Der Messias. Elfter Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias. Elfter Gesang (1769)

1
Wenn ich nicht zu sinkend den Flug der Religion flog,
2
Wenn ich Empfindung ins Herz der Erlösten strömte; so
3
hat mich
4
Gottes Leitung getragen auf Adlersflügeln! es hat mich,
5
Offenbarung, von deinen Höhn die Empfindung beseligt!
6
Wer an dem reinen krystallenen Strom, der unter des Lebens
7
Bäumen vom Throne fleußt, nicht weilte mit heiliger Ehrfurcht,
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Deß Beyfall erreiche, verweht vom Winde, mein Ohr nicht!
9
Unverweht, befleck’ er mein Herz nicht! Ach, unten am Staube
10
Müßte bleiben mein Lied, wenn jener lebende Strom nicht
11
Durch die neue Jerusalem, Gottes Stadt, sich ergösse,
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Und zu ihm mich hinauf der Vorsicht Rechte nicht führte.
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Leite mich ferner, du Unsichtbare, du Führerinn, leite
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Meinen bebenden Gang! Des Sohnes Erniedrigung sang ich;
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Bring mich höher hinauf, auch seine Wonne zu singen!
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Aber darf ich mich auch des Vollenders Freuden zu singen
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Unterwinden? von Auferstehungen rauschend die Höhen
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Und die Thale? des Siegers Triumph, da vom Tod’ er aufstand?
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Und die Erhebung des Sohns von dem Staub’ hinauf zu dem Himmel
20
Aller Himmel, empor zu dem Throne des ewigen Vaters?
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Die mich hören, und mir, hilf, Himmelerhobner, uns tragen
22
Ach, uns armen Glücklichen deiner Herrlichkeit Schrecken!

23
Ewig nun Erbarmer der Menschen, schaut’ auf des Todten
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Leichnam der Ausgesöhnte. Der Sohn, der Herrliche Gottes,
25
Er von Ewigkeit, Gott, der Hochgelobte der Himmel,
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Christus sah zu dem Vater empor. Wer ist der Erschaffne,
27
Der zu empfinden vermag, mit welcher Wonne der Gottheit,
28
Welcher Liebe, sie schauten? Da, wo herunter vom Throne,
29
Wo von der heiligen Erde, sich ihres göttlichen Anschauns
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Seligkeit senkt’, und erhub, auf diesem strahlenden Wege
31
Fing jetzt wieder die stehende Schöpfung den kreisenden Lauf an,
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Hier zuerst; dann floß von des Ewigen Throne die Nacht weg,
33
Dann von der Sonne der deckende Stern. Nun bebten die Pole
34
Aller Welten, den Flug, den Gott sie lehrte, zu fliegen.
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Schon begannen sie ihn, und donnerten weit durch die Himmel
36
Jenes Flehen, mit dem sie zu seiner Schöpfung Erhalter
37
Rufen, es wolle von ihnen der Allmacht Arme nicht abziehn
38
Gott, und sie lassen auf ewig von seiner Herrlichkeit zeugen!
39
Und mit Eile drehten die Sonnen sich, folgten die Erden,
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Bis sie von neuem den Weg der ersten Kreise betraten.
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Jesus Christus, der Miterhalter der Welten, schwebte
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Ueber dem Kreuz, und sah auf seinen Leichnam herunter,
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Wie der blutig, und bleich, und stumm zu der Erd’ hinabhing!
44
Jetzo wandte der Ueberwinder des Todes sich. Schauernd
45
Bebte die Erde vor ihm, als er sich wandte. Nun schwebt’ er
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Nach dem Tempel, und unter des Eilenden Schwunge zerspalten,
47
Sinken, stürzen, mit himmelsteigendem Staub’ und Getöse,
48
Rings die Felsen. Schnell erfüllet die heiligen Hallen
49
Christus Herrlichkeit, schnell das Allerheiligste Gottes.
50
Und es zerriß, indem sie ins Allerheiligste schwebte,
51
Von des Gewölbes fernen Höh, aus der er hinabhing,
52
Bis zu dem liegenden Saum, der geheimnißverhüllende Vorhang.
53
Und es verschwand dein Schatten vor dir, vollbrachte Versöhnung!
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Hier sprach Jesus Christus mit seinem Vater, mit Gott, Gott,
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Von der ganzen Erlösung Vollendung, bis er zu des Vaters
56
Rechte sich hübe! Denn nicht allein der getödtete Gottmensch,
57
Auch der auferstandne, und himmelerhobne Gottmensch
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Ist das Heil der Sünder, und ihres Glaubens Entzückung.
59
Nur wovon der Vater und Sohn, nicht wie sie es sprachen,
60
Kannst du, Sionitinn, erzählen. Denn, dieses zu denken,
61
Hat die Seele kein Bild, es zu sagen, nicht Worte die Sprache.
62
Siehe, wie Nacht sich in ewiges Licht aufklärt! … wie des Sohns Heil
63
Keinem nicht Labyrinth mehr ist! … war ihres Gespräches
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Inhalt. Dann das Volk, deß Söhnungsaltär’ aufhörten
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Bilder des ewigen Opfers zu seyn! deß Tempel nun Trümmer
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Bald nun Staub ist! … Jhr thränenvoll Schicksal, wie sie gesät sind
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Unter die Nationen! und dieses Schicksals Entwicklung! …
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Ging vor dem schauenden Auge des Vaters und Sohnes vorüber.
69
Auch die Religion verbreitet unter den Schaaren
70
Zahlloser Völker, wie sie mit viel Jahrhunderten fortströmt,
71
Oft verdunkelt, entstellt! von der Menschen Lastern und Unsinn
72
Wie mit Nächten bedeckt, nie ganz vertilgt von der Erde!
73
Jedes Geretteten Auferstehung vom Tode der Seele!
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Jeder Kampf des Streitenden! jeder Sieg des Gestärkten!
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Seine Leiden! sein fernes Gefühl des Himmels! sein Ende!
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Ging vor dem Ausgesöhnten, und vor dem Versöhner verüber!

77
Da so gegen einander der Vater und Sohn sich verklärten,
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Wälzte, so brausen Meere! sich durch die hörenden Himmel
79
Eine Stimme; die sprach: Bey dem, der von Ewigkeit Gott ist,
80
Mensch, und erwürgt ward! auferstehn, und zur Rechte des Vaters
81
Sich wird setzen! ihr Ungefallen, auch euch wirds Wonne
82
Wirds in jauchzenden Ewigkeiten Entzückung und Heil seyn,
83
Daß der ewige Hohepriester die Sünde versöhnt hat,
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Und mit euch die wiedergeheiligten Sterblichen Gott schaun!
85
Eure Brüder, wie ihr geschaffen zur Ewigkeit, Gott schaun!
86
Fallet nieder, und dankt! Auf seines Todes Altare
87
Ruht noch sein heiliger Leichnam, allein vollendet, vollendet
88
Hat das Opfer der Ewigkeit Er! Bald ist die Erlösung
89
Ganz vollbracht! Jhr werdet den Ueberwinder, die Klarheit
90
Seiner Gottheit um ihn nun bald auf des Ewigen Thron sehn!
91
Gott, von Ewigkeit Gott, und bedeckt mit strahlenden Wunden!

92
Also erscholl die Stimm’ in den Himmeln Eloa’s Stimme.
93
Auch erhub sich über der Erde mit freudigem Beben
94
Eine Stimme; die sprach: Der Gottverheißne, der Treue,
95
Jesus Christus, der Dulder, der Gnadenvolle, die Liebe
96
Nun, nun ist er den Tod für die Abgefallnen gestorben
97
Seinen versöhnenden Tod! Du Zweig an Adams Stamme
98
Klag’, und verdorre nicht mehr! blüh auf zu dem ewigen Leben!
99
Die gebohren werden, nun jauchzen sie, daß sie es werden!
100
Denn es ist, in der Sterblichkeit schon, ihr Licht der Versöhner,
101
Jhre Leuchte das Lamm, das auf dem Hügel erwürgt ward!
102
Die vor Gott sie verklagte, die todverlangende Sünde
103
Ist vertilget! Gericht, du gehst vor den Reinen vorüber,
104
Die mit des Gottgeopferten Blute sich glaubend bezeichnen.
105
Hebet euer Haupt gen Himmel, und glaubt! Der Erbarmer
106
Gab euch seinen Eingebohrnen! Ein besseres Leben
107
Nimmt euch auf; habt ihr des Todes Schlummer geschlummert.
108
Priester seyd ihr, und Könige, seyd in Blute gewaschen,
109
Hell im Blute des Lammes, das auf dem Hügel erwürgt ward.

110
Also erscholl auf der Erde die Stimme des ersten Gefallnen.
111
Jesus war noch im Allerheiligsten. Keinem der Engel
112
Offenbaret’ er sich jetzt sichtbar, keinem der Väter.
113
Seine Gegenwart kündeten zwar, da hinüber zum Tempel
114
Er vom trüben Golgatha schwebte, wehendes Rauschen
115
Jhnen an, und, Erde, du, die dem Göttlichen bebte.
116
Aber sie sahn die Herrlichkeit nicht, vor welcher die Wolken
117
Rauschten, die Erd’ erschrak. Sie beteten nur von fern an;
118
Jetzo gegen die Höhe Moria, denn immer erbebte
119
Noch das Allerheiligste! Bilder vom Tode des Mittlers
120
Füllten zwar noch die Seelen der Väter; allein wie kein Engel
121
Jhnen sie nachzuempfinden vermag, ergreifet, durchströmt sie
122
Wonne mit jenem jetzt süsserm Gedanken von deinem Tode,
123
Gottversöhner, vermischt, die sansteste Ruhe des Himmels!
124
Ruh, und Friede Gottes, und Liebe Christus, die jeden
125
Jhrer Gedanken erleuchtete, jedes Gefühl entflammte!
126
Denn sie empfanden, es sey der Erschaffung zur Ewigkeit letzter
127
Seligster Zweck, die Liebe zu Jesus Christus dem Mittler
128
Zwischen Gott und … Menschen! In dieser sanften Entzückung
129
Sahn die Seelen der Heiligen jede die andre verloren.
130
Nach und nach war ihnen ihr Glanz, ihr strahlendes Leben
131
Wieder gekommen. So sahen sie sich. Die himmlische Liebe,
132
Welche sie gegen einander empfanden, erhub sie noch höher
133
Zu der Seligkeit, dich, o ihr Versöhner, zu lieben,
134
Eine Seele sie alle, sie all Ein Tempel des Mittlers!

135
Gabriel eilte zu ihnen vom Todeshügel herüber,
136
Und trat unter sie hin. Noch konnt’ er vor Wonne nicht reden.
137
Also hatte der Lichtanblick der Ewigerlösten
138
Jhm sein Innres bewegt. Wie Harfen tönt’ ihm die Stimme:

139
Meine Brüder! Unsterbliche! kaum darf ich Brüder euch nennen!
140
Christus Väter! ich führt’ euch herab von der Sonne zur Erde;
141
Väter! noch Ein Befehl ist mir am Throne geworden;
142
Also gebeut er: Geht zu euren Gräbern, Erlöste!

143
Schnell verbreiteten sich der Heiligen Schaaren, und eilten
144
Jeder zu seinem Grabe. Noch war von jenem Altare,
145
Bey dem Abel entschlief, ein bemooster Felsen übrig.
146
Adam ward, und viele der Seinen an diesem Altare,
147
Den fast ganz der Wasser Gericht wegwälzte, begraben.
148
Adam eilte mit wenigen Frommen, sie dort zu versammeln.
149
Und sie sahen, da sie den Gräbern sich nahten, die Engel
150
Jhre Beschützer im sterblichem Leben nah an der Gräber
151
Trümmern schweben. Es schien, als ob die Engel der Schöpfung
152
Kleinere Wunder, die Welten des Staubes, und ihre Bewohner,
153
Unter den Trümmern betrachteten. Als die heiligen Seelen
154
Mehr sich nahten, verließen die Engel der Gräber Gefilde.
155
Triumphirend erhuben sie sich. Die Seelen der Todten:
156
Wußten es nicht, warum in Triumph sich die Engel erhüben.

157
Henoch blieb und Elias am Todeshügel. Sie blickten
158
Wundernd den Heiligen nach, die zu ihrer Gebeine Ruhstat
159
In der Zeit der Vollendung, der Zeit der Herrlichkeit, jetzo,
160
Auf des Ausgesöhnten Befehl herunter stiegen!

161
Noa ließ sich mit Japhet und Sem hinab zu dem Grabe,
162
Das ihn an jenem Berge begrub, auf welchem die Arche,
163
Gottes Retterinn, über der waldumstürzenden Meere
164
Dumpfem Geräusch, stillstand! und wo den dankenden Altar
165
Noa baut’, und opfert’, und dich, du Bogen des Bundes,
166
Den Gott selber mit Gnade betrachtete, betend erblickte.

167
Abraham eilte mit seinen Geliebten zur Todeshöle
168
Gegen über dem Hain, in dem er den göttlichen Dulder
169
Schon wie einen Menschen gestaltet sah, und nicht wußte,
170
Wer der Wanderer sey, der mit ihm in dem Schatten sich labte.

171
Moses ereilte sein einsames Grab am Nebo, wo Gott ihn
172
Unter Felsen begrub. Er starb vor des Ewigen Anschaun,
173
Der ihm, eh er entschlief, vom Nebo Canaan zeigte.
174
Vor dem Schrecken der Gegenwart Gottes zerrissen die Felsen
175
Unter dem Todten. Er sank hinunter; noch bebende Felsen
176
Stürzten ihm nach. So lag er von Gottes Rechte begraben.

177
Nicht so ferne von Golgatha kamen zu ihren Gräbern
178
Jene Jünger Moses, die, mit der Beredtsamkeit Donner,
179
Und prophetischen Psalmen vom künftigen Heile gerüstet,
180
Abrahams Enkel dem eisernen Arme der Götzen entrissen.

181
Graun umgab die Gefilde der heiligen Gräber, und schreckte
182
Jedes noch Sterblichen Fuß zurück, der ihnen sich nahte.
183
Aber, als ob bey den Heiligen sie nur weilen wollten,
184
Kamen wieder zu ihnen herab von der Wolke die Engel.
185
Adam hatte sein Grab mit seinen Geliebten betreten.
186
Also entriß er sich seinem Erstaunen: Jhr fühltet, ich sah es,
187
Wie ich heiligen Schrecken empfand, als Gottes Befehl kam,
188
Aber freut euch mit mir! Wir sind gewürdiget worden,
189
Diese Zeit, da im Tode des Göttlichen Leichnam schlummert,
190
Mit dem Schlummernden bis zu dem Grab’ erniedret zu werden.
191
Selig, daß wir es wurden: wie freudig ist dieser Gedanke,
192
Mit dem ewigen Sohne des Vaters erniedert zu werden.
193
Und noch Einer entzückt mich: Ich werde jenen Gerichtstag,
194
Wenn er, zum Eden die Erde nun umzuschaffen, herabkömmt,
195
Und ihr, meine Kinder, mit mir wir werden vom Tode
196
Hier erwachen! erwachen bis hin ans Ende der Erde
197
Alle die liegen, und schlafen, zu Ewigkeiten erwachen!
198
Alle meine zahllose Kinder der ersten Erschaffung
199
Leiber, verherrlichte, seelenähnliche Leiber empfangen.
200
Ach! zu welcher Seligkeit schuf uns Jehova! Wie hast du,
201
Tod des Versöhnenden, uns, und zu welchen Freuden, erhoben
202
Henoch, und du, Elias, ihr zeigts, wie werth des Verlangens
203
Eines Unsterblichen sey die Auferstehung vom Tode.
204
Säume nicht, letzter der Tage, daß wir nicht länger verlangen!
205
Säume, säume vielmehr, daß noch zahlloser die Schaar sey
206
Derer, die einst zu dem ewigen Leben aus Gräbern hervorgehn!

207
So sprach Adam mit seliger Ruh, und seine Gefährten
208
Dachten mit ihm dem frohen Gedanken von der Erniedrung
209
Mit dem Versöhner, und von dem letzten Tage der Erde
210
Wonnevoll nach. So standen sie jeder an seinem Grabe.

211
Von dem Fuße des Bergs bis hinauf zu der Zinne des Tempels,
212
Bebt’ itzt fürchterlicher Moria. Schreckende Wolken
213
Wälzten sich aus dem Allerheiligsten, strömten herüber
214
Durch die Hallen des Heiligen, dann in des Tempels Vorhof,
215
Dann gen Himmel. Wohin die schreckenden Wolken sich wandten;
216
Bebte die Erd’, und spalteten Felsen, und huben sich Ströme.
217
Jetzo standen die Wolken gebreitet über die Gräber
218
Leuchtender still, und ein Sturmwind braust’ auf die Gräber herunter;
219
Aber des ewigen Sohns Allmacht war nicht in dem Sturmwind!
220
Und die Erde bebt’ um die Gräber; allein des Versöhners
221
Allmacht war in der bebenden Erde nicht! Es entströmten
222
Flammen den Wolken; allein der Herr war nicht in den Flammen!
223
Jetzo kam von dem Himmel sanftes Säuseln hernieder,
224
Und des ewigen Sohnes Allmacht war in dem Säuseln.

225
Ach! die Väter befiel, gleich einem Schlummer in Schatten,
226
Süße Betäubung! Sie wußten es nicht, wie ihnen geschahe,
227
Aber ihr dunkles Gefühl war: Nähe Gottes, und daß es
228
Um sie säuselte. Freudig, mit brüderlicher Entzückung,
229
Schauten die Engel umher im Gefilde der Auferstehung!

230
Jetzt daucht’s Adam, als rief er: Ich werde geschaffen! geschaffen!
231
Und er strebte sich aufzurichten. Noch kniet’ er im Staube.
232
Harfen tönten ihm zu! ihm sang der Seraph, und Cherub:

233
Werde von neuem, und nun auf ewig, geschaffen! auf ewig!
234
Siehe, du starbst, an dem dunkelsten deiner Tage, des Todes,
235
Adam! O Heil dir Erstem! erwach! und lebe nun Leben!
236
Seliges, Adam! wie du, nach deiner Schöpfung, nicht lebtest!
237
Ach, nun stirbst du des Todes nicht mehr! … Noch kniet’ er im Staube,
238
Sah noch dunkel. Es ward mit dem auferstehenden Leibe
239
Sein ätherischer Leib, der seit dem Tod’ ihn umhüllte,
240
Jetzo vereint. Der wurde des Umgeschaffnen Verklärung.
241
Schnell erhub er sich, stand, und streckte die Arme gen Himmel:

242
Wonne mir! du hast mich von neuem aus Staube gerufen!
243
Ja, nun weis ichs wahrhaftig! du hast mich wieder, Versöhner!
244
Herrlicher mich, wie in Eden erschaffen! O daß ich dich fände,
245
Gottversöhner, daß ich den Allmächtigen fände! wie wollt ich
246
Niederfallen vor ihm! wie ihn anbeten! Du bist uns
247
Nahe, zwar nicht gesehn, doch bist du uns nahe, Versöhner!
248
Ja, dieß himmlische Säuseln ist deiner Gegenwart Stimme!
249
Und auch sie erwachen um mich! Schaut nieder, ihr Engel!
250
Um den Vater der Menschen erwachen die heiligen Kinder!

251
Eva begann sich empor zu heben. Wer bin ich geworden?
252
Bin ich in Eden? Wo bin ich? Ich lebe wieder im Leibe
253
Meiner ersten Erschaffung? O dort ist Adam! Wie glänzt er!
254
Und wie glänz ich! O du, deß Wunden einst stralen, wo bist du,
255
Daß ich eil’, und dir danke, du Wiederbringer der Unschuld!
256
Adam eilte zu ihr, sie eilte zu Adam; doch konnten
257
Sie nicht reden, da sie sich in ihrer Entzückung umarmten,
258
Nur den Namen des Todtenerweckers konnten sie stammeln.

259
Abel, Abel! mein Sohn! rief Adam Abel entgegen,
260
Denn der schwebte daher, wie ein Frühlingsmorgen, in Purpur
261
Und in Schimmer gekleidet! mein Sohn, wie hat uns der Mittler
262
Mit Barmherzigkeiten, mit Huld, mit Gnade beseligt!
263
Erde wurden wir, als wir entschliefen; was sind wir geworden!

264
Ueber alles, was wir verstanden, und was wir baten,
265
Hat er überschwenglich gethan, der, o Vater, versöhnt hat
266
Unsere Sünd’, und die Sünde der Welt! O Ruhe der Himmel!
267
Alle sie werden wie wir der Tage letzten erwachen.

268
Enos fand sich bey Seth, bey dem Mahlaleel, Jared,
269
Kenan, und Noa’s Vater, bey dem Methusala wieder.
270
Unter Stralen, fanden sie, auf zitternden Gräbern,
271
Sich mit des neuen Lebens Gefühl, in himmlischem Leibe,
272
Der, ein beßrer Gefährt der erlösten unsterblichen Seele,
273
Fast mit ihr denkt, und empfindet, in dem die ewige Gott schaut!
274
Wie, nach ihrer Geburt, sich die Morgensterne des Daseyns
275
Freuten, und dich, o Schaffender, feyrend sangen, so schwebten
276
Adams Söhne daher, und riefen Jubel und Wonne,
277
Neue Wonne sich zu! Der Auferstehung Gefilde
278
Hallten von der Entzückung der wiederkommenden Todten!

279
Noa, der zweyte Vater der Menschen, fühlt’s, daß er wurde,
280
Und in sanfterem Wehn der Abenddämrung erwachte.
281
Röthlicher Duft entfloß des Unsterblichen Schulter, indem er
282
Schnell sich erhub. Er rief: Jhr Engel, sagt mir, ihr Engel,
283
Ist mir ein Leib wie Adam im Paradiese geschaffen?
284
Ach, wo sind wir? am Throne des Ewigen? oder am Grabe?
285
Und wo betet ihr an? wo ist er, o der mich umschuff?
286
Daß ich niederfalle mit euch! mit euch anbete!
287
Japhet! Sem! er sahe vor sich die beyden erwachen,
288
Ach! wo ist, ihr Söhne! der uns vom Tode geweckt hat?
289
Daß wir eilen, und niederfallen, und ihn anbeten?
290
Nein! nicht Noa’s, der auch es ist, der Auferstehung
291
Söhne, wo ist, der sie mit Feuer vom Himmel entflammt hat,
292
Daß wir knieen, und niederfallen, und Jubel ihm stammeln!

293
Wie der Fromme, der Gott, Gott! seinen Schöpfer! in Allem
294
Sucht, und findet, in frühem erfrischendem Walde die Sonne
295
Hinter duftenden Bäumen in ihrer Schöne die Sonne
296
Aufgehn sleht, Entzückung und sanfter Schauer befällt ihn!
297
Denn sie ist schön! ein mächtiger Zeuge der Herrlichkeit Gottes!
298
So sah Abrahams Engel den Vater der glaubenden Nachwelt
299
Selig, verklärt, unsterblich aus seinem Grabmal hervorgehn.
300
Abraham legte die Hand auf den Mund, und blickte gen Himmel;
301
Endlich redt’ er, noch in sich gekehrt, noch vertieft in Erstaunen:

302
Umgeschaffen bin ich? Wie wunderbar, du Versöhner,
303
Sind die Folgen deiner Versöhnung! wie gnadevoll sind sie!
304
Ach, dieß neue Leben, das du aus Staube mir schufest,
305
Gott! Versöhner! es ist auch deinen Wunden entquollen!
306
Diesen unverweslichen Leib, den edlern Genossen
307
Meiner Seele, den hast du mir, vor dem Tage der Tage,
308
Vor der Wandlung der Erde, gegeben! Wer bin ich! wer bin ich,
309
Daß du mit diesem Heile mich, Liebender, überschüttest!

310
Also rief er, und weint’, entflammt von Dank und von Wonne.
311
Jsak kam; und Abraham daucht’s, als wäre der Jüngling
312
Einer der Seraphim! Also war mit dem festlichen Schimmer
313
Und mit der lächelnden Morgenröthe der Himmelsbewohner
314
Jsak geschmückt. Und Abraham rief: O sahst du mich werden,
315
Leuchtender Engel? Er ist für Adams Söhne gestorben!
316
Er hat meinem verwesten Gebein dieß Leben geboten!

317
Abraham! … Vater! du glaubtest zu Gott, ich würd aus der Asche,
318
Hätte mich nun des prüfenden Altars Flamme geopfert,
319
Wieder erwachen. Jetzt bin ich erwacht! O bester der Väter,
320
Wunderbar ist des Versöhnenden Gnade! Sein heiliger Leichnam
321
Ruht noch am Kreuz, und wir erstehn zu dieser Entzückung!
322
Wie im Schlummer sank ich dahin, und himmlische Lüfte
323
Wehten um mich, und ich fand in hellen Wolken mich wieder.

324
Voller Entzückungen kamen Sara, und Bethuels Tochter
325
Zu den Geliebten. Auf sie, und gen Himmel, die Augen gerichtet
326
Standen der Vater, der Sohn, und fühlten die Auferstehung.
327
Lange standen sie sprachlos; allein in der innersten Seele
328
Glühten ewiger Dank, und werdende Jubelgesänge.

329
Jsrael trat in Triumphe daher! und Thränen voll Seele,
330
Dankende Thränen entstürzten dem Auge des Auferstandnen:

331
Halleluja dem Ueberwinder des Todes! dem Mittler
332
Zwischen dem Richter, und mir! du hast geblutet! du hast es
333
Alles vollendet! du hast aus des Todes Thal mich gerufen!

334
Und die Seraphim hielten sich nicht, und strömten ihr Loblied
335
Hin in den Wonnausruf des auferstandnen Gerechten:

336
Preis und Ehre dem Todtenerwecker! dem göttlichen Geber
337
Dieses jauchzenden ewigen Lebens, das jetzt aus den Gräbern
338
Aufblüht! Freue deiner Bewohner, die kommen sollen,
339
Himmel, dich! Es wehen, es wehen mit leisem Lispel
340
Diese frühen Halme, dem Rauschen der großen Erndte,
341
Sieh, es singet ihr Lied dem Rufen der Erndter: Jhr Todten,
342
Kommt! dem Posaunenhall: Gieb, Meer, sie wieder, und Erde!
343
Ach dem Jubelgeschrey des letzten Tages entgegen!

344
Jsrael wandte von ihnen sein Auge nach Golgatha’s Grabe:
345
Laut in allen Himmeln mit allen ewigen Chören
346
Will ich danken, wenn du aus deinem Grabe dich aufschwingst,
347
Wenn der Geliebte den Liebenden schaut auf der Herrlichkeit Throne,
348
In dem Glanze, der dein vom Anbeginne der Welt war!
349
Seyd ihr, Engel, was ich bin? Jhr seyds nicht! Jhr starbt nicht, wie ich starb
350
Glaubend an ihn! der Auferstehung mächtige Freuden
351
Fühltet ihr nicht! Er ist, wie Menschen sterben, gestorben;
352
Und wie Menschen, wird er in das neue Leben heraufgehn!
353
Selig, betet ihr an! Wir beten, selig mit euch, an;
354
Aber wir lieben des Ewigen und der Sterblichen Sohn mehr!
355
Ach, wo sind, die mit mir in dem ersten Leben ihn liebten?
356
Zwar nur fern und dunkel ihn sahn den Retter der Menschen,
357
Aber in seiner Göttlichkeit doch! … Er wendet vom Himmel
358
Nach der Erde sein Aug’, und erblickt, und umarmt die Geliebten,
359
Joseph, und Rahel noch nicht. Bey dem Grabe der Mutter Benoni
360
War ihr Engel. Sie stand an dem Hange des offenen Felsen,
361
Auf der Höhe der Engel. Mit Blicken der innigsten Freundschaft,
362
Sah sie zu ihm hinauf; mit Blicken der innigsten Freundschaft
363
Sah er auf sie herunter. Mein Grab ist einsam, o Seraph! …

364
Rahel, das Grab, in welchem nun bald der Göttliche ruhn wird,
365
Ist auch einsam! … Unsterblicher, ach wie hat er gelitten,
366
Dessen Leichnam bald das Grab an Golgatha einschließt.
367
Ach, was hat sein versohnender Tod uns erworben! Ich werde
368
Einst erwachen! wo mein Gebein in Staube verweste,
369
Hier! Auch Auferstehung hat mir der Versöhner erworben!

370
Als sie noch redet’, erhub sich um ihren Fuß von dem Grabe
371
Sanftaufwallender Duft, ein Wölkchen, wie etwa die Rose
372
Oder ein Frühlingslaub einhüllt, das Silber herabträuft.
373
Rahels Schimmer umzog den schwimmenden Duft mit Golde,
374
Wie die Sonne den Saum der Abendwolke vergoldet.
375
Und ihr Auge begleitet des Duftes Wallen. Sie sieht ihn,
376
Anders um sich, und wieder anders gebildet, herumziehn,
377
Steigen, sinken, zuletzt stets mehr sich nahen, und schimmern.
378
Und sie bewundert den Tiefsinn der immerändernden Schöpfung,
379
Unergründlich in Großem, und unergründlich in Kleinem,
380
Ohne zu wissen, wie nah der schwebende Duft ihr verwandt sey,
381
Und wozu ihn bald des Allmächtigen Stimme, Versöhner,
382
Deine Stimme nun bald erschaffen werde! Sie neigt sich
383
Ueber ihn, und betrachtet ihn, stets mit froherem Blicke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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