Die Kinder Godunófs

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Figurenkonstellation

Henry Heiseler

Die Kinder Godunófs (1929)

Tragödie

Uraufführung1930

SchauplatzRechts und links vom Zuschauer.

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Erster Akt

Ein Gemach im Kreml. Türen rechts vorn, links hinten und im Hintergrund. Links vorn ein Fenster. Rechts ein Tisch, zwei Sessel. Fürst Repnín, in heller Wut mit dem Säbel in der Hand einen Diener bedrohend.
DIENER
schreit.
Herr, laß mich leben! Herr, ich wußte nicht,
Daß ich's nicht sagen durfte! tot mich nicht
Um aller Heiligen willen ... Jesus ... Herr ...
5
Ich bin doch nur ein Hund ... ich weiß doch nichts ...
Ich spreche nur aus lauter Dummheit nach,
Was alle sprechen ...
REPNÍN.
Alle – was – du wagst,
Du sagst, daß alle ... dieses Unerhörte ...
10
DIENER.
Bei Gott, Herr, alle ... Jesus, laß mich leben,
Ich schwör es ab, wenn du befiehlst, ich will's
Den andern sagen, Herr ...
REPNÍN.
Sie sagen's alle ...
Du lügst, es ist nicht möglich.
15
DIENER.
Herr, bei Gott ...
Fürst Galízin tritt auf, der Diener fällt ihm zu Füßen.
Beschütze mich im Namen Gottes, Herr,
Vor dem Bojaren!
GALÍZIN.
Du, Repnín? willkommen –
20
Doch was geschah, was tat dir dieser Mensch,
Der solchen Aufruhr durch den Kreml brüllt,
Daß Dach und Mauern dröhnen?
REPNÍN.
Ins Gesicht
Speit er mir solche Worte: daß der Zar
25
Ein Mörder, daß Borís durch Kindesmord
Den Thron gewann, daß er den Zarensohn
Beim Spielen töten ließ, Prinz Dmitri – was,
Der Hund, das wagt er, das! und da mein Säbel
Den Kopf ihm spalten will, schreit er mir zu,
30
Er wüßte nichts – doch alle sagten's – alle –
Und Lüge, hör, so ungeheuerlich,
Macht seinen Mund nicht brennen, ihm die Zunge
Nicht faulen, reißt die alten Steine nicht
Aus dem Gewölbe los, niederzuprasseln
35
Auf seinen Lügenschädel, auf den breiten
Verleumderrücken und die ganze satte
Abscheuliche verfluchte Niedertracht ...
GALÍZIN.
Besinne dich, unschuldig ist der Mensch.
REPNÍN.
Unschuldig der ...
40
GALÍZIN.
Nun ja, weil jeder schuldig,
So ist er's mit. Fort, Bursche, mach dich fort
Und beiß die Zunge fest, sie brachte dir
Den Tod beinah.
Der Diener läuft davon wie besessen.
45
REPNÍN.
Unschuldig, sagst du?
GALÍZIN.
Ja,
Man munkelt allerlei, er hat ganz recht,
Man hört das Lied auf allen Märkten pfeifen.
Man weiß es nicht genau, doch munkelt man.
50
REPNÍN.
Und du, du glaubst?
GALÍZIN.
Man glaubt das Böse leicht.
Ich will davon nichts wissen. Zar Borís
Herrscht gut und weise und man segnet ihn
In jeder Hütte; das genügt mir, Freund.
55
REPNÍN.
Mir nicht. Ich will nicht einen Herrscher mit
Dem Zeichen auf der Stirn. Rein soll er sein,
Und ist er's nicht –
GALÍZIN.
Er ist's ja doch vielleicht.
REPNÍN.
Was tu ich mit vielleicht! auf einem Zaren
60
Will ich nicht Flecken sehn! hat er den Mord
Begangen oder nicht? erdacht? gebilligt?
Gewünscht? – was es auch sei: er hat sich doch
Damit befaßt – so oder so – und blieb
Nicht rein davon –
65
GALÍZIN.
Repnín, du schwärmst.
REPNÍN.
Mag sein –
Sei's, wie es sei – so ist er doch der Tat
Verdächtig und – und soll sich reinigen,
Eh man ihm dienen darf.
70
GALÍZIN.
Nun wie ein Pferd
Bist du mir durchgegangen ... still, Repnín
Und hör mir zu.
REPNÍN.
Ich will nicht! sondern gleich
Geh ich zu ihm und frage.
75
GALÍZIN.
Was? du willst –
REPNÍN.
Borís, den Zaren fragen! ja, das will ich!
Ich bin Bojar und darf das tun, ich werde
Nach seinen Händen greifen und ihn fragen,
Ob er es duldet, daß ein Hund von Diener
80
Ihm seinen Rock beschmutzt. Und wenn er's duldet,
Dann weiß er auch, warum er's dulden muß,
Dann liegt dies tote Kind auf seiner Seele
Und wir ...
GALÍZIN.
Repnín, du rasest!
85
REPNÍN.
Wir erwählen
Den Reinsten unter uns, daß er den Makel
Aus unsrer Chronik tilge.
GALÍZIN.
He, Bojar,
Was denkst du auch von unsrer Chronik? hat
90
Ein Mönch auf Seide sie geschrieben und
Mit weißen Unschuldslettern und sie singt
Von lauter Schäfertanz und Kinderspielen?
Ein finstres Loch ist sie voll Blut und Schmach
Und Mord und Unrat. Hast du nicht erlebt,
95
Was Zar Joánn auf ihre Blätter schrieb?
Wer hat dies Land in einen Pferch verwandelt
Für Wölfe und für Säue? hab ich doch
So etwas nie gehört: wir alten Männer
Sind uns, Borís zu dienen, nicht zu schlecht,
100
Und du kommst hergeflattert, siehst dich um
Und krähst gleich wie ein Hahn, der sich im Garten
Als Kaiser fühlt! was kamst du her? geh du
Nach England wieder, geh wohin du magst,
Uns aber rühr nicht an.
105
REPNÍN.
Ja, weil ihr satt seid,
Satt, faul und schändlich, darum wollt ihr Ruhe!
Ihr, seid ihr Männer? pfui, ihr liebt den Schlamm,
Könnt ich euch nur an eure Hälse euch
Wie eine Katze springen und das faule
110
Verstockte Blut aus euren Hälsen würgen –
Weiß Gott, ich tät's! weiß Gott, ich tu es noch,
Nehmt euch in acht.
GALÍZIN.
Wir finden wohl die Kette,
Die solche Tiere fesselt.
115
REPNÍN.
Such sie doch!
Heraus mit deinem Säbel!
GALÍZIN.
Torheit!
REPNÍN.
Feigheit!
Den Säbel nimm! ich schlage dir die Klinge
120
Flach auf den Rücken, wie man Sklaven schlägt,
Nimmst du den Säbel nicht!
GALÍZIN.
Nun, junger Narr,
Was du in England lerntest, will ich sehn,
Komm an!
125
REPNÍN.
Ich komme!
Sie kämpfen. Der Zaréwitsch Fiódor kommt und tritt sofort zwischen die Kämpfenden. Gleich hinter ihm Ksénja.
FIÓDOR.
Kampf im Kreml! steht!
Die nackten Waffen will ich nicht mehr sehn –
Kein Wort! gehorcht!
130
Nun geht, bis ich euch rufe.
Ihr werdet vor dem Zaren Rede stehn.
GALÍZIN.
Zaréwitsch, muß das sein?
FIÓDOR.
Du bist, Galízin,
Der Ältere – sag mir, wie kam der Streit?
135
REPNÍN.
Ich griff ihn an, er wehrte sich.
FIÓDOR.
Warum?
REPNÍN
geht rasch ab.
Der Zar soll's wissen.
GALÍZIN.
Er ist keck und jung.
140
Doch besser ist's, daß uns dein Vater richte.
Erlaube, daß ich gehe.
KSÉNJA.
Hör, Bojar,
Man kommt zu meinem Vater allzuoft
Mit Dingen, die ihn quälen, und ich bitte,
145
Vermeide, was ihn kränken müßte.
GALÍZIN
verneigt sich stumm.
FIÓDOR.
Wohl,
Ich stelle diese Sache heute noch
Dem Zaren vor und komme, wenn es Zeit ist,
150
Zu dir mit Botschaft selbst.
GALÍZIN.
Ich danke dir.
Du findest mich im Schloß. Lebt beide wohl.
Galízin ab. Fiódor wendet sich um und sieht Ksénja lächelnd an.
FIÓDOR.
Es ist das alte Lied. Sie kann's nicht lassen.
155
KSÉNJA
blickt auf und lacht.
Ich tu ja nichts. Was lachst du da so dumm?
FIÓDOR.
Das weiß man doch: der Vater ist ein Kind
Und Ksénja seine Amme.
KSÉNJA.
Sprich du nur!
160
FIÓDOR.
Er kann allein nicht herrschen, Ksénja kommt
Und sagt zu seinem besten Rat: ich bitte,
Tu dies, vermeide das. Dann geht der Karren
Ein Weilchen wieder, dank dem großen Himmel
Und Ksénja, seinen Gang und fährt er sich
165
Im Sande fest – das Mädchen kommt und rettet,
Wenn ratlos Zar und Volk.
KSÉNJA.
Das kannst du nicht
Verstehen, siehst du, das verstehst du nicht.
Du bist nicht klug genug. Längst weiß ich schon:
170
Das Denken fällt dir schwer. Merk einmal auf:
Ich dränge mich nicht vor, das ist nicht wahr,
Der Vater ist – das mußt du doch verstehn –
Er ist nun einmal so, daß man für ihn,
Weil er so ist, nur immer etwas tun will.
175
Ich denke immer, ob er müde ist,
Ob er nicht etwas wünscht – und allerlei –
Und so sind alle Frauen – du begreifst
Das nicht, weil du ein Mann bist, werden willst
Nach vielen Jahren später irgendwann,
180
Wenn Gott ein Wunder tut!
FIÓDOR.
Ich muß mich setzen,
Du hast noch viel zu sagen, wie mir scheint –
Zar Borís kommt, bleibt stehen und hört zu, ohne daß die beiden ihn bemerken.
KSÉNJA.
Still, du, du machst mich lachen und ich muß
185
Dir jetzt erklären – später lachen wir –
Jetzt höre zu –
FIÓDOR.
Ach laß –
KSÉNJA.
Nein, höre nur –
FIÓDOR.
Du hast ja recht!
190
KSÉNJA.
Das sagst du jetzt –
FIÓDOR.
Im Ernst.
Ksénja nimmt ein Blatt Papier vom Tisch, ballt es zusammen, bedroht ihn damit.
KSÉNJA.
Ich sage dir, wär ich sein Sohn – ich habe
Das oft gewünscht und oft mir ausgedacht –
195
Wär ich nur auch sein Sohn wie du und könnte
Ihm helfen so wie du –
FIÓDOR.
springt auf: Ich seh dich schon
In Stiefeln und mit Säbel.
KSÉNJA.
Bin ich erst
200
Sein Sohn, dann gib nur acht –
Sie wirft den Papierball nach ihm.
FIÓDOR.
Ich fange dich –
KSÉNJA.
Versuch's –
FIÓDOR.
So lauf doch nur –
205
KSÉNJA.
So fang mich doch,
Wenn du so hurtig bist –
Sie will davon und fällt lachend in die Arme des Zaren. Gleich darauf kommt die Zarin Maria mit dem Herzog Christian von Dänemark.
Borís ist groß und fast hager. Scharf geschnittenes lebendiges Gesicht, gütige und müde Augen, ziemlich viel Grau im dunklen Haar und Bart.
Du bist es – du –
210
BORÍS.
Kind, freust du dich denn so?
MARIA.
Nun steht ihr da
Wie Braut und Bräutigam. Borís, du greifst
In Christians Rechte.
BORÍS.
Herzog, sagt Ihr nichts?
215
CHRISTIAN.
Nur daß ich froh bin, Ksénja froh zu sehn.
BORÍS.
Er ist um Antwort nie verlegen, was
Dein Dänenherzog, wenn es Ksénja gilt?
Nur zu! doch was ich sagen wollte, Kind:
Ich hatte Botschaft heut vom Perserkönig,
220
Der mir Geschenke sandte, und ich denke,
Du suchst dir etwas aus, da waren Seiden,
Sehr zart und kostbar, und ich möchte dich
In solcher Kleidung sehen. Dann gib acht:
Ein Gürtel mit Türkisen ist dabei.
225
Der sei für deine Mutter – und ein Säbel
Für Fiódor – und für den, der übrig bleibt,
Ein Sattel, rotes Leder, Silberbuckel,
Ein Sattel für den Hochzeitszug. Nun geh.
Der ganze Plunder liegt im Schlafgemach
230
Und später zeigst du mir, was du gewählt.
KSÉNJA.
Und was für dich?
BORÍS.
Da ist noch manches übrig.
Such aus, was dir gefällt, und schenk es mir.
KSÉNJA.
Das will ich tun, doch was geschieht nachher?
235
Du bleibst mit uns?
BORÍS.
Wir beide spielen Schach
Und später sitzen wir am Tisch und jeder
Erzählt ein Märchen, was es immer sei,
Von Jagd und Abenteuer irgendwas –
240
KSÉNJA.
Und du fängst an!
BORÍS.
Auch das. Es blieb doch heute
Nichts mehr für uns zu tun?
FIÓDOR.
Ich muß dir noch
Ein wenig Arbeit schaffen.
245
Borís faßt ihn unter den Arm, sie gehen beiseite.
Die Bojaren
Galízin und Repnín ...
Sie sprechen leise weiter. Unterdessen ist Christian zu Ksénja getreten.
CHRISTIAN.
Ich sah dich heute
250
Vier Worte lang –
KSÉNJA.
Der Vater scheint verstimmt?
CHRISTIAN.
Nein doch, sie sprechen ruhig. – Und ich glaube,
Wir müßten mehr beisammen sein. Du kennst
Mich nicht genug. In einem Mond vielleicht
255
Bin ich dein Mann, bin dir ein Fremder –
KSÉNJA.
Siehst du,
Er sorgt sich irgendwie –
CHRISTIAN.
Du hörst mich nicht?
KSÉNJA.
Was sagtest du? ... verzeih! wir wollen später
260
Darüber sprechen – gleich nachher – du siehst –
Borís zu Fiódor: Ich will sie hören, rufe sie.
Dich sorgt
Etwas?
BORÍS
zerstreut.
265
Nein, nein.
KSÉNJA
sieht ihn an.
Ich komme dann gewiß
Zum Spiel?
BORÍS.
Du kommst zum Spiel. Die Mutter
270
Wird bei mir bleiben. Geht nur zu. Ich schicke
Dann einen Diener, wenn ich fertig bin.
Fiódor, Ksénja und Christian gehen.
sich setzend.
Ich weiß nicht, was mir noch zu wünschen bleibt.
275
Wenn ihr, ihr drei, so glücklich seid wie ich,
Dann bin ich's tausendfach. Das kommt mir oft
In die Gedanken jetzt, wahrscheinlich weil
Ich älter werde – siehst du, man bedenkt
Und grübelt mehr, wenn man sich älter fühlt.
280
Ein großes Leben spinnt von allen Seiten
Die Fäden her zu mir und immer liegt –
Dies ist das beste, scheint mir – immer liegt
Mein Ganzes in der Schale. Und das dreht
Und rührt sich immerfort und gleicht sich aus.
285
Dann abends diese sanfte Müdigkeit,
Die noch einmal den bunt lebendigen Schwarm
Mattfarbig traumhaft mir vorüberführt,
Abschwellend in den Schlaf. Und dann das Kind.
Auch Fiódor. Und an meiner Seite immer
290
Dein stiller Schritt. So ist es gut.
MARIA.
Borís,
Wie dürfte der nicht glücklich sein –
BORÍS.
Vergiß nicht,
Glück ist Geschenk. Ich hab es mir erkauft –
295
Das weißt du doch. Ich darf daran nicht denken.
MARIA.
So sprich auch nicht –
BORÍS.
Zuweilen muß ich's doch.
Wenn alles ruhig ist um mich herum
Und keine Arbeit drängt, flackert's im Dunkel
300
Blaß wie ein mattes Flämmchen – und dann weiß ich,
Es ist noch immer da. Dies ist der Preis.
Man soll es nennen können, das, was ist,
Stellt man die Sache ruhig vor sich hin,
Zwingt man sie wohl hinunter.
305
MARIA.
Laß es ruhn,
Ich bitte dich, Borís. Die Tat ist alt,
Begraben und vergangen.
BORÍS.
Heißt es Tat?
Sprich's aus und nenn es Mord, so steht es da,
310
Nackt wie es stehen soll. Doch alles türm ich,
Was meine Herrschaft schuf, dagegen auf,
So hab ich eine Mauer die mich deckt,
Will's Gott, im Tod sogar. Und aus der Erde
Wächst mir kein Feind empor, hier wohn ich sicher.
315
Er steht auf und geht auf und nieder. Diener treten ein, Armleuchter mit brennenden Kerzen tragend, die sie niedersetzen.
DIENER.
Herr, die Bojaren.
BORÍS.
Geh, sie mögen kommen.
Die Diener entfernen sich.
Ein Zank war's um den Vortritt so wie immer.
320
Viel Zorn und Kampf und prunkendes Geklirr
Um eine taube Nuß.
Galízin und Repnín kommen.
sich setzend.
Nun sprecht, was bringt ihr?
325
GALÍZIN.
Das erste Wort ist sein. Sprich du, Repnín.
BORÍS
da Repnín zögert.
Ich soll euch helfen? hört mich denn, Bojaren.
Hier war ein Kampf mit nackten Klingen – wer
Begann den Streit?
330
REPNÍN.
Ich tat's.
BORÍS.
Sag mir den Grund.
REPNÍN
sich überstürzend.
Hier warf ein Schuft von Diener Kot auf dich,
Und ich ertrug das nicht, ich wollte nicht
335
Schmutz auf der Krone sehn! ganz ungeheure
Beschimpfung deiner sprach ein Mensch hier aus –
BORÍS.
Ein Diener?
REPNÍN.
Ja. Da kam Galízin. Kam –
Und ward voll Zorn, da ich dich fragen wollte,
340
Mit welchem Recht so schimpflicher Verdacht
Hier Stimme werden darf in diesen Mauern –
BORÍS.
Beschimpfung und Verdacht? sprich, welcher Art?
Geschwätz von Dienern scheint mir keine Stimme,
Die laut wird unsrem Ohr. Du aber bist
345
Bojar, dir trieb sie so den Zorn ins Blut,
So hat sie ihren Wert, laß mich sie hören.
REPNÍN.
Ich will's nicht glauben, darum steh ich hier!
Gewißheit muß ich haben! der Bojar
Vertrat mir meinen Weg zu dir, darum
350
Nahm ich das Schwert zu Hilfe.
BORÍS.
Ich erwarte
Nun die Erklärung.
GALÍZIN.
Herr –
REPNÍN.
Er nennt dich, Herr –
355
BORÍS.
Heraus! wie nennt er mich?
REPNÍN.
Dich einen Mörder
Hat er genannt – er sagt, Prinz Dmitri –
BORÍS
furchtbar erschreckend.
Mich –
360
Du sagst, so hat er mich genannt –
REPNÍN.
Das tat er.
BORÍS.
Dann schlugst du ihn zu Boden?
REPNÍN.
Fürst Galízin
Hat mir gewehrt. Er sprach, es sei nicht wahr,
365
Der Bursche schwatze wie ein Papagei
Nur nach, was alle schwatzen, doch es sei
Erlogen, sprach er.
BORÍS.
Alle –
GALÍZIN.
Wir verachten
370
Die Träger solcher Lügen.
BORÍS.
Du, mag sein,
Doch nicht Repnín. Und solcherlei Gerücht
Ist überall wie Pest in meinem Land
Und ich nur weiß es nicht? Ich kann ins Volk
375
Hinein wie der Kalif des Märchens tauchen,
Verkleidet, und in jeder Schenke singt
Ein Trunkner mir das Lied vom Kindesmörder?
Den Bäcker kann ich fragen auf dem Platz,
Den Bettler auf der Brücke, den Besessnen
380
Am Kirchentor, Geflüster überall
Weit, weit ringsum im weiten Land, so sagt ihr –
Und nichts hab ich gewußt und nicht ein Hauch
Ist mir herangeweht, als saß ich stumpf
Und lächelnd wie ein Tauber im Getöse!
385
Wo blieben meine Freunde, Diener, Knechte,
Gehilfen, Räte? du, Galízin, schwiegst!
Stumm blieb mein Vetter Godunóf! Bassmánof!
Als wär kein Herrscher über diesem Reich,
Der wissen muß, wenn Krankes wühlt und schleicht
390
In seinem Volk, wenn Lüge frißt am Volk,
Empörendes wie üppig faules Kraut
Aus allen Feldern schießt!
REPNÍN.
Wenn alle schwiegen –
Ich kam und sprach.
395
BORÍS.
Wie kamst du und wie sprachst du!
Mit Fragen, Zweifeln, Forschen? sah ich's nicht?
Schuldig der Zar? nicht schuldig? – und ich gebe
Dir Antwort, hörst du – so: der Zweifel führte
Dich zu mir her, so nimm den Zweifel mit
400
In dein Gefängnis –
REPNÍN.
Herr, du willst –
BORÍS
maßlos gesteigert.
Ich will
Gesichert sein, daß deine Jugend nicht
405
Den Zweifel weiter trage als mir dienlich
Und rätlich scheint, – ich will den Schimpf –
MARIA
angstvoll.
Borís!
BORÍS
stammelnd.
410
Ich will mit dem Verräter –
MARIA.
Gott im Himmel!
Borís knickt in den Armen Galízins zusammen, dieser und die Zarin führen ihn zum Sessel und lassen ihn vorsichtig nieder.
Du mußt ein wenig ruhn. Der Arzt soll kommen.
Borís schüttelt den Kopf.
415
Borís, was willst du?
BORÍS.
Wart – ich sag dir gleich –
Noch einen Augenblick –
MARIA.
Soll ich dir Wein –?
BORÍS
versucht zu lächeln, spricht dann sehr ruhig, wenn auch anfangs leise.
420
Der Zorn ist solch ein schlimmes Tier. Sei ruhig,
Es ging vorüber. Sieh, das hängt zusammen
Mit unsrem Alter, auch mit Müdigkeit,
Es ist natürlich, siehst du. Daß die Kinder
Von dieser Schwäche nichts erfahren und –
425
Und nichts der Hof, – hört ihr, das ist mein Wille
Und ihr versprecht es mir. Ein Wort, Repnín!
Repnín tritt heran, halb scheu, halb trotzig.
Mein Zorn war Krankheit, Fürst. Geh, du bist frei.
Wenn du mich schuldig glaubst, so tu's. Ich will
430
Nichts wissen. Diese Stunde lösch ich aus
Und willst du wieder meiner Krone dienen,
Bist du willkommen wie zuvor.
REPNÍN
will sprechen, dann fällt er plötzlich vor den Zaren nieder, Borís zuckt abwehrend.
Herr, Herr,
435
Vergeben sollst du mir –
BORÍS
gequält.
Du hast mir nichts
Getan – steh auf, ich wills – gib mir die Hand
Und geh – so recht – und geh in Frieden –
440
REPNÍN.
Jetzt –
Wenn du mein Leben brauchst –
BORÍS
mit einem mühsamen Versuch zu scherzen.
Nicht heute, Fürst.
Und morgen will ich dich – auch dich, Galízin,
445
An meiner Tafel sehen.
GALÍZIN.
Komm, Repnín.
Beide ab. Maria bleibt neben dem Zaren stehen.
MARIA.
Sei nicht mehr traurig, alles geht vorüber
Und ist bald nicht mehr da.
450
BORÍS.
Sehr häßlich war's,
Wie ich da lügen mußte.
MARIA.
Hast ja doch
Kein Wort gesagt.
BORÍS.
Das eben ist's! kein Wort!
455
Doch so mit königlich erhabenem
Gebaren und mit Haltung, vornehm-schurkisch
Abweisen den Verdacht – und ihm die Hand noch –
Versteh doch nur!
MARIA.
So hilf und sag es mir.
460
BORÍS
steht auf.
Gern, Hebe Frau – ein andermal. Ich war
Sehr zuversichtlich heute noch – und jetzt
Weiß ich, es hat sein Dasein immerfort
Gesponnen wie ein Schatten in der Erde,
465
Auf der ich ging – und lernen muß ich wieder,
Es anzusehn wie sonst ...
Er geht hinüber zum Fenster, stößt mit dem Fuß an das Papier, das Ksénja vorher nach Fiódor geworfen, hebt es absichtslos auf.
ich wünschte nur,
Daß Ksénja nichts erführe. Wenn es immer
470
Noch lebt und wandert, das Gerücht, wie leicht
Kann es bei ihr an einem schlimmen Abend
Aufspringen, häßlich, und dies Leben trüben,
Das ich mit Glanz der sanften Heiterkeit
Nur immer decken möchte. Kommt es so,
475
Das, weiß ich, wird mir schwer.
Er legt am Fenster stehend, das Papier fort. Es wird an die Türe gepocht. Dann fragt eine lachende Stimme durch die Türspalte.
Dürfen wir kommen?
Die Kinder! still! nichts ahnen dürfen sie! –
Ja, kommt nur, kommt! – wir warten, kommt! –
480
KSÉNJA.
Ihr habt
Uns lange warten lassen.
BORÍS.
Ja, mein Kind,
Das hatten wir vergessen.
Seine Stimme klingt gezwungen, Ksénja sieht ihn forschend an, stellt das Schachspiel auf den Tisch, geht auf ihn zu.
485
KSÉNJA.
Vater? – du –
Du hast etwas?
BORÍS.
Ich sehe dort im Schein
Der Fackeln unsre Kirche stehn – sieh hin –
Die Flamme spiegelt sich im braunen Gold,
490
Das ist sehr schön, nicht wahr?
KSÉNJA.
Du willst es mir
Nicht sagen?
BORÍS.
Kind, es gibt so mancherlei ...
Sei ruhig, es ist nichts. Verdrießliches,
495
Das kommt und geht –
KSÉNJA.
Es quält dich, wenn ich frage?
Borís nickt unwillkürlich.
Ich will es nicht mehr tun.
Sie geht zum Tisch und legt lautlos ihren Putz ab.
500
BORÍS.
Es darf nicht sein,
Daß wir den Abend, weil ich müde bin,
Verdämmern stumpf und matt. Ksénja, das Brett,
Fang an, mein Kind, du nimmst die weißen. Komm.
Sie setzen sich und beginnen die Figuren aufzustellen. Stimmen und Schritte vor der Tür.
505
horcht auf.
Seht nach, was da für Lärm. Fang an, mein Kind.
Fiódor geht zur Tür. Diese wird aufgemacht, bevor er sie erreicht hat, Simeon Godunóf kommt schnell mit einem Mann in bestaubter Kleidung.
SIMEON.
Verzeih mir, Herr ...
BORÍS.
Was gibt es noch so spät?
510
SIMEON.
Unziemlich ist es, daß ich ungemeldet
Vor dich –
BORÍS.
Zur Sache.
SIMEON.
Ernste Botschaft, Herr.
Hier kommt ein Mann mit rätselhafter Meldung:
515
Die Polen sind in deines Landes Grenzen
Verheerend eingefallen –
BORÍS.
Wahnsinn, Mensch!
Ich halte Frieden mit der Welt – und Polen
Ist längst versöhnt.
520
SIMEON.
Eh es zu spät wird, Herr –
Entscheidung drängt, den Boten mußt du hören.
BORÍS.
Kein Märchen will ich glauben.
DER BOTE.
Großer Zar,
Die Polen sind im Land, so wahr ich selbst
525
Schon ihre Reiter sah in unsren Dörfern.
Wachsender Lärm draußen.
BORÍS.
Ruft meine Feldherrn – rasch.
SIMEON.
Ich sah Bassmánof
Vom Pferd im Hof sich schwingen.
530
BORÍS.
Ruft ihn mir.
FIÓDOR
an der Tür.
Hier kommt er, Vater.
Baßmánof tritt auf, gefolgt von zwei Gepanzerten.
BORÍS.
Hast du dies gehört?
535
Wir müssen rüsten, Freund, der Pole liegt
Zu Felde wider uns.
BASSMÁNOF.
Du weißt nicht alles.
Ein junger Abenteurer führt die Scharen
Heran auf Moskau ...
540
BORÍS.
Wer?
BASSMÁNOF.
Der Fremde nennt sich
Des alten Zaren Sohn –
Zwei Bojaren, rasch auftretend.
BORÍS
atemlos.
545
Wie!! – nennt er sich?
Tot sind die Zarensöhne! tot!
1. BOJAR.
Prinz Dmitri,
So sagt man, führt das Heer.
BORÍS.
Schändliche Lüge!
550
Tot ist der Prinz! ich sage: tot! er starb
Als Kind, er ward begraben, Erde deckt ihn,
Die Toten wandeln nicht, sie kämpfen nicht,
Sie führen keine Heere –
BASSMÁNOF.
Reiter brachten
555
Die Nachricht aus dem Feld: Prinz Dimitri lebe,
Das Kind in Úglitsch, das begrabene,
Sei nicht der Prinz gewesen – ohne Zweifel
Ein schmählicher Betrug, doch fällt das Volk
Wo er sich zeigt, dem Abenteurer zu
560
Und nennt ihn Dmitri, seine Heeresmacht
Schwillt an mit jedem Schritt –
BORÍS.
Fürst Schuiski komme!
Der sah den Prinzen tot! im Sarg! er komme!
Zerplatzen soll die Lüge!
565
Ein Bote stürmt herein, hinter ihm zeigen sich Bojaren, Fackelträger, Diener und anderes Gefolge.
BOTE.
Weißt du's, Herr?
BORÍS.
Bringst du noch mehr? sprich schnell –
BOTE.
Die Zarin Marfa,
Die Königswitwe, ward dem Kloster heimlich
570
Entführt, sie habe, sagt man, den Betrüger
Als ihren Sohn begrüßt und solches Zeugnis
Reißt Tausende den fremden Fahnen zu,
Man spricht von Zeichen, ganz untrüglichen,
Ein Schmuck, den sie dem Sohn geschenkt –
575
BORÍS.
Gestohlen!
BOTE.
Ein Mal auf Dmitris Kinn, das sie erkannte,
Ein Zeichen auf der Stirn –
BORÍS.
Zu mir, Bojaren!
Die Karten her! in ihre Gräber will ich
580
Die Toten stampfen, die Erstandenen,
Mein Rat soll sich versammeln, jagt hinaus
Herolde durch die Stadt, man soll das Zeichen
Auf allen Märkten blasen –
Er beugt sich über eine Karte. Kurz darauf Trompetenstöße nah und entfernt.
585
BASSMÁNOF.
Hier der Fluß
Ist überschritten, sagt man –
BORÍS.
Ihn zurück
Ins Wasser stürzen wir – nimm diesen Ring,
Bassmánof, du bist Feldherr –
590
Fürst Repnín drängt sich durch die Menge.
Fürst Repnín,
Was willst du?
REPNÍN.
Sterben, Zar Borís, für dich,
Laß mich ins Feld!
595
BORÍS.
Nicht sterben – siegen! geh!
Bassmanóf, Gottes Kraft in deinem Schwert
Sei über unsern Feinden!
EINE STIMME
draußen, schreit:
Zar Borís!
600
BORÍS.
Ruft mir die Fürsten, ruft sie –
Ein Bote, atemlos, durch die Mitte.
BOTE.
Zar Borís!
Borís steht aufrecht im Gewühl der Menschen, Waffen und Fackeln.

(Henry von Heiseler: Sämtliche Werke. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider, 1965.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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