Ein Faust der That

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Karl Bleibtreu

Ein Faust der That (1889)

Tragödie in fünf Akten

SchauplatzZeit: 1647–1648. Ort: 1. Akt in Schloß Holmby, 2. Akt zu St. Albans bei London, 3. Akt in Schloß Hampton Court, 4. Akt in Schloß Carisbrooke auf der Insel Wight, 5. Akt in London.

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Unbenannter Akt

In Schloß Holmby. Eine gothische Gallerie. Rechts eine Thür. Links im Hintergrund ein offener Altan.
In der Mitte im Hintergrund eine Treppe, die zu einem Thor hinaufführt. Abendstimmung, vom Abendroth zur Dämmerung, nach und nach zunehmender Mondschein. – Beim Aufgehn des Vorhangs steigen Oberst Hammond und Sir John Berkley die Treppe herunter, an deren Fuß sie von Oberst Graves empfangen werden, vor dem sie sich auf seinen kurzen militärischen Gruß verbeugen. – Oben am Thor bleiben zwei Soldaten als Wache stehn.
GRAVES.
Guten Abend. Die Herren baten um Einlaß, er ist ihnen gewährt.
Zu den Wachen.
Abtreten!
Die Wachen ab.
5
Mein Name ist Graves.
BERKLEY
sich graziös verbeugend.
Gouverneur dieses berühmten Schlosses und Hüter von Englands Majestät.
GRAVES
mißt ihn kalt.
Sehr wohl. Die Herren wünschen dem König ihre Aufwartung zu machen. Ich bitte um Vollmachten und Beglaubigung.
10
HAMMOND
stellt sich vor.
Oberst Robert Hammond, Gouverneur der Insel Wight.
GRAVES
sich verbeugend.
Vom Heere der Gottseligen. Herr Kamerad, mir genügt Euer Name vollkommen.
Coke kommt von rechts.
15
Aber hier kommt der zweite Bevollmächtigte des Parlaments bei Sr. Majestät, der Herr Generalprokurator
Coke. – Sir, Oberst Hammond, Gouverneur von Wight, bittet um Audienz –
COKE
eine kleine schlangenhafte Persönlichkeit, ihre Äußerungen stets mit einem leisen Gekicher begleitend.
Bei Sr. Majestät dem großmächtigsten König von Großbritannien und Irland, hihi, augenblicklich unter Obhut Höchstihres getreuen Parlaments auf Schloß Holmby in der Grafschaft Nottingham.
HAMMOND.
Auf der Durchreise nach meinem neuen Posten möchte mich nur vorstellen und melden, weiter nichts.
20
COKE.
Weiß, weiß schon. Kenne Euch ganz gut, Oberst Hammond. Wird gern erlaubt, gern erlaubt. Man muß die Formen bewahren, hihi, versteh' schon. Ihr seid ein sichrer Mann und der neuen Ordnung der Dinge ergeben und, hihi, nicht verdächtig der Verschwörung gegen den König und sein Parlament.
Auf Berkley deutend.
Aber dieser Gentleman .. ein Kavalier, wie mich däucht, seiner wenig gottseligen Kleidung nach ..
BERKLEY.
Sir John Berkley von Berkley-Haus.
GRAVES
den Hut lüftend.
25
Ah, der Verteidiger von Exeter im zweiten Jahr dieses großen Bürgerkriegs?
BERKLEY.
Der Nämliche.
GRAVES.
Alle Achtung. Wurden als Gefangener auf Ehrenwort nach Frankreich eingeschifft und kehren jetzt zurück, wo der Krieg beendigt?
BERKLEY.
Jawohl, Oberst Graves, beendet ist der Krieg, aber noch nicht geschlossen der Friede. Das Glück der Waffen entschied sich für Euch und wir Königlichen haben uns darein gefunden. Aber, besiegt oder triumphirend, der König bleibt der König. Daher –
COKE.
Hihi, Sir John hält uns eine kleine Vorlesung extempore über Staatswissenschaft. Bleiben wir aber lieber bei nüchternen Thatsachen, hihi. Der König beliebte, sich zu dem verbündeten Nachbarreich vor seinen Unterthanen zu flüchten, und rief die Schotten ins Land. Diese aber, wenig befriedigt von der Gnade Sr. Majestät, welcher auch das schottische Presbyterium anzunehmen verschmäht wie das englische und festhält an dem traurigen Irrwahn der alten bischöflichen Hochkirche – die Schotten, sage ich, –
30
BERKLEY
heftig.
Verkauften ihren Herrn und König wie geizige Judasse um reichliche Silberlinge an England zurück. Der König ist gekauft und verkauft.
GRAVES.
Mein Herr, Ihr scheint ganz zu vergessen, wo Ihr Euch befindet. Ich ermahne Euch dringend, solche lästerliche Reden zu unterlassen.
COKE.
Ei laßt ihn, laßt ihn! Hihi, die Majestät geruhte also, sich wiederum in den Schooß ihres treuen Volkes zu betten als rechter Vater des Vaterlandes, hihi. Und das Parlament in seiner Weisheit empfahl Allerhöchst- ihm das gute Schloß Holmby als zeitweisen Hofhalt, woselbst der hohe Herr seine erhabene Person ausruht nach den Stürmen des Bürgerkrieges.
BERKLEY
halblaut.
35
Zur Gewalt fügt Ihr den Hohn.
GRAVES
ihn messend.
Ein kecker Übelgesinnter!
COKE.
Stille, mein süßer Herr! Die Bevollmächtigten des Parlaments, darunter Euer unterthäniger Diener Coke –
BERKLEY.
O, ich kenn' Euch! Früher Advokat, jetzt Generalprokurator des Königreichs! Das schießt in die Höhe .. wie Pilze. Bitt' um Verzeihung!
40
COKE.
Hihi, der Herr giebt's den Seinen im Schlaf .. oder auch nicht. Doch was ich sagen wollte, wir wachenüber der Wohlfahrt des erlauchten Monarchen, recht wie Kindlein über ihren unmündigen Vater ..
BERKLEY
heftig.
Unmündigen!
COKE
tückisch.
Du meine Güte! Ein hitziger, obschon bejahrter Mann, unser Sir John! Und wo in aller Welt, um ad rem zu kommen, verbirgt er uns seine Beglaubigung? Ihr fordert Audienz – mit welcher Vollmacht?
45
GRAVES.
Ja, Sir, das möcht' ich auch wohl fragen!
COKE.
Ach, mein guter Mann, laßt mich einmal – hihi, wir alten Juristen sind schon so – ein kleines Kreuzverhör anstellen. Von wannen kommt Ihr, schöner Herr? Von Frankreich. Und von wem bringt Ihr Botschaft an den König? Ich möchte wetten, von der Königin selbst? Ah, Ihr verratet Euch, Sir, Ihr habt mit dem Augenlid gezuckt!
BERKLEY
lacht.
Gebt's zu Protokoll! – Spart Euch die Mühe, lieber Herr, ich bin geständig.
GRAVES.
Nun, da haben wir's. Eure Beglaubigung?
50
COKE.
Sachte, schöner Herr, lasset mich weiter inquirieren. Ein recht anregender Fall. – Wer vom Parlament hat Euch beglaubigt?
BERKLEY.
Keiner.
COKE.
Keiner. Also vielleicht die gesamte Körperschaft?
BERKLEY.
Auch nicht.
COKE.
Auch nicht. Wer hat das Recht, Vollmachten zu geben? Nur das Parlament. Ergo, Ihr habt gar keine Vollmacht. – Oberst Graves, es dürfte doch wohl eine Untersuchungshaft des Verdächtigen angeordnet werden ..
55
BERKLEY.
Was Ihr klug seid! Und wer sagt Euch, daß ich keine Vollmachten habe?
Streckt ihnen ein Papier entgegen.
GRAVES.
Wer kann die geben außer dem Parlament?
BERKLEY
zeigt auf die Unterschrift.
Der da!
60
GRAVES
liest.
Was! – Ja, das ist ganz was anders!
COKE
liest.
»Träger dieses Begleitscheins genießt unser volles Vertrauen und überbringt dem Gemeinwohl Wichtiges und Nützliches an König Karl. Wofür wir uns hiermit verbürgen. Oliver Cromwell.«
Verbeugt sich tief.
65
Ah – hihi – das ändert die Sache. Der Generallieutnant Cromwell –
GRAVES
eifrig.
Den ich über Alles verehre –
COKE.
Eure Vollmacht klingt wohlgefällig in unsern Ohren. Geht und kommt nach Belieben!
RICHMOND
tritt von rechts her auf.
70
Sr. Majestät der König – meine Herrn, ich grüße Sie – wird geruhen, hier in der Gallerie seinen abendlichen Spaziergang zu machen.
GRAVES
eilig.
Erlaubt, Herr Herzog, daß ich Euch Oberst Hammond und Sir John Berkley melde, welche dem König vorgestellt zu werden wünschen.
Stellt vor.
Sr. Gnaden, der Herzog von Richmond.
75
RICHMOND.
Zeitweiliger Oberhofmeister Sr. Majestät. Ich werde nicht verfehlen. Sir John, erfreut, Euch zu sehn.
BERKLEY
ihm ein Briefpacket reichend.
Ew. Gnaden werden so gut sein, dies Schreiben sofort dem König zu überreichen.
RICHMOND
darauf sehend.
Von Ihrer Majestät der Königin selbst? Ich eile.
80
Ab nach rechts.
BERKLEY.
Und ich warte.
Setzt sich auf die Steinbank.
Sir, hier ist noch Platz für Euch.
Zu Hammond.
85
HAMMOND.
Sir, Ihr seid sehr freundlich.
Setzt sich neben ihn.
Wo mir recht ist, sah ich Euch zuletzt in der Schlacht von Nasey. Ihr kommandirtet mir gegenüber und grifft mein Bataillon mit Euren Kavalieren an.
BERKLEY
den Hut lüftend.
Entzückt, einen Kriegskameraden zu finden, wenn auch auf der andern Seite. Eure Musketiere hielten sich wacker, mein Angriff wurde abgeschlagen. Irre ich nicht, war's nach der mißglückten Attake des Kommissar – General Ireton auf unsern linken Flügel.
90
HAMMOND.
Ganz recht. Ihr warfet ihn und setztet dann auf unser Fußvolk an.
GRAVES.
Mittlerweile – wenn's erlaubt, sich den Kriegserinnerungen der Herrn anzuschließen – hatte aber unser Cromwell den ganzen rechten Flügel des Königs vernichtet.
HAMMOND.
Jawohl, und nun kam uns im Zentrum Erlösung. Oliver's Schwadronen hieben das ganze Fußvolk des Königs in Stücke.
Berkley wendet sich ab.
GRAVES.
Es war eine große krönende Gnade.
95
Verbeugt sich gegen Berkley.
Man muß Sr. Majestät Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er wandte erst zuletzt dem Feinde den Rücken und focht wie ein Mann.
BERKLEY.
Sagt, wie ein Held. – Ohne Cromwell wäre die Schlacht für euch verloren gegangen; so war's ja auch bei Marston Moor.
GRAVES.
Immer, immer. Wer zweifelt daran? – Ihr kommt vom Lager bei London? Ist er wieder wohl? Ich empfing letzthin einen Brief von ihm, worin er seine Genesung von schwerem Siechtum meldet.
COKE.
Je ja, hihi, die Aufregung unsrer traurigen Spaltungen und Wirren zwischen König, Heer und Parlamentzehrt unserm biedern General an seinem kostbaren Leben.
100
Argwöhnisch.
Darf man wissen, Oberst, was er Euch schrieb?
GRAVES.
Gern. Es steht kein Geheimnis darin. Ich trag's stets bei mir unter'm Büffelkoller.
Zieht einen Brief hervor.
COKE.
Hihi, wie ein Liebesbriefchen. Dieser Schatz muß Euch stolz machen.
105
GRAVES.
In der That.
Liest feierlich.
»Sir! Ich danke für die Gunst und Güte in Eurem letzten Briefe. Ich sehe, ich bin nicht vergessen. Und wahrlich, mich in Ihrem Andenken zu wissen, gewährt mir große Befriedigung. Denn ich darf sagen in der Einfalt meines Herzens, ich lege hohen Wert auf die Liebe aller braven Engländer. Wenn ich diese vergessen sollte, würde ich aufhören, ein ehrlicher Mann zu sein. Sir, es hat Gott gefallen, mich aus ernstlicher Krankheitsgefahr zu erretten. Und sehr gern erkenne ich an, daß der Herr in dieser Heimsuchung das Herz eines Vaters gegen mich gezeigt hat. In mir selbst empfing ich den Richterspruch des Todes, auf daß ich lernen möchte, kein Vertrauen zu haben zum Fleisch. Es ist eine heilsame Prüfung, täglich zu sterben. Denn was ist schätzenswert in dieser Welt! Die besten Menschen hängen am Fleisch und ihre Thaten sind noch geringwertiger als ihre Eitelkeit. Das allein finde ich tröstlich, den Herrn zu lieben und sein armes verachtetes Volk, für sie zu handeln, bereit, mit ihnen zu leiden. Wahrlich, wer dessen wert gefunden, hat große Gnade erhalten. Und wer in solcher Festigkeit wohnt, der wird auch teilnehmen an der Glorie einer Auferstehung, die da alles erfüllen wird. Bete für Deinen Freund und Diener Oliver Cromwell.«
Tiefe Stille.
RICHMOND
von rechts.
110
Sr. Majestät der König!
Alle entblößen des Haupt. Von rechts Karl I., neben ihm Montague und Lindsay.
HAMMOND
zu Coke.
Wer ist der Herr zur Rechten?
COKE.
Der erste Bevollmächtigte des Parlaments bei Sr. Majestät, Mylord Montague.
115
HAMMOND.
Und zur Linken?
COKE.
Graf Lindsay. Zeitweiliger – hihi – Oberstkämmerer.
KARL
im Eintreten.
Das war eine heiße Schachpartie. Ihr habt mir den Sieg sauer gemacht, Mylord.
MONTAGUE.
Sire, bei Ihnen heißt's, wie von Gustavus Adolfus: Nichts durch ihn verlieren heißt schon viel gewinnen. Wer vermöchte es, einem der besten Schachspieler Europas Stand zu halten!
120
KARL.
Pah, pah! Politik, mein Bester, Politik – das ist die hohe Schule der Schachkunst. Da haben Wir Unsern bescheidenen Witz geschärft. – Guten Abend, meine Herrschaften!
Lüftet den Hut.
Sieh da, Unser treuer Gefängniswärter und Kerkerschließer! Nichts für ungut, lieber Oberst. – Ah, Fremde?
GRAVES
stellt vor.
Oberst Hammond, Sire.
125
HAMMOND.
Auf der Durchreise wollte ich mir nicht die Ehre versagen –
KARL
rasch ergänzend.
Eurem Souverain den schuldigen Respekt zu bezeugen. Sehr erfreulich in diesen Zeiten der Unbotmäßigkeit und der schlechten Manieren. Wir ernannten Euch zum Gouverneur von Wight. Man konnte keinen Würdigeren finden.
HAMMOND
verlegen.
Sire –
130
COKE
scharf.
Hihi, Majestät, ein Irrtum! Das Parlament ernannte –
KARL
ihn messend.
Wie sagt Ihr? Ja, man kam Unserm Wunsch zuvor. Wir billigten huldvoll diese Wahl.
MONTAGUE
zu Coke.
135
Er läßt sich die Dehors nicht nehmen und wahrt seine Haltung bis zuletzt.
KARL
halblaut zu Hammond.
Ihr seid der Neffe Unseres Hofpredigers und Hauskaplans, des ehrwürdigen Dr. Hammond. Das empfiehlt Euch von vornherein Unsrer königlichen Gunst. Ich liebe nicht die Uniform, die Ihr traget, Sir, doch Ihr seid Uns empfohlen als ein loyaler, junger Mann.
Laut.
Auf Wiedersehn, Herr Oberst! Wir hoffen Euch nicht zum letzten Mal zu sehn. Glückliche Reise! – Lieber Lindsay, reicht mir doch meinen Shakespeare!
140
LINDSAY
ihm mit tiefer Verbeugung einen Folioband überreichend, den er unterm Arme trug.
Ew. Majestät lasen in der Tragödie von ›König Lear‹. Ich habe ein Zeichen eingelegt.
KARL.
Verbindlichen Dank, lieber Graf. Ja, dieser göttliche Barde ist ein Lehrer der Könige. O Undank, Undank! – »Stürm', stürm', du Winterwind, du bist nicht kalt gesinnt, wie Menschenundank ist.«
Als bemerkte er Berkley erst jetzt.
Was seh ich! Sir John Berkley? Hochwillkommen!
145
Reicht ihm die Hand zum Kuß.
BERKLEY.
Mein königlicher Herr, so sehen wir –
KARL
ruhig ergänzend.
Uns wieder! Warum nicht? Wir befinden uns hier recht wohl, mein lieber Getreuer. Wie Ihr wissen werdet, erkoren Wir dies feste Schloß zu Unserer zeitweiligen Residenz, von wegen der guten Luft .. Unsere Gesundheit war von den Kriegsstrapazen ein wenig angegriffen.
Zum Altan hinausblickend.
150
Welch schöne Nacht! Wie der göttliche Schwan vom Avon so lieblich singt: »Wie sanft das Mondlicht auf dem Hügel schläft!«
Setzt sich auf die Steinbank.
Herr Gouverneur, ich habe mit Sir
Alle – außer Kark und Berkley – verbeugen sich und gehen ab, die Treppe hinauf durch das Mittelthor.
Wohlan, Sir John, Ihr seid der Vertraute Ihrer Majestät der Königin und ..
155
Sarkastisch.
Unsres besonders liebwerthen Getreuen, General Cromwell. Ihr habt dem Brief der Königin ein Schriftstück beigeschlossen, welches die sogenannten Bedingungen enthält, die das sogenannte Heer dieses sogenannten Parlaments mir stellt.
John einige Wörtlein im Privaten zu wechseln. Er bringt uns Grüße von Unsrer vielgeliebten Gemahlin.
BERKLEY.
Sire, Sie wissen, daß zwischen dem Heer unter dem nominellen Oberbefehl des Lord-Generals Fairfax – in Wahrheit unter dem Befehl des Generalleutnants Cromwell – und dem presbyterianischen Parlament ein unheilvoller Bruch bevorsteht. Sofort nach meiner Landung erhielt ich von Cromwell die Einladung, mich zu ihm zu begeben. Das Ergebnis meiner Unterredungen enthält eben jenes Schriftstück, das ich Ew. Majestät unterthänigst zu unterbreiten wagte.
KARL
kalt.
160
So, so? Das ist ja recht hübsch.
BERKLEY
erstaunt.
Sire?
KARL.
Dieser Cromwell lügt so übel nicht. Wir kennen ihn.
BERKLEY.
Also zweifeln Ew. Majestät an dem, was ich ausgerichtet?
165
KARL.
Das nicht, Sir. Herr Cromwell braucht mich wohl grade zu einem Schachzug. Aber ich bin kein plumper machtloser Schach-König, der auf fremde Verteidigung angewiesen. Wir sind ihm gewachsen.
BERKLEY.
Majestät, der General Cromwell ist ein Mann –
KARL.
Auf den sich Keiner verlassen darf. Das wolltet Ihr sagen? Täglich nimmt er gegen Jeden ein anderes Benehmen und eine andere Sprache an. Ihn beseelt nur ein Verlangen: in jedem Falle, wohin sich die Schaale neige, das Haupt der Sieger zu bleiben.
BERKLEY.
Ich beuge mich der höheren Einsicht Ew. Majestät. Allein, ich sollte doch meinen, diese so gemäßigten Bedingungen beweisen doch guten Willen.
KARL.
Gemäßigt, sagt Ihr? Ich finde sie äußerst hart.
170
BERKLEY.
O Sire, ich bin erstaunt .. Ihre vertrautesten Räte sind andrer Meinung. Bisher sind der Krone noch keine so schonenden Vorschläge unterbreitet. Die der Kammern sind doch weit strenger.
KARL
stirnrunzelnd.
›Streng‹ und ›schonend‹ – das ist die Sprache, mit welcher Rebellen ihren rechtmäßigen Herrn und Gebieter anreden.
BERKLEY.
Ohne Zweifel klingt dies peinvoll für die Ohren jedes loyalen Unterthans. Aber, Sire, es ist doch eben nur eine Machtfrage.
KARL.
Macht! Ich bin mächtiger, gefesselt und entwaffnet und beraubt, als alle Parteien, die sich untereinander zerfleischen. Wie der göttliche Shakespeare so ungemein treffend bemerkt:
175
»Es ist des Königs Nam' ein fester Turm,
Woran der feindlichen Partei es fehlt.«
BERKLEY.
Es erhebt das Herz, Ew. Majestät erhabenes Gemüt so fest und hoffnungsfreudig zu finden. Allein, Sire, geruhen Sie doch, ich bitte allerunterthänigst, die Bedingungen des Heeres etwas näher ins Auge zu fassen. Bedenken Sie dagegen die Forderungen der Presbyterianer!
KARL.
Es beleidigt Unser Ohr, sie nennen zu hören.
BERKLEY.
Mit den Vorschlägen General Cromwells verknüpft sich weder die Verbindlichkeit, die bischöfliche Kirche abzuschaffen, noch die Mehrzahl treuer Royalisten durch ungeheure Geldstrafen zu ruinieren. Und die zeitweilige Suspentierung der vollziehenden königlichen Gewalt, welche die Kammern beantragen – was ist's im Grunde als die gesetzlich sanktionierte Mundtoterklärung des Königs auf so lange, als es dem Parlament belieben wird?
180
KARL.
Redet nicht weiter von dieser dreisten Unverschämtheit, Sir, ich verbiete es. Es stört die königliche Ruhe Unsres Sinnes, an solche Scheußlichkeiten erinnert zu werden. Kommt zur vorliegenden Sache! Das Heer bittet uns in seiner unterthänigen Vorstellung zu Stufen des Thrones, auf zehn Jahre den Befehl über jede bewaffnete Macht und das Recht der Ernennung zu den obersten Staatsämtern aufzugeben. – Doch die Zunge sträubt sich .. fahret Ihr fort, Sir John!
BERKLEY.
Ferner: sieben der vornehmsten Ratgeber der Krone aus dem Reich zu verbannen, keinen Kavalier zum nächsten Parlament wählbar zu erklären, und endlich dem Klerus, möge er nun Bischof der Hochkirche oder Presbyterianischer Prediger heißen, jede bürgerliche Strafgewalt zu entziehen.
KARL
winkt mit der Hand.
Genug, übergenug. Ekelhaft, höchst ekelhaft. – Außerdem ist dies nicht Alles. Herr Cromwell fügt noch allerlei sogenannte Reformen hinzu, lächerliche Schwärmereien, welche gottlob nie auf Erden verwirklicht werden können. Er fabelt von einer gleichmäßigen Verteilung des Wahlrechts und der Steuern, er will das bürgerliche Prozeßverfahren verändern .. ach, noch eine Menge von derlei Vernichtungen politischer,juridischer und commerzieller Privilegien .. kurz, er plant sträfliche Eingriffe in die soziale Ordnung und die Gesetze.
BERKLEY.
Aber Sire, ich versichere Sie, selbst die Urheber dieser Gedanken richten sich hiermit keineswegs gegen die Würde und Gewalt der Krone. Was liegt denn ihr an dem Bestand der faulen Burgflecken, die einen Abgeordneten wählen dürfen wie die größten Städte des Landes! Was liegt der Krone an den skandalösen Gewinnsten der Advokaten und Richter ..
185
KARL
unterbricht ihn streng.
Sir John Berkley, Ihr seid sehr kühn. Die Gunst Ihrer Majestät der Königin sei Eure Entschuldigung. Mir, mein Herr, Eurem König überlasset es, diese Dinge zu beurteilen, wie der beschränkte Verstand des Unterthanen es nicht vermag. Allerdings, mein Herr, hat die Krone Englands ein gar wichtiges Interesse am Bestehen jener löblichen Institutionen, welche das ehrwürdige Alter früherer Zeiten geheiligt hat. Die faulen oder verrotteten Burgflecken, um den unehrerbietigen Ausdruck des Pöbels zu gebrauchen, sind ein Grundpfeiler der Konstitution von England, da durch sie der Einfluß unsrer treuen Lords auf die Wahlen des Hauses der Gemeinen ermöglicht wird. Und überhaupt .. ich bin gegen alle und jede Reformen. Denn sie alle bezwecken nur, bisher gottlob unbekannte Grundsätze einer allgemeinen Gleichheit einzuführen, und bedrohen hierdurch die von Gott eingesetzte Ordnung der Gesellschaft in ihren heiligsten Grundvesten.
BERKLEY.
Sire, ich .. wenn ich mich vergangen habe ..
KARL.
Nicht doch, Sir John. Wir sind es ja gewöhnt, daß vorwitziger Übereifer Unserm Willen vorgreift. Ihr seid in Gnaden entlassen.
BERKLEY.
So ist es Ihr Wille, Sire, die Verhandlungen mit dem Heere abzubrechen?
190
KARL.
O wie wenig vermögt Ihr in meine Politik einzudringen! Ich breche niemals Verhandlungen ab, sondern ziehe sie hin – das ist mein tiefdurchdachtes System, in welches meine Diener sich mit entsprechendem Verständnis einzuleben haben.
BERKLEY.
Majestät ermächtigen mich also, weiter mit Cromwell zu unterhandeln?
KARL.
Immer zu, immer zu, mein Bester! – Das Heer ist schon etwas billiger als das Parlament. Sie werden noch weicher werden. Diese erste Vorlage verwerfe ich rundweg.
BERKLEY.
Sire, Sie sprechen sich höchst unmutig darüber aus, doch ist die gute Absicht unverkennbar.
KARL.
Nichts da! Wenn man wirklich die Absicht hätte, mit mir abzuschließen, so würde man mir Dinge vorschlagen, die ich annehmen könnte.
195
BERKLEY.
Sire, ich wage anzudeuten, daß die Gefahr einer Weigerung –
KARL
steht auf und mißt ihn majestätisch.
Wer sind Sie, Sir, daß Sie Uns von Gefahren reden? – Nein nein, mein Bester, à revoir, ich ziehe mich zur Ruhe zurück. – Diese Leute können sich ohne mich nicht aus der Schlinge ziehn. Ihr werdet sie bald nur zu glücklich sehn, von selbst billigere Bedingungen anzunehmen, und zwar dann von Mir. Ich überwache die Parteien, und wie Unserer Prüfung Abbild und königlicher Bruder Lear so herrlich dräut: »Der Bogen ist gespannt.« A revoir, mon ami.
Geht und liest laut in der Shakespear-Ausgabe, die er wieder mit sich nimmt.
Wo war ich doch? Ah, 3. Akt.
200
Liest.
»Sprich doch, was ist ein Verrückter?« Lear: »Ein König, ein
Ab nach rechts.
à revoir, ich ziehe mich zur Ruhe zurück. – Diese Leute können sich ohne mich nicht aus der Schlinge ziehn. Ihr werdet sie bald nur zu glücklich sehn, von selbst billigere Bedingungen anzunehmen, und zwar dann von Mir. Ich überwache die Parteien, und wie Unserer Prüfung Abbild und königlicher Bruder Lear so herrlich dräut: »Der Bogen ist gespannt.« A revoir, mon ami. König!« Erhabener Monarch, wie tieferschütternd! »Ich bin der König selbst!« Wie wahr, wie wahr! Von Gottes Gnaden.
BERKLEY
ihm nachschauend.
205
»Ja, jeder Zoll ein König!« O, ich kenne auch meinen Lear! Macht Sr. Majestät so fort, so wird er noch auf dem Heu enden wie der – oder wer weiß wo! Mich schauderts zu denken.
Draußen langanhaltende Trompetenfanfaren.
Ei nun, was ist denn das?
COKE
kommt von oben durch die Thür der Treppe herunter.
Ängstlich.
210
O Herr Jesus, was für eine Welt! Was für ein ängstliches Leben für eine arme Zivilperson!
BERKLEY.
Was giebts denn?
COKE.
Solltet Ihr's glauben? Nicht mal hier ist man seines Lebens sicher!
BERKLEY.
Wie so? Steht der Feind vor den Mauern? Der Feind! Was sage ich da! Was ist denn Freund und was Feind!
Wiederum Trompetenfanfaren.
215
COKE.
Sehr wahr, o nur zu wahr, werter Herr.
MONTAGUE
von oben, wie vorhin Coke.
Bestürzt.
Da geht's wieder los mit den verfluchten Trompeten! Sie fordern gebieterisch Einlaß.
BERKLEY.
Wer denn, in drei Teufelsnamen?
220
MONTAGUE.
Ein ganzes Reiterregiment steht vor dem Thor.
GRAVES
kommt, wie oben, mit einem Adjutant-Offizier.
Wütend.
Ich werd's ihnen beibringen!
MONTAGUE.
Habt Ihr Anstalten zum Widerstand getroffen?
225
GRAVES.
Natürlich. Die ganze Besatzung ist auf den Beinen. Die Hakenbüchsen sind geladen, die Feuerrohre fertig.
RICHMOND UND LINDSAY.
Kommen, wie oben.
Zum König!
BERKLEY
ihnen entgegen, halblaut.
Ha! Sind's etwa die Unsern? Befreiung?
230
RICHMOND.
Fromme Täuschung, eitle Hoffnung! Es sind puritanische Eisenseiten.
LINDSAY.
Gouverneur, der Anführer der Leute verlangt Einlaß zu einer Besprechung.
GRAVES.
Sehr wohl, Graf Lindsay. Seid so gut, den Wachen meinen Befehl zu bringen, daß der Kerl sich hierher bemühe.
LINDSAY.
So werden wir doch wenigstens erfahren, worum sich's handelt.
Ab nach oben durch die Mittelthür.
235
BERKLEY.
Aber was soll denn das bedeuten?
GRAVES.
Weiß ich's? Das ist eine tief versteckte Büberei.
MONTAGUE.
Ein Handstreich vom Heere!
BERKLEY.
Vom Heere? Aber ich weiß doch, daß General Cromwell –
MONTAGUE.
Die Generale sind selbst des Heeres nicht sicher.
240
BERKLEY.
Ich fange an zu begreifen. – Gouverneur, gebt mir Urlaub und Euer schnellstes Roß. Ich selbst will ins Hauptquartier diese Nachricht bringen.
GRAVES.
Sehr wohl, thut das, Sir. Cromwell kann nicht früh genug erfahren ..
Zu dem Offizier.
Du da, mein Adjutant, begleite diesen Kavalier und schaff' ihn sicher auf die Straße nach London.
BERKLEY.
Besten Dank. Ihr Herren, empfehlt mich dem Könige!
245
Ab mit dem Offizier.
GRAVES
aus dem Altau hinausblickend.
Aha, da ist er, der Herr Parlamentär!
MONTAGUE
ebenso.
Ein strammer Kürassier! Bah, nur ein Cornet, kein höherer Offizier!
250
GRAVES
vom Altan hinauskommandierend.
Achtung! Macht Euch zum Feuern fertig! In die Schießscharten! Die Lunten an die Kanonen! Versuchen sie Gewalt, so sollen sie sich die Zähne ausbeißen.
LINDSAY
kommt von oben.
Er folgt mir auf dem Fuße!
RICHMOND.
Wir zum Könige, um ihn au fait zu setzen!
255
Richmond und Lindsay ab nach rechts.
MONTAGUE.
Au qui-vive, meint der edle Herr. Denn das gilt dem Könige selbst.
Von oben die Treppe herunter kommt Fähnrich Joyce, von einem Soldaten geführt, der ihm die Parlamentär- Binde von den Augen nimmt. Joyce salutiert stumm und steht in strammer Haltung da.
Ich grüße Sie, mein Herr.
JOYCE.
Ich Sie, mein Herr. Vor wem stehe ich?
260
MONTAGUE.
Den Abgesandten und Bevollmächtigten des Parlaments bei Sr. Majestät.
JOYCE.
Ah, Civil! Ist hier keine Militärperson?
GRAVES.
Das bin ich, Gouverneur dieses Schlosses.
JOYCE
grüßt.
Oberst Graves, wenn ich nicht irre?
265
GRAVES.
Jawohl. Antworten Sie auf meine Fragen!
JOYCE.
Zu Befehl.
GRAVES.
Wer ist Ihr Befehlshaber?
JOYCE
trocken.
Alle.
270
GRAVES.
Alle? Was heißt das? Wer führt die fünfhundert Reisigen vor den Thoren dieses Schlosses?
JOYCE.
Niemand. Wir sind alle gleich, alle wie ein Mann.
GRAVES.
Was soll das bedeuten? Fünf Schwadronen ohne Kommandeur? Wo sind Ihre Rittmeister, Ihr Major Ihr Oberst?
JOYCE.
Giebt's nicht, mein Herr. Wir sind Deputierte aller Regimenter, so da wandeln auf dem Wege des Herrn!
COKE.
Hihi, wenn eine arme Civilperson sich eine kleine Frage erlauben darf – hihi, sprechen die Herren Reuter alle in einem Atem oder erkieseten sie einen Sprecher, der da verkündige den Willen der Heiligen?
275
JOYCE
mit verächtlichem Blick.
Herr, den zu kennen ich nicht die Ehre habe, – ich stehe hier als sothaner Sprecher. Ich heiße Joyce.
GRAVES.
Welche Charge?
JOYCE
salutiert.
Fähnrich im Reiterregiment Fairfax.
280
MONTAGUE.
Und was suchen Sie hier, Herr Fähnrich?
JOYCE.
Ich habe mit dem König zu verhandeln.
GRAVES.
Was, mit – ist der Bursche toll?
COKE.
Hihi, demütige Frage einer unwürdigen Civilperson: – in wessen Namen?
JOYCE
ruhig.
285
In dem meinigen.
MONTAGUE.
Hahaha! Das ist gut!
COKE.
Hihihi! Der Bauer bietet Schach dem König!
GRAVES.
Ich bin nicht gesonnen, mir derlei bieten zu lassen. Ich, der Gouverneur –
Draußen zunehmender Lärm.
290
JOYCE
barsch.
Ich, der Narr! Was giebts da zu lachen? Ich werde euch Ernst lehren, wenn ein Abgesandter vom Heere der Heiligen vom Geiste erleuchtet wird, mit den Großen der Erde zu verhandeln.
GRAVES.
Macht ein Ende mit solchen Fastnachtsspäßen! Herr, wie dürfen Sie –
Draußen lautes Jubelgeschrei. Stürzt an den Altan.
Höll' und Teufel, was geht da vor?
295
JOYCE.
Ihren unheiligen Fluch mit Bekümmernis vernehmend, teile ich Ihnen mit, daß die Besatzung von Holmby –
MONTAGUE UND COKE.
Zum Feinde übergeht?
Stürzen an den Altan.
GRAVES.
Sie haben die Zugbrücke niedergelassen, die Höllenhunde!
MONTAGUE.
Die Thorwache macht gemeinsame Sache mit den Reitern!
300
GRAVES.
J da soll doch gleich –
Will fort.
Sie Fähnrich da, darauf steht der Tod! Ihre Insubordination –
JOYCE
langsam.
Wissen Sie das so genau?
305
GRAVES
betroffen.
He? Wie meinen Sie? – Hm! Ah so!
Blickt Joyce forschend an.
MONTAGUE
hinausblickend.
Wahrhaftig, die Reiter dringen in den Schloßhof, sitzen ab und die Besatzung –
310
COKE.
Hihi, sie schütteln sich die Hände. Liebliches Fest der Verbrüderung!
GRAVES
flüsternd zu Joyce.
Im Vertrauen, Herr Fähnrich; das sieht mir ganz aus nach – nach – hm, O.C.?
JOYCE.
Kenne keinen O.C. Verstehe nicht.
GRAVES.
Kommt, kommt, Ihr wißt mehr, als Ihr sagen wollt. Sagt nur ein Wort, – Ihr handelt in höherem Auftrag?
315
JOYCE.
Ja, das thu' ich. Im Auftrag des Heeres nämlich.
GRAVES.
Das Heer, das Heer! Das klingt ja recht schön, aber das Heer ist – hm – keine Person, keine Autorität, auf deren Verantwortung –
JOYCE.
Ich handle auf meine Verantwortung.
GRAVES.
Ach, bindet das auf, wem ihr wollt, mir nicht. Wer gab euch die Reiter, wie kamt ihr zusammen? Das riecht nach – nach einem sehr würdigen hohen Haupte, das ich hoch verehre, – sagt nur eins und – hm – O.C., wie?
JOYCE.
Weiß nicht, was ihr mit eurem O.C. wollt! Basta.
320
Stramm.
Herr Gouverneur, Schloß Holmby ist genommen. Ergeben Sie sich! Jeder Widerstand ist nutzlos.
GRAVES.
Hm – eh – Herr Fähnrich, Ihre löbliche Absicht hat meinen vollen Beifall. – Meine Herren vom Parlament, benachrichtigen Sie Se. Majestät.
MONTAGUE.
Das ist Ihre Pflicht, Herr Gouverneur.
GRAVES.
O nein. Was mich betrifft, so gehöre ich zur Armee. Das Heer befiehlt hier. Ich – hm, eh – trenne mich nicht vom Heere.
325
Geht rasch ab. Zu Joyce halblaut.
Er soll mit mir zufrieden sein.
JOYCE.
Er? Wer?
GRAVES.
O.C.
Geht rasch ab.
330
COKE.
Hihi, eine Krähe hackt der andern nicht die Äuglein aus.
JOYCE
vor sich hin.
Der alte Fuchs mit seinem O.C.
Zieht einen Papierstreifen aus seinem Koller; liest halblaut.
»Sodann die Parlamentskerle unschädlich machen und zwar rücksichtslos, worauf den König« – u.s.w.
335
Zerreißt das Papier in kleine Stücke.
Zu Befehl!
Laut.
Meine Herren vom Parlament, jetzt in allem Ernst: Augenblicklich muß ich den König sehen.
MONTAGUE.
Ach, Sie sind nicht gescheidt. Mitten in der Nacht!
340
Zu Coke.
Dieser Verräter Graves! Jetzt kommt an uns die Reihe.
COKE.
Sagen Sie uns doch, gefürchteter Krieger –
Hinter der Szene Trompetenfanfaren und Geschrei, Hält sich die Ohren zu.
Hu! Brr!
345
JOYCE.
Da hört ihr, was ich zu sagen habe, und zwar in handfestem Englisch.
COKE.
»Hört, hört!« Diese ehrenwerten Mitglieder verstehen »zur Ordnung« zu rufen, das muß man sagen.
MONTAGUE.
Herr Fähnrich, diese Vergewaltigung wird vor den Schranken des Hohen Hauses zur Rechenschaft kommen.
JOYCE.
Wenn wir nur nicht euch alle in die Schranken fordern, ihr Lauen und Schwachen im Glauben, dieweil ihr die Heiligen des Herrn betrübt!
In diesem Augenblick dringen sechs »Eisenseiten« im Küraß, den Pallasch in der Hand, durch die offene Thür und besetzen oben die Treppe.
350
Aha, da seid ihr, meine Bullenbeißer! Richt' euch! Schultert's Gewehr! Gut.
Er zieht den Degen.
Und nun, Gentlemen, genug geschwätzt! Marsch! Zum Könige!
Draußen nochmals Fanfaren und Geschrei.
MONTAGUE.
Ich erhebe feierlich Protest –
355
JOYCE.
Sie werden sich sofort in Ihre Gemächer zurückziehen.
Weist nach der Treppe.
MONTAGUE.
Wie dürfen Sie wagen, verwegener Mensch –? Im Namen des Gesetzes, Hände los!
Richmond und Lindsay stürzen von rechts her herein, den Degen in der Hand.
JOYCE.
Aha, da wird's lebendig im Rattennest! Wir werden euch ausräuchern. – Meine Herren aus London, gutwillig oder nicht, verfügen Sie sich zu Bett und das augenblicklich!
360
COKE.
Ich gehe, ich gehe.
Zu Montague.
Herr Kollege, ich bin ein Mann des Friedens und beschwöre Ew. Lordschaft – dieser Kriegsknecht scheint zu jeder Übelthat aufgelegt –
MONTAGUE
verächtlich.
Schon gut, Held der Feder! – Wir weichen der Gewalt.
365
Zu Richmond.
Überzeugen sich Ew. Herrlichkeit, daß wir auf unserm Posten bei Sr. Majestät ausharrten bis zuletzt. Wir werden dem Parlament Bericht erstatten und die Hülfe der hohen Häuser anrufen wegen flagranter –
COKE.
Hihi, violatio juris!
Die Soldaten lachen, während Montague und Coke die Treppe hinaufsteigen und zwischen ihnen durch oben verschwinden.
JOYCE.
Ruhe!
370
Zu Richmond und Lindsay.
Im Namen der Armee! Wo ist der König?
RICHMOND.
Wer erlaubt sich eine so kecke Sprache?
LINDSAY.
Welcher unziemliche Lärm weckt uns? Wer dringt in den geweihten Bezirk der königlichen Nähe?
JOYCE.
Ich, Fähnrich Joyce vom Regiment Fairfax nebst fünfhundert Kameraden. Wir sind gekommen, um den König in Sicherheit zu bringen. Denn einige Verräter haben sich verschworen, ihn nach London zu entführen, frische Truppen auszuheben und einen neuen Bürgerkrieg zu entzünden. Was alles zu verhindern wir mit Gottes Hilfe gesonnen sind.
375
RICHMOND.
So? Und was wollen Sie denn thun?
JOYCE.
Das kümmert Sie nicht, Herr Kämmerling. Aus dem Wege, meine Herren! Dort
Weist mit dem Degen nach rechts.
ist der König und es muß hart zugehen, wenn ich mein Ziel verfehlen sollte.
RICHMOND
hält ihn auf.
380
Halt, mein Herr! Die Majestät ist schon zur Ruhe gegangen.
JOYCE.
Mir gleichviel. Ich habe lange genug gewartet. Platz da!
Er erhebt den Degen. Die Edelleute weichen aus, gehen aber neben ihm her.
RICHMOND.
Sir, Sir, ich bin der Herzog von Richmond.
JOYCE.
Soll Ihnen nichts schaden, mein Bester.
385
Klopft rechts an die Thür.
LINDSAY.
Ich bin der Earl von Lindsay.
JOYCE.
Keine Bange, wir thun Ihnen nichts.
Die Soldaten lachen.
Ruhe in den Gliedern.
390
Klopft wieder.
RICHMOND.
Haben Sie denn wenigstens Vollmacht?
JOYCE.
O einen ganzen Korb voll.
LINDSAY.
Wir meinen von den Parlamentsgesandten.
JOYCE.
Die Herren aus London werden Wachen vor ihrer Thüre finden. Ich komme von Leuten, die sich vor denen nicht fürchten.
395
RICHMOND.
Von welchen Leuten, wenn man fragen darf?
Joyce schweigt.
Wo ist Ihre Vollmacht?
JOYCE
auf seinen Harnisch schlagend.
Hier.
400
Klopft wieder.
LINDSAY.
So legen Sie doch wenigstens die Waffen nieder!
JOYCE.
Nichts da! Kraft dieser Vollmacht trete ich vor den König!
Die Thür öffnet sich plötzlich. Karl I. tritt heraus. Alle weichen zurück, die Lords entblößen das Haupt.
KARL
ruhig.
405
Ich trete vor Sie, mein Freund, Ich Ihr König. Was wünschen Sie? – Mylords und Gentlemen, was geht hier vor?
Zu den Lords.
Gezogene Degen in Meiner Gegenwart? Ich bitte!
Die Lords verbeugen sich und stecken die Degen ein.
JOYCE
ruhig, Hand am Helm, kommandiert.
410
Achtung! Präsentiert! Salut dem König!
Die Reiter salutieren. Joyce zum Altan hinauskommandierend.
Tusch! Fanfare!
Unten Trompetentusch.
KARL
winkt unwillig ab.
415
Genug. – Was ist Ihr Begehren, mein Freund?
JOYCE.
Rührt euch! – Melde Ew. Majestät, daß ich auf Befehl des Heeres erscheine, um Sie von Schloß Holmby fortzuführen.
KARL.
Wie? Ich staune.
JOYCE.
Befürchten Sie nichts, Sire! Die Truppen haben strengen Befehl, Ihrer Person mit all der Achtung zu begegnen, die man der königlichen Würde schuldet.
KARL.
Wirklich? Bei der Behandlung, die Mir zu teil wurde vonseiten Meiner getreuer Unterthanen des Parlaments, überrascht Mich diese Versicherung. – Und was verlangt Mein Heer von Mir?
420
JOYCE.
Nichts wird dem Könige zugemutet werden, was wider Ehr' und Gewissen ist.
KARL.
Immerhin ein Fortschritt.
Bei Seite zu den Lords.
Was dünkt Euch, Mylords? Eine sichtbare Fügung des Himmels, Mich aus den unreinen Händen des Parlaments zu befreien.
RICHMOND.
Ich teile nicht ganz Ihr gnädiges Vertrauen auf die Loyalität des Heeres. Allein –
425
LINDSAY.
Man muß sich in das Unvermeidliche fügen, damit ist alles gesagt.
KARL.
Nun wohl, Herr – eh, wie heißen Sie doch?
JOYCE.
Joyce, zu Diensten, Majestät.
KARL.
Ich will recht gern mit Ihnen ziehen.
An den Altan tretend.
430
Das da unten sind wohl Ihre Leute? – Ei, sehr schön, sehr. Sehen Sie doch, Mylords, welch' prächtige Reiterei!
RICHMOND
hinabblickend.
Verdammt! Wir kennen sie von Edgehill, Naseby und Marston Moor.
LINDSAY.
Die Eisenseiten! Wann werden wir wieder die Klingen kreuzen? Aber alles was recht ist, eine brillante Truppe!
KARL.
Saubere Uniformen, Panzer sehr gut geputzt, Pferde in bestem Zustande. Wirklich ein Genuß für jedes Soldatenherz!
435
Zu Joyce.
Ich bin recht zufrieden. Meine Reiterei macht ihrem Rufe alle Ehre.
JOYCE
ein Lächeln unterdrückend.
Zu gnädig, Sire.
RICHMOND
zu Lindsay.
440
»Meine Reiterei!« Wir kennen ihre Leistungen – auf unserer eignen Haut.
LINDSAY.
Ja wahrhaftig, meine alte Wunde von Naseby brennt .. im Angesicht dieser frechen Psalmbrüder, die uns feierlich zur Schlachtbank predigen.
KARL
wendet sich vom Altan weg.
Nun wohl, Herr Joyce, haben Sie einen schriftlichen Befehl?
JOYCE.
Sire, das Heer hat mich ermächtigt, um den Plänen seiner Feinde zuvorzukommen. Denn siehe, dieHeiden trachten, ihre Hand auf's neue im Blut der Gläubigen zu baden.
445
KARL.
Das sind starke Worte, Herr. So sind Sie also nicht gesetzlich ermächtigt. Denn in England giebt es nur zwei gesetzliche Gebote, die Meinen und die des Parlaments. Haben Sie einen schriftlichen Auftrag vom Oberbefehlshaber, Sir Thomas Fairfax?
JOYCE.
Ich habe den Auftrag vom Heere und in diesem ist der General mit inbegriffen.
KARL.
Nun, der General steht doch wohl an der Spitze des Heeres? Nochmals, haben Sie etwas Schriftliches?
JOYCE.
Sire, ich bitte keine Fragen mehr an mich zu richten. Ich habe genug gesagt.
KARL.
Schön, Herr Joyce. – Man muß gestehen, daß Ihr Auftrag da
450
Deutet über den Altan.
in fünfhundert ungemein leserlichen Buchstaben geschrieben ist. – Und wenn es Uns nun belieben sollte, dem in wenig ehrerbietiger Form ausgedrückten Wunsch Unseres Heeres kein Gehör zu schenken?
JOYCE
sich tief verneigend.
So würde ich zu meinem Leidwesen genötigt sein, mich der Person Ew. Majestät zu bemächtigen.
RICHMOND.
Die Hand legen an den Gesalbten des Herrn?!
455
LINDSAY.
Schrecken sie vor nichts zurück, diese Rebellen?
KARL.
Still, Mylords. – Mein Freund, ich will Ihr Gewissen nicht mit so frevelhaftem Gewaltakt belasten. Ich gehe mit Ihnen. Die Luft dieses Schlosses behagt Mir nicht. – Folgen Sie mir, meine Lords.
Er geht die Treppe hinauf.
JOYCE.
Kameraden, richt' euch! Rechtsum, marsch! Stärken wir unsere Seele mit den Worten des Psalmisten: stimmet an, o Brüder, den Hochgesang: »Siehe, der Tyrann ist tief gefallen!«
Sie rücken feierlich ab.

(Bleibtreu, Karl: Ein Faust der That. Tragödie in fünf Akten, Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1889.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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