Der tugend ehren-ruhm bey absterben ihrer Freyherrl. excellenz des Hn. von Pufendorfs

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der tugend ehren-ruhm bey absterben ihrer Freyherrl. excellenz des Hn. von Pufendorfs (1697)

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Njm/ grosser Pufendorff! nicht ungenädig auff/
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Daß ich bey deiner bahr auch lasse thränen flüssen.
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Denn weil die wehmuth mich gantz aus mich selbst gerissen/
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So kan ich meinem schmertz nicht hemmen seinen lauff.
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Ich wünschte/ daß mein geist recht hoch sich könte schwingen/
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Und dir ein prächtig lied bey deinem grabe singen.

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Doch wird dein sanffter geist/ der nichts von schnöder pracht
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Und wort-geprängen hielt/ auch einfalt nicht verschmähen;
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Hat Artaxerxes doch das hertz nur angesehen/
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Als in der hand ein knecht ihm wasser hat gebracht.
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Drum gläntzt mein reim schon nicht von gold und edelsteinen/
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So gönne/ daß ich nur mag mit papier erscheinen.

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Ich seh/ daß Teutschland itzt legt flor und schleyer an/
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Und die gelehrte schaar empfindet leid und schmertzen/
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Als der dein todes-fall geht leider so zu hertzen/
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Daß sie vor traurigkeit sich kaum begreiffen kan.
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Sie steht bestürtzt/ erblaßt mit kläglichen geberden/
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Weil ihre klugen man trägt nach und nach zur erden.

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Was aber sag ich doch? ist Teutschland nur allein/
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Das dich/ o theurer mann/ bejammert und beklaget?
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Mich dünckt/ Europa selbst/ von dem du viel gesaget
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Und seinen staat erzehlt/ wird meistens traurig seyn;
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Denn weil dein hoher ruhm weit in der welt erklungen/
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So wird von musen auch dein tod ietzt weit besungen.

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Diß ist gewiß: daß du sein preiß gewesen bist/
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Mit dem es dieser zeit so herrlich könte prangen;
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In Norden ist durch dich ein solch licht aufgegangen/
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Das die gelehrte welt zum Pharus nun erkiest.
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Ich schweige! was itzund der Brennen land wird sagen/
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Da deines gleichen es nicht leichtlich wird erfragen.

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Zwar ist verwegenheit/ daß ich mich untersteh/
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Dein welt geprießnes thun zu rühmen und zu loben/
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Apelles wolte nicht vom schuster seyn erhoben/
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Als er sein urtheil schwang von schuhen in die höh.
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Drum machs ichs nach der art der Indianer-weisen/
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Die drücken ihren mund/ wenn sie was grosses preisen.

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Viel länder reisen durch/ viel sachen sehen an/
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Von künsten mancher art viel stunden herzuschwätzen/
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Und fast zu jedem ding ein wunder-wort zu setzen/
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Scheint zwar/ daß der was weiß/ doch offters wenig kan:
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Denn wenn es kömmt/ daß man was kluges her soll schreiben/
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Da muß ein plauder-held gewiß zu hause bleiben.

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Laufft in die alte zeit/ und schaut was Griechenland
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Vor männer zeigen kan/ die hochberühmt gewesen/
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Was Aristoteles und Plato euch läst lesen/
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Was vom Thucydides und Strabo ist bekant:
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Diß hat zwar wohl sein lob/ doch nicht/ so diesem gleichet/
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Was unsers seligsten gelehrter kiel erreichet.

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Sucht alte Römer auf/ und nehmt den Livius/
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So viel von selbigem noch übrig ist geblieben/
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Der fürsten psalter-buch/ was Tacitus geschrieben/
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Von dem der vorwitz stets was gleiches finden muß/
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So sich auf unsre zeit und unsern staat läst ziehen/
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Les’t ietzt den Pufendorff! ihr werdet jene fliehen.

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Es rühme Gallien den Gramond und Thuan/
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Den Serre/ den Mornay/ und andre kluge geister/
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Es poche Spanien/ Saavedra sey der meister/
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Der nur die könige staats-klugheit lehren kan;
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Es lasse Niederland den Meteran auffstehen/
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Auch selbst dem Grotius wird Pufendorff vorgehen.

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Was wunder! da dein geist allhier sich schwang so hoch/
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Und den verstand und witz kont allenthalben zeigen/
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Daß drauff die ehre dich hieß ihren thron besteigen?
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Denn stand kommt durch verstand; die tugend adelt noch.
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Wer mit verstande nur und tugenden kan prangen/
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Der wird auch mit der zeit so stand/ als gut/ erlangen.

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Der Gothen tapffrer Carl vertraute dir den staat/
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Nach diesem musten dich die Brennus-helden haben/
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Allwo dein kluger sinn und hohen geistes gaben
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Sich höchst-verwunderlich der welt gewiesen hat.
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Denn diese kan man recht vor grosse fürsten zehlen/
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Die kluge diener selbst sich wissen zu erwehlen.

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Zu Rom kam niemand vor in ehren-tempel ein/
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Der durch den tempel nicht der tugend war gegangen;
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Alsdenn so kont er erst des adels würd erlangen/
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Sie muste nicht durch geld und list erkauffet seyn;
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Denn tugend ist der stamm/ daraus der adel sprießet/
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Die quell/ aus welcher glück und aller wohlstand fließet.

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Es zehlt offt mancher zwar viel edler ahnen her/
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Er bläht sich drüber auff/ und pocht auff sein geschlechte/
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Blickt andre finster an/ als etwa seine knechte/
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Denckt: ob ein weiser ihm nicht gleich und edel wär?
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Wenn aber man von ihm nimt weg des adels nahmen/
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So ist sein zierrath hin; Er steht gleich wie die lahmen.

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Viel andre macht der Mars durch blutvergiessen groß;
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Doch/ wo nicht sind gepaart die feder und der degen/
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Vor denen welt und volck sich muß zu füssen legen/
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So steht der held nur halb/ und ohne degen bloß.
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Denn diß ist nicht genug den hut mit federn zieren/
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Viel schöner/ wer sie weiß auch in der hand zu führen.

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Wie aber? soll nicht der so gut als jener seyn/
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Der seinen adelstand durch tugend hat erworben/
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Als der/ der ihn geerbt von ahnen die gestorben?
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Man schätzt von höherm werth den neusten edelstein.
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Nach art und eigenschafft der sterblichen im leben/
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Sind diß die edelsten/ die nach dem höchsten streben.

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Zwar hat wohl immerzu kunst und geschickligkeit
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Das unglück/ daß zu ihr sich gern der neid gesellet/
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Der ihren ehren-ruhm verkleinert und vergället;
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Doch böser menschen thun besteht nur kurtze zeit/
101
Sie müssen insgemein selbst schlechten nachklang haben:
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Denn offt wird nahm und ruhm mit ihrer haut begraben.

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Ob schon die sonne selbst/ das auge dieser welt/
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Die uns viel gutes thut/ und alles lebend machet/
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Von völckern wilder art verflucht wird und verlachet/
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Auch von dem himmel offt mit wolcken gantz verstellt/
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Bleibt sie doch sonn/ und kan ihr nichts den ruhm entziehen/
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Ob fledermäuse gleich und eulen selbe fliehen.

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Drum wer will etwas seyn/ der zeige sich der welt
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Und thu wie du gethan/ gelehret und geschrieben;
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So wird man gleichfals auch ihn ehren/ loben/ lieben/
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Es ist ja nicht genug/ daß man nur urtheil fällt.
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Dort konte Momus zwar viel tadeln und verlachen/
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Doch aber selber nicht was schlechtes besser machen.

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Du stellst/ mein Pufendorff/ ein herrlich muster dar!
116
Dein unermüdter fleiß und feurige begierde
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Hat sich der welt gezeigt in recht vollkommner zierde/
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Und wiese/ daß an dir was mehr als edles war.
119
Staats-rechts- und weißheit-lehr/ beschreibung der geschichte/
120
Und sitten-kunst spielt ietzt von dir mit neuem lichte.

121
Ach ungemeiner geist! ach schmertzlicher verlust!
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Soll denn dein edler kiel schon feyer-abend machen/
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Und uns nicht ferner mehr beschreiben kluge sachen?
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Vergebens! denn der schluß des Höchsten spricht: du must!
125
Es achtet nicht der tod natur- und völcker-rechte/
126
Er raubt ohn unterscheid die herren wie die knechte.

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Gott theilt zwar iedes ding nach maaß und zahlen ein;
128
Doch unser vorwitz hat noch nicht gewiß ergründet/
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Warum manch mensch sein end im staffel-jahre findet
130
Und neun und sieben ihm gefährlich sollen seyn?
131
Daß neun und viertzig meist und drey und sechzig jahre
132
Die klugen mehrentheils gebracht zur todten-bahre.

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Betrübte/ derer hertz in blut und thränen schwimmt/
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Daß euer ehgemahl und vater ist erblasset;
135
Hemmt eure traurigkeit/ wo ihr euch selbst nicht hasset!
136
Wohl dem! der aus der welt so rühmlich abschied nimt/
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Und vor dis jammerthal den himmel kan ererben;
138
Es bleibet doch dabey: wir müssen alle sterben.

139
Was ist das leben doch? nichts als gebrechlich glaß;
140
Ein nebel/ wie diß wort wird umgekehrt gelesen/
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Der unvermerckt verraucht/ als wär er nie gewesen;
142
Ein meer voll angst und leid; ein leicht verdorrend graß;
143
Ein schau-platz/ den der mensch mit thränen muß beschreiten/
144
Und die abtretende auch thränende begleiten.

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Drum stellt das klagen ein/ was geist und leben schwächt/
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Und doch nicht mächtig ist die leichen auffzuwecken!
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Es lebt der seligste nun sonder qual und schrecken/
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Und hört von engeln ietzt ein göttlich völcker-recht:
149
Er sitzt nunmehr bey GOtt in diamantnen zimmern/
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Wo pracht und herrligkeit wird sonder ende schimmern.

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Was weint ihr? weinet nicht! wischt eure wangen ab!
152
Gott der die wunden schlägt/ der wird sie auch verbinden/
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Und wider euren schmertz ein heilsam pflaster finden.
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Er bleibt der wittwen trost/ der waysen schutz und stab.
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Gönnt nur dem seligsten/ daß er vorangegangen/
156
Er wird euch einst im reich der herrligkeit empfangen.

157
Nun schlaff mein Pufendorff! schlaff biß an grossen tag.
158
Ach wie viel angst und noth wirst du doch noch verschlaffen/
159
Kein donnrend feld-geschrey/ kein schwirren grauser waffen
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Ist mächtig/ daß es dir die ruhe stören mag.
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Man klagt daß deine hand den frieden nicht beschreibet;
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Du aber lebst bey GOtt/ wo ewig friede bleibet.

163
Betrübte stehet auf! last uns von hinnen gehn!
164
Die sonne sinckt zur ruh/ kommt aber morgen wieder.
165
Legt buch und ehren-schild itzt bey dem grabe nieder!
166
Des ruhmes güldne fahn soll bey den sternen stehn;
167
Und glaubt: so lange noch die welt wird bücher schreiben/
168
Wird Pufendorffes lob und nahm unsterblich bleiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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