Verzweifflungs-gedichte. C. H. v. H

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Verzweifflungs-gedichte. C. H. v. H (1697)

1
Die augen schloß ich traurig zu/
2
Die hände deckten meine stirne/
3
Ich war entblöst von lust und ruh/
4
Der kummer fühlte das gehirne/
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Bald wacht ich auff/ bald schlieff ich ein/
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Bald wolt ich tod und asche seyn/
7
Bald wünscht ich weit von hier zu leben;
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Und daß ja nichts sey unbekant/
9
So hat die thorheit/ meiner hand
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Papier und feder übergeben.

11
Auf auf mein sinn und du mein fuß/
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Ich kan nicht länger hier verziehen/
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Mein warten bringet mir verdruß/
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Ich wünsche von der welt zu fliehen.
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Ich spey auf scepter und auff gold/
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Man sey mir feind/ man sey mir hold/
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Es soll mich beydes gleich erquicken;
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Die liebe/ so uns närrisch macht
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Und uns bezwingt mit dicker nacht/
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Soll mir nicht den compaß verrücken.

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Ich lache/ wenn ich überhin
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Mein tummes leben überlege/
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Und diß/ worauf ich kommen bin/
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In den gedancken recht erwege/
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Mir zittern beydes marck und bein/
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Die stirne wird wie eyß und stein/
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Es will geblüt und geist erstarren;
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Genug geirrt/ genung geklagt/
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Den irrthum hat die zeit verjagt/
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Ich will nicht länger hier verharren.

31
Ich eil in eine weisse gruft/
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Die keine sonne hat berühret/
33
Und da die eingesperrte luft
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Uns zeitlich zu dem tode führet/
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Der schlangen gifft und drachen rauch/
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Der fülle nase/ brust und bauch/
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Und endlich meinen geist vertreibe/
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Auf daß die ausgedorrte brust
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Als eine recht bestimmte kost
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Für junger drachen zähne bleibe.

41
Und werd ich ja nicht hingericht/
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Durch schlangengift geschickt zu tödten/
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Will keine drachen-mutter nicht
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Mir freundlich seyn in meinen nöthen/
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So lauf ich in das heisse land/
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In welchem der entbrannte sand
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Nichts als die löwen will ernehren/
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Die werden endlich meine noth
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Und auch zugleich mein fleisch verzehren.

50
Und will mir weder gifft noch zahn
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Die seele von dem leibe scheiden/
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Ist nichts so mich verzehren kan/
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So mag dich doch nicht ferner leiden:
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Es soll mir diese schwache hand
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Sein wider meine brust gewand/
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Sie soll den schnöden leib durchstechen;
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Hat mich das faule blut geplagt/
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Und in viel grosse noth gejagt/
59
So bin ich fertig mich zu rächen.

60
Die haare gehn den bergen zu/
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Wenn ich erwege dieses leben/
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Bey welchem fröligkeit und ruh
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Verschworen hat mir platz zu geben.
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Ich bin ein todter der da geht/
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Ein gas so auf den füssen steht/
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Und ein verfaulter ohne bahre/
67
Ein brand von böser brunst gemacht/
68
Ein scheusal/ dessen ieder lacht/
69
Ein enger kram verachter wahre.

70
Und daß die feder nicht zu viel
71
Von meinem bösen leben sage/
72
So habe sie hiermit ihr ziel/
73
Ich will nicht daß sie ferner klage/
74
Mit diesem geht mein wallen an/
75
Wol iedem der da bleiben kan/
76
Mein wolseyn such ich im verderben.
77
Jhr guten freunde/ gute nacht/
78
Der wunsch sey euch von mir vermacht/
79
Mein leben mag mein feind ererben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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