Sigurds Rache

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Figurenkonstellation

Friedrich Motte Fouqué

Sigurds Rache (1810)

Ein Heldenspiel in sechs Abentheuren

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Vorspiel.

Dichter Wald. Eine alte Burg im Hintergrunde.
Gunnar, Högne, Grimhildis treten mit einigem Gefolge und einem Boten auf.
GUNNAR.
Fürwahr, man ging' vielleicht den letzten Weg
Nicht mit so viel Beschwerniß und Mishagen,
Als diesen dorn'gen, klippenvollen hier!
HÖGNE.
Der Bursch führt Einen noch am Ende falsch.
5
GRIMHILDIS.
Es wird wohl recht sein. Denn Grudunens Muth
War stechend wild, als sie von uns entwich.
So hat sich Gleiches gleiche Bahn erseh'n,
Wie ja der Ruf uns auch verkündete,
Sie haus' in Mitten wald'ger Einsamkeiten.
10
GUNNAR.
Du wirst nun auch schon alt, vielweise Mutter,
Und glaubst deshalb was dir ein jeder sagt.
GRIMHILDIS.
Meinst du? So hättet ihr mich lassen soll'n.
Einsam mich lassen in dem zaub'rischen
Gemach, drin ich mein seltsam Wesen trieb,
15
Zum Spiel noch brauchend, was eh'mals die Welt
Erschütterte nach meinem zorn'gen Will'n,
Jetzt die nur beben hieß, die zu mir ein
Den kecken Fußtritt lenkten.
HÖGNE.
Ja, schaurig sah's, unheimlich bei dir aus.
20
Im Zimmer strich's an Einem kalt vorbei
Als wie mit Fitt'gen einer Fledermaus,
Und wollt' man sich erhohlen, trat an's Fenster,
So rauschte tief herauf der alte Rhein,
Als lüd' er Menschen in sein feuchtes Grab.
25
GRIMHILDIS.
Seh't ihr? Warum mich holen? Ich war todt.
Warum zurückbeschwören mein Gebein
In diese Welt, draus ich mich selbst verbannt?
GUNNAR.
Du gingst in deine Klause, weil dir schien,
Die neuheraufgewachsne Menschenart
30
Verehre dich nicht mehr in alter Demuth.
Jetzt aber brauchten wir dein künstlich Thun.
GRIMHILDIS.
Laßt's immer aus dem Spiel, so lange ihr könnt.
Ihr saht wohl eh', mein zaub'risches Beginnen
Braut lust'gen Leuten keinen guten Trank.
35
GUNNAR.
Es giebt auch keine lust'gen Leute mehr.
Seit ich des Sigurd rothes Herzblut sah,
Brynhildis dann mit ihm in Flammen lodern,
Hab' ich nicht mehr und wohl kein Mensch gelacht.
GRIMHILDIS.
Wie das mit hohlen Spiegelaugen sieht
40
Und bild't sich ein, es seh' Niemand was anders.
BOTE.
Frisch auf, ihr Herren Kön'ge! Strengt euch an!
HÖGNE.
Du führst uns in der Irre toll rundum.
Ist das ein Königsweg?
BOTE.
Ich weiß es nicht.
45
Allein ihr seid doch Beide eben drauf,
Und wenn's sonst keiner war, so wird er's nun.
Zudem, wer was begehrt, der streck' die Hand aus,
Wer kommen will, der scheu' die Reise nicht.
Es giebt nichts auf der Welt ohn' etwas Müh'.
50
Die schwerste habt ihr doch im Rücken. Seh't
Nur ein paar Schritt', so steht ihr vor der Burg,
Drin die kunstreiche, weise Frau sich aufhält,
Die eure Schwester sein soll.
GUNNAR.
In der Burg dort?
55
BOTE.
Nicht anders.
GRIMHILDIS.
Sagt ich's ja.
GUNNAR.
So hat sie doch
Sich in der That recht düstern Ort erwählt,
Und schwer wird's halten, sie daraus zu ziehn,
60
Denn (bei mir selber ahn' ich's) wer einmal
Den trüben Geist in trüb einsiedler'sch Leben
So recht hat eingetaucht, verläßt's wohl kaum.
BOTE.
Ihr wollt nicht 'nein zu ihr?
GUNNAR.
Wie meinst du, Högne,
65
Wenn du allein die alte Burg beträt'st?
HÖGNE.
Was uns der Schwer Huld gewähren soll,
Liegt dir so nah', und näher wohl, als mir.
GUNNAR.
Ja, aber du hast nicht so viele Schuld
An jener That, um die sie von uns wich.
70
HÖGNE.
Daß ich's nicht hinderte, genügt. Mich dünkt,
Es sei der Himmel mir seit Sigurds Tod
Nicht heller und nicht günstiger als dir,
Nicht minder feindlich roth der Sterne Heerzug,
Und wohl trifft Ein Geschick zuletzt uns zwei.
75
GUNNAR.
Ruf' du doch lieber in's Gemäu'r hinein;
Von hier aus. So erwarten wir die Antwort.
HÖGNE.
Es mag drum sein.
Er bläst auf seinem Jagdhorn und ruft nachher.
Auf wald'gem Weg
80
Weither gereist
Ueber See'n, über Sand,
Bei Sonn' und Nacht,
Steh'n hier zwei stattliche
Kön'ge, der Stick'rinn harr'nd,
85
Die in der bemoos'ten Burg
Beim Rahmen verweilt.
GUDRUNA
ungesehn.
Könnt ihr zwei Kön'ge
Königlich wohnen,
90
Herrlich herrschen,
Was treibt euch von Haus?
Könnt ihr deß' Keins?
Seid ihr nicht Kön'ge.
Stört nicht die Stick'rin,
95
Stellt euch fernab!
HÖGNE.
Burgbewohn'rin,
Kunstbegabte!
Laß Ruhe, laß Rast
Dem reichen Faden;
100
Nicht fliege stets fleissig
Die flücht'ge Nadel.
Wirst müd' und matt,
Dein Werkzeug mit.
GUDRUNA
ungesehn.
105
Wir leben, wir leuchten,
Des lieben Geschäfts froh.
Faden funkelt,
Nadel flimmert,
Immer webt Meist'rin und weint,
110
Winkt alter Zeit –
Und Bild auf Bild
Breitet sein Licht aus.
HÖGNE.
Meist'rin, mach' auf,
Tritt her zu uns Männern.
115
Hier draussen die zwei
Du kennst sie gut.
Hoch am Rhein hebt
Unser Haus sich,
Drin sprangen wir, spielten,
120
Spendeten Gaben dir.
GUDRUNA
ungesehn.
Weh'! Hemm' dein Wort!
Weh'! Schweig' nur gar!
Beide euch Blut'ge,
125
Kenn' ich, ihr Brüder!
Mir löscht meine Lust
Am lieben Geweb,
Muß deß' ich gedenken
Das ihr mir gethan!
130
Nein, still du! Sei stumm
Steure der Rede!
Verwünschung fleugt,
Faßt euch alsbald,
Wenn ihr noch harrt hier,
135
Mehr Lästrung hauchend.
Ihr schaut nun die Schwester
Nie mehr, ihr Schlimmen!
HÖGNE.
Und senkst du so
Den Sinn von uns,
140
Muß ich dich mahnen
Mächtigern Worts.
Um des besten Blut's will'n
Aus treu'ster Brust,
Um Recht und Rache,
145
Raff' dich empor!
Man hört Bewegung in der Burg.
GUNNAR.
Mein Bruder, solch ein Wort war allzukeck.
Sie deutet sonder Zweifel es auf Sigurd.
HÖGNE.
Das ist mein Will' auch. Nur bei Sigurds Mord
150
Und Rachedienst beschwört man sie herauf
Aus ihren Kammern.
GUNNAR.
Mir sträubt sich das Haar
Bei der Erinn'rung dran.
HÖGNE.
Und mir nicht minder.
155
Jedoch die Schwester sollte ja heraus.
GUNNAR.
Nur nicht auf diese Weise.
HÖGNE.
Such' dir denn
Hinfürder Abgesandten fein'rer Art.
GUDRUNA
hervortretend.
160
Bei meines Helden Blut beruft ihr mich,
Bei eures Schwähers Blut, das ihr vergoßt,
Ihr freches, schamverläugnendes Gezücht.
Ich muß gehorchen. Wessen Mund ein Wort
Von meinem todten Liebling zu mir sendet,
165
Bezaubert mich, faßt mir gerad' an's Herz,
An meines Lebens allerbesten Theil.
So sprecht, was ihr verlangt. Und laßt mich dann
Alsbald zurück, ihr blassen Schuldgesichter!
GUNNAR.
Vielliebe Schwester hör' mich freundlich an.
170
Was nun einmal gescheh'n ist, ist gescheh'n,
Und steht nicht mehr zu ändern.
GUDRUNA.
Ha das ist's!
Denkt ihr, wenn es zu ändern wär', zu wecken
Mein holder Sigurd aus dem Heldengrab –
175
Denkt ihr, ich weinte müßig am Geweb? –
Doch eben daß so nichts zu ändern steht,
Gar nichts – o fließt nur meine Thränenquellen!
HÖGNE.
Du sagtest, Bruder, erst, ich spräch' nicht gut.
Mich dünkt, auch du verstehst es nicht besonders.
180
GUNNAR.
Laß' nur; ich komm an's Ziel. – Hör', Schwester mein,
Es steht gar wohl zu ändern, denn ein Held,
Reich, mächtig, rühmlich, wirbt um deine Hand.
So kommst du ab des trüben Wittwenstands.
GUDRUNA.
Denkst du den zweiten Schwager auch zu tödten?
185
GUNNAR.
Wir wohnten damals all' in einer Burg.
Das taugte nicht, gab Zank und Neid. Doch dieser
Haust fern von uns, ist obendrein so stark
An Völkern, Meeren, Ländern, die ihm dienen,
Daß man sich nicht so leicht an ihm vergreift.
190
Kurz, Atle ist's, der Kön'ge Mächtigster,
Brynhildis Bruder, – darum schlag' nur ein.
GUDRUNA.
Wo ich so lange blieb, bleib' ich hinfort.
Vergeßt mich, wie ihr es bisher gethan,
Euch an des tapfern Sigurds Gold erfreuend,
195
Als kecke Räuber, lust'gen Lebens froh.
GUNNAR.
Die Sach' ist, daß der König Atle meint,
Wir hätten Schuld an Brynhilds frühem Tod,
Und uns die Rache nicht erlassen will,
Es sei denn, du gewährst ihm deine Hand.
200
GUDRUNA.
Ei brüderliche Sorgfalt, schönes Kraut,
Was mischt sich unter deinen Schmeichlerduft?
Fahrt wohl, ihr Herrn; sorgt für euch selbst.
GUNNAR.
Hör' an!
Wir sind ja doch in treuer Wurzel eins,
205
Des Einen Fall des Andern Weh.
GUDRUNA.
So dacht' ich's,
Bis ihr die liebste Blüthe von mir bracht,
Laßt mich an mein Geweb'.
GUNNAR.
An dein Geweb'!
210
Ist das ein Treiben, werth der Königstochter,
Zu wohnen in der Waldburg hier allein,
Die Nadel und den Faden in der Hand?
Halt nicht an solchem dunkeln Elend fest.
GUDRUNA.
Ihr wißt es nicht, ihr könnt es nimmer wissen,
215
Wie lieb mir meine bunten Bilder sind.
Die schmück' ich nach Gefall'n mit Farb' und Gold,
Stell' tief in Dunkel fort was mir misfällt.
Von steten Rosen blüh'n des Helden Wangen,
Von stätem Eichenlaub sein Siegerkranz,
220
Stets leuchtet unversehrt die Rüstung ihm,
Stets munter springt sein unermüdet Roß.
Und selbst, wenn ich, um mehr des Perlenthau's
Von meinem Aug' zu ärndten Bilder schaffe,
Wo todt der Liebling auf den Decken liegt –
225
Auch dann vermag der Tod doch nicht so viel,
Mir zu entzieh'n das weisse Heldenbild.
Blaß, aber huldreich liegt er immer vor mir,
Und auch geschloß'nen Auges lächelt er.
Ja, nicht nur ihn allein fei'rt meine Kunst,
230
Auch den gewalt'gen Lichtkreis seiner Ahnen
Und ihrer Thaten blühend Siegesbeet
Strahlt vom Gewebe meinen Blicken auf –
O geht mit euerm jämmerlichen Leben!
HÖGNE.
Das Alles dient uns zu so viel als nichts,
235
Denn Atles Grimm bleibt nach wie vor entflammt.
GUDRUNA.
Da helft euch selbst.
GUNNAR.
Er hat des Volks vielmehr.
GUDRUNA.
Was geht das mich an?
HÖGNE.
Komm' nur mit hinaus
240
Aus diesem finstern Wald. Es ist kein Wunder,
Wenn hier dem Menschen wild zu Sinne wird,
Und trostlos, daß er alle Lust verschmäht.
Doch sieh' dir wieder 'mal die Ebne an,
Und drauf das hochzeitliche Festgeleit,
245
So uns hierhergefolgt zu deiner Huld'gung.
Da ist kein Helm, der nicht von Golde glänzt,
Kein Leib, den nicht ein prächt'ger Waffenrock
Umstrahlt, und den nicht trägt ein schönes Roß.
Die Dän'schen Kön'ge, Waldar, Jarisleif,
250
Eimod und Jariskar sind mit dabei,
Vor allen auch des Langbard edle Kinder.
GUDRUNA.
Ihr habt nur meine Bilder nicht geseh'n,
Sonst triebt ihr nicht mit solchem Tand ein Rühmen.
HÖGNE.
Du hast nur unser Lager nicht geseh'n,
255
Das über allen Ausdruck köstliche.
GUDRUNA.
Nun wenn's denn gar so hübsch und köstlich ist,
So rath' ich, kehrt alsbald dahin zurück.
Und freut euch an den Helmen, Waffenröcken,
Und was es dorten noch schön Blankes giebt,
260
Anstatt hier in der öden Wildniß Rand
Die Zeit nur zu verlieren, denn fürwahr!
Ich bin nicht lüstern nach der Herrlichkeit,
Die solcher Brüder Hand mir bieten kann.
GUNNAR.
Wir haben dennoch was in unserm Zug
265
Das dich erfreu'n wird.
GUDRUNA.
Birgt es sich vielleicht
In jenem Kreis von Leuten, draus ein Licht
Blauröthlich aufsteigt, wie aus einem Kessel,
Drin man ein wunderlich Getränke brau't?
270
GUNNAR.
Du räthst ganz Recht. Die Mutter kam mit her,
Und richtet dort ein Tränklein für dich zu.
GUDRUNA.
Weh'! Ihre Tränklein kenn' ich allzugut!
Die brachten Sigurd sammt der schönen Brynhild
Zum Scheiterhaufen, und in's Elend mich!
275
GRIMHILDIS
vortretend.
Du sprichst von mir?
GUDRUNA
sich abwendend.
Laß' nur. Ich fluch' dir nicht.
GRIMHILDIS.
O nun, Gudruna, herzgeliebtes Kind,
280
Nun wird mir dieser jammervolle Lohn,
Für alle Gunst und Treu', die ich auf dich
Gewendet habe durch so manches Jahr?
Ach wo ich fehlte, fehlt' ich dir zu Lieb'!
Wo ich irrging, – dein Heil und deine Lust,
285
Mein Wünschen heiß erweckend, meinen Blick
Verblendend durch des holden Zieles Glanz. –
Das trug die Schuld, das nur verlockte mich.
Jedoch ich muß nun leiden, weil ich Thörin
Abgött'sche Liebe trug zu meinem Kind.
290
Sie jagt mich von sich –
GUDRUNA.
Mutter, wähn' das nicht.
GRIMHILDIS.
Ich wollte sie erfreu'n mit diesem Trank.
Sie ahnt nur Lug und Trug darinnen. – Gut!
Verschüttet ihn nur auf des Waldes Gras.
295
Dem wohl entduften würz'ge Blümelein
Davon im künft'gen Frühling. Die bedanken
Sich gern bei mir und mahnen auch vielleicht
Mein Töchterlein an die verschmähte Mutter
Auf beß're Weise, als ich's selbst vermag.
300
GUDRUNA.
Wie wird dir, Mutter? Nimmer sah' ich dich,
Die stolze Kön'gin, die gewalt'ge Zaub'rin
So gar betrübt, und weicher Wehmuth voll.
GRIMHILDIS.
Ich hab' mir aus dem ganzen Menschenvolk
Nie viel gemacht. Nur mein entblühendes
305
Geschlecht in holden Kindern hatt' ich lieb.
Auf das ergoß sich als ein reicher Thau,
Vereinigt meines Innern beste Kraft,
Die schwäch'rer Leute Sinn weichlich ausströmt
Auf all' und jeden Menschen, den es giebt.
310
Nun was allein mir theuer war, – es wendet
Sich feindlich ab.
GUNNAR.
Nun feindlich eben nicht.
Wir wohnen doch beisammen in der Burg.
GRIMHILDIS.
Ihr wilden Söhne, kalt und hart und todt
315
Wie euer Harnisch, – minder schelt' ich euch.
Ich sandt' euch früh in Kampf und Fehden aus,
Entfremdend euch von heimathlicher Lust. –
Doch jene dort, als wie im Blumengarten,
In den Gemächern mir heraufgepflegt
320
Zu holder Blüthe, jene reißt mir gar
Den Herzgrund durch, wenn sie so hart sich stellt,
Als hätt' ich nimmer, nimmer sie geliebt!
GUDRUNA.
Du sprichst von Zeiten süsser Traulichkeit
Und Unschuld. Wie so wohl darin mir war!
325
Und die Erinn'rung noch erweicht mein Herz.
Ach ja, du hast mich damals reich begabt
Mit zarten Schätzen, holder Lieb' und Sorgfalt,
So daß dir's nimmer gnügte, treuen Sinn's
Zu pflegen mich im Wachen, nein du fragtest
330
Mich über meine Träume gütig aus,
Verweiltest gern bei diesen kindischsten,
Spielendsten Mährchen meiner Kindheit, deutend
Aus dem Gewirr des innern Lichtes Blitz.
Weißt du noch das vom Falken? – O ich werde
335
Zum Kind bei der Erinn'rung wieder.
GRIMHILDIS.
Werd' es
Und traue mir, wie du mir sonst getraut.
GUDRUNA.
Ich zweifle nicht, du meinst es gut mit mir.
Jedoch da schweben dir vor'm innern Aug'
340
Stets unerhört hochglänzende Gebilde.
Du schaust nach fernen Herrscherstäben um,
Nach Kronen, über See und Wald herblickend –
Und sieh'st davor den nahen Abgrund nicht,
In den du dich und deine Kinder reiß'st.
345
GRIMHILDIS.
So? Gar kurzsichtig nun? Fürwahr das warf
Bis auf den heut'gen Tag mir Niemand vor.
GUDRUNA.
Befrag' den Ausgang.
GRIMHILDIS.
Herrschen diese nicht,
Die zwei hier mit den goldnen Königsbinden?
350
Ob sie mir's danken oder nicht, gilt gleich.
Doch rühmlich leuchten sie vor ihren Ahnen.
GUDRUNA.
Und ich?
GRIMHILDIS.
Du selber bann'st dich hier herein.
GUDRUNA.
Nicht ich. Mein Elend und mein ew'ger Gram.
355
GRIMHILDIS.
Ich hoff', du bist ein Weib von andrer Art,
Als die man täglich an den Scheiterhaufen
Gestorb'ner Männer sieht, bist keine Wittib,
Die. wenn in Staub verfliegt der schöne Mann,
Der ihr sonst lieb war, sich das Haar zerrauft,
360
Untröstlich, daß nun heut nicht gestern ist,
Und Morgen nicht Vorgestern werden kann,
So daß die ganze, vielgemeine Sippschaft
An dem gemeinen Schmerz sich miterbaut. –
Wer war dein Mann? War es ein Hirt? Ein Bau'r?
365
Mit dessen Heerdewartung oder Pflug
Sein Leben stillsteht? Oder war's ein Held,
Ein solcher, der Gestirnen Namen giebt,
Und späthin noch den Sängern Stoff zum Lied? –
Nun dann, so ist er dein, dieweil er's war,
370
Und nie verlierst ihn, und der heil'ge Schmerz
Der dich durchtobt, wird rühmliches Entzücken.
Wie? Hättest lieber ihn gar nicht gekannt,
Als Weh' erlitten um des Helden Tod?
GUDRUNA.
Ihn nicht gekannt zu haben, ihn, in mir
375
Des Lebens Leben?
GRIMHILDIS.
Ha, so that ich ja
Dir was ein edles Herz nur wünschen mag,
Als zum Gemahl ich ihn für dich gewann. –
O du bist nicht mein Kind, bist mir vertauscht,
380
Wofern du nicht dem preisumstrahlten Gram
Nachringst mit gleicher Inbrunst und Gewalt
Als Andre dem, was ihnen Wohlsein heißt.
GUDRUNA.
Du trügst dich nicht in meiner Sinnesart.
Doch eben diesen Jammer, meinen Stolz,
385
Will ich nicht missen. Laß' mich drum allhier.
Nur schlechten Preis dafür böt' Atles Thron.
GRIMHILDIS.
Du dankst mir deinen Ruhm als Sigurds Wittib.
Mir mehr zu danken, folg' auch jetzt mir nach.
GUDRUNA.
Wohin?
390
GRIMHILDIS.
Das ist mein Sorgen. Fürchtest dich?
GUDRUNA.
Ich? Sigurds Weib mich fürchten?
GRIMHILDIS.
Komm' herab
In unsern Kreis. Leer' diesen Becher aus.
GUDRUNA
vortretend.
395
Ich komme – komm' – ich sollte wohl nicht kommen.
GUNNAR.
Warum denn nicht? – Sieh'! Steh'st nun unter uns,
Und traulich bieten wir die Hände dir.
GUDRUNA.
Sind königliche Hände – purpurroth, –
Vom theur'sten Purpur auf der ganzen Welt.
400
Als der noch warm und liebewallend war,
In Heldenbrust – o welch ein reicher Schatz!
HÖGNE.
Pfui, pfui! Schon wieder Worte, die nicht taugen.
GRIMHILDIS.
Komm' Tochter, leer' den Becher!
GUDRUNA.
Mutter, Mutter,
405
Du spielst schon wieder dein gewohntes Spiel.
GRIMHILDIS.
Von Lebensgluthen
Leuchtet der Trank auf,
Drinn hauset Hoheit und Lust.
Des Waldes Bäume
410
Strecken die Wipfel vor
Sich zu beschau'n in dem goldnen Schaume.
Nur der Tropfen drei und neun
Trinke, schöne Frau,
Und glänzend thun sich dir Gärten auf.
415
Leerst du den Becher
Bis auf den Boden,
So nenn' ich dir dreimal neunfach Heil.
GUDRUNA.
O weh', du zauberst. Mutter zaub're nicht.
Ich will ohn'hin ja deinen Willen thun.
420
Die Runensprüche bringen uns kein Glück.
GRIMHILDIS.
Sah'st du schon Fluthen
Zurücke fliessen
Nach einmal begonn'nem starken Stromfall?
Rufe du nicht mehr Halt,
425
Hemmen kann ich nichts mehr –
Leere den Trank! Liegt Gold drin.
GUDRUNA.
Des Bechers Schäumen reißt mich wie im Schwindel
Zu sich hinan, hinein –
Nachdem sie getrunken.
430
O nein, verweile!
GUNNAR.
Wem rufst du?
GUDRUNA.
Meiner schönen Liebeslust.
Die jagt der schlimme Trank weit von mir ab –
Wirst ja ein Nebel mit, – schwimmst – ach, verschwimmst! –
435
Hin ist er!
HÖGNE.
Wer denn Schwester?
GUDRUNA.
Sagt man doch
Todt ist nun todt, hin ist nun hin! – Ganz Recht.
Er war nur todt, nun ist er gänzlich hin –
440
Wer weiß, wann ich mich wieder drauf besinne!
O, aus Erbarmen, sagt, wie hieß er nur?
GRIMHILDIS.
Was hilft's dir, wie er hieß? Dein Bräut'gam heißt
Der König Atle, vieler Herrscher Herr.
GUDRUNA.
Ja, ja. Man sprach davon, er werb' um mich.
445
Ist es denn wahr?
HÖGNE.
Wir sind deshalben hier;
Und schlägst du ein, so bieten wir die Lande
Winborg und Walbiorg dir als ein Geschenk.
GUDRUNA.
Das wär' recht schön. – Doch wie durch meinen Sinn
450
Sich Nebel zieh'n, umdüsternd das Vergangne,
Gestaltet sich ihr Roll'n, als weissag' es
Von künft'ger Zeit, und schlimmes, dünkt mich –
HÖGNE.
Fall' in die alten Träume nicht zurück.
Komm': draußen vor des Waldes Gränzen wart
455
Hochzeitliches Geleit.
GUDRUNA.
Was zögern wir?
Schon dunkelt es, und gräßlich auzuschau'n
Muß Nacht an diesen wüsten Orten sein.
GUNNAR.
Wir wünschen nichts so sehr, als fortzuziehn,
460
Wenn du nur mit uns geh'n willst,
GUDRUNA.
Ob ich will!
Ich bitt' euch, nehmt mich mit.
GRIMHILDIS
zu Gunnar und Högne.
Nun habt ihr sie.
465
Ob ihr ein Unheil bringendes Gespenst,
Ob eine Braut gewannt – da schaut nun selbst zu.
HÖGNE.
Du ja verhieß'st der Schwester Heil und Glück.
GRIMHILDIS.
Nicht. Preis verhieß ich ihr. Den soll sie haben;
Vielleicht was blut'gen – 's bleibt doch immer Preis.
470
GUDRUNA.
Sie steh'n die Blöden,
Blicken scheu um sich.
Seh'n einander so seltsam an –
Hei! Hochzeitgeleiter,
Hoch rufen laßt Sänger,
475
Jubeln laßt Hörner und Lautengetön!
Die Felsen tanzen,
Die Fichten hüpfen,
Brautlied brüllen die Thiere des Walds.
Und ich nun schreite
480
Gemess'nen Schrittes,
Königsbraut, voran in dem Klang.
Du nach, mein Hofstaat!
Halt' auch das Maaß gut,
Das Maaß zum Reihen, der uns umrauscht.
485
Wenn Fürsten freien
Feiert ringsum Alles
Den Tag mit würd'gem Gruß und Wunsch.
So recht du Waldbär,
Bist bräut'ger Sänger –
490
Nun rausch', du Nachthauch mit darein. –
Nun, ihr Steineichen! –
Nun, Eulenstimmen! –
Nun wieder zugleich die Zungen gebraucht!
Wohl schöner Festzug,
495
Gut anzuschauen –
Nicht so bleich, nicht so blaß, mein Gefolg'! –
Ihr sagt, ich sei auch bleich? –
Ist wohl die Sitt' also
An Atles, des hohen Bräutigams Hof? –
500
Schreitet langsam fort. Die Andern folgen.

(Friedrich de la Motte Fouqué: Ausgewählte Dramen und Epen. Herausgegeben von Christoph F. Lorenz, Hildesheim: Georg Olms AG, 1996 [Nachdruck der Ausgabe 1810].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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