Die Frau ohne Schatten

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Figurenkonstellation

Hugo Hofmannsthal

Die Frau ohne Schatten (1919)

Oper in drei Akten

Uraufführung1919

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Erster Aufzug

Auf einem flachen Dach über den kaiserlichen Gärten. Seitlich der Eingang in Gemächer, matt erleuchtet.
DIE AMME
kauernd im Dunkel.
Licht überm See –
ein fließender Glanz –
schnell wie ein Vogel! –
5
Die Wipfel der Nacht
von oben erhellt –
eine Feuerhand
will fassen nach mir –
bist du es, Herr?
10
Siehe, ich wache
bei deinem Kinde
nächtlich in Sorge und Pein!
DER BOTE
tritt aus der Finsternis hervor, geharnischt, von blauem Licht umflossen.
Nicht der Gebieter,
15
Keikobad nicht,
aber sein Bote!
Ihrer elf
haben dich heimgesucht,
ein neuer mit jedem schwindenden Mond.
20
Der zwölfte Mond ist hinab:
der zwölfte Bote steht vor dir.
DIE AMME
beklommen.
Dich hab ich nie gesehn.
DER BOTE
streng.
25
Genug: ich kam
und frage dich:
Wirft sie einen Schatten?
Dann wehe dir!
Weh uns allen!
30
DIE AMME
triumphierend, aber gedämpft.
Keinen! Bei den gewaltgen Namen!
Keinen! Keinen!
Durch ihren Leib
wandelt das Licht,
35
als wäre sie gläsern.
DER BOTE
finster.
Einsamkeit um dich,
das Kind zu schützen.
Vom schwarzen Wasser
40
die Insel umflossen,
Mondberge sieben
gelagert um den See –
und du ließest, du Hündin,
das Kleinod dir stehlen!
45
DIE AMME.
Von der Mutter her
war ihr ein Trieb
übermächtig
zu Menschen hin!
Wehe, daß der Vater
50
dem Kinde die Kraft gab,
sich zu verwandeln!
Konnt ich einem Vogel
nach in die Luft?
Sollt ich die Gazelle
55
mit Händen halten?
DER BOTE.
Laß mich sie sehn!
DIE AMME
leise.
Sie ist nicht allein:
Er ist bei ihr.
60
Die Nacht war nicht
in zwölf Monden,
daß er ihrer nicht hätte begehrt!
Er ist ein Jäger
und ein Verliebter,
65
sonst ist er nichts!
Im ersten Dämmer
schleicht er von ihr,
wenn Sterne einfallen
ist er wieder da!
70
Seine Nächte sind ihr Tag,
seine Tage sind ihre Nacht. –
DER BOTE
sehr bestimmt.
Zwölf lange Monde
war sie sein!
75
Jetzt hat er sie noch
drei kurze Tage!
Sind die vorbei: –
sie kehrt zurück
in Vaters Arm.
80
DIE AMME
mit gedämpftem Jubel.
Und ich mit ihr!
O gesegneter Tag!
Doch er?
DER BOTE.
Er wird zu Stein!
85
DIE AMME.
Er wird zu Stein!
Daran erkenn ich Keikobad
und neige mich!
DER BOTE
verschwindend.
Wahre sie du!
90
Drei Tage! Gedenk!
DER KAISER
tritt in die Tür des Gemaches.
Amme! Wachst du?
DIE AMME.
Wache und liege
der Hündin gleich
95
auf deiner Schwelle!
DER KAISER
tritt hervor, schön, jung, im Jagdharnisch; es dämmert schwach.
Bleib und wache,
bis sie dich ruft!
Die Herrin schläft.
100
Ich geh zur Jagd.
Heute streif ich
bis an die Mondberge
und schicke meine Hunde
über das schwarze Wasser,
105
wo ich meine Herrin fand,
und sie hatte den Leib
einer weißen Gazelle
und warf keinen Schatten,
und entzündete mir das Herz.
110
Wollte Gott, daß ich heute
meinen roten Falken wiederfände,
der mir damals
meine Liebste fing!
Denn als sie mir floh
115
und war wie der Wind
und höhnte meiner –
und zusammenbrechen
wollte mein Roß –,
da flog er
120
der weißen Gazelle
zwischen die Lichter –,
und schlug mit den Schwingen
ihre süßen Augen!
Da stürzte sie hin
125
und ich auf sie
mit gezücktem Speer –
da riß sichs in Ängsten
aus dem Tierleib,
und in meinen Armen
130
rankte ein Weib! –
Oh, daß ich ihn wiederfände!
Wie wollt ich ihn ehren! –
Den roten Falken!
Denn ich habe mich versündigt gegen ihn
135
in der Trunkenheit der ersten Stunde:
denn als sie mein Weib geworden war,
da stieg Zorn in mir auf
gegen den Falken,
daß er es gewagt hatte,
140
auf ihrer Stirn zu sitzen
und zu schlagen
ihre süßen Lichter!
Und in der Wut
warf ich den Dolch
145
gegen den Vogel
und streifte ihn,
und sein Blut tropfte nieder. –
DIE AMME
lauernd.
Herr, wenn du anstellst
150
ein solches Jagen –
leicht bleibst du dann fern über Nacht?
DER KAISER.
Kann sein, drei Tage
komm ich nicht heim!
Hüte du mir die Herrin
155
und sag ihr: wenn ich jage –
es ist um sie
und aber um sie!
Und was ich erjage
mit Falke und Hund,
160
und was mir fällt
von Pfeil und Speer:
es ist anstatt ihrer!
Denn meiner Seele
und meinen Augen
165
und meinen Händen
und meinem Herzen
ist sie die Beute
aller Beuten
ohn Ende!
170
Schnell ab.
Morgendämmerung stärker, man hört Vogelstimmen.
DIE AMME
zu einigen Dienern, die sich allmählich um den Kaiser versammelt hatten.
Fort mit euch!
Ich höre die Herrin!
175
Ihr Blick darf euch nicht sehn!
Die Diener auf und hinab, lautlos.
DIE KAISERIN
tritt aus dem Gemach.
Ist mein Liebster dahin,
was weckst du mich früh?
180
Laß mich noch liegen!
Vielleicht träum ich
mich zurück
in eines Vogels leichten Leib
oder einer jungen
185
weißen Gazelle!
Oh, daß ich mich nimmer verwandeln kann!
Oh, daß ich den Talisman verlieren mußte
in der Trunkenheit der ersten Stunde!
Und wäre so gern
190
das flüchtige Wild,
das seine Falken
schlagen – Sieh! –
da droben, sieh! –
Da hat sich einer
195
von seinen Falken –
sieh – verflogen!
Oh, sieh doch hin,
der rote Falke,
der einst mich
200
mit seinen Schwingen –
ja, er ists!
O Tag der Freude
für meinen Liebsten
und für mich!
205
Unser Falke,
unser Freund!
Sei mir gegrüßt,
schöner Vogel,
kühner Jäger!
210
Er hat uns vergeben,
er kehrt uns zurück.
Oh, sieh hin,
er bäumt auf!
Dort auf dem Zweige –
215
wie er mich ansieht –
von seinem Fittich
tropft ja Blut,
aus seinen Augen
rinnen ja Tränen!
220
Falke! Falke!
Warum weinst du?
DES FALKEN STIMME
klagend.
Wie soll ich denn nicht weinen?
Wie soll ich denn nicht weinen?
225
Die Frau wirft keinen Schatten,
der Kaiser muß versteinen!
DIE KAISERIN.
Dem Talisman,
den ich verlor
in der Trunkenheit der ersten Stunde,
230
ihm war ein Fluch
eingegraben –
gelesen einst,
vergessen, ach!
Nun kam es wieder: –
235
DES FALKEN STIMME.
Die Frau wirft keinen Schatten,
der Kaiser muß versteinen!
Wie soll ich da nicht weinen?
DIE AMME
dumpf wiederholend.
Die Frau wirft keinen Schatten!
240
DIE KAISERIN.
Der Kaiser muß versteinen!
Ausbrechend.
Amme, um alles,
wo find ich den Schatten?
DIE AMME
dumpf.
245
Er hat sich vermessen,
daß er dich mache
zu seinesgleichen –
eine Frist ward gesetzt,
daß er es vollbringe.
250
Deines Herzens Knoten
hat er dir nicht gelöst,
ein Ungebornes
trägst du nicht im Schoß,
Schatten wirfst du keinen.
255
Des zahlt er den Preis!
DIE KAISERIN.
Weh, mein Vater!
Schwer liegt deine Hand
auf deinem Kind.
Doch stärker als andre
260
noch bin ich!
– – – – – – – – – – –
Amme, um alles,
du weißt die Wege,
du kennst die Künste,
265
nichts ist dir verborgen
und nichts zu schwer.
Schaff mir den Schatten!
Hilf deinem Kind!
Sie fällt vor ihr nieder.
270
DIE AMME
streng.
Ein Spruch ist getan
und ein Vertrag!
Es sind angerufen
gewaltige Namen,
275
und es ist an dir,
daß du dich fügest!
Unter der Gewalt ihres Blickes, stockend.
Den Schatten zu schaffen
– – – – – – – – – – –
280
wüßt ich vielleicht,
– – – – – – – – – – –
doch daß er dir haftet,
müßtest du selber
ihn dir holen.
285
Und weißt du auch wo?
DIE KAISERIN.
Sei es wo immer,
zeig mir den Weg,
und geh ihn mit mir!
DIE AMME
leise und schauerlich.
290
Bei den Menschen!
Grausts dich nicht?
Menschendunst
ist uns
Todesluft.
295
Dies Haus, getürmt
den Sternen entgegen,
emporgetrieben spielende Wasser
buhlend um Reinheit
der himmlischen Reiche!
300
Uns riecht ihre Reinheit
nach rostigem Eisen
und gestocktem Blut
und nach alten Leichen!
Und nun von hier
305
noch tiefer hinab!
Dich ihnen vermischen,
hausen mit ihnen,
handeln mit ihnen,
Rede um Rede,
310
Atem um Atem,
erspähn ihr Belieben,
ihrer Bosheit dich schmiegen,
ihrer Dummheit dich bücken,
ihnen dienen!
315
Grausts dich nicht?
DIE KAISERIN
sehr bestimmt und groß.
Ich will den Schatten!
Mit großem Schwung.
Ein Tag bricht an!
320
Führ mich zu ihnen:
ich will!
Fahles Morgenlicht.
DIE AMME.
Ein Tag bricht an,
ein Menschentag.
325
Witterst du ihn?
Schauderts dich schon?
Das ist ihre Sonne:
der werfen sie Schatten!
Ein Verräter Wind
330
schleicht sich heran,
an ihren Häusern
haucht er hin,
an ihren Haaren
reißt er sie auf!
335
Allmählich Morgenrot.
– – – – – – – – – – –
Voll Hohn und Geringschätzung.
Der Tag ist da,
der Menschentag, –
340
ein wildes Getümmel,
gierig – sinnlos,
ein ewiges Trachten
ohne Freude!
Wild und haßerfüllt.
345
Tausend Gesichter,
keine Mienen –
Augen, die schauen,
ohne zu blicken –
Kielkröpfe, die gaffen,
350
Lurche und Spinnen –
uns sind sie zu schauen
so lustig wie sie!
– – – – – – – – – – –
Sie zu fassen
355
verstünde ich schon –
mich einzunisten –
ihnen Streiche zu spielen
im eigenen Haus –
ist mein Element!
360
Diebesseelen sind ihre Seelen –
so verkauf ich
einen dem andern!
Eine Gaunerin bin ich
unter Gaunern,
365
Muhme nennen sie mich
und Mutter gar!
Ziehsöhne hab ich
und Ziehtöchter viel,
hocken wie Ungeziefer auf mir!
370
Warte, du sollst was sehn!
DIE KAISERIN
ohne auf die Amme zu achten.
Weh, was faßt mich
gräßlich an!
Zu welchem Geschick
375
reißts mich hinab?
DIE AMME
dicht an ihr.
Zitterst du?
Reut dich dein Wünschen?
Heißest uns bleiben?
380
Lässest den Schatten dahin?
DIE KAISERIN.
Mich schaudert freilich,
aber ein Mut
ist in mir,
der heißt mich tun,
385
wovor mich schaudert!
Und kein Geschäfte
außer diesem,
das wert mir schiene
besorgt zu werden!
390
Hinab mit uns!
Das Morgenrot flammt voll auf.
DIE AMME.
Hinab denn mit uns!
Die Geleiterin hast du
dir gut gewählt,
395
Töchterchen, liebes,
warte nur, warte!
Um ihre Dächer
versteh ich zu flattern,
durch den Rauchfang
400
weiß ich den Weg,
und ihrer Herzen
verschlungene Pfade,
Krümmen und Schlüfte,
die kenne ich gut.
405
Sie tauchen hinab in den Abgrund der Menschenwelt, das Orchester nimmt ihren Erdenflug auf.
Der Zwischenvorhang schließt sich rasch.
Verwandlung.
Im Hause des Färbers. Ein kahler Raum, Werkstatt und Wohnung in einem. Hinten links das Bette, hinten rechts die einzige Ein- und Ausgangstür. Vorne die Feuerstätte, alles orientalisch-dürftig. Gefärbte Tücher an Stangen zum Trocknen aufgehängt da und dort; Tröge, Eimer, Zuber, an Ketten hängende Kessel, große Schöpflöffel, Rührstangen, Stampfmörser, Handmühlen; Büschel getrockneter Blumen und Kräuter aufgehängt, anderes dergleichen an den Mauern aufgeschichtet; Farbmassen in Pfützen auf dem Lehmboden; dunkelblaue, dunkelgelbe Flecken da und dort.
Beim Aufgehen des Vorhanges liegt der Einäugige auf dem Einarmigen, würgt ihn. Der Junge, Bucklige, sucht den Einäugigen wegzureißen. Die Färbersfrau kommt von rückwärts herzu, sucht nach einem Zuber, die Streitenden mit Wasser zu beschütten.
410
DER EINÄUGIGE
schlägt auf den unter ihm Liegenden.
Dieb! Da nimm!
Unersättlicher Nehmer!
DER EINARMIGE
unten, röchelnd.
Reiß ihn nach hinten!
415
Hund den! Mörder!
DER BUCKLIGE.
Zu Hilfe, Bruder!
Sie würgen einander!
DIE FRAU
beschüttet sie.
Schamlose ihr!
420
Eines Hundes Geschick über euch!
Die drei Brüder, auf das Tun der Frau, auf und auseinander; fauchen, an der Erde hockend, gegen die Frau.
DER EINÄUGIGE.
Willst du uns schmähen, Hergelaufene!
Du Tochter von Bettlern, wer bist denn du?
Unser waren dreizehn Kinder,
425
aber für jeden Armen, der kam,
standen die Schüsseln und dampften von Fett!
DER BUCKLIGE.
Was hebst du die Hand gegen uns, du Schöne,
bist doch unserm Bruder mit Lust zu Willen!
DER EINARMIGE.
Laß sie, Bruder, was ist ein Weib!
430
BARAK
der Färber, tritt eben in die Tür.
DIE FRAU.
Aus dem Haus mir mit diesen!
Du, schaff sie mir fort!
Oder es ist meines Bleibens nicht länger bei dir!
BARAK
gelassen.
435
Hinaus mit euch!
Ist Zeug zum Schwemmen
zehn Körbe voll,
was lungert ihr hier?
Die drei Brüder gehen ab.
440
schichtet gefärbte Tierhäute übereinander zu einem mächtigen Haufen.
DIE FRAU.
Sie aus dem Hause,
und das für immer,
oder ich.
Daran will ich erkennen,
445
was ich dir wert bin.
BARAK
weiterschaffend.
Hier steht die Schüssel,
aus der sie sich stillen.
Wo sollten sie herbergen,
450
wenn nicht in Vaters Haus?
DIE FRAU
schweigt böse.
BARAK
wie vorher, ohne aufzusehen.
Kinder waren sie einmal,
hatten blanke Augen, gerade Arme,
455
einen glatten Rücken.
Aufwachsen hab ich sie sehn
in Vaters Haus.
DIE FRAU
ihn höhnend.
Für dreizehn Kinder
460
standen die Schüsseln
dampfend von Fett –
kam noch ein Bettler,
Platz war für jeden!
Sie hält sich die Ohren zu.
465
BARAK
holt ein Tau, den Pack zu schnüren; hält inne, sieht sie an.
Speise für dreizehn,
wenn es nottut,
schaff ich auch
mit diesen zwei Händen!
470
Hat sich aufgerichtet, steht dicht bei ihr.
Gib du mir Kinder, daß sie mir hocken
um die Schüsseln zu Abend,
es soll mir keines hungrig aufstehn.
Und ich will preisen ihre Begierde
475
und danksagen im Herzen,
daß ich bestellt ward,
damit ich sie stille.
Er tritt näher, rührt sie leise an.
Wann gibst du mir
480
die Kinder dazu?
DIE FRAU
hat sich abgekehrt; wie er sie anrührt, schüttelt sies.
BARAK
arglos, behaglich.
Ei du, 's ist dein Mann, der vor dir steht –
soll dich der nicht anrühren dürfen?
485
DIE FRAU
ohne ihn anzusehen.
Mein Mann steht vor mir! Ei ja, mein Mann,
ich weiß, ei ja, ich weiß, was das heißt!
Bin bezahlt und gekauft, es zu wissen,
und gehalten im Haus
490
und gehegt und gefüttert,
damit ich es weiß,
und will es von heut ab nicht wissen,
verschwöre das Wort und das Ding!
BARAK.
Heia! Die guten Gevatterinnen,
495
haben sie nicht die schönen Sprüche
gesprochen über deinen Leib,
und ich hab siebenmal gegessen
von dem, was sie gesegnet hatten,
und wenn du seltsam bist
500
und anders als sonst –
ich preise die Seltsamkeit
und neige mich
zur Erde
vor der Verwandlung!
505
O Glück über mir
und Erwartung
und Freude im Herzen!
Er kniet nieder zur Arbeit.
DIE FRAU.
Triefäugige Weiber, die Sprüche murmeln,
510
haben nichts zu schaffen
mit meinem Leib,
und was du gegessen hast vor Nacht,
hat keine Gewalt über meine Seele.
Leise.
515
Dritthalb Jahr
bin ich dein Weib –
und du hast keine Frucht
gewonnen aus mir
und mich nicht gemacht
520
zu einer Mutter.
Gelüsten danach
hab ich abtun müssen
von meiner Seele:
Nun ist es an dir,
525
abzutun Gelüste,
die dir lieb sind.
BARAK
mit ungezwungener Feierlichkeit und Frömmigkeit des Herzens.
Aus einem jungen Mund
gehen harte Worte
530
und trotzige Reden,
aber sie sind gesegnet
mit dem Segen der Widerruflichkeit.
Ich zürne dir nicht
und bin freudigen Herzens,
535
und ich harre
und erwarte
die Gepriesenen,
die da kommen.
Barak hat den gewaltigen Pack zusammengeschnürt, hebt ihn auf den Herd und lädt ihn von da, indem er sich bückt und das Ende des Strickes vornüberzieht, auf seinen Rücken; beladen richtet er sich auf.
540
DIE FRAU
finster vor sich.
Es kommen keine
in dieses Haus,
viel eher werden welche hinausgehn
und schütteln den Staub von ihren Sohlen.
545
Fast tonlos.
Also geschehe es,
lieber heute als morgen.
BARAK
nickt ihr gutmütig zu; ohne auf ihre letzten Worte zu hören; indem er, unter der gewaltigen Last schwer gehend, den Weg zur Tür nimmt, vor sich.
Trag ich die Ware mir selber zu Markt,
550
spar ich den Esel, der sie mir schleppt!
Er geht.
Die Frau, allein, hat sich auf ein Bündel oder einen Sack gesetzt, der vorne liegt.
Ein Heranschweben, ein Dämmern, ein Aufblitzen in der Luft. Die Amme, in einem Gewand aus schwarzen und weißen Flicken, die Kaiserin, wie eine Magd gekleidet, stehen da, ohne daß sie zur Tür hereingekommen wären.
DIE FRAU
ist jäh auf den Füßen.
555
Was wollt ihr hier?
Wo kommt ihr her?
DIE AMME
nähert sich demütig, ihr den Fuß zu küssen.
Ach! Schönheit ohnegleichen!
Ein blitzendes Feuer!
560
Oh! Oh! Meine Tochter, vor wem stehen wir?
Wer ist diese Fürstin, wo bleibt ihr Gefolge?
Wie kommt sie allein in diese Spelunke?
Sie hebt sich furchtsam aus der fußfälligen Lage.
Verstattest du die Frage, meine Herrin?
565
War dieser einer von deinen Bedienten
oder von deinen Botengängern,
der Große mit einem Pack auf dem Rücken,
solch ein Vierschrötiger, nicht mehr junger,
mit gespaltenem Maul und niedriger Stirne!
570
DIE FRAU.
Du Zwinkernde, die ich nie gesehn
und weiß nicht, wo du hereingeschlüpft bist –
dich durchschau ich so weit: Du weißt ganz wohl,
daß dieser der Färber und mein Mann ist,
und daß ich hier im Hause wohne.
575
DIE AMME
springt auf die Füße, wie in maßlosem Erstaunen.
Oh, meine Tochter, starre und staune!
Die wäre das Weib der Färbers Barak?
Heran, meine Tochter, es wird dir verstattet:
betrachte dir diese Wimpern und Wangen,
580
betrachte dir diesen Leib in der Schlankheit
des ganz jungen Palmbaums und schrei: Wehe!
DIE KAISERIN.
Ich will den Schatten küssen, den sie wirft!
DIE AMME.
Wehe! Und das soll ihm Kinder gebären!
Und das soll einsam hier verkümmern!
585
O des blinden Geschicks und der Tücke des Zufalls!
DIE FRAU
geht ängstlich vor ihr zurück.
Weh, daß du gekommen bist, meiner zu höhnen!
Was redest du da und was starrst du auf mich
und willst mich zu einer Närrin machen
590
vor Gott und den Menschen.
Sie weint.
DIE AMME
mit gespieltem Erstaunen, indem sie die Kaiserin fortzieht.
Wehe, mein Kind, und fort mit uns!
Diese weist uns von sich und will nicht unsre Dienste
595
Sie kennt das Geheimnis und will unser spotten,
fort mit uns!
DIE FRAU
steht jäh auf.
Welches Geheimnis,
du Unsagbare du!
600
Bei meiner Seele und deiner,
welches Geheimnis?
DIE AMME
neigt sich tief.
Das Geheimnis des Kaufs
und das Geheimnis des Preises,
605
um den du dir alles erkaufst.
DIE FRAU.
Bei meiner Seele und dem Jüngsten Tag,
ich weiß von keinem Kauf, ich weiß von keinem Preis!
DIE AMME.
Oh, meine Herrin, soll ich dir glauben,
daß du deinen Schatten,
610
dies schwarze Nichts
hinter dir auf der Erde,
daß dir dies Ding ohne Namen nicht feil ist –
auch nicht um unvergänglichen Reiz
und um Macht ohne Schranken
615
über die Männer?
DIE FRAU
dreht sich nach ihrem Schatten um.
Der gekrümmte Schatten
eines Weibes, wie ich bin!
Wer gäbe dafür
620
auch nur den schmählichsten Preis?
DIE AMME.
Alles, du Benedeite, alles
zahlen begierige Käufer, du Herrin,
wenn eine Unnennbare deinesgleichen
abtut ihren Schatten und gibt ihn dahin!
625
Ei! Die Sklavinnen und die Sklaven,
so viele ihrer du verlangest,
und die Brokate und Seidengewänder,
in denen du stündlich wechselnd prangest,
und die Maultiere und die Häuser
630
und die Springbrunnen und die Gärten
und deiner Liebenden nächtlich Gedränge
und dauernde Jugendherrlichkeit
für ungemessene Zeit
dies alles ist dein,
635
du Herrscherin,
gibst du den Schatten dahin!
Sie greift in die aufblitzende Luft und reicht der Frau ein köstliches Haarband aus Perlen und Edelsteinen.
DIE FRAU.
Dies in mein Haar?
Du Liebe, du! –
640
Doch ich armes Weib,
ich hab keinen Spiegel!
Dort überm Trog
mach ich mein Haar!
DIE AMME.
Verstattest du,
645
ich schmücke dich!
Sie legt ihr die Hand auf die Augen, sogleich ist sie selbst samt der Frau verschwunden. An Stelle des Färbergemaches steht ein herrlicher Pavillon da, in dessen Inneres wir blicken: es ist das Wohngemach einer Fürstin. Der Boden scheint mit einem Teppich in
DIENERINNEN.
Ach, Herrin, süße Herrin! Aah!
Durch eine kleine Tür rückwärts, links, tritt die Frau, geführt von der Amme, in das Gemach. Sie ist fast nackt, in einen Mantel gehüllt, gleichsam aus dem Bade kommend; sie trägt das Perlenband ins Haar gewunden. Sie geht mit der Amme durch die knieenden Sklavinnen quer durch, an einen großen ovalen Metallspiegel, der rechts vorne steht. Dort setzt sie sich und sieht sich mit Staunen.
STIMME DER KAISERIN.
Willst du um dies Spiegelbild
650
nicht den hohlen Schatten geben?
STIMME DES JÜNGLINGS
gleichsam antwortend.
Gäb ich um dies Spiegelbild
doch die Seele und mein Leben!
DIE FRAU.
O Welt in der Welt! O Traum im Wachen!
655
Wie die Frau den Mund auftut, verbleicht alles und beginnt zu entschwinden.
DIENERINNEN.
Weh! Zu früh!
Herrin! Ach Herrin!
Das Färberhaus steht wieder da, die Amme wie früher, die Kaiserin seitlich; die Färberin in ihrem ärmlichen Gewand – der Schmuck ist verschwunden – klammert sich taumelnd an die Amme. Die Amme und die Kaiserin wechseln einen Blick.
DIE FRAU
sehr aufgeregt.
660
Und hätt ich gleich
den Willen dazu –
Wie tät ich ihn ab
und gäb ihn dahin –
den an der Erde,
665
ihn, meinen Schatten?
Nein, sag doch schnell!
Nein, schnell doch, schnell,
du Kluge, du Gute!
Jetzt sag es, schnell!
670
Die Amme zieht sich um, winkt die Tochter heran, gleichsam als Zeugin.
Die Frau kann ihre Ungeduld kaum bemeistern.
DIE AMME.
Hat es dich blutige Tränen gekostet,
daß du dem Breitspurigen keine Kinder geboren hast?
Und lechzt dein Herz darnach bei Tag und Nacht,
675
daß viele kleine Färber durch dich eingehen sollen in diese Welt?
Soll dein Leib eine Heerstraße werden
und deine Schlankheit ein zerstampfter Weg?
Und sollen deine Brüste welken
und ihre Herrlichkeit schnell dahin sein?
680
DIE FRAU
leise.
Meine Seele ist satt worden der Mutterschaft,
eh sie davon verkostet hat.
Ich lebe hier im Haus,
und der Mann kommt mir nicht nah!
685
So ist es gesprochen
und geschworen
in meinem Innern.
DIE AMME.
Abzutun
Mutterschaft
690
auf ewige Zeiten
von deinem Leibe!
Dahinzugeben
mit der Gebärde
der Verachtung
695
die Lästigen,
die da nicht geboren sind!
So ist es gesprochen
und so geschworen!
Du Seltene du!
700
Du erhobene Fackel!
O du Herrscherin, o du Gepriesene unter den Frauen,
nun sollst du es sehn und es erleben:
angerufen werden
gewaltige Namen
705
und ein Bund geschlossen
und gesetzt ein Bann!
Tage drei
dienen wir dir
hier im Haus,
710
diese und ich,
dies ist gesetzt!
Sind die vorbei,
dem Dienst zum Lohn
von Mund zu Mund,
715
von Hand zu Hand,
mit wissender Hand
und willigem Mund
gibst du den Schatten
uns dahin
720
und gehest ein
in der Freuden Beginn!
Und die Sklavinnen und die Sklaven
und die Springbrunnen und die Gärten
und Gewölbe voll Tonnen Goldes –
725
DIE FRAU
unterbricht sie jäh.
Still und verschwiegen:
ich höre meinen Mann, der wiederkommt!
Finster.
Nun wird er verlangen nach seinem Nachtmahl,
730
das nicht bereit ist,
und nach seinem Lager,
Fast tonlos.
das ich ihm nicht gewähren will.
DIE AMME
hastig.
735
Du bist nicht allein:
Dienerinnen hast du,
diese und mich.
Morgen zu Mittag
stehn wir dir in Dienst:
740
als arme Muhmen
mußt du uns grüßen,
nach Mitternacht nur,
indes du ruhest,
entlässest du uns
745
für kurze Frist,
das braucht niemand zu wissen!
Jetzt schnell, was nottut!
Ein Windstoß durchfährt plötzlich den Raum, den die allmählich einsetzende Dämmerung in Halbdunkel getaucht hat.
befehlend.
750
Fischlein fünf aus Fischers Zuber,
wandert ins Öl,
und, Pfanne, empfang sie!
Feuer, rühr dich!
Hierher, du Bette des Färbers Barak!
755
Und fort mit den Gästen, von wo sie kamen!
Die Amme hat befehlend in die Hände geschlagen, lautlos. – Die Fischlein fliegen blinkend durch die Luft herein und landen in der Pfanne, das Feuer unterm Herd flammt auf, die Hälfte des ehelichen Lagers hat sich abgetrennt, und es ist ganz im Vordergrunde eine schmälere Lagerstatt für einen einzelnen erschienen, indessen hinten das Lager der Frau durch einen Vorhang verhängt erscheint – und indes dies alles geschah, sind die Amme selbst und die Kaiserin lautlos durch die Luft verschwunden. Der Feuerschein flackert durch den dämmernden Raum. Die Frau steht allein und starr vor Staunen. Plötzlich ertönen aus der Luft, als wären es die Fischlein in der Pfanne, ängstlich.
FÜNF KINDERSTIMMEN.
Mutter, Mutter, laß uns nach Hause!
Die Tür ist verriegelt, wir finden nicht ein,
wir sind im Dunkel und in der Furcht!
760
Mutter, o weh!
DIE FRAU
in höchster Angst über das Unbegreifliche, ratlos um sich blickend.
Was winselt so gräßlich
aus diesem Feuer?
DIE KINDERSTIMMEN
dringender.
765
Wir sind im Dunkel und in der Furcht!
Mutter, Mutter, laß uns ein!
Oder ruf den lieben Vater,
daß er uns die Tür auftu!
DIE FRAU
in großer Angst.
770
O fänd ich Wasser, dies Feuer zu schweigen!
Die Flamme unterm Herd wird zusehends schwächer.
DIE KINDERSTIMMEN
verhauchend.
Mutter, o weh! Dein hartes Herz!
Die Frau sinkt vorne auf ein Bündel, wischt sich den Angstschweiß von der Stirne.
775
BARAK
erscheint in der Tür, mit einem vollgepackten Korb beladen; vor sich, behaglich.
Trag ich die Ware mir selber zu Markt,
spar ich den Esel, der sie mir schleppt.
Die Frau hebt sich mühsam, geht nach hinten an ihr Lager, hebt den Vorhang und sagt nichts.
kommt nach vorne.
780
Ein gepriesener Duft
von Fischen und Öl.
Was kommst du nicht essen?
DIE FRAU
von rückwärts.
Hier ist dein Essen
785
Ich geh zur Ruh.
Dort ist jetzt dein Lager.
BARAK
wirds gewahr, gemäßigt unwillig.
Mein Bette hier? Wer hat das getan?
DIE FRAU
von ihrer Stelle.
790
Von morgen ab schlafen zwei Muhmen hier,
denen richt ich das Lager zu meinen Füßen
als meinen Mägden. So ist es gesprochen,
und so geschieht es.
Sie zieht den Vorhang vor.
795
BARAK
indem er resigniert ein Stück Brot aus dem Gewand zieht und, dieses essend, sich auf die Erde setzt.
Sie haben es mir gesagt,
daß ihre Rede seltsam sein wird
und ihr Tun befremdlich
die erste Zeit.
800
Aber ich trage es hart,
und das Essen will mir nicht schmecken.
DIE STIMMEN DER WÄCHTER IN DEN STRASSEN.
Ihr Gatten in den Häusern dieser Stadt,
liebet einander mehr als euer Leben
und wisset: Nicht um eures Lebens willen
805
ist euch die Saat des Lebens anvertraut,
sondern allein um eurer Liebe willen!
BARAK
indem er sich umwendet.
Hörst du die Wächter, Kind, und ihren Ruf?
Keine Antwort.
810
DIE STIMMEN DER WÄCHTER.
Ihr Gatten, die ihr liebend euch in Armen liegt,
ihr seid die Brücke, überm Abgrund ausgespannt,
auf der die Toten wiederum ins Leben gehn!
Geheiliget sei eurer Liebe Werk!
BARAK
horcht abermals, nach rückwärts gewendet, vergeblich; er seufzt tief auf und streckt sich zum Schlaf hin.
815
Seis denn!
Der Vorhang fällt.

(Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Band 1: Gedichte, Dramen, Band 2–5: Dramen, Herausgegeben von Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1979.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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