Der neun und zwanzigste Februar

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Figurenkonstellation

Adolph Müllner

Der neun und zwanzigste Februar (1815)

Trauerspiel in einem Akt

Uraufführung1812

SchauplatzDas Stück spielt im Waldhause des Försters. Ein Zimmer mit Hauptthür und Seitenthür. Auf der ersten sind die Tage der letzten Woche im Februar eines Schaltjahrs angeschrieben. Unterm Saturn der 29ste. Ein Kamin mit vorspringender Esse, ein Schirm davor, Jagdgeräth an den Wänden und ein Schleifstein mit einem Schwungrad in der Stube.

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Erste Scene.

Walter in tiefen Gedanken, in der Hand einen Hirschfänger, den er zu putzen beschäftiget gewesen ist. Sophie arbeitet an einem Jagdnetz, und steht bald nach dem Aufziehen des Vorhangs unruhig auf.
Sophie
am Fenster.
Sieh, das Abendroth ist längst verglommen,
Sterne blicken durch der Wolken Riß,
Und – noch immer will mein Sohn nicht kommen!
5
Walter.
Hab Geduld, er kömmt gewiß.
Sophie.
Oh, er blieb noch keinen Tag so lange!
Walter
nach kurzer Stille.
Zünde Licht!
Sophie,
nachdem sie ihn kummervoll angesehen, an seinem Halse:
10
Ach!
Walter.
Wovor ist dir bange?
Auf dem oftbetretnen Gange
Kennt er jeden Stock und Stein,
Und des Schnees weißer Schein
15
Deckt – ein Tuch von Licht – die Wege,
Wo die hartgetretnen Stege,
Drüberhin im Schattengrau –
Wie der Tod – unfehlbar sind.
Sophie
Licht bringend.
20
Wohl für Männer; er – ein Kind! –
Walter! – Er verunglückt!
Walter.
Frau!
Welcher Dämon peitscht dein Blut?
Unglück ahnden ist nicht gut! –
25
Zwanzigmal, empor vom Stuhle,
Schaust du nach dem Kind hinaus;
Täglich läuft er nach der Stadt zur Schule,
Hundertmal blieb er bis Abend aus:
Heute nur machst du die Stirn mir kraus
30
Mit der dummen Angst in deinen Adern!
Sophie.
Eine Stunde hat er kaum nach Haus,
Länger schon ists finster! – Hadern
Mit der Muttersorge, das ist hart!
Walter.
Deine Sorg' ist unbequemer Art
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Für des Jungen rastlos Vorwärtsstreben.
Knaben treibt's hinaus in's wilde Leben;
Aus der Mutter ängstlich straffer Hand
Reißen sie das Gängelband,
Daß sich frey die Lust geberde.
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Wie der Huf der jungen Pferde
Auf zu Wolken jagt den Sand,
Reizen sie den Stein der Erde
Stampfend auf zum Widerstand,
Daß die Kraft zur Stärke werde,
45
Und die Thorheit zum Verstand.
Soll sein Herz von deinem sich nicht kehren;
Laß ihn gehn, und kommen und gewähren,
Leit' ihn, doch nicht mit der Hand.
Sophie.
Könnt' ich so sein Schicksal weben,
50
Wie ich webe dieses Netz!
Könnt' ich jede Lust ihm geben,
Leicht, nach Ordnung und Gesetz,
Wie ich diese Fäden binde! –
Ach, ich lieb' ihn, wie mein Leben!
55
Wie den Heiland!
Walter.
Das ist Sünde! –
Wo er eine Blöse finde,
Späht der Teufel sonder Rast,
Und ein Wurf, auf den du hast
60
Frevelspielend all dein Gut verpfändet,
Wird von Satans Klau gewendet.
Sophie.
Du erschreckst mich!
Walter.
Weiß ich's nicht?
Deutlich ist mir's aufgegangen,
65
Gräulich, wie Kometenlicht,
Als vor meinem Angesicht
Meines Abgotts Engelswangen
Bläulich-bleich –
Sophie
jammernd.
70
Oh! meine Tochter!
Walter.
Weine
Nicht!
(mit Thränen:)
sie ist daheim, die Kleine! –
75
Sophie
nach kurzer Stille.
Oh! ich fühl's, das Unheil waltet
Unversöhnlich über mir!
Wie der Keil den Stamm zerspaltet,
Immer tiefer, für und für,
80
Von den langsam sichern Hieben
Schwerer Art hinein getrieben;
So auch presset Schmerz auf Schmerz,
Bis es bricht, dies arme Herz. –
So ist's droben zugemessen,
85
Weil ich hier den Eid vergessen,
Dich zu meiden –
Walter
auffahrend.
Dumme Grille! –
Grüble nicht! – Es war sein Wille.
90
Sophie.
Glaubst du das? – Dein Blick sagt nein!
Warum starb er –
Walter.
Laß das seyn!
Sophie.
Warum starb er, da er's hörte?
Walter
aufspringend.
95
Warum lebt' er, daß er's wehrte?
Sophie.
Meine Träume treffen ein! –
Als mit der Seligen ich lag in Wochen,
Erblick ich sie, ein Engelskind mit Flügeln,
Das auf Krystall, worin sich Sterne spiegeln,
100
Im Tanze schwebt. – Mit einem Mal – zerbrochen
Das Glas, und sie liegt drunter – bleich – im Grab
Walter.
Gott der Herr nahm wieder, was er gab.
Sophie.
Nehmen wird er meinen Armen,
Was mir theuer, ohn' Erbarmen!
105
Schaut' ich nicht zu meiner Qual –
Da ich noch um Klara weine –
In des Knaben Brust den Stahl?
Und – ein Haupt zu meinen Füßen,
Das mich Wahnsinn treibt, zu küßen –
110
Ich ergreif's – es ist das Deine!
Walter.
Weib, du träumst so fürchterlich,
Daß die Träume selber sich,
Wenn du sie erzählst, erfüllen.
Schweig, um meines Kopfes willen,
115
Der von deinen Bildern springt!
Sophie.
Horch! des Thauwinds Sausen dringt
Immer tiefer in den Wald,
Und die Wolken, die er bringt,
Senden Regen, eisig-kalt. –
120
Immer finstrer draußen; bänger,
Schwärzer immer in mir wird's. –
So ein Kind! – Wie bald verirrt's! –
Schick nach ihm, ich trag's nicht länger!
Walter.
Wen?
125
Sophie.
Den Burschen.
Walter.
Der ist fern.
Sophie.
Nun, so zünd' ich die Latern,
Gehe selber.
Walter.
Du? Du bist
130
Nie des Nachts den Weg gegangen.
Bläst der Wind, der heftig ist,
Mittelwegs die Leucht' Dir aus;
Find'st Du Dich nicht hin und nicht nach Haus.
Sophie.
Gehe Du!
135
Walter.
Wird Dir allein nicht bangen?
Sophie.
Gehn wir beyde!
Walter.
Nimmermehr!
Käm' er, uns verfehlend, her,
Und er fänd die Wohnung leer;
140
Würd' er nicht, um uns in Aengsten,
Sich verlaufen in der Haide? –
Sophie
setzt die Latern' angezündet nieder
Was uns trift, das trift uns beyde!
Walter.
Ruhig, Lieb'! er war am längsten
145
Aus.
Sophie.
Ein Wetter ohne Gleichen!
Knarrend schreyt der Stamm der Eichen,
Die wie Halme sich bewegen –
Walter.
Es ist arg.
150
Sophie.
Und Schnee und Regen
Peitscht der Sturmwind an die Scheiben. –
Walter
mit der Unruh kämpfend.
Wird bey Küsters Knaben bleiben
Ueber Nacht – wie vor dem Jahr,
155
Da die schöne Eisbahn war –
Sophie
heftig erschüttert.
Gott! – Das Eis!
Walter.
Was ist –?
Sophie.
Ich bitt',
160
Hat der Knab' die Eisschuh mit?
Walter.
Freylich! Morgens war noch Frost.
Sophie
rennt nach der Laterne:
O, dann ist – dann bleib' ich nicht,
Ob der Sturm die Eichen bricht!
165
Walter.
Bist Du Christin? – Sey getrost,
Bau auf Gott! Bleib!
(Heftig Getös in der Esse, Feuer aus dem Kamin.)
Sophie.
Jesu Christ! –
Mein Emil!
Walter
reißt den Schirm weg:
170
Was Teufel ist –? –
Nichts ist's! – Lärm, als ging das Haus
Unter schier mit Mann und Maus,
Weil der Sturm die Essenkron'
Niederschleudert in den Schlot. –
175
Siehst Du?
Sophie
vor sich hinstarrend.
Walter! – Er ist todt!

(Spiele für die Bühne von Adolph Müllner. Erste Lieferung. Leipzig: Breitkopf und Härtel 1815, S. 3–78.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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