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Ich schreibe/ seligster/ von lieb und treu getrieben/
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Wo anders thränen-saltz kan schwartze dinte seyn?
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Denn diß ist nur allein von allem übrig blieben/
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Was dir mein hertze kan auf deine leiche streun.
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Ach freund! was aber freund? ach kern gerechter seelen!
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Wird so die redligkeit auf erden unterdrückt?
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Was wunder/ daß mein trost in deines grabes hölen/
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So wie der sonnen glantz bey trüber lufft erstickt?
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Du bist von jugend auf der ulmen-baum gewesen/
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An dem mein auge so wie grüne reben hieng/
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Der spiegel/ der mich oft von weitem lassen lesen/
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Wie die verlarvte welt mit flecken schwanger gieng.
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Denn dieses ist und bleibt der freunde bestes zeichen/
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Beysammen voller frucht wie dattel-bäume stehn/
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Am wesen aber sich den reinen sternen gleichen/
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Und ohne schminck und fleck stets von einander gehn.
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Die meisten haben zwar mit hermelinen fellen
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Jhr hertze/ wie der schnee mit schimmer/ sich bedeckt;
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Wenn aber sonn und zeit sie auf die probe stellen/
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So sieht man/ daß auch nur in beyden kälte steckt.
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Du hast/ gleich wie ein blat von pommerantzen-zweigen/
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Die zung und auch das hertz beysammen stets geführt;
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Ich aber offt mehr lust aus deinem treu-bezeigen/
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Als ein granaten-baum bey myrthen krafft/ gespührt.
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Jedoch was nenn ich mich? Brieg hat dich auch verlohren.
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Denn thau und sonne sind vor einen garten nicht/
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Die besten mandeln nicht vor einen mund gebohren/
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Und kluge köpffe nur vor alle zugericht.
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Drum war dein meistes thun/ dem lande recht zu dienen/
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Dem oberherren treu/ den gleichen hold zu seyn/
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Und unter schweiß und müh/ wie arbeits-volle bienen/
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Die undanck-volle welt mit honig zu erfreun.
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Und warlich nicht umsonst. Denn rath und bürger wissen/
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Was deine redligkeit vor proben abgelegt/
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Was du vor knoten offt durch deinen witz zerrissen/
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Und vor bescheidenheit den untern eingeprägt.
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An palmen-bäumen ist sonst alles zu gebrauchen;
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Dein gantzer lebens-baum war voller nutzbarkeit/
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Und hat/ wenn andere wie Sodoms frucht verrauchen/
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Die meisten äpffel offt beym kummer ausgestreut.
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Was preiß ich aber noch die kinder deiner sorgen?
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Was rühm ich ärmster hier den irrdischen verstand?
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Da sich dein hertze doch/ wie blumen ieden morgen
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Zur sonnen/ von der welt dem himmel zugewandt.
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Denn müh und arbeit gleicht nur einer purpur-schnecken/
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Die eh das edle zeug der perlen nicht gebiehrt/
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Biß sie vom morgen-thau kan safft und zucker lecken/
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Und ihr der himmel selbst die schwache geister rührt.
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So geht es auch mit uns. Wir sorgen nur vergebens/
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Und bringen nichts als schmertz und thränen zu der welt/
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So lange durch gebet der seegen unsers lebens/
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Wie muscheln ihre krafft/ nicht von dem himmel fällt.
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Dein hertze/ seligster/ ließ alle menschen lernen/
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Daß GOtt und andacht nur der ehren wachsthum seyn/
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Drum goß sein gnaden-licht/ gleich wie die sonne sternen/
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Auch deiner matten brust stets frische nahrung ein.
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Wie aber trifft man doch in reinen paradiesen
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So leichtlich eine brutt von falschen schlangen an?
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Du hast der erden nichts als redligkeit bewiesen/
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Dir hat man nichts zuletzt als falschheit angethan.
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Verfluchte danckbarkeit! was soll ich weiter schreiben?
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Gantz Brieg weiß/ wie du hier dein leben zugebracht.
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Drum gönne/ weil dein ruhm doch wird auff erden bleiben/
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Daß dir mein hertze nur noch diese grabschrifft macht:
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Zwey freunde ruhen hier/ der eine in gedancken/
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Der ander aber schon warhafftig in der that.
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Zur lehre sterblichen: daß ihrer liebe schrancken
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Auch noch der blasse tod nicht unterbrochen hat.