Götterdämmerung

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Götterdämmerung (1853)

Uraufführung1876

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Vorspiel

Die Szene ist dieselbe wie am Schlusse des zweiten Tages, auf dem Walkürenfelsen.
Nacht. Aus der Tiefe des Hintergrundes leuchtet Feuerschein. – Die drei Nornen, hohe Frauengestalten in langen dunklen und schleierartigen Faltengewändern. Die erste (älteste) lagert im Vordergrund rechts unter der breitästigen Tanne; die zweite (jüngere) ist an einer Steinbank vor dem Felsengemach hingestreckt; die dritte (jüngste) sitzt in der Mitte des Hintergrundes auf einem Felssteine des Höhensaumes. Düsteres Schweigen und Bewegungslosigkeit.
DIE ERSTE NORN.
Welch Licht leuchtet dort?
DIE ZWEITE NORN.
Dämmert der Tag schon auf?
DIE DRITTE NORN.
Loges Heer
lodert feurig um den Fels.
5
Noch ist's Nacht.
Was spinnen und singen wir nicht?
DIE ZWEITE NORN
zu der ersten.
Wollen wir spinnen und singen,
woran spannst du das Seil?
10
DIE ERSTE NORN
während sie ein goldenes Seil von sich löst und mit dem einen Ende es an einen Ast der Tanne knüpft.
So gut und schlimm es geh,
schling ich das Seil und singe. –
An der Weltesche
wob ich einst,
15
da groß und stark
dem Stamm entgrünte
weihlicher Äste Wald.
Im kühlen Schatten
rauscht ein Quell:
20
Weisheit raunend
rann sein Gewell –
da sang ich heil'gen Sinn.
Ein kühner Gott
trat zum Trunk an den Quell;
25
seiner Augen eines
zahlt er als ewigen Zoll.
Von der Weltesche
brach da Wotan einen Ast;
eines Speeres Schaft
30
entschnitt der Starke dem Stamm.
In langer Zeiten Lauf
zehrte die Wunde den Wald;
falb fielen die Blätter,
dürr darbte der Baum;
35
traurig versiegte
des Quelles Trank –
trüben Sinnes
ward mein Gesang.
Doch web ich heut
40
an der Weltesche nicht mehr,
muß mir die Tanne
taugen, zu fesseln das Seil, –
singe, Schwester,
dir werf ich's zu:
45
weißt du wie das wird?
DIE ZWEITE NORN
windet das ihr zugeworfene Seil um einen hervorspringenden Felsstein am Eingang des Gemaches.
Treu berat'ner
Verträge Runen
schnitt Wotan
50
in des Speeres Schaft:
den hielt er als Haft der Welt.
Ein kühner Held
zerhieb im Kampfe den Speer;
in Trümmer sprang
55
der Verträge heiliger Haft.
Da hieß Wotan
Walhalls Helden,
der Weltesche
welkes Geäst
60
mit dem Stamm in Stücke zu fällen:
die Esche sank;
ewig versiegte der Quell.
Feßle ich heut
an dem scharfen Fels das Seil,
65
singe, Schwester,
dir werf ich's zu:
weißt du wie das wird?
DIE DRITTE NORN
das Seil empfangend und dessen Ende hinter
Es ragt die Burg,
70
von Riesen gebaut:
mit der Götter und Helden
heiliger Sippe
sitzt dort Wotan im Saal.
Gehau'ner Scheite
75
hohe Schicht
ragt zu Hauf
rings um die Halle:
die Weltesche war dies einst! –
Brennt das Holz
80
heilig brünstig und hell,
sengt die Glut
sehrend den glänzenden Saal,
der ewigen Götter Ende
dämmert ewig da auf. –
85
Wisset ihr noch?
So windet von neuem das Seil;
von Norden wieder
werf ich's dir nach.
Sie wirft das Seil der zweiten Norn zu; diese schwingt es der ersten hin, welche das Seil vom Zweige löst und es an einen anderen Ast wieder anknüpft.
90
Spinne, Schwester, und singe!
DIE ERSTE NORN
bei ihrer Beschäftigung nach hinten blickend.
Dämmert der Tag?
Oder leuchtet die Lohe?
Getrübt trügt sich mein Blick;
95
nicht hell eracht ich
das heilig Alte,
da Loge einst
brannte in lichter Glut.
Weißt du, was aus ihm ward?
100
DIE ZWEITE NORN
das zugeworfene Seil wieder um den Stein windend.
Durch des Speeres Zauber
zähmte ihn Wotan;
Räte raunt er dem Gott:
an des Schaftes Runen,
105
frei sich zu raten,
nagte zehrend sein Zahn:
da mit des Speeres
zwingender Spitze
bannte ihn Wotan,
110
Brünnhildes Fels zu umbrennen. –
Sie wirft das Seil der dritten Norn zu: diese wirft es wieder hinter sich.
Weißt du was aus ihm wird?
DIE DRITTE NORN.
Des zerschlag'nen Speeres
stechende Splitter
115
taucht einst Wotan
dem Brünstigen tief in die Brust:
zehrender Brand
zündet da auf;
den wirft der Gott
120
in der Weltesche
zu Hauf geschichtete Scheite. –
Sie wirft das Seil zurück; die zweite Norn windet es auf und wirft es der ersten wieder zu.
Wollt ihr wissen
wann das wird?
125
Schwinget, Schwestern, das Seil! –
DIE ZWEITE NORN
das Seil von Neuem anknüpfend.
Die Nacht weicht;
nichts mehr gewahr ich:
des Seiles Fäden
130
find ich nicht mehr;
verflochten ist das Geflecht.
Ein wüstes Gesicht
wirrt mir wütend den Sinn: –
das Rheingold
135
raubte Alberich einst:
weißt du was aus ihm ward?
windet mit mühevoller Hast das Seil um den zackigen Stein des Gemaches.
Des Steines Schärfe
schnitt in das Seil;
140
nicht fest spannt mehr
der Fäden Gespinst;
verwirrt ist das Geweb:
aus Not und Neid
ragt mir des Niblungen Ring:
145
ein rächender Fluch
nagt meiner Fäden Geflecht.
Das Seil der dritten Norn zuwerfend.
Weißt du, was daraus wird?
DIE DRITTE NORN
das zugeworfene Seil hastig fassend.
150
Zu locker das Seil, –
mir langt es nicht.
Soll ich nach Norden
neigen das Ende,
straffer sei es gestreckt! –
155
Sie zieht gewaltsam das Seil an; dieses reißt.
Es riß! –
DIE ZWEITE NORN.
Es riß!
DIE ERSTE NORN.
Es riß!
Erschreckt fahren die Nornen auf und treten nach der Mitte der Bühne zusammen: Sie fassen die Stücken des zerrissenen Seiles und binden damit ihre Leiber aneinander.
160
DIE DREI NORNEN.
Zu End ewiges Wissen!
Der Welt melden
Weise nichts mehr. –
DIE DRITTE NORN.
Hinab!
DIE ZWEITE NORN.
Zur Mutter!
165
DIE ERSTE NORN.
Hinab!
Sie verschwinden Tagesgrauen. – Wachsende Morgenröte, immer schwächeres Leuchten des Feuerscheines aus der Tiefe. – Sonnenaufgang. Voller Tag. – Siegfried und Brünnhilde treten aus dem Steingemache auf. Er ist in vollen Waffen, sie führt ihr Roß am Zaume.
BRÜNNHILDE.
Zu neuen Taten,
teurer Helde,
wie liebt ich dich,
170
ließ ich dich nicht?
Ein einzig Sorgen
läßt mich säumen,
daß dir zu wenig
mein Wert gewann.
175
Was Götter mich wiesen,
gab ich dir:
heiliger Runen
reichen Hort;
doch meiner Stärke
180
magdlichen Stamm
nahm mir der Held,
dem ich nun mich neige.
Des Wissens bar,
doch des Wunsches voll:
185
an Liebe reich,
doch ledig der Kraft,
mögst du die Arme
nicht verachten,
die dir nur gönnen,
190
nicht geben mehr kann!
SIEGFRIED.
Mehr gabst du Wunderfrau,
als ich zu wahren weiß.
Nicht zürne, wenn dein Lehren
mich unbelehret ließ!
195
Ein Wissen doch wahr ich wohl –
Feurig.
daß mir Brünnhilde lebt;
eine Lehre lernt ich leicht –
Brünnhildes zu gedenken!
200
BRÜNNHILDE.
Willst du mir Minne schenken,
gedenke deiner nur,
gedenke deiner Taten:
gedenk des wilden Feuers,
das furchtlos du durchschrittest,
205
da den Fels es rings umbrann!
SIEGFRIED.
Brünnhilde zu gewinnen!
BRÜNNHILDE.
Gedenk der beschildeten Frau,
die in tiefem Schlaf du fandest,
der den festen Helm du erbrachst!
210
SIEGFRIED.
Brünnhilde zu erwecken!
BRÜNNHILDE.
Gedenk der Eide,
die uns einen;
gedenk der Treue,
die wir tragen;
215
gedenk der Liebe,
der wir leben:
Brünnhilde brennt dann ewig
heilig dir in der Brust.
Sie umarmt Siegfried.
220
SIEGFRIED.
Laß ich, Liebste, dich hier
in der Lohe heiliger Hut,
Er hat den Ring Alberichs von seinem Finger gezogen und reicht ihn jetzt Brünnhilde dar.
zum Tausche deiner Runen
reich ich dir diesen Ring.
225
Was der Taten je ich schuf,
des Tugend schließt er ein.
Ich erschlug einen wilden Wurm,
der grimmig lang ihn bewacht:
nun wahre du seine Kraft
230
als Weihegruß meiner Treu!
BRÜNNHILDE
voll Entzücken den Ring sich ansteckend.
Ihn geiz ich als einziges Gut!
Für den Ring nimm nun auch mein Roß!
Ging sein Lauf mit mir
235
einst kühn durch die Lüfte, –
mit mir
verlor es die mächt'ge Art;
über Wolken hin
auf blitzenden Wettern
240
nicht mehr
schwingt es sich mutig des Wegs;
doch wohin du ihn führst,
sei es durchs Feuer,
grauenlos folgt dir Grane:
245
denn dir, o Helde,
soll es gehorchen.
Du hüt ihn wohl;
er hört dein Wort:
O, bringe Grane
250
oft Brünnhildes Gruß!
SIEGFRIED.
Durch deine Tugend allein
soll so ich Taten noch wirken?
Meine Kämpfe kiesest du,
meine Siege kehren zu dir:
255
auf deines Rosses Rücken,
in deines Schildes Schirm, –
nicht Siegfried acht ich mich mehr,
ich bin nur Brünnhildes Arm.
BRÜNNHILDE.
O wäre Brünnhild' deine Seele!
260
SIEGFRIED.
Durch sie entbrennt mir der Mut.
BRÜNNHILDE.
So wärst du Siegfried und Brünnhild'?
SIEGFRIED
zart.
Wo ich bin, bergen sich Beide.
BRÜNNHILDE
lebhaft.
265
So verödet mein Felsensaal?
SIEGFRIED.
Vereint faßt er uns Zwei!
BRÜNNHILDE
in großer Ergriffenheit.
Oh! heilige Götter!
Hehre Geschlechter!
270
Weidet eu'r Aug
an dem weihvollen Paar!
Getrennt – wer will es scheiden?
Geschieden – trennt es sich nie!
SIEGFRIED.
Heil dir, Brünnhilde,
275
prangender Stern!
Heil, strahlende Liebe!
BRÜNNHILDE.
Heil dir, Siegfried,
siegendes Licht!
Heil, strahlendes Leben!
280
BEIDE.
Heil! Heil! Heil! Heil!
Siegfried geleitet das Roß schnell dem Felsenabhange zu, wohin ihm Brünnhilde folgt. Siegfried ist mit dem Rosse hinter dem Felsenvorsprung abwärts verschwunden, so daß der Zuschauer ihn nicht mehr sieht; Brünnhilde steht so plötzlich allein am Abhang und blickt Siegfried in die Tiefe nach. – Brünnhilds Gebärde zeigt, daß jetzt Siegfried ihrem Blicke entschwindet. – Man hört Siegfrieds Horn aus der Tiefe. Brünnhilde lauscht. Sie tritt weiter auf den Abhang hinaus. Jetzt erblickt sie Siegfried nochmals in der Tiefe: sie winkt ihm mit entzückter Gebärde zu. Aus ihrem freudigen Lächeln deutet sich der Anblick des lustig davon ziehenden Helden. Der Vorhang fällt schnell.

(Richard Wagner: Die Musikdramen. Mit einem Vorwort von Joachim Kaiser, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1971.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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