William Ratcliff

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Figurenkonstellation

Heinrich Heine

William Ratcliff (1823)

Tragödie

Uraufführung1888

SchauplatzDie Handlung geht vor in der neuesten Zeit, im nördlichen Schottland.

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Zimmer in Mac-Gregors Schloß

Margarete (kauert bewegungslos in einer Ecke).
Mac-Gregor. Maria. Douglas.
MAC-GREGOR
er legt Douglas' und Marias Hände ineinander.
Ihr seid jetzt Mann und Weib. Wie eure Hände
Vereinigt sind, so sollen auch die Herzen,
In Leid und Freud, vereinigt sein auf immer.
5
Zwei mächt'ge Sakramente, das der Kirche
Und das der Liebe, haben euch verbunden;
Ein Doppelsegen ruht auf euren Häuptern;
Und auch den Vatersegen leg ich drauf.
Er legt segnend seine Hände auf beider Haupt.
10
DOUGLAS.
Mit Stolz, Mylord, nenn ich Euch heute: Vater.
MAC-GREGOR.
Mit noch weit größerm Stolz nenn ich Euch: Sohn.
Sie umarmen sich.
MARGARETE
singt im abgebrochenen Wahnsinntone.
»Was ist von Blut dein Schwert so rot?
15
Edward, Edward?«
DOUGLAS
erschrocken auffahrend und nach Margarete schauend.
Um Gott, Mylord, welch gläsern geller Laut?
Es fängt zu singen an, das stumme Bild –
MAC-GREGOR
mit erzwungenem Lächeln.
20
Stört Euch nicht dran. Es ist die tolle Margarete,
Gehört zum Schloß. Sie leidet an der Starrsucht,
Seit Jahr und Tag. Mit stieren Augen liegt sie
Gekauert, manch unheimlich lange Stunde;
Und dann und wann, wie 'n Stein, der sprechen kann,
25
Bewegungslos, quäkt sie ein altes Lied –
DOUGLAS.
Warum behaltet Ihr im Schloß solch Schrecknis?
MAC-GREGOR
leise zu ihm.
Still, still. Sie hört jedwedes Wort; – schon lange
Hätt ich sie fortgeschafft – doch darf ich nicht.
30
MARIA.
Laßt ruhn die arme, gute Margarete.
Erzählt mir lieber etwas Neues, Douglas.
Wie sieht's in London aus? Bei uns in Schottland
Erfährt man nichts.
DOUGLAS.
Noch ist's das alte Treiben.
35
Man rennt, und fährt, und jagt, Straß' auf, Straß' ab.
Man schläft des Tags, und macht zum Tag die Nacht.
Vauxhall und Routs und Picknicks drängen sich;
Und Drurylane und Coventgarden locken.
Die Oper rauscht. Pfundnoten wechselt man
40
Für Musiknoten ein. »God save the King«
Wird mitgebrüllt. Die Patrioten liegen
In dunkeln Schenken und politisieren,
Und subskribieren, wetten, fluchen, gähnen,
Und saufen auf das Wohl des Vaterlands.
45
Roastbeef und Pudding dampft, der Porter schäumt,
Und sein Rezept schreibt lächelnd der Quacksalber.
Die Taschendiebe drängen. Gauner quälen
Mit ihrer Höflichkeit. Der Bettler quält
Mit seinem Jammeranblick und Gewimmer.
50
Vor allem quält die unbequeme Tracht,
Der enge Wespenrock, das steife Halsband,
Und gar der babylonisch hohe Turmhut.
MAC-GREGOR.
Da lob ich mir mein Plaid und meine Mütze.
Ihr tatet gut, daß Ihr die Narrenkleider
55
Vom Leib geworfen habt. Ein Douglas muß
Im Äußern auch ein Schotte sein, und heute
Lacht mir das Herz im Leib, wenn ich Euch schaue,
Euch alle, in der lieben Schottentracht.
MARIA.
Erzählt mir was von Eurer Reise, Douglas.
60
DOUGLAS.
Zu Wagen fuhr ich bis an Schottlands Grenze.
Das ging mir viel zu langsam. In Old-Jedburgh
Nahm ich ein Pferd. Ich gab dem Tier die Spor'n.
Mich selber aber spornte Liebessehnsucht.
Ich dachte nur an Euch, Marie, und pfeilschnell,
65
Durch Busch und Berg und Feld, trug mich mein Roß.
Im Wald bei Invernes wär mir's bald schlecht
Bekommen, daß ich in Gedanken ritt.
Piff! Paff! erweckten mich aus meinen Träumen
Die Kugeln, die mir um die Ohren pfiffen.
70
Drei Straßenräuber stürzten auf mich ein.
Ein Kampf begann. Es regneten die Hiebe.
Ich wehrte mich der Haut; doch unterliegen
Hätt ich wohl müssen –
O weh! Marie erbleicht,
75
Und wankt, und sinkt –
Margarete springt hastig auf und hält die in Ohnmacht fallende Maria in ihren Armen.
MARGARETE.
O weh! mein rotes Püppchen
Ist kreideblaß, und kalt wie Stein. O weh!
Halb singend, halb sprechend und Maria streichelnd.
80
»Püppchen klein, Püppchen mein,
Schließe auf die Äugelein!
Püppchen fein, du mußt sein
Nicht so kalt wie Marmelstein.
Rosenschein will ich streun
85
Auf die weißen Wängelein.« –
MAC-GREGOR.
Halt ein, verrücktes Weib, mit Wahnsinnsprüchen
Betörst du ihr noch mehr das kranke Haupt –
MARGARETE
mit dem Finger drohend.
Du? du? willst schelten? Wasch dir erst die Hände,
90
Die roten Hände; du befleckst mit Blut
Klein Püppchens weißes Hochzeitkleid. Geh fort.
Ich rat dir gut.
MAC-GREGOR
ängstlich.
Die tolle Alte faselt! –
95
MARGARETE
singend.
»Püppchen klein, Püppchen mein,
Schließe auf die Äugelein!«
MARIA
sie erwacht aus ihrer Ohnmacht und lehnt sich an Margarete.
Erzählt nur weiter, wie es ging. Ich höre.
100
DOUGLAS.
Es tut mir leid – was ich erzählt – doch hört:
Ein andrer Reiter sprengte rasch herbei,
Fiel jenen Räubern plötzlich in den Rücken,
Und hieb drauflos mit Kraft. Ich selbst bekam
Jetzt neuen Mut und freies Spiel. Wir schlugen
105
Die Hunde in die Flucht. Ich wollte danken
Dem edlen Retter. Aber dieser rief:
»Ich habe keine Zeit«, und jagte weiter.
MARIA
lächelnd.
Ach, Gott sei Dank! Ihr habt mich sehr geängstigt.
110
Jetzt bin ich wieder wohl. Margarete, führ mich.
Freundinnen warten meiner in dem Saal.
MARGARETE
ängstlich zu Mac-Gregor.
Du, sei nicht bös. Die arme Margarete ist
Nicht immer toll.
115
MAC-GREGOR.
Geht nur, wir folgen gleich.
Maria und Margarete gehen ab.
Mac-Gregor. Douglas.
DOUGLAS.
Ich staune, ist Marie so krankhaft reizbar?
Sie ist so ängstlich heute; sie erbleicht
120
Und zittert bei dem leisesten Geräusch –
MAC-GREGOR.
Douglas! ich will und darf's Euch nicht verhehlen,
Was heut so sehr Mariens Seele ängstigt.
Verzeiht, daß ich's Euch früher nicht eröffnet.
Tollkühn ist Euer Mut, und die Gefahr,
125
Die ich mit Klugheit von Euch abgewendet,
Hättet Ihr selber rastlos aufgesucht;
Fort hätt es Euch getrieben, ihn zu zücht'gen,
Den Frevler, der Mariens Ruhe störte.
DOUGLAS.
Wer darf Mariens Ruh' gefährden, sprecht?
130
MAC-GREGOR.
Hört ruhig an die traurige Geschichte.
Sechs Jahre sind es jetzt, da kehrte ein
Bei uns ins Schloß ein fahrender Student
Aus Edinburgh, mit Namen William Ratcliff.
Den Vater hatt ich einst gekannt, recht gut,
135
Recht gut, recht gut, er hieß Sir Edward Ratcliff.
Gastfreundlich nahm ich also auf den Sohn,
Und gab ihm Speis' und Obdach, vierzehn Tage.
Er sah Marie, und sah ihr in die Augen,
Und sah dort viel zu tief, begann zu seufzen,
140
Zu schmachten und zu ächzen – bis Maria
Ihm rund erklärte: daß er lästig sei.
Die Liebe packt' er in den Korb und ging. –
Zwei Jahre drauf kam Philipp Macdonald,
Der Earl von Ais, warb um Mariens Hand,
145
Und warb mit gutem Glück, und nach sechs Monden
Stand am Altare, hochzeitlich geschmückt,
Die holde Braut – der Bräut'gam aber fehlte.
Wir suchten überall, in allen Zimmern,
Im Hof, im Stall, im Garten – Ach! da fand man
150
Am Schwarzenstein den Leichnam Macdonalds.
DOUGLAS.
Wer war der Mörder?
MAC-GREGOR.
Lange war vergeblich
All unser Forschen – da gestand Maria,
Daß sie den Mörder kenne, und erzählte:
155
In jener Nacht, die auf den Mordtag folgte,
Sei William Ratcliff in ihr Schlafgemach
Plötzlich getreten, habe lachend ihr
Die Hand gezeigt, noch rot vom Blut des Bräut'gams,
Und habe Macdonalds Verlobungsring
160
Ihr dargereicht mit zierlicher Verbeugung.
DOUGLAS.
Verruchtheit! Welcher Hohn! Was tatet Ihr?
MAC-GREGOR.
Ich ließ den Leichnam Macdonalds beisetzen
In seines eignen Schlosses Ahnengruft,
Und an der Stätte, wo der Mord geschah,
165
Pflanzt ich ein Kreuz, zum ewigen Gedächtnis.
Den Mörder Ratcliff suchte ich vergebens.
Man hatte ihn zuletzt gesehn in London,
Wo er, nach seiner Mutter Tod, sein Erbteil
In Saus und Braus verpraßte, und nachher
170
Von Spiel und Borg, und gar, wie ein'ge sagen,
Vom ritterlichen Straßenraube lebte.
Verstrichen waren seit der Zeit zwei Jahre,
Und Mord und Mörder waren fast vergessen,
Da kam hierher in unser Schloß Lord Duncan,
175
Hielt bei mir an um meiner Tochter Hand.
Ich will'gte ein, und mir gelang es auch,
Marias Jawort einem Mann zu schaffen,
Der aus dem Stamm der Schottenkön'ge sproßt.
Doch wehe uns! Bald stand am Hochaltar,
180
Festlich geschmückt, die heimlich bange Braut –
Und Duncan lag am Schwarzenstein erschlagen!
DOUGLAS.
Entsetzlich!
MAC-GREGOR.
»Auf! Steigt auf zu Roß!« rief ich
Den Knechten, und wir jagten und wir suchten,
185
In Busch und Feld, in Wäldern und in Klüften,
Drei Tage lang, jedoch umsonst, wir fanden
Die Spur des Mörders nirgends.
Ach! und dennoch,
Dieselbe Nacht von jenem Schreckenstag
190
Schlich William Ratcliff in Mariens Kammer,
Verhöhnte sie, und gab ihr zierlich grüßend
Des Bräutigams Verlobungsring zurück.
DOUGLAS.
Bei Gott! der Mensch ist kühn! den möcht ich treffen.
MAC-GREGOR.
Er war's gewiß, den Ihr schon habt getroffen
195
Im Wald bei Invernes. Nur wundr' ich mich,
Daß keiner meiner Späher ihn gesehn; –
Denn, Graf, ich hab dafür gesorgt, daß ich
Nicht Euren Namen auch zu setzen brauche –
Auf das Gedächtniskreuz am Schwarzenstein.
200
Er geht ab.
DOUGLAS
allein.
Aus Klugheit hat's Mac-Gregor mir verschwiegen
Bis nach der Trauung. Oh, das ist ein Fuchs!
Doch messen möcht ich mich mit jenem Trotzkopf,
205
Der finster grollend stets Marien ängstigt.
Mir soll er nicht den Ring vom Finger ziehen,
Denn wo mein Finger ist, ist auch die Hand.
Ich liebe nicht Marien, und ich bin
Auch nicht geliebt von ihr. Die Konvenienz
210
Hat unsern heut'gen Ehebund geschlossen.
Doch herzlich gut bin ich dem sanften Mädchen.
Ich möcht von Dornen ihre Pfade säubern –
Lesley, im Mantel gehüllt und sich vorsichtig umsehend, tritt herein.
Douglas. Lesley.
215
LESLEY.
Seid Ihr Graf Douglas?
DOUGLAS.
Ja, ich bin's, was wollt Ihr?
LESLEY
er gibt ihm einen Brief.
So ist an Euch dies niedliche Billett.
DOUGLAS
er hat den Brief gelesen.
220
Ja, ja! Sagt ihm, ich komm. Am Schwarzenstein!
Beide gehn ab.

(Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Herausgegeben von Hans Kaufmann, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1972.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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