1
Wenn ich nicht zu sinkend den Flug der Religion flog,
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Wenn ich Empfindung ins Herz der Erlösten strömte; so
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Gottes Leitung getragen auf Adlersflügeln! es hat mich,
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Offenbarung, von deinen Höhn die Empfindung beseligt!
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Wer an dem reinen krystallenen Strom, der unter des Lebens
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Bäumen vom Throne fleußt, nicht weilte mit heiliger Ehrfurcht,
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Deß Beyfall erreiche, verweht vom Winde, mein Ohr nicht!
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Unverweht, befleck’ er mein Herz nicht! Ach, unten am Staube
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Müßte bleiben mein Lied, wenn jener lebende Strom nicht
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Durch die neue Jerusalem, Gottes Stadt, sich ergösse,
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Und zu ihm mich hinauf der Vorsicht Rechte nicht führte.
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Leite mich ferner, du Unsichtbare, du Führerinn, leite
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Meinen bebenden Gang! Des Sohnes Erniedrigung sang ich;
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Bring mich höher hinauf, auch seine Wonne zu singen!
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Aber darf ich mich auch des Vollenders Freuden zu singen
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Unterwinden? von Auferstehungen rauschend die Höhen
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Und die Thale? des Siegers Triumph, da vom Tod’ er aufstand?
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Und die Erhebung des Sohns von dem Staub’ hinauf zu dem Himmel
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Aller Himmel, empor zu dem Throne des ewigen Vaters?
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Die mich hören, und mir, hilf, Himmelerhobner, uns tragen
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Ach, uns armen Glücklichen deiner Herrlichkeit Schrecken!
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Ewig nun Erbarmer der Menschen, schaut’ auf des Todten
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Leichnam der Ausgesöhnte. Der Sohn, der Herrliche Gottes,
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Er von Ewigkeit, Gott, der Hochgelobte der Himmel,
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Christus sah zu dem Vater empor. Wer ist der Erschaffne,
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Der zu empfinden vermag, mit welcher Wonne der Gottheit,
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Welcher Liebe, sie schauten? Da, wo herunter vom Throne,
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Wo von der heiligen Erde, sich ihres göttlichen Anschauns
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Seligkeit senkt’, und erhub, auf diesem strahlenden Wege
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Fing jetzt wieder die stehende Schöpfung den kreisenden Lauf an,
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Hier zuerst; dann floß von des Ewigen Throne die Nacht weg,
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Dann von der Sonne der deckende Stern. Nun bebten die Pole
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Aller Welten, den Flug, den Gott sie lehrte, zu fliegen.
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Schon begannen sie ihn, und donnerten weit durch die Himmel
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Jenes Flehen, mit dem sie zu seiner Schöpfung Erhalter
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Rufen, es wolle von ihnen der Allmacht Arme nicht abziehn
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Gott, und sie lassen auf ewig von seiner Herrlichkeit zeugen!
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Und mit Eile drehten die Sonnen sich, folgten die Erden,
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Bis sie von neuem den Weg der ersten Kreise betraten.
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Jesus Christus, der Miterhalter der Welten, schwebte
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Ueber dem Kreuz, und sah auf seinen Leichnam herunter,
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Wie der blutig, und bleich, und stumm zu der Erd’ hinabhing!
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Jetzo wandte der Ueberwinder des Todes sich. Schauernd
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Bebte die Erde vor ihm, als er sich wandte. Nun schwebt’ er
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Nach dem Tempel, und unter des Eilenden Schwunge zerspalten,
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Sinken, stürzen, mit himmelsteigendem Staub’ und Getöse,
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Rings die Felsen. Schnell erfüllet die heiligen Hallen
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Christus Herrlichkeit, schnell das Allerheiligste Gottes.
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Und es zerriß, indem sie ins Allerheiligste schwebte,
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Von des Gewölbes fernen Höh, aus der er hinabhing,
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Bis zu dem liegenden Saum, der geheimnißverhüllende Vorhang.
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Und es verschwand dein Schatten vor dir, vollbrachte Versöhnung!
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Hier sprach Jesus Christus mit seinem Vater, mit Gott, Gott,
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Von der ganzen Erlösung Vollendung, bis er zu des Vaters
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Rechte sich hübe! Denn nicht allein der getödtete Gottmensch,
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Auch der auferstandne, und himmelerhobne Gottmensch
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Ist das Heil der Sünder, und ihres Glaubens Entzückung.
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Nur wovon der Vater und Sohn, nicht wie sie es sprachen,
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Kannst du, Sionitinn, erzählen. Denn, dieses zu denken,
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Hat die Seele kein Bild, es zu sagen, nicht Worte die Sprache.
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Siehe, wie Nacht sich in ewiges Licht aufklärt! … wie des Sohns Heil
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Keinem nicht Labyrinth mehr ist! … war ihres Gespräches
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Inhalt. Dann das Volk, deß Söhnungsaltär’ aufhörten
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Bilder des ewigen Opfers zu seyn! deß Tempel nun Trümmer
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Bald nun Staub ist! … Jhr thränenvoll Schicksal, wie sie gesät sind
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Unter die Nationen! und dieses Schicksals Entwicklung! …
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Ging vor dem schauenden Auge des Vaters und Sohnes vorüber.
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Auch die Religion verbreitet unter den Schaaren
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Zahlloser Völker, wie sie mit viel Jahrhunderten fortströmt,
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Oft verdunkelt, entstellt! von der Menschen Lastern und Unsinn
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Wie mit Nächten bedeckt, nie ganz vertilgt von der Erde!
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Jedes Geretteten Auferstehung vom Tode der Seele!
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Jeder Kampf des Streitenden! jeder Sieg des Gestärkten!
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Seine Leiden! sein fernes Gefühl des Himmels! sein Ende!
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Ging vor dem Ausgesöhnten, und vor dem Versöhner verüber!
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Da so gegen einander der Vater und Sohn sich verklärten,
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Wälzte, so brausen Meere! sich durch die hörenden Himmel
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Eine Stimme; die sprach: Bey dem, der von Ewigkeit Gott ist,
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Mensch, und erwürgt ward! auferstehn, und zur Rechte des Vaters
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Sich wird setzen! ihr Ungefallen, auch euch wirds Wonne
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Wirds in jauchzenden Ewigkeiten Entzückung und Heil seyn,
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Daß der ewige Hohepriester die Sünde versöhnt hat,
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Und mit euch die wiedergeheiligten Sterblichen Gott schaun!
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Eure Brüder, wie ihr geschaffen zur Ewigkeit, Gott schaun!
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Fallet nieder, und dankt! Auf seines Todes Altare
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Ruht noch sein heiliger Leichnam, allein vollendet, vollendet
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Hat das Opfer der Ewigkeit Er! Bald ist die Erlösung
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Ganz vollbracht! Jhr werdet den Ueberwinder, die Klarheit
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Seiner Gottheit um ihn nun bald auf des Ewigen Thron sehn!
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Gott, von Ewigkeit Gott, und bedeckt mit strahlenden Wunden!
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Also erscholl die Stimm’ in den Himmeln Eloa’s Stimme.
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Auch erhub sich über der Erde mit freudigem Beben
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Eine Stimme; die sprach: Der Gottverheißne, der Treue,
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Jesus Christus, der Dulder, der Gnadenvolle, die Liebe
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Nun, nun ist er den Tod für die Abgefallnen gestorben
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Seinen versöhnenden Tod! Du Zweig an Adams Stamme
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Klag’, und verdorre nicht mehr! blüh auf zu dem ewigen Leben!
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Die gebohren werden, nun jauchzen sie, daß sie es werden!
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Denn es ist, in der Sterblichkeit schon, ihr Licht der Versöhner,
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Jhre Leuchte das Lamm, das auf dem Hügel erwürgt ward!
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Die vor Gott sie verklagte, die todverlangende Sünde
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Ist vertilget! Gericht, du gehst vor den Reinen vorüber,
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Die mit des Gottgeopferten Blute sich glaubend bezeichnen.
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Hebet euer Haupt gen Himmel, und glaubt! Der Erbarmer
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Gab euch seinen Eingebohrnen! Ein besseres Leben
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Nimmt euch auf; habt ihr des Todes Schlummer geschlummert.
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Priester seyd ihr, und Könige, seyd in Blute gewaschen,
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Hell im Blute des Lammes, das auf dem Hügel erwürgt ward.
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Also erscholl auf der Erde die Stimme des ersten Gefallnen.
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Jesus war noch im Allerheiligsten. Keinem der Engel
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Offenbaret’ er sich jetzt sichtbar, keinem der Väter.
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Seine Gegenwart kündeten zwar, da hinüber zum Tempel
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Er vom trüben Golgatha schwebte, wehendes Rauschen
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Jhnen an, und, Erde, du, die dem Göttlichen bebte.
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Aber sie sahn die Herrlichkeit nicht, vor welcher die Wolken
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Rauschten, die Erd’ erschrak. Sie beteten nur von fern an;
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Jetzo gegen die Höhe Moria, denn immer erbebte
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Noch das Allerheiligste! Bilder vom Tode des Mittlers
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Füllten zwar noch die Seelen der Väter; allein wie kein Engel
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Jhnen sie nachzuempfinden vermag, ergreifet, durchströmt sie
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Wonne mit jenem jetzt süsserm Gedanken von deinem Tode,
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Gottversöhner, vermischt, die sansteste Ruhe des Himmels!
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Ruh, und Friede Gottes, und Liebe Christus, die jeden
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Jhrer Gedanken erleuchtete, jedes Gefühl entflammte!
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Denn sie empfanden, es sey der Erschaffung zur Ewigkeit letzter
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Seligster Zweck, die Liebe zu Jesus Christus dem Mittler
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Zwischen Gott und … Menschen! In dieser sanften Entzückung
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Sahn die Seelen der Heiligen jede die andre verloren.
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Nach und nach war ihnen ihr Glanz, ihr strahlendes Leben
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Wieder gekommen. So sahen sie sich. Die himmlische Liebe,
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Welche sie gegen einander empfanden, erhub sie noch höher
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Zu der Seligkeit, dich, o ihr Versöhner, zu lieben,
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Eine Seele sie alle, sie all Ein Tempel des Mittlers!
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Schnell verbreiteten sich der Heiligen Schaaren, und eilten
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Jeder zu seinem Grabe. Noch war von jenem Altare,
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Bey dem Abel entschlief, ein bemooster Felsen übrig.
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Adam ward, und viele der Seinen an diesem Altare,
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Den fast ganz der Wasser Gericht wegwälzte, begraben.
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Adam eilte mit wenigen Frommen, sie dort zu versammeln.
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Und sie sahen, da sie den Gräbern sich nahten, die Engel
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Jhre Beschützer im sterblichem Leben nah an der Gräber
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Trümmern schweben. Es schien, als ob die Engel der Schöpfung
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Kleinere Wunder, die Welten des Staubes, und ihre Bewohner,
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Unter den Trümmern betrachteten. Als die heiligen Seelen
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Mehr sich nahten, verließen die Engel der Gräber Gefilde.
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Triumphirend erhuben sie sich. Die Seelen der Todten:
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Wußten es nicht, warum in Triumph sich die Engel erhüben.
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Graun umgab die Gefilde der heiligen Gräber, und schreckte
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Jedes noch Sterblichen Fuß zurück, der ihnen sich nahte.
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Aber, als ob bey den Heiligen sie nur weilen wollten,
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Kamen wieder zu ihnen herab von der Wolke die Engel.
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Adam hatte sein Grab mit seinen Geliebten betreten.
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Also entriß er sich seinem Erstaunen: Jhr fühltet, ich sah es,
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Wie ich heiligen Schrecken empfand, als Gottes Befehl kam,
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Aber freut euch mit mir! Wir sind gewürdiget worden,
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Diese Zeit, da im Tode des Göttlichen Leichnam schlummert,
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Mit dem Schlummernden bis zu dem Grab’ erniedret zu werden.
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Selig, daß wir es wurden: wie freudig ist dieser Gedanke,
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Mit dem ewigen Sohne des Vaters erniedert zu werden.
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Und noch Einer entzückt mich: Ich werde jenen Gerichtstag,
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Wenn er, zum Eden die Erde nun umzuschaffen, herabkömmt,
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Und ihr, meine Kinder, mit mir wir werden vom Tode
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Hier erwachen! erwachen bis hin ans Ende der Erde
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Alle die liegen, und schlafen, zu Ewigkeiten erwachen!
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Alle meine zahllose Kinder der ersten Erschaffung
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Leiber, verherrlichte, seelenähnliche Leiber empfangen.
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Ach! zu welcher Seligkeit schuf uns Jehova! Wie hast du,
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Tod des Versöhnenden, uns, und zu welchen Freuden, erhoben
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Henoch, und du, Elias, ihr zeigts, wie werth des Verlangens
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Eines Unsterblichen sey die Auferstehung vom Tode.
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Säume nicht, letzter der Tage, daß wir nicht länger verlangen!
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Säume, säume vielmehr, daß noch zahlloser die Schaar sey
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Derer, die einst zu dem ewigen Leben aus Gräbern hervorgehn!
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Von dem Fuße des Bergs bis hinauf zu der Zinne des Tempels,
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Bebt’ itzt fürchterlicher Moria. Schreckende Wolken
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Wälzten sich aus dem Allerheiligsten, strömten herüber
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Durch die Hallen des Heiligen, dann in des Tempels Vorhof,
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Dann gen Himmel. Wohin die schreckenden Wolken sich wandten;
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Bebte die Erd’, und spalteten Felsen, und huben sich Ströme.
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Jetzo standen die Wolken gebreitet über die Gräber
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Leuchtender still, und ein Sturmwind braust’ auf die Gräber herunter;
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Aber des ewigen Sohns Allmacht war nicht in dem Sturmwind!
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Und die Erde bebt’ um die Gräber; allein des Versöhners
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Allmacht war in der bebenden Erde nicht! Es entströmten
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Flammen den Wolken; allein der Herr war nicht in den Flammen!
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Jetzo kam von dem Himmel sanftes Säuseln hernieder,
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Und des ewigen Sohnes Allmacht war in dem Säuseln.
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Werde von neuem, und nun auf ewig, geschaffen! auf ewig!
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Siehe, du starbst, an dem dunkelsten deiner Tage, des Todes,
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Adam! O Heil dir Erstem! erwach! und lebe nun Leben!
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Seliges, Adam! wie du, nach deiner Schöpfung, nicht lebtest!
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Ach, nun stirbst du des Todes nicht mehr! … Noch kniet’ er im Staube,
238
Sah noch dunkel. Es ward mit dem auferstehenden Leibe
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Sein ätherischer Leib, der seit dem Tod’ ihn umhüllte,
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Jetzo vereint. Der wurde des Umgeschaffnen Verklärung.
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Schnell erhub er sich, stand, und streckte die Arme gen Himmel:
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Enos fand sich bey Seth, bey dem Mahlaleel, Jared,
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Kenan, und Noa’s Vater, bey dem Methusala wieder.
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Unter Stralen, fanden sie, auf zitternden Gräbern,
271
Sich mit des neuen Lebens Gefühl, in himmlischem Leibe,
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Der, ein beßrer Gefährt der erlösten unsterblichen Seele,
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Fast mit ihr denkt, und empfindet, in dem die ewige Gott schaut!
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Wie, nach ihrer Geburt, sich die Morgensterne des Daseyns
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Freuten, und dich, o Schaffender, feyrend sangen, so schwebten
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Adams Söhne daher, und riefen Jubel und Wonne,
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Neue Wonne sich zu! Der Auferstehung Gefilde
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Hallten von der Entzückung der wiederkommenden Todten!
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Noa, der zweyte Vater der Menschen, fühlt’s, daß er wurde,
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Und in sanfterem Wehn der Abenddämrung erwachte.
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Röthlicher Duft entfloß des Unsterblichen Schulter, indem er
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Schnell sich erhub. Er rief: Jhr Engel, sagt mir, ihr Engel,
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Ist mir ein Leib wie Adam im Paradiese geschaffen?
284
Ach, wo sind wir? am Throne des Ewigen? oder am Grabe?
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Und wo betet ihr an? wo ist er, o der mich umschuff?
286
Daß ich niederfalle mit euch! mit euch anbete!
287
Japhet! Sem! er sahe vor sich die beyden erwachen,
288
Ach! wo ist, ihr Söhne! der uns vom Tode geweckt hat?
289
Daß wir eilen, und niederfallen, und ihn anbeten?
290
Nein! nicht Noa’s, der auch es ist, der Auferstehung
291
Söhne, wo ist, der sie mit Feuer vom Himmel entflammt hat,
292
Daß wir knieen, und niederfallen, und Jubel ihm stammeln!
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Jsrael wandte von ihnen sein Auge nach Golgatha’s Grabe:
345
Laut in allen Himmeln mit allen ewigen Chören
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Will ich danken, wenn du aus deinem Grabe dich aufschwingst,
347
Wenn der Geliebte den Liebenden schaut auf der Herrlichkeit Throne,
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In dem Glanze, der dein vom Anbeginne der Welt war!
349
Seyd ihr, Engel, was ich bin? Jhr seyds nicht! Jhr starbt nicht, wie ich starb
350
Glaubend an ihn! der Auferstehung mächtige Freuden
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Fühltet ihr nicht! Er ist, wie Menschen sterben, gestorben;
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Und wie Menschen, wird er in das neue Leben heraufgehn!
353
Selig, betet ihr an! Wir beten, selig mit euch, an;
354
Aber wir lieben des Ewigen und der Sterblichen Sohn mehr!
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Ach, wo sind, die mit mir in dem ersten Leben ihn liebten?
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Zwar nur fern und dunkel ihn sahn den Retter der Menschen,
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Aber in seiner Göttlichkeit doch! … Er wendet vom Himmel
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Nach der Erde sein Aug’, und erblickt, und umarmt die Geliebten,
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Joseph, und Rahel noch nicht. Bey dem Grabe der Mutter Benoni
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War ihr Engel. Sie stand an dem Hange des offenen Felsen,
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Auf der Höhe der Engel. Mit Blicken der innigsten Freundschaft,
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Sah sie zu ihm hinauf; mit Blicken der innigsten Freundschaft
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Sah er auf sie herunter. Mein Grab ist einsam, o Seraph! …
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Als sie noch redet’, erhub sich um ihren Fuß von dem Grabe
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Sanftaufwallender Duft, ein Wölkchen, wie etwa die Rose
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Oder ein Frühlingslaub einhüllt, das Silber herabträuft.
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Rahels Schimmer umzog den schwimmenden Duft mit Golde,
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Wie die Sonne den Saum der Abendwolke vergoldet.
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Und ihr Auge begleitet des Duftes Wallen. Sie sieht ihn,
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Anders um sich, und wieder anders gebildet, herumziehn,
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Steigen, sinken, zuletzt stets mehr sich nahen, und schimmern.
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Und sie bewundert den Tiefsinn der immerändernden Schöpfung,
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Unergründlich in Großem, und unergründlich in Kleinem,
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Ohne zu wissen, wie nah der schwebende Duft ihr verwandt sey,
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Und wozu ihn bald des Allmächtigen Stimme, Versöhner,
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Deine Stimme nun bald erschaffen werde! Sie neigt sich
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Ueber ihn, und betrachtet ihn, stets mit froherem Blicke.