Die Schöpfung der Hölle

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Die Schöpfung der Hölle (1764)

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Und Gott sah sie die Hölle, mit allen ihren Be-
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Seiner Absicht gemäß, und zu dem strafenden Endzweck
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Groß und vollkommen. Es war bisher ein stralender
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Von dem himmlischen Tag durchs Chaos gedrungen;
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Hatte bisher noch den Ausfluß des hellen Glanzes ge-
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Der ietzt zum drittenmal schien; indem er leuchtete,
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Scheine zum letztenmal, Licht! Es werde Nacht!
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Siebenfältig senkte sie sich wie Lasten herunter,
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Düster und fühlbar; der flammende Blitz zerriß sie oft
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Und sein flüchtiger Stral, und blasse schweflichte Flam-
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Machten sie sichtbarer noch. — Der Sohn der All-
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Zu sich die Engel des Todes, und sprach mit gebieten-
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Seht! Dies ist die traurige Welt des ewigen Todes,
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Euer sey ihre Bewachung! und über sie sprechet den
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Denn, ich hab’ im Zorn sie verflucht, ihr Name sey
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Also sprach des Allmächtigen Sohn. Die Engel
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Lagern sich, in mächtgen Geschwadern, am Eingang der
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Um die Pforten herum, die an dem äussersten Pole
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Jenseits der fernsten Grenzen des Chaos die Allmacht
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Und Obaddon, der furchtbare Führer der Engel des Todes,
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Schwang sich hoch auf rauschenden Flügeln über die
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Hielt in der Rechten das flammende Schwerdt, gleich
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Und rief laut: Bey dem, der gerecht ist, und allen
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Wider seinen Gesalbten der Finsterniß Ketten bereitet,
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Bey dem Allmächtgen fluch ich dir, Hölle! Verflucht
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Jmmer müsse der Sturm in heulenden Lüften sich wäl-
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Und der lauteste Schall der Donner die Wolken zerreissen!
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Niemals strale durch dein Gewölbe der Schimmer des
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Grausende, schreckliche, ewige Nacht verhüll es auf
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Beym Allmächtgen fluch ich dir, Hölle! Verflucht sey
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Jhn besuche kein Lenz; und keine Schönheit und An-
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Schmücke dein trauriges Land! Dein Meer sey immer
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Und dein Erdreich brenne beständig von siedendem
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Dein Gebirge rauche von Gluth; die Ebne zerspalte
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Von dem Feuer des Herrn; und Winseln und Aechzen
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Schall’ in deinen Thälern des Todes, und an den Ge-
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Deiner bellenden Seen, und deiner stürmischen Flüsse!
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Beym Allmächtgen fluch ich dir, Hölle! Verflucht sey
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Alles dessen, was in dir lebt! Verflucht sey der Fußtritt
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Jedes Geschöpfs, das wandelt in dir, in Feuer und Asche
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Geh es einher! sein Athem sey Pest. Weh! weh
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Stirbt den ewigen Tod! Hier spreite die schwarze
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Ueber den Sünder, die gräßlichen Schwingen; und schreck’
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Und zerreiß’ ihn, doch ohn’ ihn zu tödten; nie komme
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Nicht die schwächeste komme, zu ihm, die wildeste
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Stechende Pein nur, und durstende Angst nur, und
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Peinige, foltre, schmettre den nieder, der, Gott, dich
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Feyerlich hatte den Fluch der Todesengel gesprochen,
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Und so ward die Hölle vollbracht. Gott hielt sie nicht
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Sondern stieß sie hinab zur Finsterniß; krachend betrat sie
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Jhre Laufbahn, schwankend und wild, und ohne Gesetze.
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Von ihr wandte der Schöpfer sich ab, und stieg auf den
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Und, nachdem er die Chöre der Geister dicht um sich
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Sprach er: Jhr Söhne des Lichts! Jhr, die kein
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Wider Gott zu empören vermocht! ihr, welche mein
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So im Guten bestätigt, daß keine Macht, noch Ver-
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Euch von Wege der Tugend wird leiten; ihr heiligen
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Ehret die Rache des Herrn, und sagt von Himmel zu
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Seiner Gerechtigkeit Lob, und seines Zornes Verwü-
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Dieses Gefängniß strecket bereits der Finsterniß Ketten
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Jenen Verruchten entgegen, die in den Feldern des
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Wider eure Gefährten gelagert, mit höllischen Waffen
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Unsre Legionen geschreckt. Doch lange soll nicht mehr
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Krieg den Himmel entstellen, so sehr sie zu siegen sich
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Todesengel! wenn ietzo die Tiefe des untersten Chaos
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Von dem verfolgenden Donner erschallt; wenn bald
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Mit entsetzlichem Fall, Myriaden Geister sich stürzen;
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Wenn ihr nunmehr den Kriegsklang vernehmt der ho-
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Und das Drommeten der Engel, das über die Grenzen
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Siegreich ertönt: dann rückt herzu, in geschlossenen
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Um die verriegelten Thore der Hölle. So schrecklich
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Dieser Verworfnen gewesen, so wird die Zeit sich doch
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Daß sie von ihrem Fall sich erhohlen, noch größre Ver-
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Ueber sich häufen, noch grössere Strafen dadurch sich
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Satan, ihr Führer, wird listig sich einst der Stärke
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Sich entreissen, ja selbst die offenste Wachsamkeit täu-
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Also hat es mein Vater beschlossen, und fordert von
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Was er zuläßt, den grossen Betrüger zu Schanden zu
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Aber ihr sollt die Pforten allhier stets wachsam umrin-
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Daß die Hölle nicht einst von neuem zusammen sich rotte,
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Mit versammelter Macht die künftige Schöpfung zu
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Zwar dem Empörer gelingt es zu sehr, Geschöpfe von
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Wider Gott zu verführen; doch diese schwärzeste That
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Auf sein Haupt die schrecklichste Strafe. Mit allen
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Will ich ihn einst im Abgrund mit Ketten von Demant
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Binden, daß Zeit und Gewalt nie wieder die Fesseln
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Jetzo folget mir nach, ihr Helden und Krieger des
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Thronen, Fürsten und Mächte! seyd Zeugen der gros-
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Gottes Gerichts über Satan! So sprach er. Jm
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Sein krystallner Wagen zurück durch das wallende Chaos,
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Und im hohen Triumph betrat er die Felder des Himmels.
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Hier, du weißt es, fand er sein Heer im muthgen Gefechte
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Wider Satan; wir jauchzten dem Wagen des kom-
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Jubel entgegen, und stiessen mit unsern geschlossenen
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Zu der Standarte des grossen Meßias. Die Feinde
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Trieb er bald, mit allmächtigem Donner, zum Rande des
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Und von da zum Abgrund hinab; mit schrecklichem
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Stürzten sie nieder zur untersten Hölle; die Flamme
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Brannte fürchterlich nach bis in den Pfuhl des Ver-
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Also beschloß, der Gesandte des Himmels, die dunk-
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Von der Erschaffung der Hölle. Jhn hatte der Erste
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Mit Entzücken und Grausen gehört, und grosse Gedanken
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In sich versammelt. Jetzt sprach er zu ihm mit dankba-
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Liebling des Himmels, wie hat dein Bericht die küh-
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Uebertroffen! Mit kaltem Entsetzen erblick ich noch ietzo
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Vor mir den flammenden Schlund. Doch hab ich die
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Recht vernommen; so ist dies Gefängniß für Engel al-
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Sondern auch noch für andre Geschöpfe von Staube
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O wie vergällt dies die Freude, die meine Seele da-
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Wenn ich so viel unzehlbare Sonnen, Planeten und
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Alle vielleicht mit Bewohnern mir denke, die alle sich
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Vor dem Thron des Allmächtigen beugen, und reine
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Zu dem Himmel ihm senden; wie? sollten dann sei-
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Die er so gütig erschuf, mit solcher Unschuld gekleidet,
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Jhren Schöpfer so sehr, und ihre Pflichten verkennen,
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Und zu solchen Strafen ihn reitzen? — Der Engel
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Des Allmächtigen Sohn hat zwar die verborgnen
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Seines Vaters nicht ganz uns enthüllt: Doch wurde
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Nicht umsonst unermeßlich erschaffen; die weiten Bezirke
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Warten auf Myriaden verdammter Engel und Seelen.
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Ach! und möchten doch nicht die künftgen Bewohner
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Satans listgen Verführungen folgen! Wie fürcht ich
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Daß sie es sind, die Menschen vom Staube, die ihre
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Ins Verderben gestürzt! — Die Welt des ewigen Todes,
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Die ich vor deinen Augen enthüllt, hat deine Gedanken
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Mit Entsetzen und Grausen getroffen; doch schreckli-
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Muß sie sich zeigen vor ihm, der mit dem kühneren Geiste
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Jetzt in ihre Grenzen sich schwingt, ietzt, da sie bewohnt ist
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Von Verdammten, wo jeder in sich die Hölle verbirget.
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Als das Satanische Heer herunter zum Abgrund sich
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Sah ich auf ihrer Flucht sie verfolgt von der schwarzen
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Und von jedem wilden Affekt, der nie sonst geherrschet
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In unsterblichen Geistern. Der Stolz, der Neid,
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Mit dem Schlangenhaar, Rachsucht, und Wut, und der
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Stürzten sich hinter ihnen einher, und haben auf ewig
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Jhre Wohnung bey ihnen genommen. Auch flog
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Mit zur Hölle hinab. Da hat es in donnernden Wolken
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Seinen Thron sich gesetzt; die laute mächtige Stimme
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Tönt durch den Abgrund; kein Muth kan sich wafnen,
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Wenn es spricht, denn es spricht allmächtig; bald stark,
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Und bald lispelnd, wie heimliche Stimmen; kein schnel-
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Und kein Flügel des Cherubs entflieht ihm; der schwar-
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Lästert wider den Himmel, sich selbst, und seine Gefährten,
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Leidet unendlich, verfluchet sich selber, verdammet sich
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Dieses, o Adam, ist Hölle! — Doch laß uns die
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Wieder entziehn von Scenen des ewigen Jammers!
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Deinen ietzigen Stand der Unschuld! verharr’ im Ge-
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Und laß keine Versuchung, so stark sie auch sey, dich
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Eine Nachwelt von dir in ewige Quaalen zu stürzen.
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Raphael schwieg. Durch Adams Herz lief kal-
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Jhm, von schwarzer Ahndung bewegt, rann über die
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Plötzlich ein Strom von Thränen herab: doch faßt er
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Bey sich den festen Entschluß, des Schöpfers Gebote zu

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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