Auff H. H. S. Hochzeit

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Philipp von Zesen: Auff H. H. S. Hochzeit (1641)

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Jhr Seelen voller brunst/ Jhr hertzen voll von feuer
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So Venus angezündt Jhr reitzerin der Freyer/
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O freundliches geschlecht?
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O schreckung des gemüths!
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O ursach zu der lust! wer wolte sich getrauen
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Zu schreiben euer thun/ Jhr schnödesten Junafrauen/
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und wenn Jhm gleich ein Jahr/ ja wol die Ewigkeit
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Auch unter dessen wolt gestatten jhre zeit?
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Viel stellen sich/ als wenn sie Gottesfürchtig weren/
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Gehn fleissig zu der Kirch’/ als wenn sie wolten hören/
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Doch ümb das hören nicht und bethen nur allein/
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Sie wollen etwas sehn und auch gesehen seyn.
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Sie suchen bilder auff so jhr Gebeth-buch zieren;
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Es soll auch manche sich befleissen mit zu führen/
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Wenn sie zur Kirchen geht/ vor Arndes Paradies
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Die Deutsche Schäfferey und Jhren Amadies.
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(die Frommen mein’ ich nicht!) wenn sie zu hause
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kommen
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und werden denn gefragt/ was gutes sie vernommen/
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Spricht eine der und der jetzt auffgebothen ward
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zum erst- und andern mal; die ander spricht/ je harrt/
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Ich sah dein Schätzchen auch. Weñ aber fremde lente
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Denselben sprechen zu/ und kommen auff die Freyhte/
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Da seyn sie erba
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und lächlen züchtiglich; gar selten geth ein strahl
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Aus jhren Eugelein. Sie machen florne schleyer
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Mitt ziñen hübsch verbrähmt/ in beyseyn jhrer Freyer/
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Sie machen silbern worm uñ winden auf den la
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Ein jedes sonderlich Sie wollen fangen an
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Zu schicken sich zur Eh/ und strücken seidne Hauben
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Mitt Perlen eingefasst/ im Sommer in der lauben/
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Jm Winter in der stub’: ists nicht ein thun für sie?
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Wer jhnen dis mis gönnt/ der darf nicht seyn allhie.
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Sie nehen bloch-nath aus/ so bässer loch-nath hieße/
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Damit die Liljen-haut sichbässer schen ließe;
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Sie nehen Hertzen aus mit pfeilen/ schöne beum/
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Hatzsch-mödcl/ Kälber-zähn’/ erbs-löcher/ Deut-
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schereim'/
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Sie machen schöne pfiel/ bereiten schöne betten/
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Damit sie mit der zeit schon was im vorrath hetten:
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Sie nehen hohl-nath aus/ waschblauel/ räderlem/
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Saltz-körbe/ Sonn’ und Mond/ und was es mehr
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mag seyn.
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Das klöppeln/ jhre lust/ das hatzschen jhre freude/
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Das strücken jhre müh/ das nehen mit der seide
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Bald blan/ bald grau/ bald weiß/ vertreibet jhre zeit/
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Der Rehmen wird berühmt/ berühmt wird weit
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und breit
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Das schöne Model-tuch/ So bringen sie die Stunde/
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Die süße Stunde zu/ und machen schlechte kunde
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Mitt jhrem Buhlen hier: doch stellen sie sich so
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Dann wann er gehen will so seyn sie nimmer froh/
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Weils nicht von hertzen geht: Sie sprechen zwar Ein
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Stutzer/
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Ein Gassen-treter nur/ und bloßer Damen-butzer/
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Was soll ich mit jhm thun; wann er sie zu sich zihn
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und reden will/ spricht sie: Ey macht euch nicht so
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grũn/
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Kennt jhr die Ziegen nicht: dis ist ein bloßes stellen/
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Ein bloßer bloßer schein/ das mercken die Gesellen/
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und halten wacker an/ biß sie genommen ein
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Durch dienst und stetes lob/ das kluge Jungfreu-
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lein.
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Wann sie sich denn nun gibt und kundschafft mit jhm
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machet
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Gefällt es beyden wohl/ mañ hertzer/ schertzt uñ lachet/
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Die Euglein streuen aus die süße Liebes-saat/
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Biß endlich auff sie ziehlt des runden glückes radt/
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Biß endlich Tyndaris die myrthen-kräntze brin-
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get/
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und jhnen von der licb’ ein süßes liedlein singet/
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Biß endlich auch Vulcan die Liebes
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Auß gold von Ophir her/ und selbe bey der nacht
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Cupido brauchen lässt; Als denn lässt sie sich sehen/
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und thut was sonsten nie bey Leuten ist geschehen/
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weil sie nun hett genug/ weil sie den tag erlebt/
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Nach dem sie fort für fort mit schmertzen hatt ge-
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strebt.
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Als denn lässt sie sich aus und spielet jhrem buhlen
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Auff jhrer Lauten eins in jhrer Liebes-schulen/
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Zündt an die Liebes-gluth (
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Daß nichts als feuers-brunst daraus entstehen
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kann/
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Wo sie nicht wehrt alsbald und jhre Lieb’ erzeiget
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Demselben williglich und seine schmertzen beuget
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Durch angenehme wort und Anmuth jhrer treu/
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So über jhren Schatz wird alle morgen neu.
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So muß mann feyren sie/ so kann sich erstlich stellen
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Das kluge Venus-volck/ wie artlich kann es fellen
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Auch wohl den klügesten/ durch solche kunst und
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list/
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Die jhn von Natur fast eingepflantzet ist.
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Noch dieses gieng’ auch hi
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Ob mann sie oftermahls schon etwas solte bitten/
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Wann sie nur bittens werth/ mit keuschheit seyn be-
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kleidt/
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Mitt tugenden begabt/ begabt mit liebligkeit.
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Deñ ostermals geschichts; weñ sie vom hohen stande/
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So achtet sie dich nicht ist sie die schönst’ im lande/
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Geht sie spazieren aus; ist sie deñ schwartz und bleich
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So gehestu beyseyt ist sie an gutern reich/
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So will sie Herre seyn: ist sie denn arm gewesen/
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Entsteht auch zanck und streit: ist sie auch wohl belesen/
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So will sie meister seyn/ ist sie hingegen tumm/
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Erhebt sich haß und netd: ist sie gebückt und krum̃/
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So siehstu andern nach: lästu sie ausspazieren/
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So ist sie dein nicht nur: will sie die Nahrung führen
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und etwas heußlich seyn/ so darffstu kemen
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freund
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Zum truncke laden heim/ sonst wird sie bald dein
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feind
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und keusfet auff dich zu: ist sie denn from̃ und züchtig/
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So hatt sie nicht viel geld: ist sie an keuschheit richtig/
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So ist nicht schönheit da: doch ist die frömmigkeit
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und keuschheit vorzuziehn demselben jederzeit.
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Wann sie nur gut und fromm/ wer fraget nach den
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gaben/
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Nach schönheit/ gold und pracht: wer kann es alles
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haben
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Nur freundligkeit und buld erhält das feld bey jhr/
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Das ander nichtig bleibt und flüchtig für und für.
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Dan was ist schönheit wohl/ wann sie zum schönsten
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leuchtet?
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Ein angenehmes gifft/ das unser hertz befeuchtet/
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Ein zihender Magnet/ ein Spiegel voller list/
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Ein scharffer siraal/ der uns zu fällen ist gerüst.
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Ein zunder böser lust/ ein fall und gang zur Hellen/
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Der hoffarth Kammer-rath/ der üppigkeit geselle/
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Ein zwang zur hurerey; ein ursach aller noth/
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Der Jugend leim und hartz/ ein rechter freuden-todt/
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und was sie alles ist. Mein sinn ist tieff versencket
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Das hertz’ erschrickt davor/ in dem es nur bedencket/
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Wie hoch die schönheit doch anjetzund ist geacht/
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Da tugend/ frömmigkeit und keuschheit wird ver-
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lacht.
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Wann schönheit oder nur einbildung solcher thete/
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So hette nie geschaut die schöne morgen-röthe
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unkeusche lieb und lust/ so wer auch nicht so bald/
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Narcissus abgefleischt/ vor trauren worden kalt.
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Drümb schätzt man seelig die so sich der zucht ergeben/
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Seyn from̃/ der keuschheit voll in jhrem gantzen leben/
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und achten hochmuth nicht/ noch hoffart/ ehr und
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pracht/
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und seyn auf jhren schmuck und schmincken nicht
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bedacht/
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Die werden auch gesucht: dann ehrliche gemüther
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Sehn auff das schmincken nicht/ viel minder auff die
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güter
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und auff der hoffart glantz; doch wird betrogen auch
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Manch stiller Mensch/ und kriegt vor klahrheit
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lauter rauch.
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Jhr aber/ liebsten zwey/ dörst Euch nun nicht besorgen/
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Stellt solche sachen ein/ uñ schlaftbis an den morgen/
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In stiller/ sanfter Ruh/ Jhr seyd nun Junfer braut
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Dem/ den Jhr oft begehrt von hertzen anvertraut:
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und jhr Herr Breutigam/ habt jetzund eures gleichen/
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Denn gleich und gleich pflege sich einander fein zu
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weichen/
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Sie schlägt euch gäntzlich nach an hertz und an
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gemüth/
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Sie ist nicht stoltz und frech/ ja nicht Jhr kleinstes
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glied
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Der Hoffart anverwandt: Sie hatt zwar schönheit-
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gaben
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Doch aber von Natur/ wer wolt es bässer haben?
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Die andern schmincken sich uñ wollen schöner seyn/
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Sie tadeln die Natur/ und gehn wie pfauen rein.
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Sie aber bleibt wie sie Jhr Schöpfer hatt formieret/
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Hat sich mit gummt nicht uñ silber-gläth beschmieret/
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und ist doch Eure Schönst’ und liebste für und für
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In dem Sie ũbertrifft die andern an der zier.
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Ey nun gehabt Euch wohl: die Nacht will einher bre-
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chen/
174
Heut spricht man Jungfer geht/ und morgen wird
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mann sprechen/
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Willkommen Jungefrau; geht/ geht und steckt
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den kohl/
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Daß er auff Pfingsten trag’: Ey nun gehabt euch
179
wohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Philipp von Zesen
(16191689)

* 08.10.1619 in Priorau, † 13.11.1689 in Hamburg

männlich, geb. von Zesen

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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