Es lebe Europa!

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Paul Scheerbart

Es lebe Europa! (1904)

Eine Kapitalisten-Tragödie in fünf Akten

SchauplatzDie Handlung spielt in einer kleinen Stadt Westfalens am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

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Erster Akt

Drei hellgrüne rechtwinklig zu einander stehende Wände mit dunkelgrünen Türen in der Mitte der Wand. In der Mitte des Zimmers langer breiter Tisch mit grüner Tuchdecke, Stühle und Sessel unordentlich umherstehend. Viel Schreibzeug, Bücher, Aktenbündel liegen unordentlich auf dem Tisch und auf einzelnen Stühlen. Bücher- und Aktenregale und kleine Tische.
Links am Tische sitzt Urban, Haeser rechts ihm gegenüber. Türgeklapper draussen, ein paar Herren kommen von rechts und auch von links herein und hören zu, setzen sich oder bleiben stehen – Alles sehr zwanglos. Diener kommen durch die hintere Türe mit Briefen, Depeschen etc.
URBAN
scheinbar schreibend – ziemlich laut.
Ja, meine Herren! Sie glauben garnicht, wie dumm die Menschen sind. Wenn heute Jemand Geld verdienen will – d.h. viel Geld – so darf er nur mit der Dummheit der Menschen seine Rechenexempel zusammenkonstruieren. Wer sein Haus auf der Dummheit der Menschen erbaut – der hat sichern Grund und Boden. Speziell muss man die Sucht der Dummen, die noch Dümmeren reinzulegen, in die Berechnung ziehen.
HAESER.
Du tust ja grade so, als wenn wir die Dummen wären.
URBAN.
Dummheit und Unternehmungsgeist hab ich noch nie zusammengesehen – und da der letztere hier ist – kann die erstere nicht da sein.
5
ALTER HERR.
Wir glauben ja schon, was wir glauben sollen: Der »Europa-Bund« ist wahrhaftig nicht die schlechteste Gründung unsrer Zeit.
URBAN.
Und da sagt man immer, ich sei verrückt.
HAESER.
Und das schadet doch nichts; Genies sind doch immer ein bischen verrückt.
Lachen.
URBAN
die Feder weglegend.
10
Ja, meine Herren! Denken Sie sich blos. Als ich vor drei Jahren in Brasilien war, trat ein gesetzter Herr auf und erklärte, dass er einen Brasilianer-Bund gründen wolle; in diesem Bunde sollten sich alle Bündler schriftlich verpflichten, sich jederzeit für Brasilianer zu halten. Die Sache erschien mir einfach lächerlich. Aber die Brasilianer erklärten, es sei ganz vernünftig, wenn sich Brasilianer für Brasilianer hielten. Na – und sehen Sie – der Bund hat ganz gute Geschäfte gemacht. Und so wirds auch mit dem Europa-Bund gehen.
ZWEITER ALTER HERR.
Freilich! Eigentlich ist es lächerlich, dass sich die Europäer für Europäer halten sollen – es ist so selbstverständlich.
HAESER.
Aber grade mit dem Selbstverständlichen ...
Alle lachen.
URBAN.
Macht man die grössten Geschäfte. Das Lächerliche! Meine Herren, das Lächerliche ist ja gerade das Kluge.
15
DR. LANGENBECK
stürmt von rechts herein.
Meine Herren, die Geschichte ist zu lächerlich – aber die Gründung ist jetzt Tatsache – hier sind die weiteren Unterschriften. Ich gratuliere Ihnen.
Alle stehen auf und lachen und schütteln sich die Hände und erzählen sich sehr viel.
URBAN
sehr laut lebhaft gestikulierend.
Meine Herren, feiern wir den heutigen Tag durch ein lustiges Festessen. Der Europa-Bund besteht. Das Lächerliche ist grade das Kluge! Es lebe Europa!
20
ALLE
stürmisch mit erhobenen Händen.
Es lebe Europa! Es lebe Europa!
Vorhang!

(Paul Scheerbart: Es lebe Europa! Eine Kapitalisten-Tragödie in fünf Akten. Herausgegeben von Mechthild Rausch. Band 1: Revolutionäre Theater-Bibliothek. München: edition text + kritik1977, S. 136–143.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Paul Scheerbart
(18631915)

* 08.01.1863 in Danzig, † 15.10.1915 in Berlin

männlich, geb. Scheerbart

deutscher Schriftsteller phantastischer Literatur und Zeichner

(Aus: Wikidata.org)

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