Überteufel

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Figurenkonstellation

Hermann Essig

Überteufel (1912)

Tragödie in fünf Aufzügen

Uraufführung1923

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Erster Aufzug.

Scene: Empfangszimmer im Hause Weber. Großer teppichbelegter Raum, Sofa, Tisch und Stühle. Hinten Türe zum Korridor, rechts Türe ins Speisezimmer. Links sieht man durch hohe Fenster über Terrasse und Garten auf die Straße.
Karl sitzt auf dem Sofa, Selma steht vor ihm leidenschaftlich erregt und knüpft ihre Bluse auf.
SELMA
wenig gedämpft.
Du – ist das hübsch? – »Ausgeschnitten.«
KARL
haftet mit großen Blick an Selmas aufgeregtem Atem.
SELMA
mit verstärktem Herzklopfen.
5
Mir ist so heiß. Ich zöge mich am liebsten ganz aus.
KARL
gleichgiltig an sich haltend.
Mir auch. Ich zog den Rock aus.
SELMA
entschlossen.
Soll ich auch?
10
Sie knöpft weiter auf, hält inne.
Wenn ich mich auszieh, mußt du's auch tun. Du tust es doch? Nicht, daß du mich nachher allein läßt.
Sie küßt Karl.
KARL
heiß.
Selma! darf man das?
15
SELMA
glühend.
Du weißt doch, was ich bin?
KARL.
Meine Schwester.
SELMA.
Nicht bloß. Du mußt anders sagen. – Weißt du, was ich bin?
KARL
leiser.
20
Schön.
SELMA
eindringlich.
Gefall' ich dir? Ob du mir auch gefällst?! Was bin ich gegen dich?
KARL
schweigt.
SELMA
hastig.
25
Mädchen.
KARL.
Selma! das dacht' ich gleich.
Stürmisch.
Schon oft, wenn ich allein war und nicht schlafen konnte, dann klopfte mir das Herz vor Sehnsucht wild nach dir, die Liebe brannte mich im Traum und nachher weinte ich.
SELMA.
Du bist mein Karl, Liebster.
30
Sie umhalst ihn.
KARL.
Dein Bruder bin ich. Selma, mach' nicht weiter!
SELMA.
Wenn ich dich aber liebe wie ...
KARL.
Sag's voll, Selma.
SELMA.
Wie meinen Mann.
35
KARL.
Das dürfen ja Geschwister nicht.
SELMA.
Lieben, Karl, das muß das schönste sein – lieben.
KARL.
Das dürfen wir.
SELMA.
Hier sind wir nicht allein, man sieht herein.
KARL.
Es ist so kahl und groß.
40
SELMA.
In meinem Zimmer. Komm!
KARL.
Wir bleiben lieber hier.
SELMA.
Man sieht uns, Karl folg' mir. Wir müssen uns verriegeln wie die Mutter.
KARL.
Die Mutter?! – Selma!
SELMA.
Sag's Vater nicht. Ich bitte, Karl. Gelt, sagst es nicht. Wir lieben uns ja. Karl, bitte, sag' es nicht.
45
KARL.
Ich schweige, wenn du mir's erzählst.
SELMA.
Die Mutter hat mich hinausgesteckt.
KARL.
Und Vater?
SELMA.
War verreist.
KARL.
Was soll das heißen? Du erzählst mir nichts.
50
SELMA.
Jemand anders war bei der Mutter.
KARL.
Du hast dich getäuscht.
SELMA.
Ich hörte doch den Riegel.
KARL.
Damit du nicht hinein sollst.
SELMA.
Nein, Katharinchen sagte es mir.
55
KARL.
Dienstmädchen sind boshaft.
SELMA.
Soll ich dir erzählen, was die gesagt hat?
KARL.
Nun, was?
SELMA.
Es sei was schlimmes, ich verstehe es aber noch nicht, ich sei noch ein Junges, hopstausendsassa!
KARL.
Was ist da dran?
60
SELMA.
Du weißt's so gut wie ich.
KARL.
Jetzt soll ich erraten.
SELMA.
Von was sprechen wir denn? Komm mit, dann sag' ich's dir.
KARL.
Das merkt man doch.
SELMA.
Nur wenn man Angst hat. Komm, ich pass' auf. Was sagt denn Mutter von mir? »Ich sei vernünftig, mich betrüge einmal kein Mann.« Das bezieht sich doch darauf. Man muß herzhaft sein. Kommst du nicht?
65
KARL.
Ich mag nicht.
BEIDE
horchen auf Säbelrasseln und Schritte draußen.
SELMA
verändert.
Mit dir darf man nur anfangen. O, was! Mit dir fang' ich nicht wieder an.
Zur Tür tanzend.
70
KARL.
Ich liebe dich. Bloß ...
SELMA
dem Eintretenden entgegen fliegend, ruft neckend ihrem Bruder zu.
Der Oberstonkel, sieh' ...
KARL
verächtlich.
Dirne!
75
SELMA
hat verstanden und sieht Karl von da ab scheu an.
Oberst Schipper, der Freund des Vaters, in Uniform.
OBERST.
Ist euer Vater schon zu Haus?
KARL.
Nein – ich glaube nicht.
SELMA
ängstlich umherblickend.
80
Vater! – Du, Karl! –
KARL
ruhig.
Er hat sich nie versteckt.
OBERST.
Liebe Kinder, suchet nicht. – Wenn er noch kommt, – wird er schon kommen.
KARL.
Es ist sehr spät. Vielleicht hat ihn die Mutter abgeholt. Sie gehen oft in Wertheims Warenhaus und kaufen etwas ein.
85
OBERST.
Zerbrech dir nicht den Kopf. Ich kann warten. Wenn es nur wird.
KARL
auffordernd.
Wollen Sie sich nicht setzen?!
OBERST.
Meine Beine haben das Gehen, sie geben keine Ruhe.
Zu Selma.
90
Du, Kleine, es ist mein voller Ernst.
SELMA
hängt sich dem umher gehenden Oberst in den Arm, Karl geht mit umher.
Du machst immer Witze.
OBERST.
Immer? So, ich will dir etwas erzählen. Ich kenne eine Familie, in der ist ein Unglück passiert. – Lach doch nicht immer! Das ist ja gräßlich, immer lachen. Ist ein Unglück ein Witz?
SELMA
etwas eingeschüchtert.
95
So wie du davon anfängst.
OBERST
halb seufzend, zitierend.
Weh dem Witzbold, will er ernst sein,
wird sein Ruf im Witze tot,
und statt Mann wird er ein Männlein
100
keinen Schuß wert, keinen Schrot.
Pause.
SELMA.
Oberstonkel, ich möchte einmal mit dir allein sein.
Mit einem kurzen Blick nach Karl.
KARL
bleibt stehen.
105
OBERST.
Und ich mit dir.
SELMA
sprachlos.
OBERST
durchschauend.
Allein im dichtesten Wald.
SELMA
blickt starr zu dem Oberst hinauf.
110
OBERST.
Du würdest mitgehen?
SELMA
verschleimt.
Ja.
OBERST.
Im Walde würden wir uns lagern, wo recht viel Gebüsch ist, damit wir ungestört wären, dann lägen wir so da, unter dem blauen Himmel und über uns die goldenen Laubzweige, auf dem duftenden Boden. Die Vögel würden singen »Vitrula lala, juhe«, ein Weilchen horchten wir zu, dann machten wir's wie sie und schließlich würden wir im heißen Mittag mit ihrem Gesang einnicken. Wir schliefen und träumten, jedes von uns beiden dasselbe. Oder würden wir uns anders unterhalten? Mit Büchern?
SELMA
lächelt errötend.
115
OBERST.
Oder wie? Ich merk, du weißt etwas Besonderes.
SELMA
verlegen.
OBERST.
Nein? – Doch. Sag es mir, ich denke wohl dasselbe.
SELMA
auf den Zehenspitzen dem Oberst ins Ohr.
Karl –.
120
OBERST.
Dein Bruder? Ach, der soll es nicht hören. Er könnte verletzt werden
Gehobener.
beim Steckenschneiden.
SELMA
getränkt.
Alter E ...
125
Sie will sich losmachen, der Oberst hält sie fest, sie bricht in heiße Tränen aus.
KARL
gehen die Tränen nahe.
Sie dürfen ihr's nicht übel nehmen.
OBERST
scharf.
Karl! Trotz deiner Siebzehn, zeig ich's dir. So müßtest du als Vater sein, streng. Das Jährchen, das sie älter ist, ist sie auch indolenter.
130
KARL
guckt erstaunt.
OBERST.
Karl, wenn dein Vater nicht kommt,
Der Satz erstickt.
nie weinen, sag ich gleich. Tränen sind Spülwasser.
SELMA
hat sich losgemacht und setzt sich geärgert in die Sofaecke.
135
KARL
steht erschüttert vor dem Oberst.
Frau Weber mit Kaufmann Hecht, im Straßenanzug. Selma bleibt mit dem Taschentuch im Mund sitzen, während sich der Oberst und Karl knapp verbeugen. Frau Weber grüßt herablassend und stellt mit erzwungener Sicherheit den Kaufmann vor.
FRAU WEBER.
Herr Hecht – Herr ... Schipper.
OBERST.
Oberst Schipper.
FRAU WEBER
mit schnippischem Mund rasch ins Nebenzimmer.
140
SELMA
ruft.
Mutter –
FRAU WEBER
blickt sich kurz um, wirft ein Päckchen auf einen Stuhl, Selma bleibt träge sitzen.
HECHT
nach einer Kunstpause.
Ich bin mit der Familie näher bekannt.
145
OBERST.
So, so.
HECHT
wieder nach einer Pause.
Ich nehme immer an allen Familienereignissen regen Anteil.
OBERST.
Ist eine Taufe in Aussicht?
HECHT.
Nein, ich meinte ganz allgemein, ich nehme an den Geschehnissen des Tages Anteil.
150
OBERST.
So, so. Ich merkte schon, da Sie mich nicht kennen.
HECHT.
Oh doch, vom Hörensagen. Ich hatte aber leider bis jetzt nie die Ehre, den Herrn Oberst kennen lernen zu dürfen.
OBERST.
Man hat Sie mir als kostbarsten Juwel im Haushalt verborgen gehalten, ganz natürlich.
HECHT.
Es hat sich offenbar nie recht getroffen.
OBERST.
Ja, ja, das Treffen ist eine eigene Sache. Gerade heute hat man Sie aus dem Schächtelchen genommen und mir unter die Nase gehalten. Frau Weber dachte eben nicht an mich, der so daher stolpert.
155
HECHT.
Ist es ein Wunder, wenn Freunde an den Trauertagen ganz besonders eilen?
OBERST.
Besonders, hm. Sie sind sehr zielbewußt.
HECHT
nimmt mehr und mehr Predigerton an.
Ich wollte meine Hilfe immer anbieten, aber der eigensinnige, leichtfertige Mann nahm sie nicht an. Ich war ihm zu wenig, ein gewöhnlicher, untergeordneter Kaufmann. Er hielt sich für so gebildet, daß er immer höflicher gegen mich wurde –
OBERST.
Er fürchtete zu teuren Wucherzins.
160
Heftig.
Ich
Auf Hecht eindringend.
Sie! Muß das nicht furchtbar brennen? – Das Gefühl, ein untreu Weib in des Bekannten Bett zu haben. Und es nicht merken lassen dürfen, weil man sonst gar kein Mann mehr ist. – Ich würde Weib und Kerl –
Er packt den Kaufmann an den Schultern.
165
ausziehen und zu Tomatensuppe machen.
hätte ihn gegeben, er hätt' ihn sehr rasch abgezahlt mit einer Scheidemünz. Man kann die Tropfen nicht am Himmel fesseln, ich sagt es ihm, er wollte nicht verstehen, er konnte nicht.
SELMA
leis zu Karl.
Sie meinen den Vater.
KARL
unterbricht die Stille.
170
Was ist mit Vater?
OBERST.
Hm, wie's vielen geht. Der Hausfreund weiß Bescheid.
KARL.
Hausfreund? – Oberst!
HECHT.
Ich bin nie anders als mit der ehrenwertesten Absicht in diesem Hause aus- und eingegangen. Mein Geschäft ist eine altehrenwerte Firma. Sie haben einen abscheulichen Glauben von ihren Nebenmenschen.
OBERST
schweigt.
175
KARL.
Was mit Vater ist, werd ich doch wissen dürfen, ich bin der Sohn, Ihr Herren.
HECHT.
Ich bitte um Verzeihung. Offen gestanden halte ich es für meine Pflicht, Ihnen und Ihren Geschwistern nicht länger die Kenntnis einer Sache vorzuenthalten. Ihr geschätzter Herr Vater hat die ganze Familie ins Unglück gestürzt, in ein Unglück, das Sie erst allmählich in vollem Umfang kennen lernen werden.
KARL.
Ich will den ganzen Umfang gleich erfahren: »'raus damit!«
HECHT.
Er hat Schiebungen vorgenommen, die ihn dem Abgrund der Hölle immer näher brachten.
OBERST
lacht fallend, wie über den besten Witz.
180
HECHT
laut predigend.
Ich kann behaupten, daß er mit unerhörter Gewissenlosigkeit im Gelde wirtschaftete, daß er schuld ist an dem Kummer seiner ausgezeichneten Frau, die mit ihren Kindern der Ungewißheit des Schicksals überlassen ist.
OBERST.
Das ist ja alles Blödsinn, Karl, damit du nicht lang zitterst. Dein Vater hat unterschlagen und ist heute verhaftet worden.
KARL
will hinaus stürzen.
OBERST
mächtig.
185
Halt!
KARL
festgewurzelt.
SELMA
herunterhaspelnd.
Der Vater ist ein gemeiner Mensch.
OBERST.
Geh du zu deiner Mutter.
190
SELMA
mit Knicksen ins Nebenzimmer.
Das tu ich, tu ich, tu ich.
OBERST.
Karl, deine Schwester.
KARL.
Sie ist verdorben.
Er setzt sich wie teilnahmslos.
195
HECHT.
Wieso? Hat sie nicht recht? Was ist eine Gewissenlosigkeit? Eine Gemeinheit?!
OBERST.
Ist Gutmütigkeit eine Gemeinheit? Eine Sünde wegen mir, noch mehr eine Dummheit. Ich bin auch so ein gutmütiger Simpel, nur bin zum Glück nicht verheiratet, mich kann nichts Weibliches ins Unglück stürzen.
HECHT.
Man staune! Er hat nicht unterschlagen, das tat seine Familie, seine Frau, die über alles ehrenwerte.
OBERST.
Unterschlagen hat er, aber gezwungen, von seinem »herrlichen« Weib.
HECHT.
Er hat ihr nie ein Wort gestanden, wie er steht.
200
OBERST.
Ei, ei, Sie Eingeweihter. – Das weiß man nur, wenn man in guter Ehe lebt. – Warum gestand er nichts? – Weil er sich nichts vor der Nase abtreiben lassen wollte. Weil der Esel – pardon, ich bin sein bester Freund – – sein Weib liebte wie einen Hautpickel. Man kratzt, bis er weg ist und kratzt, bis er wieder kommt.
HECHT.
Nehmen Sie doch Rücksicht auf den Sohn. Was wird er von seiner Mutter denken müssen, von seiner guten Mutter?
KARL
mürrisch.
Ich denke nie.
OBERST.
Er wird noch vieles hören müssen, vor Gericht auf offener Straße hinter blinden Rücken, von Leuten, die die Anschlagsäulen angiraffen.
205
KARL
erhebt sich.
Nur weiter, Oberst. Vor einem Tagelöhner schweigt man nicht.
OBERST.
Karl, sprich nicht so, dann taugst du nicht Verstand!
KARL
höhnisch, brutal.
Verstand ist mir gleich Null. Ich weiß nur soviel
210
Immer bewegter werdend, die Zähne zurückziehend.
daß ich einem Tiere gleiche, zerstickt und tot.
Häßlich lachend.
Karl Weber wird wie Aussatz klingen. Die Blicke, das Mitleid ...
Das Weinen stockt in ihm.
215
HECHT.
Ich will der erste sein, wo Mitleid hat.
KARL
lachend.
Ich sage ja, da haben wir schon einen.
Bedeutungsvoll.
Ich sage Ihnen, Oberst, was liegt noch daran ...
220
OBERST.
Noch sehr viel, Bursche! Jetzt hast du Pflichten.
HECHT.
Ich will für alles sorgen.
KARL
rauh.
Damit ich mich selbst anspucken lerne und meinen Unwert spüre?!
OBERST.
Karl, du bist der Sohn und trittst an deines Vaters Stelle.
225
KARL.
Dann fang ich an, daß alle Welt erschrickt. Von morgen ab bin ich ein Tagelöhner und die Familie nährt sich mit Roßfleisch und Tränen.
HECHT
einfältig lachend.
Herr Weber, so weit kommt es nicht.
OBERST.
Ich wünschte, daß es käme. Bloß sofort, sofort. Zum Beispiel, hast du uns gleich hinauszuwerfen. Mit Peitschen, dann wirst du sehen. Haue zuerst um dich, mache dir Platz zum Ueberlegen.
HECHT.
Ich werde mit der Mutter reden.
230
OBERST.
Was, Unsinn. Törichter Gedanke. Karl, folge mir.
HECHT.
Ich werde den Zusammenbruch der Familie mit meiner Person aufhalten.
OBERST.
Nachdem Sie ihn herbeigeführt haben.
HECHT.
Ich? – Herbeigeführt!
OBERST
geht mit wuchtigen Schritten der Türe zu.
235
HECHT.
Ich fordere Erklärung.
OBERST
zu Karl.
Der Herr wird heute nacht hier Gast sein oder Wirt.
KARL.
Was soll die anrüchige Bedeutung? Sind Sie von Sinnen?! Oberst! Bedenken Sie doch, wer wir sind.
HECHT
hetzend.
240
Er sagt es, weil Sie nichts mehr sind in seinen Augen.
KARL.
Wer wir waren.
OBERST.
Ich nehme nichts zurück. Geb' Gott daß er beleidigt sein kann.
HECHT
betont.
Sie haben mich beleidigt.
245
OBERST.
Wir werden sehen.
Karl blickt dem weggehenden Oberst verständnislos nach. Hecht sendet ihm einen giftigen Blick nach. Unter der Türe wendet sich der Oberst um.
Hier kommt Mariechen, wie sie weint!
Er hebt das Kind zu sich empor.
Du armes Kind, halte du zum Bruder.
250
KARL.
Oberst, bleiben Sie doch hier!
OBERST.
Warum?
KARL.
Sie müssen öfter kommen, wir haben keinen Vater mehr.
OBERST.
Du hast gehört, was ich dir riet, nun brauchst du bloß die Augen aufzumachen. Die Zukunft kenn' ich auch nicht, kennst du sie?
KARL.
Nein. Das ist ja wie ein Trost.
255
OBERST.
Nun sieh, du hast noch Hoffnung. Also wacker sein.
Schlägt in Karls Hand, ein leichter Blitz und fernes Brummen.
Es kommt ein Wetter. Gute Nacht, Mariechen.
Ab.
Mariechen ist ins Zimmer eingetreten, leicht gekleidet, ein Schulmädchen von zehn Jahren.
260
MARIECHEN
schluchzend.
Gute Nacht ...
KARL
zu Hecht in gleichgiltigem Ton.
Es scheint ein schweres Gewitter zu kommen.
HECHT
sich räuspernd.
265
Ich denke, ja.
KARL.
Sie brauchen keine Sorge mehr um uns zu haben, ich bin nun ganz gefaßt, es ist mir so klar im Gemüt. Wie dort der blendend weiße Streifen unter dem schwarzen Himmel. Wie ein fern winkendes, noch nie gekanntes Glück geht's in mir auf, eine seltsame Seligkeit in fester, ernster Trauer. So jammervoll und erbärmlich erscheint mir die Umgebung, wie sie mit der Vergangenheit zusammenhängt, so klein, so leer; mich fühl' ich glücklich, ich bin so hoch erfüllt.
HECHT
weiß nichts zu sagen.
MARIECHEN.
Karlbruder, ich habe Angst.
KARL.
Wir zünden bald Licht an.
270
HECHT.
Es wird immer düsterer.
KARL.
Was planen Sie, Herr Hecht, für heute abend?
HECHT
unruhig erwartend.
Ich habe mir noch nichts vorgenommen.
MARIECHEN
guckt zum Fenster hinaus, gedankenvoll.
275
Die Mutter Weber in leichtem Hauskleid zur Nebentür eintretend.
MUTTER.
Ist der Oberst endlich fort? Sie glauben gar nicht, wie unheimlich, wie entsetzlich widerlich er mir ist, wie ein Feind, wie heimtückisch ...
KARL.
Hast du denn Grund dazu?
MUTTER.
Grund?! er will bloß schnüffeln, weil der Hausherr fehlt. Meinst du, er sei aus anderem Grund gekommen? Ich kenn den Schleicher.
Zu Hecht.
280
Und vor dem heißt's »sich in acht nehmen,« der verdirbt die Ehrbarsten.
HECHT.
Vielleicht hatte er die beste Absicht, wenn er gerade heute kam.
MUTTER.
Ist nicht etwa Ihr Ernst?
Abschweifend.
Sie essen doch mit uns das Abendbrot?
285
HECHT.
Das kann ich doch nicht annehmen, gnädige Frau.
KARL.
Wir essen solches Abendbrot?
MUTTER.
Wie einfältig! ach wie lustig!
KARL
aufs tiefste verletzt.
Das kann man fragen. – Mutter, wer bezahlt's?
290
MUTTER
rasch antwortend.
Ich habe doch reiche Verwandte. – Ueberhaupt. –
HECHT.
Ich gehe, gnädige Frau, es ist diesmal sicher besser.
MUTTER
zum Sohn, Baß.
Du Jüngling!
295
Zu Hecht, Tenor.
Hören Sie doch nicht auf meinen Karl.
Plötzlich in weinerlicher Erregung.
Gewiß, ich sterbe vor Angst, vor Not, vor Kummer, vor Unglück. Natürlich jetzt wollen Sie mich im Stiche lassen.
KARL.
Mutter, hast du Vater ganz vergessen?
300
MUTTER
wie nicht hörend.
Wenn das Lothar wüßte, der arme Mann, daß uns jetzt auch die treuesten Freunde verlassen wollen! Und mein eigener Sohn verbietet Ihnen den Beistand.
HECHT.
Ich wollte allerdings aus Freundschaft alles tun. Wenn man aber nicht wünscht.
MUTTER
drohend.
Karl, bedenke!
305
KARL.
Was ich dir helfen kann. – Ich bin der Herr im Hause.
MUTTER
auslachend.
Was bist denn du?
KARL.
Und ich gestatte nicht, daß Fremde hier im Hause bleiben.
MUTTER.
Gestatte nicht. Was fragt man dich? und Herrn Hecht so zu beleidigen, ist eine große Unverfrorenheit.
310
HECHT.
Wenn Herr Weber nicht wünscht, so räume ich das Feld gerne.
KARL
brüllend.
Dann zögern Sie nicht mehr!
MUTTER.
Herr Weber! – Herr Weber sitzt.
Sie schiebt den Kaufmann, der nicht sehr widerstrebt, ins Speisezimmer.
315
BEIDE
ab.
KARL
nach einer Pause.
Der Oberst hatte recht. Wir haben doch nichts mehr – – – Was denk' ich von der Mutter, von der eigenen Mutter?
Er faßt sich an die Kehle.
Die Türe geht. Selma sachte herein.
320
SELMA.
Jetzt könnten wir auch allein sein.
KARL.
Rede vernünftig, du bist meine Schwester.
SELMA.
Es ist ja der von damals.
KARL.
Selma, weißt du, was du mir sagst? Wenn es verlogen ist, dann nimm es zurück.
SELMA
frech.
325
Ich werd' wohl blind sein? Nicht?
KARL
kurzatmig.
Die Peitsche!
Er holt sie.
SELMA
hat ihm ein Weilchen vergnügt nachgeblickt, dann hinterbringt sie's der Mutter, ruft ins Nebenzimmer.
330
Mutter, Mutter – –
Die Mutter, hinter ihr Hecht, rasch hereintretend.
Karl holt die Peitsche.
MUTTER
hält unter der Türe Hecht zurück.
Warum, mein Liebchen?
335
SELMA.
Ich habe Karl erzählt, Herr Hecht sei ...
MUTTER.
Weiter.
SELMA.
Mutter, nein.
MUTTER.
Sag's oder!
SELMA.
Mutter, nicht hauen!
340
MUTTER.
Man sollte gleich ...
SELMA
rasch.
Bei dir gewesen.
MUTTER.
Ist das was Arges? liebste Tochter Selma.
Im Schmeichelton.
345
SELMA.
Aber Karl holt die Peitsche.
Man hört Karl die Treppen herauf eilen, Hecht sieht sich nach Flucht um.
MUTTER
man merkt ihr die Angst an.
Er soll sich untersteh'n.
SELMA.
Und wie's jetzt anfängt!
350
Gießender Regen fängt an.
KARL
mit einer kräftigen Reitpeitsche, nachdem er ruhig hereingeschritten ist.
Mutter, trete auf die Seite!
MUTTER.
Warum denn?
KARL.
Ich sage dir, geh weg!
355
MUTTER
kreischend.
Wirst du mich schlagen?
Blitz.
KARL.
Wenn du nicht weg gehst.
Donner, Karl greift an die Mutter.
360
MUTTER
schreiend.
Sei nicht so roh.
KARL.
So kommen Sie hervor, ich schlage zu.
HECHT
mit einer krampfhaften Bewegung nach seinem Taschenmesser.
Jawohl. –
365
Grausam, angstvoll hervorgestoßen.
MUTTER
brüllt entsetzlich.
Karl!
Zugleich ein furchtbarer Blitz und Donnerschlag, die Mutter sinkt zu Boden, die beiden stehen einander gegenüber, aber unfähig, sich zu rühren, Selma kauert an der Wand, Mariechen hat sich furchtsam herangemacht.
KARL
bricht zuerst die Stille, er läßt den aufgehobenen Arm sinken.
370
Verflucht mich.
Erst allmählich kommen alle aus der Lähmung heraus.
HECHT
bewegt, im Selbstgespräch.
Ich darf sie nicht verlassen.
KARL.
Mutter, lebst du noch?
375
MARIECHEN
streichelt über das Gesicht der Mutter.
Mutter.
HECHT.
Es scheint bedenklich, wir sollten Tropfen haben.
KARL
nervös.
Tropfen.
380
Er eilt hinaus.
HECHT.
Selma, helfe Karl.
Selma zögert.
– Ja, wird es?
Selma geht. Hecht beugt sich auf Frau Weber nieder.
385
MUTTER.
Du bleibst doch da?
HECHT.
Ich kann's riskieren, es hat ihn sehr gepackt, mich übrigens nicht minder.
MUTTER.
Mariechen, ich glaubte, der Vater sei's. – Aber der ist ja fort. Ja, dein Vater, war so gut zu dir, er mochte dich allein.
MARIECHEN
weinend.
Ist der – Papa – tot?
390
MUTTER.
Du Dummchen,
Streichelt Mariechen.
wenn's gleich besser wäre.
HECHT
lächelt. Er richtet Frau Weber auf.
Karl und Selma mit dem Tropfenfläschchen zurück.
395
KARL.
Wie ist's dir, Mutter?
MUTTER
schluchzend.
Ach, Karl, sei nicht so bös zu mir, ich kann nicht dafür, daß ich deine Mutter bin.
KARL.
Ich glaubte, du habest Vater vergessen.
MUTTER
mit langem Kopfschütteln.
400
Wie soll ich den vergessen? Und so rasch! Was müßt ich da für eine sein?
KARL.
Du sprachst so leicht von allem.
MUTTER.
So leicht? –
Im Verrücktenton.
Als ob ich nicht am besten merkte, wenn mein Mann im Zuchthaus ist.
405
MARIECHEN
an der Mutter zerrend und entsetzt flehend.
Mutter, tu doch nicht so.
KARL
taumelnd.
Im Zuchthaus? – Vater?
Rascher.
410
Zuchthaus, Papa?
MUTTER
nickt, halb vernehmlich.
Ja.
KARL.
Und weintest nicht und bliebest ruhig und dachtest noch ans Essen und den Kram? Warum sagst du so spät? Es ist bald Nacht. – Ich muß ihn heut noch sehen.
Ein Blitz zuckt fern, Karl macht sich auf.
415
MUTTER.
Karl, willst du's noch heut?
MARIECHEN
weinend hinter Karl her.
Karlbruder, Karlbruder.
KARL.
Mariechen, du darfst mit, wir gehen zu Papa.
Donner zum vorhergehenden Blitz, Selma guckt den beiden durchs Fenster nach, erst nach einer Weile sieht man Karl mit umgeworfenem Mantel, den Hut ins Gesicht gedrückt und Mariechen mit einem Schirm die Treppe hinuntergehen. Ein furchtbarer Platzregen hebt an.
420
MUTTER.
Wir dürfen's nicht, komm lieber morgen.
HECHT.
Das bißchen Wetter.
SELMA
weicht vor einem grellen Blitz zurück, der Himmel ist fortwährend erleuchtet, ein fortwährendes Krachen und Knattern.
MUTTER
entsetzt.
Der Weber, ganz lichtweiß im Fenster.
425
HECHT
schweigt und blickt starr zum Fenster.
MUTTER.
Er ist's, ich seh ihn.
HECHT.
Das ist Selma.
SELMA
lügt.
Ich sah ihn aber auch.
430
MUTTER
beim letzten Blitz.
Erbarm dich, Jesus, er kommt.
Weil eine Pause bis zum Donner ist, erholt sich die Mutter und zuckt beim Donner wieder zusammen.
HECHT.
Ihr seid verrückt, denkt lieber an die beiden, die im Regen tapsen.
SELMA.
Die waren dumm.
435
MUTTER
wieder kühner.
Ist's Ihnen lieber, daß sie fort sind? Sie tun es wohl um ihren Vater.
HECHT.
Nachher – süßes Weib.
Er drückt Frau Weber an sich, die wieder an einem Blitz erschrickt. Beide ins erleuchtete Speisezimmer.
SELMA.
Hast du mir etwas mitgebracht? Muttchen.
440
MUTTER.
Natürlich, du. Dort liegt ein Paket.
SELMA.
Süßes Muttchen, wo?
MUTTER.
Auf dem Sessel.
Ab, man hört den Riegel gehen.
SELMA
reißt das Paket auf und zieht eine Federboa hervor und bindet sich dieselbe vor dem Spiegel um.
445
Ich kann noch sehen.
Es ist inzwischen fast Nacht geworden. – Donner. – Lüstling, Musiklehrer, kommt während des Donners durch die Türe.
LÜSTLING.
Immer kommt zur rechten Zeit, wer kommt.
Ist es anders bei gewissen Pflanzen?
Immergrün bricht man durchs ganze Jahr,
450
Schachtelhalme nicht und Kirchenwanzen.
's ist nur Sach' vom richtigen Gefühl,
alle Spuren riechen und sie finden,
wer dann Mut zum Stubensteigen hat
und die Zunge kann zu Worten winden,
455
dem gelingt's. Wie mir. – Schön guten Tag.
SELMA
sieht sich um und seufzt.
LÜSTLING.
Seht Erinnerung, sie sah mich schon.
Bin ihr vor dem Cabaret begegnet.
»Ja, der war schön wie roter Siegellack,
460
Hätt's gehagelt oder sehr geregnet!«
Mir war's damals nicht so recht geschickt,
mußte singen, klimpern, five o' clock tea.
– Hätte sie den Pelz schon umgehabt
und den Rock gehoben bis zum Fußknie –
465
welche Stimme gab dir diesen Wink?
SELMA.
Meine Mutter ist ein Goldschatz.
LÜSTLING.
»Mutter.«
Solche Mutter wird von mir besucht.
Mit den Müttern, ohne Vater, schwätz' ich gern.
470
Wären alle Mütter solche Kutter,
dann, dann, gäb es überschwere Fracht.
Schnobbert, dann niest er laut.
Hatzi! sitzt sie horchend nebenan?
SELMA.
Wer hat da genossen? Antwort. – Keiner
475
Seufzt.
Keiner als der Kaufmann, dieser Hecht.
LÜSTLING.
So gefällt mir's. Jeder ist nicht einer.
Augenblicklich hat sie noch Geschmack.
Hat sie? Weil sie ihn nicht hat? Womöglich.
480
Leis. Sie spricht von ihrer Schönheit. Ach.
SELMA.
Niemand sah von mir den Körper.
LÜSTLING.
Löblich.
SELMA.
Meine Freundin ist nicht halb so schön.
Warum wünschen jene alle Männer?
485
LÜSTLING.
Weil sie lügt, damit du neidisch wirst.
Mädchen, wette, du hast tausend Gönner,
laufen sie doch kreuzweis mir in Weg.
In der Tasche hab ich deine Bildgraphie,
aber diese bleibt doch immer angezogen,
490
vorerst ist sie wenigstens für mich,
denn ich stahl sie mir beim Photographen.
– Denke nur an den vom Cabaret,
frecher kenn' ich keinen Häckelaffen,
saub'rer, stutz'ger, putz'ger und nicht reicher. –
495
SELMA.
Mutter gab mir auch den guten Rat,
»Wenn es ginge, Einem treu zu bleiben.«
LÜSTLING.
Holla, leuchtend kommt mir eine Prachts-Idee.
Meine Karte
leg ich auf den Boden – »dufte hold« –.
500
Mache tüchtig Lärm, sie ruft um Licht.
Bis der Zünder zündet, bin ich fort.
Warte nur, wann's endlich wieder blitzt.
Blitz – Donner, Lüstling verschwindet durch die Tür.
SELMA.
Bringt mir Licht!
505
Sie zündet die Gaslampe an (Selbstzünder), steht in fahler Beleuchtung.
Seht nur dieses Rosenduftpapier!
Liest.
»Unterricht im – wie das riecht – Singen und Klavier erteilt, Zimmerstraße – Lüstling, Lehrer«. Eigentlich ist's gut, daß Vater nichts mehr sagt.
Die Mutter erscheint.
510
MUTTER
gerötetes Gesicht.
Selma kommst du nicht zum Essen? Zeige!
Entreißt ihr die Visitenkarte.
Kennst du diesen Herrn?
SELMA.
Nein.
515
MUTTER.
Das scheint gar nicht übel zu sein. An dem Namen brauchst du keinen Anstoß zu nehmen. Hast du keinen Hunger? Wir sind fertig.
Mutter geht wieder nebenan.
SELMA.
Jetzt reizt mich's doppelt. Ich könnte also Anstoß nehmen. Das ist einmal etwas, wie ich's in den braunen Büchern lese.
Vorhang.

(Hermann Essig: Überteufel, Berlin: Verlag Der Sturm, 1912.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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