Trost aus anderer unglück/ an den Hn. ge- heimten Rath von Canitz/ bey dem verluste seiner eh-gemahlin/ Dorothea Eme- rentia von Arnimb. † † †

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Trost aus anderer unglück/ an den Hn. ge- heimten Rath von Canitz/ bey dem verluste seiner eh-gemahlin/ Dorothea Eme- rentia von Arnimb. † † † (1697)

1
So ungeneigt ich auch zum schreiben/
2
Kanst du dennoch/ betrübter freund/
3
Indem dein treues auge weint/
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Von mir nicht ungetröstet bleiben.
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Ich rühre/ wie du mir gethan/
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Mitleidig deine wunden an.

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Dir wird dein eh gemahl entrissen.
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Was dir der tod mit ihr entwandt/
9
Ist beydes hof und stadt bekandt;
10
Doch wer kan deinen kummer wissen?
11
Weh dem! den die erfahrung lehrt/
12
Wie sehr dich dieser fall beschwert.

13
Als GOtt/ das erste weib zu bauen/
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Die ribbe/ davon Eva kam/
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Aus Adams seiner seiten nahm/
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Must’ Adam diesen riß nicht schauen.
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Er schlieff/ weil ihm zu weh geschehn/
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Dergleichen schmertzen auszustehn.

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O! wer begreifft dann itzt das leiden/
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Da wir das schon erbaute weib/
21
Und mit ihr unser seel und leib/
22
Sehn in das grab auf ewig scheiden!
23
Da man uns/ wer es nur erkennt/
24
Wie mitten von einander trennt.

25
Gewiß/ die von den frauen sagen:
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Daß sie die unruh/ die man spührt/
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Zum ersten in die welt geführt/
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Die solten deinen jammer tragen.
29
Denn diß gespötte wird nicht wahr
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Als auf der frauen todten-bahr.

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Zum minsten ist der tod der deinen
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Die allererst- und letzte that/
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Womit sie dich betrübet hat/
34
Und wodurch du hast lernen weinen.
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Die unruh/ die sie dir gebracht/
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Ist/ daß sie dich zum wittwer macht.

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Man weiß wie liebreich sie gewesen/
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Wie fromm/ wie gütig/ wie erfreut;
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Und ihres hertzens mildigkeit
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Kont man aus ihren augen lesen.
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Diß aber alles wieß sie dir
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Mit so viel hertzlicher begier.

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Viel/ die sich vor der ehe scheuen/
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Begunten/ wenn sie euch gesehn/
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Von ihrem dünckel abzustehn/
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Und in gedancken schon zu freyen.
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Ich aber sah auff euer glück
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Mit einem sorgens-vollen blick.

49
Ich dacht’/ o höchstbeglückten beyde!
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Doch machte mein verlust mir bang.
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Seyd glücklich/ sprach ich; doch wie lang!
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Wie bald stört euch der tod die freude?
53
Was hilfft euch dann die gute wahl/
54
Je süsser eh/ je grösser qual!

55
Ein weib kan alle tugend haben/
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Auch schönheit/ stand und überfluß;
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Und würcket dennoch nur verdruß
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Mit allen ihren vorzugs-gaben:
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Wenn nemlich sie voll übermuth/
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Bey ihrer tugend trotzig thut.

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Dir war die deine so ergeben/
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Als wenn in ihr kein wille wär’/
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Als sucht ihr gantzer wunsch nichts mehr/
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Denn deinem völlig nachzuleben.
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Was dir beliebig und bequem/
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War ihr durchgehends angenehm.

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In freuden war sie dein vergnügen/
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Jm trauren deine trösterin.
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Wie wuste sie dich abzuziehn/
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Und aller unlust vorzubiegen?
71
Wie machte sie es noch den tag/
72
Als Blumberg in den aschen lag.

73
Jhr saht das halbe gut verbrennen/
74
Das vorspiel leider! deiner nöth/
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Worinn dich nun gestürtzt ihr tod!
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Doch war es kaum bey ihr zu kennen.
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Die klage lieff von hauß zu hauß/
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Nur ihr saht unbekümmert aus.

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Ja selbst der tod mit seinem schrecken/
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Als er sich endlich eingestell’t/
81
Vom brandte gleichsam angemeld’t/
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Kont’ ihr doch keine furcht erwecken.
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So ruhig wie sie pflag zu seyn/
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Schlieff sie auch in dem sterben ein.

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Sie sprach: seht ihr nicht daß ich schlaffe?
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Und schloß darauff die augen zu.
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Sie starb/ als gienge sie zur ruh/
88
Und litte nicht der sünden straffe.
89
Die freundlichkeit verließ auch nicht
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Jhr schon erblastes angesicht.

91
Kaum kan ich mich hierbey erwehren/
92
Die thränen netzen meine schrifft.
93
Wie aber muß dann/ den es trifft/
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Dich/ werther freund/ diß leid verzehren!
95
Der du in ihr/ die du verlierst/
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Die güte selbst zu grabe führst!

97
Man kennt dich von den welt-geschäfften/
98
Die du so rühmlich überstrebt.
99
Man weiß/ wie standhafft du gelebt/
100
Und nun bist du von allen kräfften:
101
Weil nemlich/ was dich ietzt ergreifft/
102
Das hertze trifft/ und überhäufft.

103
Du bist von den belebten feelen/
104
Die zur empfindligkeit geneigt/
105
Und von der musen brust gesäugt/
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Sich mehr als grobe sinnen quälen:
107
Dieweil je zärter ein gemüth/
108
Je mehr und weiter es auch sieht.

109
Sag’ ich: du soltest dich besinnen/
110
Was noch für trost dein leiden hat/
111
Das beyleid dieser gantzen stadt/
112
Ja zweyer grossen Churfürstinnen.
113
Sprichst du: ein trost von solcher höh
114
Rechtfertige vielmehr dein weh.

115
Sag’ ich: daß von den sieben erben/
116
Das liebste pfand von ihrer treu/
117
Dein sohn dir überblieben sey:
118
Siehst du in ihm sie täglich sterben.
119
Indem ihr bildniß/ das er trägt/
120
Dir ihren tod vor augen legt.

121
Sag’ ich denn/ dich vergnügt zu machen/
122
Sie schlaffe/ wecke sie nicht auf/
123
Durch deiner thränen steken lauf:
124
So wartest du/ sie soll erwachen.
125
Doch wenn der neue morgen tagt/
126
Wird sie viel hefftiger beklagt.

127
Dermassen weiß ich nichts zu finden/
128
Wodurch dein schmertz zu stillen sey.
129
Die wunden sind noch allzu neu/
130
Und nur die zeit muß sie verbinden.
131
Zumahl dein kummerreicher geist
132
Sie immer weit und weiter reist.

133
Jedoch/ wofern ich was soll rathen/
134
Weil doch mein unfall mich geübt:
135
Verlaß den ort/ der dich betrübt/
136
Und sieh dich um in fremden staaten:
137
Vielleicht wird deine traurigkeit/
138
Wo nicht vertrieben/ doch zerstreut.

139
Du kanst ohn diß/ in diesem stande/
140
Bey uns nicht bleiben/ wo du bist.
141
Der tod hat hier dem hauß verwüst’t/
142
Das feuer aber auf dem lande.
143
Wohin sich nur dein auge kehrt/
144
Liegt alles einsam und verstört.

145
Zeuch hin/ weil noch der schmertz am größten/
146
Wo der berühmte Grävius/
147
Wo Spanheim/ Brockhuß/ Francius/
148
Den grossen König Wilhelm trösten:
149
Der eine Königin bedaurt/
150
Um welche gantz Europa traurt.

151
Es klagen so viel nationen/
152
Als stürb in ihr zugleich dahin
153
All dieser völcker Königin:
154
Doch muß ihr wittwer es gewohnen.
155
Was einen solchen trösten kan/
156
Nimt billiger dein leiden an.

157
Bist du nun/ wo die musen hausen/
158
Auf der Bataver Helicon;
159
Wirst du vielleicht nicht weit davon
160
Auch die carthaunen hören sausen:
161
Wo gleichsam sich die halbe welt
162
Zu streit und kriegen eingestellt.

163
Da wird der held/ von dem wir sprechen/
164
Den kummer/ der ihn traurig macht/
165
Wo nicht in einer strengen schlacht/
166
Dennoch an einer vestung brechen:
167
Und so mir recht ist/ hört man schon
168
Vor Namur seinen donner-thon.

169
Was dünckt dich bey den dicken wällen/
170
Den steilen felsen/ da sie stehn/
171
Den mauren/ die kaum abzusehn:
172
Solt’ einen hier auch etwas fällen?
173
Voraus/ da Boufler sie beschützt/
174
Und zwischen hundert stücken sitzt.

175
Gieb acht/ die dort ihr lager schlagen/
176
Die rüsten sich in diese klufft/
177
So hoch erhaben in die lufft/
178
Den tod durch feur und schwerdt zu tragen:
179
Und brechen würcklich durch den stein
180
Von allen eck- und seiten ein.

181
Da wird ein gantzes werck ersteigen/
182
Und hier ein halber thurm gesprengt:
183
Da sieht man freund und feind vermengt/
184
Bey tausenden darnieder liegen.
185
Des siegers und besiegten fall
186
Füllt in- und ausserhalb den wall.

187
Und zwar wilst du bekandte suchen/
188
Besieh der Brandenburger schaar.
189
Wie drängen die sich zur gefahr/
190
Daß auch die Frantzen auff sie fluchen/
191
Als wenn von ihrer seiten her
192
Der tod noch eins so gräßlich wär.

193
Allein/ indem sie auffwerts klimmen/
194
Und an den fels wie gemsen ziehn;
195
Klagt manches stamm-hauß in Berlin:
196
Daß ihrer viel im blute schwimmen/
197
Und mancher/ der uns lieb gewest/
198
Den geist hier in die lüffte bläst.

199
Ja selbst die stadt mit ihren mauren
200
Zerfällt und sinckt in asch’ und grauß.
201
Ist in derselben auch ein hauß/
202
In welchem man nicht höre trauren?
203
Zumahl da öffters weib und kind
204
Zugleich mit auffgeflogen sind.

205
Bey so viel unzehlbaren leichen/
206
Mit maur und wall dahin gestreckt;
207
Was meynst du/ wirst du nicht erschreckt/
208
Dein leid mit dieser fall vergleichen?
209
Und finden gegen ihrer last/
210
Daß du gar nicht zu klagen hast.

211
Wie dürfftest du vom tode klagen/
212
Wo sterben ein geringes ist?
213
Diß/ warum du bekümmert bist/
214
Sieht man auff allen gassen tragen:
215
Wenn nur nicht/ an des grabes statt/
216
Das hauß sie überschüttet hat.

217
Wie viel sind hier zu wittwen worden/
218
Wie vielen stirbt der gantze stamm?
219
Was dir der tod geruhig nahm/
220
Fällt hier durch lauter schwerdt und morden/
221
So daß auch öffters die gebein
222
Der todten nicht zu finden seyn.

223
Als dorten gar kein trost zu hoffen/
224
Da Tullius sein kind verlohr/
225
Hielt man ihm die verwüstung vor/
226
Die damahls Africa betroffen/
227
Und welche durch des raubes hand
228
Die gantze gegend umgewandt.

229
Wenn du diß wirst vor Namur finden/
230
Alsdann wird deine kümmerniß/
231
Zum wenigsten so lang gewiß/
232
Als du vor Namur bist/ verschwinden:
233
Wie sich ein kleiner fluß verliert/
234
Wenn er sich in das meer geführt.

235
Alsdann wirst du/ nach allen fällen/
236
Die du vor Namur siehst und hörst/
237
Wenn du nun wieder zu uns kehrst/
238
Dir auch Berlin vor augen stellen:
239
Und da auch finden/ was dein leid
240
Durch fremde traurigkeit zerstreut.

241
Da wird sich (derer zu geschweigen/
242
So Namurs sturm dahin gerafft)
243
Selbst deines Fürstens leidenschafft
244
Und seines nechsten dieners zeigen:
245
Der/ wie sein Fürst/ durch gleichen schluß
246
Um einen bruder trauren muß.

247
Da wird dir (wilst du wittwers haben/)
248
Dein Below zum exempel stehn.
249
Da wirst du einen Kniphauß sehn/
250
Der gar drey leichen muß begraben:
251
Und Lottum/ dem der tod entreist/
252
Was selbst der neid unschätzbar heist.

253
Da wirst du endlich auch erfahren/
254
Wie alles trauren ohne frucht:
255
Wie ich/ der dich zu trösten sucht/
256
Mich leide seit so vielen jahren;
257
Und den verlust/ den ich gethan/
258
Die zeit auch nicht ersetzen kan.

259
O laß doch zu/ daß bey dem singen/
260
Von deiner Arnimb süssen eh/
261
Ich einmahl noch mein herbes weh/
262
Die Kühleweinin laß’ erklingen!
263
Vielleicht/ in dem ich solches thu/
264
Vergist du dich/ und hörst mir zu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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