß, sich Vorwürfe zu machen, noch sich etwas einzubilden.
Sie wendet sich zum Gehen.
MAX
bestimmt.
Verzeihen Sie, Gräfin, so lass' ich Sie nicht fort. Wo ist Herr von Falkenir? Gibt es hier ein Mißverständnis? Offenbar. Verfügen Sie über mich.
905
AURELIE
Es gibt nichts, gar nichts.
MAX
Sie sind verstört, Gräfin Aurelie. Ich darf Sie nicht allein lassen.
AURELIE
verloren lächelnd.
Sie haben Angst um mich, Herr von Reisenberg?
MAX
Das Fest ist zu Ende. Erlauben Sie, Gräfin, daß ich Sie zu Ihrem Wagen führe.
910
AURELIE
allmählich den Ton ändernd.
Warum? Ich bin wenig gelaunt, nach Hause zu fahren.
MAX
Der Park leert sich, die Lichter verlöschen, die Musik ist aus.
AURELIE
Schade. Es war ein so schönes Fest.
MAX
Ja, das war es. Ein seltsames, ein märchenhaftes Fest.
915
AURELIE
Finden Sie, Herr von Reisenberg? Wie mögen wohl die Märchen ausgehen, die nicht mit Hochzeit enden?
MAX
Sie enden alle mit Hochzeit. Es dauert nur manchmal eine Weile bis dahin. Und es gibt Abenteuer zu bestehen auf dem Weg.
AURELIE
Gefährliche Abenteuer.
MAX
Auch harmlose. Und fröhliche. Am Ende aber, unfehlbar, kommt die Hochzeit.
AURELIE
Oder der Tod.
920
MAX
Ein Märchentod, das wird wohl nichts so Schlimmes sein.
AURELIE
Sehen Sie doch, das Fest dauert fort. Oder fängt gleich wieder ein neues an? Dort zwischen den Bäumen leuchtet's von Fackeln.
MAX
Das sind keine Fackeln, Gräfin, das ist das Morgenrot.
AURELIE
Ist der Morgen so nah –?
MAX
Ein Frühlingsmorgen.
925
Leise, zögernd.
– Aurelie.
AURELIE
Ja, er duftet nach Flieder.
MAX
Was nach Flieder duftet, das dürfte wohl dieser Zweig sein.
Zögert.
930
Er gehört Ihnen, Aurelie. Für Sie habe ich ihn aufbewahrt. Ich wußte, daß ich Ihnen heute noch einmal begegnen würde.
AURELIE
Wußten Sie das wirklich?
Nimmt den Zweig.
Ich danke Ihnen. Und nun Adieu. Ja, nun will ich fort. Nicht nach Hause, irgendwohin ins Freie.
Drückt ihr Gesicht an den Fliederzweig.
935
Wollen wir eine Spazierfahrt ins Freie machen, Herr von Reisenberg?
MAX
sehr bewegt, verneigt sich.
AURELIE
… Hinaus in den Frühlingsmorgen … Oder haben Sie Angst?
MAX
unsicher lächelnd.
Aurelie!
940
AURELIE
wieder ernst.
Vielleicht hätten Sie recht. Man kann nicht wissen.
MAX
Und wär's der Tod. Eine Fahrt in den Frühlingsmorgen mit Ihnen, Aurelie – das wäre wohl nicht weniger wert.
AURELIE
den Fliederzweig an den Lippen, blickt auf Max mit einem fernen Lächeln.
Kommen Sie!
Sie geht.
945
MAX
nach unmerklichem Zögern folgt ihr.
Bühne leer. Das letzte Licht vor dem Schloß erlischt.
Vorhang.

(Arthur Schnitzler: Komödie der Verführung in drei Akten. Berlin: S. Fischer1924. (S. 5–264.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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