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Wo find' ich mich itzund? auff was für stillem sande
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Steht mein erstarrter fuß? bestürtzte einsamkeit!
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Wer herrscht und wohnet hier im hügel-vollen lande/
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Wo taxen und napel gantz häuffig hingestreut?
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Ist dieses nicht das feld/ wo tausend schedel liegen/
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Und unter meinem fuß die blancke todten-bein
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Mit schlangen-blauem rost in der verwesung kriegen/
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Wo leichen-volle grüft’ um mich gehügelt seyn?
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Ich schaue nichtes mehr/ als creutzer/ pfäl’ und steine;
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Ein faules schweigen stutzt den halb entraften sinn/
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Und häuffet sich noch mehr durch die bemosten zäune:
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Ein kirchhof ist es ja/ worauf ich itzund bin.
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Glück zu/ du todten thal/ und ihr besteckten hügel/
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Umb welche/ wie ich schau/ nur tod und sterben siegt!
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Glück zu/ ihr creutzer/ pfäl’/ ihr stein’ und todten-siegel/
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Auch die ihr halb und gantz im sarg vermodert liegt!
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O süsses schlaf-gemach! hier steh’ ich/ umb zu lernen/
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Was wahre weißheit heiß’t und endlich unser zweg:
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An diesem anblick muß sich aller witz entfernen;
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Denn du bist eintzig nur der größ’sten weißheit weg.
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Wen aber find’ ich hier/ der mein begehren stillet/
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Und/ was ich lernen will/ mich deutlich unterrichtt?
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Soll wol die einsamkeit/ die diesen ort umbhüllet/
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Dem werck gewachsen seyn? O nein/ bey weitem nicht!
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Wie wird mir? schauert nicht die haut und alle glieder?
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Umschleust nicht kaltes eiß das hertz in meiner brust?
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Reißt’ nicht ein wacklen mich in diesem sande nieder/
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Und raffet meinen geist in einen duncklen wust?
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Erblick ich nicht/ wie mond und sterne gantz erblassen/
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Und wie nur finsternüs mich um und um bedeckt?
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Ich fühl’/ und weiß nicht wie/ durch was mich umgefassen/
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Und nicht durch schlechte furcht biß auf das blut erschreckt.
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Wie? augen/ schaut ihr nicht die creutzer sich bewegen/
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Und die entweltzten stein’ in voller höhe stehn/
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Und alle todten sich in ihren särgern regen/
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Und eine dürre leich aus iederm hügel gehn?
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Hilf GOtt! was sind dies doch für scheußliche gesichte/
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Und heßliche geripp mit schimmel angefeucht?
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Wenn ich mein angesicht nach threm scheitel richte/
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So schau ich eine schlang/ die aus demselben kreucht;
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Und ihr entaugtes aug’/ und zungen-loser rachen/
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Auch abgefleischte nas’/ die zeigen eine kluft/
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In welcher tausend würm und grüne nattern wachen/
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Draus iedes hier auf mich ein heis’res zischen rufft.
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Sind dieses/ was ich schau/ wol menschen ie gewesen/
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Und was ich itzund noch mit gelst und leben bin?
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Aus dieser heßlichkeit ist solches kaum zu lesen;
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Ach! ach! wo fället nicht des menschen leben hin?
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Wie kan ich doch allhier an diesen knochen kennen/
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Wer cron/ wer zepter trug/ wer einen betrel-stab?
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Wen soll ich schön/ wen jung/ wen alt/ wen heßlich nennen?
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Ein gleicher stempel pregt mir hier ein bildnüs ab.
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Wen hat hierunter doch geschicklichkeit gezieret?
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Wen tausendfache kunst? wen ein gelehrter geist?
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Wer hat in kühner schlacht den degen wol geführet?
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Wer ist der Julius/ der Alexander heißt?
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Wer ist Justinian/ der uns gesetz geschrieben?
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Wer ist Galen/ der hier der kräuter krafft erdacht?
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Wer ist Demosthenes/ den alle redner lieben?
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Und wer Virgilius/ der tichter ruhm und pracht?
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Ich kenne keinen nicht hier seh’ ich alle schweigen/
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Wo nicht die schlange noch durch ihre kehle zischt;
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Hier seh ich keinen nicht den fuß noch scheitel neigen/
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Wo nicht ein truckner wind noch durchs gerippe gischt.
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Hier schau ich/ was wir seyn/ und was wir endlich werden;
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O anblick/ drob ich mich nicht gnug entsetzen kan!
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Kommt alle/ die ihr lebt auf diesem rund der erden/
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Und schant euch recht und wohl in diesem spiegel an.
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Hier könnt ihr rechte kunst und wahre weißheit lesen;
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Hier seht ihr euer bild fällt euer leben ein.
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Wie diese häupter stehn/ und diese glieder wesen/
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Wird endlich euer leib auch so vermodert seyn.
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Hier lieget schönheit gantz verdorret und verblühet/
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Auf welche mancher geist so grosse wunder setzt.
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Seht/ wie nur ungestalt aus iedem gliede stehet/
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Und ieder knochen hie von schlangen ist zerfretzt.
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Schaut doch dies kleine reich/ in das wir uns verstecken/
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Sind auch drey ellen wol desselben breit und läng’?
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O schlecht gebautes hauß! und doch must du uns decken;
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Die kleine todten-hütt ist keinem nicht zu eng.
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Laß nur/ gerechter GOtt/ mein end mich glücklich finden/
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Und bald zu diesem heer der leichen seyn gebracht!
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Doch/ seh’ ich das gesicht nicht wiederum verschwinden?
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Ja/ ja/ ich weiß genug: nun/ todten/ gute nacht!