Der Weibsteufel

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Figurenkonstellation

Karl Schönherr

Der Weibsteufel (1914)

Drama in fünf Akten

Uraufführung1915

SchauplatzSchauplatz: Eine Stube.

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Erster Akt.

Mann und Weib sitzen am Tisch. Vor ihnen stehen zwei Gläser mit Wein.
Mann
noch jung, aber kränklich und schwach; mit schütterem, rötlichem Haarflaum. Erhebt sich und nimmt das Glas zur Hand; schmunzelnd
Weib. Was ist heut für ein Tag?
Weib
Heut vor sechs Jahren haben wir Hochzeit ghabt.
Mann
Stoß an mit mir.
5
Stoßen an.
Weib, du sollst leben.
Weib
sieht ihm in die Augen
Und du nit minder.
Trinken die Gläser leer und küssen sich auf die Wange.
10
Mann
froh
Jetzt sag: Haben wir ein einzigsmal gstritten unter alle sechs Jahr?
Weib
Wir sein immer gut auskommen. Ich weiß von kein Streit.
Räumt die leeren Gläser vom Tisch.
Mann
setzt sich und lacht
15
Na also. Grad lachen muß ich, wenn ich zurückdenk, wie sich die Leut da alle das Maul zerrissen haben: Dusollst mich nit nehmen. Und meine eignen Brüder gespottet und glacht: So ein blutschwaches Manndl und das Weib dazu – das geht nit gut aus.
Übermütig
Wo sein sie jetzt alle – die Prophezeier; die Schwarzseher?
Weib
schlicht und warmherzig
Grad weil du schwach bist; und ich hab gsehen, du brauchst wen; und man kann dir was sein; grad deswegen hab i dich gnommen.
20
Dann
Weißt, so hab i dich wie ein hilfnotiges Kind, das man hüten und pflegen und um das man sich sorgen muß.
Mann
stiller, nachdenklich
Ja; so ein Krankensessel bin ich schon von kleinauf immer gwesen;
sieht nach dem Bild seiner Mutter an der Wand
25
gelt, Mutter.
Dann
Aber dafür bin ich schlau.
Hat sich erhoben und verriegelt von innen die Tür.
Zieh die Vorhäng zu.
30
Während das Weib dem Befehl nachkommt, zieht er das Stehmesser aus der Hintertasche und hebt mit der Messerklinge ein Dielenstück des Fußbodens aus dem Falz. Holt aus der Höhlung in Papier gewickelten Seidenstoff und Spitzen hervor; breitet beides vor dem Weib auf dem Tische aus. Froh.
He, Weib. Was sagst? Das ist für dich. Gelt, da schaust.
Weib
voll Freude
Ah, ist das eine Pracht. Die feinen Spitzen und die Seide.
Probiert den Seidenstoff als Schürze.
35
Mann
beobachtet befriedigt des Weibes Tun; für sich
Da hat sie eine Freud, das Kind.
Dann
Gelt, Weib; Schmuggelwaar ist feine Waar. Und Schmuggelwaar tragt Gold.
Hat der Kommode einen großen Lederbeutel mit großen
40
Da; und da; und da; und da; den ganzen Tisch könnt ich pflastern mit Goldfüchs. Alles für dich.
Weib
greift nach seinem Arm; mit leuchtenden Augen
Wenn wir einmal das schöne Haus am Marktplatz haben; mit der großen Toreinfahrt und den gemalten Fensterbögen; und wenn ich dann am Sonntag in Spitzen und mit einem seidenen Kittel in die Kirchen rausch – ah.
Mann
Da werden die Leut hinter uns die Mäuler aufsperren.
Weib
wiegt den Lederbeutel in der Hand
45
Wieviel fehlt denn noch zum Haus?
Mann
legt die Goldstücke wieder in den Beutel
Es fehlt nimmer viel; noch ein paar gute Frachten und wir wären so weit.
Verschließt den Beutel wieder in die Kommode.
Weib
legt den Seidenstoff und die Spitzen wieder sorgsam zusammen
50
Ist nit heut nacht wieder eine Schmugglfracht kommen?
Mann
nickt
Im Keller liegt sie; unter dem doppelten Boden;
ist dem Weib beim Glattrollen der Spitzen behilflich
aber man kann
55
nichts mehr wegschaffen; nix mehr zu Gold machen; der neue Jäger hat Augen, die sehen durch Holz und Mauer.
Weib
hat Spitzen und Seidenstoff wieder in das Papier gewickelt.
Streicht denn der Tag und Nacht um?
Mann
So. Jetz legs nur wieder hinein.
Weib legt das Paket in die Dielenöffnung, Mann paßt das Dielenstück wieder auf die Öffnung.
60
Und die Schmuggler wollen nichts mehr wagen; sie sagen, ich als der Hehler hätt leicht lachen hinter dem warmen Ofen daheim; aber sie müßten es ausfressen; sie sagen, der neue Jäger haut und sticht und kennt kein Pardon; und der laßt sich auch nit abschmiern.
Weib
Am End faßt er uns auch noch.
Mann
hat sich vom Boden erhoben und tritt das eingepaßte Dielenstück mit den Füßen fest. Zieht dann das Weib zu einer altertümlichen, großen, geräumigen Truhe hin
Jetz sag einmal: Seit wir Mann und Weib sein, haltst du die Truhe da versperrt; kein Mensch weiß, was drin ist.
Weib
schroff abschneidend
65
Mann, es ist gut; die Truhe laß mir in Ruh.
Mann
Aber die Truhe hetzt uns die Grenzjäger auf den Hals.
Weib
Wie das?
Mann
Jeder Knecht und jeds Dienstmädl, das einmal bei uns gwesen ist, redt von der Truhe im Dorf herum; da sei eine Heimlichkeit drin. Na, und da spitzen die Grenzjäger die Ohren.
Dann
70
Sie haben jetzt schon wieder etwas Neus ausgetiftelt gegen mich.
Weib
Was denn schon wieder?
Mann
Weil ich ihnen zu schlau bin, und sie kommen mir nit an – jetz wolln sie dich dazu einspannen.
Weib
Mich?
Mann
Ja; dich – gegen mich. I weiß alls von einem, der selber dabei war; mit einem Goldstückl hab ich ihm das Maul aufgsperrt.
75
Setzt sich auf die Truhe und zieht das Weib neben sich nieder. Dann
Also gestern hat der Kommandant die Jäger alle zusammgetrommelt und gsagt: „Ist keiner da, der mir endlich einmal den Kapitalfuchs da oben fangt?“ Das wär nämlich ich. Drauf sagen die Jäger: „Wir tun, was wir können; aber dem kommt man nit an.“ Drauf sagt der Kommandant: „Er soll ja ein saubers Weib daheim haben. Himmelelement. Und ihr Jäger alls jungfrische Kerl. Na also. Warum steckt sich denn keiner hinter sie und macht sie ein bißl verliebt – die Gans; bis sie zum Schnattern anfangt.
Weib hat
So ein Weib frißt einem jungen Kerl ja bald aus der Hand; und dann erfahrt man alls, was man wissen will. Na also: Wer wagts?“ Aber es ist mäuselstill geblieben in der Wachstubn; keiner hat sich grührt.
Weib
Pfui Teufel. Ist das nit ein Spott und Schand, für was der ein Weib anschaut? Glaubs gern, daß er zu so was keinen Jäger findet. Der soll sich schamen bis ins letzte Haar.
80
Mann
ruhig
Halt, bin noch nit fertig.
Fährt fort.
Wie der Kommandant sieht, es will keiner dran, hat er noch ein Draufgab geben: „Jäger,“ sagt er, „wer mir den Fuchs da oben fangt, daß man ihm sein Hehlerei beweisen kann – der avanciert. – Ist noch keiner da, ders wagt?“
Dann
85
Und jetzt ist einer vor und schreit: „Hier.“
Weib
Wer?
Mann
Der neue Jäger. Der Wachtmeister fragt ihn noch: „Du blutjunger Jäger. Bist du bei den Weibern schon so gut beschlagen?“ – Drauf hat der gsagt: „Hab noch mit keiner was zu tun gehabt; aber so ein Weib ein bissel karessieren, das wird doch kein Kunst sein. Und avancieren ist auch kein Dreck.“
Weib
Du Hund.
Mann
hat inzwischen die verschlossene Türe wieder aufgeriegelt und schiebt die Vorhänge an den Fenstern zurück; sieht wie ungefähr durch das Fenster; dann plötzlich
90
Weib, dort; schau.
Weib ist ans Fenster geeilt
Siehst ihn? Über den Bergsteig kommt er; gradwegs auf unser Haus zu.
Weib
sieht hinter dem Fenster scharf zu
Hund, verruchter. Komm mir nur. Dir fahr ich an die Gurgel.
95
Mann
tritt vom Fenster zurück
Was hättst davon? Der schlenkert dich weg, wie eine Fliegn.
Weib
Wir schlagen ihm die Haustür vor der Nasen zu.
Will ab.
Mann
hält sie am Arm zurück
100
Natürlich. Daß wir gleich sein Verdacht aufriegeln. Dann sucht er uns auf der Stell das ganze Haus von oben bis unten ab und findet am End die ganze Fracht. Dann adje, Haus am Marktplatz, mit den gemalten Fensterbögen.
Zieht sie ganz zu sich heran
Weib. Schlau muß man sein: Wenn uns einer eine Grube grabt, dann müssen wir gegengraben.
Weib
Was willst damit sagen?
Mann
Wenn er dich fangen will – fang ihn du. Wirf ihm ein Hölzl; stell ihm ein Bein. Tu ihm auch ein bissel schön; halt ihn solang in der Stube, bis ich mit meinen Helfern die ganze Fracht aus dem Keller hab; solang er da in meiner Stube sitzt, weiß ich, er kann mit seinem Fernglas nit irgendwo hinter einem Baum oder Stein versteckt hocken und von der Weiten mein Haus abspekulieren.
105
Weib
starrt den Mann mit weit offenen Augen an
Aber Mann, was fallt dir denn ein? Ich so was. Ist das dein Ernst?
Mann
klopft ihr auf die Schulter
Weib. Schlau muß man sein.
Weib
sträubt sich heftig
110
Na. Bitt dich, Mann. Stell mich zu so was nit an. Was fallt dir denn ein? Da müßt ich ja schon ganz ausgschamt sein.
Mann
ungeduldig
Herrgott noch einmal; brauchst ja nur dazusitzen und ein bissel das Maul verziehen, wenn er was sagt. Und laß nur die Augen ein bissel spielen; du hast ja ein Paar gute Augen; nu, wie man halt so einen Gimpel lockt; das hat doch jeds Weib am klein Finger.
Weib
Aber Mann, i bitt dich, Mann; das kann doch nit dein Ernst sein.
Mann
abschneidend
115
Still jetzt. Er kommt schon.
Flüstert ihr zu
Denk an das Haus am Marktplatz; Spitzen und Seide; es gschieht ja alls nur für dich.
Jäger
tritt in die Stube
Guten Tag um und um.
120
Mann
Auch soviel.
Dann
Schau, Weib, wer da ist.
Zum Jäger
Sind Sies oder nit: Der neue Jäger von der Grenz?
125
Jäger
Ja, der bin ich.
Sieht sich spähend in der Stube um und faßt das Weib fest ins Auge, zum Mann
Sie hausen da herobn wie in einem Geiernest; ganz weg von den Leuten.
Mann
Ja. Man laßt sich nit gern bei jedem Löffl voll Suppn ins Maul schauen. Wir wollen aber doch bald ins Tal ziehen, wenn sichs machen laßt; gelt, Weib.
Dann
130
Herr Jäger, womit kann man dienen?
Jäger
behält das Weib im Auge
Es ist mehr Weibssach: Bin da drunten an einer Stauden hängen blieben und hab mir den Ärmel aufgrissen.
Mann
wirft dem Weib einen verstohlenen Blick zu; besieht den Ärmel
Hm, da sein Sie aber ordentlich hängen blieben. Schaut aus, wie mit dem Messer gschnitten.
135
Zum Weib
Weib. Gleich hol das Nähzeug und flick den Herr Jäger wieder schön zusamm.
Weib
holt zögernd widerwillig das Nähkörbchen, wobei ihr der Jäger mit den Augen folgt.
Mann
wirft dem Weib, das das Nähzeug auf den Tisch gestellt hat, einen vielsagenden Blick zu
Weib; näh aber gut und fein, daß man nichts merkt.
140
Geht der Eingangtüre zu.
Weib
wie von plötzlicher Angst befallen, flehend
Mann, bleib da.
Der Türe zu
Oder wart, i geh auch.
145
Mann
ihr zublinzelnd, ärgerlich
Sei nit so kindisch. Laß den Jäger nit warten; der hat noch andere Sachen zu tun. Bin gleich wieder da.
Eingangtür ab.
Weib
setzt sich widerwillig an den Tisch und nimmt Nadel und Faden zur Hand; unwillig zum Jäger
So ziehen Sie also frisch Ihren Rock aus.
150
Jäger
Bin im Dienst. Mein Rock und Seitengwehr tu ich nit ab. Da müssen wir schon zusammenrucken.
Rückt sich neben dem Weib einen Stuhl zurecht und setzt sich; legt seinen schweren Arm mit dem zerrissenen Ärmel auf den Tisch.
Weib
mißt den Jäger mit einem scharfen Blick
Jäger
von dem Blick befangen und verwirrt, für sich
Teufel. Die hat Augen mit Widerhakn.
155
Dann unschlüssig
Überhaupt, der Riß da. Könnts ja auch gut sein lassen.
Erhebt sich halb zum Gehen.
Weib
Jetzt hab ich schon eingfädelt.
Jäger
zögernd
160
Na also, gut; wenn schon eingfädelt ist. Aber bitt, nur vorwärts. Ich will wieder fort.
Während das Weib zu nähen beginnt, mit erzwungenem Lachen
Sie tun ja grad, als ob Sie sich da fürchtn täten mit mir allein.
Weib
trocken
Ich?
165
Jäger
Na, ich vielleicht?
Macht sich stramm; lachend
Ich schreib mich nit Fürchter.
Weib
näht
Ja, die Leut reden schon davon, Sie seien ganz ein Harter im Dienst.
170
Jäger
Kann schon sein.
Weib
Aber Sterndl seh ich noch keins an Ihrem Kragen.
Jäger
Wird schon kommen.
Weib
näht
Na ja; wenn man jung und strebsam ist wie Sie, da kanns nit fehlen.
175
Plötzlich innehaltend
Herrgott; unter dem Ärmel gehts hin und her, wie gespannte Strick.
Jäger
Naja. Muskeln haben wir schon, Gott sei Dank.
Weib
befühlt den Arm
Na, hören Sie; wenn man da hingreift – das ist grad, als wenn alls voll steinerne Mäus durcheinand hupfen täten;
180
befühlt wieder den Arm
Brrr; es ist ganz gruslig.
Jäger
lacht
So greifen Sie halt nit hin.
Weib
nimmt die Näharbeit am Ärmel wieder auf
185
Mit zwei solche Arm können Sie freilich leicht den wilden Grenzjäger spielen.
Dann
Na ja; bis Sie einmal Weib und Kinder haben, dann werden Sie schon zahm werdn.
Jäger
besonders energisch, als wollte er sich gegen sich selbst in Schutz nehmen
Mir hat noch keine warm gmacht.
190
Weib
sieht ihn spöttisch lächelnd an
Nur nix verreden. Sie sein noch jung gnug; Sie wird bald eine auf der Leimrutn habn.
Jäger
lacht
Etwa Sie vielleicht?
Weib
scherzend
195
O, ich geh nit aufs Fischen aus; dank, ich bin schon bemannt.
Jäger
spaßt
Schad; hätts völlig ein bissel scharf auf Sie.
Weib
nähend; lacht.
Ja, da sein Sie zu spät. Da kann man nichts machen.
200
Jäger
Sie sagen: Bemannt. Hm.
Hält wie spottend die Hand ans Ohr als wollte er lauschen; dann
I hör aber keine Kinder schreien.
Weib
gibt es einen Ruck. Dann sich zum Lächeln zwingend
Meinen Sie etwa, wir könnten nit gnug Kinder haben, wenn wir möchtn? Weil wir keine haben wolln – drum hörn Sie keine schreien.
205
Achselzuckend
Was hätt man weiter von so ein paar Fratzen. Nehmen einem Weib grad noch das bissel Schönheit weg.
Jäger
Pfui; ein schieche Red das, für ein Weib. Da wär ich anders.
Weib
Na, wie wären denn Sie?
Jäger
Ah ja; wenn ich oft so allein auf Posten sitz, odernachts auf der Pritschen lieg – da mal ich mirs oft so aus, wie ich einmal als verheirater Wachtmeister neben meinem Weib gemütlich in der Stube sitz und mein lange Pfeifn rauch;
210
lachend
und so ein kleiner Reißteufel rutscht mir auf dem Knie herum, und langt mit seine Batschhanderln nach den weißen Sterndln an mein Blusenkragen.
Lacht.
Weib
ärgerlich
Ah was. Jetz hören Sie einmal auf zu schnattern. Und halten Sie sich ruhig. Wie soll ich denn da nähn?
215
Jäger
No, no.
Dann das Weib betrachtend
Aber viel schöner sein Sie, wenn Sie so ein bissel in die Rasch kommen. Da kriegen die Augn so ein Funkel; das gfallt mir.
Will sie in die Wange kneipen.
Weib
Rühren Sie mich nit an.
220
Holt zum Schlag aus.
Jäger
fängt ihren Arm lächelnd auf und hält ihn fest; wie zu einem Kind
Halt; nit schlagen.
Drückt ihren Arm langsam herunter; ganz gemütlich
Schlagen leid ich nit.
225
Läßt ihren Arm los.
Weib
Jesus, hat der einen Griff.
Reibt sich den Arm
Der Arm ist ganz lahm.
Setzt sich wieder
230
Jetz geben Sie Ihren Ärmel her, daß ich fertig werd.
Jäger setzt sich wieder neben sie
Bin froh, wenn Sie bald weiter kommen.
Näht.
Jäger
lacht
235
Da haben Sies halt bei Ihrem Mannl gut; was? Bei dem gschieht Ihnen nit weh.
Weib
näht
Warum?
Jäger
Weil er nix wert ist; das sieht man ihm doch übers Gwand her an. Der ist ja nur so ein Schneider.
Weib
Er sagt schon allweil, seine Brüder hätten der Mutter die ganze Kraft ausgsutzelt; ihn hat sie gar nimmer selber stillen können; er ist mit der Saugflaschn aufzogen.
240
Jäger
lacht
Na also; haben Sie halt so ein Saugflaschen-Manndl.
Weib
Jetz fangen Sie mir noch an, über mein Mann schimpfen, ja? Da können Sie zehnmal der Stärkere sein; deswegen steckt Sie der Meinige noch zehnmal in Sack;
spottend
Sie Grenzjäger – Sie schlauer; der das Gras wachsen hört.
245
Näht.
Jäger
Au. Jetzt haben Sie mich gstochen.
Weib
trocken
So? Ich hab mir denkt, so ein Kraftmensch spürt das gar nit.
Dann befehlend
250
Halten Sie sich still. Oder i stich Sie gleich wieder.
Jäger
geht auf den Scherz ein
Ich bin schon mäuselstill.
Weib
mit aufblitzenden Augen
Ah. Sehen Sie – mit Ihrer Kraft. Und müssen doch parieren; vor einem Weib.
255
Sieht ihn an.
Jäger
plötzlich ernst, befangen
Was schauen Sie mich denn so an?
Weib
näht
Ich schau halt, wie ich schau.
260
Jäger
ungeduldig; wie von einer geheimen Angst befallen
Sein Sie bald fertig?
Weib
Gleich sein wir so weit.
Ist mit dem Nähen eben zu Ende gekommen
Nur zuerst noch einen Knopf machen.
265
Beißt den Faden ab
So. Jetzt sein Sie wieder ganz.
Hat sich eben so wie der Jäger erhoben.
Jäger
Also. Was bin ich denn schuldig?
Weib
mit heuchlerischem Augenaufschlag
270
Das Wiederkommen.
Jäger
streift sich die Bluse zurecht; für sich, schmunzelnd
Aha; mir scheint, die brandelt schon.
Seine Augen bleiben, wie schon früher während der Näharbeit des Weibes öfters, wieder an der altertümlichen Truhe haften; tritt näher an die Truhe heran
Eine schöne Truhe haben Sie da.
275
Weib
für sich
Aha. Er tappt schon auf die Truhe.
Zum Jäger
Ja. Hab sie als Heiratsgut mitkriegt.
Jäger
lauernd
280
Was ist drin?
Weib
Was stehn Sie denn jetzt noch da herum? Ich hab gmeint, Sie habn es so eilig.
Jäger
versucht den Truhendeckel zu heben
Aha; zugsperrt.
Weib
trocken
285
Ja. Und den Schlüssel hab ich in Bach gworfen.
Jäger
So. Hm.
Setzt sich rittlings auf die Truhe
Da sitzt sichs ganz gut.
Sieht vor sich hin, als überlege er, was zu tun sei. Trommelt mit den Fingern auf dem Deckel einen kräftigen Marsch.
290
Weib
höhnend
Da können Sie lang klopfen; sagt niemand herein.
Jäger
aufbrausend
Ah, wenns auf das geht; Eingang verschaff i mir schon. Der Deckel ist mir nit zuviel.
Schlägt mit einem wuchtigen Fausthieb den Truhendeckel entzwei. Greift rasch mit gieriger Hast durch die Öffnung in die Tiefe der Truhe, um nach verbotener Ware zu fahnden. Zieht endlich ein Kleinkinderhäubchen und eine Kinderfasche hervor; besieht die Gegenstände; enttäuscht
295
Ein Kinderhäubl; und eine Fatschn; und Spinnwebn drum herum; das ist alls.
Weib
das ganz perplex über den Vorgang dagestanden ist, springt auf den Jäger zu, reißt ihm wortlos die Gegenstände aus der Hand und versperrt sie hastig, wie, um sie profanen Blicken zu entziehen, im Stehkasten; zieht den Schlüssel ab und steckt ihn zu sich; lehnt sich tief atmend an die Kastentüre; zornbebend
Den Truhendeckl werden Sie mir noch zahlen; ich steh Ihnen gut; und wenn Ihre ganze Monatslöhnung draufgeht.
Jäger
steht bei der Truhe und sieht das Weib an; dann in echtem Ton
Sie sein auch ein armer Teufel da heroben. Das steht.
300
Weib
schaut auf; beißt sich auf die Lippen. Dann hart auflachend
Ich? Wer sagt Ihnen das?
Jäger
Es ist einmal so.
Weib
plötzlich ein paar Schritte auf den Jäger zu; innerlich erregt
Aber niemandem sagen das – von dem Kinderhäubl und der Fatschn; hörn Sie. Meinem Mann auch nit, hörn Sie. Er tät sich nur kränken.
305
Dann
Ich hör ihn schon kommen.
Jäger
sich umsehend
Wo kann i mich denn verstecken?
Weib
erstaunt
310
Warum verstecken?
Jäger
stiert das Weib wirr an
Was?
Fährt sich wie benommen über die Stirn; gezwungen lachend
Was schwatz ich da zusamm. Unsinn.
315
Versucht sich stramm zu machen
Ah was. Ein rechter Grenzjäger muß man sein. Alls andere hol die Katz.
Rückt Riemen und Seitengewehr zurecht; macht sich zum Gehen fertig.
Mann
kommt aufgeräumt durch die Eingangtüre. Verschmitzt, mit leisem Hohn
Gehn Sie schon, Herr Jäger? Aber Sie suchen uns doch wieder einmal heim, was?
320
Jäger
Hab nix zu suchen in dem Fuchsloch da.
Zerstreut, wie benommen
Adje allseits.
Ab.
Mann
wartet, bis der Jäger das Haus verlassen hat; dann
325
Bravo. Gut hast ihn hinghalten.
Schlägt eine Lache auf
Hahaha. Währenddem er da bei dir gehockt ist, haben meine Helfer die ganze Schmuggelfracht ihm unter dem Sitzfleisch wegzogen. Bis auf dein Stückel da drin
trippelt mit den Füßen auf dem versetzbaren Dielenstück herum
ist jetzt alls aus dem Haus; an die Kundschaften unterwegs. Weib, es kommt wieder Gold.
330
Schlägt die Füße aneinander
Aber kalte Füß hab ich jetz kriegt, von dem Herumstehn im Keller.
Weib
das ans Fenster getreten ist, sich vom Fenster wendend. Dünn
Mußt halt bald schlafen gehn. Ich füll dir dann gleich eine Wärmflaschn für die Füß; sonst kriegst wieder dein Katarrh.
Seufzend
335
Und der dauert dann immer so lang.
Mann
ist der Truhe ansichtig geworden
Was ist denn da gschehen?
Weib
Na ja; der Jäger.
Mann
hastig
340
Na also; was hab ich gsagt? Auf die Truhe haben sie es alle scharf.
Fährt mit dem Arm neugierig durch die Öffnung und tastet in der Tiefe herum; dann ganz enttäuscht die leere Hand herausziehend; sieht das Weib an
Was hast denn jetz da die ganzen Jahr her immer für ein Wesen gmacht mit der Truhe? Da ist ja nix drin –
besieht die Hand
als Spinnwebn.
345
Weib
Na ja.
Mann
reinigt die Hand von dem Spinngewebe
Überhaupt. Wo hat denn der einen Hammer oder eine Hackn hergnommen?
Weib
lacht trocken
Der – eine Hackn? Mit der bloßen Faust hat er draufghaut; dann sein die Spelten gflogen.
350
Mann starrt das Weib an
Gelt, Mannl; da schaust.
In bewunderndem Ton
Ja, der Jäger hat Holz bei der Wand.
Mann
starrt schmerzlich wehmütig auf die Truhe
355
Meine Brüder, drunten im Tal: der Schmied und der Schlosser und der Binder – sein auch nit schlecht beim Zuschlagen;
schmerzlich
nur ich kann nit einmal an Brennspan über dem Knie abbrechen.
Weib
Mach dir nix draus. Wenn du auch keine Bäum ausreißest – aber dafür bist schlau.
Mann
wird wieder aufgeräumt
360
Und grad die Kraftlackl – das sein die Dummen. Hab ich nit recht?
Weib
Ja, die gehn leicht auf den Leim.
Mann
Hast ihn schon ein bissel eingfädelt?
Weib
macht sich zaghaft und mutlos
Ach, du mein Gott. I hab kein Gschick zu so was.
365
Mann
ärgerlich
Jetz hör mir aber auf. So einen Lackl dann und wann auf ein Stündl in der Stube da verhalten – das trifft doch jedes Weib also blinder.
Weib
Also gut. Wenn du schon meinst, dann will ichs probieren.
Mann
froh
So oft er sich da versitzt, werden draußen die Schmuggler lebendig; und blüht unser Weizen. Dann ist das Haus am Marktplatz nimmer weit.
370
Weib
Ah. Da wird dann mein seidener Kittel rauschen, wenn ich am Sonntag zur Kirchen geh.
Mann
Und meine fleischklotzigen Brüder – ah; der Neid muß sie noch alle fressen: Ich, der Schwächste, das schönste Haus und das schönste Weib.
Faßt das Weib und beginnt mit ihr in der Stube herumzutanzen
Hopstrallala. Hopstrallala.
Weib
hält nach einigen Schritten inne und macht sich von ihm los
375
Halt, Mann; jetz ists schon gnug. Sonst hast gleich wieder kein Atem mehr.
Geleitet ihn zu einem Sitz und drückt ihn darauf nieder
So. Mußt immer bedenken: Du bist nit so ein dummer Kraftlackl, wie der Jäger.

(Karl Schönherr: Der Weibsteufel. Drama in fünf Akten. Erstes bis drittes Tausend. Leipzig: Staackmann1914. (S. 3–115.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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