Aslauga

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Figurenkonstellation

Friedrich Motte Fouqué

Aslauga (1810)

Ein Heldenspiel in drei Abentheuren

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Vorspiel.

Wüste Gegend. Zur Seite eine ärmliche Hütte. Heimer, in Bettlerskleidern, eine große Zither im Arm, kommt spielend und singend.
HEIMER.
Du Wind auf wüster Haide,
Wehe mir nicht das Kindlein wach –
Schwirre, blanke Zither, schwirre, –
Du Schlaf, du lieber, linder,
5
Lasse mir nicht das Kindlein los, –
Schwirre noch leiser, Zither, schwirre!
Zum Weinen, sonst erwacht das Kind,
Wehklagt in Schmerzenstönen, –
Säuselt mir sanft, Zithersaiten, –
10
Umfang' es freundlich, Wölbung
Voll reichen Liederklanges,
Und schaukl' es schmeichelnd hin und her.
In die Zither hineinsehend.
Sie schläft; – ach armes, zartes Töchterlein,
15
Hat Dich des alten Mannes heis'res Singen,
Das Rauschen der vom Nebel feuchten Saiten
Doch glücklich wieder in den Schlaf gewiegt! –
Setzt sich nieder.
Mein Tagwerk fängt mich zu ermatten an.
20
Bei uns'rer Fahrt Beginn ging's freilich besser.
Nun hat schon mancher ungebahnte Weg,
Schon manch' ein sorgsam Wachen bei dem Kind
Die Kraft des greisen Leib's mir aufgezehrt.
Fürwahr! wer es nicht weiß, könnt's nimmer denken,
25
Daß ich der vormals große Heimer bin,
Brynhildis, der gepries'nen Heldin, Schwager,
Und König einst ob dem Hlymdaler Volk.
Und die ich berg' hier auf der Zither Boden,
Daß die Aslauga ist, das holde Kind
30
Sigurd des Schlangentödters und Brynhildens;
Und doch ist Alles so. Sie stell'n Dir nach,
Du kleines Mägdlein, lieb und wunderschön,
Die Leute deines Stammes stell'n dir nach,
Dieweil dein Leben (denken sie bethört)
35
Schmach wär' für manch' ein mächt'ges Heldenhaus.
Nehmt hin mein Reich, ihr frevelndes Gezücht!
Der alte Heimer zieht durch Wald und Ried,
Trägt unerkannt den Schatz mit sich herum,
Und lullt mit seinen armen Liederklängen
40
Das Kind in Schlaf, daß Niemand sein gewahrt;
Und schreit es 'mal, so klingt das Saitenspiel
Gleich lauter, lauter, übertäubt den Ton. –
Hier sind wir einsam, und ich dürfte wohl
Die Zither öffnen, das klangreiche Haus. –
45
Nein, Kindlein schläft so mild. – Von Abend her
Zieht ein Gewitter drohend schwer herauf,
Der Sonne letztes Funkeln niederdrückend, –
Was nun auf öder Haide mit dem Kind? –
Er schaut umher.
50
Dort find' ich wohl im alternden Geflecht
Von Weidenruth' und Moos ein Obdach. –
Ja, ja; 's ist ein Gehöft, doch schlecht und roh,
Daß mir's von fern ein erd'ger Aufwurf schien.
Ach, holdes Fürstenkind, wie führ' ich dich,
55
Aslauga, heut in niedre Herberg' ein!
Er klopft an die Thür.
GRIMA
von innen.
Bringst Beute mit vom Anstand? Trägst so schwer,
Daß ich dir öffnen muß? Ich komm' schon, Ake.
60
S' thut Noth um guten Vorrath. 'S Haus ist leer.
HEIMER.
Ich bin nicht der, auf den du wartest, Frau.
GRIMA.
Ein Kobold dann. Von andern Wallern Niemand
Kommt durch die öde Haid' an dies Gehöft.
Bleib' draussen, mach' dich fort. Ich kenn' die Sprüche
65
Zu bannen deines Gleichen, Neckegern!
HEIMER.
Ein armer Wandrer bin ich.
GRIMA.
Bettelmann.
HEIMER.
Um gar nichts besser. Denn mir altem Sänger
Giebt nur aus Mitleid junges Volk Gehör.
70
GRIMA.
Hm! –
HEIMER.
Sagst du was?
GRIMA.
So komm denn nur herein.
Ich kann nicht fort vom Heerd. Die Thür' ist offen.
HEIMER
die Thüre öffnend.
75
Welch dunkles Nest! Welch schwere Luft!
GRIMA.
Nun? Kommst nicht?
HEIMER.
Ja. – Ist der Boden hier auch grad' und sicher?
GRIMA.
Wie deine Hand. Die Thür' zieh nach dir an,
Denn kältend saust der Sturm durch's Haus. Hu, hu!
80
HEIMER.
Mich schüttelt's auch.
Er geht hinein.
Das Innere der Hütte.
Grima kauert an einem niedrigen Heerde. Sie verbirgt einen Topf.
GRIMA.
So! Recht! Die Grütz' ist gut für meinen Mann
85
Und für mich selbst. Der Fremde kann sich schon
Mit dürrem Brod behelfen. Sei er froh
Daß man ihm Obdach gönnt.
HEIMER
hereintretend.
Hab' guten Abend.
90
GRIMA
noch am Herde knieend.
Schön' Dank.
HEIMER.
Der Götter Frieden in dies Haus.
GRIMA
sich aufrichtend.
Ja? Bringst ihn mit? Der thät uns noth bisweilen.
95
Ei Fremder, wie du groß und herrlich bist!
HEIMER.
Warst! mußt du sagen.
GRIMA.
He? Wie meinst du?
HEIMER.
Nichts.
GRIMA.
Man möcht' sich grauen, so im Dämmerlicht,
100
Wie du fast des Gemaches Deck' erreichst
Mit deinem Haupt, – was trägst du denn für Züge
Im Angesicht? – Ich mach' ein Feuer an,
Sie entzündet Feuer auf dem Heerde.
So wird's doch Einem hell und dreist zu Muth,
105
Und weiß man, wer uns gegenüber steht.
HEIMER.
Nachdem es fällt. Denn als der Asen Größter
In Grimners heisser Prüfungsflamme saß,
Kannt' ihn doch nicht der bös verstockte Wirth.
GRIMA.
Ho! Wärst du gar – nein, sag' mir's ohne Trug,
110
Bist du ein Mensch wie unser Eins?
HEIMER.
Ein Mensch,
Ein armer Bettler.
GRIMA.
Setz' dich an den Heerd. –
Ich denk', mein Mann kommt bald vom Jagen heim.
115
Nun setz' dich. Gäste sehn wir selten hier.
Kommt's mal, so müssen wir sie gut empfangen.
Ei, welche schöne Zither!
Sie greift darnach.
HEIMER.
Du! Zurück!
120
Niemand faßt ohne meinen Will'n die Zither!
GRIMA.
O du erschreckst mich schlimm. Was schiltst du nur?
Ich mein' es gut.
HEIMER.
Das hoff' ich zu den Göttern.
GRIMA.
Entlasten wollt' ich dich der schweren Zither,
125
Herlegen sie auf meinen eignen Sitz.
HEIMER.
Das gönn' ich dir. Doch trag' sie sorgsam – sacht!
GRIMA
die Zither auf den Sitz legend.
Wie schwer! Wie groß! Ein wundersames Werk.
Und damit, Alter, zeuchst du durch die Lande,
130
Ermüdest nicht von solcher läst'gen Wucht?
HEIMER.
Vielmehr ist sie all' meine Freud' und Lust.
GRIMA.
So! Ja, das ist nun seltsam. Jeder treibt's
Nach seinem Kopf. Ich wüßt' mit solch 'nem Ding
Nichts anzufah'n.
135
HEIMER.
Erzähl' mir doch, wie heißt du?
Wie lebst du?
GRIMA.
Grima nannten mich die Eltern.
In Armuth und in Elend wuchs ich auf,
In Armuth und in Elend freit' ich Aken.
140
Der geht zum Fischfang bald, und bald zur Jagd,
Und bringt doch alle Tag' so viel mit heim,
Daß man sein Leben fürder schleppen kann.
HEIMER.
Oh!
GRIMA.
Seufzest du?
145
HEIMER.
Die Luft ist hier so schwer
In euerm Haus, engt mir das Herz so ein.
GRIMA.
Ja, kommt der Wind vom Meeresstrand herauf,
So müssen wir die Luken sorgsam schließen,
Sonst wird's nicht hinnen warm die ganze Nacht,
150
Und auf den Matten dort, von Schilf gewebt,
Erfriert man schier.
HEIMER.
Wie heißt ihr diese Gegend?
GRIMA.
Man nennt sie Spangarhaide.
HEIMER.
Spangarhaide!
155
GRIMA.
Fällt euch der Namen auf?
HEIMER.
Ich weiß nicht – nein. –
Wie könnt Ihr nur so wild und einsam wohnen?
Hier möcht' ich nicht einmal für mich ein Grab.
GRIMA.
Nun, Grab ist einsam für all' Menschenkind,
160
Und einsam aller Orten.
HEIMER.
Freilich wohl. –
Nach jener Seit' hinüber sieht in's Meer
Ein Vorgebürg'. Wie heißt das?
GRIMA.
Lindisnes.
165
HEIMER
singt für sich.
Spangarhaide, öde Haide,
Hießt trüb willkommen den Wandrer trüb,
Du Lindisnes, licht Vorgebürg,
Leucht froherm Wandrer froh herein,
170
Ihr Namen seid dem Liederklang lieb,
Lindisnes und Spangarhaide.
GRIMA.
Dem Liederklang? Noch niemand hat ein Lied
Auf unsre öde Gegend hier erdacht.
HEIMER.
Mir fiel's so ein. Wer weiß? Der schlechtste Winkel
175
Des ganzen Erdrunds, allen Menschen fremd,
Kann einst in aller Menschen Ohren klingen.
Nur einer That bedarf's, gewichtig, schwer.
Sehr gut von Inhalt, oder auch sehr bös,
Und Sänger grüßen nach viel hundert Jahren
180
Im Liede noch den Ort, wo sie geschah. –
Strahlt allwärts hin doch lenkendes Gestirn,
Und allwärts regt sich's in der Menschenbrust.
GRIMA.
Das kann wohl sein. Mich zwar mußt du nicht fragen,
Denn ich versteh' mich nicht auf solcherlei. –
185
Gingst du nun gern zur Ruh? – 'S ist Schlafenszeit.
HEIMER.
Ja. Weis' mir irgendwo ein Lager an.
GRIMA.
Es scheint, hier im Gemach behag's dir nicht.
HEIMER.
Ich alter Mann mit meiner lieben Zither,
Wir sind der Herberg' aller Art gewohnt,
190
Und haben schon gehaus't in Höl' und Grube,
Oft in versiegten Waldbach's stein'gem Bett,
Dann wieder tief im undurchhau'nen Tann.
Lagr' uns nur, wo du willst, und über uns
Sei frommer Götter Rathschluß.
195
GRIMA.
Hier drinnen schlafen Ak' und ich. Der kommt
Vielleicht erst spät vom fernen Anstand heim.
Dann ist er auch bisweilen wild und irr,
Erzählt im Schlafe halb, und halb im Wachen,
Wie Nachtmohr zu ihm trat auf busch'gem Weg,
200
Und wie ihn Waldmensch wunderlich geneckt,
Und Kobold mit ihm bis zur Hütte ging.
HEIMER.
Das muß gar seltsamlich zu hören sein.
GRIMA.
S' könnt' Einen schrecken der nicht dran gewohnt wär'
Und störte dich auf jeden Fall im Schlaf.
205
Dort haben wir 'ne Scheure angebaut,
Geliebt es dir, zum Obdach die zu nehmen?
Das Heu liegt hoch darin, recht weich und duftig,
Da schläft sich's ohne Zweifel fest und sanft.
HEIMER.
Meinst du?
210
GRIMA.
Und hörst auch nicht, wenn wir frühmorgens
Zur Arbeit aufstehn.
HEIMER.
Wär' erst Morgen da!
Ich sehne mich nach seinem rothen Funkeln.
Gar tief und lang bedunkt mich diese Nacht.
215
GRIMA
eine Thür im Hintergrunde öffnend.
Hier geht's hinein.
HEIMER
die Zither nehmend.
Gut' Nacht.
GRIMA.
Willst noch dich letzen
220
Mit Abendbrod?
HEIMER.
Ich ess' nicht mehr. Gut' Nacht.
Geht hinein, und schließt die Thür.
GRIMA.
Das wär' ein Bettler? Nimmer. Guld'ges Kleinod
Sah durch die Lumpen ihm verrathend vor,
225
Und aus der großen, schweren Zither blitzt' es –
Ich merk's wohl – reich auf einmal könnt' man sein.
Ake tritt herein, und wirft einiges Wildpret auf den Boden.
AKE.
Da! – Schwarz und stürmisch wird die Mitternacht,
Daß weder Auge Dienste thut noch Ohr.
230
Nimm hier mit dem vorlieb, und wahr' es gut.
Mein Abendbrod!
GRIMA.
Mann, Mann, es geht was vor,
Davon mir's auf und ab im Sinne tos't.
Denk' nur –
235
AKE.
Willst was erzählen? Thu' es Morgen.
Wie steht es mit dem Flachs?
GRIMA.
Der liegt noch dort.
AKE.
Noch nicht gesponnen? Grubst die Rüben ein?
GRIMA.
Was Rüben!
240
AKE.
Du nichtsnutzig, träges Weib!
Auf meinen Schultern liegt die Arbeit schwer,
Mit deinen drückst du schlafend dort die Matten.
Heißt das ein Hausstand? Das 'ne rechte Eh?
Kein Wunder ist's, wenn man in Armuth bleibt.
245
Wozu denn freit' ich dich? Soll Zwei ernähren,
Und Einer muß drum schaffen nach wie vor.
GRIMA.
Ich selber bin des Elends lang schon satt.
AKE.
Hei, wenn's das Wünschen thäte! Geld herein
Und Müh' hinaus! Nicht wahr, das sprächst du gern?
250
Doch Glück hat keine Beine. Wälzt man's nicht,
Und zieht man's nicht mit Schweiß und Noth herein,
So bleibt's gleich einem Felsblock starr und fern.
Noch keinem Menschen lief's von selbst in's Haus.
GRIMA.
Doch. In Gestalt 'nes großen, alten Mann's
255
Kam's in der Dämmrung –
AKE.
Nun ein Mährlein gar.
GRIMA.
Kam's in der Dämm'rung her vor unser Haus.
AKE.
Was willst du? Hat ein Elfe dich bethört,
Mit neck'schem Gaukeln dir den Sinn verwirrt?
260
GRIMA.
Schau dort!
Sie öffnet die Hinterthür. Man sieht Heimern schlafend, die Zither neben ihm.
AKE.
Was soll der Greis in unsrer Scheure?
GRIMA.
Der ist das Glück.
AKE.
Das Glück?
265
GRIMA.
Ja, unser Glück.
An unerhörten Schätzen ist er reich.
AKE.
Du faselst. Jener alte Bettelmann?
GRIMA.
Gewiß, der war ein hoher Kämpfer einst.
Bemerk' die rüst'gen, schlanken Glieder nur,
270
Und sähst du ihn erwacht, die Augen blitzend,
Den stolzen Gang, und wie er herrschend winkt,
Du hieltest ihn wohl selbst für Asa Thor.
AKE.
Grau'n bringt mir dieses Bild, kein Glück in's Haus.
GRIMA.
Hell funkelnd zwischen seinen Lumpen sah
275
Von Gold ein blanker Armring durch. Die Zither,
Schwer, ungewöhnlich groß, hegt sonder Zweifel
Verborgne Schätze. Reichgestickten Kleid's
Buntfarb'ger Zipfel zog sich draus hervor.
AKE.
Was soll das uns?
280
GRIMA.
Ein Ende bittern Elends
Und Anfang süßer Lust und Schlemmerei,
Wie's reichen Leuten wohl geziemen darf.
Dazu gehört nur Augenblick's von dir
Mannhaftigkeit.
285
AKE.
Laß. Ich versteh' dich nicht. –
Was suchst du ämsig unter'm Reisigbündel?
GRIMA
ein Beil hervorbringend.
Das hier zerspaltet knot'ger Eiche Stamm.
Viel mürber ist des greisen Fremden Schädel,
290
Wegmud', allein, liegt er in tiefem Schlaf.
AKE.
Bleib' mir mit deinen schlimmen Reden fort.
Nur selten wird ein armer Mann zum Wirth,
Drum zwiefach sicher sei bei ihm der Gast.
GRIMA.
So willst du nicht?
295
AKE.
Nicht um das Fafners Gold.
GRIMA.
Ich sag' dir, halt' den Reichthum diesmal fest,
AKE.
Ich sag' dir, laß von solcher Bosheit ab.
GRIMA.
Du willst nicht?
AKE.
Still von nächt'gen Gräul'n. Zu Bett!
300
GRIMA.
Mit dir zu Bett? Mit dir?
Mutharm du, schreckensreich.
Keifen, klagen, drohen
Kannst du durch das Haus wohl.
Vor tapfern Thaten kreuchst
305
Thöricht erblassend ein,
Und lebst, elender Lump,
Leidend und bettelnd fort.
AKE.
Feig' ich? Und furchtsam ich?
Frage draussen den Waldbär.
310
Schwach ich? Und schwindelnd ich?
Schwankende Bäum' erklimm' ich. –
Du! Stille den meisternden Mund;
Männer haben Urtheil
Über wackern Wagmuth,
315
Weibsleute schweigen davon.
GRIMA.
Was brüllender Bär? Was Baum,
Beherzt erklommen in Nacht?
Hier gilt's höh'res Wagstück,
Heldenfall den gilt's hier.
320
Und drehst du fort dich, denkst
Deiner Gefahr und Angst,
Such' dir seitab ein Bett,
Sollst nimmer dich meinem nah'n.
Wohl herrlicher'n Genossen such' ich auf.
325
AKE.
Was hast im Sinn? Wen nennst Genossen dir?
GRIMA.
Den alten, reichen Helden, den du schau'st.
Mit Worten, wie du nimmer noch erdacht,
Bot er mir seine süße Lieb' und Huld,
Zugleich den ganzen Schatz, daran er trägt.
330
Sein starker Arm, er räumt dich mühlos fort.
Hab's denn nach deinem Will'n und ich nach meinem.
AKE.
Du führst des Schwindels feindliche Gewalt,
Der im Gebirg verirrten Wandrer zwingt:
Hinauf! Hinauf! Wo nicht zum Abgrund nieder.
335
GRIMA.
Besinn' dich kurz. Ein Ruf, so wacht der Held.
AKE.
Weh, das ist schlimme Wahl,
Wohin ich schaue, Noth!
Wär' ich nur blieben im Blachfeld,
Blieben im Walde draussen!
340
Schlimme, schlechte Arbeit,
Schlachten das edle Wild dort!
Geht nun nicht anders. Schon gut!
Gieb her, her, Weib, das Beil!
GRIMA
ihm das Beil reichend.
345
So, tapfrer Ake! Lieber Ake, recht!
Und mach' dich an die That.
AKE.
Des Heerdes Feuer
Ist ausgegangen über unsern Streit,
Und wirr hast du mir das Gemüch gemacht.
350
Kaum find' ich in der eignen Hütte mich,
Zwiefaches Dunkel liegt auf meinen Augen.
GRIMA
ihn führend.
Hier geht es nach der Scheurenthür. Hierher!
Erkennst dich nun?
355
AKE.
Weiß nicht. Bin wie im Traum.
GRIMA.
Komm nur. Sieh', durch das eingefallne Dach
Blickt dort ein Stern herein. Der leuchtet dir.
AKE.
Er hat recht rothen, wunderlichen Schein.
GRIMA.
Just blitzt er auf des Schlafenden Gestalt.
360
Wart' noch. Will erst die Zither nach mir ziehn.
Dann frisch. Und liefre dein Stück Arbeit gut.
'S wird wohl bezahlt.
AKE.
Auch ist's gar mächt'ge Eiche,
Die ich zu fällen heut bin angestellt.
365
GRIMA.
Laß mit der Zither erst mich aus der Scheure.
sie tritt heraus, und zieht die Thür nach sich zu.
So! Brüllt nun auch der wunde Stier und rast,
Mich und die Zither trifft er nicht mehr an.
Horch! Horch!
370
HEIMER
drinnen.
Mord! – O mein Kleinod, liebe Zither!
GRIMA.
Die halt' ich; hab' den Preis im voraus fest.
Gewiß, der wackre Schlag ist schon geschehn.
Er tönte dumpf erkrachend mir in's Ohr.
375
AKE
drinnen.
Weib, mach' die Thür' auf.
GRIMA.
Ist der Alte todt?
AKE
drinnen.
Getroffen wohl zum Nimmerauferstehn,
380
Doch wälzt er noch sich auf dem blut'gen Heu;
Wenn er im Zorn mich greift, bin ich zerstückt.
GRIMA.
Ich wag' mich nicht der Thür so nah. Stoß auf doch!
Sie ist nur angelehnt.
AKE
drinnen.
385
Es ist so finster,
Und nah bei'm Ausgang liegt der blut'ge Gast.
Wie leicht rennt' ich ihm in die Rächerfaust.
HEIMER
drinnen.
Du arges Volk, hältst Rath, wie du dich rettest
390
Vor König Heimers, des Erschlagnen, Dräun.
Sollst dich nicht retten Volk! – Über uns All'
Reiss' ich zusammen dies verfluchte Dach,
Um! Aus! Ihr morschen Stützen!
GRIMA.
Welch ein Krachen!
395
AKE
aus der Thür brechend.
Hilf! – In der Scheu'r die Pfosten! Hilf! sie wanken
Er faßt's mit Riesengrimm –
GRIMA.
Hier! Weiter her!
Der Hütte Vordach schützt uns.
400
Die hintre Wand sammt der Scheure stürzen ein.
AKE.
Greiser Wüthrich!
GRIMA.
Ein wüstes Grabmal hat er sich bereitet.
AKE.
Wie kam ich noch hinaus? Weiß selbst nicht mehr.
Sind wir hier sicher? Steht auch Alles fest?
405
GRIMA.
Sei doch gefaßt. Vorbei ist die Gefahr.
Zeig' dich mannhaftig.
AKE.
Wärst du drin gewesen!
Das grause Dunkel, und des Alten Stöhnen,
Zuletzt des Baues drohendes Gekrach –
410
GRIMA.
Getrost. Ich mach' alsbald ein Feuer an,
Dabei wir den gewonn'nen Schatz beschau'n.
AKE.
Du zeigtest mir vorhin ein Sternlein roth
Durch's morsche Dach; nun ist die Scheidwand gar
Zerfallen zwischen uns und Himmels Bogen.
415
Hu, wie neugierig er herunter sieht
Mit seinen tausend goldnen Augen all'. –
GRIMA.
Laß den nur sehn, der stiehlt den Schatz uns nicht.
Sei lustig Ake, reicher Are nun! –
'S will gar nicht brennen.
420
AKE.
Kann des Fremden Blut
Doch nicht bis hier gesprützt sein auf den Heerd!
Sonst blieb er davon wohl so feuerlos,
Die heitre Flamm' im feuchten Roth erlöschend.
GRIMA.
Ach was! Von wirren Träumen wieder voll?
425
Freu dich der tapfern That, so du vollbracht.
Nun geht der Reisig leuchtend in die Höh.
Nun her den Schatz!
Sie tragen die Zither zum Heerde.
AKE.
Da drinnen, meinst du, läg's?
430
GRIMA.
Versteht sich. Mach' nur auf.
AKE.
Wie faßt man's an?
GRIMA.
Hier sieht es beinah aus, als fügt' es sich
Zusammen – hier versuch's.
AKE.
Wozu das Zögern?
435
Das bricht sich leichter als des Greisen Haupt.
Ha! Ha! Fürwahr, ich muß recht drüber lachen,
So wenig mit dem Gast Umständlichkeit,
Und bei dem todten Ding bedenkt man sich.
Ich will's zerbrechen. Bin 'mal im Zerbrechen.
440
GRIMA.
Nur drauf. Ich selbst gedulde mich nicht mehr.
Ake bricht an der Zither, die Saiten reissen klingend.
AKE.
He! Schrei'n kann's doch, das wunderliche Ding.
Doch schrei nur wie du willst, mußt von einander.
Wer heut hier einkehrt, der hat ausgelebt.
445
Er zerbricht die Zither. Aslauga richtet sich daraus empor, in reichen Kleidern, mit Edelsteinen geschmückt.
Da lebt was drinnen! Ha!
Er stürzt zu Boden.
GRIMA.
Weh' uns! Ein Blitz!
Sinkt von der andern Seite zusammen.
450
AKE
nach einigem Schweigen.
Das war ein Traum. Weib, hast du auch geträumt?
GRIMA.
Ja, von 'ner Zither, draus ein Lichtlein kam –
AKE.
Ganz recht. Und wir erschracken, fielen um –
GRIMA.
Wir sind ja auch auf unserm Lager nicht –
455
Es war kein Traum, – die Zither, schau doch, liegt
Noch zwischen uns –
AKE
sich etwas erhebend.
Und Lichtlein leuchtet hell
Und kerzengrad noch immer draus hervor.
460
GRIMA
sich erhebend.
Das ist kein Lichtlein, Mann, das ist ein Kind.
AKE.
Was? Mir kommt's auch so vor.
Sie nähern sich der Zither.
Ach Kindlein schön,
465
Sei uns nicht bös, du holder Göttersprößling.
GRIMA.
S hört nicht auf uns, schaut mit den lichten Augen
G'rad unter seinen goldnen Locken vor.
AKE.
Welch reiches Haar! Wie's Sonnenlicht so blank!
GRIMA.
Und sieh 'mal: Funken roth und gelb und grün
470
Sind auf die Kleider ihm wie hingesät.
AKE.
Ob das wohl brennt? –
Hinfassend.
Nein, Frau, sind blanke Steine,
Die geben solch ein seltsam buntes Licht.
475
GRIMA
zu Aslaugen.
Kind, Kind, wo kommst du in die Zither 'nein?
Sag' doch. Es thut dir Niemand hier ein Leid.
Und trug der Alte dich schon lang herum?
Wie kam dir Nahrung zu? Wie frische Luft?
480
AKE.
Es kann nicht sprechen, glaub' ich, ist auch noch
Von Jahren zart.
GRIMA.
Was thun wir nun damit?
AKE.
Ja, aufziehn müssen wir's, denn sich vergreifen
An solchem Schein, – wem käm' nur das in Sinn?
485
GRIMA.
Da haben wir was rechts gewonnen. Last
Um nichts und wieder nichts. Denn all' der Putz,
Was soll uns der? Was uns die blanken Steine?
AKE.
Das giebt auf's höchste Spielwerk für das Kind.
GRIMA.
Verwünschte Nacht! Die Scheu'r ist uns zerbrochen,
490
Und 'ne Kostgäng'rin mehr an unsern Tisch.
AKE.
Wer trägt die Schuld? Wer hat mich aufgehetzt?
GRIMA.
Kann ich dafür, daß du von dem Gestirn
Zum Lump geordnet bist, der nimmer sich
Abstreifen kann der Armuth schnöd' Geleit?
495
AKE.
Mach mich nicht wild. Ich bin des Hauses Herr,
Und der, mit dem du mich vorhin bedräut,
Liegt starr und kalt dort unter'm Trümmerhaufen.
Ich sag' dir, halt dich still.
GRIMA.
Nun gar noch Zank
500
Im Haus. Ein böser Elfe, glaub ich, kam
In's Greisen Bildung, bracht' uns dieses Kind,
Die schlimme Gabe, neckend mit herein.
Ja, thu' nur dem den Will'n, fang' Streit nur an.
AKE.
Ach, mir ist gar verwirrt und wüst im Kopf.
505
Das hier, das blanke Bild, paßt nicht zu uns,
Verstört uns nun durchaus das ganze Leben.
Sehr häßlich sind wir, die hier allzuschön.
Wie soll das werden? – Sprich ein kluges Wort,
Wofern man dazu Kluges sprechen kann. –
510
Man weiß ja nicht einmal, wie man das Mägdlein
Benennen soll.
GRIMA.
Ei, das ist leicht geschehn.
Man heißt sie Krake. So hieß meine Mutter.
AKE.
So heißt der krächzend traur'ge Vogel auch
515
Der schwarzen Kleids und diebisch list'ger Art
Auf unsern Haiden wohnt. Und darf man die hier
Der Kräh' vergleichen? Sieh dies goldne Haar,
Dies blaue Liebeslicht der hellen Augen,
Die schnee'ge Haut, – sieht das wie Krake aus,
520
Wie Krähe? – Nein, das ziemt sich nimmermehr.
GRIMA.
Die goldnen Locken fällt der Scheere Schnitt,
Und eine schwarze Kappe bind' ich ihr
Auf das geschorne Haupt. Dann hüllt der Ruß
Und Rauch in niedrer Hütte alsobald
525
Die weisse Haut in grau einförm'ge Farbe,
So daß sich Niemand fürder wundern darf,
Wenn man so dunkles Mägdlein Krake nennt.
AKE.
Nu gut. Wenn du so meinst, mir ist es recht.
GRIMA
sie aus der Zither nehmend.
530
Ich leg' sie auf die Binsenmatt' alsbald,
Und deck' sie mit dem Widderpelze zu,
Da liegt sie weich, und nah beim warmen Heerd.
AKE.
Schau', wie zum Weinen sie den Mund verzieht,
Und rückwärts blickt nach ihrem Zitherhaus.
535
Ja, Kind, dein blankes Haus ist nun entzwei,
Und klingt hinfort von keinem Tone mehr.
GRIMA
das Kind auf die Matten legend.
Nun schlafe! Nacht ist dunkel,
Nirgend Licht und Plaudern wach, –
540
Drück' zu die Augen, sonst droht der Nachtmohr –
Waldmensch geht im wüsten Gehölz,
Wacht Niemand als Hex' und Kobold, –
'S ist schwarz draussen, drück' Äuglein zu.
Verschlaf du, was vordem sahst,
545
Vergiß den Alten, die Zither, –
Drück' zu die Augen, sonst droht der Nachtmohr –
Bist Hüttenkind von heut an,
Hab' dich zu eigen Tochter –
'S ist schwarz draussen, drück' Äuglein zu.

(Friedrich de la Motte Fouqué: Ausgewählte Dramen und Epen. Herausgegeben von Christoph F. Lorenz, Hildesheim: Georg Olms AG, 1996 [Nachdruck der Ausgabe 1810].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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