Streit der jungen und alten jungfern/ welchen von beyden der vorzug gebühre. Vortrag der jungen

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Streit der jungen und alten jungfern/ welchen von beyden der vorzug gebühre. Vortrag der jungen (1697)

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Jhr schwestern/ die ihr schon mehr jahre könnet zehlen/
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Als gute zähne noch in eurem munde stehn;
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Was habt ihr wol vor recht auff unsre lust zu schmählen?
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Meint ihr/ wir sollen euch gleich aus dem wege gehn?
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Nein! eh wir eurem trotz den stoltzen willen lassen/
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Soll ein geschärfftes stahl des streites richter seyn;
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Warum soll unsern schertz ein scheeles auge hassen?
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Wir jungen bilden uns mehr als ihr alten ein.
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Jhr habt zwar freylich schon viel mehr als wir erfahren/
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Weil unsre jugend euch noch erstlich lehrgeld zahlt;
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Allein wie? kommt auch wol verstand noch vor den jahren?
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Drum macht ihr euch selbst alt/ weñ ihr mit klugheit prahlt.
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Was aber acht man doch ein altes ungeheuer?
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Ein frisch und junges ding zieht man den alten für;
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Ein alter hering kost nicht so viel als ein neuer/
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Ein junges pferd das gilt mehr als ein altes thier.
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Wer steckt die nase gern zu faulen pomerantzen?
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Wer liebt ein altes licht/ das wie der teuffel stinckt?
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Wer will doch allererst ein altes schloß verschantzen/
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Das allbereits zerfällt und im morast versinckt?
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Drum must ihr alten nun uns jungen mädchen weichen/
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Jhr seyd schon halb verdorrt/ wir seynd noch frisch und grün/
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Jhr seyd kaum schwartzem bley/ wir golde zu vergleichen/
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Um unsre scheitel blüht der herrlichste jeßmin:
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In unserm busen find man schnee und brand beysammen/
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Der halß der übertrifft den allerweißten schwan/
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Auß unsern augen gehn die stärcksten liebes-flammen
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Und zünden wie ein blitz der männer hertzen an:
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Die wangen blühen uns voll lieblicher narcissen/
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Auff denen liljen-milch und rosen-purpur lacht.
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Wie mancher pflegt vergnügt auf unsern mund zu küssen/
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Der ihm die seel entzückt/ das hertz voll feuer macht.
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Wir können ohne zwang die stärcksten überwinden/
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Wir schlagen unsren feind durch einen holden strahl;
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Die liebsten können wir so fest als ketten binden
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Und führen sie erlächtzt zum frischen liebes-thal.
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Dann rufft ein ieder uns nicht anders als/ mein engel/
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Mein hertzgen/ schätzgen/ kind/ mein morgenstern/ mein licht/
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Und streut auff unsern schooß die schönsten nelcken-stengel/
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Dergleichen eure hand/ ihr alten/ niemahls bricht.
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So bleibts demnach darbey/ ihr müst zurücke treten/
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Weil euer glantz nicht so/ wie unsrer/ schimmern kan;
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Doch fangt ins künfftige nur fleißig an zu beten/
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Vielleicht bekommet ihr noch endlich einen mann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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