Die Freistatt

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Figurenkonstellation

Ernst Houwald

Die Freistatt (1819)

Ein tragisches Bild in einem Acte

Uraufführung1819

SchauplatzDer Schauplatz ist in der Wohnung des Todtengräbers.

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Erste Scene.

Ein kleines hallenartiges Zimmer, durch eine von der Decke herabhangende Ampel nur matt erleuchtet. An der Seite eine Ruhebank. Im Hintergrunde ein großer Vorhang, der einen weiten Ausgang verdeckt.
Sara v. Ulstrade. Johannes Bruck.
Sara.
Ich hab' Euch eine Leiche hergebracht.
Vorgestern Nacht
Ist jene arme Frau verschieden. –
Und nun, mein Freund, gebt sorgsam acht,
5
Ob zu befürchten steht, daß sie hienieden
Vielleicht doch noch einmal erwacht!
Johannes.
Befürchten? – paßt es nicht in Euren Kram,
Wenn er, der ihr das Leben nahm,
Es noch einmal auf kurze Zeit verliehe? –
10
Sara.
Das wohl! Die Freundin starb mir viel zu frühe!
Doch soll der Schiffer immer noch nicht landen,
Der schon die Arme nach dem Ufer streckt? –
Freund, wer einmal den heissen Kampf bestanden,
Dem gönn' ich, daß man ihn nicht wieder weckt.
15
Johannes.
Ihr habt wohl Recht! – es wäre fast, als führte
Man vom Schaffot aus Todesangst und Pein
Den armen Sünder wieder heim, und rührte
Ihm noch einmal die Henkersmahlzeit ein.
Drum mag sie ruh'n, und ich will Wache halten;
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Doch schläft sie fest, so daß sie nichts mehr weckt,
Dann sey das Kissen leicht auf sie gedeckt.
Sara.
Ein schauerliches Amt müßt Ihr verwalten.
Fühlt Ihr Euch nie von Geisterfurcht erschreckt?
Johannes.
Nein! Geister, o! sie wären mir willkommen!
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Ich wohne hier so einsam, so allein! – –
Doch wen das Jenseit einmal aufgenommen,
Der mag nicht mehr den Gräbern nahe seyn.
Glaubt nur, ich lauscht' an jener dunklen Pforte,
Neugierig oft und horchend, wie ein Kind,
30
Doch nimmermehr vernahm ich leise Worte.
Sara.
Sie ruh'n wohl all' in Friede! – Selig sind,
Die in dem Herrn entschliefen! – Darum gönn'
Ich meiner armen Freundin auch die Ruh.
Johannes.
O nennt mir sie, auf daß auch ich sie kenne,
35
Eh' ich sie deck' auf ewig zu.
Sara.
Ich kann Euch nicht den theuren Namen sagen! –
Es wird Euch doch hier Niemand fragen,
Wo Ihr sie einsam scharrtet ein? – –
Ach, dieses Weib hat viel verloren,
40
Und schien vom Schicksal doch erkoren,
Die Glücklichste der Glücklichen zu seyn! –
Hold war sie, wie die Ros' im Lenze,
Und ihre schönsten Myrthen-Kränze
Flocht früh die Lieb' ihr durch das Haar.
45
Es hatte sie ein Mann zum Weib' erkiesen,
Der von dem Vaterland gepriesen,
Als Held, als Mensch, als Gatte war.
Ein lieblich Kind ward ihr gegeben;
Sein junges Leben
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Ging wie ein goldner Morgen auf. –
So stand sie in der Freunde Mitte,
Und Segen floß auf ihre Tritte
Wie Himmelsthau auf Blumen drauf. – –
Das alles hat man ihr genommen! – –
55
Zu mir gekommen
Ist sie als eine Bettlerin. – –
Von allem war ihr nichts geblieben,
Als nur das treue Herz zum Lieben,
Als der ergeb'ne fromme Sinn. –
60
Sie trocknet die Augen.
Johannes,
abgewendet für sich.
Von allem ist mir nichts geblieben,
Und in der heissen Kraft zu lieben,
Sinkt still verzehrt das Herz dahin! – –
65
Zu Sara.
Weint nicht! Sie ruht! – der Sturm des Lebens
Schlägt an die Feste hier vergebens,
In welcher ich der Schirmvogt bin.
Sara.
Freund, eben darum, ach! beneide
70
Ich die Verblichne! – Glaubt es mir,
Fast läg' ich gern im Sterbekleide
Statt ihrer auf der Bahre hier.
Johannes.
Wie kommt Ihr zu den Grabgedanken?
Ihr seyd ja noch so jung und schön,
75
Und habt wohl kaum des Lebens Schranken
Sich Eurem Blick erst öffnen seh'n.
Sara.
Ach! wer das Kleinod, ihm vor allem theuer,
So unverschuldet früh verlor, wie ich,
Der kehrt sich von des Lebens Festtagsfeier,
80
Und wendet zu den Gräbern sich.
Johannes.
Noch blüh'n der Blumen wohl für Eure Pfade!
Doch, edle Frau, nennt Euren Namen mir.
Sara.
Ich heiße Sara von Ulstrade.
Johannes,
erstaunt.
85
Ulstradens Gattin? – des Senators hier?
Sara.
Desselben. – Doch behaltet ja den Glauben,
Ich wäre eine hochbeglückte Frau.
Johannes.
Ihr seyd es auch! ich lass' ihn mir nicht rauben!
Ich kenne Euren Ehgemahl genau.
90
Sara.
Dann liebt Ihr ihn, dann müßt Ihr ihn verehren!
Wer ist, wie er, der Lieb' und Achtung werth? –
Drum, was ein armes Frauenherz beschwert,
Soll Euren Glauben an ihn nicht zerstören. –
Gehabt Euch wohl! – Vergesset meine Worte!
95
Wer Gräber baut, wird ja verschwiegen seyn!
Johannes.
Gestrenge Frau! Ihr wollet mir verzeih'n,
Ich lass' Euch nicht von diesem stillen Orte;
Will Eurem Kummer erst in's Auge sehen.
Glaubt nur, in eines Todtengräbers Brust
100
Schlägt auch ein Herz, das Eure zu verstehen,
Und seyd Ihr selbst Euch keiner Schuld bewußt,
Verheiß' ich Rath und Hülfe.
Sara.
Euer Wille
Gilt für die That. – Doch, guter Mann,
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Ein schuldlos Herz erduldet in der Stille;
Der liebt nur rein, wer schweigen kann.
Johannes.
So? – Nun dann kann ich Euer Leid nicht enden.
Wär's Ehekummer, hätt' ich doch gehofft,
Ihn durch Vertrau'n leicht wieder abzuwenden,
110
Denn Euren Ehgemahl, ihn sprech' ich oft.
Sara.
Wie? meinen Mann? – Wann könnte dieß geschehen?
Johannes.
Ist er denn nimmer von Euch fern?
Habt Ihr sein Schlafgemach nie leer gesehen?
Sara,
bewegt.
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Ich bitt' Euch, sprecht, wo sah't Ihr meinen Herrn? –
Johannes.
Hier sah' ich ihn. – In diesen stillen Mauern
Weilt er allnächtlich – aber nicht allein.
Sara.
Schweigt! – ich mag sein Geheimniß nicht erlauern,
Und bitte Gott: er möge schuldlos seyn! –
120
Johannes.
Ist dieß vielleicht der Kummer Eurer Seele? –
Ward nicht in Euch ein leiser Argwohn laut? –
Zürnt nicht, wenn ich Euch das Geheimniß stehle;
Ich glaub', ich hab' Euch tief durchschaut.
Da Sara schweigt, fährt er fort.
125
Entdeckt Euch mir, fühlt Ihr Euch rein im Herzen!
Ich steh' Euch näher, als Ihr denkt,
Und schwör' es Euch, ich tilge Eure Schmerzen,
Eh' sich der Tag noch einmal senkt.
Sara,
schüchtern.
130
Wer aber seyd Ihr? – daß ich Euch vertraue? –
Johannes.
Fragt nicht! – Jetzt bin der Todtengräber ich,
Und weil ich feste, ew'ge Häuser baue,
So baut auch nur getrost auf mich.
Sara.
Liebt Ihr Ulstraden auch? –
135
Johannes.
In vollem Sinne!
Ich fragt' Euch nimmer, wär' ich nicht sein Freund!
Sara.
Freund meines Herrn, so hör', und dann beginne
Dein Werk, das wieder uns vereint.
Ich war ein glücklich Weib, und es zu bleiben
140
Fühlt' ich im Herzen Muth und Kraft.
Ich will Euch nicht mein herrlich Loos beschreiben,
Ihr kennt den Gatten, der mir's schafft.
Nicht Liebe war's allein, wornach ich strebte,
Auf meines Gatten unbedingt Vertrau'n,
145
Das ich durch mein's in seiner Brust belebte,
Hofft' ich fest unser Glück zu bau'n.
Und seht, es war mir endlich ja gelungen,
Ich wußt' um alles, was er dacht' und that.
Galt es in wicht'ger Zeit verschwieg'ne Zungen,
150
So saß ich dennoch mit zu Rath. –
Und blutete das arme Vaterland,
Und reichten sich die Männer treu die Hand,
Entgegen den Bedrängern kühn zu gehen,
So durft' auch ich in ihrem Kreise stehen,
155
Zu segnen ihr geheiligt Band. – –
Ach! aber schon seit Monden hingegangen,
Ruht ein Geheimniß in des Gatten Brust.
Ein düst'rer Ernst wohnt ihm auf Stirn und Wangen;
Oft schleicht er nächtlich fort, mir kaum bewußt.
160
Was will er nicht auf meine Seele bauen? –
Was hält er diesem Herzen für zu schwer? –
Ach! ich verzeihe! – faßt' er nur Vertrauen,
Und sagt' es frei: »ich liebe Dich nicht mehr!« –
Johannes.
Nein, edle Frau! – nein, in Ulstradens Seele
165
Wohnt einzig Sara's heißgeliebtes Bild.
Doch will sie sein Vertrau'n, nun dann verhehle
Auch sie ihm nicht, was ihre Brust erfüllt.
Auch Ihr habt ein Geheimniß auszutauschen.
Wo weilt Ihr oft bei stiller Nacht? –
170
Ulstrade ist zu stolz, Euch zu belauschen,
Ob man gleich viel ihm hinterbracht.
Sara.
War dieß sein Gram? Er soll es jetzt erfahren,
Was ich aus Lieb' und Schonung ihm verbarg.
Ich brauch' es länger nicht mehr zu bewahren,
175
Viel sich'rer dort bewahrt's der Sarg.
Dieß Weib, verlassen und verfolgt von allen,
Mit einer Gramesbürde, ach! so schwer!
Das arme Leben Henkern selbst verfallen,
Sie kam, um Schutz zu suchen, zu mir her.
180
Und eingedenk der frühern Jugendliebe,
Nahm ich sie auf bei mir,
Und, daß es ja ein tief Geheimniß bliebe,
Stahl ich mich nur die Nacht zu ihr.
Johannes.
Und weshalb durft' es Euer Herr nicht wissen?
185
Sara.
Sie wurde ja verfolgt von Schritt zu Schritt.
Wüßt' er's, dann hätt' er sie beschützen müssen,
Dann ward ihr Unglück auch das seine mit.
Johannes.
Ihr hattet recht! – Geächtete zu schützen,
Ist ein undankbar und gefährlich Ding.
190
Sara.
Doch im Geheim konnt' ich der Freundin nützen,
Bis sie in meinem Arm zur Ruhe ging.
Johannes.
Ihr seyd ein edles Weib! und Euer Gatte
Ist Eurer werth, auch er ist rein wie Ihr! –
Wenn dieß nur zwischen Euch gestellt sich hatte,
195
So endigt Euer Kummer hier.
Sara.
So hätt' ich wirklich bei Euch Trost gefunden? –
Von Gräbern ging ich fast beruhigt fort? –
Johannes.
Hier heilen ja am leicht'sten Herzenswunden! –
Und glaubt' es nur, ich halte Wort,
200
Denn eh' die Sonne wieder senkt sich nieder,
Seyd Ihr versöhnt mit dem Gemahl.
Doch aber sprecht, wann kommt Ihr morgen wieder? –
Sara.
Wenn bei dem ersten Frührothsstrahl
Vom Thurm des Doms man bläst den Morgensegen,
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Stell' ich mich wieder bei Euch ein;
Dann woll'n die Todte wir zur Ruhe legen.
Johannes.
Gut! ich will Eurer dann gewärtig seyn. –
Sara.
Gehabt Euch wohl!
Sie geht ab.

(Vermischte Schriften von Ernst von Houwald. Erstes Bändchen. Leipzig: Göschen 1825, S. 1–44.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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