Die andre Satyre. An den Herrn von Moliere. B. N

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die andre Satyre. An den Herrn von Moliere. B. N (1697)

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Berühmt und seltner geist/ der wegen seiner gaben
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Nicht weiß/ was ihrer viel für müh im dichten haben.
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Für dem Apollo selbst muß seinen schatz ausstreu’n/
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Und der gar wohl versteht/ was gute verse seyn.
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Erfahrner held in dem/ was witz und kunst ergründet/
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Moliere/ sage doch/ wie man die reimen findet.
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Man schwüre/ wenn du wilst/ so lieffen sie dir nach;
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So gar fließt ieder verß dir sonder ungemach.
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Du darffst nicht allererst viel in gedancken träumen/
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Denn was dein mund nur spricht/ das sind schon lauter reimen:
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Ich aber/ den der wahn und eine blinde macht
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Zur straffe/ wie es scheint/ aus reimen hat gebracht/
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Bekenne/ daß ich mich oft nur umsonst erhitze.
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Ich suche mehr/ als du; ich sinne/ denck und schwitze/
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Und spare weder früh noch abends meinen fleiß;
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Doch sagt das hertze schwartz/ so spricht die dinte weiß.
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Red’ in gedancken ich von einer hof-figure/
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So reimt mein feder-kiel darauff den abt von Pure.
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Fehlt mir ein grosser mann und dichter in dem schluß/
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So spricht der reim Kainant/ an statt Virgilius.
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Mit einem wort’: ich mag mich hin und her bewegen/
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So laufft mir dennoch stets das widerspiel entgegen.
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Weil ich mit aller müh nun nichts ersinnen kan/
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So denck’ ich weiter nicht für schmertz und eifer dran/
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Verfluche mit verdruß die geister/ die mich treiben/
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Und schwere tausendmahl/ nicht mehr ein wort zu schreiben.
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Doch wenn ich lange zeit den Musen-gott verflucht/
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So find ich offt den reim/ wo ich ihn nicht gesucht.
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Alsbald durchdringt die glut vom neuen meine glieder:
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Ich nehme/ doch mit zwang/ papier und dinte wieder/
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Vergesse meinen eyd/ und warte sonder ziel/
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Biß wieder nach und nach ein verßchen kommen will.
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Ach wäre doch mein geist nur nicht so undescheiden/
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Und könte wenigstens ein hartes beywort leiden;
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So wär ich auch vielleicht wie andre wörter-reich;
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Denn alles gülte mir alsdenn im reimen gleich.
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Rennt ich die Rosilis/ der erden lust und wonne/
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So setzt’ ich gleich darauff: schön/ wie die liebe sonne.
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Erhüb’ ich aber gar in versen einen held/
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So spräch ich augenblicks/ das wunder dieser welt.
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Und also dürfft ich nur von lauter wunder-dingen/
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Von himmel/ stern und licht und seltner schönheit singen:
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Und wenn ich nur fein offt so stoltze wörter-pracht
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Hätt’ ohne müh und kunst im dichten angebracht;
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Ja/ wann ich noch dazu der syllben thon verletzte/
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Und bald ein wörtgen hier/ das andre dahin setzte/
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So könten/ träff es gleich auch nur in stücken ein/
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Doch meine verse leicht Malherbens ähnlich seyn.
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So aber will mein geist sich leider! nicht bequemen/
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Er mag zum schlusse nichts/ als was sich schicket/ nehmen/
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Und kan unmöglich sehn/ daß meine redens-art
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Sich mit der zeile bloß des reimes wegen paart.
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Wenn er vier worte sagt/ läst er nur eines bleiben;
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So daß ich offt mein werck muß zwantzig mahl umschreiben.
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Verflucht sey doch der mann/ der bloß aus unbedacht
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Die ersten regeln hat im reimen auffgebracht:
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Der seiner reden krafft in zahlen eingeschräncket/
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Und sie nebst der vernunfft in solche noth versencket!
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Wär dieses handwerck nicht/ was hätt’ ich für gewinn?
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Die tage lieffen mir voll süsser stunden hin:
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Ich dürffte nichts mehr thun/ als singen/ trincken/ lachen/
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Und wie ein thumherr mich nach willen lustig machen.
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Ich könte ruhig seyn/ bey zeiten schlaffen gehn/
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Bey tage müßig seyn und ohne sorgen stehn.
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Und weil mein hertz ohndem zum grame sich nicht schicket/
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Ein feind der mißgunst ist/ die ehrsucht niederdrücket/
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Die stoltze gegenwart der grossen herren scheut/
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Und der Fortuna nicht im Louvre weyrauch streut.
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Wie glücklich wär ich doch/ wenn/ meine ruh zu stören/
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Nur das verhängniß mich nicht hätte reimen lehren.
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Allein seit dem der wahn/ den diese pest gebiehrt/
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Durch seinen nabel mir die sinnen hat gerührt/
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Und ein verdammter geist/ bloß seinen spott zu treiben/
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Mich auf den schluß gebracht/ recht wohl und rein zu schreiben;
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So sitz ich tag für tag bey einem wercke still/
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Verändre diß und das/ was sich nicht reimen will:
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Flick’ an und streiche weg/ und heb offt an zu fluchen/
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Daß mich die Musen nicht wie Pelletieren suchen.
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Beglückter Scuderi! du schwitzest nicht wie wir/
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Und bringest monatlich ein neues werck herfür.
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Zwar deine schrifften sind nichts als gemeine lieder/
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Ohn arbeit/ ohne kunst/ und der vernunfft zuwider:
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Allein sie treffen doch/ was man auch sagen kan/
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Viel narren zum verkauff und auch zum lesen an.
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Und endlich wenn der reim am ende richtig klinget/
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Was ist es denn nun mehr/ ob der verstand sich zwinget?
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Der ist in warheit wohl rechtschaffen arm und blind/
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Der seinen freyen geist an kunst und regeln bind’t.
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Ein narr hat tausendmahl mehr lust in seinem dichten/
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Er darff sich/ wenn er reimt/ nach keinen wörtern richten/
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Liebt alles/ was er macht/ und bildet selbst ihm ein/
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Daß er und seine schrifft die grösten wunder seyn.
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Allein ein hoher geist sucht nur umsonst auff erden/
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In dieser schweren kunst vollkommen klug zu werden.
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Er ist stets mißvergnügt ob dem/ was er verricht/
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Gefället aller welt/ nur bloß ihm selber nicht;
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Und da ein ieder mensch ihn preisen muß und lieben/
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Wünscht er zu seiner ruh: er hätte nichts geschrieben.
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Drum bitt ich nochmahls dich/ du fürst der dichterey/
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Moliere/ bringe mir die kunst zu reimen bey:
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Ist aber dieses dir unmöglich/ mir zu zeigen/
102
So lehre mich die kunst im reimen gar zu schweigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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