Das Mädchen. Erster Gesang

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Das Mädchen. Erster Gesang (1764)

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Muse, begeistert durch dich, sang von dem mensch-
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Uns Wertmüllers glückliche Leyer. Mit römischer
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Wiederhohlte sein Lied Oltrotschi. Vergassen die
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Ganz, die andre schönere Hälfte des Menschenge-
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Singe du sie Germaniens Töchtern! Sie lieben
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Welche mit lehrendem Reiz die einsamen Stunden
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Und das fühlende Herz zur himmlischen Tugend er-
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Liebliches Mädchen! nahe dich mir! — Wie
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Mit dem feinsten Gesicht! Jhr braunes offenes
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Lächelt schon Sieg. Schon glühen die Lippen in
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Und zerstreuete Rosen bedecken die zärtlichen Wan-
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Aber noch warten des gelblichten Haars sanftwallen-
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Auf die siegende Farbe der Nacht, die künftig die
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Jhres blendenden Halses erhöht. Es flattert im
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Wenn sie mit kleinen geflügelten Füssen die Mutter
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An das lange Gewand sich hängt, und stammelt,
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Bis ihr die Mutter zurückegefolgt. Jetzt setzt sie
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Vor den Theetisch, und wartet ihr auf. Mit klei-
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Unterhält sie sie lange, die Antwort erwartend,
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Ueber ihr eigensinniges Schweigen’; sie giebt ihr
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Welche die Mutter ihr gab, zurück. Der Vater
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Lächelt von seinen Büchern empor; erinnert sie
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Daß die Puppe nicht spricht, und tröstet die kleine
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Dann kömmt auf dem muthigen Stecken, ihr jün-
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Ueber den Saal her geritten. Sie sieht mit furcht-
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Zärtlich ihm nach, und warnt ihn; umsonst! der
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Zeigt sich bereits in jeglichem Schritt der kindischen
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Pferd’ und Wagen ergetzen ihn nur, und der blin-
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Und der männliche Hut. Er kennet die Furcht nicht,
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Wenn die kriegrische Trommel erschallt. Doch weib-
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Herrscht ganz in dem fühlenden Mädchen. Jetzt
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Mit sich allein, und flehet ihn an, sein Leben zu
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Und nicht der wallenden Fahne zu folgen. Der mu-
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Wird von den Thränen erweicht, legt seine lärmen-
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Und sein blankes Husarenschwerdt ab, und spielt
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Stillere Spiele; wird Kutscher und Koch, und läßt
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Zu des Mädchens Geschmacke herab. Dann folgt
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Häußlichem Schritt, und ahmet ihr nach in kindi-
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Oder ergreift mit zitternder Hand die Nadel der
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Und glaubt Blumen und Laub in ihren Versuchen
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Oftmals nimmt sie der liebende Vater mit zartli-
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Auf den schmeichelnden Schoos, und lehrt sie zeitig
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Von dem gütigen Schöpfer der Welt. Steigt über
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Jm Triumph die Sonne herauf; und hänget am
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Ueber dem Walde der silberne Mond: so breitet die
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Schon den kindischen Arm voll Innbrunst gegen die
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Hüllt sich der Tag in düstere Nacht, und rollet der
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Ueber dem Haupt; so bewahrt er ihr Herz beym
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Vor der sklavischen Furcht; gewöhnt sie, eben so
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Jhren Schöpfer zu lieben, ihn eben so edel zu
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Wenn er im Zephyr erfrischt, als wenn er in Stür-
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Jedes zarte Gefühl, das in der empfindlichen
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Sich entwickelt, das bildet er sanft, und edel und
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So schlägt sanfter ihr Herz. Der Grausamkeit
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Werden darinne vertilgt. Oft blinken ihr Thränen
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Wenn vor dem tödtenden Messer des Kochs die
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Oder der Henne sperbrichtes Kind. Sie lernet bey
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Andrer Elend zu fühlen; sie wird die christlichste
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Zur Vollkommenheit bringen, und wenn sie wider
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Feinde hassen, die Feinde sogar als Menschen noch
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Wie erröthet ihr ofnes Gesicht, wofern sie nur
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Jhren Vater beleidigt zu haben! Mit welchem
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Und mit welcher beflügelten Angst umfaßt sie ihn
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Wenn sie wirklich gefehlt! Jhr rollen die brennen-
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Lange vom Auge, sie kan sich nicht trösten ob ih-
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Kan Versuchung wohl je solch eine Seele
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Welche, so früh mit der Tugend bekannt, ihr immer
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Und den Namen sogar des niedrigen Lasters verab-
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Nein, ihr redender Blick, die lächelnden purpur-
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Sind nicht Betrüger. Die innere Schönheit der
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Wächst mit der Anmuth der Jugend zugleich. Jhr
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Schwebet um sie auf güldenen Flügeln; er wacht
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Jhres unsterblichen Geistes, und hilft die Rosen
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Auf den Wangen entfalten. Jhr leichter ätherischer
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Fliegt mit der Morgenröthe dahin. Liebkosend er-
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Jhren Vater, und faltet mit ihm die Hände zum
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Jhre stammelnden Seufzer erschallen umfonst nicht;
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Tragen sie über die Wolken. — Dann lernt sie in
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Und anmuthigen Fabeln die Tugend. Mit seuriger
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Fragt sie nach allem; verschlingt die Worte des
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Lernt der Christen wohlthätig Gesetz; bewundert der
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Mächtige Hand in frommen Geschichten, und preißt
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Jede vortrefliche That. Oft auch versucht sie im
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Voller Anmuth zu schwimmen, und biegsame Glie-
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An ihr hänget das Herz der Eltern. Der Vater
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Jhrer Spiele Geräusch, und wünschet sie um sich
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Ob er gleich in Arbeit versenkt, in Büchern ver-
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Eingehohlt unter den zärtlichen Küssen der lieben-
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Kömmt sie zum Vater zurück; er küßt sie. Stil-
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Strömt aus seinen Augen. Er sieht die Reize der
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Hier im Kleinen, prophetische Blicke durchdringen
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Und von schmeichelnder Hofnung gestärkt, wahrsagt
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In der Liebe das Glück, das ihn ietzt selber be-
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Sinkt mit dem Abendroth nun die erste ruhi-
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Auf die thauigte Welt; so neiget sie unter den
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Kindischer Andacht ihr Haupt zu sanftem Schlum-
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Melancholische Schatten, und blasse schreckende
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Flattern nicht um ihr heiteres Lager. Wohlthätige
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Führen die güldnen Träume zu ihr. Sie lächelt
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Auch im Schlaf, und trägt im Gesicht den offenen
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Also entschläft auf Rosengewölk ein reisender Engel,
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Der auf des Ewgen Befehl die weite Schöpfung
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Weicht nicht, ihr Beschützer der Unschuld,
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Menschlicher Tugenden; himmlische Schaaren, o wei-
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Tragt sie auf euren olympischen Flügeln, damit
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Jhre blühenden Jahre verkürze! Sie wächset an
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Und an Schönheit und Tugend empor. O glückliche
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Die dich, holdseeliges Mädchen, gebahr! O glück-
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Welcher dich einst des edelsten Jünglings Umarmun-
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Und von dir ein zahlreich Volk von Enkeln ent-

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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