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Fern von Satans rebellischer Schaar bezog ietzt Orions
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Myriade, das einsame Lager. Er war der Standarte
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Satans gefolgt; doch schoß in ihn schnell ein göttlicher
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Daß er das schwarze Verbrechen erkannte. Er riß in
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Vom satanischen Heer, und führte die kriegrischen Haufen,
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Unter seinem Befehl, fern von des Empörers Gezelten.
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Sicher kam er hier an. Es wurden Cherubische Feuer
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Rund um das Lager gestellt, auf Satans Bewegung
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Sollt’ er sie etwan verfolgen. Drauf rufte, mit festli-
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Die Posaune zur hohen Versammlung. Die Fürsten
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Drängten sich um Orions Gezelt; der mächtige Führer
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Trat ietzt unter sie hin, und versuchte zu reden; doch
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Rannen ihm über die Wangen; die tiefste Bekümmer-
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Auf dem Antlitz aller umher; doch fanden zuletzt noch
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Also die Worte, mit Seufzern vermischt, den trauri-
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Fürsten, und Helden, und Krieger! O daß wir den
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Nimmer gehört! O daß wir doch nie die Schwerdter
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Wir Betrognen! Wir Armen, in welche Tiefe von Elend
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Haben wir selbst uns hinuntergestürzt, und haben den
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Eines Verführers gehorcht? Ist’s möglich, sind es nicht
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Unsers erschrocknen Gemüths? Abtrünnige sind wir?
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Haben uns wider Jehovah, und seinen Gesalbten, em-
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Haben die Waffen ergriffen, und haben auf unsere Brüder,
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Engel auf Engel, den Angriff gethan? Und warum?
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Zu der schändlichen That? — O! laßt es beschämt uns
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Einem Rebellen zu folgen, und einem Stolzen zu dienen.
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Satan, (so nennet ihn ietzt, den frechen Empörer) wie
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Uns mit dem Schall der Freyheit getäuscht! Er, welcher
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Tiefern Gehorsam verlangt, als selbst der Allmächtge.
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Daß wir so ihn verehren sollten? Und welche Verdienste
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Hat er, daß wir ihm selbst vielleicht den Kniefall bezeiget,
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Den wir dem großen Gesalbten versagt! Voll Schaam
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Müssen wir unser Antlitz bedecken! O daß wir gesündigt,
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So uns versündigt an Gott! und so vom Guten gefallen!
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Traurig und einsam, verlassen von allem, verfolget
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Unser Gewissen; es muß es gestehn, wir haben gesündigt,
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Schwer gesündigt! wird Gott uns vergeben? und kan
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Kan er solchen Verbrechern vergeben, die von ihm ge-
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Mit rebellischen Waffen um seine Heiligen stürmten,
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Und mit Krieg den Himmel entstellt? — Erbarmer,
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Und du, den wir verschmäht, du, sein erhabner Gesalbter,
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Ist Erbarmung noch übrig, für uns Gefallne noch übrig:
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O! so verschmäh nicht die Thräne der Reu! — Jhr
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Jeder sey still in seinem Gezelt die einsame Nacht durch;
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Und so oft ihr den Schall der hohen Posaune vernehmet,
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So werft euch aufs Angesicht hin; und suchet mit
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Und Gebeten der Reu, den Zorn des Allmächtgen zu
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Ob er seiner gefallnen Knechte vielleicht sich erbarme.
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Dieses Orion — mit thränendem Blick und
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Machte sich jeder nach seinem Gezelt; so oft die Posaune
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Bey den Stunden der Nachtwacht ertönte, da fielen
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In den Staub hin vor Gott, und weinten um Gnad
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Und der Allmächtige sah von seinem heiligen Hügel,
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Auf sie hernieder, und sprach: Sollt ich vor meiner
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Büssenden Seufzern mein Ohr verschliessen? und solte
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Noch bey Zeiten gesucht, zerschlagene Herzen nicht
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Als er noch sprach, erschienen im Himmel die
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Kinder der Demuth und Reu; sie giengen, mit Staub
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Zitternd einher, und hüllten sich tief ins weisse Ge-
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Blinkende Perlen standen im Aug’, und Schaam und
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Deckte die Stirn; für sie ist nie das Heiligthum Gottes
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Unzunahlich. Sie traten herzu; die Chöre der Engel
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Theilten sich, da sie sie sahn, und liessen sie ungestört wan-
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Durch die langen anbetenden Reihn zum Throne der
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Als sie der Ewige sah, befahl er dem ersten der Engel,
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Gabriel, der nächst unter ihm stand, sie näher zu führen.
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Und er führte sie näher; sie fielen nieder, und weinten
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Vor des Allmächtigen Thron, und beteten an, und die
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Jhres Räuchwerks dampften vor Gott mit Wolken von
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Jhm ein süsser Geruch. Er neigte sein güldenes Zepter
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Gegen sie nieder, und gnädig erklang des Ewigen
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Gabriel! eile hinab, zu diesen Gefallnen; ver-
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Jhnen Vergebung und Gnade von mir. Sie sollen in
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Rein seyn; wem ich vergebe, dem hab ich vergeben.
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Eh sie meinem Throne sich nahn, zu neuem Gehorsam
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Einige Zeit der Prüfung sie läutern. Noch steht in
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Schaffend mein mächtiger Sohn; er hat der Erde gerufen,
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Und sie ist da. Die Bewohner der Erd’, er hat sie
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Einst nach ihren Tagen der Prüfung euch ähnlich zu
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Diesem erwählten Geschlecht bestimmet, mein ewiger
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Sie zu Führern und Wächtern; sie sollen sie vor der
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Satans bewahren, (denn Satan wird sich, so hab ichs
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Bald dem Abgrund entreissen; das Menschengeschlechte
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Und noch größre Verdammniß dadurch sich erringen,)
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Jhre Herzen zur Tugend erhöhn, und große Gedanken
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In den Seelen erschaffen, wenn unter den Fesseln des
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Unter der wilden Zerstreuung und unter der Eitelkeit
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Jhr vom Himmel stammender Geist, zum Laster ver-
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Wenn dann des Weltgerichts mächtge Posaune die Him-
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Und der neuen unsterblichen Schaar sich um mich ver-
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Will ich sie gleichfalls versammeln, und ihnen die Treue
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Die sie dem Menschengeschlecht’ erwiesen; dann sollen
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Thronen, und Fürsten, und Kräfte, die alten Würden
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Und in ewiger Wonne mit mir, und den Seligen leben.
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Also der Ewige! Lautes Jauchzen durchschallte
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Und schnell machte sich Gabriel auf, die hohen Befehle
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Zu vollbringen, und flog mit sonnenstralenden Flügeln
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Durch die ätherschen Gefilde; er ließ in dämmernden
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Einen langen stralenden Weg, so wie er dahinflog.
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Und so verfolgte der reisende Seraph die einsame Nacht
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In den Feldern des Himmels, die Reise. Der lachen-
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Stieg auf den leuchtenden Wagen mit empyreischem
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Prächtig geschmückt, und erhellte die Flur mit Schim-
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Aber die Freude besuchte nicht mehr das Lager der Engel,
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Das ietzt der Seraph von fern her entdeckte. Mit ei-
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Naht er sich ihren glänzenden Zelten. Die äussersten
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Die allein gerüstet noch standen, das Kriegesheer Satans,
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So sie verfolgen möchte, zu spähn, erhuben die Blicke,
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Sahn den hohen Gesandten von Gott, und neigten voll
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Jhre schimmernden Waffen vor ihm. In allen Gesichtern
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Fand er schwarze Melancholey, und tiefe Betrübniß.
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Und wie konnten sie anders, als ernst, und niederge-
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An ihr Schicksal gedenken, das noch in drohenden Wolken
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Dunkel verhüllt hieng über dem Haupt? Wie konnten
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Als mit traurigen Herzen den Blick ins Vergangene
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Oder in die noch schwärzere Zukunft, von Strafen er-
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Die sie zu sehr nur verdient, und mit Verderben gerüstet?
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Durch das heitre Gesicht des glänzenden Seraphs er-
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Nahte sich einer der Engel zu ihm, und sagte, sich neigend:
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Kömmst du, großer Gesandter des Himmels, zu
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Uns Vergebung, oder vielleicht das Urtheil des Todes
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Zu verkündigen? Aber so sanft und heiter vermöchte
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Der auf uns nicht zu blicken, der unsre Verdammniß
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Nein! du kömmst, ein Bote der Gnade, das saget
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Und in deinen Händen der Oelzweig. — Ich führ
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Dich zu den unsrigen, trügt mich nicht anders der Hof-
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Gabriel gab ihm zur Antwort: Ich bin ein Bote der
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Bringet mich zu dem Gezelt Orions, des mächtigen
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Eurer Schaaren, und höret von mir die Befehle des