Abriß eines verliebten. C. H. v. H

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Abriß eines verliebten. C. H. v. H (1697)

1
Er ist ein krancker/ den ein sinnlich fieber plaget/
2
Ein jäger/ so allzeit auf einem hirsche jaget/
3
Ein wetterhan/ der stets nach einem winde steht/
4
Ein schif/ so ungehemmt nach Cypris hafen geht.
5
Ein märterer der brunst/ den freund und feind belachet/
6
Ein Morpheus/ der ihm selbst bey tage träume machet/
7
Ein arm gefangener/ der seine feßel liebt/
8
Und seinen hencker ehrt/ wenn er ihm streiche giebt.
9
Ein Aetna/ der voll glut/ läst flut und ströme fließen/
10
Ein hungriger/ der bloß wil rohes fleisch genießen/
11
Ein welt Sebastian/ den Venus schütze trifft/
12
Ein rechter Adams-sohn/ den frauen-hand vergift.
13
Ein wirth/ ein ander kind/ läst ernste sachen fahren/
14
Ein haar/ ein altes band/ sind seine besten wahren/
15
Jtzt baut er etwas auf/ itzt reist ers wieder ein.
16
Jtzt muß Democritus der sitten meister seyn/
17
Jtzt ist es Heraclyt. Das hertze/ so er führet/
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Vergleicht sich dem metall/ das ein magnet gerühret.
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Sein himmel ist ihr haupt/ die erd ist ihre schoos.
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Hier anckert seine lust/ es wird der erden kloß
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Der überweißte koth dem himmel vorgesetzet/
22
Und ist ihr auge mehr als Venus selbst geschätzet.
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So wundre ich mich nicht/ daß man das weib veracht/
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Weil sie die erste pein zu erst hat aufgebracht.
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Sein essen ist ein kuß/ sein tranck sind heisse thränen/
26
Die zeit verjaget er mit seufftzen und mit stehnen.
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Und wann ihm etwan träumt/ wie er die liebste find/
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So hat er nichts als luft/ und küsset nichts als wind.
29
Denn träume/ buler/ wind sind gleiches thuns gesellen;
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Sein schlaffen darf er nicht nach einem wecker stellen;
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Indem die weckerin/ so in dem hertzen steckt/
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Jhn besser/ als er wünscht/ aus seinem schlaff erweckt/
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Und seinen schmertzen rührt. Zu dornen wird das bette/
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So wachet er mit dem im lager in die wette/
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Und führt der thränen strom um seine wangen her/
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Bald wil er aus der welt/ bald wil er über meer/
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Und muß doch wie zuvor in seinem hause bleiben/
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Muß lernen/ wie sein rath nicht stetig wil bekleiben.
39
Wie erstlich bulerey und die gewölckte nacht
40
Auf anschlag/ aber nicht auf ausschlag ist bedacht;
41
So läst er ohne ruh sich fremde sachen lencken/
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Läst in gesunder haut sich seine schwachheit kräncken/
43
Liebt nacht und finsterniß bey sonne und bey licht;
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Ist wie ein schweres schiff/ dem der compas gebricht.
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Und daß ich nicht zu viel von einer sache sage/
46
Die allen ist bekandt als allgemeine plage/
47
So muß der vorhang weg. Das mahlwerck ist vollbracht/
48
Hier hat der mahler selbst sein ebenbild gemacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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