An die Florette. B. N

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: An die Florette. B. N (1697)

1
Florette soll ich denn in flammen untergehn?
2
Ist nichts als kalter schnee in deiner brust zu finden?
3
Kan sich dein purpur-munb mit hitze nicht verbinden?
4
Und sieht man auch den neyd auff reinen wangen stehn?
5
Ach! schaue dich doch selbst mit andern augen an!
6
Der schönheit fürniß kan nicht ewig farbe fassen/
7
Dein schimrend waßer wird/ wie trübe glut/ erblassen;
8
Denn iede stunde zeigt/ wie sie dir trotzen kan.
9
Was heute carmasin und scharlach überdeckt/
10
Wo muschel und corall um alabaster gläntzen/
11
Was himmel und natur mit rosen-schein umkräntzen/
12
Wird morgen durch das gifft der trüben zeit befleckt.
13
Der frühling wird dir nicht stets um die lippen stehn/
14
Der beste nelcken-strauch wird endlich hingerißen/
15
Und deine blumen sind nur flüchtige nareißen/
16
Die heute prächtig blühn/ und morgen untergehn.
17
Dem sommer folgt der herbst/ dem herbste winters-zeit/
18
Florette dencke selbst/ wie deine früchte reiffen;
19
Ach! laß sie/ werthe/ doch den winter nicht ergreiffen/
20
Ein frischer apfel giebt die beste liebligkeit.
21
Schleuß deinen garten auff/ weil dich der himmel liebt/
22
Ein rebenstock ist ja für menschen aufgeschoßen/
23
Was hilfft ein süsser trunck/ der keinen mund befloßen?
24
Was nützt granaten-frucht/ die keine kerne giebt?
25
Ein weib das fleisch und blut in ihrem busen trägt/
26
Und doch die jungfrauschafft will lebendig begraben/
27
Ist werth/ wenn schlang und wurm den leib gefressen haben/
28
Daß man ihr diese schrifft auf ihren leich-stein prägt:
29
Hier lieget pech und stroh/ das keine flammen fing/
30
Ein schweflicht wesen/ das beym feuer nicht entbrante/
31
Ein zunder-voller leib/ der keine glut erkante/
32
Ein glantz/ der in der lufft wie trüber rauch verging:
33
Ein brunn der seine quell in feste mauren schloß/
34
Ein balsam/ den wir nur von weitem angerochen.
35
Ein süsser citronat/ den keine faust gebrochen.
36
Ein artzt/ der seine krafft auff kalte tücher goß.
37
Ein bunter blumen-platz/ den ieder nur beschaut.
38
Ein feld/ das weder pflug noch schare durchgeschnitten.
39
Ein wolgeziertes pferd/ das keinen sporn erlitten/
40
Und wie Bucephalus dem schatten kaum getraut.
41
Ein himmel/ der nur schmertz und keinen trost gebahr.
42
Ein amber-voller kram/ der keinem feil gewesen/
43
Und will man alles hier aus einer zeile lesen:
44
Hier liegt ein todes mensch/ das keine menschin war.
45
Jm leben wolte sie die Juno selber seyn/
46
Jhr mund vermählte sich mit schimmrenden rubinen/
47
Jtzt muß ein kahler sarg zum trauer-zimmer dienen/
48
Und schliest den gantzen rest in diese breter ein.
49
Florette schreckt dich nun die schwartze grabes-schrifft/
50
So lerne/ schönste/ dich doch selber recht erkennen/
51
Laß auch die liebes-glut in deiner brust entbrennen/
52
Und meide mit bedacht das trübe todtes-gifft.
53
Das bette steht dir mehr als schwartze bahren an;
54
Der kittel wird dich nicht so wie die federn zieren/
55
Das alter soll den tod/ die jugend lüste spüren/
56
Weil sich der sommer nicht mit kälte schwistern kan.
57
Ein schatten volles grab hegt schlechte lebens-lufft/
58
Man kan der lippen ruhm nicht vom gerippe lesen:
59
Und was dein purpur-mund und deine pracht gewesen/
60
Zeigt nur dein ebenbild/ und keine todten-grufft.
61
Was ist die jungfrauschafft? ein schlechtes rosen-blat/
62
Das mit dem alter auch die kräffte läst verschwinden/
63
Da pracht und zierde sich auff kurtze zeit verbinden/
64
Und der beliebte glantz bestimmte stunden hat.
65
Ein kurtzer augenblick reist alle sonnen ein/
66
Kein schimmer kan so bald/ als diese glut erblassen/
67
Und daß wir mit der zeit das leben selber hassen/
68
Komt/ daß wir in der zeit zu faul gewesen seyn.
69
Wol der/ die schertz und lust in stiller andacht treibt/
70
Die nichts als nectar läßt um ihre lippen lachen/
71
Und das verliebte spiel der kleinen wundersachen
72
Durch zucker-süsse krafft auff alabaster schreibt.
73
Die kan/ wann muth und krafft von winden untergehn/
74
Wenn auge/ mund und hertz wie trüber dampff verstreichen/
75
Und der entseelte leib im grabe muß erbleichen/
76
Doch in dem Contrafait der zarten kinder stehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.