Sigurd, der Schlangentödter

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Figurenkonstellation

Friedrich Motte Fouqué

Sigurd, der Schlangentödter (1808)

Ein Heldenspiel in sechs Abentheuren

Zurück
Weiter

Vorspiel.

Eine Halle in der Burg des Königs Hialpreck. Im Hintergrunde schmiedet Reigen auf einem Ambos ein Schwerdt.
REIGEN.
Heiß hoch die Lohe,
Funken hell fliegend,
Müde mein Arm fast! –
Hellblanker Klingen
5
Kön'ginn zu schmieden
Hallt hier der Hammer.
Kecker Heerkön'ge
Kühnstem zu blut'ger Bahn
Schmied' ich ein Schwerdt.
10
Wohl alten Helden
Ziemt es, zukünft'ger Welt
Waffen zu schleifen, der Feinde Fall!
Wer scharfe Schwerdter
Schmieden und schleifen will,
15
Scheue das Zischen der Flamme nicht.
Wer scharfe Schwerdter
Schwingen in Schlachten will,
Scheue das Rauschen der Speere nicht.
Bist nun bereit,
20
Blank aus dem Flakkern
Glänzender Gluth.
Hoch nun in Heldenhand
Heb' dich, verglimme nie,
Fackel der Schlacht!
25
Das Schwerdt aus dem Feuer nehmend.
Nun kühle dich, mein kunstreich Meisterwerk,
Daß du der edlen Flamme Kraft bewahrst
Im kalten hellen Stahl.
Er legt das Schwerdt in eine Maueröffnung, und tritt weiter vor.
30
Das ist die allerbeste Heldenwaffe,
Die mein geübter Arm zu schmieden weiß,
Und, denk' ich, mein unbänd'ger Zögling soll
An der doch endlich sein Behagen finden.
Hei, welch ein hochgemuthes Heldenkind!
35
Gewiß verhilft mir der zu Faffners Schatz,
Dem theuern Goldeshort auf Gnitnaheide.
Zwar wird er ihn für sich behalten wollen,
Doch meistr' ich dann den wilden Degen wohl.
Da kommt er. Daß er mir nur nicht ergrimmt,
40
Dieweil das Schwerdt, der Kühlung noch bedürftig,
Nicht zum Gebrauch gleich fertig ist.
SIGURD
auftretend.
Ho, Reigen!
Das Schwerdt! Wo ist es?
45
REIGEN.
Dorten kühlt es sich,
Mein edler Knabe von den Gluthen aus.
SIGURD
hingehend.
Ich will's nun aber nehmen.
REIGEN.
Halt doch! Soll's
50
Einbrennen deiner Faust bis auf die Knochen?
SIGURD.
Das woll'n wir doch 'mal proben, wer von uns
Am schärfsten glüht, ich oder's Schwerdt. Mir brennt schon
Die Ungeduld in allen Adern.
REIGEN.
Laß doch!
55
Ich bitt' dich! du verderbst mein ganzes Werk,
Mir meine Lust, und dir die gute Klinge.
SIGURD
wiederkommend.
Ja so, wenn's um des Schwerdtes willen ist!
Da kann ich den Gefallen dir schon thun.
60
Nur halt' es besser vor, als wie das erste,
Deß Klinge mir beim leicht'sten Schwunge brach.
REIGEN.
Sorg' nicht. Dies hier wär' einem Riesen recht.
SIGURD.
Daß so's auch nöthig ist, spür' ich im Arm.
REIGEN.
Du wirst ein gar gewalt'ger Kriegesheld.
65
Doch über Eins verwundr' ich mich dabei.
SIGURD.
Sag' an, was ist es?
REIGEN.
Nein, ich kenn' dich schon;
Vor jedem Tadel wirst du wild, unbändig.
Viel lieber hüt' ich mich, und bleibe still.
70
SIGURD.
Sprich nur. Ich thu' dir nichts. Auf Fürstenwort.
REIGEN.
Wen soll's nicht wundern Sigurd, Wolsung's Enkel,
Daß du an deines Vaters, nein, – nicht also, –
An des Stiefvaters Hof – auch das noch nicht, –
Daß du bei des Stiefvaters Vater wohnst,
75
Geduldig, still, der starke junge Recke,
Zum Knappendienst bei fremden Rossen gut.
SIGURD.
Du that'st gescheut mein Fürstenwort zu nehmen,
Sonst hätte deine Rede dir vielleicht
Zu schlechtem Lohn verholfen. – Sag' mir doch,
80
Was nennst du Knappendienst? Was fremde Rosse?
Des Königs Marstall brauch' ich, wie mich's freut,
Und leb', ein freier Herr, mit andern Herren.
Was wollt' ich mehr von ihm?
REIGEN.
Dein Vater Siegmund
85
Gab reiches Gold in seiner Gattin Hand.
Wie viel davon hast du bereits gesehn?
SIGURD.
Was kümmert's mich? die Mutter wahrt es gut,
Ich wüßt' es nicht zu hüten, nicht zu brauchen.
Und möcht' ich 'mal des Zeug's, versuch' ich mir
90
Den Kampf mit einem reichbegabten Feind.
Du selber meinst ja, woll' auf Gnitnaheide
Den Drachen ich erschlagen, fiele mir
Der größte Schatz auf diesem Erdrund zu.
REIGEN.
Versteht sich.
95
SIGURD.
Nun so liegt's ja nur an mir,
Vielmehr an dir, der du das Schwerdt nicht fertigst.
Ist's noch nicht kühl?
REIGEN.
Gleich, gleich.
SIGURD.
Langsamer Werkmann!
100
Mit deiner Zunge bist du rascher da,
Bohrst manch ein ärgerlich gespitztes Wort
Durch meinen Sinn. – Noch jetzt erst, von dem Knappen! –
Und siehst dabei so schlau und feindlich aus,
Als wärst der Schlang' auf Gnitnaheide Bruder.
105
REIGEN
lachend.
So? Ei wer weiß?
SIGURD.
Lach' nicht. Das sieht nicht gut aus.
REIGEN.
Es ist unlöblich, wenn ein junger Degen,
Entwachsen nur der lang' getreuen Zucht,
110
Dem Waffenmeister harte Reden giebt.
Bedenk' dich doch, mein Held, wer lehrte dich
Die Lanze schwingen, wer das Schlachtroß lenken,
Wer dich des Schildes Schirm, der Klinge Hieb?
Prangst du vor allen deines Alters drin,
115
So wiß', vom alten Reigen kam die Gabe.
Ja, selbst dein edles Roß, den starken Grane,
Durch wessen Rath denn hast du's?
SIGURD.
Nicht durch deinen.
Zu fordern mir ein Pferd, das riethest du.
120
Jedoch die freie Großmuth König Hialpreck's
Ließ mir die Wahl in seinen Heerden all.
Das war nicht deine Schuld, und wen'ger noch,
Daß mir der hohe Greis, der Unbekannte,
Seltsam geschmückt, einäugig, ernst, erschien,
125
Als ich zur Wahl hinausging; mir gebietend,
Die Rosse zu der Seefluth Busiltiorn's
Zu treiben. – Ho, wie wurden alle scheu!
Nur Eins, ein aschgrau, freudig junges Thier
Durchbrach die Wogen als im leichten Spiel.
130
Den wähle, sprach der Greis, und pfleg' ihn gut,
Von Odins Pferde Sleipner stammt er ab,
Werth dich, mein tadelsfreier Held, zu tragen. –
Der Greis verschwand, und so war Grane mein.
Vielleicht wohl Odin selber, sprach die Mutter,
135
Sei mir erschienen. Er von Wolsung's Stamm
Der Ahnherr, hab' erhebender Gemeinschaft
Wohl früher meinen Vater werth geschätzt.
Was thatst denn du dabei? – Das wüßt' ich gern! –
Rühm' sich doch niemand fremde Thaten an,
140
Sie passen keinem als dem eignen Meister.
Doch willst du Dank von mir, nun, bring' das Schwerdt.
Und lös' damit dein längst gegebnes Wort.
Ich will's nach edler Fürstensitte lohnen,
Und künftig auch, bei meiner Thaten Preis.
145
Nennt man den Reigen als der Waffe Schmidt,
Mit welcher Sigurd so viel Helden zwang.
Drum her das Schwerdt.
REIGEN
geht nach der Maueröffnung.
Laß mich nur erst erproben,
150
Ob's ausgekühlt ist.
SIGURD.
Schnecke! – Da versucht er,
Dreht links und rechts die Kling' und wieder links,
Als wär' noch immer Zeit genug für mich,
Für mich! deß Lebenstage früh verrinnen,
155
Und dem viel Thaten aufgegeben sind.
Denn also sprach's der weise Oheim? – Nun?
Wird's endlich?
REIGEN
mit dem Schwerdte zurückkommend.
Sieh mein kräft'ges Meisterstück.
160
SIGURD.
So gieb.
REIGEN.
Doch bleib auch deinem Wort getreu,
Schlag' mir den Faffner todt, den reichen Drachen.
SIGURD.
Ja, ja. Nur meiner Waffen erste That
Ist, wie du weißt, die Zücht'gung König Lingo's,
165
Des frechen Mann's, der mir den edlen Vater
Erlegt hat, an sich riß mein erblich Reich.
Doch, heiß ich wieder mein das Niederland,
Und hat er ausgeblutet unter mir,
Der ungefüge Mörder, – dann, mein Reigen,
170
Ziehn wir nach Gnitnaheide's Lindwurm aus,
Und holen uns den Schatz. – Nun gieb die Klinge.
REIGEN.
Nimm hin. Nur wen'gen Recken wird's so gut,
Mit Reigens Waffen in den Streit zu ziehn.
SIGURD.
Laß' proben denn, was Reigens Waffe kann;
175
Hier an dem Eckstein woll'n wir's gleich versuchen.
REIGEN.
Du wirst doch nicht! –
SIGURD.
Sollt' ich's an weichem Sand?
Er haut gegen den Eckstein. Die Klinge zerspringt.
Sieh' den vermaledeiten Binsenstock!
180
REIGEN.
Das? Binsenstock?
SIGURD.
Ja, hält's denn besser vor?
Doch wart' nur, böser, ungetreuer Schmidt!
REIGEN.
O lieber Herr, es war nicht meine Schuld.
SIGURD.
Ha! Meine wohl? Meinst wohl, ich trüg' ein Schwerdt,
185
Wie meine Mutter ihr Gewebe trägt,
Sorgsam, daß es kein dorn'ger Strauch verletze!
REIGEN.
Du hast in deinem Blick ein gräßlich Feu'r.
Sieh' nicht so zürnend her. Es brennt mich nieder.
SIGURD.
Zerstäub' nur du mit deinen schwachen Klingen!
190
Ihr beide seid fürwahr nichts beß'res werth.
Seht mir den Prahler, seht den trägen Werkmann!
Willst du nicht tüchtig schmieden? So thu' ich's,
Und zwar auf deinen Kopf an Ambosstatt,
Dazu noch ist des Schwerdtes Trümmer gut.
195
Reigen entflieht.
Merk' Einer jetzt, wie schnell er laufen kann,
Und schlich vorhin nur kaum. – Nun hilft's dir nicht;
Bald sind dir meine hohe Sprüng' im Nacken.
Er will ihm nach. Hiordisa tritt in seinen Weg.
200
HIORDISA.
Wohin mein Sohn.
SIGURD.
Nachher erzähl' ich's, Mutter!
Jetzt laß' mich nur dem flücht'gen Prahler nach!
Fürwahr, zu Abend will' ich's dir erzählen.
HIORDISA.
Jetzt sollst du es, jetzt ungestümer Knab'.
205
SIGURD.
Der Reigen – o das Alles ist so lang –
Er schmiedet, schmiedet, – lobt sein eignes Werk,
Und klirr! dann bricht's bei meinem ersten Hieb, –
Und ohne Waffen ich – laß' mich ihn fassen! –
HIORDISA.
Nicht sollst du's, denn nicht Reigen trägt die Schuld.
210
SIGURD.
Du sagst ein andres, als die Wahrheit, Mutter.
Doch so verkünde mir, weß' ist der Fehl?
HIORDISA.
Der Berge, die nicht stärk'res Erz erzeugen.
SIGURD.
Was für verfluchte Berge das nur sind!
Wohl recht geschäh' so eitler Hügel Reihe,
215
Trät' man sie zürnend nieder ganz und gar.
HIORDISA.
Mein kecker Sohn, das geht nicht also leicht,
Dieweil es auf der Erd', und in den Wolken,
Und tief im Abgrund viele Kräfte giebt,
Vor denen jedes Menschenkind's Gewalt
220
Unmächtig wird, und auch die Deine, Jüngling.
SIGURD.
Gar kluge Worte strömen dir vom Mund
Herzliebe Mutter, doch das Eine nur,
Was du so eben sprachst – ich glaub' es nicht.
Es kommt dein Irrthum ganz allein daher,
225
Daß du nicht fühlst, wie mir im Sinn es wallt,
In Brust und Arm zugleich. Wär' dir's bewußt,
Du ließest ab von solcher eiteln Meinung.
HIORDISA.
Du, der Wolsungen kühnes Heldenreis,
Ich kenn' dich wohl, und deine dreisten Bahnen.
230
Sobald mir Reigens fleiss'ger Hammerschlag
In's Ohr drang, wußt' ich schon: der führt's nicht aus.
Und dann erwacht im Zorn mein junger Held.
Aus meinen Kammern eilt' ich drum herab,
Zu hemmen dein Ergrimmen, auch zu bessern
235
Den Mangel starker Wehr für deinen Arm.
Ein zerbrochnes Schwerdt aus ihrem Mantel vorziehend.
Sieh', das war deines Vaters Siegmund Schwerdt,
Gramur genannt, davon viel Lieder singen.
SIGURD.
Das! – Und wer war's zu brechen stark genug?
240
HIORDISA.
Der ihm's verlieh, Odin, sein Götterahn.
Beim frohen Hochzeitmahl in Wolsungs Hallen
Erschien ein hoher Greis, einäugig, fremd
An Tracht und Bildung –
SIGURD.
Ha, derselbe, Mutter,
245
Erkor mir's Roß am See von Busiltiorn!
HIORDISA.
Vielleicht. In eines Baumes mächt'gen Stamm,
Der in der Halle stand, die Burg beschattend,
Weit über's hohe Giebeldach hinaus,
In dieses Baumes Stamm bohrt' er ein Schwerdt,
250
Sprach: wer's herauszuziehn vermag, behalt's!
Verschwand. – Viel Herr'n versuchten es umsonst.
Dein Vater, seiner Heldenkraft vertrauend,
Ging allerletzt hinzu, und nahm es hin.
Nun siehst du hier der edlen Waffe Trümmer;
255
Denn in der Schlacht, wo Lingo's Übermacht
Mit Siegmund's tapferm Muth den Streit begann,
Trat deinem Vater, wie er durch die Schaaren
Des Feindes brach, zum Kampf der Greis hervor.
SIGURD.
Er? Unser Götterahnherr. Wider ihn?
260
HIORDISA.
Gewendet, schien es, hatt' er ganz den Sinn,
Den keines Meuschen Rathschlag je ergründet.
An seinem Riesenspeer brach Siegmund's Klinge. –
Verloren ging die Schlacht, und Siegmund fiel.
SIGURD.
Fiel! Wahrlich, König Lingo sollst es büßen!
265
HIORDISA.
Ich schlich zu Nacht auf's Feld des heissen Kampf's.
Noch lebend fand ich deinen Vater, lebend,
Doch schon an seines blut'gen Todes Thor.
Er sprach: du trägst in deinem Schooß ein Kind
(Das warst du, Sigurd!) trägst ein Heldenkind,
270
Preis der Wolsungen, aller Zeiten Loblied,
So fern und weit die Deutsche Zunge tönt.
SIGURD.
Und bin noch hier? Noch in der Mutter Burg?
HIORDISA.
Dann gab er mir die Trümmer dieses Schwerdt's,
Und sprach; bewahr' sie wohl. Die beste Waffe
275
Wird man draus schmieden, meines Sohnes Werkzeug
Zu großer That. – Sein letztes war dies Wort.
Die Sonne stieg herauf und fand ihn kalt.
SIGURD.
Die Sonne steigt herauf, die freud'ge Sonne
Für meines ganzen Lebens Heldenbahn,
280
Fruchtreich, erweckend, trifft mich froh und stark.
O Reigen, Reigen, schmiede mir den Stahl!
HIORDISA.
Und wollt'st den klugen Meister erst verderben!
SIGURD.
Wer kann nur wissen, wie man Alles braucht?
Hinaussehend.
285
Wo blieb er denn? – Dort schleicht er durch's Gebüsch.
Er läßt sich doch auch gar zu leicht erschrecken.
Was war's denn weiter? Nimmermehr, fürwahr!
Hätt' ich ihn umgebracht.
Rufend.
290
Ho, Reigen, komm!
Komm 'nur herauf, es ist nun Alles gut.
REIGEN
von aussen.
Vom Wolfe fern! So wahrt der Steinbock sich.
SIGURD.
Sei doch kein Thor. Es war nicht deine Schuld,
295
Ich weiß nun schon. Sieh' her, den Überrest
Von deinem Schwerdte schleudr' ich weit von mir,
Und mit ihm allen Grimm und alle Unbill.
Ich bin jetzt unbewehrt; darfst mich nicht scheu'n.
REIGEN
von aussen.
300
Zwei starke, vielgewalt'ge Wehren noch
Trägst du an dir: der Arme Riesenkraft,
Die brächen mein Genick wie meine Klingen.
SIGURD.
Hör' an! Sind mir die jungen Arme stark,
Sind auch nicht minder mir die Füsse schnell,
305
Und dächt' ich dich zu fahn, mein alter Steinbock,
Mit Adlersschwung säß' ich im Nacken dir.
So aber mein ich alles Lieb's und Gut's,
Und gebe dir mein Wort als Wolsungs Enkel;
Kommst du herauf, so ist mein Zorn vorbei,
310
Doch laß mich auch nicht allzulange warten.
REIGEN
von aussen.
Ich komm', ich komme schon. Hab' nur Geduld.
HIORDISA.
Oft möcht' ich mit dir schelten, wilder Knab'.
Allein was hülf's. Du bleibst ein Wolsung doch.
315
SIGURD.
War ich doch eben sänftlich wie ein Lamm.
Ich meinte schon, du solltest mich drum loben. –
Wo bleibt er denn? – Hinunter lief er schneller. –
Reigen tritt auf.
Nun endlich! Gieb die Hand mir, sei nicht bös.
320
Wer wird noch grämeln, wenn der Streit vorbei ist?
REIGEN.
Wem also hart der Streit an's Leben ging.
SIGURD.
Bild' dir nicht so was ein, und wär' es auch,
Für große Dinge muß man Großes wagen.
Nicht wahr, du hättest gern den Faffner todt,
325
Den großen Schlangenwurm auf Gnitnaheide?
REIGEN.
Viel lieber, als am Leben mich.
SIGURD.
Nun sieh',
Dazu brauchst du ein freud'ges Heldenkind,
Stark, rasch wie ich. Ein andrer thut's dir nicht.
330
Da mußt du's nehmen, wie du's eben triffst.
Der Waldbär kennt der zahmen Wirthschaft Weise
Mit Nichten freilich, doch mit ihm im Bund
Wirft man auch leicht ein Paar Gehöfte um.
REIGEN.
Schon gut.
335
Beiseit.
Wir kommen doch wohl zur Berechnung.
SIGURD.
Mein'twegen murmle was und wie du willst.
Nur schmiede Gramur, meines Vaters Schwerdt
Für neuer Thaten Lichtglanz mir zusammen.
340
REIGEN.
Gieb nur. – Doch sieh', des Feuers Macht verlosch.
SIGURD.
Das läßt sich bald ersetzen, lieber Schmidt.
Ich häuf' ein wenig Holz, hauch' ob den Kohlen. –
Geht nach dem Hintergrunde.
REIGEN.
Verharre hier, viel edle Königin.
345
Wohl, weiß' ich, wird aus dieses Schwerdtes Trümmern,
Den wundersamen, tadelsbaar mein Werk.
Doch leicht entbrannt in neuer Ungeduld
Träf' mich vorher des Jünglings Zorn vielleicht,
Des Drachen, den ich pflegte, mir zum Schrecken.
350
HIORDISA.
Ich bleibe, will beschirmen deine Arbeit,
Will zügeln meines Sohnes trotz'gen Muth.
Doch, Reigen, nicht um mich und meinen Stamm
Verdienst du Gutes.
REIGEN.
Nicht? Und zog dir doch
355
Den Sigurd auf zu aller Helden Preis.
HIORDISA.
Nicht mir, nur dir, und deinem Rachewerk
An Faffner, das kein ander Held bestände.
Ich kenn' dich, Reigen, aber Odin lenkt,
Und Sigurds Bahnen wag' ich nicht zu hemmen,
360
Drum zieh' mit ihm, wohin der Geist ihn treibt.
REIGEN
beiseite.
Wohin mir's dient; so hoff' ich.
Aufblickend.
Ho! Was dort?
365
Sigurd! Laß ab! Die Lohe schlägt ja schon
An's Giebeldach der Burg!
SIGURD
zurückkommend.
S' ist auch so niedrig.
Ich haucht' ein wenig, warf ein wenig Holz hin,
370
Da rankte gleich die Flamme sich hinan.
REIGEN.
Fürwahr! Die Glut ist kaum zu dämpfen!
SIGURD.
Gut!
So hast du lust'ges Feuer. Schmied' nur schnell.
HIORDISA.
Dafür darfst du nicht sorgen, lieber Sohn.
375
An Gramur dem erkornen Schwerdte schmiedet
Der Werkmann nicht allein. Es helfen ihm
Unsichtbar, aber allgewaltig doch,
Die schrecklichen Botinnen des Geschicks,
Der Nornen Dreizahl. Solche Hülfe fördert.
380
O, was mit diesem Schwerdte schon geschah!
O, was mit diesem Schwerdt geschehn noch wird!
SIGURD.
Ich muß nur hin, und nach der Arbeit sehn.
HIORDISA.
Nicht. Du verstörst ihn. Und zudem, mein Kind,
Spräch' ich noch gern mit dir ein sorgsam Wort
385
Derweil dir Reigen dort dein Werkzeug fertigt.
Ich weiß wohl, Knaben sind dem Mutterschooß
Entsprossen und entfremdet fast zugleich,
Nur kaum, daß er auf eignen Füßen steht,
Der kecke Bursch, so locken Kampfesspiele
390
Mit jeder Sonn' aus unserm Arm ihn fort.
Noch viel, wenn er an jedem Abend uns
Ermüdet aus dem Lärm des Tages heimkehrt.
Zwar weil ein Heldenkind, ein Wolsungsenkel
Von mir geboren war, ergab ich still
395
Mich deiner stürm'schen Weise –
SIGURD
sie umfassend.
Liebe Mutter,
Ich hab' dich doch fürwahr recht herzlich lieb.
HIORDISA.
Du bist ein frommer, ein getreuer Sohn,
400
Und eben drum, vor deiner weiten Fahrt
Möcht' ich einmahl mich mind'stens mit dir letzen;
Das sei der langen Pflege kurzer Lohn.
Drum zähm' dich selbst, hör' mich geduldig an.
Es mag dir heilsam sein auf deinen Wegen.
405
SIGURD
sie zu einem Sitze führend.
Hier laß dich nieder, holdes Mütterlein!
Indem er sich zu ihren Füssen lagert.
Und sprich mit mir. Ich höre fleißig zu.
HIORDISA.
Wärst du doch immerdar so freundlich lind!
410
Bewahr's dir wohl, dies Erbtheil deiner Mutter,
Denn mit der Kraft von Vaters Seiten her,
Dem kecken Muth, dem freien Heldensinn,
Kam auch des Stammes alter Fluch auf dich,
Die Ahnen, denen du entsproßt dich rühmst,
415
Sie fällten Freunde, fällten Blutsverwandte –
SIGURD.
Mutter, das thu' ich nie.
HIORDISA.
Verschwör' es nicht.
Dein Zorn ist rasch –
SIGURD.
Ein fester Haag mein Wort;
420
Und was ich soll, zufolg' der edlen Sitte,
Wird weichen nicht, nicht wanken je von mir.
HIORDISA.
Viel Zaubertränk' auf der verschlungnen Bahn
Harr'n eines jungen, adlich schönen Helden.
Doch weicht dein Sinn dem schlimmen Geist auch aus,
425
Der neidisch der Wolsungen Tugend irrführt;
So wahren sich, die dir zunächst stehn, nicht
Mit gleicher Kraft vor seinem bösen Hauch.
Dann thut an dir wohl der Blutsfreunde Hand,
Was deine Treu Blutsfreunden nimmer droht.
430
SIGURD.
Das mag geschehn in aller Götter Namen,
Denn was nicht meine Schuld ist, liebe Mutter,
Geht mich nichts an.
HIORDISA.
Es wär' ein Jammer doch,
Wenn diese Heldenblume früh erbliche!
435
SIGURD.
Sie wird es, Mutter. Meines Oheim's Mund,
Des weisen Gripers, da an dessen Hof
Ihr jüngst mich hingesandt, entdeckt' es mir.
HIORDISA.
Und blickst dazu so heiter, schöner Jüngling?
SIGURD.
Was sollt' ich nicht! Man lebt nur eine Zeit.
440
Doch was beständig lebt, den edlen Ruhm,
Verhieß er mir auf alle Zeit hinaus,
Ja auch im kurzen Lauf die glüh'nde Liebe
Zwei schöner Frauen – giebt es größ'res Heil? –
Nein, Mütterlein, sieh' drum nicht traurig aus,
445
Schau' doch wie Alles draussen lustig blüht,
Der Frühling herhaucht durch den heitern Himmel,
Die Wogen wall'n von Wind und Sonne wach,
Grün kühl die Wälder ob Gebirges Schlüften –
Allsammt die Welt ein heller Feiersaal,
450
Gruß spendend deines Sigurds erstem Zug.
Aufspringend.
O Reigen, lieber Reigen! Fertig nun?
REIGEN
mit dem Schwerdte vortretend.
Nimm hin.
455
SIGURD.
So faß' ich endlich, endlich dich,
Du ehrenveste Klinge, theures Erbtheil!
Wir dürfen beide wohl uns drob erfreun:
Ich, daß die blanke Waffe, meiner werth,
Mir angehört, der Muß' ein Ende macht,
460
Du, daß von kräft'gen Schwüngen, deiner werth,
Auf Helm und Schildrand bald hellschallen wirst,
Aus kranken Trümmern neu erstandnes Licht!
Nun komm, nun woll'n wir an die Prüfung gehn.
REIGEN.
Dies Schwerdt erst prüfen? Welch unnöth'ges Thun!
465
HIORDISA.
Nein, sündlich heiß' ich's. Dies war Siegmunds Klinge,
Noch rastet sein weissagend Wort auf ihr.
Was da zu prüfen?
SIGURD.
Mutter, nimm's nicht übel,
Und leg' mir's nicht als schlechte Sitte aus,
470
Noch minder so, als könnt' ich zweifeln je
An dem was du, was mein geehrter Vater,
Was irgend ein Wolsunge sprach. Mich dünkt nur,
Das Schwerdt und ich, wir schließen ernsten Bund,
Und werden uns Gesell'n für alle Zeit.
475
Denn jenes heißt nun künftig Sigurds Schwerdt,
Ich künftig Gramur's Herr, wohl ziemt es sich,
Und muß so ihm als mir erfreulich sein,
Daß wir Bekanntschaft machen. Schüttelt doch
Beim Treubund man einander sich die Hand,
480
Der Freund dem Freunde Innigkeit und Kraft
Im wackern Druck verkündend. So auch wir.
Komm her, mein Gramur!
Auf den Ambos zugehend.
Spalt' mir 'mal dies Eisen!
485
REIGEN.
Er hat Einfälle wie ein Riese.
HIORDISA.
Mag er!
Denn Siegmund's Kind' und Gramurs Herr'n geziemt's.
SIGURD
den Ambos mit einem Hiebe spaltend.
So!
490
REIGEN.
Was? Getheilt! In zwei ganz gleiche Hälften!
HIORDISA.
Weh mir. Was war das? Welch ein Wetterschlag?
SIGURD
auf das Schwerdt blickend.
Nun? Kennst mich nun, mein lieber Kampfgefährte? –
Du bist erschrocken, Mutter.
495
HIORDISA.
Ach, ich Wolke,
Die Blitz und Donnerhall zur Erden schickt,
Und selbst davor im Schreck erbleicht, verstiebt!
SIGURD.
Verzeih' mir, Mütterlein. Klang's dir so hart?
Fürwahr ich dachte nicht, dich zu erschrecken.
500
HIORDISA.
Die Burg wird dir zu eng, ich seh es wohl;
Doch wer kann mit dem Eichbaum rechten wollen,
Wenn seines Wuchses Aufschuß Mauern bricht?
SIGURD.
Ja, in den Mauern ist mir gar nicht wohl.
Das Schwerdt ist fertig, meine Sehnen stark,
505
Vergunst hab' ich von dir, mein junges Roß
Wieh'rt ungeduldig unserm Zug entgegen,
Viel kecke junge Helden folgen mir, –
Was fehlt denn noch? Auf, Reigen! König Lingo
Zahlt nun die Buße für den blut'gen Tag,
510
An welchem meines Vaters Schwerdt zerbrach.
Das Schwerdt ist wieder ganz. – Leb' wohl, Mutter.
Auf lust'ges Wiedersehn.
HIORDISA.
Leb' wohl! Leb' wohl!
Du sprichst von Wiedersehn? Nein täusch' uns nicht,
515
Nun bist du dem Geschick, der Welt vertraut,
Und schöß'st du auch noch einmal als ein Nordschein
Durch diese Hallen hin – es bleibt nicht fest;
Die Mutter giebt ihr Antheil weinend auf.
SIGURD.
Es thut mir weh, lieb' Mutter, daß du weinst,
520
Derweil mir keck und froh der Muth sich regt.
Leb' wohl. – Auf König Lingo!
REIGEN.
Ja, doch dann
Gewiß nach Gnitnaheide?
SIGURD.
Frag' noch viel!
525
Du hast mein Wort. Zudem wird sich kein Wolsung
Erst nöth'gen lassen zu gewagter That. –
Leb' wohl du, liebe Mutter.
Den Burgwall hinab
Wandelt, erwacht in den Wald
530
Singend der Siegmund's Sohn.
Schiffe schwanken bereits am Strand,
Lustig rauschen Wellen und Luft,
Weit fort winket die Welt!
Geht mit Reigen ab.
535
HIORDISA.
Zur Kammer zurück.
Schleier umhüllt schluchzend, schleicht
Matt die Mutter, im Grämen stumm.
Sieh'! den säugt' ich, zog auf ihn, –
Fort nun fleucht er. Die Seegel
540
Roll'n mit den Vorhang zu!
Geht in die Burg zurück.

(Friedrich de la Motte Fouqué: Ausgewählte Dramen und Epen. Herausgegeben von Christoph F. Lorenz, Hildesheim: Georg Olms AG, 1996 [Nachdruck der Ausgabe 1810].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.