1
Jmmer noch in ihr Leiden versenkt, und schmachtend nach Troste
2
War in der Hütt’ am Tempel die jammervolle Versammlung,
3
Wie an der glanzverbergenden Decke der näheren Zukunft
4
Oft Schnellsterbende dicht schon wandeln, und dennoch weinen!
5
Und die heiligen Weiber vermischten mit Oele, der Würze
6
Blume, zur Salbung des Mittlers, und Thränen rannen darunter.
7
Wie die weisen Begleiterinnen des Bräutigams wachsam
8
Waren, und ämsig, die Flamme der Lampe zu nähren, damit sie
9
Jhm entgegen kämen, so bald er erschiene; so wart ihr
10
Auch, Nachfolgerinnen des Mittlers, bereit bey der Dämmrung
11
Erstem Winke zu seyn, mit eilender Sorge beschäfftigt.
12
Doch sie erwarteten nicht der Morgendämmerung Ankunft;
13
Nacht noch war es beynah, da sie die Jünger verliessen.
14
Die aus Magdala’s Hütten, und Kleophas Weib, Maria,
15
Und Johanna, mit ihr die Schwester der leidenden Mutter,
16
Salome, dann die zu zärtliche Mutter der Zebedäiden
17
Waren Führerinnen … Jhr Lieben, ihr seht ihn noch Einmal,
18
Sprach bey dem Abschied die Mutter, ich aber seh ihn nicht wieder.
19
Geht denn hin im Namen des Herrn. Sie schwiegen, und gingen.
20
Und der Morgen athmete kalt. Sie eilten, und sprachen:
32
Aber der Mittler schaut’, aus seiner Verborgenheit Hüllen,
33
Auf die Engel herab, und auf die kommenden Menschen,
34
Freute sich jene göttlichen Freuden, die Blut ihm erkaufte!
35
Und die Bewohnerinn Magdala’s kam, sah offen das Grabmaal,
36
Weggewälzet den Fels, floh, riefs den Andern entgegen,
37
Eilte zurück nach Jerusalem. Aber die Kommenden liessen
38
Sich nicht schrecken, und gingen heran. Da erblickten sie schleunig
39
Auf dem Felsen, der weggewälzt an der Oeffnung des Grabs lag,
40
Einen Jüngling, der schimmerte. Seine Gestalt war dem Blitze,
41
Gleich dem Schnee sein Gewand. Er sprach mit der Stimme der Wonne:
42
Fürchtet euch nicht! Ich weis, daß ihr den Gekreuzigten suchet,
43
Jesus! Er ist nicht hier! Er ist von den Todten erstanden,
44
Wie er verkündiget hat. Kommt her, und sehet die Stäte,
45
Wo der Göttliche ruhte. Da führt’ er sie in das Grabmaal.
46
Gehet eilend nun hin, und sagt es den Jüngern, und sagt es
47
Kephas: Er sey von den Todten auferstanden. Und siehe,
48
Jesus gehet hinab nach Galiläa. Da werdet
49
Jhr ihn sehn. Nun eilt, und verkündets den Zwölfen. … Sie blieben
50
Unentschlossen, und zitterten säumend. In Strahlengewanden
51
Traten noch zween der Engel herein. Sie erschracken, und schlugen
52
Zu der Erd’ ihr Angesicht nieder. Was sucht ihr, so sprachen
53
Diese Männer, unter den Todten, den Lebenden? Hier ist
54
Jesus nicht. Erstanden ist er. Gedenkt, was er sagte,
55
Als er in Galiläa noch war. In die Hände der Sünder
56
Muß der Sohn des Menschen gegeben werden, gekreuzigt
57
Muß er werden, erwachen am dritten Tage vom Tode!
58
Jetzo eileten sie mit Beben, und großer Freude,
59
Liefen, es nun den Jüngern des Herrn zu verkündigen. Petrus
60
Und Johannes kamen indeß mit Magdale wieder.
61
Als sie aus Jerusalem gingen, sagte Johannes
62
Seinen Gefährten: Der Weg an jenen Sträuchen hinunter
63
Ist ein schnellerer Weg. Er führt’, ihm folgten die Andern.
64
Wo einander am meisten die beyden Wege sich nahten,
65
Sondert’ ein Hügel sie nur. Von diesem Hügel geschieden,
66
Gingen sich, ohn’ einander zu sehn, die heiligen Weiber,
67
Und die Jünger vorüber. So nahn oft Pilger nach Salem,
68
Deren Seelen sich gleich, und für einander gemacht sind,
69
Sich in diesem Leben, und fehlen sich dennoch. In Salem
70
Sehn sie sich erst, verwundernd, daß sie sich hier nicht fanden.
71
Kephas sprach zur Gefährtinn, indem sie dem Führer mit Mühe
72
Und von ferne nur folgte: Genommen wäre der Leichnam?
73
Von den Priestern? Allein die haben, sagt man, den Grabstein
74
Ja versiegelt! So haben ihn denn Elende genommen,
75
Jhn des Todtengewands zu berauben. Er sprachs, und Johannes
76
War dem Grabe schon nah. Gelegt erblickt’ er die Leinen,
77
Aber er ging, voll unentschlossenen Kummers und Ehrfurcht,
78
Nicht hinein. Nun kam auch athemlos Petrus, und eilte
79
So wie er kam, in das Grab. Er sahe das Tuch, das des Todten
80
Haupt umwand, besonders gelegt, und nicht bey den Leinen,
81
Fand es zusammengewickelt. Jhm folgte Johannes ins Grabmaal,
82
Sahs, und überzeugte sich ganz von Magdale’s Botschaft.
83
Aber davon, daß, nach der Propheten Gesichte, der Mittler
84
Aufstehn müsse, wußten sie nichts. Sie liessen das Grabmaal,
85
Und Maria. Wofern, sprach Petrus im Gehn zu Johannes,
86
Sich die Priester anders entschlossen, und ihrer Versieglung
87
Nicht gnung trauten, gewiß ihn zu haben; so nahmen die Wüter
88
Jhm das Todtengewand, um seine Wunden noch Einmal,
89
Heiß vom Durste der Rache, zu sehn. Sie gingen verstummt fort.
90
Magdale stand vor dem Grab, und blickt’, und wischte die Thränen
91
Schnell mit Heftigkeit weg, um zu sehen, sie blickt’, und starrte
92
Aengstlich hinunter ins Grab. Zwar waren Engel im Grabe,
93
Und die erschienen ihr; doch kaum sah sie die Engel. Denn Jesus
94
Sahe sie nicht! nicht Jesus! So sucht, mit lechzender Zunge,
95
Nur die Quelle das schreyende Reh; die Sonne, die aufgeht,
96
Sieht es nicht, es fühlt nicht die wehenden Schatten des Waldes.
97
Weib, was weinest du? sprachen zu ihr die Boten der Wonne.
98
Ach, sie haben, den meine Seele liebet, genommen,
99
Und ich weis nicht, wohin sie ihn legten? So sprach sie, und wandte
100
Sich von dem Grabe. Da sieht sie Jesus stehen, und weis nicht.
101
Daß es Jesus ist. Was weinest du, Weib? wen suchst du?
102
Doch dieß sprach er noch nicht mit der Stimme des ewigen Lebens!
103
Und sie erwiedert dem Gärtner, sie meinte, sie sähe den Gärtner;
106
Nahe, wie sie, der unaussprechlichsten Seligkeit, weint so
107
Selbst ein Geliebter des Herrn, wenn seiner Sterblichkeit letztes,
108
Aber stärkstes Gefühl die ganze Seel’ ihm erschüttert.
109
Ach er liegt, und ringt mit dem Tod’, und dürstet nach Hülfe!
110
Weint zu Christus, und kennt, so schreckt ihn der Prüfungen letzte!
111
Kennt den Liebenden kaum; sieht nur den Richter der Welten!
112
Doch zwo Thränen nur nach; und welche Wonn ist die seine!
113
Selber von dem, mit dem sie von Jesus redete, wendet,
114
In der Traurigkeit ihrer Seele, Maria ihr Antlitz,
115
Aber wie Harfen am Throne, wie Jubel der Ueberwinder,
116
Singen sie, ganz in Liebe zerflossen, das Lamm, das erwürgt ward,
117
Nicht wie Harfen der Ueberwinder, und Jubel am Throne,
118
Inniger, herzlicher, liebevoller, erscholl des Erstandnen,
119
Jesus Stimme der Weinenden, Jesus Stimme: Maria! …