Traumstück

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Traumstück (1923)

Uraufführung1924

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Unbenannter Akt

Dichter
im Schreibstuhl
Vergebens stürmten Kraft und Leidenschaft
in das Verlies der Welt; von kahlen Wänden
hohl wiederholt die Antwort alles Wort
5
und hallt ins Nichts. Von so viel Glut nur Rauch,
Nahes vernebelnd, Fernes noch entfernend;
und so viel Blut verrann und trocknen Fußes
drängt alles Überlebende ans Ziel,
das jede Hand, die zugreift, fassen kann.
10
Wo blüht ein Wort, ein Kuß, ein Hauch des Lebens,
der zeitgeschändet nicht den Gott verklagt?
Nie ist Gewalt am Ende; unbezähmbar
bewältigt sie Natur, der Stoff den Geist,
der tausendmal am Kreuz verendend seufzt,
15
warum, warum ihn Jener denn verlassen!
Was will ich dieser Welt? Sie will es nicht!
Sie weiß es nicht einmal, sie hört es nicht,
und immer wieder will ich, immer weiter.
Wann kürzt den Weg sie mir? Sie selbst ist nichts
20
als Hindernis und hindert trotzdem nicht,
so unermüdlich gegen sie zu wollen.
Wie neid' ich alle, die am Tag befriedigt
und denen er gefällt. Wenn Leere gähnt,
so öffnet sich ein Mund und singt dazu,
25
und mahnt die Zeit, so kann man sie vertreiben.
Ich bin zu lebenslänglich langer Weile
hier ausgesetzt und harre auf den Schluß.
Dem Drama fehlt die Handlung, nirgend schürzt sich
ein andrer Knoten als des Götterfluchs,
30
vorläufig und einstweilen da zu sein
und warten auf die Rückkehr zur Natur.
Was kürzt die Wartezeit? Unsägliches
zu sagen, Unerhörtes taubem Ohr
noch einmal anzutun und immer wieder.
35
Und immer wird zum Inhalt solcher Botschaft,
daß eine Welt, die sie empfangen soll,
sie nicht empfangen will, wenn sie's vermöchte.
Verirrter Drang, die Seelen aufzureißen
mit einem Schrei, daß sie verschlossen sind!
40
Was Menschen sind, verhindert sie zu hören,
daß sie nicht Menschen sind. Nur mich allein
verhindert's nimmer, ihnen es zu sagen.
Und labyrinthisch immer angelockt,
find' ich zum Ausgang nicht und nicht zurück.
45
Gefangen in der Zeit, pocht dies mein Herz
an ihre Wände, daß sich Gott erbarme,
und sehnt sich nie nach seinen Wundern aus
und sucht die Deutung dieser Lebensdinge,
des unlebendig wirren Wesenlosen,
50
worin ich schlafe, bis ich einst erwache,
im holdern Unmaß zwischen Tag und Traum.
O ausgespannter Sinne Gnadenreich,
worin Gewalt mit hundertfachen Messern
zum Sinn wird, der kein andrer als des Spiels,
55
und hundert Fratzen, die dem Blick zur Qual
im Schein der Sonne leben, rätselhaft:
so vorgestellt der Nacht, sich freundlich neigen
und reihen sich zu ruhevollem Reigen.
Und führen alles, was in Stunden peinigt,
60
auf jenen zeitlos abgemessnen Plan,
wo Nähe fernt und alle Fernen nahn
und jede Vielheit sich im Wort vereinigt.
Gefahr wird Fährte dir durch Brand und Flut:
in hundert Höhen als ein Flaum geflogen,
65
wie bist du anders, leichter dir gewogen,
dein Unruhvolles ruht in guter Hut.
Und nun vermutend dich des Ungewissen,
hast du dir die Meduse zugewendet,
vollendend, was sich niemals dir vollendet,
70
emporgerichtet an den Hindernissen.
Was du von altersher dir mitgebracht,
das kann auf diesen Wegen nicht veralten:
hier wird dir leben, schaffen, umgestalten
den Traum von tausend Tagen eine Nacht.
Halbschlaf. Drei Masken im Raum. Gesichter der Nachkriegszeit, die zwinkernd, ihre Züge verändernd, wechselseitig in einander übergehen.
75
Die Drei
Nichts kann sich ändern als eben das.
Was immer geschah, was immer geschah,
die da sind da zu sein, die sind da.
Du hast doch immer, du hast doch immer
in diesem unverschlossenen Zimmer
80
die Aussicht auf uns und wir einen Spaß,
wir haben den Spaß und du hast den Haß,
was immer geschah, was immer geschah,
nichts kann sich ändern als eben das.
Die da sind da zu sein, sind da.
Ein toter Soldat ohne Kopf, an ihm empor ein Gürtelpelz ohne Kopf, mit einem Fuß auf dem Leichnam.
85
Der Gürtelpelz
Ihr fielt und wir stehn auf demselben Boden,
wir schreiten vorbei an den mahnenden Malen,
wir wirken den Wechsel von Toden und Moden,
wir fachen das Fieber von Zahlen und Qualen.
Es waren Momente und Episoden.
90
Denn dies ist Entwicklung und Vorwärtsschreiten,
der Plumpsack geht um, aber schlank in der Mitten.
Wir sind das Modell dieser blutigen Zeiten,
die Welt ist in die Taille geschnitten.
Ihr strittet, wir teilen ohne Streiten,
95
andere Zeiten, andere Sitten.
Was liegt, kann uns keine Sorge bereiten,
wir haben es getan, ihr habt es gelitten.
So rasend wie wir vier Reiter reiten,
keine Post, keine Pest kam rascher geritten.
100
Es starben die Zahlen, wir leben die Zahlen.
Wir treten zu Tänzen, wir tanzen zu Toden,
dank Generalen und Kardinalen,
es welken die Herzen und Hirne und Hoden
im Heldenkampf und in Hurenlokalen.
Sie verlöschen. Feldherr, Techniker, Journalist Arm in Arm.
105
Feldherr, Techniker, Journalist
Wem es gelang, sich vor uns zu verbergen,
preist unsre Tat.
Wir sind der Nichtswürdigkeit blutige Schergen,
wir säten des Satans Saat.
Auf meinen Wink ward das Blut vergossen.
110
Meine Kugel saß wie angegossen.
Ich brachte den Schlachtbericht durchschossen.
Sie verlöschen. Ein tuberkulöses Kind erscheint.
Tuberkulöses Kind
Der Kaiser hat meinem Vater befohlen,
früher zu sterben, als er hat müssen,
Das hat der Mutter das Herz zerrissen.
115
Drum hat auch sie früher, als sie hat müssen,
ins Gras gebissen.
Sie wußte nicht, wo Brot zu holen.
Der Bruder brachte ein Andenken mit,
er sagte, es war aus Ekrasit,
120
das hat den andern Bruder zerrissen,
weil er hat damit spielen müssen.
Die Schwester war als Hilfskraft im Feld
und schickte manchmal auch Geld.
Doch wurde sie von den Offizieren geneckt
125
und von einem außerdem angesteckt.
Weiß nicht, wie es ihr jetzt geht,
und weil ich klein bin, soll ichs nicht wissen.
Noch mangelt es dazu des Verstands,
so sagte neulich der Herr Katechet,
130
da er erwähnte dieses Falles,
doch es geschah ja alles,
sagt er, zu Ehren des Vaterlands.
Sie haben es, sagt er, bunt getrieben,
doch war es eine große Zeit.
135
Da bin ich im Wachstum zurückgeblieben.
Und habe kein Winterkleid.
Auch fehlt es an Kohlen,
den Feind, sagt der Katechet, soll der Teufel holen,
denn er, sagt er, hat es auf dem Gewissen.
140
Doch wenn wir auch sitzen bei einer Kerzen,
so haben wir doch alle den Kaiser im Herzen.
Bald komm ich fort aus diesen Finsternissen.
Es erlischt. Die Valuta und der Zinsfuß Foxtrott tanzend.
Valuta und Zinsfuß
Nichts trägt das Erinnern
den Kriegsgewinnern.
145
Alles fiel zu Gefallen
Hyänen, Schakalen.
Die Krone, die Leiche
dem Totentanz weiche.
Parfüm für die Nase
150
aus giftigem Gase.
Nach Leben sich sehnen
Schakale, Hyänen.
Hinweg, was gewesen.
Es tanzen Prothesen.
Sie verlöschen.
155
Dichter
Herr, gib in diesem Blut- und Koterbrechen
mir eine Ahnung deiner Ehre
und laß in diesem Weltenmiserere
mich aus dem Schlaf die Sprache sprechen!
Er entschläft. Eine Landschaft mit phantastischen Formen und Farben. Der Träumende langt im Flug auf einer Baumkrone an.
Baumkrone
Was fällt ihm ein?
160
Dichter
Er selbst!
Kurz ist das Glück,
doch find ich gleich den nie geschauten
Falter, ein seltnes Stück,
dem himmelblau die Flügel blauten
165
und Perlen rechts und Perlen links am Rand,
oh es ist jener, den ich nicht gekannt,
ich kenn ihn schon, wo war er denn versteckt,
am besten ists, ich nehm ihn in die Hand.
Kurz ist das Glück. Wenn mich nur nichts erweckt.
170
Wir haben Flügel und sind leicht erschreckt.
Was zitterst du wie ich, mich faßt dein Beben,
ich ward zum Schicksal diesem armen Ding!
Von meinem Anblick wund, entflog der Schmetterling –
ich hafte endlos für dies junge Leben,
175
und allem, was mir wohlgefiel, verhaftet –
fühl ich mich unfrei, nimmer dennoch werde
ich zu dem Stück in eurer Sklavenherde
und nimmer tu ich, was ihr schafftet:
zu schlafen unter Sklaven, unter Schafen,
180
ja haltet mich, ich halte diesen Witz,
ein kostbarer Saphir, ein Ehrenstein,
im Traum fällt einem doch auch so was ein,
bis morgen – nehmt von meinem Leib Besitz,
nicht von dem Witz, er fürchtet keine Strafen!
185
Oft, weiß ich, wird ein Nichts von einer Wendung
geschlossnen Augs zu Wert und Augenblendung,
doch dieser Witz, zerstiebt er nicht bis morgen,
zerstäubt zu nichts die schwerste aller Sorgen.
Nur eine bleibt, die um das Wort links oben,
190
die Wahl war schwer, ich habe sie verschoben –
verfolgt ihr mich mit meinem Hasse,
ich nenne eine Katze eine Katze –
schon ist sie fort mit einem Satze
und aus dem Sack – der Freiheit eine Gasse!
195
Denn Sätze baun
heißt dem Teufel, dem Zweifel vertraun –
auch unten rechts war eine Ritze,
da ist noch Raum für den rarsten aller Witze,
nein, dieses Wort klingt unerfreulich,
200
das andre her, es kühlt so bläulich,
nun packts mich an und läßt mich nicht mehr los,
im Zweifelsfalle fall ich in den Schoß
des Mädchens, das so stark nach Schierling roch,
sie fing vom Fenster mich, an dem sie saß,
205
kein Wunder, daß ichs seither nicht vergaß,
ich riech es ja wie damals noch.
Ich bin im Traum, schon drucken mich die Alben,
sie wissen mehr: aufs Ganze gehn die Halben.
Zwar ist es wahr, die Zeit riecht nach der Zeitung,
210
doch geb ich keinen Deut für jene Deutung!
Er stürzt durch das Geäst, sich auf der Erde findend. Er beugt sich übers Gras.
Polizisten legen Hand an ihn
Sie entspringt
Die Psychoanalen
Die Landschaft löst sich auf.
215
Man färbt jetzt die Bäume,
wir töten die Träume,
wir treten durchs Tor.
Es welken die Wiesen,
es gibt Analysen,
220
uns macht man nichts vor.
Was immer Sie schaffen,
wir werden es erraffen,
wir kennen den Leck.
Wie Sie immer sich wenden,
225
in unseren Händen
ist alles ein Dreck.
Dort unter der Schwelle,
dort machen wir helle
und leuchten euch heim.
230
Was immer sonst schön is,
von uns anders gesehn is
und gibt einen Reim.
Geht wo eine Minna
vorüber, bitt Ihna,
235
wir kennen sie gut.
In Kenntnis des Falles
läßt reimen sich alles,
was sich da tut.
Der dort und die do
240
haben eine Libido,
wir wissen es wohl.
Er reicht ihr ein Messer,
wir wissen es besser,
es war ein Symbol.
245
Muß eine stets niesen,
da ist bald bewiesen,
wie sie dazu kam.
Sie war als Säugling im Zimmer,
als der Großvater immer
250
die Großmutter nahm.
Und gar zu verdammen
sind vollends die Ammen
mit ihrer Brust.
Herzblättchen vertreibt sich
255
die Zeit und beweibt sich,
doch unbewußt.
Wie die Kinderchen spielen,
die lieben Nekrophilen,
das ist uns ein Fest.
260
Doch wenn die Mutter am Leben,
so kann es ergeben
einen schönen Inzest.
Da kann jeder drin wühlen
und im Infantilen
265
wird er Fachmann und Fex.
Weil ihm viel dazu einfällt,
wenn er uns nur hereinfällt
auf den Vaterkomplex.
Selbst vom Neffen zum Ohme
270
sind häufig Symptome,
die uns nicht entgehn.
Der Komplex ist ganz mächtig,
wers nicht sieht, ist verdächtig,
man wird doch da sehn.
275
Zwar nicht kurieren,
doch aus dem Punkte studieren
läßt sich dieses Weh.
Wir sind die Gescheiten:
was soll es bedeuten,
280
wir wissen es eh.
Zwar gibts keine Wandlung,
aber eine Behandlung
oder wie man es nennt.
Wir können nicht hexen,
285
doch es hat an Komplexen
sein' Freud der Patient.
Er hat seine Beklemmungen
und hauptsächlich Hemmungen,
das gehört doch dazu.
290
Hat er eh einen Ekel,
so drückt ihn der Stekel
und nicht mehr der Schuh.
Ihn krank zu bewahren
bis in hundert Jahren,
295
es ist uns ein Spiel.
Sind Satyrn und Sylphen
Zwangshandlungsgehilfen,
bleibt er schön infantil.
Man glaubt, daß Gedichte
300
der Genius verrichte,
das ist blauer Dunst.
Privat onanieren
und für die Welt sublimieren,
no ist das eine Kunst?
305
Die dichterischen Nöte,
ich bitt Sie der Goethe,
Sie ahnen es nicht!
Was da schlecht verdrängt ist,
aber gut eingezwängt ist –
310
und das nennt man Gedicht!
Rief der Lehrling die Geister,
ward er naß, das beweist er,
bis auf die Haut.
Wer sich so aufgeführt hat
315
und hernach sublimiert hat,
wird als Meister durchschaut.
Wer schwach auf der Brust ist
und überhaupt unbewußt ist,
dem wird nichts geschenkt.
320
Wir sind da mit Neurosen,
denn mit alten Hosen
wurden schlecht wir verdrängt.
Haben Sie Unterbewußtes,
so gereicht uns zur Lust es,
325
was Ihnen zur Qual.
Aber Gott soll Sie hüten
vor Märchen und Mythen.
Es war einmal.
Wer nicht abreagiert hat
330
oder sonst sich geniert hat,
zahlt fürchterlich drauf.
Mit Traumen und Träumen
gilts aufzuräumen.
So wachen Sie auf!
335
Wenn wir ordinieren,
das Abreagieren
auf uns sich erstreckt.
Bei der Beichte wir büßen,
genießen und süßen
340
den eignen Defekt.
Durch Lupen und Linsen
läßt Kraft sich begrinsen
und was euch beseelt.
Und beim Analysieren
345
wird man weniger spüren,
woran es uns fehlt.
Wird von euch nichts bleiben
als etwas zum Speiben,
dann seid ihr wie wir.
350
Was unsereins verschreibe,
es ist doch beileibe
uns selbst ein Klystier.
Es bleibt unser Kodex:
der Mond ist ein Podex,
355
der Komet ist ein Glied.
Vom Plus ist zu zahlen
den Psychoanalen,
vom Bauch kommt das Lied.
Sie lösen sich auf.
Dichter
Zu Hilfe! Helft mir aus der Klarheit,
360
nicht aus dem Traum!
Und haltet mir vom Traum die Diebe!
Sie rauben mir den Rest von Wahrheit
und Liebe,
den ich gerettet kaum
365
aus einem Leben, das nach Nächten zählt,
worin, von diesem Schein gequält,
ich unter dem Gelichter schreibe.
Mein Traum,
o übertreibe
370
mir Lust und Witz,
erneure mir und gib mir zum Besitz
den Weltenraum!
Der Schauplatz ist wieder das Zimmer. Ein Bild tritt aus dem Rahmen und spricht zur Musik jenes Flüsterchors, der das Auftreten der Olympia bei Offenbach begleitet:
Imago
Bevor wir beide waren,
da haben wir uns gekannt,
375
es war in jenem Land,
dann schwand ich mit dem Wind.
Dann flog ich mit der Zeit
und keinem ließ ich Ruh
und blickte stets dir zu
380
und immer war ich fort.
Und immer war ich da,
ich schenkte, was du schenkst,
du denkst, weil du mich denkst,
ich gab mich überall.
385
Du nimmst mich überall,
ich bin im Lebensqualme,
ich sprieße aus dem Halme,
die Welt hat meinen Blick.
In einen Hund verliebt,
390
in jede Form vergafft,
mit jeder Leidenschaft
ist mir dein Herz verbunden.
Vor jeder Melodie,
die dir ein Bettler spielt,
395
stehst du tief eingewühlt
und nennest meinen Namen.
Ich schwand und schwand dahin
im süßen Michverschwenden,
um nimmermehr zu enden
400
in deinem Dank dafür.
Und reiner taucht mein Bild
aus jeglicher Verschlingung,
wie du aus der Durchdringung
der Erde steigst empor.
Sie erlischt.
405
Dichter
Was klopft das Herz vor ungewisser Zeitung?
Geräusch
Ich bin ein Tropfen aus der Wasserleitung.
Eine Zeitung erscheint.
Der Traum
Sieh sie nur an, es ist ein totes Aas
und macht dich Müden so lebendig,
daß selbst die Tote in- und außenwendig
410
belebt dies ungewohnte Übermaß.
Hier ist nur eine Neuigkeit dem Volke
und keine große, niemand merkt die Spitze,
und du entreißest hundert blanke Blitze
der unbeachtet öden Nebenwolke.
415
Du überspannst die minimalsten Räume,
und hast du so den Horizont entblößt,
da lebt noch einmal alles was verwest,
du übertreibst viel besser als wir Träume.
Erwach getrost, du kannst nicht unterliegen
420
und je gemeiner sie und ihresgleichen,
nahst du dem Stoff, so wird er wankend weichen
und du wirst leicht noch über Sieger siegen.
Es muß und wird derselben Wortmacht glücken,
die solche Mücken macht zu Elefanten,
425
dort wo sie wild in eure Rennbahn rannten,
die Elefanten abzubaun zu Mücken.
Kein bessrer Trost: du darfst im Worte leben,
so überlebst das Leben du im Wort,
und alles was dich anruft da und dort,
430
wird rückzurufen neue Stimmen geben.
Dies Element bleibt unerreicht vom Tod
und bietet Trotz der ganzen Weltvernichtung.
Wird dir der letzte Dreck zur Dichtung,
hat's mit dem Dichter keine Lebensnot.
435
Im Taggekribbel achte nur der Milbe,
was macht es, daß sie's selber nicht versteht:
du bleibst am Leben, das im Tod vergeht,
du lebst im Wort und stirbst an einer Silbe.
Der Traum versinkt. Von draußen Teppichklopfen. Erwachen.
Dichter
Der Tag ist da, ich höre schon das Krachen,
440
es weckt mich und ich hab noch nicht geschlafen.
Mir gilt wie stets die furchtbarste der Strafen.
So träum ich rasch noch ein Naturerwachen.
Schlägt hier das Herz nicht nach dem andern Schlag?
Die Dämmerzeit von diesem dumpfen Leben
445
wird solcher Traum in helle Klarheit heben
und er erklärt mir diesen Tag.
Was rumort mir im Ohr mit verschworener Kraft,
was donnert und dröhnt in der Nachbarschaft?
Alle Dienstleute haben sich aufgerafft
450
und zwingen – ists Wahrheit, ists holder Wahn? –
die Diebsleute, denen sie untertan,
die Teppiche in den Hof zu tragen,
den Staub zu schlucken und fortzuschlagen,
bis sie selbst, gewohnt sich selber zu rackern,
455
mit den bis heute unnützen Prackern
sich endlich an ihre Peiniger wagen.
Löst diese Plage von der alten Plage?
Ist heut der Tag, wo jener Wechsel fällt?
Ist es der Auftakt neuem Stundenschlage?
460
Und bleibts hernach die alte wehe Welt,
so wars ein Fest doch und Entschädigung,
und diese dort sind auch nur einmal jung,
und Hoffnung gibts doch auf Veränderung,
wenn jenen, die vom Haben, nicht vom Sein
465
die Herrn der Welt, man macht die Rechnung rein.
Weib, Kind und Tier, Natur erringt ihr Recht,
fällt jener Zwecktyrann und Mittelknecht.
Er nennt's Kultur und braucht's allein,
nur schmutziger als jedes Schwein zu sein.
470
Und gab die Welt ihr Blut, um zu erhalten
den Idealbesitz der Mißgestalten?
Wär' hier Gewalt nicht frommen Werkes Walten?
Frommt der beraubten Welt des Räubers Ruhe?
Wann ruft Natur zu reiner Rache Schwur!
475
Wann endlich putzt das Pack Proletenschuhe,
die schmutzig sind vom Tritt in die Kultur!
O Gott, wenns einmal so ans Fenster dröhnt,
dann weiß ich erst, wofür das Blut vergossen,
dann erst, wofür der Mütter Tränen flossen –
480
und mit dem Leben bin ich dann versöhnt!

(Karl Kraus: Traumstück. Geschrieben zu Weihnachten 1922. Wien – Leipzig: Verlag ›Die Fackel‹ [1923]. (S. 1–23.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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