Der Pudelhund

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Figurenkonstellation

Karl Eckartshausen

Der Pudelhund (1800)

Ein Lustspiel in einem Aufzuge

SchauplatzDie Handlung geht vor in dem Schloße des B. Adolphs und der Gegend desselben.

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Erster Auftritt.

Das Theater stellt eine Gegend des Dorfes vor.
Lindenberg. Anton.
Anton.
Guten Tag, Herr Lindenberg!
Lindenberg.
Für mich sind die guten Tage alle vorüber. Wünsch' mir eine gute Nacht, Junge! denn ich möchte schlafen – ewig schlafen.
Anton.
Schon wieder traurig?
Lindenberg.
Ja, traurig, und sehr traurig. Wahrlich! ich habe keine Ursache fröhlich zu seyn. O guter Junge! glücklich du, wenn du nicht fühlst – noch glücklicher, wenn du nicht liebst.
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Anton.
Ach, Liebe macht die Glükseligkeit eines Menschen. Ohne Liebe könnte Anton nicht leben. Ich will und ich muß lieben.
Lindenberg.
Wenn du lieben willst, so liebe Gott und die Natur, aber keine Geschöpfe, wenn du auf Gegenliebe rechnest. Du findest auf dieser weiten Erde kein Wesen, das dich mit Gegenliebe lohnt. Feinere Empfindungen sind nicht für diese Welt. Weist du was? – Wenn du ein Herz hast, so laß dir dieses Herz heraus reißen, zerstückle es in 4 Theile, und schicke einen nach Aufgang, den andern nach Untergang, und die beyden andern nach Mittag und Mitternacht, und freue dich dann, daß du deines Herzens los geworden bist, denn die Menschen werden dich quälen.
Anton.
Ah, das will ich wohl bleiben lassen.
Lindenb.
Wenn du das nicht willst, so wünsch ich dir, daß sich dein Herz in Stein verwandle, damit es die Ungerechtigkeiten nicht fühle, mit welchen die Menschen deine Liebe lohnen.
Anton.
Was ist Ihnen denn wiederfahren, Herr Lindenberg, daß Sie so äußerst aufgebracht sind?
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Lindenb.
Aufgebracht! Da betrügst du dich; aufgebracht bin ich nicht; aber ich leide, und kann Niemanden meine Leiden klagen. Nur die Natur ist theilnehmend an meinem Schmerze; mütterlich gütig nimmt sie mein Thränen auf, und ohne Vorwürfehört sie meine Klagen. Ich spreche mit Bäumen und mit Blumen, und es däucht mich, als antworteten mir Bäume und Blumen, und flüsterten mir Trost zu, den ich vergebens bey Menschen suche. Ich fürchte mich ordentlich, wenn ich eine Menschengestalt sehe. Merke dir das, Junge! Unter tausenden ist nicht einer, der denkt und fühlt. – Wenn du schreiben kannst, so schreib dir diesen Satz in deine Schreibtafel, und wenn du Kinder hast, so lehre sie früh diesen Satz, damit sie nicht betrogen werden. – Leb wohl.
Anton.
Aufschreiben will ichs, aber fort dürfen Sie mir nicht. Wenn unter hundert tausend nicht einer ist, der denkt und fühlt, so will ich Ihnen zeigen, daß Sie an mir diesen Einen gefunden haben. Ihr Zustand geht mir nahe – so nahe, als wenn er mich selbst beträfe. Ich bin ein roher Junge; aber ein gutes Herz habe ich, und vertausche es nicht um eines Junkers Herz. – Leiden kann ich kein Geschöpf sehen, das lebt. – Jüngst saß unsers Nachbars Katze auf dem Holz-Stocke; die Sonne schien warm, und das Thier wärmte sich im Sonnenscheine. Ausgestreckt lag es da, und fühlte wohllüstig die Gutthat der erwärmenden Strahlen. Ich sah mit inniger Wonne dem Kater zu, und freute mich vom Herzen, daßihm so wohl war, und freute mich so sehr, als wenn ich selbst der Kater gewesen wäre. Da kam Heinzens Fritz, ein loser Bube, und warf mit Steinen nach der Katze. Schnell wie ein Blitz war ich da, und hatte den Buben beym Haare. Schelm! sagte ich, was that dir das arme Thier, daß du ihm seine Lust raubst? – Weil ich noch ein Bube war, und wenn der Wind ein Bäumchen bog, gab ich dem Bäumchen eine Stütze, daß es nicht brach. Wenn ich ein Würmchen auf dem Wege fand, legt, ich es ins Gras, damit es nicht zertretten wurde, und im Wirthshause, wenn die Fliegen so ins Bier fielen, unterhielt ich mich, zog sie heraus, legte sie in die Sonne, streute Salz darauf, und freute mich wieder, wenn sie auflebten. Die Bauernjungen lachten oft über mich, aber ich ließ sie lachen, und dachte, ihr versteht das Ding nicht; auch eine Mücke lebt und genießt, und ihr würdet nicht lachen, wenn ihr wüßtet, was Lebens-Genuß ist. Tödten kann ein Stein der vom Berge herabrollt, aber lebendig machen kann nur ein Gott. Ein Insekt kann schaden, aber glücklich machen kann nur ein guter Mensch.
Lindenb.
O Junge! laß dich umarmen! Wer hat dich diese Philosophie gelehrt? in welchem Buche hast du diese Grundsätze studiert?
Anton.
Mit Büchern hab ich mich nie viel aufgehalten, denn ich glaube, es giebt ein großes Buch, aus dem alle übrigen Bücher abgeschrieben sind, und dieses Buch ist die Natur. Auch habe ich mich nie gern an die Buchstaben gehalten, sondern lieber an die Sache selbst. Ich bemerkte bald, daß die gelehrten Herrn so vieles verhunzen, und ich buchstabirte daher lieber die großen Buchstaben, die so schön auf Gottes weiter Schöpfung stehen.
Lindenb.
Du redest sehr wahr, Junge! aber wer führte dich auf diese große Gedanken.
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Anton.
Mein Herz und die Liebe.
Lindenb.
Liebst du?
Anton.
Sie fragen? – Wer kann ein Herz haben, und nicht lieben? Wer kann die Auftritte der Natur sehen, und nicht lieben?
Lindenb.
Wen liebst du denn?
Anton.
Ein Geschöpft, das die Natur zur Liebe geschaffen hat – ein Mädchen, das denkt, wie ich, das fühlt, wie ich fühle, das empfindet, wie ich empfinde, das mit mir Leiden und Freuden theilet, mit mir die schöne Sonne aufgehen und untergehen sieht, und die Thräne aus meinem Auge wischt, die wir manchmal der Güte des Schöpfers weinen.
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Lindenb.
Wo fandst du denn dieses Geschöpf.
Ant.
Da, wo es vielleicht Niemand gesucht hätte, in einer kleinen niedrigen Hütte, wo die Tugend sparsam bey schwarzem Brode lebt, und sich mit dem Trunke begnügt, den ihr die Quelle giebt.
Lindenb.
Kennt ihr euch einander schon lange.
Anton.
Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn seitdem ich Theresen liebe, kenne ich weder Zeit, noch Maaß, noch Raum. Wenn ich stundenlang mein Mädchen sehe, so werden mir diese Stunden zu Augenblicken, und wenn ich sie einen Augenblick vermisse, so wird mir dieser Augenblick zu einem Jahre. Sie sehen also, daß ich die Zeit unserer Liebe nicht berechnen kann; auch hat die Natur kein Maaß, um unsere Empfindungen zu messen.
Lindenb.
Du bist ein seltner Mensch, Anton!
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Anton.
Das weiß ich eben nicht, ob ich Ihnen selten scheine; aber das kann ich Ihnen sagen, daß meine Seele unzertrennlich an meinem Mädchen hängt. Ich bin ganz ein anderer Mensch, seitdem ich liebe. Für mich ist der Tag Nacht, und die Nacht Tag, denn Therese ist meine Sonne; wo sie ist, ist es hell für mein Herz; wo sie nicht ist, da ist dunkle Nacht; der Winter ist für mich Frühling, wenn ich eine Rose vonihren Lippen breche; ich sehs, höre und fühle nichts als sie; wenn der Sturmwind braußt, der Donner rollt, so gebietet ihre Stimme den Elementen; ich wollte alle Schreckenbilder der Natur in ihren Armen vergessen, nichts fühlen, als das Glück bey ihr zu seyn.
Lindenb.
Du bist also sehr glücklich?
Anton.
Wie können Sie fragen? – Welch ein heiliges Geschenk der Gottheit ist nicht die Liebe gleichgestimmter Seelen! – Was gleicht der Wonne, die sie unserm Herzen gewährt? – Nur für sie zu leben ist der erste und letzte Gedanke jedes Tages. Sehen Sie mein lieber Herr Lindenberg! diesem Mädchen bin ich meine ganze Glückseligkeit schuldig. Sie hat mein Herz gebildet, und ich das ihrige, und wir beyde haben uns miteinander gebildet. Sie hat einen alten Vater, und sie pflegt zärtlich seines Alters, ich habe eine alte Mutter, und warte meiner alten Mutter mit gleicher Sorgfalt. Wenn Theresens Vater Holz in seiner Hütte nöthig hat, so trag ich ihm Holz zu, und pflüge sein Feld, um die Tage seines Alters zu erleichtern. Therese ist mittlerweile bey meiner Mutter, und besorgt ihre kleine Wirthschaft. Am Abende kommen wir oft alle zusammen, und geniessen die sanfte Ruhe der Abenddämmerung in den Armen der Freundschaft. Wirsprechen nicht viel, aber wir sehen uns so an, Hand in Hand, und was uns unsere Blicke sagen, könnte man nicht in großen – großen Büchern beschreiben.
Lindenb.
Therese ist also dein Weib?
Anton.
Nein, Herr! mein Weib ist sie nicht; unsere häusliche Umstände erlauben uns noch nicht zu heuraten. – Dieses kränkt uns freilich manchen Tag, denn Theresens Vater möchte wohl einen Enkel von uns sehen; aber in Gottes Namen! das kann nicht seyn; es wird sich aber doch geben. Wir lieben und harren.
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Lindenb.
Wird aber Therese dir wohl ausharren?
Anton.
Wenn Sie zweifeln, Herr, so kennen Sie die Liebe nicht. Harren können – das ist der Probierstein der Liebe; wer nicht harrt, der liebt nicht, und hat nie geliebt. Merken Sie sich das zum Satze, Herr Lindenberg! und schreiben Sies auch in ihre Schreibtafel.
Lindenb.
Wunderlicher Mensch! Die Vorsehung wollte, daß ich dich fand, vielleicht um dich glücklich zu machen. – Was bedarfst du?
Anton.
Vieles und Nichts.
Lindenb.
Was willst du damit sagen?
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Anton.
Vieles, weil ich das nicht haben kann, wodurch ich eine Familie ernährenkönnte; und Nichts, weil ich auch, wenn ich alles hätte, ohne meinen innern Empfindungen für Theresen nicht glücklich seyn könnte. Unweit der Hütte von Theresens Vater liegt ein Acker; wenn dieser mein wäre, so könnte ich wohl auch Kinder ernähren, und meiner Mutter Enkel geben; aber der Acker gehört nicht mein – ich will nicht daran denken.
Lindenb.
Er soll dein seyn – er soll dein werden. Guter Mann! du bedarfst so wenig zu deinen Glücke; es wäre unmenschlich dir nicht zu helfen, da man dir so leicht helfen kann.
Anton.
Herr! was kann ich Ihnen sagen? Mein Dank hat keine Worte. Geben Sie mir ihre Hand, fühlen Sie mein Herz, wie es vor Freude pocht; sehen Sie die Thräne, die in meinen Auge steht, und stellen Sie sich vor, wie glücklich meine alte Mutter, wie glücklich Theresens Vater seyn wird, und alle diese Freudenthränen seyen ihr Lohn. Ich eile, und Dank und Seegen bring ich Ihnen bey meiner Wiederkunft.
ab.

(K. von Eckartshausen: Der Pudelhund. Ein Lustspiel in einem Aufzuge. München: Lentner1800. (S. 1–51.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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