Unser Verkehr

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Figurenkonstellation

Karl Borromäus Alexander Sessa

Unser Verkehr (1815)

Eine Posse in einem Akte

Uraufführung1813

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Erster Auftritt.

(Strasse.)
Abraham Hirsch, Rachel und Jakob.
(Letzterer mit einem Bündel Kleider, reisefertig, treten auf.)
Jakob.
(seiner Mutter die Hand drückend.)
Nü, Memme, bleibt gesünd!
Rachel.
(ihn umarmend)
As de süllst leeben lange Johr!
5
Jakob.
(seufzend)
's gaiht mer su Herzen!
Rachel.
(schluchzend)
Mir aach! ai waih!
Beide.
(schluchzend)
10
Ai waih! ai waih!
Abraham.
Mai! wos is? Wos staiht er, wos schrait er? wos fangt er an än gewaltigen Spektokel uf öffentlicher Strasse? – As der Sühn süll raisen ebbes Moos verdienen – nü so wollen wer wünschen glückliche Geschäfte uf den Weg! – Er süll finden blanke Tholer un Lugedore, er süll sich in Acht nehmen fer falschen Papieren un schofler Woore! – Raisen is ä graußes Vergnügen, Persente nehmen is ä gor graußes Vergnügen!
Jakob.
(weinerlich)
Jo Persente! Hast de gesehen? aus Nix wird Nix!
Abraham.
Dü! Wos hast de gesogt? Aus Nix wird Nix? Wai geschrieen?
15
Jakob.
As mer de Tate gegeben hätt ä poor hündert Thooler –
Abraham.
Ae poor hündert Thooler? Wai geschrieen?
Jakob.
Aber äsau – nich funfzig, nich vierzig, nich dreißig, nich swanzig – sehne hot er mer gegeben.
Abraham.
Wos? Hob ich der nich gegeben noch ä Säckel mit falsche Groschen?
Jakob.
Jo! wer wird se nehmen?
20
Abraham.
Wer wird se nehmen? As de se reibst mit Mitzenpulver, kennt se kä Goi! – Hob ich der nich gegeben än Fuchspelz?
Jakob.
Mai! den hoben de Ratten zerbissen und de Motten halb kohl genogt.
Abraham.
Hob ich der nich gegeben zwei poor mänschesterne Hausen, un äne Felbelweste, un än braunen Malbisch, den ich hob gestern gehandelt von än Schlächter? Hob ich der nich gegeben ä Perpli? – Du Schelm von än Paucher! süllst de verschwarzt liegen as du sogst, aus Nix wird Nix! Gott hat er gemacht de Welt – aus wos? aus Nix! Jakob ist geworden ä raicher Mann – aus wos? aus Nix!
Jakob.
Jo! vor alten Zeiten is gewesen wohlfeil! as is geschaffen worden de Welt aus Nix!
Abraham.
Hör su, wos schraist de? Hoben wer nich vor Augen Exempel von unsere Leit, die fangen an mit Nix, un hören auf mit Landgüter? – Ober mer muß doch hoben än Verstand dersu! Du mußt wandern aus Egypten von de Fleischtöpfe der Memme! Du mußt ziehen in de Wüste, wo sie der nich geben werden än Trunk Wasser umsonst! Du mußt sehen das gelobte Land von de roiche Gois! du mußt der nehmen dein Erbtheil von ihnen, wie de kannst, as de willst seyn ä rechter Paucher vom Soomen Israel!
25
Rachel.
(die Hände faltend)
Der Segen Jakob soll dich stärken derßu!
Jakob.
Der Tate is ä graußer Redner, ä heller Kemet! Er hat mich erleuchtet durch un durch! Ich will doch werden ä neier Mensch!
Rachel.
(gerührt)
Er will werden ä neier Mensch!
30
Abraham.
Willst du werden ä neier Mensch?
Jakob.
Gott soll mich strafen, ich will werden ä neier Mensch!
Abraham.
Du süllst verkrummen, wenn's nicht wohr ist!
Rachel.
Süll der wachsen Gras vor deiner Thür, wenn de schweerst falsch!
Jakob.
Ich will schnaiden die Krie, ich will kriegen än Aussatz! – ich will liegen wie Hiob auf än Mist, ich will verderben neun und neunzigmol!
35
Abraham und Rachel.
(machen Geberden des Schreckens)
Ai waih! ai waih!
Jakob.
Aber Tate –
Abraham.
Was redst de?
Jakob.
Ich hobe doch nur gekriegen sehn Tholer! wellt er mer nich noch geben sehne? Do hob ich swanzig sum Anfang! – Seyd so gütig!
40
Abraham.
(zornig)
Sehn Tholer? Hünd! wos hast de geschworen!
Jakob.
As er mer nich noch gebt de sehn Tholer, will ich doch sain ä Hünd, wenn ich halt' meinen Schwur!
Abraham.
Ai waih! du Schelm! du Spitzbub! – Hör su! Nä – kumm her! – Nü, ich will der doch noch geben fünf Tholer Münze!
Jakob.
Fer wos! 's gaiht doch nischt? –
45
Abraham.
Du Lump! 's gaiht nischt? – Ich werde dir geben än Fluch!
Jakob.
Nu – was wollt er fluchen? Gebt mer doch lieber fünf Tholer Kerrent!
Abraham.
Minze!
Jakob.
Kerrent!
Abraham.
Minze! Ich will der geben än Seegen zum Agio!
50
Jakob.
(rechnend)
Acht und siebzig Perßent Agio staiht de Minze – kümmt auf än Seegen swei und swanzig –
Abraham.
Nü, liebe Seile?
Jakob.
Tate, 's gaiht nischt! Ihr setzt än Seegen su hoch in Cours! – Hairt! gebt mer fünf Tholer redussirt, fers Andre än Seegen!
Abraham.
Nü, was will ich machen? – 's is der Sühn, Blut von meinem Blut! – Ich will's doch geben!
55
(er zahlt ihm das Geld unter Seufzen.)
Jakob.
(küßt ihm die Hand)
Der Tate ist der graußmüthigste Mann! – Ihr hobt än Seegen vergessen, Tate!
Abraham.
(legt ihm die Hände aufs Haupt und spricht einen hebräischen Seegen.)
Jakob.
Nü, bleibt gesund!
60
(will gehen.)
Abraham.
Halt! Was rennst de! – Werst de rennen mit än Geld ins Unglück? – Werst de verthun den sauren Schweiß deiner Eltern?
Jakob.
Ich soll doch gaihn. – Was hält er mich uf?
Abraham.
Ich will dir geben Lehren uf än Weg! – Gott! das schaine Geld, was er hat mitgenommen! – As du gaihst und kemmst nicht wieder neun und neunzigmool schwerer – will ich der speien in's Angesicht! – Gaih! gaih! – Loß dich treten von de Leit, loß dich werfen aus de Stuben, loß dich verklagen bei de Gerichte, loß dich setzen ins Hundeloch, loß dich binden mit Stricke und Ketten, loß dich martern halb taudt! aber
(drohend)
65
du mußt doch werden raich! –
(mit Rachel ab.)

(Unser Verkehr. Eine Posse in einem Akte. Nach der Handschrift des Verfassers. Wien: Haas [um 1815].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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