Medusa

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Figurenkonstellation

Heinrich Lautensack

Medusa (1904)

Aus den Papieren eines Mönches

SchauplatzIn einer Kleinstadt.

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[Stücktext]

Die Szene stellt ein Spielwarengeschäft dar. Eingang von der Straße große Glastüre mit Glocke im Hintergrunde links vom Zuschauer. Auf der Szene große Stellagen mit Nürnberger Spielwaren. Rechts führt eine Tür auf den Hausflur. Dicht neben dieser Tür ein Sprachrohr, das in die Wohnung der Familie Kreiner hinaufsprechen läßt. Ein kleiner Schreibtisch, zwei Stühle.
Gaslampen. Vorfrühling. Nachmittag.
HELENE KREINER
am Schreibtisch.
Mittelgroßes, schlankes Mädchen, 27 Jahre alt. Nickelkneifer. Lange Nase. Sehr kleiner Mund. Schielt. Blond.
JOSEPH KREINER
zur Zeit Einjährig-Freiwilliger.
In verstaubter Dienstuniform. Kleiner, dicker, blonder Kerl. 22 Jahre.
5
Weißt du, Helen, wie sie dich früher immer genannt haben?
HELENE
trotzdem sie es weiß.
Nun?
JOSEPH.
Medusa haben sie dich immer geheißen.
HELENE.
Pepi.
10
JOSEPH.
... der Heinz – der macht sich. Der Einzige von all meinen Schulkameraden, aus dem was besonderes wird. Sicher! So'n Schriftsteller ....
HELENE
macht sich an irgendeiner Stellage kleine Arbeit.
JOSEPH.
... der is jetzt zweiundzwanzig Jahre und is doch schon Mitarbeiter von die größten Zeitschriften ....
HELENE.
So
JOSEPH.
... ich hab nämlich 'n paar seiner Arbeiten gelesen .... Heinz und ich waren heute mittag in die Regimentskanzlei kommandiert .... Na – und da las ich .... Weißt du – ich – ich kann ihm das alles so nachfühlen .... Er muß so einer von den Modernsten sein ....
15
HELENE.
Hm.
JOSEPH.
... der kann was, sag ich dir .... Nu is aber das Unglaubliche, daß er behauptet, er hätt damals den Namen Medusa für dich nicht aufgebracht ....
HELENE.
Das is doch sehr nett von ihm.
JOSEPH.
... aber er is doch gewiß der Einzige von all meinen Schulkameraden, aus dem was wird ....
HELENE.
Er und du – was?
20
JOSEPH.
... er hat da eine große Arbeit geschrieben, die Medusa heißt .... Wie er sich so die moderne Medusa vorstellt .... Er war ja doch schon fünf Jahre in der Residenz .... Nächstens, sagt er, wird sie gedruckt ....
HELENE
schweigt.
JOSEPH.
Siehst du, Helen ... ich sagte dir doch – ich kann ihm das alles so nachfühlen ... nicht? ... Gut – die Medusa, die er da geschrieben – die bist du – einfach du.
HELENE.
Pepi!
JOSEPH
tut sich was.
25
... das Sexuelle, wie er da in seiner Studie sagt .... Das Sexuelle! ... Weißt du, was das ist, das Sexuelle?
HELENE
verbirgt geschickt, daß sie es weiß.
JOSEPH.
Tu nur nicht so alt – tu nur nicht, wie wenn du es wüßtest ... Ich habs auch nicht gewußt .... Du weißts sicher nicht. Helen .... Oder du denkst dir in diesem Augenblick ganz was Falsches! ... Also: das Sexuelle – das ist die Liebe – so die Sehnsucht der Leute – nach Liebe – und der geschlechtliche Verkehr .... Weißt du, was geschlechtlicher Verkehr ist?
HELENE.
Pepi!
JOSEPH.
Du weißt es .... Das sollte auch eigentlich ein Mädchen in deinem Alter wissen .... Heli, wenn du mir nur nicht ne alte Jungfer wirst!
30
HELENE.
Du bist ein ganz gemeiner Mensch, Pepi – ja – weil du so etwas weitererzählst!
JOSEPH.
Wenns doch gedruckt wird!
HELENE.
Ja – aber mir darfst du das nicht erzählen!
JOSEPH.
Als ob dus nicht wüßtest! ..... Aber – mein Gott – was hab ich dir denn eigentlich Besonderes erzählt?
HELENE.
Du – du – du hast mir ja eigentlich auch gar nichts Positives erzählt – aber –
35
JOSEPH.
Aber?
HELENE.
Von sowas erzählt man seiner Schwester überhaupt nicht! ... Wenn Mutter nach Hause kommt, sag ich ihrs .... Und – und der Hörmann – der hätt wohl auch Besseres zu tun als – dir solche Sachen zu geben! ... Was geh ich ihn überhaupt an? ... Ich verbitte mir das einfach – so – so – so Schweinereien in der Zeitung über mich zu schreiben! ... Wenn er wieder herkommt, werd ich es ihm sagen ....
JOSEPH.
Das wirst du nicht, Helen!
HELENE.
Das werde ich ... und Mutter sag ichs auch!
JOSEPH
eingeschüchtert.
40
Zum Donner – – hab ich denn mehr erzählt, als ich mich jetzt selber noch erinnern kann? ... An allem Ende hast du die ganze Sache eher kapiert als ich ....
HELENE.
Ich hab gar nichts kapiert, Pepi! ... Aber soviel weiß ich, daß sich das einfach nicht paßt! ... Ich kann – ich kann so häßlich sein – wie ich will – – aber da hat der deswegen doch noch lange kein Recht – – –
Als sie dem Weinen nahe ist, faßt sie sich.
Aber Pepi, nun sag mir offen und ehrlich: Hat er gesagt, daß er mich mit der Medusa gemeint hat?
JOSEPH.
Er sagt, er habe dich zum Modell genommen ....
45
HELENE.
Ja – und jenes andere – dieses Se – se – –
JOSEPH.
Das Sexuelle?! ... Ja – um das handelt sichs doch bei der ganzen Sache!
HELENE.
Ich – – verstehe dich nicht ....
JOSEPH.
Ja Herrgott – ich versteh es doch eigentlich auch nicht! ... Weißt du – Heinz hat so etwas über mich – daß ich tue, als ob ich verstünde – wenn ich es auch nicht verstehe .... Na – und dann kam plötzlich der Vizefeldwebel – da könnt ich natürlich nicht weiterlesen .... Ich denk – ich werd es mir eben nochmal von ihm geben lassen .... Sowas muß man in Ruhe lesen .... Ja ....
HELENE
steht mit einem Male ganz hilflos wie ein Kind bei seinen ersten Schritten – wie in einem plötzlichen Krampf – die Lippen und die Arme versagen den Dienst – die Kniee zittern.
50
JOSEPH.
Was hast du denn?
HELENE
lallend.
Nichts ... nichts ... nichts .... Unsere Marie warso ein hübsches Mädchen ... die mußte sterben ...
Tonlos.
Warum ich nicht? Ich? ...
55
Sie sinkt.
JOSEPH.
Heli! ... Heli!! ...
Hält sie.
HELENE
bezwingt sich.
Is gut, Pepi .... Ich danke dir ....
60
JOSEPH.
Wenn ich daran schuld bin! ... Du weißt, wie wir alle um dich besorgt sind! ... Verzeihst du mir, Heli?
HELENE
bitter.
Ich bin ein altes Mädchen, Pepi .... Is gut – Pepi – is schon gut ....
JOSEPH.
Gib mir 'n Versöhnungskuß, liebe Heli ... du ... du gute .... Ich weiß doch am besten, wie du bist, Heli – wir wissens .... Ach die andern! ... Wie du zitterst, Heli .... Gib mir 'n Kuß ....
HELENE
befühlt traumhaft mit der einen Hand die andere – streicht mit beiden Händen über ihr Haar – beide Hände an die Brüste.
65
Das – und das – und das .... Alles tut weh ....
JOSEPH
küßt sie leicht.
N' Kuß, Heli ....
HELENE
versucht zu lächeln.
Küßt ihn.
70
Da ...
Küßt ihn nochmals – wie in einem hysterischen Anfall.
Da! Du!!
JOSEPH
ganz erschreckt.
Noch einen, Schwester –
75
HELENE
hysterisch.
Da!
Küßt ihn.
JOSEPH.
Noch einen, Duschen –
HELENE.
Duschen?!
80
JOSEPH
leidenschaftlich – irr.
Das ist mein Erfindung ... krieg ich noch einen? ...
HELENE
heiß.
Ja ...
Küßt ihn.
85
JOSEPH
ebenso.
Noch einen ....
HELENE
ohne zu küssen – wie wenn sie ihn zu küssen meinte – hauchend.
Ja ....
JOSEPH.
Da ...
90
Küßt sie.
Da ...
Küßt sie.
Da ...
Küßt sie.
95
Da ...
Küßt sie.
HELENE
unter den Küssen.
Pepi ....
JOSEPH
küßt sie.
100
Oh du ...
Sie umfangen sich zu gleicher Zeit – wild. Umschlingen sich ganz. Leib an Leib! Heftiges, deutlich hörbares Atmen.
HELENE
erschöpft.
Pepi ....
JOSEPH
sich an sie, in sie drängend – ungestillt.
105
Du ... du ....
HELENE
macht sich frei.
Das dürfen wir nie wieder tun, Pepi ....
JOSEPH
wie oben.
Wir sind doch Geschwister ...
110
Umschlingt sie nochmal.
HELENE
wehrt sich.
Nein! ...
Macht sich gewaltsam los.
JOSEPH.
J – –
115
HELENE.
Wenn uns so durchs Fenster wer gesehen hätte!
JOSEPH
platzt voller Beschämung einfach heraus.
Du bist Medusa, sagt er Wenn du Jüdin wärst, dann wärst du nicht Medusa, sagt er .... Er war solange in der großen Stadt .... Er ist stolz auf dich und auf sich selber .... Er ist auf euch beide stolz – auf dich und sich – ja! ... Oh – was er da noch alles sagt! ...
Sieht sie an wie eine Geliebte.
Und ich bin auch stolz – auf dich! Und du – du gehörst nun mir, Helen! ...
120
HELENE.
Pepi!
JOSEPH
sinnlos.
Ich – ich – ich komme heute nacht zu dir – Heli!
HELENE.
Pepi!
Stille.
125
JOSEPH
sehr unsicher.
Vielleicht erzählt er dir selber davon ....
HELENE.
Ich danke! Und nun mach, daß du hinauskommst!
JOSEPH
bittend.
Heli! ...
130
Wieder einmal so recht »er«..
Hier in diesem – in diesem Saunest! ... Hier ist nichts los! ... In bezug auf das Sexuelle, Duschen! ...
HELENE.
Duschen!
JOSEPH
wie oben – wennschon immer noch unter dem Druck des Vorhergegangenen.
Das ist hier einfach ne Schweinerei! ...
135
Er versucht zu scherzen.
Wenn du nicht meine Schwester wärst, möcht ich mich in dich verlieben ....
HELENE.
Nun mach aber, daß du hinauskommst!
JOSEPH.
... das weißt du ebensogut wie ich .... Verzeih .... Aber darum waren wir doch auch so .... Na – und auf jeden Fall wäre es eine rohe Lüge von dir, wenn du behaupten wolltest, ich war je anders als lieb zu dir gewesen ....
HELENE.
Aber so, Pepi .... Reden wir nicht mehr darüber ....
140
JOSEPH.
... ich – ich kann ihm das alles so nachfühlen. Neinwirklich! ... Übrigens wird er gleich herkommen .... Er hat mir versprochen, mich zum Dämmerschoppen abzuholen .... Ich – ich geh indessen hinauf – mich umkleiden .... Wenn er kommt, so soll er heraufkommen .... Hörst du – du schickst ihn einfach herauf, wenn er kommt .... Is Mutter oben?
HELENE.
Nein.
JOSEPH.
Is Vater oben?
HELENE.
Nein .... Nur die Köchin .... Babette is oben ....
JOSEPH.
Babette? ... Is gut so ... Babette ...
145
Er glüht.
Heinz kann ja unterdessen ... hier ... bei dir ....
HELENE
lügt vor Angst.
Pepi – Mutter muß im Augenblick zurückkommen.
JOSEPH.
Also ... wenn Heinz kommt, schickst du ihn mir herauf ...
150
Sich zum Gehen wendend.
Es ist doch ein Saunest hier ....
HELENE.
Pepi!
JOSEPH
sieht sie wild an.
Gewiß!
155
HELENE.
Der Hörmann – der – der muß dir schöne Sachen zu lesen gegeben haben .... Armer Kleiner ...
Küßt ihn leicht.
Zieh dich nun nur schnell um, Pepi ...
Sie bringt ihn zur Türe rechts.
JOSEPH
ab.
160
HELENE
schließt die Türe.
Pause. Sie geht langsam so, daß man sie von der Straße durch die Auslagefenster sowohl wie durch die Glastüre nicht sehen kann. Doch muß sie von allem Publikum gesehen werden. Es ist der alte lähmende Krampf in ihren Bewegungen. Es ist, wie wenn die Hände vor Krampf nach den Brüsten gehoben würden. Ihr ganzer Leib bebt. Mit einem Male reckt sie sich sichtbarlich mit unmenschlicher Anstrengung auf und geht an den Schreibtisch. Sie nimmt eine Zeitung, setzt sich und starrt in das Papier. Dann steht sie wieder auf, legt die Zeitung an den alten Platz zurück und geht an die Glastüre. Dort lehnt sie eine Weile – zitternd.
HEINRICH HÖRMANN
erscheint in der Tür.
– Schlanker junger Mann, 22 Jahre, mit vollen Lippen, vorspringenden Backenknochen,
HELENE
ist, bis er mit der Tür an sie anstieß, keinen Schritt zurückgegangen.
165
HEINRICH.
Verzeihung ...
Schließt die Tür. Glocke.
HELENE.
Bitte ....
HEINRICH.
Guten Tag .... Is Pepi da? ...
HELENE.
Nein ... ja ....
170
HEINRICH.
Er is oben? ...
HELENE.
Nein ... doch ... er kleidet sich eben um ....
HEINRICH.
Kann man heraufgehen? ...
HELENE
mit wachsender unnatürlicher Geschäftigkeit.
Er muß jeden Augenblick runterkommen .... Er muß ja längst umgekleidet sein .... Er is schon so lange oben! ... Wo er nur bleibt? ...
175
HEINRICH.
Darf man also hier warten? ...
HELENE.
Aber gewiß ... warum nicht .... Ich will nur mal schnell –
Eilt ans Sprachrohr.
Pepi ... Pepi! ... Pepi? ... Herr Hörmann is da .... Herr Hörmann ist da! ... Wie? ... Wie? ... Er soll –? ... Ja, ja! ... Gewiß! ...
Zu Heinrich.
180
Sie sollen – Sie sollen nur hier unten warten!
Errötet.
Wollen Sie nicht Platz nehmen? ...
HEINRICH.
Wenn ich hier – im Geschäft – nicht störe ....
HELENE.
Gewiß nicht .... In dieser Jahreszeit ....
185
HEINRICH.
Im – Frühling, meinen Sie?
HELENE
schweigt.
Sucht – und findet keine Arbeit.
HEINRICH
nach einer Pause.
Ich war immer ein wenig schüchtern – als Junge – Ich – Sind Sie mir böse, Fräulein Helene? ...
190
HELENE.
Wie Sie als Junge waren, weiß ich nicht mehr .... Aber was hätte ich für einen Grund, Ihnen böse zu sein? ...
HEINRICH.
Ich verkehrte auch nicht soviel mit Pepi ... damals .... Erst jetzt .... Wir beide werden die Nachmittage meistens in die Regimentskanzlei zum Schreiben abkommandiert .... Das is einiger maßen angenehmer als Gewehrgriffe ....
HELENE.
Da dichten Sie dann ... in der Regimentskanzlei ... nicht? ...
HEINRICH.
Nein – da schreibe ich ... Regimentsangelegenheiten ... Dienstsachen ....
HELENE.
Verzeihung – ich dachte, Sie dichteten ....
195
HEINRICH.
Oh bitte .... Aber da dichte ich wirklich nicht .... Ich dichte überhaupt nicht ....
HELENE.
Nie? ...
HEINRICH.
Ich mache – wie einer meiner Kollegen sagt – in Gefühlsphilosophie .... Aber jetzt habe ich Sie doch wirklich beleidigt, Fräulein Helene? ...
HELENE.
Wie kämen Sie dazu, mich zu beleidigen? ...
HEINRICH.
Es ist etwas an Ihnen .... Sie sind so sonderbar .... Und ich bin nu mal absolut kein Meister des Dialogs .... Man sagt, ich sei für einen Deutschen zu oberflächlich und für einen Franzosen zu tief .... Ich suche seit drei Jahren nach meiner Nationalität .... Das is komisch – nich? ... Und jetzt bin ich zu allem Überfluß Soldat ....
200
HELENE
schweigt.
Macht sich irgendwo zu schaffen.
HEINRICH
nach einer Pause.
Hm .... Haben Sie auch Bleisoldaten zu verkaufen? ...
HELENE
versucht zu lächeln.
205
Nein – wie komisch Sie sind!
Sie langt nach einem festen Halt.
HEINRICH.
Ich soll da all meinen Kollegen Photographien schicken, wo ich als Soldat darauf bin .... Aber ich werd ihnen den Deibel tun! ... Ich schicke einfach einem jeden einen Bleisoldaten ....
HELENE
lächelt noch immer, während sie, sich krampfhaft stützend, in der vollen Glut der sinkenden Sonne steht.
Plötzlich ein seltsam erschrecktes Gesicht.
210
Wo Pepi nur bleibt! ... Mir ist, als ob er schon Stunden oben wäre .... Er darf nicht ...
Es zieht sie etwas zum Sprachrohr – sie steht davor, wagt aber nicht, Joseph anzurufen.
HEINRICH
schweigt.
Sieht sie an.
HELENE
wendet sich nach ihm.
215
Versucht, seinem Blick standzuhalten.
Sie – Sie müssen mich nicht immer so ansehen .... Nicht, als ob Sie mir böse wären .... Auch nicht, als ob Sie über mich spotten möchten .... Aber so ... so ... Sie sehen auf mich wie auf ein Häßliches .... Auf mein Gesicht .... Auf meine Hände ....
HEINRICH.
Was ist Ihnen, Fräulein Helene?
HELENE.
...Sie ... Sie haben mir was zu sagen .... Sie sagen es nicht .... Warum sprechen Sie nicht? ...
HEINRICH.
Ich habe Ihnen was zu sagen? ...
220
HELENE.
Sie sehen mich an – wie – ich weiß nicht .... Soll ich .... Soll ich zu Ihnen sagen –
Sie knickst.
– »Ergebenster Diener, gnädiger Herr ....«?
HEINRICH.
Sind Sie verrückt!? ... Der Teufel soll dieses Warten holen!
Im selben Augenblick geht die Ladentür.
225
Glocke.
DIE ZEITUNGSFRAU
tritt ein.
Mit singender Stimme – auf demselben Ton.
Zeitung ...
Legt die Zeitung auf den Schreibtisch. Während sie abgebt – in derselben Tonhöhe.
230
Gun Abnd ...
Ab.
Glocke. Pause.
HELENE.
Ich werde Pepi ...
Hält sich irgendwo mit beiden Händen fest.
235
HEINRICH
geht auf sie zu.
Nimmt ihre beiden Hände – – und kann kein Wort hervorbringen.
HELENE.
Herr ...
Sie ist ganz schwach. Sie sinkt.
HEINRICH
stützt sie, bis sie ihm wankend die Hände gibt.
240
Verzeihen Sie .... Ich wollte es nicht .... Ich log, als ich sagte, dieses Warten solle der Teufel holen .... Ich log .... Fräulein Helene! ... Lassen Sie mir Ihre Hände – so – wollen Sie das? ...
HELENE
haucht.
Ja ....
HEINRICH.
Gut – ich – ich habe Ihnen was zu sagen ....
HELENE.
Sprechen Sie .... Sprechen Sie! ...
245
HEINRICH
sieht sie einen Augenblick schweigend an.
HELENE.
Sprechen Sie! ... Sie haben meine beiden Hände ... so .... Sprechen Sie! ...
HEINRICH.
Es ist ein Saunest hier – ein verdammtes .... Pepi hat Ihnen doch wohl schon von meiner letzten Arbeit erzählt? ...
HELENE.
Von keiner andern .... Nur von der .... Zum ersten Male überhaupt, daß er mir von Ihren Arbeiten erzählte ....
HEINRICH.
Nun ... und .... Ich kann so oder so anfangen: Es ist beide Male ein Halbes ... also – darf ich ein ganz offenes Wort mit Ihnen reden? ... Sie werden hinterher dann selbst merken, daß es die einzig mögliche Art und Weise war ....
250
HELENE.
Ja ... ja ....
HEINRICH.
Gut denn .... Was hat er Ihnen davon erzählt? ...
HELENE.
Herr Hörmann .... Auf einmal war mir alles klar .... Auf einmal sah ich weit .... Meine Schwester Marie ist vorigen Winter – nachdem sie ein halbes Jahr glücklich verheiratet war – gestorben. Ihr Tod – ich wußte nichts, fühlte nichts, begriff nichts .... Sie war als junge Frau schöner denn je gewesen ... kurz nach ihrem Tode kam eine Erbschaft .... Pepi ist mein Stiefbruder .... Und nun die Erbschaft mir – mir! Ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, wie das zuging .... Da sah ich auch mit einem Schlage alles klar .... So wie heut – heut wie damals ... ja ....
HEINRICH.
Sie wissens nicht mit Worten – das .... Oder die Worte, die Sie dafür wissen, sind Ihnen zu gemein ....
HELENE.
Sprechen Sie ... sprechen Sie! ...
255
HEINRICH.
Es wäre dumm von mir, herauszuplatzen: Ich liebe Sie .... Und es wäre blödsinnig, einfach rundweg zu sagen: Ich habe die und die Arbeit geschrieben .... Es ist auch keins von beiden allein richtig .... Ich habe die betreffende Arbeit geschrieben, weil ich Sie – nun, weil ich Sie liebe .... Oder auch – warum denn nicht? –: ich liebe Sie ... wenn wir den Ausdruck lieben hier schon beibehalten wollen ... ich liebe Sie, weil ich die betreffende Arbeit geschrieben habe ....
HELENE.
Weiter ... weiter ....
HEINRICH.
Was haben Sie von dem allen verstanden? ... Wohl kaum mehr als: ich liebe Sie .... Lassen Sie nur Ihre Hände, Helene ....
HELENE.
Ja ... ja ....
HEINRICH.
Was heißt in unserem Falle: ich liebe dich .... Weißt du das, Helene? ...
260
HELENE.
Ja ... ja ....
HEINRICH.
Du bist um vieles älter als ich .... Du – du bist wie ein Spielball in meinen Händen .... Oder eine Handvoll Licht – Licht von Licht, das überall ist – und nur in meinen Händen jetzt verdichtet, kondensiert .... Du bist urewiger, formloser Stoff, der durch meine Hände Form will ....
HELENE.
Heinrich ...
Drängt sich an ihn.
HEINRICH.
Dieser dein Wille zur Form durch meine Hände – durch mich – dies ist vielleicht Liebe zu mir .... Bleib bei nur ... so ... und liebe mich – bis eines andern Hände mehr tun können als meine ....
265
HELENE.
Du warst solange in der großen Stadt .... Nun bist du da ....
HEINRICH.
Aber frag mich nicht, Liebste, ob ich dich liebe .... Ich weiß es so mit Worten noch nicht .... Was heißt überhaupt .... Wenn dein Wille zur Form, zu Geformt-werden durch mich Liebe zu mir ist, so ist meintswegen mein Wille, dich zu formen, Liebe zu dir .... Liebe! ... Ich – ich bin einfach die Gewalt, die du erleidest .... Liebe, Liebe! ... Helene – ich bin einfach die Gewalt, die du erleidest! ...
HELENE
fortwährend im Banne der Berührung mit ihm.
Deine Hände sind nicht für körperliche, schwere Arbeit .... Das seh ich .... Du .... Deine Hände! ... Aber – ich wage nun alles! ... Sprich! ...
HEINRICH.
Unsere Worte müssen nackt zueinander sein .... Müssen sich nackt einander gegenüberstehen .... Wie Mann und Frau .... Wie ein Geschlecht dem andern ....
270
HELENE.
Ich ... ich bin nicht schön .... Ich ... ich bin häßlich .... Ich ....
HEINRICH.
Du bist Weib ... darum bist du schön .... Aber mir ist doch ein wenig mehr daran gelegen, als bloß ein Weib zu besitzen ... einen Leib ... so irgendeinen .... Du hast deinen Leib und deinen Teil Liebe ... du willst beides geben .... Und es ist ein ewiges Warten, ein Nie-geben-können .... Du Weib und nur Weib .... Koketterie und Berechnung sind dir fremd ....Bleib so bei mir – so – und lasse dich mit allen Sinnen fühlen .... Du Weib-Leib ohne die gewöhnliche Dosis Falschheit oder Berechnung, Bosheit oder Koketterie .... Helene, du bist in diesem Augenblick wirklich nichts als Leib, Leib, den ich fühle, sehe, atme, höre .... Nichts als Leib – wie ohne Seele und alles! ... Du Stille du! ... Zitterst du vor mir so, Helene? ...
HELENE.
Ja ....
HEINRICH.
Weil ich Mann bin und du Weib? ...
HELENE.
Ja ....
275
HEINRICH.
Nur Leib .... Die Hände – die Brüste – die Lippen – das Haar – die Füße – die Augen, in denen nichts als Licht von überall .... Die Angst will keine Glut in dein Auge kommen lassen, Zitterndes du, Scheues, Verscheuchtes .... Die Angst lahmt jede Bewegung in deinen Gliedern .... Dein Blut .... Wie soll ich es wecken? ... Wie soll ich dich erwecken? ... Sei wach, Liebe, denn ich liebe dich – ich liebe dich .... ich liebe dich!
Er umschlingt sie mit beiden Armen, wie wenn er sie in sich hineindrücken möchte.
HELENE
macht sich los.
Sie haben mich .... Du – du hast so alles an mir genannt .... Meine Brüste .... Mein Haar ...
Sie stockt.
280
Ich – ich habe bei unseren Knechten und Laufburschen gelegen .... Es waren immer die jüngsten oder die ältesten .... Sie taten ohne ein Wort, was ich wollte .... Einige merkten, daß es Gefälligkeit war, um die ich bat .... Andere waren wie Tiere ....
HEINRICH.
Ich hab sieben Nächte bei einem Weibe geschlafen, die meine Großmutter hätt sein können! ...
HELENE.
Du sagtest, ich sei Weib – darum sei ich schön .... Du sollst sagen, ich bin schön, weil du mich liebst! ... Ich bin nicht so alt .... Bei den andern war ich immer in Kleidern .... Da verlangte keiner zu sehn ....
HEINRICH.
Du – du! ...
Umschlingt sie.
285
Du sollst dich nackt unter deinen Kleidern fühlen ... unter der Bluse, unter den Röcken, unter Strümpfen und Schuhen .... Nackt vor mir! ... Willst du das?
HELENE
sieht ihn an.
Ja – ja!
HEINRICH.
Denke nicht – ich sei verrückt geworden .... Ich wußte es, daß du die bist, mit der ich eine lange ekelhafte Philosophie in erträgliche – in angenehme – in warme – in heiße – in wollüstige Praxis umsetzen kann! ... Du – du! ...
Er befühlt sie am ganzen Leibe.
290
Alles das – das und das – Dinge, die noch gar nicht gesehen – Dinge, die ich vergessen, weil ich sie zu wenig gesehen – alles das – das und das! ... Erzähl mir von dir – der Duft aus deinem Haar berauscht mich! ... Du bist in deinen langen Jahren Hausmütterchen geworden – wenn du mit dem Bügeleisen hantierst, riecht dein Haar und dein Leib nach Kohlendunst –
Lächelt.
– wie eine Gasfabrik – nicht? ...
HELENE.
Heinrich!
HEINRICH.
Sag mir, was du heute morgen gefrühstückt hast – sag?
295
HELENE.
Heinrich!
HEINRICH.
So bin ich immer, Helene! ... Und wenn du mich erst näher kennst, wirst du begreifen ....
HELENE.
Es reizt dich so viel an mir – du nennst alles das mit Namen! ... Aber du nennst alles das mit so wenig Liebe zu mir, daß ich glaube, du würdest es bei jeder andern genau so –
HEINRICH.
Helene! ...
HELENE.
Du redest wie ein gemeines Buch, das ich einmal gelesen .... Damals empfand ich mich doppelt schwer – darum las ich ....
300
HEINRICH.
Eine andere würde dies anders empfinden ....
HELENE.
Welche andere?
HEINRICH.
Manche andere, Helene .... Du hast keinen Grund zur Eifersucht, Helene ...
Er umschlingt sie wild.
Heli! ... Nicht so – Heli – nicht so .... Unser Geschlecht ist überreizt .... Du mußt mich lieben, weil ich dich lieben will .... Das ist der zweite Teil meiner Arbeit, von der dir Pepi erzählte .... Du mußt mich lieben, weil dich noch kein anderer so sehr lieben mochte wie ich .... Du mußt wissen, daß es ein Teil Überwindung meinerseits ist, dich zu lieben ....
305
HELENE.
Herr Hörmann!
HEINRICH
faßt sich, so schnell er kann.
Fräulein Kreiner?
HELENE.
Ich will kein Wort mehr hören!
HEINRICH.
Sie müssen mich hören.
310
HELENE.
Machen Sie, daß Sie hinauskommen! ...
HEINRICH.
Das ist gegen unsere Abmachung.
HELENE.
Ich schreie laut – wenn Sie nicht gehen!
HEINRICH.
Keine Sentimentalitäten! ... Ich mag die sogenannten absolut schönen Frauen nicht .... Ich hab doch nicht gesagt, daß Sie die einzige Häßliche sind! ... Es gibt keine absolut schöne Frau! ... Die absolute Schönheit – die mag in einer andern Welt sein .... In einer Welt, von der nur die Träume unserer Dichter wissen .... Das hab ich alles geschrieben .... Verstehen Sie mich? ... Des Weibes Liebe ist meiner Ansicht nichts als Dankbarkeit dafür, daß der Mann, der sonst von absoluter Schönheit resigniert träumt .... das ist schlecht ausgedrückt; allein ich weiß den genauen Wortlaut dieser Stelle in meinem Artikel nicht mehr – des Weibes Liebe ist nichts als Dankbarkeit dafür, daß der Mann den Ekel vor des Weibes Häßlichkeit überwindet! ... Demnach wäre des Mannes sogenannte Liebe Überwindung eines gewissen Ekels – weiter nichts! ... Jedes Weib hat Häßliches – jedes Weib ist Medusa – wie ich es nenn .... Der und der Mann liebt die und die Frau: das heißt doch wohl nichts anderes als: der und der Mann liebt es, den und den gewissen Ekel vor der und der Häßlichkeit dieses oder jenes Weibes zu überwinden ....
HELENE.
Und das alles muß ich mir hier – von Ihnen –
315
HEINRICH.
Das war ich Ihnen schuldig, meine Verehrte .... Aber Sie haben sicher nicht alles verstanden .... Ich hab ja das alles in der betreffenden Studie viel klarer ausgedrückt .... Dort ist es tiefer Gehalt in einem beinah lyrischen Rahmen .... Hier .... Aber nun muß ich wohl Ihrer berechtigten Aufforderung, diesen Raum zu verlassen, Folge leisten .... Darf ich mir nur noch gestatten, zu fragen, wo Pepi diese ganze Zeit geblieben ist?
HELENE
ganz blaß.
Pepi ...
Sie wankt ans Sprachrohr.
Pepi! ... Pepi! ... Babett! ... Babett! ... Keine Antwort ....
320
HEINRICH.
Ich werde hinaufgehen, wenn es Ihnen recht ist ....
HELENE
hat nicht gehört.
Schreiend, drohend.
Babett – Pepi!
HEINRICH.
Wenn es Ihnen also recht ist –
325
Er will zur Türe rechts.
HELENE.
Wo – wo wollen Sie hin? ...
HEINRICH.
Hinauf – zu Pepi ....
HELENE.
Gehen Sie nicht – ich bitte Sie darum ....
HEINRICH
stutzt.
330
HELENE.
Es ist ja nicht möglich .... Er muß jeden Augenblick ...
Starrt hilflos das Sprachrohr an.
HEINRICH
geht nach einer Pause auf sie zu.
Helene! ...
Umarmt sie.
335
Heli! ...
HELENE
verbirgt ihren Kopf an seiner Brust.
Ich habe – ich habe mehr getan als – als wie wenn ich mich Ihnen ganz hingegeben hätte .... Mich friert .... Es war schrecklich .... Sie können mit mir tun, Was Sie wollen .... Ich bin nichts ....
HEINRICH.
Hältst du mich für einen Menschen – für einen Menschen – der – der deine Häßlichkeit gebraucht, um mit dir zu tun was er will? ... Nein – Helene – Offenheit ist alles – die Wahrheit suchen ist Gott .... Und ich suche die Wahrheit ....
HELENE
weint leise.
340
HEINRICH.
Ehrlich kämpfen und den Sieg, Helene – das ist ein gewonnenes Stück Neuland Menschlichkeit – in zwei gleiche Hälften teilen: das ist Mann und Weib! ... Menschlichkeits-Kolonien gründen, Helene – sonst ist es eine Philisterehe – oder wie Tiere tun – einfach eine Schweinerei! ...
HELENE
schluchzt.
Das Schluchzen bricht plötzlich ab.
Pepi – Pepi ist oben allein mit Babette – so lange allein – mit Babett – allein – die Beiden! ...
HEINRICH.
Laß ihn .... Der Ekel wird ihn – immer noch zu früh – heruntertreiben! ...
345
HELENE.
Nun weiß ich, was ich weiß ...
Da ist es auf einmal, wie wenn sie sich über ihn werfen wollte – sie biegt mit der Wucht ihres Leibes seinen ganzen Oberkörper zurück – Schaum im Munde.
Du – du – du – Da – da – alles – alles, was du willst – – küß mich – küß mich – –
Kleine Kußszene – wie jede andere. Naturlaute. Dann.
Oh ich will schön sein vor dir – Ich
350
Geht von ihm weg.
komme auf dein Zimmer .... Alles andere ist mir nichts .... Wenn Pepi vom Dämmerschoppen zurückkommt .... Wenn ich nicht komme – bin ich tot! ... Einen heiligeren Eid gibt es nicht .... Ich beschwör es dir mit allem, was ich habe und dir geben will ... du ... du ... du .... Aber da kommt Pepi .... Also – ich komme zu dir ...
FRAU KREINER
tritt durch die Türe rechts ein.
Bürgerliche Straßentoilette Kirchengewand. Eine kleine dicke Frau – Charakter des kleinstädtisch Aufgeputzten. Gebrannte Bauernlöckchen.
Helen?
355
Es ist nun Dämmerung.
HELENE.
Mutter? ... Bist dus, Mutter? ... Herr Hörmann ist da ....
HEINRICH.
Guten Abend, Frau Kreiner ....
FRAU KREINER.
Guten Abend, Herr Hörmann Sie warten auf Pepi? ... Aber Helene, wie kannst du Herrn Hörmann so im Dunkel sitzen lassen! ...
Zu Heinrich.
360
Helene spart immer so mit dem Gas ....
HEINRICH.
Eine echte Hausfrau ....
HELENE.
Nun will ich aber gleich selber zu Pepi hinauf .... Du ... warst noch nicht oben, Mutter?
FRAU KREINER.
Nein .... Ich mache nur Licht hier .... Dann komm ich auch ....
HELENE
ab.
365
FRAU KREINER
macht Licht.
Der Tag will immer noch nicht recht zunehmen .... Es ist ja schon lang nicht mehr so bald Nacht wie im Hochwinter – aber .... Man braucht immer noch Licht .... Wie behagt es Ihnen beim Militär, Herr Hörmann? ...
HEINRICH.
Oh – ich danke .... Das Licht blendet ....
FRAU KREINER.
Sie sehn auch nicht gut aus, Herr Hörmann .... Aber ich sag immer: Nun hat unser Pepi doch Beschäftigung – sozusagen eine Stellung .... Pepi ist eben in dem Alter .... Sie freilich waren so lange in der großen Stadt ....
HEINRICH
scharf.
370
Haben Sie mir in dieser Beziehung etwas anzuvertrauen?
FRAU KREINER.
Ich? ... Aber nein .... Wenn Sie mich aber jetzteinen Augenblick entschuldigen wollen ...
Will ab – da kommt Helene zurück.
Na – is Pepi jetzt fertig? ... Guten Abend, Herr Hörmann ...
Ab.
375
HELENE.
Pepi wartet draußen vor der Tür .... Er schämt sich ...... Du ... wolltest ... du wolltest – Bleisoldaten kaufen?
HEINRICH.
Ja ... ja richtig .... Das wollte ich .... Was ... was kostet sone Schachtel? ...
HELENE.
Geh nur jetzt .... Ich ... ich bring die Bleisoldaten heute abend mit ....
HEINRICH.
... und deine Eltern?
HELENE.
Die erfahren morgen früh noch bald genug, wo ich die Nacht über war .... Geh jetzt .... Ich komme ....
380
HEINRICH.
Ich warte auf dich .... Einen Kuß? ...
HELENE
wirft sich ihm an die Brust.
Ah – du ....
HEINRICH
küßt sie.
Also – auf heute abend ...
385
Ab. Glocke.
HELENE
eilt nach einer Weile, nachdem sie hoch aufgerichtet gestanden, nach der Tür.
Glocke.
Pepi – Pepi!
JOSEPHS STIMME.
Ja? ...
390
HELENE.
Daß du auch nicht zu lange bleibst, Pepi!
JOSEPHS STIMME.
Ja ... ja ....
HELENE.
Adieu, Herr Hörmann ....
HEINRICHS STIMME.
Auf Wiedersehn! ...
HERR KREINERS STIMME
auf derselben Seite.
395
Du mußt in einer halben Stunde wieder zurück sein, Pepi!
JOSEPHS STIMME.
Warum?
HERR KREINERS STIMME.
Wir sind heut abend bei Urners eingeladen .... Daß du bald wieder da bist ....
JOSEPHS STIMME.
Ja, Vater ....
HELENE
die die Tür offen gelassen hat, ist bei den ersten Worten ihres Vaters wieder eingetreten.
400
Sie lauscht angestrengt. In ihrem bleichen Gesicht spiegelt sich wilde, häßliche Freude. Als ihr Vater eintritt, nimmt sie eine leidende Miene an – sitzt.
HERR KREINER
der ältere Pepi – tritt ein.
Ja ... also bei Urners .... Heli .... Aber was hast du denn? ...
HELENE.
Ich kann nicht mit zu Urners .... Ich bin krank ....
HERR KREINER.
Das geht nicht .... Soviel Zwang mußt du dir auferlegen können ....
405
HELENE.
Ich kann nicht ....
HERR KREINER.
Du mußt! .... Geh nur gleich hinauf – dich anziehen ....
HELENE.
Vater ....
HERR KREINER.
Na wirds? ...
HELENE
bäumt sich auf.
410
Nein!
HERR KREINER
schreiend.
Wirds, Heli?
HELENE
mit ihrer allerletzten Kraft.
Nein!
415
Bricht zusammen.
HERR KREINER
springt ihr bei.
Was ist dir denn? ... Um Gottes willen .... Heli .... Du bist krank .... Gut – wir sagen ab .... Du mußt zu Bett .... Wir alle bleiben bei dir ...
Ans Sprachrohr.
Mutter! ... Mutter! ... Mutter! ...
420
Ohne Antwort erwartend – zurück.
Du kommst mir acht Tage nicht aus dem Bett – das schwör ich dir! ...
BABETTE
tritt mit Kehrbesen und Staubeimer zur Türe rechts ein.
HERR KREINER.
Rufen Sie Mutter herunter ....
BABETTE
läßt an der Tür alles fallen.
425
Starr.
Freiln Helen ....
HERR KREINER.
Halten Sie sie .... Ich will nur noch einmal ...
Am Sprachrohr.
Mutter .... Bist du da? ... Ja – ich lief wieder weg .... Komm runter .... Schnell – schnell! ... Helen is krank geworden! ... Wie? ... Gott – es is doch egal – wie du bist – nimm ne Nachtjacke und fertig! ...
430
Unterdessen hat.
HELENE
Babette an ihren Brüsten – unter einer leichten Küchenbluse – gepackt.
Ihre Hände haben sich in das Vorquellende ganz verkrampft.
BABETTE
mit geöffnetem Mund.
Kann nicht schreien vor Schmerz.
435
HERR KREINER
ist über den Staubeimer gestolpert.
Er räumt das Hindernis weg.
So ... so ....
FRAU KREINER
stürzt im größten Negligé zur Tür herein.
Ihren Mann beinah umwerfend.
440
Was is?
BABETTE
schreit laut auf.
Vorhang.

(Heinrich Lautensack: Das verstörte Fest. Gesammelte Werke. Herausgegeben von Wilhelm Lukas Kristl, München: Carl Hanser Verlag, 1966.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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