Liebes-schreiben Graf Rudolphs an die Leonore

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Liebes-schreiben Graf Rudolphs an die Leonore (1697)

1
Ein blat/ das von der lust der liebe fast geschwollen/
2
An dem ich armer selbst das feste siegel bin/
3
Und was ich sonsten kan in diesen zedel rollen/
4
Fällt/ Leonore/ dir zu demen füssen hin.
5
Nicht frage was es will: mein hertze steht dir offen/
6
Komm schaue diß nur selbst mit frischen augen an?
7
Drum laß ihm auch ein theil von deiner wehmuth hoffen/
8
Und dencke/ daß ich itzt nicht anders schreiben kan.
9
Ich darff nun weiter nicht geschminckte worte führen/
10
Wie purpur und scarlat von deinen lippen lacht:
11
Wie deiner augen blitz kan alle glieder rühren/
12
Und sterne selber offt zu blassen fackeln macht.
13
Die schönheit läst sich nicht in enge federn zwingen/
14
Ein schimmrend antlitz ist vor pinsel auch zu groß:
15
Gnug/ daß die geister noch durch alle nieren dringen/
16
Durch die der liebe strom in meine lenden schoß.
17
Der schmertz hat der gedult den zügel abgerissen/
18
Ich schliesse mich nicht mehr in blinde circkel ein:
19
Und wilt du noch ein wort von deinem Rudolph wissen;
20
Er will dein schlaff-genoß und auch dein liebster seyn.
21
Nicht tädle vor der zeit das lüstrende beginnen/
22
Der kitzel/ der mich sticht/ ist deiner liebe kind.
23
Wie soll ich armer denn auff fremde mittel sinnen/
24
Weil man die beste kost doch bey der mutter findt.
25
Du läst ja selber glut zu meinen ampeln schiessen/
26
Dein brennend öle flammt auch meine kertzen an:
27
So laß denn auch den thau um meine glieder fliessen/
28
Der durch beperlte krafft die flammen kühlen kan.
29
Die liebe läst sich nicht durch stumme seuffzer dämpffen/
30
Ein abgeschmackter kuß führt schlechte liebligkeit:
31
Und wer sich selber will durch stille glut bekämpffen/
32
Hat feuer zwar geschöpfft/ nicht aber ausgestreut.
33
Darffst du doch nicht die bahn durch deinen fehler brechen/
34
Die mutter hat es schon vor diesem auch gethan/
35
Und Eva schaute selbst/ ohn alles widersprechen/
36
Das kinder-bette vor/ als ihre hochzeit/ an.
37
Die freuden-feste sind nur menschliche gesetze/
38
Da man die gäste satt/ den priester reicher macht.
39
Was hat der pöbel nicht durch flattrendes geschwätze
40
Vor missethaten offt aus reiner lust erdacht?
41
Wir irren in der welt auff feder-weichen stegen/
42
Der glaube legt uns offt vor rosen dörner bey/
43
Und die gefahr wird noch die blinde furcht erregen/
44
Daß auch kein liljen-blat mehr ohne disteln sey.
45
Hier soll die zunge sich vor manchem offt entsetzen/
46
Dort stöst der eckel uns aus crystallin empor/
47
Hier will ein schwartzer blick die sonne selbst verletzen/
48
Und stellt das reinste gold mit trüben farben vor/
49
Die bücher wollen uns zu mammelucken machen;
50
Wer aber kennet nicht den zunder der natur?
51
Muß nicht noch alle welt der stillen anmuth lachen/
52
Die Cäsar auff der brust Cleopatrens erfuhr?
53
Selbst Masanissa liegt zu Sophonisbens füssen/
54
Und Alexander fiel vor seine feindin hin:
55
Drumb wird der pöbel leicht den fehler bergen müssen/
56
Daß ich in deinen schoß/ mein schatz/ gesuncken bin.
57
Laß nur die blöde furcht dich länger nicht erschrecken/
58
Reiß der entbrandten lust die schwache fessel loß/
59
Und zeige was den geist vor dünne tücher decken/
60
Der mit dem leben dir in alle glieder floß
61
Du wirst es selber wohl an deiner brust empfinden/
62
Was vor ein süsser dampff aus ihren bergen quillt/
63
Wenn flammen/ lufft und schnee mit ambra sich verbinden/
64
Und der beseelte platz von reinem winde schwillt.
65
Kein funcke spielt umsonst von den bemilchten wangen/
66
Die früchte sind dir nicht vergebens angepfropfft/
67
Und dein verliebter geist hält selber sich gefangen/
68
Dafern du der natur die quelle zugestopfft.
69
Auch liljen reissen wir in grüner jugend nieder/
70
Aus rosen presset man erst nach der blüthe safft/
71
Und tulipanen blühn mit gleicher anmuth wieder/
72
Wenn ein erwünschter bruch der wurtzel lufft geschafft.
73
Wer läst den reben nicht die blätter vor beschneiden?
74
Welch garten rühmet sich wohl fremder arbeit nicht?
75
So muß sich die natur auff ihren auen weiden/
76
Biß der verliebte zeug in volle kräffte bricht.
77
Die ströme müssen selbst aus ihren adern rücken.
78
Ein zugedeckter brunn ist keiner augen werth/
79
Und einen schönen ort mit schweren schlössern drücken/
80
Heist stuben zwar verwahrt/ nicht aber ausgekehrt.
81
Nun ach/ bedencke dich/ entlarve die gedancken/
82
Und schaue dich noch eins als Leonoren an/
83
Denn mache selbst den schluß/ ob meine feder wancken/
84
Und mein beglückter fuß auff wolle straucheln kan.
85
Ich fühle schon den dampff der balsamirten lüste/
86
Der kützel schmecket schon den zucker dieser zeit/
87
Und jede regung lehrt/ wie deine marmel-brüste
88
Selbst himmel und natur mit nelcken überstreut.
89
Ich falle gantz umgarnt zu deinen liebes-füssen/
90
Und stelle mich als knecht auff deinen willen ein;
91
Doch dencke biß dabey/ daß trauben zwar verflüssen/
92
Und mandeln öffters auch für treue sclaven seyn.
93
Der kützel/ den die lust wird in die glieder treiben/
94
Hegt/ werthes kind/ vor dich auch moscateller-safft/
95
Ein augenblick soll dir auff deine rosen schreiben/
96
Daß allzu grosse brunst auch grosse kühlung schafft.
97
Mehr wird die gegenwart von deiner huld geniessen:
98
Ein offt erregtes wort bekrönet nur die that:
99
Doch glaube/ wo du läst zinnober auff mich fliessen/
100
Daß Rudolph perlen-milch vor deine flammen hat.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.