Der Schutzgeist

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Figurenkonstellation

August Kotzebue

Der Schutzgeist (1814)

Eine dramatische Legende in sechs Akten nebst einem Vorspiel

Uraufführung1814

Schauplatz(Die Zeit fällt in die Mitte des zehnten Jahrhunderts.)

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Das Vorspiel.

(Die Straße nach Pavia, an derselben ein Grabmal. Auf einer Bahre liegt der todte Guido. Der alte Vater steht vor ihm mit gefalteten Händen, wehmütig den Leichnam betrachtend.)
Astulf.
Gehab dich wohl mein schöner Traum!
Die herrliche Blüte – sie ist gefallen!
Entwurzelt steht der alte Baum –
Mir soll kein Kind den Vaternahmen lallen!
5
Sind es doch funfzehn Jahre kaum,
Noch tönt der Ruf in meine Ohren:
Astulf! dir ist ein Knabe gebohren!
Da fühlt' ich plötzlich in Mark und Bein
Die Glut der Freude strömend ergossen –
10
Ich sah der Mutter Haupt umflossen
Von einem milden Heilgenschein –
Ich sah vertilgt auf blassen Wangen
Die Schmerzens-Spur – mit Himmels-Lust
Hielt sie den Knaben lächelnd umfangen,
15
Und drückt' ihn lächelnd an ihre Brust!
Und als er sich lebendig regte,
Und als im röthenden Morgenstrahl,
Die Mutter das Kind zum Erstenmal
Auf meine Vaterarme legte –
20
Da wurde mir das Herz so groß!
Da lebt' ich stolz in diesem Sohne!
Und nicht um eine Königskrone
Vertauscht' ich meiner Armuth Loos!
Die Erdennoth sie war verschwunden,
25
Verschwunden die enge Gegenwart
Und alle des Lebens Feyerstunden
Mir für die Zukunft aufgespart – –
Sie ist gekommen im schwülen Gewitter –
Ein Blitz durchzuckte den jungen Baum –
30
Mein Kelch ist leer – die Hefe bitter! –
Gehab dich wohl mein schöner Traum!
Die Mutter
(wankt heran mit einem Korbe voll Blumen.)
Hier bring ich Blumen zur letzten Weihe,
Gepflückt von bebender Mutterhand –
35
Bethaut mit Thränen – Nimm sie und streue
Sie auf der Lieb' entseeltes Pfand!
Astulf.
(den Leichnam mit Blumen bestreuend.)
Mir bricht das Herz indem ich scheide
Von meines Alters Hoffnungsstab!
40
Eugenia.
Mit ists gebrochen! jede Freude –
Fällt mit den Blumen in dieß Grab?
Astulf.
Noch gestern in schöner Jugendfülle,
Der Eltern Hoffnung – Freude – Trost –
Eugenia.
Und heute nur eine kalte Hülle,
45
Erstarrt in ewgem Todesfrost!
Astulf.
Du wirst nicht mehr die Stirn mir kühlen
Am heißen Tag auf lechzender Flur!
Eugenia.
Wirst nicht mehr um die Mutter spielen,
Du Kind der Unschuld und Natur!
50
Astulf.
Genug! – wir segnen den schlummernden Knaben,
Wir scheiden von ihm mit nassem Blick –
Laß unsern Todten uns begraben –
Dem Staube geben wir Staub zurück.
Eugenia.
O laß, eh mich die Thränen ersticken,
55
Nur Einmal noch der Trennung Kuß
Auf die erblaßten Lippen drücken!
O gönne mir den letzten Genuß!
(sie wirft sich auf den Leichnam.)
Astulf.
Was auch ein trauernd Vaterherz empfinde,
60
Die ihn gebohren nagt ein and'rer Schmerz;
Denn von dem heißgeliebten Kinde
Reißt auch der Tod kein Mutterherz!
Eugenia
(auffahrend und zurückbebend.)
Er lebt!
65
Astulf.
Verwirrt der Gram ihre Sinne?
Eugenia.
Des Lebens Wärme hab' ich verspürt –
Astulf.
Hinweg du quälende Täuschung! zerrinne!
Eugenia.
Dein Athem hat mich sanft berührt –
Astulf.
Laß dein Gebet den eitlen Wahn zerstreuen.
70
Eugenia.
Woher der Schauder, der mich durchbebt?
Ists nicht mein Kind? was darf ich scheuen?
Ich bin seine Mutter! er lebt! er lebt!
(sie wirft sich wieder auf ihn.)
Astulf.
(hinzutretend und bittend)
75
Eugenia! – – Ihr himmlischen Mächte!
Täuscht mich die gaukelnde Hoffnung nicht?
Gott! Gott! du gehest mit deinem Knechte
In ein erbarmendes Gericht!
Eugenia.
Aus dem erstarrten Busen windet
80
Ein leiser Athem sich herauf –
Astulf.
Des Todes bleiche Farbe schwindet –
Eugenia.
Er lächelt –
Astulf.
Er seufzt –
Eugenia.
Er schlägt die Augen auf!
85
Wir beugen uns vor dir im Staube!
Wir jauchzen und preisen dich für und für!
Beschämt empfängt der schwache Glaube
Der Allmache Wunder-Geschenk von Dir!
Beide stürzen auf ihre Knie.
90
Guido
(die Arme gen Himmel breitend)
Gott! ich gehorche.
Eugenia.
Wir haben dich wieder?
Astulf.
An jener Eiche traf dich ein Blitz.
Guido
(ohne auf sie zu achten)
95
Auf Strahlen deines Lichts schwebt' ich hernieder
Und nahm von diesem Leichnam still Besitz.
Astulf.
Guido besinne dich, du bist genesen.
Eugenia.
Warum entziehst du dich der Mutter Kuß?
Guido.
Ihr seyd auf Erden Guidos Eltern gewesen,
100
Ich kenn' Euch wohl. Empfangt des Sohnes Gruß.
Astulf.
Du lebst! wir leben im erwachten Sohne!
Eugenia.
Durch dich so plötzlich arm, und wieder reich!
Guido.
Ja, Euer Guido lebt vor Gottes Throne,
Doch ich – was hab' ich zu schaffen mit Euch?
105
Astulf.
Seltsame Rede –
Eugenia.
Heimlich Grauen
Befällt mich dieser Schmuck – so fremd –
Das Silber mit dem Aetherblaue
So flimmernd gemischt, war nicht sein Todtenhemd
110
Astulf.
Und diese Gestalt – wie so erhaben –
In seinem Auge ein strahlend Licht!
Eugenia.
Sind das die Blicke des scheuen Knaben?
Nein das ist Guido's fromme Einfalt nicht!
Guido.
Wo sich der Allmacht Wunder offenbaren,
115
Die keines Sterblichen Zunge lallt;
Wo ewger Lobgesang der Engelschaaren
Aus einem Lichtmeer wiederhallt,
Stand ich vor Gott, als Eurem Erdenstaube
Die Seele Guido's sich entwand.
120
Und keiner Unschuld kindlich frommer Glaube
Am Thron des Richters Gnade fand.
Doch kaum ist ihm das Urtheil zugewogen.
Als fernes Stöhnen die Wolken zerreißt –
Und sieh' es schwebt herauf am Sternenbogen
125
Ein bleicher, Wehe rufender Geist!
Es ist Lothar, der Lombardey Gebieter,
Den weder Tugend, seiner Krone Zier,
Noch die gezückten Waffen treuer Hüter
Geschüzt vor Mord und Herrschbegier.
130
Auf Erden blüht ihm eine schöne Blume,
Ein Weib, hienieden schon verklärt,
In dem die Nachwelt einst zu Gottes Ruhme
Die heil'ge Adelheid verehrt.
Doch jeder Willkühr, jeder Schmach zum Raube
135
Erbebt sie jezt im Lasterschlund!
In Geyers Krallen eine weiße Taube,
Die edle Königstochter von Burgund.
Und ihre Seufzer stiegen aus der matten,
Von Angst gequälten Brust empor,
140
Und schmiegten sich an das Gebet des Gatten,
Und drangen zu des Richters Ohr.
Da winkte Gott – ich lauschte seinem Winke,
Vernahm in Demuth das Gebot:
“Hinab zu der entweihten Erde sinke,
145
Wo Unschuld weint, Gewalt ihr droht;
Beseele dort den Körper dieses Knaben,
Den noch der Eltern Schmerz umgibt;
Sie mögen an dem Himmels-Trost sich laben:
Er ist nun mein, den sie geliebt.
150
Du aber, zu der edeln Fürstin eilend
Sey du ihr Schutzgeist in der kalten Welt,
Bis einem höherm Geist', auf Erden weilend,
Sie mein Verhängniß zugesellt.
Nur mit beschränkter Macht sollst du vollziehen,
155
Gleich Sterblichen, was Hülfe schafft;
Doch sey der Täuschung Gabe dir verliehen
Und des Gebetes Wunderkraft,
Bis du bekämpft des Lasters freche Hyder, –
Dann löse sich das lockre Erdenband,
160
Und schwinge dich mit luftigem Gefieder
Herauf zu mir!” – Er sprachs – ich schwand.
Im Nu durchflattert' ich die Himmelsräume
Mich senkend in die Erden-Nacht
Hinab ins düstre Land der schwülen Träume –
165
Und Euer Guido ist erwacht.
Astulf und Eugenia
(die ihm staunend zugehört, jetzt scheu zurückweichend.)
Nicht unser Guido –
Guido.
Doch! denn keine Schranke
Trennt Geister – wo ist hoch? wo tief?
170
Was lebt und webt ist doch nur Ein Gedanke
Der Allmacht, die das Werde rief.
Schaut über Euch auf zahllos funkelnde Sterne,
Aus ihrem Kreis scheint ihr gebannt,
Und doch, in unermeßlich weiter Ferne
175
Sind durch das Licht sie Euch verwandt.
Im All nichts fremdes wo das Licht erscheinet,
Von ihm umflossen, nichts getrennt;
Im ewgen Lichte wir Alle vereinet,
Licht ist der Geister Element!
180
Drum nenne mich Sohn, ich will dich Mutter nennen;
Dich Vater begrüßen nach Erdenbrauch,
Bis wir uns dort am Thron des Lichts erkennen
Als Eines Geistes einzgen Hauch.
(zu Astulf.)
185
Eugenia.
O Guido! sey mir Sohn – nicht Engel!
Sey wieder in kindlicher Einfalt mein!
Was kümmern die Mutter des Kindes Mängel?
Sie will nur lieben – geliebt nur seyn!
Astulf.
Laß ihn! wer mag ins Dunkel dringen,
190
Wenn die geweihte Lippe spricht? –
Berufen ist er zu hohen Dingen,
Mög' er mit Gott das Göttliche vollbringen!
Wir scheiden von ihm und murren nicht.
Wächst doch leicht wieder die Weidenruthe,
195
Vom Stamme gelöst, für sich allein;
Und ob des Stammes Wunde blute,
Wird es dem Däumchen kümmernd seyn? –
So lösen sich auch vom Vaterherzen,
Vom Mutterbusen die Kinder ab.
200
Das Schicksal spart der Trennung Schmerzen
Den Eltern nicht bis an das Grab!
In der Erinnerung kaltem Lohne
Ruft eng beschränkt des Alters Glück;
Der Eltern Blicke folgen dem Sohne,
205
Doch vorwärts nur schweift Sohnes Blick. –
Drum ziehe hin! das ist die Straße,
Die nach Pavia führt – Leb wohl!
Bald ruhen die Herzen unter dem Grase,
Die jetzt noch seufzen: Lebe wohl!
210
Guido.
Ja, nach Pavia fühl' ich mich gezogen!
Es trozt mein freyer Geist des Körpers Haft,
Und in des Erdenlebens blutige Wogen
Stürz' ich hinab mit rettender Himmelskraft!
Dort fodert einst, hoch über dem Sternenbogen,
215
Der mich gesandt die hohe Rechenschaft!
Dann werf' ich von mir die entlehnte Hülle
Und stammle: Herr! es ist vollbracht dein Wille!
(Er eilt fort. Astulf und Eugenia mit ausgebreiteten Armen ihm nach, doch als sie den Fliehenden nicht erreichen können, sinken beyde auf ihre Knie und heben ihre Hände segnend empor!)
Der Vorhang fällt.

(August von Kotzebue: Der Schutzgeist. Eine dramatische Legende in sechs Akten nebst einem Vorspiel. Leipzig: Kummer1814. (S. 1–275.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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